„N or M?“ oder Wie Agatha Christie einmal vom britischen Inlandgeheimdienst MI5 unter die Lupe genommen wurde

Foto meines Exemplares.

Den Namen Bletchley Park kannte im Zweiten Weltkrieg kaum jemand, was auch absolut im Sinn der Bewohner bzw der dort arbeitenden war, denn was hier hinter verschlossenen Türen passierte, war Top Secret. In das Herrenhaus in Buckinghamshire hatte man die fähigsten und kreativsten Köpfe des Landes zusammengezogen, um den Enigma-Code zu knacken, mit dem der Nachrichtenverkehr der deutschen Wehrmacht verschlüsselt war… und es gelang ihnen. Unter vielen anderen waren Alan Turing und Dillwyn Knox an der Entschlüsselung des Codes beteiligt. Erst viele Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs wurde bekannt, was sich da in Bletchley Park abgespielt hatte. Einige Militärhistoriker sind sogar der Meinung, dass durch die Entschlüsselung, der Krieg etwa zwei Jahre abgekürzt werden konnte.

1941 wurde der britische Inlandsgeheimdienst MI5 auf ein Buch aufmerksam, das in diesem Jahr veröffentlicht worden war und den Titel „N or M?“ trug (vier Jahre später erschien die deutsche Übersetzung unter dem Titel „Das Haus der Mrs. Perenna„, 1960 in „Rotkäppchen und der böse Wolf“ umbenannt). Autorin war die berühmte Agatha Christie. Das Buch gehört zu der in Deutschland weniger bekannten Tommy und Tuppence Beresford-Serie und ist ein Spionagethriller.

Sehr merkwürdig fand der Geheimdienst, dass eine der Personen im Roman Major Bletchley heißt, ein unangenehmer Mensch, der früher in Indien gedient hatte. War der Name zufällig von Agatha Christie gewählt worden oder steckte mehr dahinter? Als der MI5 herausbekam, dass die Dame auch noch freundschaftliche Beziehungen zu Dillwyn Knox hatte, einem der führenden Codeknacker in Bletchley Park, schrillten die Alarmglocken bei den Geheimdienstmitarbeitern. Hatte Knox da aus dem Nähkästchen geplaudert und der Queen of Crime einige Informationen zugesteckt? An Agatha Christie selbst mochte man nicht herantreten und sie befragen, bestand doch die Gefahr, dass dann das Geheimnis von Bletchley Park in die Öffentlichkeit getragen wurde, was man unter allen Umständen vermeiden wollte. Also nahm man sich Dillwyn Knox vor, der abstritt, jemals mit ihr über seine Arbeit gesprochen zu haben. Er erklärte sich bereit, ein Gespräch mit der Schriftstellerin zu führen, um vorsichtig auszuloten, ob sie etwa zuviel wusste und warum sie ihre Romanfigur Major Bletchley genannt hatte. Knox lud sie zum Tee in sein Haus in Naphill in Buckinghamshire ein und erfuhr zu seiner großen Erleichterung, dass der Name des Majors auf einer kleinen Begebenheit beruhte, die die Crime Lady auf dem Bahnhof von Bletchley erlebt hatte. Sie war mit dem Zug von Oxford nach London unterwegs gewesen und strandete dort für eine erhebliche Zeit, weil ihr Zug nicht weiterfahren konnte. Der unfreiwillige Aufenthalt auf dem Bahnsteig von Bletchley erzürnte Agatha Christie, und sie wollte auf ihre Weise Rache an dem Ort nehmen, indem sie eine ihrer weniger erfreulichen Romanfiguren nach ihm benannte. Das klang für Dillwyn Knox sehr glaubhaft, und er konnte den MI5-Leuten Entwarnung geben. Dort war man ebenso erleichtert, und Bletchley Park blieb auch weiterhin eine Einrichtung, die unter höchster Geheimhaltungsstufe arbeiten konnte.

Bletchley Park Mansion.
Photo © David P Howard (cc-by-sa/2.0)

Eine alte Aufnahme des Bahnhofs von Bletchley, auf dem Agatha Christie gestrandet war.
Photo © Ben Brooksbank (cc-by-sa/2.0)

Bletchley Railway Station heute.
Photo © Roy Hughes (cc-by-sa/2.0)

 

Published in: on 15. Dezember 2018 at 02:00  Comments (1)  
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  1. […] Romane „The Secret Adversary“ (dt. „Ein gefährlicher Gegner“) und „N or M?“ (dt. „Rotkäppchen und der böse […]


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