Vergessene Krimiautoren – Joyce Porter (1924-1990)

Meine Sammlung von Joyce Porter-Krimis. Eigenes Foto.

Meine Sammlung von Joyce Porter-Krimis.
Eigenes Foto.

Wenn man in einem Ort namens Marple (früher Cheshire, jetzt Greater Manchester) geboren wird, besteht eine gewisse Wahrscheinlichkeit, dass man…Krimiautorin wird. Das trifft zumindest auf Joyce Porter zu, die hier am 28. März 1924 zur Welt kam. In Macclesfield besuchte sie die High School for Girls, anschließend das King’s College in London. Nach dem Zweiten Weltkrieg bis 1963 arbeitete sie als Flight Officer bei der Royal Air Force. Dann begann sie ein neues Leben als Krimiautorin und schuf drei Charaktere, die man als „Anti-Helden“ bezeichnen kann.

Da ist einmal Inspector Wilfred Dover von Scotland Yard, einer der unappetitlichsten und unsympathischsten Polizeibeamten, die jemals für den Yard gearbeitet haben. Dover stolpert irgendwie durch die ihm übertragenen Fälle, die er erstaunlicherweise, unter massiver Unterstützung durch „Kommissar Zufall“,  lösen kann. In dem wunderschönen, von Dilys Winn herausgegebenen Buch „Murderess Ink: The Better Half of the Mystery“ (New York 1979) wird Winfred Dover sehr zutreffend so beschrieben: „…a sleuth with the brains of Watson, the belly of Gideon Fell and the teeth of Mortimer Snerd„. Zur Erklärung: Dr. John H. Watson ist der Freund und ständige Begleiter von Sherlock Holmes; Dr. Gideon Fell ist der korpulente Serienheld von John Dickson Carr; Mortimer Snerd war eine der Puppen des amerikanischen Bauchredners Edgar Bergen, die hervorstehende Zähne hatte.

Zehnmal ließ Joyce Porter Inspector Dover in ihren Romanen auftreten, zusätzlich noch einige Male in Kurzgeschichten, die in diversen Kriminalmagazinen wie z.B. in Ellery Queen’s Mystery Magazine, abgedruckt wurden. Ich habe die Romane mit großem Vergnügen gelesen, auch wenn Joyce Porter manchmal zu dick aufgetragen hat und über das Ziel hinausschoss.

Die zweite Serienfigur ist eine Amateurdetektivin namens Honourable Constance Ethel Morrison-Burke, kurz Hon-Con, eine energiegeladene Dame: „She went at everything like a bull at a gate„; so wird sie in dem Krimi „Rather a Common Sort of Crime“ (dt. „Schwere Jungs und zähe Jungfern“) charakterisiert. Auch die Hon-Con zeichnet sich nicht gerade durch ihre detektivischen Fähigkeiten aus, eher durch Taktlosigkeit und rüdes Auftreten.

Serienfigur Nummer Drei ist Geheimagent Eddie Brown, der sich z.B. in dem Roman „Neither a Candle nor a pitchfork“ mit dem russischen KGB herumschlagen muss. Einer der Höhepunkte des Buches ist die Szene, in der Eddie, der sich als Frau verkleidet hat, sich den Annäherungsversuchen einer lesbischen russischen Beamtin erwehren muss.

Joyce Porters Krimis leben von ihren skurrilen Figuren und von der manchmal überzogenen, derben Situationskomik. Wer so etwas mag, der wird seine Freude an den Büchern haben.

In Deutschland sind alle Übersetzungen vom Markt verschwunden; die meisten von Joyce Porters Romanen erschienen in den 1960er Jahren in der Reihe „rororo-thriller“ des Rowohlt-Verlages. In England gibt es nur noch einige wenige Krimis im Buchhandel zu kaufen; da muss man schon auf die antiquarischen Angebote zurückgreifen.

Joyce Porter wohnte die letzten Jahre ihres Lebens in einem hübschen Reetdachhaus in der Sand Street in Longbridge Deverill, das ist ein Dorf an der A350, südlich von Warminster in Wiltshire.

Die Stockport Road in Marple; in dieser Stadt wurde Joyce Porter geboren.    © Copyright David Dixon

Die Stockport Road in Marple; in dieser Stadt wurde Joyce Porter geboren.
Creative Commons Licence [Some Rights Reserved]   © Copyright David Dixon

Die Sand Street in Longbridge Deverill (Wiltshire). Hier wohnte Joyce Porter.    © Copyright Maurice Pullin

Die Sand Street in Longbridge Deverill (Wiltshire). Hier wohnte Joyce Porter.
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Published in: on 16. Juni 2013 at 02:00  Comments (8)  
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