„Lord Leicester aus Manchester“ – Ein deutscher Schlager aus den 1960er Jahren und sein Wahrheitsgehalt

Holkham Hall, der Landsitz des richtigen Lord Leicesters.   © Copyright G Laird and licensed for reuse under this Creative Commons Licence.

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1967 trällerte eine deutsche Sängerin namens Manuela einen Schlager, der es bis in die Hitparaden schaffte und der „Lord Leicester aus Manchester“ hieß. Es kursieren auch ziemlich abartige Schreibweisen von dem Mann aus Manchester  wie „Lord Lester“ oder sogar „Lord Läster“; da laufen einem schon einmal kalte Schauer den Rücken hinunter. Christian Bruhn und Georg Buschor waren für Melodie und Text verantwortlich. Klopfen wir doch einmal den Text auf den Realitätsgehalt ab. Aber hier ist erst einmal das Video zu dem Schlager.

Also, die Großstadt Manchester ist nicht gerade als Hotspot für Männer aus dem Adel Englands bekannt, und so liegt natürlich die Vermutung nahe, dass man des Reimes wegen auf die Stadt zurückgegriffen hat.
Im Text heißt es dann:
ich stand vor uns’rem Haus in meinem neuen Minikleid“ als der mysteriöse Lord vorbeifuhr (in seinem Rolls Royce oder Bentley? Auf die Automarke ging der Texter des Liedes leider nicht ein) und sie zu sich in den Fond seines Wagens einlud. Das ist schon wesentlich realistischer! Manuela war dafür bekannt, dass sie gern in kurzen Minikleidchen oder in Hotpants auftrat und da sie auch noch hübsch anzusehen war, kann ich mir gut vorstellen, dass der Lord seinen Chauffeur in die Bremse treten ließ, um die junge Dame an Bord zu nehmen (hätte der Lord eher auf junge Männer gestanden, wäre er sicher vorbeigefahren, ohne dem Mädchen oder dem Minrock auch nur einen Blick zuzuwerfen).

Nachdem nun die sexuellen Vorlieben des Lords geklärt sind, und er sich bei näherem Betrachten als „Playboy in den Jahren, dazu mit falschen Haaren“ herausgestellt hat (woraufhin Manuela sofort das Interesse an ihm verliert), fragen wir uns, ob es denn überhaupt jemals einen Lord Leicester (die anderen Schreibweisen haben wir schon längst in die Mültonne geworfen) gegeben hat.
Ja, gab es! Als der Schlager 1967 das Licht der Welt erblickte, gab es einen Edward Douglas Coke, 7th Earl of Leicester; dieser Lord Leicester wurde 1936 geboren, war also damals gerade 31 Jahre alt, was ebenfalls nicht zu dem alternden Schlager-Playboy passt. Das Komponisten-Texter-Gespann hatte damals also nicht richtig recherchiert (wenn überhaupt!).

Der besagte siebte Earl of Leicester ist übrigens vor wenigen Tagen im Alter von 78 Jahren gestorben. Er, wie auch seine Vorgänger, wohnten auf dem Familiensitz Holkham Hall in Norfolk, ein prachtvolles, im palladianischen Stil gebauter Landsitz, der im Sommerhalbjahr (bis zum 31. Oktober) jeweils sonntags, montags und donnerstags von 12 Uhr bis 16 Uhr zu besichtigen ist.

Lord Leicester war eine Zeit lang Präsident der Historic Houses Association und erhielt 2005 den Order of the British Empire für seine Verdienste um die Erhaltung britischer Kulturgüter.

Fazit: Unser Lord von Holkham Hall hat mit dem auf Minikleidchen stehenden Namensvetter aus Manchester absolut nichts zu tun.

Manuela, die eigentlich Doris Inge Wegener hieß, starb bereits im Alter von 57 Jahren am 13. Februar 2001.

Published in: on 28. April 2015 at 02:00  Comments (2)  
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2 KommentareHinterlasse einen Kommentar

  1. Hallo,

    Ihr Blog gefällt mir sehr gut, v a die Vielfalt der Themen ist sehr spannend. Leider ist mir persönlich die Frequenz ein wenig zu hoch, weswegen ich nun die automatischen Updates abbestelle, vorbeidürfen am Blog werde ich aber sicherlich ab und zu. Eine Anregung hätte ich: könnten Sie nicht eine Englandkarte mit Verknüpfungen zu ihren Bligeinträgen einbinden? Dann könnte man sich Ihre Geheimtipps direkt für das geplante eigene Urlaubsziel abrufen und stöbern.

    Viele Grüße und Danke für die unterhaltsamen Artikel,

    Falk Bandt

    • Hallo und vielen Dank für den Kommentar!
      Über die „ein wenig zu hohe Frequenz meiner Blogeinträge“ habe ich mich besonders amüsiert. Die Anregung mit den Verknüpfungen zu einer Englandkarte werde ich mir einmal überlegen.
      Viele Grüße!
      Ingo


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