Der Clayton Tunnel in West Sussex – Eine Burg bewacht seinen Nordeingang

Der Tunneleingang bei Clayton in West Sussex.    © Copyright Oast House Archive and   licensed for reuse under this Creative Commons Licence.

Der Tunneleingang bei Clayton in West Sussex.
Creative Commons Licence [Some Rights Reserved]   © Copyright Oast House Archive and
licensed for reuse under this Creative Commons Licence.

Außer dem Zugführer bekommt von den Reisenden in Richtung Brighton in West Sussex wohl kaum jemand mit, dass der Eingang zum Clayton Tunnel von einer Burg bewacht wird, gekrönt von zwei Türmen mit Schießscharten. Warum dieses Gebäude 1841 gerade hier errichtet wurde, weiß niemand mehr so genau zu sagen. Der Architekt war David Mocatta, der damals auch den Auftrag erhielt, Bahnhöfe auf der Strecke Brighton-London zu errichten. Zwischen die Türme wurde acht Jahre später noch ein Cottage gesetzt, in dem Bahnbedienstete wohnten. 6000 Menschen arbeiteten drei Jahre lang, um diesen 2065 Meter langen Tunnel durch den Clayton Hill zu treiben.

Es gibt die Möglichkeit, einmal einen Blick in dieses außergewöhnliche Burgportal zu werfen, denn für interessierte Gruppen werden Rundgänge nach vorheriger Absprache angeboten.

Am 25. August 1861 ereignete sich im Tunnel einer der katastrophalsten Eisenbahnunfälle, bei dem 23 Menschen getötet und um die 176 schwer verletzt wurden. Damals steckten die Kommunikationsmöglichkeiten zwischen den Bahnhofsvorstehern und den Streckenwärtern noch in den Kinderschuhen. Simple Telegrafen, Alarmglocken und Flaggensignale waren Standard und so passierte es an diesem Unglückstag, dass der Bahnhofsvorsteher von Brighton einen Zug zu früh auf die Strecke nach London schickte und dass es zwischen den Streckenwärtern am Süd- und am Nordende des Tunnels zu einem Missverständnis kam. So prallte einer der drei Züge, die nur wenige Minuten hintereinander auf den Gleisen unterwegs waren, auf einen Zug, der gestoppt worden war und sich langsam wieder rückwärts aus dem Tunnel herausbewegen wollte. Die anschließende Untersuchung ergab, dass die Schuld für das Unglück beim Bahnhofsvorsteher in Brighton lag, der die die erforderlichen Abstände für die Fahrtfreigabe nicht eingehalten hatte. Gleichzeitig wurden die langen, oft 24 Stunden dauernden Arbeitszeiten der Streckenwärter bemängelt, deren Konzentration im Laufe des Tages nachließ.

Charles Dickens nahm dieses Eisenbahnunglück im Tunnel von Clayton zum Anlass, 1866 die Gruselgeschichte „The Signal-Man“ (dt. „Der Bahnwärter“) zu schreiben, in der es um unheimliche Geschehnisse an einem Tunneleingang geht. Ich habe mir noch einmal, bevor ich diesen Blogeintrag schrieb, die Verfilmung der Kurzgeschichte angesehen, die die BBC 1976 zu Weihnachten ausstrahlte, großartig gespielt von Delholm Elliott als Streckenwärter und Bernard Lloyd als „The Traveller“, dem der Bahnbedienstete seine unheimliche Geschichte am Kaminfeuer erzählt. Gedreht wurde nicht am Clayton Tunnel, sondern in Shropshire und Worcestershire. Hier ist der erste Teil des Films.

Zu sehen ist der burgbewehrte Tunneleingang von der Brücke aus, die die A273 über die Eisenbahnlinie nördlich des Dörfchens Clayton führt, die Brighton Road, an der ein kleines Stück entfernt, der Jack and Jill Pub liegt.

   © Copyright Graham Horn and   licensed for reuse under this Creative Commons Licence.

Creative Commons Licence [Some Rights Reserved]   © Copyright Graham Horn and
licensed for reuse under this Creative Commons Licence.

Published in: on 11. Oktober 2014 at 02:00  Comments (2)  
Tags:

The URI to TrackBack this entry is: https://maricopa1.wordpress.com/2014/10/11/der-clayton-tunnel-in-west-sussex-eine-burg-bewacht-seinen-nordeingang/trackback/

RSS feed for comments on this post.

2 KommentareHinterlasse einen Kommentar

  1. Vielen Dank für diesen wunderbaren Blog-Eintrag – sowas findet man nur in Ihrem herrlichen Blog!
    Ich habe mich zu diesem Architekten noch etwas schlau gemacht und möchte gerne folgendes ergänzen:
    Mocatta war spanischer Abstammung und Mitglied einer einflussreichen anglo-jüdischen Familie (der jüdische Glauben war ab 1290 unter König Eduard I. verboten, nach der Herrschaft Oliver Cromwells in England wieder erlaubt). Schüler von Sir John Soane, war er als Architekt für die hier genannte „London & Brighton Railway“ tätig. In Brighton baute er nicht nur den Bahnhof, sondern auch die dortige Synagoge.
    Warum eine solche Tunneleinfahrt gewählt wurde, hat einfach damit zu tun, dass solche „fremdartigen“ Gebäudeformen damals in Mode waren. Sehr oft hatten Tunneleinfahrten Zinnen oder Türmchen – hier ist es halt grad eine Burg geworden! Bahnhöfe sahen im 19. Jahrhundert aus wie Kathedralen und Fabriken und Lagerhallen wie Burgen und Festungen. Die Architekten hatten damals noch Phantasie und Freude am Verspielten und benutzten Formen aus dem vorherrschenden Kanon. Dies änderte erst nach der Jahrhundertwende unter den Funktionalisten und den Bauhaus-Architekten.

    • Herzlichen Dank, Herr Graber, für diese sehr interessante und kenntnisreiche Ergänzung zu meinem heutigen Blogeintrag!!


Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: