„Wetten, dass…“ im November 1810 oder Wie man jemanden in den Wahnsinn treiben kann

In dieser Straße spilete sich 1810 der "Hoax" ab,    © Copyright Robin Sones and   licensed for reuse under this Creative Commons Licence.

In dieser Straße spielte sich 1810 der „Hoax“ ab,
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Theodore Hook war ein Journalist, der von 1788 bis 1841 überwiegend in London lebte und der dafür bekannt war, dass er  anderen Menschen gern Streiche spielte. So wettete er einmal, als er 1810 mit dem Architekten Samuel Beazley durch London spazierte und durch die Berners Street in der City of Westminster kam, dass er ohne weiteres jedes Haus in London im Handumdrehen zur bekanntesten Adresse der Stadt machen könnte. Beazley nahm die Wette an, bei der es um eine Guinee ging.

Hook machte sich gleich ans Werk und suchte sich das Haus mit der Nummer  54 in der Berners Street aus, in der eine gewisse Mrs Tottenham wohnte. Der armen Frau schwante noch nicht, was ihr bald blühen würde. Hook hatte in tagelanger Arbeit Tausende von Briefen an alle möglichen Adressen in London geschrieben und das Resultat dieser Aktion zeigte sich am 27. November. Es ging schon um fünf Uhr morgens los, als ein Schornsteinfeger bei Mrs Tottenham klingelte, um den Kamin zu reinigen. Ihm wurde beschieden, dass niemand einen Schornsteinfeger bestellt hätte und so ging er wieder. Bald klingelte es wieder und der nächste „chimney sweep“ stand vor der Tür und so ging es immer weiter; zwölf Mal erschienen die schwarzen Männer und wurden alle abgewiesen. Doch das war erst der Anfang dieses rabenschwarzen Tages für Mrs Tottenham. Die Klingel an der Berners Street 54 stand nicht mehr still: Es meldeten sich Kohlehändler, die ihre Wagenladungen abliefern wollten, Konditoren mit Hochzeitstorten, Klavierstimmer, Fischhändler, Ärzte, Rechtsanwälte, Priester, die jemandem im Haus den letzten Segen erteilen wollten und sogar Beerdigungsunternehmer mit Särgen. Mehr als ein Dutzend Klaviere standen vor der Tür und sogar eine angeblich bestellte Orgel wollten Männer in das Haus bringen.

Mrs Tottenham war einem Nervenzusammenbruch nahe. Als sich am Nachmittag auch noch Honoratioren wie der Bürgermeister von London, der Direktor der Bank of England und der Herzog von Gloucester einstellten, konnte die arme Frau es einfach nicht mehr fassen. Der Verursacher des ganzen Spektakels, Theodore Hook, beobachtete derweil sein Werk zusammen mit einigen Freunden von einem gegenüberliegenden Haus aus. Es sprach sich in der Berners Street und Umgebung schnell herum, was sich da alles an wundersamen Dingen vor der Nummer 54 ereigneten und so kam es bald zu einem Massenauflauf an Schaulustigen, die sich köstlich amüsierten.

Die Polizei fand das (offiziell) alles gar nicht lustig, aber ich kann mir vorstellen, dass der eine oder andere Beamte still vor sich hin kicherte. Es wurde nach dem Schuldigen gesucht, der sich aber aus London verabschiedet hatte und Gras über die Sache wachsen lassen wollte. Erst zwei Jahre später wurde Hook in einem Zeitschriftenartikel als „Täter“ genannt und der gab es dann viele Jahre später schließlich auch zu. Das Ganze ging in die Annalen Londons als Berners Street Hoax ein.

Das Haus mit der Nummer 54 steht schon lange nicht mehr in der Berners Street im Stadtteil Fitzrovia. An der Stelle steht heute ein großer, ziemlich hässlicher Hotelkomplex, in dem das Sanderson Hotel untergebracht ist, benannt nach der Tapetenfirma Arthur Sanderson & Sons, die ab 1865 hier in der Nummer 52/53 untergebracht war. In der Hausnummer 10 findet man ein weiteres Hotel der gehobenen Kategorie, The London Edition. In der Nummer 71 wohnte der Dichter Samuel Taylor Coleridge von 1812 bis 1816 bei seinen Freunden, den Morgans.

Die Straße ist leicht zu finden; sie geht etwa in der Mitte der Oxford Street nach Norden ab und mündet auf die Mortimer Street. 1746 wurde sie angelegt und nach der Familie Berners benannt, der das Areal gehörte.

Das Sanderson Hotel in der Berners Street wurde an der Stelle erbaut, in dem Mrs Tottenham einst wohnte.    © Copyright Stephen Richards and   licensed for reuse under this Creative Commons Licence.

Das Sanderson Hotel in der Berners Street wurde an der Stelle erbaut, wo Mrs Tottenham einst wohnte.
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Published in: on 18. Januar 2015 at 02:00  Schreibe einen Kommentar  
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