Die Mauersegler vom Oxford University Museum of Natural History

Das Oxford University Museum of Natural History mit seinem Mauersegler-Turm.
Photo © Alan Heardman (cc-by-sa/2.0)

Heute begeben wir uns wieder einmal nach Oxford und zwar in das Oxford University Museum of Natural History. Wir wollen aber nicht die Schätze des Museums im Inneren betrachten, sondern den Turm, der dafür bekannt ist, dass dort jeden Sommer Mauersegler ihre Kinder zur Welt bringen und sie geduldig aufpäppeln. Das Winterhalbjahr verbringen die Vögel in Afrika, meist in Zimbabwe, Tansania und Zaire, doch wenn es in Europa langsam wieder wärmer wird, hält es die Mauersegler nicht mehr länger auf dem schwarzen Kontinent und sie machen sich auf den langen Weg zurück; einige von ihnen zielgerichtet nach Oxford, wo sie den Turm des Museums erneut beziehen. Jedes Jahr sind circa 60 Vogelpärchen hier in luftiger Höhe anzutreffen, und sie bauen ihre Nester so,  dass sie für ihre natürlichen Feinde nicht erreichbar sind.

Die Mauersegler-Eltern haben in der Brutzeit jede Menge zu tun, um ihren Nachwuchs mit leckeren Insekten zu füttern; dabei legen sie manchmal Hunderte von Kilometern am Tag zurück. Rund fünf bis acht Wochen dauert es, bis die kleinen Mauersegler flügge geworden sind und dann machen sie sich auch schon auf den Weg nach Afrika, bald darauf gefolgt von ihren Eltern.

Bereits 1948 begann man sich hier in Oxford für die Mauersegler zu interessieren, als David Lack vom Edward Grey Institute des Department of Zoology das Oxford Swift Research Project ins Leben rief. In seinem Buch „Swifts in a Tower“ (1956) schrieb er über das Projekt. Sein Sohn Andrew Lack veröffentlichte zum Thema viele Jahre später eine kleine Broschüre mit dem Titel „The Museum Swifts: The Story of the Swifts in the Tower of the Oxford University Museum of Natural History“ (2002).

Während der Brutzeit hat man im Turm des Museums eine Webcam aufgestellt, die rund um die Uhr das Treiben in den Nestern in die ganze Welt überträgt. Wer möchte, kann hier einen Blick dort hineinwerfen. Dieser Film bringt zusätzliche Informationen über die Mauersegler der Universitätsstadt.

Ein Mauersegler (Apus apus).
Author: Paweł Kuźniar.
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Londoner Hochhäuser und ihre Spitznamen

The Leadenhall Building alias The Cheesegrater.
Photo © Julian Osley (cc-by-sa/2.0)

In meinem Blogeintrag über die Londoner „protected views“ schrieb ich kürzlich, dass man in der Stadt neue Hochhäuser nicht willkürlich irgendwo hinplatzieren kann, sondern dass die Bauherren bestimmte Sichtkorridore beachten müssen. Nach und nach nimmt die Kulisse Londons immer mehr Dubaische Züge an und die Formen einiger Hochhäuser sind schon erstaunlich. An dieser Stelle möchte ich einige von diesen Bauten kurz vorstellen und ihre Spitznamen nennen.

Erst 2014 wurde das vierthöchste Gebäude Londons fertiggestellt, The Leadenhall Building, mit der Adresse 122 Leadenhall Street in der City of London. Das 225 Meter hohe Haus wurde von dem Architektenbüro Rogers Stirk Harbour + Partners konzipiert, das u.a. auch das Lloyd’s Building in der Lime Street entworfen hat. Die Baukosten beliefen sich auf £286 Millionen. Vor wenigen Wochen wurde das Leadenhall Building von der chinesischen Firma C C Land Holdings Limited übernommen. Das Haus wird inoffiziell The Cheesegrater genannt, weil es die Form einer Käsereibe hat. Es musste so gestaltet werden, damit die Sichtachse auf die St Paul’s Kathedrale vom Ludgate Hill aus nicht beeinträchtigt wird.

20 Fenchurch Street lautet die Adresse des ebenfalls 2014 fertig gewordenen Hochhauses, das 160 Meter hoch ist und 37 Stockwerke umfasst. Das £200 Millionen teuere Gebäude wurde von dem uruguayischen Architekten Rafael Viñoly Beceiro entworfen. Eigentlich sollte das Haus 200 Meter hoch werden, aber dann hätte es auch wieder Probleme mit den Sichtachsen auf die Kathedrale und den Tower of London gegeben. Im Jahr 2015 erhielt das Hochhaus den Carbuncle Cup zugesprochen, eine Auszeichnung, die kein Architekt haben möchte, denn damit wird das hässlichste neue Gebäude prämiert. 20 Fenchurch Street sorgte im Sommer 2013 für Schlagzeilen, weil die Fensterfront wie ein konkaver Spiegel wirkt und die Sonnenstrahlen in einem bestimmten Winkel auf die darunterliegende Straße projiziert, so dass dort enorm hohe Temperaturen gemessen wurden, die geparkte Autos beschädigten. Daraufhin wurden die Glasflächen mit einer Folie versehen, die das einfallende Licht nicht reflektiert. Aufgrund seiner Form nennt man das Hochhaus Walkie Talkie (damals, bei den Problemen mit der Sonneneinstrahlung, auch Walkie Scorchie und Fryscraper).

Seit 2010 gibt es das 146 Meter hohe The Strata SE1 im Stadtteil Southwark, ein Wohnhaus mit 408 Wohnungen und rund 1000 Bewohnern. Das vom Architektenbüro BFLS entworfene Gebäude konnte eine Fülle von Preisen und Auszeichnungen für sich verzeichnen und zählt zu den fünf Lieblingshochhäusern der Londoner. Doch nicht jedermann war mit der Bauform einverstanden und so erhielt auch dieses Haus den Carbuncle Cup im Jahr seines Entstehens. Der Spitzname lautet: The Razor.

Eines der auffälligsten Gebäude in der City of London ist sicher 30 St Mary Axe, 180 Meter hoch und schon 2004 eröffnet. Der Stararchitekt Norman Foster hat das Haus entworfen, das allgemein als The Gherkin bezeichnet wird. Das futuristische Hochhaus diente mehrfach als Kulisse von Spielfilmen wie „Harry Potter and the Half Blood Prince“ und „Basic Instinct 2“.

22 Bishopsgate ist im Entstehen begriffen und hat jetzt schon den Spitznamen Helter Skelter bekommen. Das Bürohaus One New Change in der City of London wird The Stealth Bomber genannt. Viele weitere Wolkenkratzer befinden sich im Planungsstadium und sicher werden auch diese mit einem besonderen Namen versehen werden.

20 Fenchurch Street alias The Walkie Talkie.
Photo © David Martin (cc-by-sa/2.0)

The Strata SE1 alias The Razor.
Photo © Colin Smith (cc-by-sa/2.0)

30 St Mary Axe alias The Gherkin.
Photo © Steve Daniels (cc-by-sa/2.0)

Published in: on 29. Juni 2017 at 02:00  Comments (4)  

Phyllis, Ada und ihre anderen TBM-Schwestern

Crossrail-Baustelle in Marylebone.
Photo © Stephen Richards (cc-by-sa/2.0)

Phyllis und Ada wurden in der kleinen baden-württembergischen Gemeinde Schwanau bei der Firma Herrenknecht AG konzipiert und in London zum Einsatz gebracht, wo sie schwer schuften mussten und das 24 Stunden pro Tag. Die Rede ist von zwei TBMs, das sind Tunnelbohrmaschinen oder tunnel-boring machines wie es in England heißt. Eingesetzt wurden sie beim Bau der Crossrail, jenem Großprojekt, das die Millionenstadt von Ost nach West unterirdisch durchqueren soll und das ab ihrer Fertigstellung den Namen Elizabeth Line annehmen wird.

Die beiden TBMs sind richtige Schwergewichte; Phyllis und Ada wiegen 1000 Tonnen, sind 150 Meter lang und haben einen Durchmesser von über sieben Metern. Eine Besatzung von zwanzig Arbeitern waren in und an den Maschinen in jeweils 12-Stunden-Schichten an sieben Tagen in der Woche beschäftigt, dabei schaffte jede TBM etwa 100 Meter in der Woche.

Doch möchte ich in meinem Beitrag speziell auf die Namen der TBMs eingehen. Es ist weltweit im Tunnelbau üblich, die Bohrmaschinen mit weiblichen Namen zu versehen, bevor es richtig losgeht, denn das soll Glück bringen, und so war es auch in London.

Phyllis und Ada wurden nach Phyllis Pearsall und Ada Lovelace benannt. Über Phyllis habe ich in meinem Blog geschrieben als Gründerin des Stadtplans „London A-Z“, Ada Lovelace war die Tochter des berühmten Dichters Lord Byron, Mathematikerin und Pionierin der Computersprachen. Die zwei Bohrmaschinen waren für die Strecke Royal Oak – Farringdon verantwortlich.

Die beiden TBMs hatten sechs weitere Schwestern, die an ihrer Seite die schweren Tunnelbauarbeiten in London vornahmen, als da sind:

Victoria und Elizabeth bauten die Strecke Limmo Peninsula – Farringdon und wurden nach den beiden Königinnen benannt.

Sophia und Mary setzte man auf der Teilstrecke Plumstead Portal – North Woolwich ein. Hierbei handelt es sich um die Vornamen der Frauen der beiden berühmten Ingenieure Isambard Kingdom Brunel und Marc Isambard Brunel.

Jessica und Ellie wurden beide zweimal eingesetzt, auf den Streckenabschnitten Pudding Mill Lane – Stepney Green und Limmo Peninsula – Victoria Dock Portal. Namensgeber waren die beiden Sportlerinnen Jessica Ennis-Hill, Mehrkämpferin und Goldmedaillen-Gewinnerin bei den Olympischen Spielen 2012 in London, und Ellie Simmonds, die bei den London Paralympics 2012 zwei Goldmedaillen im Schwimmen gewann.

