„The Curious World of Frinton-on-Sea“ – Das etwas andere Seebad an der Küste von Essex

The Curious World of Frinton-on-Sea“ hieß eine Dokumentation der BBC aus dem Jahr 2008 (hier sind Teil 1 und Teil 2), in der das kleine Seebad an der Küste von Essex und seine Bewohner porträtiert wurden. Hier in Frinton-on-Sea war alles ein wenig anders als in anderen Seebädern wie zum Beispiel in dem benachbarten Clacton-on-Sea. Dort wimmelte es immer nur so von Menschen, die die Pubs, Spielhallen und anderen Vergnügungsmöglichkeiten aufsuchten, während es in Frinton sehr viel ruhiger zuging. Bis heute gibt es an der Esplanade, die an der Küste entlangführt keine Spielhallen, und bis zum Jahr 2000 war in ganz Frinton kein einziger Pub und Fish and Chip-Laden zu finden.

The Lock & Barrel war der erste Pub der Stadt, gelegen an der Connaught Avenue, gern als  „Bond Street of the East Coast“ bezeichnet. Auch Chippies, wie die Fish and Chip-Shops liebevoll genannt werden, gibt es mittlerweile.

Wie sehr die Bewohner der Kleinstadt an Traditionellem und Liebgewonnenem festhielten, zeigte sich anhand des Bahnüberganges mitten im Ort. Dort führt eine Bahnlinie über die Connaught Avenue, die B1033, die bis zum Jahr 2009 noch auf altmodische Weise mit Toren abgesperrt wurde, wenn sich ein Zug näherte. Natürlich geschah das nicht automatisch sondern per (menschlicher) Hand. Der Betreibergesellschaft, Network Rail, war das schon lange ein Dorn im Auge, und sie wollte an dieser Stelle eine moderne automatische Schrankenanlage errichten, doch die Bürger von Frinton-on-Sea wollten davon nichts wissen und an ihren „level crossing gates“ festhalten. Als die Frintonianer am Morgen des 18. Aprils 2009 die Connaught Avenue entlang fuhren oder gingen, trauten sie ihren Augen nicht: Mitten in der Nacht hatten die Betreiber der Eisenbahnlinie die heiß geliebten „gates“ entfernt und durch Schranken ersetzt. Hunderte versammelten sich an der Stelle und protestierten lautstark, doch es nützte nichts, das neue Zeitalter der automatischen Bahnschranken war auch in Frinton-on-Sea angebrochen und daran konnte niemand mehr etwas ändern. Noch heute soll es Menschen dort geben, die den  „level crossing gates“ nachtrauern.

Frintons erster Pub: The Lock&Barrel.
Photo © Alexander P Kapp (cc-by-sa/2.0)

The Bond Street of the East Coast – Die Connaught Avenue.
Photo © Roger A Smith (cc-by-sa/2.0)

Die neue Schrankenanlage in Frinton-on-Sea.
Photo © Nigel Cox (cc-by-sa/2.0)

Published in: on 30. Juni 2020 at 02:00  Kommentar verfassen  
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Thimble Hall – Das kleinste, frei stehende Haus der Welt in Youlgreave (Derbyshire)

Thimble Hall (das „Fingerhut-Haus“) steht im Guinness Book of Records als das kleinste freistehende Haus der Welt mit gerade einmal 3,12m x 3,71m  Grundfläche und einer Höhe von 3,61m; eigentlich kein Wohnort für eine kinderreiche Familie, doch soll hier vor 100 Jahren tatsächlich einmal eine achtköpfige Familie gewohnt haben.

Thimble Hall liegt in Youlgreave in Derbyhire, mitten im Peak District, nur einige Kilometer südwestlich von Bakewell. Besonders komfortabel geht es in dem Miniaturhaus nicht zu. Statt einer Treppe gibt es eine Leiter; Bad, Küche und fließendes Wasser: Fehlanzeige.

1999 wurde Thimble Hall versteigert und man erwartete einen Verkaufspreis von £5,000 bis £15,000. Doch da irrte man gewaltig, denn verkaufte wurde das Häuschen für £39,500. Interessenten gab es zum Beispiel in Hongkong und New York; Uri Geller bot mit, doch den Zuschlag bekam die Firma Frederick’s of Chesterfield, eine alteingesessene Firma, die Eiscreme herstellt und auch einen Laden in Bakewell hat.
Wenn man einmal den Quadratmeterpreis für Thimble Hall berechnet, kommt man schnell auf Preise wie sie in den besten Wohnlagen von London gefordert werden.
Das kleine Haus ist vorsichtig und sorgfältig renoviert worden und soll einmal eine Ausstellung von Fingerhüten beherbergen. Es liegt am Moor Lane, der von der Church Street mitten im Ort abzweigt.

Hier ist ein kleiner Film über Youlgreave im Peak District zu sehen.

Das Buch zum Artikel:
Malcolm Fawbert: Tales from Thimble Hall – Mrs. Stopper’s Bottle. Strategic Book Publishing 2010. 26 Seiten. ISBN 978-1608603442.

Youlgreaves Moor Lane und die All Saints‘ Church.
Photo © Andrew Hill (cc-by-sa/2.0)

William Davenant (1606-1668) – War er William Shakespeares unehelicher Sohn?

Sir William Davenant.
This work is in the public domain .

William Shakespeare pendelte in der Blütezeit seines Schaffens zwischen seinem Heimatort Stratford-upon-Avon und London, eine Strecke, die man mit dem Auto heute über die M40 locker in zwei Stunden zurücklegt. Damals benötigte man dafür deutlich mehr Zeit, und so übernachtete der Schriftsteller gern in Oxford, etwa auf der Hälfte der Strecke und da besonders gern in der Crown Tavern, heute die Nummer 3 der Straße Cornmarket. Ob es Shakespeare besonders wegen des Ambiente des Gasthofs dort hinzog oder wegen der hübschen Jane Shepherd Davenant, deren Ehemann der Besitzer der Crown Tavern war? John Davenant fungierte auch noch als Weinhändler und Bürgermeister von Oxford, ein viel beschäftigter Mann, der möglicherweise seine Ehefrau etwas vernachlässigte. Außerdem sagte man ihm nach, dass er zur Melancholie neigte und nur schwer zum Lächeln zu bewegen war. Da würde es nicht wundern, wenn das Verhalten ihres Mannes die liebe Jane in die Arme des Barden aus Stratford getrieben hätte, für die eine oder andere Nacht.

Als sie 1606 einen Sohn gebar, dessen Pate William Shakespeare wurde, kamen schnell Gerüchte in Oxford in Umlauf, dass Shakespeare da seine Hände (pardon, ich hätte es auch deutlicher ausdrücken können) im Spiel gehabt haben könnte. William Davenant, so hieß der Kleine, sollte später ebenfalls zu einem Schriftsteller und Theaterstückeschreiber werden (waren daran die Gene Schuld?), dessen Texte Ähnlichkeiten mit denen Shakespeares haben sollen wie einige weise Leute meinen. William Davenant wurde 62 Jahre alt und starb 1668 in London.

In der Hausnummer 3 am Cornmarket in Oxford ist heute ein Telefonladen der Firma Vodafone untergebracht. Dahinter gibt es etwas Besonderes zu sehen, was viele Oxfordbesucher nicht wissen, da verbirgt sich der sogenannte Painted Room des Oxford Preservation Trusts, in dem elisabethanische Wandmalereien zu sehen sind, die vom Ende des 16. Jahrhunderts stammen. Etwa zu der Zeit als Shakespeare hier zu Gast war, vertäfelte man die Wände und deckte die Malereien zu, die erst bei Renovierungsarbeiten im Jahr 1927 wieder ans Tageslicht kamen und restauriert wurden. Ob Shakespeare diese Malereien damals noch gesehen hat, wird man wohl nie herausfinden.

Zu besichtigen ist der Painted Room, der hier im Film vorgestellt wird, immer im September bei den Heritage Open Days oder nach Absprache mit dem Oxford Preservation Trust.

Oxfords Cornmarket Street.
Photo © Alan Hughes (cc-by-sa/2.0)

Der Painted Room.
Copyright: Howard Stanbury.
Creative Commons 2.0

Published in: on 28. Juni 2020 at 08:00  Kommentar verfassen  
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The Brothers Parting Stone beim Grisedale Tarn in Cumbria

The Brothers Parting Stone, dessen Inschrift stark verwittert ist.
Photo © Michael Graham (cc-by-sa/2.0)

Denkt man an den Lake District im Nordwesten Englands, so denkt man (zumindest die literarisch Interessierten) auch an den Dichter William Wordsworth (1770-1859), der sich diese Region zum Wohnsitz gewählt hatte. Erst wohnte er im Dove Cottage in Grasmere, später in Rydal Mount in Ambleside. Im Jahr 1800 erhielt der Dichter im Dove Cottage, in dem er zusammen mit seiner Schwester Dorothy lebte, Besuch von seinem Bruder John, der einem ganz anderen Beruf nachging, John war Schiffskapitän. Die Geschwister standen sich sehr nahe, daher genossen sie ihre gemeinsame Zeit in Grasmere.
Im September musste John Wordsworth zurück nach Penrith, wo ein Schiff auf  ihn wartete, das er über die Ozeane steuern sollte. William und Dorothy begleiteten ihren Bruder ein Stück weit, bis sich ihre Wege am Grisedale Tarn, einem kleinen Bergsee, trennten. Was sie damals im September 1800 nicht wussten, war, dass William und Dorothy ihren Bruder nie mehr wieder sehen sollten. John Wordsworth geriet am 6. Februar 1805 mit seinem Schiff The Earl of Abergavenny fünf Kilometer vor der Küste der Isle of Portland (Dorset) in Seenot. Das Schiff sank, niemand konnte gerettet werden.

Als William und Dorothy vom Tod ihres Bruders erfuhren, waren sie am Boden zerstört. William verfasste ein Gedicht auf John mit dem Titel „Elegiac Verses in Memory of My Brother, John Wordsworth„, mit dessen Komposition er am Grisedale Tarn begann, dort, wo sie sich verabschiedeten hatten.

31 Jahre nach Williams Tod, 1881, trat die Wordsworth Society wieder zu einem Treffen zusammen, wobei einer der Anwesenden, der Vikar Hardwicke Drummond Rawnsley (der einige Jahre später den National Trust mitbegründen sollte), den Vorschlag unterbreitete, dort am Grisedale Tarn einen Gedenkstein aufzustellen. Der Vorschlag wurde angenommen und der Gedenkstein, The Brothers Parting Stone (hier ist ein Film über ihn), nicht weit vom Bergsee aufgestellt. Die Inschrift lautet:

Here did we stop; and here looked round
While each into himself descends,
For that last thought of parting Friends
That is not to be found.
Brother and friend, if verse of mine
Have power to make thy virtues known,
Here let a monumental Stone
Stand–sacred as a Shrine

Der Grisedale Tarn.
Photo © Gordon Griffiths (cc-by-sa/2.0)

Das Dove Cottage in Grasmere (Cumbria).
Photo © Brian Clift (cc-by-sa/2.0)

 

Der erste internationale Schönheitswettbewerb im Jahr 1908 auf der Victoria Pier in Folkestone (Kent)

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Die Vermarktungsgesellschaft Miss Universe Organization lag einige Jahre lang in den bewährten und erfahrenen Händen von Donald Trump. Ob er seine damaligen Pflichten und Aufgaben genauso gut erfüllte wie in seinem jetzigen Amt als POTUS (President Of The United States) vermag ich nicht zu beurteilen, aber es muss ihm viel Spaß gemacht haben, konnte er doch als Hauptorganisator die jungen hübschen Damen in den Umkleideräumen in mehr oder weniger bekleidetem Zustand besuchen wie dieser Film zeigt.

Ob Donald Trump wohl wusste, dass der weltweit erste internationale Schönheitswettbewerb am 14. August 1908 in Folkestone in der Grafschaft Kent stattfand? Robert Forsyth war sozusagen der Ur-Ur-Ur-Vorgänger von Donald Trump, denn er war es, der den Folkestone Beauty Pageant ins Leben rief. Forsyth war Manager der Victoria Pier und musste sich immer wieder etwas Neues einfallen lassen, damit der Besucherstrom nicht abriss, und Schönheitswettbewerbe ziehen immer. Damen aus England, Frankreich, Dänemark, Deutschland, Italien und Spanien traten gegeneinander an; allerdings kann man den damaligen Wettbewerb kaum mit den heutigen Misswahlen vergleichen, denn die jungen Frauen hatten ziemlich viel an (hier ein Film aus dem Jahr 1913), ganz im Gegenteil zu den Bikini-Schönheiten, die später für volle Zuschauerränge sorgten bzw. sorgen.

Die erste Siegerin beim Beauty Contest 1908 war eine Engländerin aus dem dörflichen East Molesey in Surrey namens Nellie Jarman, die alle ihre Konkurrentinnen auf die Plätze verwies.. Nicht alle Zuschauer damals in Folkestone waren von dem Schönheitswettbewerb begeistert; Frauenrechtlerinnen, die auf der Victoria Pier anwesend waren, machten darauf aufmerksam, dass es wichtiger wäre, Frauen das Wahlrecht zuzugestehen als sie nur auf ihr Äußeres zu reduzieren.

Der Folkestone Beauty Contest wurde zu einer festen Einrichtung, nur während der beiden Weltkriege fand er nicht statt. In den 1950er Jahren traten die Teilnehmerinnen, sehr zur Freude der anwesenden Herren, auch in Badeanzügen auf.

Die Victoria Pier war am  21. Juli 1888 eröffnet worden. Am Pfingstsonntag 1943 löschte ein Feuer einen großen Teil der Seebrücke aus, die dann 1954 komplett abgerissen wurde.

Published in: on 26. Juni 2020 at 02:00  Kommentar verfassen  
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Die ehemalige Bata-Schuhfabrik in East Tilbury (Essex)

Die Statue des Firmengründers neben den ehemaligen Fabrikhallen.
Photo © Julian Osley (cc-by-sa/2.0)

Über 70 Jahre lang wurden in East Tilbury in der Grafschaft Essex Schuhe der berühmten tschechischen Firma Bata hergestellt. In der Fabrik arbeiteten viele Menschen, und Bata war ein bedeutender Arbeitgeber in diesem Ort am Mündungstrichter der Themse.

Tomáš Baťa
hatte die Firma 1894 im heutigen Tschechien gegründet; 1932 baute er die Fabrik in East Tilbury auf Grund der Nähe zu London und zu den Seehäfen. Noch im gleichen Jahr kam Baťa bei einem Flugzeugabsturz ums Leben und konnte so den Erfolg seiner englischen Dependance nicht mehr miterleben. Die tschechische Firma sorgte für das Wohl ihrer Arbeiterinnen und Arbeiter, indem sie dicht an den Fabrikhallen eine Siedlung mit Häusern errichtete, die bald „Bata-ville“ genannt wurde und alle Annehmlichkeiten enthielt, die zufriedene Schuhhersteller brauchten. Es gab Einkaufsmöglichkeiten, Freizeiteinrichtungen, Sportanlagen, ein Restaurant und ein eigenes Postamt. Das Fabrikdorf entstand nach Entwürfen von tschechischen Architekten.

Eigentlich hätte es in dieser Ecke von Essex immer so weitergehen können, aber leider veränderten sich die Zeiten. Etwa ab den 1960er Jahren verloren die Fabrikanlagen in East Tilbury an Bedeutung; die Firma Bata verlegte die Produktion ihrer Schuhe in andere Länder, und die Automatisierung der Herstellungsprozesse nahm von Jahr zu Jahr zu. 2005 war dann endgültig Schluss, und die Fabrik wurde geschlossen; ein herber Verlust für die kleine Stadt, die danach erst einmal in Elend versank.

Die Fabrikhallen wurden nicht abgerissen und stehen noch heute. Glücklicherweise hat sich in den letzten Jahren hier einiges getan: Der Thames Industrial Park entstand entlang der Princess Margaret Road, und eine ganze Reihe von Firmen haben sich hier niedergelassen. Auf der Rasenfläche neben dem ehemaligen Bata-Gebäude ist ein Statue zu Ehren des tschechischen Firmengründers errichtet worden. In der East Tilbury Library, direkt gegenüber, ist das Bata Heritage Centre entstanden, das sich um die Erinnerung an die Schuhfabrik und ihre Arbeiterinnen und Arbeiter kümmert. In diesem Film wird die Geschichte von Bata in East Tilbury noch einmal gezeigt.

Die verlassenen Fabrikanlagen in East Tilbury im Jahr 2015.
Photo © Stephen Richards (cc-by-sa/2.0)

Die Bata Avenue mit Häusern der damals gebauten Bata-Siedlung.
Photo © Nigel Cox (cc-by-sa/2.0)

Published in: on 25. Juni 2020 at 02:00  Kommentar verfassen  
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The Rectory Society – Eine Gesellschaft, die sich alten Pfarrhäusern verschrieben hat

The Old Vicarage in Seaton Delaval (Northumberland), seit 1991 in Privatbesitz.
Photo © Chris Tweedy (cc-by-sa/2.0)

Die Kirche mit dem meist daneben stehenden Pfarrhaus waren für viele Jahrhunderte sehr wichtige Gebäude in englischen Dörfern. Was wäre ein typischer englischer Dorfkrimi ohne Pfarrer? Ich denke da an Agatha Christies „The Murder at the Vicarage“ (dt. „Mord im Pfarrhaus“), Faith Martins „The Vicarage Murder„, Jill McGowns „Murder at the Old Vicarage“ (dt. „Mord im alten Pfarrhaus“) oder Catherine Lloyds im nächsten Jahr erscheinendes „Death Comes to the Rectory„. Dass es auch heute noch Morde in Pfarrhäusern gibt, habe ich vor einigen Jahren  mitbekommen. Ich berichtete darüber in meinem Blog.

Leider hat sich da vieles geändert, denn immer mehr Kirchen stehen leer, die Zahl der Gottesdienstbesucher ist drastisch zurückgegangen, es werden weniger Pfarrer gebraucht und darum werden immer mehr ehemalige Pfarrhäuser verkauft. The Rectory Society hat das alte englische Pfarrhaus in den Mittelpunkt ihrer Arbeit gestellt: „To encourage the wider appreciation of the cultural importance of rectories, vicarages and parsonages„. Im Jahr 2006 wurde die Organisation gegründet, von Charles Moore, dem ehemaligen Herausgeber des Daily Telegraph. Zwei seiner in dieser Tageszeitung erschienenen Artikel, “Giving Rectories a Good Home“ und „Haven on Earth“, riefen in der Leserschaft ein so großes Echo hervor, dass er die Rectory Society ins Leben rief..

Die beiden Schirmherren der Gesellschaft sind Sir Tom Stoppard und Richard Chartres. Tom Stoppard ist ein renommierter Dramatiker, Richard Chartres war bis vor kurzem Bischof von London und hat den imponierenden Titel The Right Reverend and Right Honorable The Lord Chartres.

The Rectory Society ist dabei, eine Datenbank aufzubauen, die einmal alle Pfarrhäuser des Landes erfassen soll. Ihre Mitglieder haben bei Ausflügen die Möglichkeit, ehemalige und noch aktive Pfarrhäuser und ihre Kirchen zu besuchen. Dreimal im Jahr erhalten sie einen Newsletter, der über alles Wissenswerte zum Thema informiert.

The Right Reverend and Right Honorable The Lord Chartres ist übrigens auch Patron einer anderen Gesellschaft: Save Our Parsonages, die bereits 1995 gegründet wurde und eine ähnliche Zielrichtung hat wie The Rectory Society.

Einige Prominente haben sich für ein Leben in einem ehemaligen Pfarrhaus entschieden wie der Schriftsteller Robert Harris, der in einer früheren Vicarage in Kintbury (Berkshire) wohnt und der Schriftsteller Jeffrey Archer, wohnhaft in The Old Vicarage in Grantchester (Cambridgeshire).

Das Buch zum Artikel:
Anthony Jennings: The Old Rectory – The Story of the English Parsonage. Sacristy Press 2018. 386 Seiten. ISBN  978-1910519516.

The Old Vicarage, ebenfalls in Privatbesitz, in Letherhead (Surrey).
Photo © Ian Capper (cc-by-sa/2.0)

The Old Rectory in Kelshall (Hertfordshire).
Photo © Bikeboy (cc-by-sa/2.0)

Der Crowstone bei Westcliff-on-Sea (Essex)

Wo hört eigentlich die Themse auf und wo fängt die Nordsee an? So ganz genau kann man das unmöglich sagen, aber ein Anhaltspunkt ist der Crowstone, der vor Chalkwell, einem Ortsteil von Southend-on-Sea in der Grafschaft Essex, im Wasser steht.  Von der Chalkwell Esplanade kann man den Crowstone sehen und ihn auch bei Ebbe von der Nähe aus betrachten. Hier also geht allmählich der bei Kemble in Gloucestershire gestartete Fluss ins Meer über.

Im Jahr 1836 wurde der Markierungsstein errichtet. Er ersetzte einen anderen aus dem Jahr 1755; beide standen viele Jahre nebeneinander, bis der erste Alterungserscheinungen zeigte, abgebaut und im Priory Park in Southend aufgestellt wurde, wo er sozusagen sein Gnadenbrot frisst.

Der Crowstone ist gleichzeitig ein Grenzstein, der das Ende des Zuständigkeitsbereichs der Port of London Authority markiert. Man kann das auf einer grün angelaufenen Kupfertafel lesen, die an dem Obelisken angebracht ist. Warum der Stein so heißt, lässt sich nicht mehr eindeutig sagen; vermutlich wurde er so benannt, weil sich auf ihm gern Krähen niedergelassen haben, um von hier aus die Wasserlandschaft zu betrachten.

In Chalkwell sind zwei Straßen nach dem Grenzstein benannt, die Crowstone Road und die Crowstone Avenue, an letzterer liegt das Seniorenheim Crowstone House, ein hübsches Gebäude mit Blick aufs Meer und auf den schräg gegenüberliegenden Stein.

Noch ein Wort zur Position des Crowstones: An diesem Küstenstrich von Essex gehen die Orte alle ineinander über, Leigh-on-Sea, Chalkwell, Westcliff-on-Sea, Southend-on-Sea. So findet man manchmal auch eine andere Ortsangabe für den Obelisken; da er aber direkt am Chalkwell Beach steht, meine ich, dass er auch zu Chalkwell gehört.

Crowstone House.
Photo © Julian Osley (cc-by-sa/2.0)

Published in: on 23. Juni 2020 at 02:00  Kommentar verfassen  
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Alresford (Hampshire) – UK Capital of Watercress

12 km nordöstlich von Winchester in der Grafschaft Hampshire liegt der kleine Ort Alresford, der sich stolz „The UK’s Capital of Watercress“ nennt, denn hier wird die in England so beliebte Brunnenkresse angebaut, deren Inhaltsstoffe eine gute Vorsorge gegen Krebs sein sollen. Unentbehrlich ist Brunnenkresse natürlich auf einem Gurkensandwich.

Eigentlich hätte im Mai das Watercress Festival stattfinden sollen, aber auch das hat das böse Coronavirus zunichte gemacht. So freut man sich in diesem Teil Hampshires schon auf den 23. Mai 2021, wenn das nächste Festival hoffentlich zelebriert werden kann.

Die Festlichkeiten beginnen normalerweise mit einem Umzug, bei dem die erste frisch geerntete Brunnenkresse in den Ort gebracht wird. Natürlich nehmen an dem Umzug, neben Watercress King und Queen, auch die unvermeidlichen Morris Dancer teil; es wird Musik gespielt, es gibt Verkaufsstände an den Straßen und die üblichen Verlustierungen für Kinder wie Schminken und Zaubererauftritte.

Im Mittelpunkt aber steht die Brunnenkresse: Man kann sie in den unterschiedlichsten Zubereitungsweisen probieren, Köche stehen dafür bereit, die ihren Fantasien freien Lauf lassen.

Einer der Höhepunkte des Festivals sind die „World Watercress Eating Championships„, wobei die Teilnehmer so schnell wie möglich 85 Gramm Brunnenkresse essen müssen. Der Weltrekord steht zur Zeit, laut Guinness Book of Records, bei 32 Sekunden.

Wie man eine Brunnenkressesuppe zubereitet, zeigt hier Fernsehkoch Gordon Ramsay.

Eine touristische Eisenbahnlinie ist die Watercress Line, die Alresford mit Alton in East Hampshire verbindet.

Siehe zum Thema auch meinen Blogeintrag über Brunnenkresseanbau in Ewelme (Oxfordshire).

Brunnenkresseanbau in Alresford.
Photo © Chris Talbot (cc-by-sa/2.0)

Die Watercress Line.
Photo © David Dixon (cc-by-sa/2.0)

Published in: on 22. Juni 2020 at 02:00  Kommentar verfassen  
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Die Harmondsworth Great Barn – The Cathedral of Middlesex

In unmittelbarer Nähe zum Londoner Flughafen Heathrow steht eine der schönsten Scheunen Englands, und diese Nähe wäre ihr beinahe zum Verhängnis geworden. Das kathedralenartige Innere der Harmondsworth Great Barn, auch Manor Farm Barn genannt, veranlasste Sir John Betjeman, sie als „The Cathedral of Middlesex“ zu bezeichnen, ein treffender Ausdruck.

Die 59 Meter lange und 11 Meter hohe Scheune wurde schon 1426 erbaut, um hier große Mengen an Getreide zu lagern. Man vermutet, dass beim Bau William Wyse involviert war, der viele Zimmermannsarbeiten im Windsor Castle ausgeführt und sich dadurch einen guten Ruf erworben hatte. Die Harmondsworth Great Barn, die nach dem Ort Harmondsworth benannt wurde, blieb bis in die 1970er Jahre im Besitz mehrerer ortsansässiger Familien, die sie auch für den ursprünglich vorgesehenen Zweck nutzten. Ein Feuer im Jahr 1972 fügte der Scheune einen gewissen Schaden zu, der aber wieder behoben werden konnte.

Von 1986 bis 2006 war die Manor Farm, und damit auch die Harmondsworth Great Barn, im Besitz einer Bauträgergesellschaft, die einige Reparaturarbeiten an der Scheune durchführte. Als diese Firma in Konkurs ging, bot der Konkursverwalter die Scheune für den symbolischen Preis für £1 English Heritage an, der aber dankend ablehnte. Dafür wurde sie von einer dubiosen Firma übernommen, die ihren Sitz in Gibraltar hatte, und sich Harmondsworth Barn Ltd nannte. Diese Firma hatte, wie zu vermuten war, nicht das Wohlergehen des historischen Gebäudes im Auge, sondern ihr eigenes, denn sie spekulierte darauf, dass bei einer Ausweitung des nahe gelegenen Flughafens sie eine fette Entschädigung für den dann nötig werdenden Abriss bekommen würde. Die Rechnung ging aber nicht auf, und da der Eigentümer sich nicht weiter um die Scheune kümmerte, verfiel sie allmählich. Jetzt schritt English Heritage doch noch ein und führte notwendig gewordene Arbeiten durch, ohne den Besitzer weiter zu fragen. Schließlich verkaufte Harmondsworth Barn Ltd ihre ungeliebte Scheune  an den English Heritage für £20,000 (das hätten die aber auch billiger haben können).

Nachdem die Harmondsworth Great Barn wieder in liebevolle Hände übergegangen und restauriert worden war, kann man sie an jedem zweiten und vierten Sonntag eines Monats zwischen April und Oktober besichtigen. Der Eintritt ist frei.

Dieser Film zeigt das beeindruckende Gebäude von innen und von außen.

The Great Barn
Manor Court
High Street
Harmondsworth
Greater London UB7 0AQ

Published in: on 21. Juni 2020 at 02:00  Comments (3)  

Mein Buchtipp – Guy Shrubsole: Who Owns England? – How We Lost Our Green & Pleasant Land & How to Take It Back

Foto meines Exemplares.

Guy Shrubsoles Buch „Who Owns England? – How We Lost Our Green & Pleasant Land & How to Take It Back“ wird man wohl eher nicht in der Bibliothek eines Landsitzes antreffen, denn der Autor geht mit den englischen Aristokraten hart ins Gericht, gehören sie doch noch immer zu den größten Landbesitzern. Der Duke of Buccleuch and Queensberry, der Duke of Devonshire und der Duke of Westminster, um nur einige Beispiele zu nennen, verfügen über große Ländereien, was auch für zahlreiche Firmen und Gesellschaften gilt. Der United Utilities Water Ltd gehören 140 000 Acres (ein Acre entspricht etwa 4047 m²), die MRH Minerals Ltd verfügt über 68 000 Acres und der Lafarge-Konzern darf mehr als 48 000 Acre in England sein eigen nennen.

Guy Shrubsole arbeitet für Friends of the Earth; für sein Buch hat er umfangreiche Recherchen angestellt. Er wollte genau wissen, wem Englands Grund und Boden wirklich gehört, und das war gar nicht so leicht. Die Grundbesitzer lassen sich ungern in ihre Karten gucken, aber mit Hilfe des Freedom of Information Gesetzes gelang es ihm doch, hinter die Kulissen zu blicken, und da taten sich Abgründe auf.

Shrubsole wurde mit dem Thema „land banking“ konfrontiert, dem Aufkauf von Ländereien nur zum Zweck des Wiederverkaufs, wenn der Wert entsprechend gestiegen ist. Dasselbe passiert in großem Stil in London mit Haus- und Wohnungsaufkäufen (ich berichtete kürzlich in meinem Blog zu dem Thema); manchmal liegen Objekte jahrelang brach, sind unbewohnt und gar nicht zum Darinwohnen gekauft worden, sondern lediglich als Wertanlage.

Der Autor untersucht in seinem Buch, welche Ländereien der Krone und der Kirche gehören und meint, dass die beiden Herzogtümer von Cornwall und Lancashire anachronistisch sind. Guy Shrubsole setzt sich auf die Spuren des National Trusts, dem nicht nur viele historische Häuser gehören, sondern auch ganze Küsten- und Landstriche. Besonders schwer im Magen liegen ihm die „grouse moors„, Moorlandschaften in Privatbesitz, die einzig und allein dem Abschießen von Moorhühnern dienen. Ökologisch gesehen, sind diese Gebiete ein Desaster, weil sie ständig abgebrannt werden und die Tierwelt systematisch vernichtet wird, damit sich dort nur noch besagte Moorhühner finden, die dann von einer Handvoll „Privilegierter“ abgeschossen werden.

Guy Shrubsoles Buch ist hoch interessant. Jetzt wissen wir wirklich, wem England gehört…soweit der Autor das feststellen konnte, denn nach wie vor sind die Besitzverhältnisse zu einem beträchtlichen Teil nicht geklärt, sondern bewusst verschleiert.

Guy Shrubsole: Who Owns England? – How We Lost Our Green & Pleasant Land & How to Take It Back. William Collins 2019. 376 Seiten. ISBN 978-0-00-832167-3.

Published in: on 20. Juni 2020 at 02:00  Comments (2)  

South Hill Park in Hampstead – Schauplatz von Mordfällen, die in die englische Kriminalgeschichte eingegangen sind

South Hill Park ist eine Straße im Londoner Stadtteil Hampstead, die sich am südlichen Rand der großen Parkanlage Hampstead Heath entlangzieht. Es handelt sich hier um eine ruhige Wohngegend mit einigen hübschen Häusern, und nichts deutet darauf hin, dass South Hill Park in den 1950er Jahren zweimal durch spektakuläre Mordfälle im Fokus stand, die in die die englische Kriminalgeschichte eingegangen sind.

Über den Mordfall Ruth Ellis, die am 10. April 1955 ihren Liebhaber David Blakeley vor dem Magdala Pub erschoss und als letzte Frau in England die Todesstrafe erhielt, habe ich in meinem Blog vor längerer Zeit geschrieben. The Magdala mit der Hausnummer 2a South Hill Park wurde 2016 geschlossen. Zum momentanen Zeitpunkt steht das Erdgeschoss der Nummer 2a leer und wird für Geschäftsräume zur Miete angeboten.

Nur ein paar Schritte weiter, auf der gegenüberliegenden Straßenseite, in der Nummer 11, ereignete sich ein Jahr vorher, am 29. Juli 1954, ein weiterer Mord. Die 54-jährige, aus dem griechischen Teil Zyperns stammende Styllou Christofi ermordete in dem Haus ihre Schwiegertochter Hella, eine gebürtige Deutsche. Beide kamen miteinander nicht klar, da Hella, nach Meinung von Styllou, bei der Erziehung ihrer Kinder nicht genügend Wert auf griechische Elemente legte, sondern sie wie Engländer aufzog. Die Zypriotin erschlug ihre Schwiegertochter, erwürgte sie und versuchte anschließend, die Leiche im Garten zu verbrennen, was nicht ganz funktionierte; dafür geriet der Brand außer Kontrolle, so dass die Feuerwehr und die Polizei gerufen werden mussten. Styllou versuchte sich zwar aus der Sache herauszureden, doch die Beweise waren überwältigend. Sie wurde des Mordes angeklagt, im Old Bailey vor Gericht gestellt und zum Tode durch den Strang verurteilt. Die Hinrichtung nahm der berühmte Henker Albert Pierrepoint im Holloway Gefängnis vor.

Styllou Christofi war die vorletzte Frau, die in einem englischen Gefängnis hingerichtet wurde. Ein merkwürdiger Zufall, dass die beiden letzten in England zum Tode verurteilten Frauen mit der ruhigen Straßen im Hampstead in Zusammenhang standen.

Der ehemalige Magdala Pub.
Photo © Kate Jewell (cc-by-sa/2.0)

South Hill Park.
Photo © Kate Jewell (cc-by-sa/2.0)

Published in: on 19. Juni 2020 at 02:00  Comments (2)  
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Der River Derwent in Workington (Cumbria), eine Flutwelle im Jahr 2009 und ein heldenhafter Polizist

Die alte Northside Bridge über den River Derwent, die im November 2009 zusammenstürzte.
Photo © H Stamper (cc-by-sa/2.0)

Im Allgemeinen ist der River Derwent in der Grafschaft Cumbria ein ruhiger Zeitgenosse; er entspringt im Borrowdale, fließt anschließend durch zwei Seen im Lake District, Derwent Water und Bassenthwaite Lake, und ergießt sich in der Stadt Workington ins Meer. Doch es gibt Zeiten, da hält es ihn nicht mehr in seinem Flussbett und dann wird er zu einer Bestie, die alles aus dem Weg räumt, was sich ihr entgegenstellt. So geschehen am 20. November 2009; da tobte der Derwent mit solcher Macht durch Workington, dass es den Menschen dort angst und bange wurde. Immer höher kletterten die Fluten an der Northside Bridge (die A597), die die beiden Stadtteile von Workington verbindet. Die Polizei sendete den Polizeibeamten PC Bill Barker zur Brücke, um die Autofahrer davon abzuhalten, sie zu überqueren, denn es gingen Hinweise aus der Bevölkerung ein, dass ein Auto möglicherweise in den reißenden Fluss gestürzt sei. Der Polizist begab sich auf die mittlerweile wackelige Brücke, um Hilfe zu leisten, und dann geschah es… die Northside Bridge konnte dem gewaltigen Druck des Flusses nicht mehr standhalten und stürzte zusammen. PC Barker hatte keine Chance; der River Derwent riss ihn mit sich, er ertrank, und seine Leiche wurde viele Stunden später weiter nördlich an der Küste von Allonby angeschwemmt. Am nächsten Tag wollte Bill Barker seinen 45. Geburtstag feiern. Übrigens: Die Hinweise auf das in Not geratene Auto auf der Brücke erwiesen sich als falsch.

Um anderen Menschen zu helfen, begab sich der Polizeibeamte selbst in Gefahr. Ich meine, dass man das als eine heldenhafte Tat bezeichnen kann. Mrs Barker wurde damals die Queen’s Commendation for Bravery für ihren Mann überreicht, und der Police Constable wurde im Juni 2012 durch einen Gedenkstein geehrt, den man im Curwen Park in Workington aufstellte.

Eine Behelfsbrücke über den River Derwent trug den Namen von PC Barker; Barker Crossing war eine Fußgängerbrücke, die gleich nach der Flut aufgestellt und im Februar 2011 wieder entfernt wurde. Die Northside Bridge entstand drei Jahre später als Stahlbrücke neu; eingeweiht hat sie ein Mitglied des Königshauses, Anne, Princess Royal.

Dieser Film zeigt die Überflutungen vom 20. November 2009 in Workington.

Die Behelfsbrücke Barker Crossing.
Photo © Rose and Trev Clough (cc-by-sa/2.0)

Die neue Northside Bridge.
Photo © Graham Robson (cc-by-sa/2.0)

 

Published in: on 18. Juni 2020 at 02:00  Comments (1)  
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Sir Simon David Jenkins und seine Bücher

Sir Simon David Jenkins, 1943 in Birmingham geboren, ist ein Schriftsteller und Journalist, der für den Evening Standard, die Times und den Guardian gearbeitet hat. Von 2008 bis 2014 war er der Chef des National Trusts; er kennt sich dadurch natürlich in der Welt der historischen Gebäude Englands hervorragend aus.

Aus dieser Kenntnis entstand 2003 das Buch „England’s Thousand Best Houses„, das immer wieder neu aufgelegt worden ist. Mein Exemplar stammt aus dem Jahr 2009 und umfasst stolze 1046 Seiten. Ich würde es als das Standardwerk über historische Häuser Englands bezeichnen. Wie ein Restaurant-Tester vergibt Simon Jenkins Sterne, wobei fünf Sterne die oberste Kategorie ist. Zwanzig herrschaftliche Häuser haben die volle Sternenzahl erhalten, darunter (wie nicht anders zu erwarten) Windsor Castle, Hampton Court, Blenheim Palace, Castle Howard und Chatsworth House. Ein unentbehrlicher Führer für Englandreisende!

In gleicher Aufmachung erschien vier Jahre früher, 1999, der Parallelband „England’s Thousand Best Churches„, zuletzt 2012 neu aufgelegt. Dieser Band beinhaltet 880 Seiten und auch hier werden Sterne vergeben. Zu den Fünf-Sterne-Kirchen zählt Jenkins unter anderen die Tewkesbury Abbey, das Beverly Minster, St Mary Redcliffe in Bristol und die St Peter’s Church in Walpole St Peter (Norfolk).

Sein Wissen über englische Kirchen hat Jenkins noch einmal in dem Buch „England’s Cathedrals“ manifestiert, das 2016 erschien.

Seine „Best of“-Reihe setzte der Autor 2017 fort mit dem Buch „Britain’s Best Railway Stations„, wieder mit der bereits bekannten Sternenvergabe. Als die sehenswertesten Bahnhöfe der Insel empfiehlt Jenkins zum Beispiel King’s Cross, Liverpool Street, Paddington und St Pancras in London, sowie außerhalb der Haupstadt, Newcastle Central und den Bahnhof von York und Liverpools Hauptbahnhof Lime Street.

Simon Jenkins‘ aktuelles Buch ist das im Oktober 2019 erschienene „A Short History of London„, das er in diesem Film vorstellt.

Foto meines Exemplares.

Published in: on 17. Juni 2020 at 02:00  Kommentar verfassen  
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POPS – Privately Owned Public Spaces in London

Der Granary Square.
Photo © John Sutton (cc-by-sa/2.0)

Geht man über den Granary Square oder den Pancras Square im Londoner Borough of Camden, den Paternoster Square in der City of London oder den Canada Square Park in den Tower Hamlets so fällt dem Flaneur auf den ersten Blick nichts Besonderes auf, Plätze und Parks eben. Aber der Schein trügt, denn es handelt sich hier nicht um Orte, die der Allgemeinheit gehören, sondern um Plätze, die im Privatbesitz sind: POPSPrivately Owned Public Spaces. Selbst viele Londoner wissen das nicht. Man darf sie in bestimmtem Maße nutzen, dort in Lokalen vielleicht einen Kaffee trinken oder einfach nur dort entlang laufen. Aber es gibt Restriktionen…die aber keiner kennt, denn sie sind nirgendwo angeschlagen. Verstößt man versehentlich gegen diese, wird man aller Wahrscheinlichkeit nach sofort von einem der Sicherheitsleute darauf angesprochen und im schlimmsten Fall von dem Platz verwiesen.

POPS haben in den USA ihren Ursprung, haben sich aber in den letzten Jahren auch in englischen Großstädten verbreitet; an die fünfzig sind es mittlerweile allein in London. Wer die Eigentümer sind, ist nicht so leicht festzustellen, denn diese halten sich nach Möglichkeit bedeckt. Sie sind auch nicht verpflichtet, ihre „Platzordnungen“ öffentlich bekannt zu geben. Der Guardian hat die Eigentümer dieser privaten Straßen, Plätze und Parks einmal angeschrieben und um nähere Informationen über die Benutzungsrichtlinien gebeten, aber fast keine Antworten bekommen. Warum diese Heimlichtuerei?

Einige Politiker laufen Sturm gegen die Privately Owned Public Spaces, aber es ist schwer, sich gegen die finanzkräftigen, einflussreichen Unternehmen, Investoren und Grundstückserschließer durchzusetzen.

Der Granary Square und der Pancras Square gehören übrigens jeweils der australischen Pensionskasse Australian Super und dem Immobilienentwickler Argent. Der Paternoster Square ist im Eigentum der japanischen Immobilienfirma Mitsubishi Estate und den Canada Square Park nennt die Immobiliengesellschaft Canary Wharf Group ihr eigen.

Keine schöne Entwicklung!!!

Der Pancras Square.
Photo © Christine Matthews (cc-by-sa/2.0)

Der Paternoster Square.
Photo © Peter Trimming (cc-by-sa/2.0)

Der Canada Square Park.
Photo © Christine Matthews (cc-by-sa/2.0)

Published in: on 16. Juni 2020 at 02:00  Comments (2)  
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Carnforth in Lancashire – Ein Bahnhof und ein Filmklassiker

Wenn man einem eingefleischten britischen Eisenbahnfan gegenüber den Namen Richard Beeching erwähnt, kann es sein, dass dieser Mensch einen Wutanfall bekommt. Dr. Richard Beeching war in den 1960er Jahren für das Eisenbahnnetz des Landes verantwortlich und verkleinerte dieses Netz radikal; man sprach damals von der „Beeching Axe„. Die Folge: Viele Nebenstrecken wurden stillgelegt, Ortschaften vom Bahnnetz abgeschnitten, Bahnhöfe verfielen.

Die Kleinstadt Carnforth im nördlichen Lancashire war auch von diesen Maßnahmen betroffen. Dank Dr. Beeching hielt kein Fernzug mehr in der Stadt und die Bahnsteige, an denen diese Züge früher hielten, wurden abgetragen. Der Bahnverkehr beschränkte sich nur noch auf Regionalverbindungen; die Bahnhofsanlagen verfielen allmählich.
Doch durch die Gründung des Carnforth Station and Railway Trusts im Jahr 1996 kam wieder Hoffnung auf. Mit Hilfe eines £1.5 Millionen Projekts wurden die verfallenen Bahnhofsanlagen wieder aufgebaut, ein Besucherzentrum errichtet und ein Lokal eröffnet.

Nicht ganz unschuldig an der Wiederauferstehung dieses Kleinstadtbahnhofs war ein Filmklassiker, der vor mehreren Jahrzehnten, im Jahr 1945, genau in diesem Bahnhof gedreht wurde. Man wählte diesen Drehort weil er sicherer war, als der Großraum London, schließlich herrschte noch Krieg und mit Bombenangriffen war immer wieder zu rechnen.
David Lean drehte hier den Film „Brief Encounters„, der in Deutschland unter dem Titel „Begegnung“ in den Kinos zu sehen war (und immer noch als DVD erhältlich ist). Die Hauptrollen spielten Trevor Howard und Celia Johnson; die Vorlage bildete das Bühnenstück „Still Life“ von Noel Coward.
Die Dreharbeiten fanden nachts statt, weil es tagsüber mit dem Zugverkehr Probleme gegeben hätte. Der traurige Liebesfilm fand sehr viele Anhänger und so entwickelte sich der Bahnhof von Carnforth zu so etwas wie einer Wallfahrtsstätte für „Brief Encounter“-Fans.

Heute findet man im Besucherzentrum eine Ausstellung über den Film und die Dreharbeiten; man kann im Brief Encounter Refreshment Room, der den Filmräumlichkeiten nachempfunden wurde, essen und trinken und auch seinen Sunday Lunch zu sich nehmen. Selbst die Bahnhofsuhr, die im Film immer wieder zu sehen ist und die von der Firma JB Joyce aus Whitchurch in Shropshire Ende des 19. Jahrhunderts hergestellt wurde, hängt noch immer im Bahnhof, der wie mit dem Zauberstab wieder zum Leben erweckt worden ist.

Es gibt ein Lied, das das Thema Carnforth und die Eisenbahn behandelt, „The Carnforth Song„, hier zu hören.

Hier ist der Trailer zum Film „Brief Encounters“ zu sehen.

Das Buch zum Artikel:
Gordon Suggitt: Lost Railways of Lancashire. Countryside Books 2003. 160 Seiten. ISBN 978-1853068010.

Der Brief Encounter Refreshment Room.
Photo © The Carlisle Kid (cc-by-sa/2.0)

Published in: on 15. Juni 2020 at 02:00  Kommentar verfassen  
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Milliardäre und Millionäre Teil 3: Hamilton Palace bei Uckfield (East Sussex) – Ein unfertiger Monumentalbau des Nicholas van Hoogstraten

Über die Kleinstadt Uckfield in East Sussex berichtete ich in meinem Blog vor einigen Jahren. Wenige Kilometer südlich, nicht weit von der A22 entfernt, liegt in einem Waldstück eines der merkwürdigsten Gebäude Englands, der Hamilton Palace. Dabei handelt es sich um ein riesiges Bauwerk, das von den Ausmaßen sogar den Buckingham Palast in den Schatten stellt, aber…es ist unbewohnt und nie fertig geworden. Mitte der 1980er Jahre übernahm der superreiche und nicht sehr gut beleumundete Nicholas van Hoogstraten das Gelände, auf dem ein ausgebranntes Pflegeheim stand, High Cross House, ließ dieses komplett abreißen und darauf seinen Palast erbauen, den er nach der Hauptstadt des britischen Überseegebietes Bermuda, Hamilton, benannte, weil er dort Eigentum besaß. Geplant war, dass van Hoogstraten dort seine umfangreiche Gemäldesammlung unterbringen wollte. Die Bauarbeiten begannen und zogen sich über Jahre hin. Architekt war der Londoner Anthony Browne. Es kam immer wieder zu Meinungsverschiedenheiten zwischen den beiden Männern und im Jahr 2000 trennten sie sich, seitdem ruht die Baustelle mehr oder weniger.
Ist Hamilton Palace die Idee eines größenwahnsinnigen Mannes, der über enorme Geldsummen verfügte? Rund £40 Millionen sind hier bei Uckfield schon verbaut worden und es benötigt sicher mindestens noch einmal dieselbe Summe, um das Gebäude fertig zu stellen.

„Ghost House of Sussex“ wird das von Gerüsten umrahmte Haus genannt, das van Hoogstraten auch als sein eigenes Mausoleum verwenden wollte/will. Es steht einsam auf der Waldlichtung, wird von vielen als Schandfleck betrachtet, und man fragt sich, ob die Bauarbeiten jemals wieder aufgenommen werden oder ob der Hamilton Palace auch in weiteren dreißig Jahren noch so aussehen wird.

Hier ist ein Blick auf das Gebäude von Google Earth aus und hier ein sehr interessanter Film, der den Hamilton Palace von außen und von innen zeigt.

Milliardäre und Millionäre Teil 2: Die Sunday Times Rich List 2020 – Die 1000 reichsten Männer und Frauen Großbritanniens

Sir James Dyson, der zur Zeit reichste Mann in Großbritannien.
Attr.: The Royal Society
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£54 Milliarden sollen die reichsten Männer und Frauen Großbritanniens in der Zeit der Coronakrise verloren haben, so der Evening Standard vom 17. Mai, aber ich glaube nicht, dass man da allzu viel Mitleid haben sollte, denn es bleibt den Damen und Herren noch genug übrig, um ein angenehmes Leben führen zu können.

Am selben Tag veröffentlichte die Sunday Times ihre jährliche Rich List 2020, auf der die tausend reichsten Menschen des Landes verzeichnet sind, die hier ihren Wohnsitz haben. Werfen wir einmal einen Blick auf die Liste.

Auf den letzten Plätzen, sozusagen im Armenhaus der Rich List, tummeln sich gleich neunzehn Personen, die alle lediglich über ein Vermögen von £120 Millionen verfügen. Leider kenne ich nicht einen einzigen Namen von ihnen. Darunter sind zum Beispiel Woon Wing Yip, der seinen Reichtum durch die Supermarktkette Wing Yip erworben hat. Auch einige Adelige sind auf diesen Plätzen zu finden wie der Earl of Stockton, Enkel des früheren Premierministers Harold Macmillan, ehemaliges Vorstandsmitglied des Verlagshauses Macmillan.

Um unter die Top 500 zu kommen, muss man schon £260 Millionen vorweisen können wie das unter anderem der Ex-Beatle Sir Ringo Starr tun kann (Platz 497).

Doch wenden wir uns den wirklich großen Fischen zu.

Platz 5: Sir Jim Ratcliffe
Er ist der Gründer und Vorstandsvorsitzende des Chemieunternehmens Ineos, das er 1998 gegründet hat. Das Vermögen des Brexit-Befürworters wird auf der Rich List mit £12,15 Milliarden angegeben.

Platz 4: Sir Leonard Blavatnik
Wie der Name schon vermuten lässt, handelt es sich hier um einen Mann, der nicht in Großbritannien, sondern in Odessa in der damaligen Sowjetunion geboren wurde und in London ansässig ist. Blavatnik hat sein Vermögen in Höhe von £15,781 Milliarden vor allem durch geschickte Investitionen erworben. Er wohnt in der für extrem reiche Menschen reservierten Straße Kensington Palace Garden in einem Haus, das er für £41 Millionen erworben hat.

Platz 2: David und Simon Reuben und Sri und Gopi Hinduja
Einen Platz 3 gibt es nicht, da die Vermögen der beiden Brüderpaare gleich sind, nämlich £16 Milliarden.

Die Reuben-Brüder legten den Grundstock für ihren Reichtum durch die Produktion von Aluminium in Russland, später bauten sie ihr Vermögen durch Immobilieninvestitionen aus. So gehören ihnen der 118 Meter hohe Millbank Tower an der Themse und viele Sahnestücke in bevorzugten Wohn- und Geschäftsstraßen Londons.

Die indischstämmigen Hinduja-Brüder gehören dem Vorstand der Hinduja-Gruppe an, einem Mischkonzern mit Automobilbau, Banken, Informationstechnik und mehreren anderen Standbeinen. Sri  und Gopi Hinduja residieren in einem der teuersten Häuser der Welt, in der Londoner Carlton House Terrace 13-16.

Platz 1: Sir James Dyson
Knapp vor den beiden Brüderpaaren liegt Sir James Dyson, der reichste Mann des Königreichs, mit einem Vermögen von £16,2 Milliarden. Der Name Dyson dürfte in Deutschland bekannt sein, denn die Staubsauger der gleichnamigen Firma werden auch bei uns angeboten. Die Firma Dyson produziert noch viele andere Produkte und investiert viel Geld in Künstliche Intelligenz.

