Das Londoner Stadttor Temple Bar und seine Mini-Odyssee

Das ehemalige Stadttor Temple Bar am Paternoster Square in London.    © Copyright David Bradbury and   licensed for reuse under this Creative Commons Licence.

Das ehemalige Stadttor Temple Bar am Paternoster Square in London.
Creative Commons Licence [Some Rights Reserved]   © Copyright David Bradbury and
licensed for reuse under this Creative Commons Licence.

Früher erfolgte der Zugang zu der City of London über Stadttore. Eines davon war Temple Bar, dessen Geschichte bis ins 14. Jahrhundert zurückreicht. Bei dem großen Feuer von London 1666 kam es zwar glimpflich davon, war aber so stark reparaturbedürftig, dass man sich diese Mühe nicht geben wollte. Also gab der damalige König Charles II die Order, Temple Bar komplett neu zu bauen und wer kam da wohl nur in Frage? Natürlich, Sir Christopher Wren, der in dieser Zeit halb London neu errichtet hat. Als Material verwendete man den berühmten Portlandstein aus den königlichen Steinbrüchen in Dorset. Wren verzierte das Stadttor mit Statuen von einigen Royals wie Charles I und Charles II, Königin Anne of Denmark und James I. Der Standort des Tores war dort, wo die Fleet Street in die Straße Strand übergeht.

Über 200 Jahre stand Temple Bar an dieser Stelle, bis man sich über seine Zukunft Gedanken machte, denn zwischenzeitlich hatte der Londoner Verkehr so stark zugenommen, dass das Tor ein Nadelöhr bildete, außerdem wurden daneben die Royal Courts of Justice gebaut. Kurzum: Temple Bar störte und musste weg. Statt aber das Tor abzureißen und den Bauschutt auf eine der Londoner Deponien zu kippen, baute man es 1878 sorgfältig Stein für Stein ab und lagerte alles fein säuberlich numeriert, in der Hoffnung, es irgendwann noch einmal verwenden zu können. Zwei Jahre später wurde an der Stelle das Temple Bar Memorial errichtet, das noch heute mitten auf der Straße steht und vom Londoner Verkehr „umbraust“ wird.

Temple Bar wurde tatsächlich wieder zum Leben erweckt und zwar in Gestalt von Valerie, Lady Meux, die den Sohn des reichen Bierbrauers Sir Henry Meux geheiratet hatte. Die in den Londoner Gesellschaftskreisen höchst umstrittene Dame hatte einen Nerv für Absonderlichkeiten (sie ließ sich gern in einer Kutsche durch London fahren, die von Zebras gezogen wurde) und so hatte sie 1880 die glorreiche Idee, Temple Bar zu kaufen und das Stadttor auf ihrem Landsitz Theobalds in Hertfordshire wieder errichten zu lassen. Natürlich wollte Lady Meux damit auch angeben, denn wer hatte schon so ein gewaltiges Tor in seinem Park stehen? Mit einer großen Gartenparty wurde das Tor eingeweiht und stolz zeigte die Dame ihre jüngste Errungenschaft den zahlreichen Gästen. In einem Zimmer im oberen Teil des Tores soll Lady Meux illustre Persönlickeiten wie Winston Churchill und den Prince of Wales empfangen haben.

Da stand es nun, das Stadttor, im Park von Theobalds House bei Cheshunt in Hertfordshire, und nachdem der Reiz des Neuen verflogen war, rottete es langsam vor sich hin. Doch es gab in London immer noch einige Menschen, die sich sagten, eigentlich gehört Temple Bar nach London und sollte von seinem trostlosen Dasein in der Provinz erlöst werden. 1976 gründete man den Temple Bar Trust, der das Ziel verfolgte, das Stadttor wieder zurückzuholen und es an einer würdigen Stelle neu zu errichten. 1984 kaufte der Trust das Bauwerk für den Schnäppchenpreis von £1, musste aber noch einmal £3 Millionen drauflegen, um das Stadttor wieder abzubauen, es nach London zu transportieren und es dort wieder aufbauen zu lassen.Der Trust schulterte diese Summe aber nicht allein, geholfen hatte die Corporation of London und mehrere der Livery Companies der Stadt.

Am 10. November 2004 war es dann soweit, der Lord Mayor gab das Tor den Londonern mit einer Eröffnungszeremonie wieder zurück. Der neue Standort ist seitdem der Paternoster Square, direkt neben der St Paul’s Kathedrale.

Dieser Film zeigt das Temple Bar Monument und den neuen Standort des ehemaligen Stadttores.

Übrigens: Theobalds Park am Lieutenant Ellis Way bei Cheshunt in Hertfordshire ist heute ein Hotel und gehört zu der De Vere-Kette.

Temple Bar an seinem vorigen Standort am Theobalds House in Hertfordshire.    © Copyright Christine Matthews and   licensed for reuse under this Creative Commons Licence.

Temple Bar an seinem vorigen Standort am Theobalds House in Hertfordshire.
Creative Commons Licence [Some Rights Reserved]   © Copyright Christine Matthews and
licensed for reuse under this Creative Commons Licence.

Das Temple Bar Monument, dort, wo einst das Stadttor stand.    © Copyright David Dixon and   licensed for reuse under this Creative Commons Licence.

Das Temple Bar Monument, dort, wo einst das Stadttor stand.
Creative Commons Licence [Some Rights Reserved]   © Copyright David Dixon and
licensed for reuse under this Creative Commons Licence.

 

Published in: on 5. Juni 2014 at 02:00  Comments (2)  
Tags:

The URI to TrackBack this entry is: https://maricopa1.wordpress.com/2014/06/05/das-londoner-stadttor-temple-bar-und-seine-mini-odyssee/trackback/

RSS feed for comments on this post.

2 KommentareHinterlasse einen Kommentar

  1. Wie kam das Tor denn zu seinem seltsamen Namen?

    • Benannt wurde das Tor nach dem Temple-Bezirk in London, ein Gebiet zwischen der Fleet Stret und der Themse, das früher dem Templerorden gehörte.


Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.

%d Bloggern gefällt das: