Queuing oder die Kunst Schlange zu stehen

Schlange an einer Straßenbahnhaltestelle in Manchester.   © Copyright Gerald England and licensed for reuse under this Creative Commons Licence.

Schlange an einer Straßenbahnhaltestelle in Manchester.
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Die Briten gelten als die Weltmeister des Schlangestehens. Schön in Reih und Glied wartet man an Bushaltestellen oder in Bäckereien oder in anderen Läden. Absolut verpönt ist es, wenn man sich nicht anstellt, sondern irgendwie versucht, sich an der Schlange vorbei einen Vorteil zu verschaffen. Der Schriftsteller George Mikes hat einmal gesagt „an Englishman, even if he is alone, forms an orderly queue of one„.

In Deutschland ist diese Kunst noch nicht zur Vollendung gebracht worden, da gibt es durchaus noch Luft nach oben (die Italiener sollen darin übrigens noch wesentlich schlechter als die Deutschen sein und viele Tricks kennen, sich an einer Schlange vorbeizumogeln).
In der Hauptpost meiner Stadt gab es früher sechs Schalter, an denen man sich nach freier Wahl anstellen konnte und fast immer stellte man sich dort an, wo es am längsten dauerte. Seitdem es dort nur noch eine Schlange gibt, die sich nach und nach auf die frei werdenden Schalter verteilt, läuft es deutlich besser.

In England gibt es einen Mann, der sich mit dem Thema Schlangestehen seit langem beschäftigt und dem es gelungen ist, durch „Queuing Management“ die Zeit in diesen Schlangen deutlich zu verkürzen. Terry Green aus Stratford-upon-Avon hat bereits 1981 mit seiner Firma Qmatic Methoden entwickelt, den Kundendurchfluss in Geschäften, Banken und Behörden deutlich zu beschleunigen. Statt vielen Schlangen gibt es nur noch eine und durch Aufrufe des jeweils nächsten freien Schalters bewegt sich die Schlange zügig vorwärts. Terry Greens aufgezeichnete Stimme ist auch landesweit zu hören, wenn es heißt „Cashier Number Three, Please„. Die Royal Mail gehörte zu den ersten, die Greens System mit Erfolg  einsetzte; es folgten große Unternehmen wie Boots, Marks & Spencer und die Lloyds Bank. Heute bietet die Firma Qmatic, für die Terry Green noch immer in beratender Funktion tätig ist, eine große Produktpalette, zu der neben den Kundenleitsystemen zum Beispiel auch Selbstbedienungsterminals gehören.
Mr Green hat seine Erfahrungen in zwei Büchern zusammengefasst: „You’re Next: How One Company Changed The Way We Shop“ (Marshall Cavendish 2010) und „Cashier Number Three Please!: Creating Fairer, Faster Service“ (Marshall Cavendish 2012). Hier ist der Mann, der sich bestens mit dem „queuing“ auskennt, in einem Film zu sehen.

Ein weiteres Buch, das sich mit dem Thema befasst, ist Joe Morans „Queuing For Beginners: The Story Of Daily Life From Breakfast To Bedtime“ (Profile Books 2008).

Bei manchen Gelegenheiten bricht aber selbst in England das geduldige Hintereinanderstehen komplett zusammen wie beispielsweise im Jahr 2005, als bei der Eröffnung einer neuen IKEA-Niederlassung so viele Menschen gleichzeitig in den Laden wollten (man spricht von 6000), dass es da sogar Verletzte gab. Wann immer ein neues Smartphone der Firma Apple auf den Markt kommt, bilden sich überall in der Welt lange Schlangen, die Hunderte von Metern lang sein können wie in diesem Film aus Birmingham zu sehen ist.

Eine dänische Studie hat herausgefunden, dass man die Problematik des Schlangestehens in den Griff bekommen könnte, wenn man die Leute, die am Ende stehen, zuerst bedienen würde…aber ob das wohl klappen würde?

Menschenschlange, die zu einer Ausstellung des Graffiti-Künstlers Banksy in Bristol ansteht.   © Copyright Nigel Mykura and licensed for reuse under this Creative Commons Licence.

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Published in: on 4. September 2016 at 02:00  Comments (2)  
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2 KommentareHinterlasse einen Kommentar

  1. Auch auf den Rolltreppen sind die Engländer sehr gut. Auf einer Seite wird gestanden auf der anderen kann man laufen.
    Klappt bei uns in der Schweiz leider nicht gut.

    Gruss Patrick

  2. Ja, das Schlangestehen in England hat mich schon von meinem ersten Englandaufenthalt an fasziniert. Damals, im Alter von 14, fand ich es so absolut ungewöhnlich, dass ich als Kind vor einem Erwachsenen in den Bus einsteigen durfte, weil ich ja eben vor ihm in der Schlange gestanden hatte. In Deutschland hieß es da immer, „Du bist jünger, du kannst warten!“
    Eine andere ungewöhnliche Beobachtung war, dass man Leuten, die nicht in der Schlange stehen konnten, sondern auf eine Bank saßen, deren Platz in der Schlange frei ließ.
    Hab‘ eine feine Woche, lieber Ingo,
    Pit


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