Published in: on 13. Juni 2020 at 02:00  Comments (2)  
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Milliardäre und Millionäre Teil 1: Kensington and Chelsea – „The ghost town of the super-rich“

Der Cadogan Square mit seinen extrem teueren Häusern und Wohnungen.
Photo © Robin Webster (cc-by-sa/2.0)

The ghost town of the super-rich“ war die Schlagzeile eines Artikels des Evening Standard vor einigen Jahren; gemeint waren damit die Londoner Stadtteile Kensington und Chelsea, rund um den Cadogan Square, der nach der Cadogan-Familie benannt ist, die hier große Flächen besitzt.
Warum Geisterstadt? Wenn man abends in den Straßen spazieren geht, fällt auf, dass in nur sehr wenigen Häusern Licht brennt. Wo sind die Bewohner denn alle? Es gibt in dieser Region Londons, die zu der teuersten im ganzen Land zählt, viele Häuser, in denen niemand wohnt und das zum Teil schon seit vielen Jahren. Die Besitzer sind oft anonyme Offshore-Firmen, russische Oligarchen, chinesische Milliardäre oder reiche Araber, die sich diese Häuser oder Wohnungen als Geldanlage gekauft haben, aber nie oder nur selten darin wohnen. Sie spekulieren auf eine ständige Wertsteigerung, um sie dann eines Tages gewinnbringend wieder zu verkaufen. Die Folge: Eine Verödung des Lebens tritt ein, denn wenn hier niemand mehr wohnt, können sich auch keine Restaurants oder anderen Geschäfte mehr halten und müssen schließen.

Was die Wohnungs-Leerstände anbelangt, liegen Kensington und Chelsea etwa auf gleicher Höhe wie die problematischen Städte Blackpool und Bradford. Da die Haus- bzw. Wohnungspreise in dieser begehrten Region in zehn Jahren um teilweise mehr als 300% gestiegen sind, brauchen sich die Eigentümer nur bequem zurück lehnen und warten, bis der richtige Zeitpunkt zum Verkauf gekommen ist.

Am Cadogan Square gibt es Wohnungen, in denen schon seit 15 Jahren niemand mehr gewohnt hat. Nicht viel besser sieht es in der direkten Nachbarschaft aus, dem Hans Town-Bezirk, hinter dem Kaufhaus Harrod’s gelegen. Hier gibt es Hunderte von Leerständen.

Eine fatale Entwicklung, deren Ende nicht abzusehen ist und die einer Stadt nur schaden kann.

Der Soziologe Rowland Atkinson hat zu dem Thema ein Buch geschrieben, das am 16. Juni bei Verso Books erscheinen wird: „Alpha City: How London Was Captured by the Super-Rich„.

Published in: on 12. Juni 2020 at 02:00  Comments (1)  
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Ford Madox Brown (1821-1893) – Ein präraffaelitischer Künstler und sein Bild „Work“

This work is in the public domain.

Ich mag die Bilder der Präraffaeliten sehr gern, die Mitte des 19. Jahrhunderts in England gearbeitet hatten. Über einen ihrer berühmtesten Vertreter, Dante Gabriel Rossetti, habe ich in meinem Blog zweimal geschrieben. Heute möchte ich ein Werk eines seiner Kollegen vorstellen, Ford Madox Brown (1821-1893), das einfach nur „Work“ heißt. Es ist eine Art „Wimmelbild“, das viele Menschen bei der Verrichtung unterschiedlicher Tätigkeiten zeigt. Von 1852 bis 1863 arbeitete Brown an diesem Bild, das den Übergang der viktorianischen Gesellschaft von einer ländlich dominierten zu einer städtisch dominierten zeigt.

Im Zentrum des Bildes sind zwei Arbeiter zu sehen, die mit ihren Schaufeln Erdarbeiten verrichten; dann erkennen wir einen Blumenverkäufer und einen Bierhändler, Arbeitslose, die am Straßenrand schlafen, eine junge Frau mit zwei Kindern im Vordergrund und ganz rechts betrachten zwei prominente Männer das ganze Geschehen, der Historiker und Schriftsteller Thomas Carlyle (1795-1881) und der Theologe John Frederick Denison Maurice (1805–1872). Neben den unterschiedlichen, hier abgebildeten Gesellschaftsklassen hat Ford Madox Brown auch noch einige Hunde in das Bild eingebaut, die den entsprechenden Klassen zugeordnet werden können.

Das recht große Ölgemälde, 137 cm × 198 cm, hängt in der Manchester Art Gallery, eine zweite, kleinere und fast identische Variante findet man in der Birmingham Art Gallery.

Inspiriert wurde der Künstler durch eine Straßenszene, auf die er zufällig im Londoner Stadtteil Hampstead stieß. Von der Heath Street zweigt dort eine kleine Nebenstraße ab mit dem Namen The Mount. Dort sah Brown wie Bauarbeiter einen Abwasserkanal aushoben, und um diese Arbeiter herum gruppierte er in seinem Bild die anderen viktorianischen Figuren.

In diesem Film kann man sich das Gemälde im Detail ansehen.

Ford Madox Brown.
This work is in the public domain.

The Mount in Hampstead.
Photo © Christopher Hilton (cc-by-sa/2.0)

Published in: on 11. Juni 2020 at 02:00  Comments (2)  
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Die Statue des Edward Colston in Bristol und ihr Ende am 7. Juni 2020

Wer hätte gedacht, dass der brutale Einsatz eines Polizeibeamten in Minneapolis in den USA dazu führen konnte, dass im einige tausend Kilometer entfernten Bristol in England eine Statue von ihrem Podest entfernt und im Hafenbecken der Stadt versenkt wurde? Von den weltweiten Anti-Rassismus-Kundgebungen fanden auch einige in Großbritannien statt, darunter in Bristol. Am letzten Sonntag zogen dort Demonstranten in die Colston Avenue, wo seit 1895 eine über fünf Meter hohe Statue des Mannes steht, der auch Namensgeber der Straße ist: Edward Colston. Vor allem der schwarzen Bevölkerung Bristols war diese Figur ein Dorn im Auge, denn Colston, der von 1636 bis 1712 lebte, war ein Sklavenhändler und dafür verantwortlich, dass über 80 000 Menschen aus britischen Kolonien in Westafrika in die Plantagen der Karibik verschleppt wurden, wodurch sich die Schatulle Colstons gut füllte. Ein paar Jahre war er als Parlamentsmitglied für Bristol tätig. Sein Reichtum verwendete er aber auch für gute Zwecke, so ließ er 1691 in der King Street und auf dem St Michaels Hill in Bristol Armenhäuser erbauen, förderte Schulen und Krankenhäuser und war so ein Wohltäter für die Stadt im Westen Englands. Als er 1712 starb, wurde er in der All Saints‘ Church in Bristol beigesetzt.

Für seine Verdienste um die Stadt setzte man ihm ein Denkmal, das der Bildhauer John Cassidy entwarf und das am 13. November 1895 in Anwesenheit des Bürgermeisters und des Bischofs von Bristol eingeweiht wurde. „Erected by citizens of Bristol as a memorial of one of the most virtuous and wise sons of their city AD 1895“ steht auf dem Denkmal zu lesen, das 1977 als Grade II eingestuft wurde (besonders bedeutende Bauwerke von allgemeinem Interesse).

An Edward Colstons Statue schieden sich die Geister, die einen sahen in ihm den Wohltäter, die anderen den Sklavenhändler und plädierten dafür, das Denkmal zu entfernen. Am vorigen Sonntag nahmen die Demonstranten die Angelegenheit in ihre eigenen Hände und warfen die Statue kurzerhand in das Hafenbecken von Bristol. Die Londoner Politiker reagierten mehrheitlich empört auf die Aktion, sprachen von Vandalismus und meinten, dass die Verantwortlichen zur Rechenschaft gezogen werden sollten. Hier ist ein Film über die Aktion.

Ob wohl jetzt die Colston Avenue (die A38) und das Hochhaus Colston Tower umbenannt werden?

Colstons Almshouses (St Michael’s Hill).
Photo © Richard Hoare (cc-by-sa/2.0)

Colston Avenue.
Photo © Derek Harper (cc-by-sa/2.0)

Der Colston Tower.
Photo © Paul Harrop (cc-by-sa/2.0)

 

Published in: on 10. Juni 2020 at 02:00  Comments (4)  
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The Royal Oak Foundation – Eine US-amerikanische Organisation zur Unterstützung des National Trusts

Temple of Concord im Stowe Park in Buckinghamshire.
Photo © Graham Horn (cc-by-sa/2.0)

Wie gut, wenn man reiche Freunde hat! Der britische National Trust hat das zwar nicht unbedingt nötig, doch wer kann die eine oder andere Million nicht hin und wieder brauchen? Die Rede ist von der Royal Oak Foundation, eine US-amerikanische Organisation mit Sitz in New York. Deren Mitglieder liegt das Wohlergehen historischer Häuser in England, Wales und Nord-Irland am Herzen, und so greifen sie dem National Trust immer wieder finanziell unter die Arme, wenn es um Projekte geht, die dem Erhalt von Kulturgut dienen.

Bereits 1973 wurde die Royal Oak Foundation ins Leben gerufen. Ihre Mitglieder haben den Vorteil, dass sie bei einem Besuch in Großbritannien freien Eintritt zu allen National Trust-Einrichtungen haben, und da die Eintrittsgebühren dort oft recht hoch sein können, zahlt sich die Mitgliedschaft schnell aus, wenn man viele historische Häuser besichtigt. Das gilt auch für eine Mitgliedschaft im National Trust für Touristen aus Europa, die Großbritannien besuchen; da kann man bei einem längeren Aufenthalt schnell einige Pfund Sterling sparen.

Mehr als $12 Millionen hat die Foundation bisher in Richtung Großbritannien geschickt, um beispielsweise dabei zu helfen, das wunderschöne Stowe in Buckinghamshire zu restaurieren. Sir Winston Churchills Familiensitz Chartwell in Kent erhielt ebenfalls Geld, sowie das am 29. April 2015 durch ein Feuer stark zerstörte Clandon Park in Surrey.

Wer nicht über den großen Teich reisen möchte, was ja zur Zeit kaum möglich ist, dem bietet die Royal Oak Foundation sogenannte „webinars“ an, Seminare zu bestimmten Themen über das Internet. Beispiel: „The Heart of England: The History and Design of British Pubs„. Im vorigen Jahr wurden in mehreren amerikanischen Städten Vorträge gehalten. „Belvoir Castle: A Family Home for 1000 Years“ in New Orleans, „Entertaining at Biltmore and Downton Abbey“ in New York City, Philadelphia und Atlanta.