Dieser Film zeigt wie die TBMs eingesetzt werden.

Phyllis und Ada haben nach dem erfolgreichem Abschluss ihrer Arbeiten nie wieder das Tageslicht erblickt. Es war kostengünstiger, sie einfach unter den Straßen Londons zu belassen. So liegen die beiden Schwestern jetzt nebeneinander unter dem Charterhouse Square bei der Farringdon Station, im Stadtteil Clerkenwell.

Hier, unter dem Charterhouse Square, liegen Phyllis und Ada begraben.
Photo © Alan Murray-Rust (cc-by-sa/2.0)

 

Published in: on 28. Juni 2017 at 02:00  Schreibe einen Kommentar  
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Mein Buchtipp – James Moore: Murder at the Inn

Foto meines Exemplares.

James Moore hat schon einige sehr interessante Bücher geschrieben wie „Pigeon Guided Missiles„, das ich in meinem Blog schon vorgestellt habe, und „Ye Olde Good Inn Guide: A Tudor Traveller’s Guide to the Nation’s Finest Taverns„, über das ich demnächst an dieser Stelle mehr sagen möchte.

2015 erschien bei The History Press sein „Murder at the Inn: A History of Crime in Britain’s Pubs and Hotels„, in dem sich der Autor erstmals mit dem Thema „Morde in Gasthäusern und Hotels“ beschäftigt. In Teil 1, „A Drinker’s Guide to Pubs“, geht es um die unterschiedlichen Verbrechen, die in Pubs stattgefunden und welche Rolle die Gasthäuser dabei gespielt haben. So wurden Leichen häufig dorthin gebracht, wo sie von Ärzten näher untersucht wurden.

In Teil 2 des Buches, „The Cases“, werden 50 mehr oder weniger bekannte Mordfälle aus den letzten 400 Jahren näher untersucht und die involvierten Pubs und Hotels genannt, die größtenteils heute noch existieren.

Hier sind einige Beispiele:

The Bull Hotel in Long Melford (Suffolk), in dem ich einmal mehrere Tage verbrachte und über das ich in meinem Blog geschrieben habe, war Schauplatz eines Verbrechens im Jahr 1648. In der Eingangshalle des Hotels gerieten sich ein gewisser Roger Greene mit Richard Evered in die Haare, wobei es wohl um unterschiedliche politische Meinungen ging. Greene erstach Evered und wurde vor Gericht gestellt und hingerichtet.

Der Ostrich Inn in Colnbrook (Berkshire) war im 17. Jahrhundert dafür berüchtigt, dass darin immer wieder Menschen auf Nimmerwiedersehen verschwanden. Thomas Jarman, der Landlord hatte im Blue Room unter dem Bett eine Falltür angebracht, die er des Nachts, wenn wohlhabende Gäste friedlich schlummerten, öffnete, und die armen Seelen in einen Bottich mit kochendem Wasser expediert wurden, was sie natürlich nicht überlebten. Näheres zum Ostrich Inn findet man in meinem entsprechenden Blogartikel.

In Kingsclere in Hampshire, ganz in der Nähe, wo die TV-Serie „Downton Abbey“ gedreht wurde, ereignete sich am 5.Oktober 1944 im The Crown ein regelrechtes „Shootout“ wie einst im Wilden Westen. Amerikanische GIs, die in der Nähe stationiert waren, lieferten sich ein Feuergefecht mit Militärpolizisten, bei dem zwei Soldaten und die Wirtin des Pubs getötet wurden. Siehe zu diesem Fall meinen Blogeintrag.

The Blind Beggar in der Londoner Whitechapel Road erlangte Berühmtheit, als hier am 9. März 1966 ein Ganove namens George Cornell von dem Superganoven Ronnie Kray, einem der Kray-Zwillinge, erschossen wurde, während aus der Jukebox passenderweise „The sun ain’t gonna shine any more“ von den Walker Brothers erklang. The Blind Beggar gehörte eine Zeit lang dem Fußballspieler Bobby Moore, der 1993 starb.

James Moore: Murder at the Inn: A History of Crime in Britain’s Pubs and Hotels. The History Press 2015. 264 Seiten. ISBN 978-0-7509-5683-3.

The Bull Hotel in Long Melford (Suffolk).
Photo © Graham Hogg (cc-by-sa/2.0)

The Ostrich Inn in Colnbrook (Berkshire).
Author: Maxwell Hamilton.
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The Crown in Kingsclere (Hampshire).
Photo © Scriniary (cc-by-sa/2.0)

The Blind Beggar in der Londoner Whitechapel Road.
Photo © Steve Daniels (cc-by-sa/2.0).

Published in: on 27. Juni 2017 at 02:00  Comments (2)  

„Bleeding London“ – Ein Buch und eine Bildersammlung

Etwa 58 000 Straßen soll es in London geben…
Photo © Richard Cooke (cc-by-sa/2.0)

Es hätte nicht viel gefehlt und der englische Schriftsteller Geoff Nicholson (geboren 1953) hätte 1997 für seinen Roman „Bleeding London“ den begehrten Whitbread Prize erhalten. Er stand schon auf der Shortlist, dann entschied sich die Jury aber doch für Jim Craces „Quarantine“. In Nicholsons Roman steht ein Mann namens Stuart London im Mittelpunkt, dessen Obsession es ist, jede Londoner Straße einmal besucht zu haben. Das ruft Erinnerungen wach an Phyllis Pearsall, die das gleiche getan haben soll, um ihren Straßenatlas „London A-Z“ zu erstellen. Ich berichtete in meinem Blog über sie. Nicholsons Roman ist 1999 auf Deutsch unter dem Titel „London, London“ im Haffmans Verlag erschienen.

Vor einigen Jahren wurde ein Projekt ins Leben gerufen, das den Romantitel „Bleeding London“ im Namen führt und das mit Unterstützung von Geoff Nicholson entstand. Del Barrett von der Royal Photographic Society hatte die Idee, ein Archiv aufzubauen, in dem von jeder Londoner Straße ein Foto enthalten sein soll. Jeder ist dazu aufgerufen, an dem Projekt teilzunehmen und man braucht schon eine Menge Mitwirkende, um alle rund 58 000 Straßen der Hauptstadt im Bild festzuhalten. 600 Profi- und Hobbyfotografen haben bisher ihre Fotos an das „Bleeding London“-Projekt geschickt. Um einen Vorgeschmack von dieser riesigen Bildersammlung zu bekommen, wurden schon einmal vom 8. Juli bis zum 4. September 2015 1200 Exponate in der City Hall ausgestellt.

Mehr als 58 000 Fotos sind schon in der Datenbank enthalten, die ständig anwächst und die auch einmal online abrufbar sein wird. Hier ist ein Film über den Start des Projekts mit einer witzigen Rede von Geoff Nicholson.

…und hier sind sie alle verzeichnet.
Foto meines Exemplares.

 

Der Mock Mayor von Woodstock (Oxfordshire) – Eine Tradition aus dem Jahr 1786

Hier in der Town Hall residiert die richtige Bürgermeisterin von Woodstock, Jill Dunsmore.   © Copyright P L Chadwick and licensed for reuse under this Creative Commons Licence.

Hier in der Town Hall residiert die richtige Bürgermeisterin von Woodstock, Patricia Redpath.
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Woodstock im US-Bundesstaat New Hampshire habe ich als eine der englischsten Kleinstädte im Nordosten der USA in Erinnerung. Ihr Namensvetter in Oxfordshire ist allen bekannt, die schon einmal den berühmten Blenheim Palace besucht haben, denn die Zufahrt zu diesem Stately Home führt über Woodstock, ein hübscher Ort, 13 km nördlich von Oxford.

Hier spielt sich alljährlich eine Zeremonie ab, die bis auf das Jahr 1786 zurückgeht und mit einigen Unterbrechungen bis heute durchgeführt wird: Die Wahl und „Inthronisierung“ des Mock Mayors. Dies ist ein „Scheinbürgermeister“, der neben dem richtigen Bürgermeister existiert.

Wie kam es dazu? Old Woodstock gehörte früher einmal zur Gemeinde Wooton, während der Nachbar New Woodstock eine eigene Gemeinde bildete, die schnell wuchs, ein schönes Rathaus baute und eine Bedeutung erlangte, die  Old Woodstock ein Dorn im Auge war. So versuchte man die Nachbargemeinde etwas zu verspotten, indem man einen Mock Mayor wählte.

Auch heute noch tritt Woodstocks Mock Mayor in einer Robe auf, mit einer Bürgermeisterkette, einem Stab und einem Zylinder. Nach und nach werden die alten Bekleidungsstücke früherer Mock Mayors durch neue ersetzt, weil diese mittlerweile zu empfindlich geworden und im County Museum besser aufgehoben sind.

Den Höhepunkt der Zeremonie bildet das Eintauchen in den River Glyme, der Old und New Woodstock voneinander trennt; nachdem man das Flüsschen durchquert hat, macht sich der Mock Mayor und seine ganze Entourage auf den Weg zum Pub The Black Prince in der Manor Road, wo dann so manches Pint zu sich genommen wird.

Mock Mayors gibt es auch noch in anderen englischen Städten, so z.B. in Penzance, Polperro und Helston in Cornwall.

Der River Glyme bei Old Woodstock.
Photo © Jaggery (cc-by-sa/2.0)

The Black Prince.
Photo © Jaggery (cc-by-sa/2.0).

Published in: on 25. Juni 2017 at 02:00  Schreibe einen Kommentar  
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Mein Buchtipp – Joe Moran: On Roads

Foto meines Exemplars.

Foto meines Exemplars.

Wer sich für englische Straßen in weitestem Sinne interessiert, dem kann ich das Buch „On Roads: A Hidden History“ des Liverpooler Universitätsprofessors Joe Moran sehr empfehlen.

Das Buch ist eine hoch interessante, gut lesbare Studie über das britische Straßenwesen. Beschrieben wird hier u.a. der Bau der britischen Autobahnen, der Aufbau des Nummerierungssystems der Straßen, die Autobahnraststätten oder die Überwachung der Straßen mit Hilfe von Speed Cameras.

„Written with wit, warmth and authority, it will change forever the way you look through the windshield“, so die Meinung des Verlags.

Das 312-Seiten starke Buch ist 2009 bei Profile Books erschienen und z.B. bei Amazon noch als Taschenbuch erhältlich. Ich habe es mit großem Interesse gelesen und es ist eine wahre Fundgrube für den britischen „Road Enthusiast“.

Übrigens hat sich Joe Moran in einem weiteren Buch, „Queuing For Beginners: The Story Of Daily Life From Breakfast To Bedtime“, mit dem Thema „Schlangestehen“ beschäftigt, über das ich in meinem Blog einmal geschrieben habe.

 

Published in: on 24. Juni 2017 at 02:00  Schreibe einen Kommentar  

Swandown – 160 Meilen mit dem Tretboot von Hastings nach Hackney

Hier in Hastings begann die Tretbootfahrt.
Photo © Oast House Archive (cc-by-sa/2.0)

Ich habe in meinem Blog schon mehrfach von kuriosen Durchquerungen Englands bzw. Großbritanniens berichtet, zum Beispiel von der „Rennstrecke“ Land’s End – John O’Groats, die einige nackt, zu Fuß, mit dem Fahrrad oder mit Linienbussen zurückgelegt haben. Der Schauspieler David Walliams hat vom 5. bis zum 12. September 2011 die Themse auf 140 Meilen durchschwommen. Eine recht exzentrische Reise haben Iain Sinclair und Andrew Kötting 2012 unternommen: Sie sind mit einm Tretboot in Form eines Schwans von Hastings bis nach Hackney gefahren und haben darüber einen Film gedreht, der den Titel „Swandown“ trägt.

Iain Sinclair ist Schriftsteller, und ich habe sein Buch „London Orbital„, das 2002 erschienen ist, in meinem Blog vorgestellt. Es handelt von einer Umrundung Londons entlang der Autobahn M25 und ist hochinteressant. Andrew Kötting ist Filmemacher.

Die Fahrt mit dem Tretboot, das sie Edith genannt haben, führt Sinclair und Kötting von Hastings an der englischen Südküste auf Wasserwegen bis nach Hackney im Osten Londons (wo Sinclair wohnt) und wo in jenem Jahr die Olympischen Spiele durchgeführt wurden. Der Schriftsteller war entschiedener Gegner dieses sportlichen Großereignisses, weil es seiner Meinung nach die gesamte soziale Struktur dieser Region negativ verändert hatte („War by other means“); das Thema ist Inhalt seines Buches „Ghost Milk„, das 2011 erschien. So soll die Tretbootfahrt, die von den Medien aufgegriffen wurde, unter anderem auch auf die Problematik der Olympischen Spiele in London aufmerksam machen. Doch die Film-Reise ist nicht nur als Protest anzusehen, sie zeigt auch die Menschen, die an den „English Waterways“ leben und die bezaubernde Landschaft, die an den Tretbootfahrern vorüberzieht. Besucht werden Sinclair und Kötting auf ihrer Fahrt von dem Satiriker Stewart Lee, dem Schriftsteller und Comicautor Alan Moore und dem Schauspieler Dudley Sutton.

„Swandown“ kam am 20. Juni 2012 in die Kinos und wurde außerhalb Großbritanniens nur noch in Dänemark und in Frankreich gezeigt (dort beim Cannes Film Festival 2013). Hier sind einige Impressionen von der Tretbootreise zu sehen.

…und hier am River Lea in Hackney endete die Reise.
Photo © David Anstiss (cc-by-sa/2.0)

Published in: on 23. Juni 2017 at 02:00  Schreibe einen Kommentar  
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Cricket, John Wisden und sein Almanach

Ein Cricketmatch in Cockington (Devon).
Photo © David Dixon (cc-by-sa/2.0)

Jedes Jahr im April/Mai erscheint auf den englischen Bestsellerlisten ein Buch, das sich zum einen durch seinen Preis, zum anderen durch seinen Umfang von den anderen Büchern unterscheidet. „Wisden Cricketers‘ Almanack“ kostet in diesem Jahr 40 Pfund und hat 1536 Seiten.

Der „Wisden“ ist die Bibel eines jeden Cricket-Fans und das schon seit 1864, als der Almanach erstmals von dem englischen Cricketspieler John Wisden herausgegeben wurde. Im Alter von erst 37 Jahren musste Wisden seine sportliche Karriere auf Grund seiner Rheumaerkrankung aufgeben. Von da ab beschäftigte er sich nur noch indirekt mit Cricket, in dem er in Leamington Spa Cricketzubehör verkaufte und später in London einen „Cricket und Zigarren“-Laden eröffnete.

In jeder Ausgabe werden auch die „Cricketers of the Year“ genannt, also die besten Spieler des Jahres. In diesem Jahr sind es: Ben Duckett, Toby Roland-Jones, Chris Woakes, Misbah-ul-Haq und Younis Khan.

„Wisden Cricketers‘ Almanack“ wird in jedem Jahr von den Medien enthusiastisch besprochen, so sagt z.B. die Daily Mail von der Ausgabe 2010:
‚1,728 pages of dense statistics, elegant prose and effortless authority…it shimmers with wit and wisdom, and it simply reeks of summer. Unreservedly recommended.“ Hier ist eine Dokumentation über den Almanach.

Mir sind die Regeln dieses Spiels nie so ganz klar geworden und so steht der Almanach auch nicht in meinen Bücherregalen.

Lawrence Booth: Wisden Cricketers‘ Almanack. Wisden 2017. 1584 Seiten. ISBN 978-1472935199.

Plakette am Cricketers Pub in der Archery Road in Leamington Spa (Warwickshire).
Photo © Gerald England (cc-by-sa/2.0)

Published in: on 22. Juni 2017 at 02:00  Schreibe einen Kommentar  
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The Kettlewell Scarecrow Festival – Der Vogelscheuchenort in North Yorkshire

Vom 12. bis zum 20. August findet in diesem Jahr in Kettlewell in North Yorkshire das Scarecrow Festival statt, das Tausende von Besuchern in den kleinen Ort im Upper Wharfedale ziehen wird. 1994 fand das Festival der Vogelscheuchen erstmals statt; man wollte die Einnahmen der örtlichen Schule zukommen lassen, die als Mittelpunktschule für die ganze Region fungiert.

Die Bewohner von Kettlewell waren von der Idee dieses Festivals begeistert und nahmen aktiv daran teil, in dem sie Vogelscheuchen bauten, die im ganzen Ort verstreut aufgestellt wurden: In Vorgärten, auf Dächern, am Straßenrand.
Wer keine Vogelscheuchen baute, der bot Selbstgebackenes oder lokale Produkte an, die von den Besuchern gern gekauft wurden.

Auf Grund des großen Erfolges wurde das Scarecrow Festival von nun an jährlich wiederholt und es findet immer neun Tage lang im Monat August statt.

Der „Scarecrow Trail“ führt durch den Ort an den aufgestellten Vogelscheuchen vorbei und es gibt dabei auch Rätsel zu lösen und Preise zu gewinnen. Die schönste Vogelscheuche des Jahres wird von einer Jury ausgesucht und prämiert.
Also: Das Kettlewell Scarecrow Festival ist etwas für die ganze Familie.

P.S. Wer den Spielfilm „Calendar Girls“ (dt. „Kalender Girls“) aus dem Jahr 2003 mit Helen Mirren und Julie Walters gesehen hat, der hat auch schon Kettlewell gesehen, denn große Teile des Films wurden hier gedreht.

Published in: on 21. Juni 2017 at 02:00  Schreibe einen Kommentar  
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Mein Buchtipp – Steve Clark and Shoba Vazirani: The British Television Location Guide

Foto meines Exemplares.

Hier ist ein Buch für alle Freunde britischer Fernsehserien, die sich dafür interessieren, wo diese Serien gedreht wurden. „Location spotting“ ist für viele zu einer beliebten Freizeitbeschäftigung geworden (ich selbst bin ein „Midsomer Murder Location Spotter“) und so profitieren viele Dörfer, die als Drehort fungierten und die früher kaum jemand kannte, von dem Besucherstrom. Das recht einsam gelegene Goathland in North Yorkshire beispielsweise wird im Sommer immer noch von Touristenscharen aufgesucht, die hier auf den Spuren der Dorfkrimi-Serie „Heartbeatwandeln.
Die Pubs und Cafés in Holmfirth (West Yorkshire) freuen sich über die vielen Fans der Sitcom „Last of the Summer Wine„, die in der Kleinstadt für Umsatz sorgen.

Steve Clark und Shoba Vazirani stellen in ihrem „The British Television Location Guide„, nach Regionen unterteilt, Dutzende von diesen Drehorten vor und informieren auch über die Serien selbst. Viele dieser Serien sind in Deutschland kaum bekannt, weil sie im Fernsehen hier nicht ausgestrahlt wurden. Als Beispiele seien nur die Dauerbrenner „Coronation Street“, „EastEnders“ oder auch „The Vicar of Dibley“ genannt. Doch dank Youtube kann man sich von den meisten der in diesem TV-Guide genannten Serien auch in Deutschland zumindest einen Eindruck verschaffen.

Steve Clarks „Location Guide“ eignet sich sehr gut für einen Englandurlaub, denn irgendwo ist immer ein Drehort in der Nähe zu finden. Die Neuauflage von 2013 ist noch einmal aktualisiert und erweitert worden und enthält jetzt auch u.a. „Downton Abbey“, „Broadchurch“ und „Call the Midwife“.

Steve Clark and Shoba Vazirani: The British Television Location Guide. Splendid Books 2013. 144 Seiten. ISBN 978-1909109025.

Die vorige Auflage.
Foto meines Exemplares.

Das Postamt von Aidensfield aus der Serie „Heartbeat“ in Goathland (North Yorkshire).
Photo © Bill Henderson (cc-by-sa/2.0)

Eine Tour auf den Spuren der Serie „The Last of the Summerwine“ in Holmfirth (West Yorkshire).
Photo © David Dixon (cc-by-sa/2.0)

St Mary the Virgin in Turville (Buckinghamshire), wo „The Vicar of Dibley“ gedreht wurde.
Eigenes Foto.

Published in: on 20. Juni 2017 at 02:00  Schreibe einen Kommentar  

Die Themselöwen – Sie warnen die Londoner Bevölkerung vor Hochwasser

Terroranschläge, ein Hochhausbrand…London steht in der letzten Zeit in verstärktem Maße mit Horrornachrichten in den Schlagzeilen. Fehlt nur noch, dass die Themse bei Hochwasser über ihre Ufer tritt und Teile der Innenstadt in Mitleidenschaft zieht. Für eine frühzeitige Warnung der Bevölkerung vor einer derartigen Überflutung sorgen rund um die Uhr seit 1868 ein ganzes Bataillon von bronzenen Löwen bzw. von Löwenköpfen, die in die Ufermauern der Themse eingelassen sind und von Touristen oft gar nicht wahrgenommen werden. Im Zuge der umfangreichen Arbeiten an der Abwasserentsorgung Londons des Sir Joseph Bazalgette wurden die Löwen an den Mauern angebracht. Jedes Tier hat einen „mooring ring“ im Maul, damit Boote im Notfall hier festmachen können. Die Warnfunktion der Löwenköpfe wird folgendermaßen erklärt:

When the lions drink, London will sink
When it’s up to their manes, we’ll go down the drains.

Möglicherweise werden die Löwen in der Zukunft im Zuge der Klimaerwärmung mehr zu tun bekommen und noch sorgfältiger ihrer Überwachungsfunktion nachkommen müssen.
Der Londoner Bildhauer Timothy Butler (1806-1885) hat die Themselöwen geschaffen. Der Künstler, dessen Atelier zuletzt in der Euston Road in St Pancras zu finden war, hat auch Straßenlaternen für das Thames Embankment entworfen. Seine Spezialität waren allerdings Büsten von Londoner Persönlichkeiten.

Published in: on 19. Juni 2017 at 02:00  Schreibe einen Kommentar  
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Der Rote Löwe von der High Street in High Wycombe (Buckinghamshire)

Die Bewohner von High Wycombe in Buckinghamshire lieben ihren hölzernen roten Löwen, der seit über 200 Jahren in der High Street zu einem Symbol der Stadt geworden ist. Trotzdem haben sie ihn jahrelang vernachlässigt, so dass der arme Kerl brüchig und vom Verfall bedroht war. Daher haben die Bürger im letzten Jahr £10000 gesammelt, wohl auch aus schlechtem Gewissen, und ihn zu einem „Löwendoktor“ geschickt, der ihn wieder herrichten sollte. Dies war Colin Mantripp, ein erfahrener Holzschnitzer, dessen Atelier Lillyfee Woodcarving Studio in der Nähe von Wooburn Green zu finden ist, erreichbar über einen sehr schmalen Weg und sehr abseits gelegen. Mr Mantripp nahm sich des roten Löwen, restaurierte ihn von Kopf bis Fuß, und jetzt steht das Tier wieder in der High Street von High Wycombe.

The Red Lion kann auf eine lange Geschichte zurückblicken mit vielen Aufs und Abs. Besonders stolz dürfte der Löwe darauf sein, dass der berühmte Winston Churchill einmal nach dem Zweiten Weltkrieg direkt neben ihm eine Rede gehalten hat. Über 100 Jahre vorher, am 27. November 1832, stand an dieser Stelle auch schon einmal Benjamin Disraeli und hielt eine Wahlkampfrede. Viele Jahre stand der Löwe über dem Eingang des nach ihm benannten Hotels, das 1961 geschlossen wurde, und beobachtete die an- und abreisenden Gäste. Später zog die Kaufhauskette Woolworth mit einer Filiale hier ein und wieder stand er auf dem Eingangsportal. Das Tier musste leider auch etliche Schmerzen erleiden, als es im Januar 1990 von einem Sturm von seinem Podest gefegt und stark beschädigt wurde. Schon damals half ihm Colin Mantripp wieder auf die Beine und reparierte ihn. Später fiel sein Schwanz Vandalen zum Opfer, die ihn abbrachen.

Am 23. April 2017, dem St George’s Day, wurde der Red Lion in einer Zeremonie wieder auf sein Portal  gesetzt, rundumerneuert und voller Vorfreude auf das trubelige Leben in der High Street von High Wycombe.

Das Richard III Festival in Middleham (North Yorkshire)

Die Ruinen des Middleham Castles.
Photo © Peter Wood (cc-by-sa/2.0)

König Richard III (1452-1485) hat seine Spuren in der kleinen Stadt Middleham im Wensleydale in North Yorkshire hinterlassen, von denen man noch heute (tourismusmäßig) profitiert. Er wohnte eine Zeit lang in der Burg, deren Ruinen Wallfahrtsstätte für die zahlreichen Anhänger des Königs in der ganzen Welt sind. Die Richard III Society, die die Fahne des oftmals zu negativ dargestellten Herrschers hochhält, hat nach der Entdeckung seiner Gebeine unter einem Parkplatz in Leicester einen ungeahnten Zulauf an neuen Mitgliedern erfahren. Vom 30. Juni bis zum 2. Juli werden sich viele Fans des Königs beim Richard III-Festival in Middleham treffen, bei dem drei Tage lang ein mittelalterliches Treiben in der Stadt stattfinden wird. Der Programmablauf sieht folgendermaßen aus:

Freitag, der 30. Juni – Tagsüber finden sich viele Schulklassen auf dem Burggelände ein, die, in mittelalterliche Gewänder gehüllt, auf die „Re-enactors“ treffen, die ihr Zeltlager hinter den Burgruinen aufgeschlagen haben. Am Abend wird in der Kirche St Mary and St Alkelda in der Church Street ein mittelalterliches Konzert zu hören sein, bei dem die Trouvere Minstrels auftreten werden, das sind Paul Leigh und Gill Page, die sich auf diese Art Musik spezialisiert haben.

Samstag, der 1. Juli – Den ganzen Tag über ist rund um die Burg wieder Leben wie im Mittelalter angesagt mit vielen Buden und Ständen. Am Abend gibt es für Interessierte im Middleham Key Centre am Park Lane, einem Veranstaltungs- und Konferenzzentrum, Vorträge von Historikern über Richard III bezogene Themen.

Sonntag, der 2. Juli – Am Nachmittag werden die Vorträge vom Vorabend im Key Centre fortgesetzt, bei denen u.a. Philippa Langley und John Ashdown-Hill anwesend sind, die beide eine wesentliche Rolle bei der Suche nach dem Skelett Richards III und der späteren Auffindung gespielt haben.

Über Richard III und Middleham habe ich in meinem Blog schon mehrfach berichtet, u.a. weil meine Frau eine begeisterte Ricardianerin ist, die seit vielen Jahren Mitglied in der Richard III Society ist. Bei unseren Reisen durch England haben wir daher auch schon mehrmals in Middleham Station gemacht.

Hier ist ein Film über die hübsche Kleinstadt Middleham.

St Mary and St Alkelda.
Photo © Philip Platt (cc-by-sa/2.0)

Published in: on 17. Juni 2017 at 02:00  Schreibe einen Kommentar  
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Londons Protected Views

Blick vom Primrose Hill auf die Skyline von London.
Photo by DAVID ILIFF. License: CC-BY-SA 3.0

Die Innenstadt von London wächst rasant. Wenn man einige Jahre nicht in der Stadt gewesen ist und wieder zurückkommt, wird man immer wieder von neuen Gebäuden und Hochhäusern überrascht, die mittlerweile aus dem Boden geschossen sind. Um diese vielstöckigen Häuser  zu planen und zu bauen, mussten die Architekten auf die sogenannten „Protected Views“ Rücksicht nehmen, die verhindern, dass der Blick auf spezielle historische Gebäude zugestellt wird. Das sind vor allem die St Paul’s Kathedrale, der Palast von Westminster, die Tower Bridge und The Monument, die diesen besonderen Schutz genießen. Bereits 1938 traf die City of London diese Maßnahmen. Der aktuelle Stand der „Protected Views“-Richtlinien ist hier nachzulesen.

13 dieser Sichtkorridore sind von Stadtplanern zu berücksichtigen, so zum Beispiel:

Der Blick vom Primrose Hill auf St Paul’s und die Parlamentsgebäude.

Der Blick vom Parliament Hill (Hampstead Heath) auf St Paul’s und die Parlamentsgebäude.

Der Blick vom Alexandra Palace im Norden der Stadt auf St Paul’s Cathedral.

Der Blick vom Blackheath Point im Südosten auf die Kathedrale.

Da die Dichte der Hochhäuser im Stadtkern von London immer mehr zunimmt, stellt sich ständig die Frage, ob diese „Protected Views“ noch zeitgemäß sind, das heißt die Bauunternehmer stellen diese Frage. Zurzeit sind viele weitere Hochhäuser mit mehr als 20 Stockwerken in der Planung; kann man da diese Sichtkorridore auf Dauer noch einhalten? Schon sind zum Beispiel beim Bau des Shards gewisse Zugeständnisse gemacht worden. Das höchste Gebäude Europas liegt im „viewing corridor“ vom Kenwood House (Hampstead Heath).

Sieht London in den nächsten Jahren aus wie Dubai oder Shanghai? Viele Schritte dafür sind bereits getan. Dieser Film zeigt die Problematik des Baubooms auf.

 

Blick vom Parliament Hill. Das Foto ist schon etwas älter, das heißt mittlerweile sind noch weitere Hochhäuser entstanden.
Author: Chesdovi.
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St Clement’s Church in West Thurrock (Essex) – Eine Kirche mitten in einem Industriegebiet

 

St Clement’s of Procter & Gamble…oder so ähnlich.
Photo © Stephen Richards (cc-by-sa/2.0)

Immer wenn ich von Dartford in Kent kommend durch den Tunnel unter der Themse auf der anderen Seite in Grays (Essex) herauskomme, werde ich mit einer öden, tristen Industrielandschaft konfrontiert, die von Einkaufszentren, mehrspurigen Straßen und Fabrikgebäuden dominiert wird.
Inmitten dieser zersiedelten Landschaft steht eine Kirche, St Clement’s in West Thurrock, die sich verängstigt zwischen diese Industrieanlagen duckt und sich mit ihnen arrangiert hat.

Seit Jahrhunderten steht diese Kirche hier, bevor die Fabriken ihr auf die „Pelle“ rückten. Der Global Player Procter & Gamble, deren Gebäude direkt hinter der Kirche stehen, bekam Mitleid mit St Clement’s und nahm sie unter seine Fittiche. 1987 begannen die Renovierungsarbeiten, die von dem Konzern übernommen wurden.

1994 wurde die Kirche für Filmdreharbeiten verwendet und zwar filmte hier Regisseur Mike Newell die Beerdigungsepisode in dem Film „Four Weddings and a Funeral“ (dt. „Vier Hochzeiten und ein Todesfall“) mit Hugh Grant in der Hauptrolle.

Hier ist ein Film über die Kirche zu sehen und hier die entsprechende Szene aus dem Film „Four Weddings and a Funeral“.

St Clement’s ist nur an wenigen Tagen im Jahr für die Allgemeinheit geöffnet; in diesem Jahr noch am 1. und 2. Juli, 5. und 6. August, 2. und 3. September.

Ob der Heilige Clement den jetzigen Standort für die ihm geweihte Kirche wohl gut finden würde?
Photo © N Chadwick (cc-by-sa/2.0)

Published in: on 15. Juni 2017 at 02:00  Schreibe einen Kommentar  
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Tube Tales – Geschichten aus der Londoner U-Bahn

Die U-Bahnstation Bethnal Green.
Photo © Mike Quinn (cc-by-sa/2.0)

In der Regel ist eine Fahrt in der Londoner U-Bahn eher langweilig. Die Fahrgäste sitzen oder stehen in den Waggons und hoffen, bald an ihrem Ziel anzukommen. Man liest in der Zeitung oder in einem Buch, hört Musik über sein Smartphone und vermeidet möglichst Blickkontakte. Aber manchmal passiert doch etwas; etwas das im Gedächtnis haften bleibt. In den 1990er Jahren sammelte das Londoner Magazin „Time Out“ Geschichten von Menschen, die in der „Tube“, wie die U-Bahn in der Metropole genannt wird, ungewöhnliche Erlebnisse hatten und diese wurden als „Tube Tales“ verfilmt. Neun Kurzfilme entstanden, bei denen namhafte Leute die Regie führten, unter anderem die als Schauspieler bekannten Jude Law, Ewan McGregor und Bob Hoskins. Gedreht wurde 1999 in der Londoner U-Bahn, zum Beispiel in den Stationen Bethnal Green, Holborn und Marylebone.

Ich habe zwei von diesen neun Kurzfilmen herausgesucht; da ist einmal „Horny„, das unter der Regie von Stephen Hopkins entstand. In den beiden Hauptrollen sind Denise van Outen (vor allem als TV-Moderatorin und auch als Sängerin bekannt) und Tom Bell (1933-2006) zu sehen. In dieser erotischen Geschichte wird ein älterer Geschäftsmann von einer attraktiven jungen Frau so erregt, dass das deutlich zu erkennen ist. Sehr schön ist das Mienenspiel der alten Dame, gespielt von Liz Smith (1921-2016).

Sehr viel unappetitlicher geht es in „Mouth“ zu, bei dem Armando Giovanni Iannucci Regie führte. Hier mischt zuerst eine nervige Gruppe junger Mädchen den U-Bahnwaggon auf, bis eine junge Frau den Zug betritt und die Fantasien der anwesenden Männer wach werden lässt. Doch plötzlich wird alles ganz anders… Die Hauptrolle in diesem Film spielt die schottische Schauspielerin Daniela Nardini.

Holborn Tube Station.
Photo © Thomas Nugent (cc-by-sa/2.0)

 

Published in: on 14. Juni 2017 at 02:00  Schreibe einen Kommentar  
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Die Caldecote Towers in Bushey Heath (Hertfordshire) – Schauplatz mehrerer Filme und Sitz einer renommierten jüdischen Schule

This work has been released into the public domain.

Die an der Peripherie Londons gelegenen Filmstudios haben das Glück, direkt im Hinterland auf zahllose geeignete Drehorte für ihre Produktionen zurückgreifen zu können.Das gilt für die Pinewood Studios in Iver Heath (Buckinghamshire), die Shepperton Studios in Shepperton (Surrey) als auch für die Elstree Studios in Borehamwood (Hertfordshire). Als man in letzerem 1971 einen Ort suchte, um den Horrofilm „The Abominable Dr Phibes“ (dt. „Das Schreckenskabinett des Dr Phibes“) zu drehen, brauchte man nur wenige Kilometer nach Westen zu fahren, um auf der anderen Seite der Autobahn M1 an der Elstree Road in Bushey Heath (Hertfordshire) in den Caldecote Towers einen idealen Drehort vorzufinden. Die Hauptdarsteller Vincent Price und Joseph Cotton waren sicher froh, für die Dreharbeiten keine langen Strecken zurücklegen zu müssen.

Zwölf Jahre später wurden Teile des Abenteuerfilms „High Road to China“ (dt. „Höllenjagd bis ans Ende der Welt“) mit Tom Selleck in den Caldecote Towers gedreht. Auch für einige Episoden der TV-Serien „The Avengers“ (dt. „Mit Schirm, Charme und Melone“), „The Baron“ (dt. „Der Baron“), „Randall and Hopkirk (Deceased)“ (dt. „Randall & Hopkirk – Detektei mit Geist“) und „Inspector Morse“ (dt. „Inspektor Morse, Mordkommission Oxford“) verwendete man das denkmalgeschützte Haus an der Elstree Road.

In den um 1870 herum für Captain Marjoribanks Loftus Otway erbauten Caldecote Towers wohnte eine Zeit lang der Parlamentsabgeordnete Sir Robert Leicester Harmsworth , der nach dem Ersten Weltkrieg einige Jahre die weit entfernt in Schottland liegenden Wahlbezirke Caithness und Sutherland vertrat. Anschließend übernahmen die Dominikanerinnen das Haus und die Rosary Priory Catholic Girl’s School wurde gegründet. Seit 1990 findet man hier das Immanuel College, eine jüdische Schule für Mädchen und Jungen, benannt nach dem Gründer Immanuel Jakobovits (1921-1999).

 

The Black Castle in Brislington (Bristol) – Ein Folly, das jetzt als Pub dient

Wer in Brislington, einem Stadtteil von Bristol, den St Philips Causeway entlangfährt, der findet neben einem Supermarkt von Sainsbury plötzlich eine richtige Burg mit Türmen auf denen Fahnen wehen. Wer ist denn hier der Burgherr fragt man sich? The Black Castle ist ein Pub und ein Steakhaus, das zu der Kette der Flaming Grill Pubs gehört, und meines Wissens das einzige Gasthaus in Großbritannien, das aus schwarzer Schlacke erbaut worden ist.

The Black Castle war ursprünglich nicht als Pub konzipiert, sondern war ganz einfach ein Folly, das von 1745 bis 1755 für den Geschäftsmann William Reeve erbaut worde, aus dessen Gießerei die Schlacke für die Burg auch stammt. Über die Architekten des kuriosen Gebäudes herrscht eine gewisse Unklarheit. Zwei Namen stehen zur Debatte, der eine Zeit lang in Bristol ansässige James Bridges, der für den Bau der Bristol Bridge bekannt war (Nomen est omen!) und William Halfpenny, der ebenfalls eine Weile in Bristol zubrachte und im Südwesten des Landes einige Bauwerke schuf (zum Beispiel Stout’s Hill bei Uley).

Ursprünglich stand vor dem Black Castle noch ein Torbogen, der recht großspurig Arno’s Court Triumphal Arch genannt wurde, den man aber im Jahr 1912 rund hundert Meter weiter in die Junction Road verfrachtete, in eine kleine Sackgasse, wo der Torbogen noch heute steht.

The Black Castle ist geeignet für Leute mit großem Appetit, denn die Portionen sind gigantisch. Für den Flaming Challenge Burger sollte man vorher besser seinen Kiefer aushaken, und wer den verdrückt und noch immer Platz in seinem Magen hat, bietet sich als Dessert der Brain Freeze an, der aus 15 Kugeln Eis und diversen weiteren Zutaten besteht.

Black Castle
St Philips Causeway
Brislington
Bristol BS4 3BD

Arno’s Court Triumphal Arch in der Junction Road.
Photo © Maurice Pullin (cc-by-sa/2.0)

 

The Spirit of Ecstasy, Rolls Royce und Eleanor Velasco Thornton

The Spirit of Ecstasy nennt sich die Kühlerfigur der Autofirma Rolls Royce, deren Modelle ähnlich mysteriöse Namen führen wie Silver Wraith, Silver Seraph, Phantom oder Corniche. Als sich John Walter Edward Douglas-Scott-Montagu, 2nd Baron Montagu of Beaulieu, im Jahre 1910 einen Rolls Royce Silver Ghost zulegte, fehlte ihm etwas an dem Auto, eine Kühlerfigur, und so gab er sie bei dem Bildhauer Charles Robinson Sykes in Auftrag. Der Künstler schuf eine entsprechende Figur in Form einer jungen Dame in wallenden Gewändern, die einen Finger vor ihre Lippen hielt. Als Modell wählte Sykes eine Schauspielerin namens Eleanor Velasco Thornton, die damals für den Baron als Sekretärin arbeitete und lange Jahre seine Geliebte war, daher der Finger vor den Lippen der Figur, denn das Verhältnis der beiden war ein Geheimnis (Baron Montague of Beaulieu war verheiratet). „The Whisper“ wurde denn die Kühlerfigur auch genannt.

