Ein Superflugzeug und ein verschwundenes Dorf, das ihm Platz machen musste

Die Bristol Brabazon. This artistic work created by the United Kingdom Government is in the public Domain.

Die Bristol Brabazon.
This artistic work created by the United Kingdom Government is in the public Domain.

Ich bleibe heute noch einmal, wie in meinem gestrigen Blogeintrag, im Bristol des Zweiten Weltkrieges, als das britische Verkehrsministerium den Plan fasste, ein riesiges Verkehrsflugzeug zu bauen, das den Nordatlantik überqueren sollte, ohne zwischenlanden zu müssen. Ein Mann mit dem wunderschönen Namen John Theodore Cuthbert Moore-Brabazon, 1. Baron Brabazon of Tara hatte den Vorsitz der Kommission, die sich damit beschäftigte. Die Bristol Aircraft Company wurde mit dem Bau des Flugzeugs beauftragt, das den Namen Bristol Brabazon tragen sollte. Einige Details zu dem fliegenden Riesen:
Es war knapp 54 Meter lang, die Spannweite betrug über 70 Meter und es hatte eine Höhe von 15,24 Meter. Angetrieben wurde die Brabazon von acht Bristol Centaurus-Motoren. Die geplante Reichweite betrug 8900 Kilometer und die Höchstgeschwindigkeit 480 km/h. 100 Passagiere sollten die Reise in die USA machen können und das auf sehr komfortable Weise, zumindest für damalige Verhältnisse.

Am 4. September war es soweit, dass der Prototyp auf dem Filton Aerodrome seinen Jungfernflug absolvieren konnte. Um das Flugzeug aber überhaupt bauen zu können, waren zwei Dinge nötig gewesen: Ein riesiger Hangar und eine erweiterte Landebahn. Der Superhangar musste extra gebaut werden, damit darin die Endmontage vorgenommen werden konnte, die Landebahnerweiterung erwies sich da als schwieriger. Die bereits existierende Landebahn war nur 610 Meter lang, man benötigte aber über 2440 Meter…und da stand ein kleines Dorf im Wege. In Charlton, so der Name des Dorfes standen 38 Häuser, ein Postamt, ein Dorfgemeinschaftshaus und ein Pub, The Carpenters Arms. Eine funktionierende Gemeinschaft hatte sich hier rund um einen Ententeich geformt – und die musste weg. Den Bewohnern flatterte ein Schreiben der Regierung in die Briefkästen, in dem ihnen mitgeteilt wurde, dass ihr Dorf plattgemacht werden musste, weil die Landebahnverlängerung für die Brabazon Vorrang hatte. Ein neues Dorf sollte für sie gebaut werden, was allerdings nie geschah; die Charltonians wurden stattdessen in das nahegelegene Patchway umgesiedelt. Die Bulldozer kamen und machten wie angekündigt alles platt, das Dorf verschwand unter der Asphaltdecke der Landebahn… völlig umsonst wie sich herausstellte, denn erstens benötigte die Brabazon gar keinen so langen Anlauf, um in die Lüfte zu steigen und zweitens erwies sich das Flugzeug als Flop. Keine Airline interessierte sich dafür, keine Bestellungen gingen bei der Bristol Aircraft Company ein. Man unternahm noch einen zaghaften Versuch, eine verbesserte Version zu bauen, blieb damit aber mittendrin stecken. Die fertige Brabazon und die halbfertige Schwester wurden verschrottet. Viele Millionen Pfund an Steuergeldern wurden ausgegeben, ein Dorf dem Erdboden gleich gemacht, für nichts und wieder nichts. Allerdings nutzte man den Monsterhangar und die Landebahn weiter. Es sollte noch einige Jahre dauern, bis auf dem Gelände wieder ein ganz besonderes Flugzeug hergestellt wurde, das sich allerdings auch wieder als Flop erwies: Die Concorde, von der nur 20 Exemplare gebaut und 14 im Liniendienst eingesetzt wurden.

Das Bristol Filton Aerodrome schloss im Dezember 2012 seine Pforten und wird jetzt für andere Zwecke genutzt.

Diese Dokumentation zeigt die Entwicklungsgeschichte der Bristol Brabazon.

Die riesigen Hangars, in denen die Bristol Brabazon und die Concorde gebaut wurden. This work has been released into the public domain by its author, Arpingstone.

Die riesigen Hangars, in denen die Bristol Brabazon und die Concorde gebaut wurden.
This work has been released into the public domain by its author, Arpingstone.

Published in: on 4. April 2016 at 02:00  Schreibe einen Kommentar  
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