Chartwell in Kent.
Photo © Philip Halling (cc-by-sa/2.0)

Clandon Park in Surrey, vor dem Brand.
Photo © Paul Gillett (cc-by-sa/2.0)

Das Freud Museum im Londoner Stadtteil Hampstead

Die Straße Maresfield Gardens ist eine ruhige Wohnstraße im Londoner Stadtteil Hampstead, nur ein par Schritte von der lebhaften Finchley Road entfernt. In der Nummer 20 hatte sich im Jahr 1938 der weltberühmte Psychoanalytiker Sigmund Freud niedergelassen, nachdem er aus seiner Heimatstadt Wien geflohen war. Lange sollte der 82-jährige aber nicht in dem hübschen Haus wohnen, denn schon ein Jahr später, am 23. September 1939 starb er hier. Bei der Flucht vor den Nationalsozialisten konnte Sigmund Freud seine Möbel mitnehmen, darunter auch die legendäre Couch, die er für seine Beratungsgespräche verwendet hatte. Seine Tochter Anna Freud, die ebenfalls Psychoanalytikerin war, kam damals mit nach London, und sie wohnte bis zu ihrem Tod 1982 in dem Haus an den Maresfield Gardens. Annas Freundin und Patientin Mary Burlingham, Nachfahrin der New Yorker Tiffany-Familie, nahm sich hier 1974 durch eine Überdosis Schlaftabletten das Leben.

Anna Freud verfügte, dass nach ihrem Ableben das Haus als Museum genutzt werden sollte, und so kann sich heute jeder, der sich für den berühmten Psychoanalytiker interessiert, dessen Wohnsitz besuchen. Zu sehen sind natürlich die „Freud Couch“, weitere Möbel aus Österreich, die Bibliothek mit mehr als 1600 Büchern, Freuds Sammlung von Antiquitäten und sein Arbeitszimmer, das nach seinem Tod kaum verändert worden ist. In diesem Raum hat der englische Künstler Mark Wallinger an der Decke einen Spiegel angebracht, „Self Reflection„, eine Metapher für den psychoanalytischen Vorgang. Im Garten hat Wallinger ein Kunstwerk installiert, den Buchstaben „I“ für „Ich“, das er „Self“ genannt hat, in Beziehung zu Freuds Beschäftigung mit dem Ich.

Das Museum bietet regelmäßig Seminare und Vorträge zu psychoanalytischen Themen an, ebenso geführte Touren durch das Haus. Der Eintritt beträgt £10. Zur Zeit ist das Museum auf Grund der Coronakrise geschlossen.

Hier ist ein Film über das Museum.

Freud Museum
20 Maresfield Gardens 
Hampstead 
London
NW3 5SX

Freuds Arbeitszimmer mit der Couch.
Author: Zde
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Published in: on 8. Juni 2020 at 02:00  Kommentar verfassen  
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William Bradley (1787-1820) – The Yorkshire Giant

Unknown author.
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William Bradley, der Yorkshire Giant, wurde nur 33 Jahre alt. Mit einer Körpergröße von 2,35 m ist er wohl der größte Mensch, der je in Großbritannien gelebt hat.
Geboren wurde Bradley 1787 in Market Weighton, das liegt im East Riding of Yorkshire, auf halber Strecke zwischen York und Kingston-upon-Hull. Nachdem er als Landarbeiter nur wenig Geld verdienen konnte, besann er sich darauf, aus seiner Körpergröße Kapital zu schlagen und schloss sich einer der damals sehr populären Freak Shows an, wo Menschen mit ungewöhnlichen körperlichen Missbildungen zur Schau gestellt wurden. Nachdem er auf vielen Jahrmärkten im ganzen Land unterwegs war, beschloss er, aus selbst sich eine One-Man-Show zu machen. Er mietete  in Städten ein Zimmer und verlangte von jedem, der ihn „besichtigen“ wollte, einen Shilling. Ein trauriges Leben!
Bradley wurde auch einmal König George III vorgeführt, der ihm eine goldene Uhr schenkte.
1820 starb der Yorkshire Giant in seiner Heimatstadt Market Weighton, wo er auch beigesetzt wurde. Alljährlich findet dort seit 1996 der Giant Bradley Day statt, ein Art Rummelplatz mit Amüsement für Kinder und Erwachsene.

Zur Erinnerung hat die Stadt Market Weighton eine lebensgroße Statue aus Holz von William Bradley aufgestellt.
Der Giant Bradley Heritage Trail führt durch Market Weighton an Plätzen vorbei, die irgendwie mit dem Riesen zusammenhängen und ist durch 23 Fußabdrücke markiert, die der exakten Schuhgröße Bradleys entsprechen.

Das Geburtshaus des Yorkshire Giants in Market Weighton.
Photo © Colin Westley (cc-by-sa/2.0)

Plakette an Bradleys Geburtshaus und eine der Stationen des Giant Bradley Heritage Trails.
Photo © Mike Kirby (cc-by-sa/2.0)

Bradleys Staue in Market Weighton.
Photo © Leslie (cc-by-sa/2.0)

Published in: on 7. Juni 2020 at 02:00  Kommentar verfassen  
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Mein Buchtipp – Harry Mount: How England Made the English

Foto meines Exemplares.

Wenn man England und die Engländer richtig verstehen möchte, dann empfehlen sich dafür zwei Bücher: Kate Fox‘ „Watching the English“ und Harry MountsHow England Made the English„. Ersteres habe ich in meinem Blog bereits vorgestellt, letzeres stelle ich heute vor.

Der Londoner Harry Mount, Jahrgang 1971, ist ein Journalist, der unter anderem für den Daily Telegraph gearbeitet hat, ist mit Ex-Premierminister David Cameron verwandt und studierte am Magdalen College in Oxford. „How England Made the English“ ist bereits sein viertes Buch, das den Untertitel hat „From Why We Drive on the Left to Why We Don’t Talk to Our Neighbours„. Es hat nur sehr wenige Überschneidungen mit dem Buch von Kate Fox. Auf der Rückseite des Buches steht zu lesen: „The English character is principally an accident of geography and weather…Harry Mount scours the length and breadth of the country to find the curiosities, idiosyncrasies and pecularities that have made us who and what we are„.
Diese Worte beschreiben sehr gut den Inhalt des Buches, das mit einem Kapitel über das Wetter beginnt, ein Thema das unausrottbar mit allem Englischen verbunden ist. In einem weiteren Kapitel beschäftigt er sich mit dem Nord-Süd-Gefälle in England, in einem anderen geht es um das Dauerthema Verfall der High Streets. In „The Rolling English Road“ steht das englische Straßen- und Verkehrssystem im Mittelpunkt und in „A Nation of Gardeners“ schreibt Harry Mount über die Faszination seiner Landsleute mit Gärten.

Harry Mount muss sehr viel Zeit mit Recherchen für sein Buch verbracht haben, denn es ist voll gestopft mit Zahlen und Fakten. Alle Angaben sind gut dokumentiert, die Bibliografie umfasst sechs Seiten.

Das Buch ist zwar als Hardcover bereits 2012 erschienen (ich besitze die Taschenbuchausgabe aus dem Jahr 2013), es hat sich aber bis heute kaum etwas geändert. Ein richtig interessantes Buch, das ich jedem an England Interessierten sehr empfehlen kann! In diesem Film stellt Harry Mount sein Buch vor.

Harry Mount: How England Made the English. Penguin Books 2013. 340 Seiten. ISBN 978-0-670-91914-7.

Published in: on 6. Juni 2020 at 02:00  Kommentar verfassen  

Deadman’s Island in Kent – Eine unbewohnte Insel vor der Küste der Isle of Sheppey

In der Mitte links ist Deadman’s Island zu sehen.
Photo © Chris (cc-by-sa/2.0)

Die Isle of Sheppey in Kent ist durch die A249 mit der A2 bzw. der M2 verbunden. Ich kenne diese Insel noch aus der Zeit, als sie über die Fähre Vlissingen-Sheerness zu erreichen war. Diese Fährverbindung der Olau-Line ist lange eingestellt worden. Auf der Isle of Sheppey sind drei Gefängnisse untergebracht, über die ich in meinem Blog geschrieben habe.

Schon Anfang des 19. Jahrhunderts brachte man Gefangene auf diese etwas abgelegene Insel, um sie auf ausgemusterten Schiffen einzusperren, die vor der Küste ankerten. Wohin nun mit den Männern, die auf diesen Gefängnisschiffen starben? Häufig waren ansteckende Krankheiten die Ursache für den Tod der Gefangenen. Man wollte sie möglichst schnell und in der Nähe beerdigen, so wurde dafür eine unbewohnte Insel vor dem Ort Queenborough ausgewählt, dort wo sich der River Medway und The Swale ins Meer ergießen. Hier, auf der Deadman’s Island, senkte man die hölzernen Särge in den schlammigen Boden und vergass sie zweihundert Jahre lang…bis plötzlich an einigen Stellen der Insel menschliche Knochen auftauchten. Was war geschehen? Küstenerosion und der steigende Meerwasserspiegel haben den Schlamm weggespült, in dem die Särge lagen und ihren Inhalt ans Tageslicht gebracht. Ein grausiger Anblick, der sich dort dem Betrachter bei Ebbe bietet: Menschliche Schädel, Knochen und Sargreste. Vieles davon wird im Laufe der Zeit ins Meer gespült werden und dann auf Nimmerwiedersehen verschwinden.

Deadman’s Island gehört der Organisation Natural England und ist eine Site of Special Scientific Interest, das heißt, die Insel ist besonders schutzwürdig, weil sie ein Brutplatz für Vögel ist und darf (eigentlich) nicht betreten werden; trotzdem, hier ist ein Film über die Funde auf Deadman’s Island.

Im Vordergrund: Deadman’s Island.
Photo © Mike Quinn (cc-by-sa/2.0)

Published in: on 5. Juni 2020 at 02:00  Kommentar verfassen  
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Der Diebstahl eines wertvollen Vermeer-Gemäldes aus dem Kenwood House in London

Kenwood House auf der Hampstead Heath.
Photo © Christine Matthews (cc-by-sa/2.0)

Bei einem Spaziergang über die Londoner Hampstead Heath kam ich am Kenwood House vorbei, einem ehemaligen Herrenhaus, das im 18. Jahrhundert von dem Architekten Robert Adam im klassizistischen Stil umgebaut worden war. Es beherbergt eine große Gemäldesammlung, die der irische Geschäftsmann und Philanthrop Edward Cecil Guinness, 1. Earl of Iveagh, von der Bierbrauerfamilie, zusammengetragen hatte und alles, Haus, Grund, Gemäldesammlung, nach seinem Tod im Jahr 1927 der englischen Nation vermachte. Das Haus liegt jetzt in den Händen des English Heritage.

