Morecambe (Lancashire) zum Zweiten – Die Tragödie der chinesischen Muschelsucher

Warton Sands in der Morecambe Bay. Hier ertranken die chinesischen Muschelsucher.    © Copyright Karl and Ali

Warton Sands in der Morecambe Bay. Hier ertranken die chinesischen Muschelsucher.
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In meinem gestrigen Blogeintrag schrieb ich über die Gefährlichkeit der Bucht von Morecambe: der Treibsand und die plötzlich hereinströmende Flut sind schon vielen zum Verhängnis geworden.
Am Abend des 5. Februar 2004 war es wieder soweit: Eine Gruppe von chinesischen Muschelsuchern, die sich illegal im Land aufhielt und für einen geringen Lohn die begehrten „cockles“, Herzmuscheln, sammelte, wurde gegen 21.30 Uhr von der aufkommenden Flut eingeschlossen. Einheimische, die den Chinesen entgegenkamen, versuchten sie noch zu warnen, dass es zu gefährlich sei, jetzt noch in die Bay hinauszulaufen; aber entweder hatten sie das nicht verstanden oder ihre Auftraggeber hatten Druck auf sie ausgeübt.

Als die Muschelsucher merkten, dass sie vom Wasser eingeschlossen waren, gab einer von ihnen von seinem Handy noch einen Notruf an die 999 ab, aber durch die rudimentären Englischkenntnisse des Anrufers konnte man sich kein richtiges Bild von der Situation machen und auch nicht feststellen, von wo der Notruf abgesetzt worden war.

Die Tragödie, die sich anbahnte, spielte sich im Bereich einer Region ab, die sich Warton Sands nennt. Eine der Überlebenden meinte, dass einige von der Gruppe in die falsche Richtung schwammen und dabei ertranken. Insgesamt starben an diesem Februarabend 23 Menschen in der Morecambe Bay im Alter von 18 bis 45 Jahren.

Die Einsatzkräfte konnten in einer groß angelegten Rettungsaktion nur noch wenige der Chinesen aus dem Wasser holen, mussten dafür aber viele Tote bergen.

Die Polizei von Lancashire nahm sofort die Ermittlungen auf; einige Polizeibeamte reisten nach China, um die Toten identifizieren zu können und den Angehörigen die schreckliche Botschaft mitzuteilen. Die Untersuchungen ergaben, dass die Verantwortlichen für den Tod der Muschelsucher zu einer chinesischen Gang gehörten, die in großem Stil Menschenhandel betrieb und ihre Landsleute ausbeutete (sie erhielten £5 für einen halben Zentner Muscheln). Verurteilt wurde einer der Gang, der die Männer und Frauen an jenem Abend in die Bucht hinausschickte. Er erhielt eine Gefängnisstrafe von 14 Jahren wegen Totschlags.

Der irische Sänger Christy Moore erinnert mit eindrucksvollen Worten in seinem Lied „On Morecambe Bay“ an die Tragödie:
„For the tide’s the very devil,
It will run you out of breath,
Race you to the sea shore,
Chase you to your death,
Yes the tide’s the very devil
And the devil has his day
On the lonley cockle grounds of Morecambe Bay“.

Der britische Sender ITV widmete eine Episode der Dokumentarreihe „Real Crime“ der Tragödie in Lancashire; unter dem Titel „Death on the Bay„, am 15. Dezember 2008 ausgestrahlt. Hier ist Teil 1 zu sehen.

Das Buch zum Artikel:
Hsiao-Hung Pai: Chinese Whispers – The True Story Behind Britain’s Hidden Army of Labour. Penguin 2008. 288 Seiten. ISBN 978-0141035680.

Published in: on 3. Juli 2013 at 02:00  Schreibe einen Kommentar  
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