Wie die „Französische Revolution“ am Londoner Kensington Square einmal in Flammen aufging

Hier am Kensington Square Nummer 18 wohnte John Stuart Mill.
Author: Spudgun 67
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John Stuart Mill (1806-1873) war einer der ganz großen Denker und Ökonomen des 19. Jahrhunderts. Er wurde in London geboren und lebte am Kensington Square Nummer 18, einer sehr guten Wohngegend mit architektonisch sehenswerten Häusern. 1834 wurde er von seinem Verleger angesprochen, ob er daran interessiert wäre, ein Buch über die Französische Revolution zu schreiben. Interessiert war Mill schon, aber er hatte keine Zeit, da er sich damals gerade mit anderen Dingen beschäftigte. Aber sein Freund, der Historiker Thomas Carlyle (1795-1881), der auch in London lebte, und zwar am Cheyne Walk, die heutige Nummer 24, hätte vielleicht Lust dazu…und der hatte, auch weil er gerade Geld brauchte, und so stürzte sich der Schotte in die Arbeit, den größten Teil des Jahres 1834 recherchierte er und schrieb oft bis in die tiefe Nacht hinein. „The French Revolution“ war auf drei Bände angelegt, und als Carlyle den ersten Band fertig hatte, übergab er das natürlich handgeschriebene Manuskript an seinen Freund John Stuart Mill, mit der Bitte es durchzulesen und seine Meinung dazu zu sagen. Mill kam dem gern nach und nahm es mit nach Hause zum Kensington Square. Dort lag es nicht lange, denn sein Dienstmädchen, die des Lesens unkundig war und den Auftrag hatte, den Kamin anzuzünden, sah die vielen Blätter Papier und dachte sich, die eignen sich doch hervorragend dazu, und so ging die Französische Revolution sozusagen in Rauch und Asche auf. Als Mill das mitbekam, war er außer sich. Wie sollte er das seinem Freund beibringen? Die monatelange Arbeit alles umsonst?

John Stuart machte sich auf zu seinem Canossagang in den Cheyne Walk, wo er Carlyle das Missgeschick beichtete. Der nahm das relativ gefasst auf und musste erst einmal seinen Freund John Stuart trösten, dem das unendlich peinlich war. Mill bot ihm an, Geld für den Verlust zu geben, doch Carlyle lehnte ab. Schließlich ließ er sich doch erweichen, wenigstens Geld für neues Papier anzunehmen (den Carlyles ging es finanziell gar nicht gut) und das Ganze noch einmal neu zu schreiben (seine Notizen hatte er bereits weggeworfen). Doch erst schrieb er die Bände zwei und drei, bis er sich wieder dem ersten zuwandte und vieles noch in Erinnerung hatte.

Thomas Carlyles Monumentalwerk „The French Revolution“, das 1837 im Verlag Chapman&Hall erschien, war seitdem immer lieferbar und erschien gerade erst wieder im Januar bei der Oxford University Press als Reprint. In deutscher Übersetzung gibt es zurzeit mehrere Ausgaben, u.a. eine dreibändige im Golkonda Verlag.

Carlyles Haus am Cheyne Walk gehört heute dem National Trust und kann besichtigt werden. Seine Statue ist in dem Embankment Gardens am Cheyne Walk zu sehen. Nicht weit davon entfernt, in der Temple Sektion, findet man die Statue seines Freundes John Stuart Mill.

Thomas Carlyles Haus am Cheyne Walk.
Author: Spudgun67
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Thomas Carlyle in den Embankment Gardens am Cheyne Walk.
Author: Lonpicman
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John Stuart Mills Statue in den  Embankment Gardens (in der Temple Sektion).
Photo © Colin Smith (cc-by-sa/2.0)

Published in: on 14. Februar 2019 at 02:00  Comments (1)  
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One CommentHinterlasse einen Kommentar

  1. My dear, ich bin manchmal sauer, wenn ich eine Socke verliere und der hier wird ein ganzes Manuskript verbrannt. Thomas Carlyle, welcher Gleichmut und innere Ruhe! Da soll man sich eine Scheibe von abschneiden!!!


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