Shipden Hall in West Yorkshire und die Abenteurerin Anne Lister (1791-1840)

Shibden Hall.
Photo © Graham Hogg (cc-by-sa/2.0)

Vor zwei Jahren wurden im britischen Fernsehen eine achtteilige Serie gesendet, die den Titel „Gentleman Jack“ trug und die so gut bei den Zuschauern ankam, dass in diesem Jahr eine zweite Staffel gezeigt werden soll. Die TV-Serie basiert auf dem ungewöhnlichen Leben einer Frau, die in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts lebte und die Anne Lister (1791-1840) hieß. Nur sehr wenige Frauen in der damaligen Zeit besaßen den Mut kreuz und quer durch die Welt zu ziehen und aus ihrer sexuellen Orientierung, sie war lesbisch, kein allzu großes Geheimnis zu machen. „Gentleman Jack“ war der Name mit dem sie von den Bewohnern der Stadt Halifax in West Yorkshire bezeichnet wurde, dort wo sie geboren wurde und wo sie ihren Landsitz Shibden Hall besaß.

Anne Lister führte ein sehr ausführliches Tagebuch, das insgesamt mehr als fünf Millionen Wörter umfasste, ein Teil davon in Geheimschrift geschrieben und zwar die Passagen, in denen es um ihre amourösen Beziehungen zu anderen Damen ging. Erst sehr viel später gelang es, diese Passagen zu entziffern. 1836 erbte Anne Shibden Hall, wo sie aber schon eine Weile gelebt hatte, von ihrer Tante. Zwei Jahre vorher ging sie zusammen am Ostersonntag mit ihrer Geliebten Ann Walker in die Holy Trinity Church in Yorks Godramgate zur Kommunion und von da an betrachteten sie sich anschließend als verheiratet, ohne dass die Beziehung legalisiert war. Eine Plakette an der Kirche erinnert an die „Eheschließung“.

Es würde zu weit führen, an dieser Stelle alle Reisen der Anne Lister aufzuführen; nur so viel, dass sie in viele europäische Länder reiste, den höchsten Berg in den französischen Pyrenäen bestieg und sich gern in Paris aufhielt. Ihre letzte Reise, die sie zusammen mit Ann Walker unternahm, führte die beiden Damen nach Osteuropa, nach Moskau und in den Kaukasus. Sie starb am 22. September 1840 in Georgien. Ihre Lebensgefährtin Ann brachte sie nach England zurück, wo sie im Halifax Minster beigesetzt wurde. Das ausgefüllte Leben der „first modern lesbian“ gäbe so viel Stoff her, das „Gentleman Jack“ noch viele weitere Staffeln erleben könnte.

Shibden Hall war dreihundert Jahre lang der Stammsitz der Familie Lister; er ging für einige Jahre in den Besitz von Ann Walker über, die 1854 starb. 1933 bekam die Halifax Corporation das Anwesen geschenkt, die in der Hall ein Museum einrichtete. Der Park und die Hall sind öffentlich zugänglich. Nach der Ausstrahlung von „Gentleman Jack“, das auch in Shibden Hall gedreht wurde, nahm der Besucherandrang deutlich zu.

Wer die Tagebücher einmal lesen möchte, bitte schön:
The Secret Diaries of Miss Anne Lister Vol. 1 and 2. Virago 2010. 448 Seiten und 352 Seiten. ISBN 978-1844087198 und 978-0349013336.

Hier „heirateten“ Anne Lister und Ann Walker: Die Holy Trinity Church in Yorks Goodramgate.
Eigenes Foto.

Published in: on 3. Februar 2021 at 02:00  Comments (1)  
Tags: ,