Auch andere Rolls Royce-Besitzer schmückten die Kühler ihrer Autos mit personalisierten Figuren, was der Herstellerfirma aber nicht gefiel, man wollte etwas Eigenständiges, das auf jeden verkauften Rolly Royce gehörte. Also wandte sich Claude Johnson, der damalige Direktor der Firma, wieder an Charles Robinson Sykes, damit er eine Standard-Kühlerfigur für alle Autos aus seinem Haus schaffen sollte. Dieser nahm sich „The Whisper“ vor und modifizierte sie; wieder stand Eleanor Velasco Thornton Modell, und 1911 präsentierte er sein Werk der Firma Rolls Royce, die es übernahm.

„The Spirit of Ecstasy“ gab es später noch in abgewandelten Versionen, zum Beispiel knieend. Bei den heutigen Rolls Royce-Modellen kann man die Kühlerfigur per Knopfdruck versenken, denn sie ist diebstahlgefährdet; außerdem zieht sie sich bei einem Aufprall automatisch in den Motorraum zurück. Dieser Film zeigt die Herstellung des Ornamentes.

Eleanor Velasco Thornton kam am 30. Dezember 1915 auf tragische Weise ums Leben, als sie zusammen mit ihrem Geliebten an Bord des Schiffes SS Persia auf dem Mittelmeer unterwegs war. Ein deutsches Torpedo versenkte das Schiff und Hunderte von Menschen ertranken, darunter auch Miss Thornton; Baron Montague of Beaulieu überlebte. Sein Enkel, Ralph Douglas-Scott-Montagu, ist heute der vierte Baron of Montague of Beaulieu, und auf dem Familiensitz in Hampshire befindet sich das National Motor Museum. Das große Interesse an Autos hat sich also über Jahrzehnte erhalten.

Der Rapper Gill Graff aus Florida hat sich Eleanor Velasco Thornton und ihrer Rolle als Kühlerfigur in seinem Song „Eleanor“ angenommen („Go ahead spread your wings dear Eleanor But before I go I’m trying to get to know you Will you ever fucking know?“).

 

Englische Exzentriker – John Camden Neild: Geizhals und Multimillionär

5, Cheyne Walk im Londoner Stadtteil Chelsea. Hier wohnte John Camden Neild.
Author: Edwardx
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In der Welt der englischen Exzentriker gab es immer wieder Männer, deren Bankkonto prall gefüllt war, die aber wie heruntergekommene Landstreicher lebten. Ich denke da vor allem an John Elwes, über den ich in meinem Blog schon einmal berichtete. Eine ähnliche Figur war John Camden Neild, der von 1780 bis 1852 lebte. Er erbte von seinem Vater rund £250 000, was in der damaligen Zeit ein riesiges Vermögen war. Doch statt sich von dem Geld ein angenehmes Leben zu machen, hortete er es und versuchte es zu vermehren.

John Camden Neild hatte eine gute Ausbildung in Eton und am Trinity College in Cambridge genossen und arbeitete in London als Rechtsanwalt. Eigentlich waren das alles gute Voraussetzungen für eine erfolgreiche Karriere, aber Neild hatte andere Pläne. Geldausgeben war nicht sein Ding, er entwickelte sich zu einem Geizhals par excellence. In seinem großen Haus dicht an der Themse, Nummer 5 Cheyne Walk im Stadtteil Chelsea, dort, wo heute der High Commissioner von Zypern residiert, fristete Neild ein erbärmliches Leben. In den Räumen des Hauses standen fast keine Möbel, was eigentlich auch überflüssig war, denn er bewohnte nur einen einzigen Raum, in dem er auf dem Fußboden schlief. Kleider spielten für Neild so gut wie keine Rolle, er trug uralte Klamotten, die er nie ausbürstete, denn das könnte ihnen ja schaden. Auch im Winter war er ohne Mantel unterwegs, denn die Anschaffungskosten dafür wollte er sich ersparen. Wenn er seine weitläufigen Güter außerhalb Londons besuchte und die Pacht kassierte, tat er das meistens zu Fuß und wohnte dann bei seinen Pächtern, was ihn nichts kostete und die Verpflegung bekam er dann auch gratis.

Als er einmal das Dach der Kirche St Mary’s in North Marston (Buckinghamshire) neu decken lassen musste (es führte kein Weg daran vorbei, denn die Kirche stand auf seinem Grund und Boden), beaufsichtigte er die Arbeiter oben auf dem Dach, damit sie ja nichts von dem bereitgestellten Material (es handelte sich dabei um das billigstmögliche) für sich abzweigten.

Hier in der Kirche fand John Camden Neild auch seine letzte Ruhestätte, nachdem er am 30. August 1852 in seinem Londoner Haus gestorben war. In seinem Testament hinterließ er sein Vermögen, das sich inzwischen auf £500,000 angesammelt hatte, an Königin Victoria, die sich über diesen unerwarteten Geldregen natürlich sehr freute. Umgerechnet nach heutigem Wert waren das etwa £25 Millionen. Sie kannte Neild gar nicht, aber um sich nachträglich bei ihm zu bedanken, ließ sie in St Mary’s in North Marston den Altarraum, unter dem der Geizhals beigesetzt worden war, neu herrichten und ein Glasfenster zu seiner Erinnerung einbauen. Hier kann man das Glockengeläut von St Mary’s hören.

Was hatte damals Queen Victoria mit dem Geld gemacht? Da gibt es mehrere Vermutungen, darunter den Kauf des Balmoral Castles in Schottland, den Bau des Frogmore-Mausoleums oder die Bestreitung der immensen Ausgaben für die Hochzeiten ihrer Kinder.

North Marston liegt zwischen Aylesbury und Winslow, etwas abseits der A413, die die beiden Orte verbindet.

St Mary’s in North Marston (Buckinghamshire).
Photo © Bikeboy (cc-by-sa/2.0)

Das Glasfenster im Altarraum von St Mary’s, das Queen Victoria in Auftrag gab.
Photo © Basher Eyre (cc-by-sa/2.0).

 

 

Published in: on 10. Juni 2017 at 02:00  Schreibe einen Kommentar  
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Das letzte Duell in England fand 1852 bei Englefield Green in Surrey statt

Priest Hill, nördlich von Englefield Green.
Photo © David Howard (cc-by-sa/2.0)

Ganz in der Nähe vom John F. Kennedy Memorial und der Magna Charta Island, dort, wo heute die A328 verläuft, die hier Priest Hill heißt, fand im Jahr 1852 das letzte tödlich verlaufende Duell auf englischem Boden statt. Nördlich des Ortes Englefield Green trafen zwei aus ihrem Heimatland Frankreich geflüchtete Männer aufeinander, der Revolutionär Emmanuel Barthélemy und der Marineleutnant Frederic Cournet. Angeblich soll Cournet Bemerkungen über Barthélemys Freundin gemacht haben, die diesem nicht passten, und so forderte er den Leutnant zum Pistolenduell heraus. Man einigte sich darauf, aus einem Abstand von vierzig Schritten aufeinander zu schießen, jeder hatte zwei Schüsse frei. Sollte keiner von beiden treffen, würden Schwerter zum Einsatz kommen. Cournet schoss daneben, dafür landete Barthélemy einen Volltreffer, nachdem seine Waffe zweimal versagt hatte. Cournet wurde tödlich verletzt und in das Gasthaus The Barley Mow nach Englefield Green gebracht, wo er an seinen Verletzungen starb. Sein Gegner hatte sich unterdessen mit seinen Sekundanten vom Acker gemacht und war nach London geflohen, wo ihn bald die Metropolitan Police festnahm. Vor Gericht wurde Barthélemy wegen Mordes angeklagt, kam aber mit einer Strafe wegen Totschlags davon. Nach wenigen Monaten gelangte er wieder auf freien Fuß. Ein Fehler, denn zwei Jahre später stand er wieder vor Gericht…wegen Mordes an seinem Arbeitgeber und an einem Mann, der ihn hindern wollte, den Schauplatz des Verbrechens zu verlassen. Dieses Mal kam Barthélemy aber nicht so glimpflich davon. Er wurde zum Tod durch den Strang verurteilt; ausgeführt am 22. Januar 1855 im Gefängnis von Newgate. Wäre es ein Trost für Emmanuel Barthélemy gewesen, wenn er gewusst hätte, dass man ihn in Madame Tussauds Wachsfigurenkabinett eine Zeit lang zur Schau gestellt hat?

Im Jahr 2010 wurde ein zwölfminütiger Film mit dem Titel „Le dernier duel“ produziert, in dem das Geschehen von Englefield Green noch einmal nachvollzogen wurde.

The Barley Mow in Englefield Green.
Photo © Basher Eyre (cc-by-sa/2.0)

Published in: on 9. Juni 2017 at 02:00  Schreibe einen Kommentar  

The Gnome Reserve in West Putford (Devon) – Ein Paradies für Gartenzwergliebhaber

The Gnome Reserve in West Putford im Norden der Grafschaft Devon ist ein Ort, den jeder Gartenzwergliebhaber einmal gesehen haben muss. Über 1000 männliche und weibliche Zwerge leben hier mitten im Grünen und damit die menschlichen Besucher sich dem Lebensumfeld der „Gnomes“ etwas anpassen können, dürfen sie sich beim Betreten des Parks kostenlos Zwergenmützen ausleihen.

Die Zwerge wohnen in einem Waldgebiet, zwischen wilden Blumen und Wiesen, einem kleinen Flüsschen und einem Teich; also alles ist optimal für sie hergerichtet.

