Der Guinea Pig Club – Der Club der lebenden Versuchskaninchen, gegründet in East Grinstead (West Sussex)

Das Queen Victoria Hospital in East Grinstead (West Sussex).    © Copyright Nigel Freeman

Das Queen Victoria Hospital in East Grinstead (West Sussex).
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An der Ausfallstraße nach Royal Tunbridge Wells, der A264, liegt das Queen Victoria Hospital (QVH) in der Stadt East Grinstead in West Sussex. Ich bin in dem Ort einmal spazierengegangen, habe aber keinen bleibenden Erinnerungen zurückbehalten. Das Krankenhaus ist „a leading specialist centre for reconstructive surgery and rehabilitation, helping people who have been damaged or disfigured through accidents or disease.“ QVH ist schon seit über 60 Jahren auf plastische Chirurgie spezialisiert und machte sich im und nach dem 2. Weltkrieg einen Namen, als man dort Piloten mit schwersten Brandverletzungen behandelte. Flugzeugbesatzungen, die im Battle of Britain abgeschossen oder zu Bruchlandungen gezwungen worden waren, erlitten oft durch die in Flammen aufgegangenen Maschinen gravierende Gesichtsverletzungen und über 600 von ihnen brachte man ins QVH nach East Grinstead, wo es einen Spezialisten gab, der die noch in den Kinderschuhen steckende plastische Chirurgie weiterentwickelt hatte.

Sir Archibald McIndoe hieß dieser in Neuseeland geborene Arzt, dem viele Briten, Australier und Kanadier außerordentlich viel zu verdanken haben. Seine Methoden, z.B. der Hautverpflanzung, waren neu und so dienten ihm die Männer sozusagen als Versuchskaninchen, als guinea pigs. McIndoe und sein Team leisteten Erstaunliches und so konnten viele Männer nach ihrer Entlassung wieder in ein (halbwegs) normales Leben zurückkehren, obwohl sie natürlich, trotz der Künste Dr. McIndoes, für immer gezeichnet waren.

Die menschlichen Versuchskaninchen schlossen sich im Guinea Pig Club zusammen, dessen erster Präsident Sir Archibald McIndoe war. Der erste Schriftführer war jemand, dessen Hände durch Verbrennungen schwer in Mitleidenschaft gezogen waren, d.h. die Protokolle der Clubsitzungen waren erzwungermaßen kurz. Als Schatzmeister wählte man einen ehemaligen Piloten, der schwere Verletzungen an den Beinen erlitten hatte…so konnte er mit der Kasse nicht durchbrennen. Der Humor hatte die Männer trotz ihrer Kriegserlebnisse also nicht verlassen.

Exakt 649 Guinea Pigs gab es am Ende des Krieges und man ging eigentlich davon aus, dass der Club in den Jahren darauf bald aufgegeben werden würde, aber nichtsdergleichen, es gibt ihn auch heute noch, wenngleich die Mitgliederzahl natürlich drastisch gesunken ist. Das jüngste Mitglied ist auch schon über 80 Jahre alt, trotzdem: Man traf/trifft sich noch immer einmal im Sommer und einmal zu einem Weihnachtsessen. Seit dem Tod von Sir Archibald McIndoe im Jahr 1960 hat der Gemahl der Königin, der Duke of Edinburgh, die Präsidentschaft des Guinea Pig Clubs übernommen.

Hier ist eine filmische Dokumentation über die menschlichen Versuchskaninchen.

Das Buch zum Artikel:
E.R. Mayhew: The Reconstruction of Warriors – Archibald McIndoe, the Royal Air Force and the Guinea Pig Club. Frontline Books 2010. 256 Seiten. ISBN 978-1848325845.

Published in: on 16. Mai 2013 at 02:00  Kommentar verfassen  
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