Reverend Harold Davidson aus Stiffkey (Norfolk), der „Prostitute’s Padre“, dessen Leben in einem Löwenkäfig endete

 

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Man kann wirklich nicht behaupten, dass das Leben des Reverend Harold Davidson (1875 – 1937) aus Stiffkey in Norfolk langweilig verlief, obwohl man vermuten könnte, dass dieses Kirchenamt in dem kleinen Ort im Norden der Grafschaft Norfolk nicht allzuviel Aufregung mit sich brachte. Tat es auch nicht, deshalb verschwand der Pfarrer von St John the Baptist, nachdem er die Sonntagspredigt gehalten hatte, auch meistens und fuhr mit dem Zug nach London, wo er sich mit „attraktiveren“ Dingen beschäftigte. Statt sich um das Wohlergehen seiner Schäfchen in Stiffkey zu kümmern, hatte sich Harold Davidson das Wohlergehen junger Londoner Mädchen auf seine Fahnen geschrieben, die er vor der Sünde retten wollte. So nannte man den kleinwüchsigen Reverend nicht nur „Little Jimmy„, sondern auch „The Prostitute’s Padre„.

Samstagabends war Little Jimmy immer wieder in seinem Heimatdorf zurück, um die Sonntagspredigt vorzubereiten. Den Gemeidemitgliedern von Stiffkey war das Verhalten ihres Pfarrers natürlich suspekt und eines Tages wandte sich jemand an den Bischof von Norwich und wies diesen auf den „unmoralischen Lebenswandel“ des Gottesmannes hin. Der Bischof stand nun unter Zugzwang und musste etwas unternehmen. Trotz Davidsons Beteuerungen, er hätte sich ausschließlich um das Seelenleben der jungen Damen gekümmert und wäre ihnen nie zu nahe getreten, kam es zu einer Gerichtsverhandlung, in der er schuldig gesprochen und seines Amtes enthoben wurde. Sicher, bei der Verhandlung wurde ein Foto gezeigt, auf dem er mit einem halbnackten Mädchen zu sehen war, aber alle befragten jungen Damen äußerten sich damals nur positiv über ihn.

Harold Davidson kämpfte weiter um sein Ansehen und gegen die Tyrannei der Church of England, wenngleich auf recht merkwürdige Weise. Da er die Prozesskosten bezahlen musste und ja nun kein festes Einkommen mehr hatte, entschied er sich, in Vergnügungsstätten wie in Blackpool aufzutreten. Dort ließ er sich z.B. in einem Fass „bestaunen“ oder er war auf einer Bühne zu sehen, wo ihn ein rotgekleideter Teufel mit einer Heugabel zu Leibe rückte. Das war ja doch alles ziemlich erbärmlich, aber was sollte er tun?

In dem Badeort Skegness an der Ostküste ereilte ihn schließlich sein Schicksal. Sein „Showact“ dort bestand daraus, dass er vor einem Löwenkäfig eine kurze Ansprache hielt und sich dann zu den beiden Löwen gesellte. Das ging eine Zeit lang gut… bis zum 28. Juli 1937. Freddie und Toto, die beiden Löwen, waren an diesem Tag wohl nicht so gut drauf, auf jeden Fall hatte Freddie die Geduld mit dem Ex-Pfarrer verloren (manche behaupten auch, Davidson wäre Freddie versehentlich auf den Schwanz getreten) und fiel ihn an, wobei Little Jimmy den kürzeren zog und schwer verletzt wurde. Zwei Tage später starb er im Krankenhaus von Skegness.

Beerdigt wurde Davidson auf dem Kirchhof von St John the Baptist in Stiffkey, unter großer Anteilnahme der Bevölkerung; man spricht von 3000 Trauergästen.

Die ungewöhnliche Geschichte des Pfarrers aus Norfolk fand ihren Niederschlag in Büchern, Filmen und Theaterstücken. Eine Biografie erschien 1975 von Tom Cullen mit dem Titel „The Prostitute’s Padre“ (The Bodley Head) und 2007 eine weitere von John TuckerThe Troublesome Priest“ (Michael Russell).

Eine kleine kuriose Notiz am Rande: Der Dorfpub von Stiffkey heißt „The Stiffkey Red Lion„!

Dieser Film zeichnet den „Fall Davidson“ noch einmal kurz nach.

St John the Baptist in Stiffkey (Norfolk).    © Copyright Richard Law and   licensed for reuse under this Creative Commons Licence.

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