In einem Museum gibt es Zwerge älterer Bauart zu besichtigen, für die ein Aufenthalt in freier Natur inzwischen zu anstrengend wäre. Einige der „Gnomes“ kann man auch kaufen und mit nach Hause nehmen und selbstverständlich gibt es hier auch Erfrischungen und kleine Snacks aus der Zwergenküche.

Wie die Homepage des Gnome Reserve stolz verkündet, waren hier schon Fernsehteams aus der ganzen Welt zu Besuch; aus Deutschland das ZDF und Pro7.
Der Eintritt kostet für Erwachsene £3.75 und für Kinder £3.25. Geöffnet ist „The Gnome Reserve“ vom 21. März bis zum 31. Oktober, danach ist es für die Zwerge (und die Besucher) zu kalt. Hier ist ein Film über das Land der Zwerge.

Siehe zum Thema auch meinen Blogeintrag „Sir Charles Isham und die Gartenzwerge

The Gnome Reserve
West Putford
Nr Bradworthy
Devon
EX22 7XE

Published in: on 8. Juni 2017 at 02:00  Schreibe einen Kommentar  
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The Lantern Pike Inn in Little Hayfield (Derbyshire) – Ein Mordfall und der Start einer Fernsehserie

„CAMRA Pub of the Season for Winter 2015/16“ steht über dem Eingang des Lantern Pike Inn in Little Hayfield am westlichen Rand des Peak Districts in der Grafschaft Derbyshire.  Die A624 zieht auf ihrem Weg von Glossop nach Chapel-en-le-Frith direkt am Pub vorbei, früher einmal ein Bauernhof, der 1844 in ein Gasthaus umgewandelt wurde. „Relaxing retreat from the surrounding moors of Kinder Scout, with reasonably priced food“, meint der Good Pub Guide 2017.

Am 11. November 1927 ereignete sich hier ein Mordfall, der als „The Lonely Inn Murder Case“ in die englische Kriminalgeschichte eingegangen ist. The New Inn hieß das Gasthaus damals noch und die Besitzer waren Arthur und Amy Collinson. Als an einem trüben Herbstabend Arthur Collinson nach Hause kam (er arbeitete nebenbei noch in Glossop), fand er seinen Pub unbeleuchtet und verschlossen vor. Im Inneren entdeckte er seine Frau, in einer Blutlache liegend; man hatte ihr den Hals durchgeschnitten. Schnell fiel der Verdacht auf den 32jährigen George Frederick Walter Hayward, ein „regular“ des Pubs, der sich hochverschuldet hatte. £40 fehlten von den Einnahmen des Pubs und bei einer Hausdurchsuchung fand die Polizei £30 im Kamin Haywards versteckt; auch die Tatwaffe konnte sichergestellt werden. Obwohl er seine Unschuld beteuerte, wurde Hayward vor Gericht gestellt, zum Tode verurteilt und im März 1928 in Nottingham von Albert Pierrepoint aufgehängt.

The Lantern Pike Inn erlangte allerdings durch ein anderes Ereignis eine gewisse Berühmtheit. Tony Warren, ein Drehbuchschreiber, schrieb im Jahr 1960 hier die ersten Episoden der Seifenoper „Coronation Street„, die vom Sender ITV seit dem 9. Dezember 1960 bis heute ausgestrahlt wird und damit die am längsten laufende Fernsehserie der Welt ist. Warren nahm sich damals einige der Dorfbewohner von Little Hayfield als Vorbild für seine Charaktere in der Serie. Im Inneren des Pubs hängen einige Coronation Street-Memorabilia an den Wänden, und man ist sehr stolz darauf, die Wiege für diese äußerst erfolgreiche Sendung zu sein, von der bis jetzt etwa 9180 Folgen gezeigt worden sind.

Timothy Taylor’s Landlord wird im Lantern Pike Inn gezapft, das Bier aus jener Brauerei aus Keighley in West Yorkshire, über die ich in meinem Blog einmal berichtete.

The Lantern Pike Inn
45 Glossop Road
Little Hayfield
High Peak
Derbyshire
SK22 2NG

Die Shipley Windmill in West Sussex – Ehemals Eigentum eines berühmten Schriftstellers und Drehort für eine Fernsehserie

Shipley in West Sussex ist ein kleines Dorf, das sich über eine sehr schöne Windmühle erfreuen kann, die 1879 erbaut wurde. Bis 1926 war sie in Betrieb, dann fiel sie in einen Dornröschenschlaf von dem sie 1958 erweckt wurde, als man sie für interessierte Besucher öffnete. Der Shipley Windmill Charitable Trust kümmerte sich um den Erhalt der Windmühle, in die immer wieder viel Geld gesteckt werden musste. Leider ist die Shipley Windmill, oder King’s Mill wie sie auch genannt wird, seit geraumer Zeit für Besucher geschlossen.

Der englische Schriftsteller Hilaire Belloc (sein Vater war Franzose, daher der Name) war ein glühender Verehrer von Sussex und verbrachte hier den größten Teil seines Lebens. 1906 ließ er sich in Shipley nieder und kaufte King’s Land, eine große Länderei, zu der auch die Windmühle gehörte. Belloc verpachtete sie an den Müller Ernest Powell, der sie dann bis zum Schluss bewirtschaftete. Der Schriftsteller, der seine meisten Werke hier in West Sussex verfasste, war sehr produktiv. Neben Romanen, Kurzgeschichten und Gedichten schrieb er auch Sachbücher und Biografien, zum Beispiel über Richelieu, Danton und Napoleon. Seinem geliebten Sussex widmete er ebenfalls mehrere Bücher wie „The Four Men: A Farrago“ (1911), der Bericht über eine 140 Kilometer lange Fußwanderung durch die Grafschaft in romanhafter Form. Belloc fühlte sich in Shipley sehr wohl und seine Mühle soll er auch sehr geliebt haben.

Die Produzenten der BBC-Mystery-Krimiserie „Jonathan Creek“ bzw deren Location Scouts entdeckten die Shipley Windmill und verwendeten sie als Drehort. Jonathan Creek, gespielt von Alan Davies, ist Berater und Ideengeber für einen Bühnenzauberer, und hilft der Polizei immer wieder bei mysteriösen Kriminalfällen, die auf den ersten Blick unerklärlich zu sein scheinen. Hier ist ein Trailer zu der Serie und hier die Episode „Danse Macabre“.

Dieser Film zeigt den Ort Shipley und die Windmühle aus der Luft.

Nicola Metcalfe – Eine junge Künstlerin aus Buckinghamshire

With friendly permission of Nicola Metcalfe.

In der Mai-Ausgabe des Magazins „Buckinghamshire Life“ fand ich eine kleine Notiz, dass in der Öffentlichen Bibliothek von Bourne End eine Ausstellung mit Werken der Künstlerin Nicola Metcalfe stattfindet, die den Titel „Mrs Metcalfe in the Library with a Paintbrush!“ trägt. Da ich den Namen der Künstlerin bisher noch nicht kannte, suchte ich ihre Webseiten auf und war sehr angetan von dem, was sie bisher geschaffen hat. Besonders begeistert war ich von dem Druck „We Are UK„, den ich mir sofort bestellte und der jetzt in meinem Wohnzimmer hängt. Auf dem DIN-A1-Druck sind die Umrisse Großbritanniens zu sehen, die mit zahllosen Symbolen für die einzelnen Orte und Regionen gefüllt sind. Man kann sich dieses wunderschöne Bild stundenlang ansehen und entdeckt immer wieder etwas Neues. „From its architecture, animals and eccentricities to historical figures or contemporary music, this unique picture has a little bit of everything„, erklärt Nicola Metcalfe ihr Werk. Ein Geschenk für jeden Fan Großbritanniens: Es ist auf 100 Exemplare limitiert.

Ähnlich gestaltet ist ein Geschirrhandtuch mit dem Titel „Let’s go up the river„, auf dem Themse-Motive von der Quelle bis zur Mündung zu sehen sind, auch auf einer Leinwand erhältlich.

Weiterhin hat Nicola Metcalfe Kunstwerke angefertigt in denen London, Henley-on-Thames und Marlow im Mittelpunkt stehen; so gibt es in der Henley-Serie einen „Regatta mug“ und einen DIN-A2-Druck. Für ihren Wohnort Marlow hat die Künstlerin ebenfalls einen sehr schönen Druck gestaltet, auf dem u.a. wichtige Gebäude zu sehen sind wie die Themsebrücke und die All Saints Church.

Nicola Metcalfe hat ihre Werke bisher überwiegend in Buckinghamshire und angrenzenden Grafschaften ausgestellt wie zum Beispiel in der renommierten Henley Business School. Jetzt im Juni ist sie zum wiederholten Mal bei den Bucks Open Studios vertreten, einer Veranstaltungsreihe, bei der Künstler ihre Studios öffnen und Ausstellungen in der ganzen Grafschaft Buckinghamshire stattfinden.

Nicola Metcalfe hat ihr Atelier nicht direkt in der Stadt Marlow sondern in Marlow Bottom, das ist ein Straßendorf, das sich nördlich der Themsestadt hinzieht. Hier lebt sie zusammen mit ihren beiden Kindern und drei Hühnern wie es auf ihren Webseiten zu erfahren ist.

Ich finde Nicolas Werke großartig!! Man kann sie problemlos über ihre Homepage bestellen.

Nicola Metcalfes „We are UK“ in meinem Wohnzimmer.
Eigenes Foto.

 

Published in: on 5. Juni 2017 at 02:00  Schreibe einen Kommentar  
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Mein Buchtipp – Gareth Rubin & Jon Parker: Crap Days Out

Foto meines Exemplares.

Foto meines Exemplares.

Schon das Umschlagbild dieses wunderschönen Buches ist gelungen: Ein kleines Mädchen mit einer Tüte Eis in der Hand am Meer, das offensichtlich überhaupt keine Lust hat, hier seine Ferien zu verbringen.

