Jonathan Swifts Roman „Gulliver’s Travels“ und wie der Autor auf die Idee mit den Liliputanern kam

Blick auf die Mole des Hafens von Whitehaven, so wie ihn wahrscheinlich der kleine Jonathan gehabt hatte.
Photo © N Chadwick (cc-by-sa/2.0)

Als Kind besaß ich ein Exemplar des Buches „Gullivers Reisen„, das 1726 von Jonathan Swift veröffentlicht worden war. Das Buch war recht dünn und beinhaltete lediglich die Geschichte von Gulliver und den Liliputanern; dass es noch drei weitere Teile gab, wusste ich damals nicht. „Travels into Several Remote Nations of the World in Four Parts By Lemuel Gulliver, first a Surgeon, and then a Captain of Several Ships“, so der sperrige Name des ganzen Buches, war eine Gesellschaftssatire und nicht als Kinderbuch konzipiert. Bis heute ist aber der erste Teil, der mit den Liliputaner, der bekannteste geblieben; Gullivers Reisen nach Brobdingnag, Laputa, Glubbdubdrip und wie die anderen Fantasiereiche heißen, sind dagegen den meisten nicht so geläufig.

Wie kam nun Jonathan Swift, der von 1667 bis 1745 lebte, auf die Idee mit den kleinen Menschen im Reich Liliput, die den großen Gulliver mit Schnüren an den Boden gefesselt haben? Es soll sich folgendermaßen zugetragen haben: Als der kleine Jonathan gerade einmal ein Jahr alt war, wurde er von seinem Kindermädchen, ohne dass die Mutter es wusste, von Dublin nach Whitehaven (Cumbria) mitgenommen, um dort Erbschaftsangelegenheiten zu regeln. Die Nanny liebte den kleinen Jungen sehr und mochte sich nicht von ihm trennen, heute würde es heißen, sie hätte Klein-Jonathan entführt. Nachdem die beiden in Whitehaven angekommen waren, schrieb das Kindermädchen gleich einen Brief an die Mutter, entschuldigte sich und bat um Verständnis. Mrs Swift wollte nicht, dass sich ihr kleiner Sohn gleich noch einmal auf die gefährliche Überfahrt zurück nach Dublin machen sollte, und gestattete dem Kindermädchen es so lange zu behalten, bis er größer war.

Jonathan wohnte mit seiner „neuen Mutter“ oberhalb des Hafens von Whitehaven in einem Haus namens Bowling Green House, aus dem später der Red Flag Inn wurde. Jonathans Abwesenheit von seiner richtigen Mutter schien dem Kind nicht geschadet zu haben, denn es begann dort oben über dem Hafen schon früh lesen zu lernen, und es konnte bereits mit vier Jahren die Bibel lesen. Wenn Jonathan von seinem Haus aus auf den Hafen und die Stadt hinunterschaute, sah er aus der Entfernung all die kleinen Menschen ihren Verrichtungen nachgehen, und diese Bilder sollten sich derart in ihm einprägen, dass daraus über fünfzig Jahre später sein Roman, in dem kleinwüchsige Menschen eine Rolle spielten, entstand und der in die Weltliteratur Einzug hielt.

Das Haus oberhalb des Hafens steht noch heute und wird Jonathan Swift House genannt.

Über die Küstenstadt Whitehaven habe ich in meinem Blog schon zweimal geschrieben, einmal in Zusammenhang mit dem amerikanischen Unabhängigkeitskrieg und einmal über die Rum Story.

Luftbildaufnahme von Whitehaven.
Photo © M J Richardson (cc-by-sa/2.0)

Published in: on 14. August 2020 at 02:00  Kommentar verfassen  
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