Eines der berühmten Gemälde im Kenwood House ist Jan VermeersDie Gitarrenspielerin„, das der niederländische Maler 1672 angefertigt hatte. In der Nacht des 23. Februars 1974 wurde dieses Bild aus dem Kenwood House gestohlen. Der Dieb verschaffte sich mit Hilfe eines Vorschlaghammers Zutritt zu dem Museum, nahm den Vermeer von der Wand und war schnell wieder verschwunden. Das Sicherheitspersonal konnte nichts mehr ausrichten, rief die Polizei, die mit Spürhunden versuchte, dem Dieb auf die Spur zu kommen, aber vergebens. Dieb und Bild blieben verschwunden. Auf dem Kunstmarkt ließ sich so ein berühmtes Gemälde nicht absetzen, also vermutete die Polizei anfangs eine Auftragsarbeit eines Kunstsammlers. Der Rahmen des Bildes wurde schnell gefunden, durch den Hinweis einer Hellseherin namens Nella Jones. Diese hatte plötzlich eine Eingebung, notierte den Standort (ein paar hundert Meter vom Kenwood House entfernt), ging damit zur Polizei, die äußerst skeptisch dem Hinweis nachging und tatsächlich an der angegebenen Stelle den beschädigten Rahmen vorfand.

Mehrere Anrufer nahmen Kontakt zu Scotland Yard auf, die jeweils ein Lösegeld forderten; man vermutete die IRA dahinter, aber auch andere Terrororganisationen gerieten ins Blickfeld der Polizei, die ein Lösegeld kategorisch ablehnte. Es gingen auch einige anonyme Anrufe zum Aufenthaltsort des Gemäldes ein, darunter einer, der sagte, das Bild befände sich auf dem Kirchhof von Saint Bartholomew-the-Great in der Londoner City. Und siehe da, als die Polizei dort eintraf, fand sie die Gitarrenspielerin gegen einen Grabstein gelehnt vor, glücklicherweise nur gering beschädigt (hier ist ein Film). Der Täter wurde nie ermittelt, obwohl Scotland Yard einen starken Verdacht hatte, dass die IRA Terroristin Rose Dugdale ihre Hände im Spiel gehabt hatte. Dugdale und einige andere raubten zwei Monate später aus einem Herrenhaus in Irland neunzehn Meisterwerke, darunter wieder einen Vermeer,  dieses Mal „Briefschreiberin und Dienstmagd„, ein Ölgemälde aus dem Jahr 1670.

„Die Gitarrenspielerin“ hängt nach wie vor im Kenwood House, das besucht werden kann, leider zur Zeit nicht, da das Coronavirus etwas dagegegen hat.

Kenwood House
Hampstead Lane
Hampstead
Greater London NW3 7JR

Hier auf dem Kirchhof von St Bartholomew-the-Great in der Londoner City wurde das Gemälde wiedergefunden.
Photo © Christine Matthews (cc-by-sa/2.0)

Die Londoner U-Bahnstation Arsenal – Die einzige im ganzen Land, die nach einem Fußballverein benannt ist

Der Londoner Premier League Fußballverein F.C. Arsenal, The Gunners, ist der einzige, der sich rühmen kann, dass eine U-Bahnstation nach ihm benannt worden ist, und das schon seit dem 31. Oktober 1932. Erst hieß sie Arsenal (Highbury Hill), seit 1960 nur noch Arsenal. Die Station an der Piccadilly Line liegt an der Gillespie Road, und so hieß der Bahnhof auch bis zu seiner Umbenennung. Die Gillespie Road befindet sich einer reinen Wohngegend mit nur wenigen Geschäften, ein Katzensprung von dem ehemaligen Highbury-Stadion der Gunners entfernt. Die spielen aber dort seit 2006 nicht mehr, sondern im Emirates Stadium, dem zweitgrößten Stadion der Premier League (das größte ist Old Trafford in Manchester). Das neue Stadion ist nur wenige Gehminuten von dem alten entfernt, und so nutzen viele Arsenal-Fans die U-Bahnstation nach wie vor, um die Spiele ihrer Mannschaft zu sehen.

Dass der Bahnhof der Piccadilly Line so benannt wurde, ist dem ehemaligen Trainer der Gunners, Herbert Chapman zu verdanken, der von 1925 bis 1934 dem Verein angehörte. Er bohrte so lange, bis die zuständige Behörde 1932 ihr OK zu der Namensänderung gab. Der Schriftzug „Gillespie Road“ ist nach wie vor auf den Kacheln der Wände der Station erhalten geblieben. Der Eingang der Arsenal Tube Station ist auf beiden Seiten von Wohnhäusern eingeschlossen, ein etwas merkwürdiger Anblick.

Der F.C. Arsenal war Herbert Chapmans letzter Verein. Er starb kurz vor seinem 56. Geburtstag am 6. Januar 1934 an einer Lungenentzündung. Eine lebensgroße Statue von ihm erinnert an den Trainer vor dem Emirates Stadium.

Die Statue von Herbert Chapman vor dem Emirates Stadium.
Author: Little Savage.
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Published in: on 3. Juni 2020 at 02:00  Kommentar verfassen  
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Daddlums – Ein fast ausgestorbenes Pubspiel, das noch heute in The Jolly Drayman in Gravesend (Kent) gespielt wird

The Jolly Drayman in Gravesend (Kent).
Photo © Chris Whippet (cc-by-sa/2.0)

In meinem Blog habe ich immer einmal wieder über Pubspiele geschrieben, zuletzt über Ringing the bull, die nach und nach in Gefahr geraten, auszusterben und auf der „Roten Liste der gefährdeten Pubspiele“ stehen (gibt es nicht in Wirklichkeit, habe ich mir nur ausgedacht).
Eines dieser Spiele, die beinahe ganz verschwunden sind, ist Daddlums, auch Kentish skittles genannt. Das ist ein Kegelspiel, das auch auf kleinstem Raum untergebracht werden kann. Auf einem speziellen Brett sind neun Mini-Kegel rautenförmig aufgestellt, die es gilt umzuwerfen; das muss der Spieler mit drei kleinen hölzernen Würfeln („cheeses“) aus drei Metern Abstand erreichen. In Dorset gibt es ein ähnliches Spiel, das dort Drubbers genannt wird.

In einem der ganz wenigen verbliebenen Pubs, in dem regelmäßig Daddlums gespielt wird, ist The Jolly Drayman in der Wellington Street in  Gravesend in Kent, wo sich die Themse allmählich der Nordsee zuwendet. Jeden Sonntagabend um 21 Uhr trifft sich hier die Daddlums-Fangemeinde zum fröhlichen Tischkegelspielen. Nach Meinung des Jolly Draymans gibt es (wahrscheinlich) im ganzen Königreich keinen weiteren Pub, in dem dieses Spiel gespielt wird. Nach meinen Recherchen kommt höchstens noch The Carpenters Arms in dem winzigen Dorf Coldred, nahe der A2, nördlich von Dover in Kent in Frage, in dem zumindest hin und wieder Daddlums zelebriert wird.

Je mehr Pubs schließen, und das kann durch die Coronakrise noch beschleunigt werden, je mehr geraten auch lieb gewordene Traditionen in Gefahr, für immer zu verschwinden. Hoffen wir, dass dem Einhalt geboten werden kann!

The Carpenters Arms in Coldred (Kent).
Photo © Chris Whippet (cc-by-sa/2.0)

Von problematischen Nachbarschaften in London, Lancashire und im County Durham

Im allgemeinen hält man in England gern Abstand zu seinen Nachbarn, und der Spruch „My home is my castle“ gilt auch heute noch. Manchmal kommt es aber zu Problemen mit der lieben Nachbarschaft, und da möchte ich heute drei Beispiele anführen.

Dieses auffällig gestrichene Haus im Londoner Stadtteil Kensington stand einmal im Mittelpunkt eines Nachbarschaftsstreits. Der Besitzer wollte das Haus abreißen und durch ein neues, moderneres ersetzen lassen. Diese neue Gebäude sollte zwei unterirdische Stockwerke erhalten, ein sogenanntes „iceberg home“, sehr beliebt bei den Londoner Superreichen, die auf diese Weise deutlich mehr Platz erzielen.
Die Nachbarn wehrten sich gegen diese Pläne, und da auch der Kensington and Chelsea Council nicht mitmachen wollte, wurde das Haus eben, um die Nachbarn zu ärgern, in dieser auffälligen und provozierenden Weise gestrichen. Aber auch da schritt der Council ein und erteilte die Auflage, das Gebäude in den Ursprungszustand zurückzuversetzen. was dann so aussah:

 

Dieses Haus in der Stankelt Road in Silverdale (Lancashire) steht vor einer sogenannten „spite wall„, die 1880 errichtet wurde und zwar von dem Besitzer des Hauses auf der gegenüberliegenden Seite. Dessen Haus stand zuerst da und hatte einen schönen Blick auf die Landschaft…bis das Haus gegenüber gebaut wurde, das ihm die Sicht nahm und auch die „privacy“. Erzürnt ließ der Nachbar diese „spite wall“ am äußersten Ende seines Grundstücks errichten; nun hatte er wenigstens seine Privatheit wieder und sein Gegenüber blickte aus seinen Fenstern auf eine graue Mauer.

Joseph Edlestone war 41 Jahre lang Vikar an der St Mary’s Church in Gainford (County Durham) gewesen. Als er 1895 in seinem Haus in Cambridge starb, wollten seine Kinder gern ein Denkmal für ihren Vater auf dem Kirchhof von St Mary’s errichten lassen, was die Kirche aber ablehnte, mit dem Hinweis, der Kirchhof sei bereits voll und es gäbe keinen Platz mehr. Aber: Wenn die Famile Edlestone, die das angrenzende Grundstück besaß, einen Teil davon an sie abtreten würde, könnte sie das Monument ja dorthin stellen. Das passte Joseph Edlestones Kindern aber überhaupt nicht, und so bauten sie auf ihrem Grund und Boden ein großes Haus, das Edlestone Spite House, und errichteten direkt an der Grenze zum Kirchhof eine zwölf Meter hohe Säule, die oben im Bild zu sehen ist. Der Vikar von St Mary’s war sicher „not amused“.

Das Buch zum Artikel:
Emily Cockayne: Cheek by Jowl – A History of Neighbours. Bodley Head 2012. 288 Seiten. 978-1847921345.

 

Published in: on 1. Juni 2020 at 02:00  Kommentar verfassen  
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