Crap Days Out“ von Gareth Rubin und Jon Parker listet die Orte in Großbritannien auf, für die es sich nicht lohnt, dort extra hinzufahren. Mit trockenem Humor schildern sie ihre Besuche (nach Regionen geordnet) dieser „Sch…orte“ und beginnen gleich mit Stonehenge in Wiltshire: „Is that it then? Seriously? Bollocks, we should have gone to Bath after all“.

Über das Londoner Anaesthesia Heritage Museum:“ „Mum. Can we go to the Anaesthesia Heritage Museum? Pleeeeease?!““  Words you will never hear. Never“.

Cadbury World in Birmingham: „Cadbury World is the chocolate factory visit that does not include a visit to the chocolate factory“.

Sheffield: „When the „Full Monty“ hit British cinemas in 1997, the residents of Sheffield, where it was set, were outraged at the depiction of their town as some depressed, poverty-stricken slum populated by overweight former steelworkers  living in hovels with outside toilets. Their anger was justified because Sheffield is far worse than that“.

Madame Tussauds in London: „By rights, spending £ 25 for an hour of looking at shop dummies dressed as quite famous people should be the sort of thing you do when you have exhausted every – every – other activity on the planet“.

Ein sehr empfehlenswertes Buch für einige vergnügliche Stunden!

Gareth Rubin & Jon Parker: Crap Days Out. John Blake 2011. 276 Seiten. ISBN 978-1843584056.

Stonehenge…das heißt, die Toiletten am Parkplatz.
Photo © Scriniary (cc-by-sa/2.0)

Cadbury World in Birmingham.
Photo © Oliver Mills (cc-by-sa/2.0).

Ein verlassenes Haus in Sheffield.
Photo © Dave Pickersgill (cc-by-sa/2.0).

Madame Tussauds an der Marylebone Road in London.
Photo © Steve Daniels (cc-by-sa/2.0).

Meine Lieblings-Pubs – The Coal Hole am Londoner Strand

91/92 Strand lautet die Adresse des Londoner Pubs The Coal Hole, den wir an einem Abend aufsuchten, bevor wir im gegenüberliegenden Vaudeville Theatre eine Aufführung besuchten. Der zu der Nicholson-Gruppe gehörende Pub ist Teil des Geländes des berühmten Savoy-Hotels und hier im Keller sollen einmal die Kohlevorräte für das Hotel gelagert worden sein, daher der Name. Von der Themse aus wurden früher die Kohlensäcke hergeschleppt und da diese Tätigkeit durstig machte, tranken die Träger gern das eine oder andere Bier im Pub.

Gilbert und Sullivan, die beiden Schöpfer von komischen Opern, traten in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts häufig im The Coal Hole auf und erfreuten die Biertrinker mit ihrer Musik. Da an der Straße Strand und in der Umgebung schon immer viele Theater angesiedelt waren, entwickelte sich The Coal Hole zu einem Treffpunkt von Schauspielern und anderen Theaterleuten, die hier gern nach den Aufführungen den Abend ausklingen ließen. Einer dieser Schauspieler war Edmund Kean (1787-1833), der damals internationale Erfolge verbuchen konnte. Kean war ein Exzentriker, der durch seinen extravaganten Lebenswandel für Schlagzeilen sorgte. Er hielt sich einen Löwen als Haustier, hatte Liebschaften mit verheirateten Frauen und war dafür bekannt, mit seinem Pferd wie ein Wilder durch die Gegend zu reiten.

Bei einem seiner vielen Besuche im Coal Hole hatte Edmund Kean die Idee, einen Club zu gründen, den er The Wolf Club nannte. Mitglied konnte jeder Mann werden, dem seine Frau ihm das Singen zuhause in der Badewanne verbot. Wie die Clubmitglieder das beweisen mussten, ist mir nicht bekannt; vielleicht genügte ja das Ehrenwort eines Gentleman.

Mir gefiel die Inneneinrichtung des Pubs sehr gut, mit dem schönen Bartresen, der Galerie, dem Kamin und dem Durchgang zu Edwards Wine Bar, eine Hommage an den großen Schauspieler.

Das benachbarte Savoy Hotel.
Photo © N Chadwick (cc-by-sa/2.0).

 

Published in: on 3. Juni 2017 at 07:45  Schreibe einen Kommentar  
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Jaywick Sands in Essex – Einer der problematischsten Orte des Königreichs

Die Strandstraße Brooklands in Jaywick Sands.
Photo © Hamish Griffin (cc-by-sa/2.0)

„Nur ein paar Schritte von Clacton-on-Sea entfernt liegt eine weitere UKIP-Hochburg, Jaywick, ein Ort, der zu den heruntergekommendsten des Landes gehört (hier ist eine Fotoserie). Hohe Arbeitslosigkeit, niedrige Einkommen, geringe Lebensqualität, leerstehende Häuser sind die Merkmale dieser Bungalow-Siedlung, die vom Staat offensichtlich vergessen worden ist; hier liebt man das politische Programm der UKIP, die vehement für eine Änderung des derzeitigen Wahlrechts kämpft. Wer könnte ihr das verdenken?“

Diese Worte schrieb ich vor einiger Zeit in meinem Blog, als es um das Thema Clacton-on-Sea und den einzigen Parlamentsabgeordneten der UKIP-Partei ging. Jaywick Sands liegt in den Statistiken der ärmsten Regionen des Landes immer ganz vorn und hat es (noch) nicht geschafft, aus dieser Abwärtsspirale wieder herauszukommen. Dabei fing eigentlich alles ganz gut an, als in den 1930er Jahren hier direkt am Strand von Essex Ferienhaussiedlungen gebaut wurden, die hauptsächlich die Londoner Bevölkerung nutzte. Nach dem Zweiten Weltkrieg, als Wohnungsmangel herrschte, verwendete man die Ferienhäuser immer häufiger als Dauerwohnsitze, wofür sie aber nicht gedacht bzw. gebaut worden waren. Es gab sogar Bestrebungen, den ganzen Ort platt zu machen, aber die Bewohner wehrten sich dagegen, mit Erfolg.

Erst in den 1970er Jahren installierte man ein Abwassersystem in Jaywick Sands. Viele Häuser wurden immer unansehnlicher, es fehlte an Geld, diese wieder herzurichten, und auch Geschäfte und Pubs schlossen ihre Pforten. Die Arbeitslosigkeit kletterte in Rekordhöhen, damit verbunden die Zunahme an Drogenmissbrauch und Kriminalität.
Besonders schlimm sieht es auf der Strandstraße Brooklands und auf den umliegenden Straßen aus.

Gibt es Hoffnung auf eine Veränderung? Vielleicht. Private Investoren wollen neue Häuser errichten lassen, der Essex County Council hat über £5 Millionen zur Verfügung gestellt, um Brooklands und die anderen maroden Straßen zu sanieren, der lange geschlossene Pub Never Say Die am Broadway wurde im letzten Jahr renoviert und wieder geöffnet. Die vom Essex County Council geschlossene Bibliothek hat man mit vielen Freiwilligen wieder ins Leben gerufen und sie mit Buchspenden bestückt. Also, es scheint sich etwas zu tun in Jaywick Sands.

Zur Klarstellung: Jaywick Sands ist nur ein Teil des Ortes Jaywick und es sieht hier nicht überall so schlimm aus.

Hier ist ein Film der BBC aus dem Jahr 2010.

Der ehemalige Mermaid Inn in Jaywick Sands.
Photo © Phil Gaskin (cc-by-sa/2.0)

Published in: on 2. Juni 2017 at 02:00  Comments (1)  
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Siouxsie & The Banshees: „Hong Kong Garden“ oder wie ein Imbiss in Chislehurst einen Song beeinflusste

Chislehurst High Street.
Photo © David Martin (cc-by-sa/2.0).

Susan Janet Ballion, später besser bekannt als Siouxsie Sioux, wurde 1957 in London geboren und verbrachte ihre Kindheit und Jugend in Chislehurst, einem Vorort im Südosten der Hauptstadt; dort wohnte sie in der Woodside Avenue. Zusammen mit Steven Severin gründete sie 1976 die Rockgruppe Siouxsie & The Banshees, die der Post-Punk-Szene zuzurechnen ist. Bis 1996 bestand die Band, dann löste sie sich auf. Auch dieser Formation half der BBC-DJ John Peel und förderte ihre Karriere, indem er immer wieder einen Song mit dem Titel „Hong Kong Garden“ spielte, der am 18. August 1978 veröffentlicht wurde und es bis auf Platz 7 der britischen Single-Charts schaffte. Damit begann die Erfolgskurve der immer wieder in schrillem Outfit auftretenden Siouxsie Sioux und ihrer männlichen Begleiter.

„Hong Kong Garden“ wurde nach einem chinesischen Imbiss in der High Street von Chislehurst benannt, den Susan Janet Ballion in ihrer Heimatstadt gern aufsuchte. Die Band widmete ihren Song diesem Chinese Take-Away, weil sie alle mit ansehen mussten wie die Besitzer des kleinen Ladens von Skinheads angepöbelt und in übelster Form beschimpft wurden, nur weil sie Ausländer waren.

„Slanted eyes meet a new sunrise
A race of bodies small in size
Chicken Chow Mein and Chop Suey
Hong Kong garden takeaway
Hong Kong garden“

So heißt die letzte Zeile des Songs, der ursprünglich „People Phobia“ hieß. Es gibt noch immer einen chinesischen Imbiss an dieser Stelle in der High Street Nummer 101 von Chislehurst, der heute aber Noble House heißt.

„Hong Kong Garden“ ist einer jener Ohrwürmer, den man nicht so schnell wieder aus dem Kopf bekommt. Das muss wohl auch die amerikanische Regisseurin Sofia Coppola so empfunden haben, denn sie verwendete den überarbeiteten Song in ihrem Spielfim „Marie Antoinette“ (2006) in einer grandiosen Maskenball-Szene.

Die Woodside Avenue in Chislehurst, in der Siouxsie Sioux lebte.
Photo © Alex McGregor (cc-by-sa/2.0).

Published in: on 1. Juni 2017 at 02:00  Schreibe einen Kommentar  
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