The Potts Line – Die Eisenbahnlinie in Shropshire, die niemand haben wollte

Die Gazelle, oder The Coffee Pot, wie sie einst auf der Potts Line eingesetzt wurde. Photo: Ian Britton of FreeFoto.com. This work is licensed under a Creative Commons Attribution-Noncommercial-No Derivative Works 3.0 License.

Die Gazelle, oder The Coffee Pot, wie sie einst auf der Potts Line eingesetzt wurde.
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1866 wurde in der Grafschaft Shropshire eine Eisenbahnlinie eröffnet, die von Shrewsbury nach Llanymynech in Wales führte. Da die Züge in Shrewsbury nicht vom Hauptbahnhof abfahren durften, baute man gegenüber der Abteikirche einen neuen Bahnhof, was schon einmal kein guter Start war. Die Potteries, Shrewsbury and North Wales Railway, kurz The Potts Line genannt, fuhr die 28 Kilometer lange Strecke durch eine dünnbesiedelte Landschaft, und die Haltestellen waren mitten im Niemandsland. Bei der Eröffnung der Linie kamen eine ganze Menge Neugierige, um die Strecke nach Wales einmal auszuprobieren, das war es dann aber auch schon; das Interesse ließ rapide nach und die Züge fuhren meist leer zwischen Shrewsbury und Llanymynech hin und her. An ein Problem hatte man beim Bau der Linie ganz offensichtlich nicht gedacht: Der River Severn, der von der Bahn auf einem Viadukt überquert wurde, war bekannt dafür, dass er gern einmal über seine Ufer trat und die Umgebung überflutete.

Doch nicht nur der Personenverkehr auf der Potts Line funktionierte nicht, auch der geplante Güterverkehr zwischen den beiden Stationen kam nicht in die Gänge. So war es kein Wunder, dass die Betreiber der Linie schon zum Ende des Jahres 1866 große finanzielle Problem bekamen und den Verkehr einstellen mussten.

Zwei Jahre später versuchte man es erneut mit einem abgespeckten Service, baute eine Nebenlinie von Kinnerley nach Criggion, um von dort aus Material aus einem Steinbruch  abzutransportieren, reduzierte die Strecke auf ein Gleis, aber es brachte alles nichts. Die Betreiber gingen 1877 in Konkurs.

1890 versuchte es Shropshire Railways erneut, ersetzte die maroden Gleise der alten Linie durch neue und übernahm sich finanziell, so dass kurz nach Eröffnung der Strecke auch diese Gesellschaft Insolvenz anmelden musste. Die Anlagen auf der Strecke verkamen im Laufe der Zeit, die Holzbrücke über den Severn stürzte ein. War das das Ende der Potts Line?

Nein, es ging tatsächlich weiter mit dieser Eisenbahnlinie, mit der keiner fahren wollte. Colonel Holman Fred Stephens, ein Eisenbahnfanatiker, der 16 Linien im Land betrieb, übernahm auch diese unter keinem glücklichen Stern stehende Strecke und gründete die Shropshire and Montgomeryshire Light Railway, die im April 1911 den Betrieb wieder aufnahm. Der Colonel setzte alle möglichen und unmöglichen Lokomotiven und Waggons ein, die er alle aus zweiter Hand erwarb. Besonders kurios war eine Lok namens Gazelle, die allerdings gar nichts gazellenhaftes an sich hatte und auf Grund ihrer Form spöttisch The Coffe Pot genannt wurde. Die Wagen, in denen die wenigen Passagiere Platz nehmen mussten, waren alles andere als bequem; einige waren gar nicht für den Einsatz auf einer Eisenbahnlinie gedacht. So schleppte sich die Potts Line mehr schlecht als recht über die Jahre bis der Betrieb 1933 wieder einmal eingestellt wurde.

Nachdem der Zweite Weltkrieg ausgebrochen war, interessierte sich plötzlich das War Department in London für die vergammelte Eisenbahnlinie im fernen Shropshire und nutzte sie, um bei Kinnerley riesige getarnte Munitionslager anzulegen. Jetzt wurde Geld in die Unterhaltung der Potts Line gesteckt, auf der plötzlich richtiger Verkehr herrschte. Aber auch das Militär musste sich mit den ständigen Überschwemmungen des Severn herumschlagen, die den Betrieb der Linie immer wieder gefährdeten. 1959 brauchten die Militärs die Strecke nicht mehr, da die Munitionslager alle geschlossen worden waren. British Railways übernahm lustlos die Potts Line, die Ende Februar 1960 endgültig geschlossen wurde und der wohl kaum jemand eine Träne nachweinte.

Die Brücke über den Severn, die der Potts Line immer wieder Probleme bescherte.    © Copyright Penny Mayes and   licensed for reuse under this Creative Commons Licence.

Die Brücke über den Severn, die der Potts Line immer wieder Probleme bescherte.
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Die ehemaligen Munitionslager bei Kinnerley.    © Copyright Richard Webb and   licensed for reuse under this Creative Commons Licence.

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Published in: on 11. Januar 2015 at 02:00  Comments (1)  
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  1. Ich mag alte Loks, auch wenn sie wie ein „coffee pot“ aussehen.
    LG,
    Pit


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