Hesba Stretton (1832-1911) – Eine Kinderbuchautorin der viktorianischen Zeit

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Wie das Buch „Alone in London“ in meine Familie gekommen ist, weiß ich nicht mehr. Sowohl mein Vater als auch ich, während meiner Zeit im Gymnasium, versuchten sich an einer Übersetzung; ich schaffte es bis zum 7. Kapitel. Das Besondere an dem Buch war, dass auf der Titelseite kein Verfasser angegeben war und auch das Erscheinungsdatum war nirgendwo zu finden. Es stand lediglich „By the Author of „Jessica’s First Prayer“, „Little Meg’s Children“ etc. auf dem Titelblatt. Erschienen war „Alone in London“ bei der Religious Tract Society in London. Im Zeitalter des Internets ist es natürlich leicht, das Rätsel um Autor und Erscheinungsjahr aufzulösen: Hesba Stretton heißt die Verfasserin und erschienen ist es um 1906 herum.
Wie der Verlagsname schon vermuten lässt, handelt es sich hierbei um eine rührselige Geschichte, in der der Zeitungshändler James Oliver und die beiden Straßenkinder Dolly und Tony im Mittelpunkt stehen, die eine kleine Familie bilden. Ich muss zugeben, dass ich als Jugendlicher bei der Lektüre die eine oder andere Träne verdrückt habe, so nahe ging mir das Schicksal der drei Protagonisten.

Hesba Stretton ist das Pseudonym von Sarah Smith, die 1832 in der New Street in Wellington in der Grafschaft Shropshire geboren wurde. Der Vorname besteht aus den Initialen ihrer Geschwister: H wie Hannah oder möglicherweise auch Harriett, E wie Elizabeth, S wie Sarah, B wie Benjamin und A wie Annie. Der Nachname bezieht sich auf das Dorf All Stretton, wo ihre Schwester Ann in einem Haus namens Caradoc Lodge wohnte. Mrs Smith schrieb Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts einige Kinderbücher, die sich großer Beliebtheit erfreuten und in denen ihre Religiösität zum Ausdruck kam. Ihre Bücher wie „Jessica’s First Prayer„, „Jessica’s Mother“ oder „The Christmas Child“ wurden in hohen Stückzahlen gedruckt und gern an Kinder verschenkt. Einige von ihnen erschienen in deutscher Übersetzung und trugen Titel wie „Heim, süß Heim„, „In des Herrn Hand“ und „Allein in London“ (da hatte es doch jemand geschafft, im Gegensatz zu mir, das komplette Buch zu übersetzen). Hesba Strettons Bücher entsprechen nicht mehr dem heutigen Zeitgeist, die meisten von ihnen sind aber noch problemlos antiquarisch oder als Nachdruck zu bekommen.

Sarah Smith starb am 8. Oktober 1911 in Richmond (Surrey). Ihr Grab findet man auf dem Kirchhof von St Laurence in Church Stretton in Shropshire.

Hier in der New Street in Wellington (Shropshire) wurde die Autorin geboren.
Photo © Gordon Cragg (cc-by-sa/2.0)

St Laurence’s Church in Church Stretton (Shropshire) Hier ruht Hesba Stretton.
Photo © Dr Neil Clifton (cc-by-sa/2.0)

Published in: on 9. September 2019 at 02:00  Comments (1)  
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Mein Buchtipp – Neil Clark: Stranger Than Fiction – The Life of Edgar Wallace

Foto meines Exemplares.

Edgar Wallace (1875-1932) war ein bemerkenswerter Mann. Im Laufe seines nicht allzu langen Lebens schrieb er hunderte von Büchern, Theaterstücken, Zeitungsartikel, Kolumnen und Drehbücher. Er war in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts einer der meist gelesenen Schriftsteller der Welt. Allein in Deutschland wurden im Zeitraum von 1926 bis 1982 43 Millionen seiner Bücher verkauft. Mehr als 200 Filme wurden auf Grundlage seiner Bücher gedreht. Kurz bevor Edgar Wallace in seinem gemieteten Haus in Beverly Hills starb (716 North Maple Drive) entwickelte er noch die Idee für den Film „King Kong„, der 1933 in die Kinos kam. Hier ist die berühmte Schlussszene zu sehen.

Neil Clark zeichnet das Leben des 1875 in einfachen Verhältnissen geborenen Schriftstellers in seinem 2014 erschienenen Buch „Stranger Than Fiction – The Life of Edgar Wallace The Man Who Created King Kong“ nach. Aus Südafrika berichtete Wallace um die Jahrhundertwende für südafrikanische und britische Zeitungen vom Burenkrieg, arbeitete erfolgreich in der Londoner Fleet Street, schrieb seine ersten Kriminalromane, war ein leidenschaftlicher Besucher von Pferderennen (wobei er hohe Summen verlor) und entdeckte seine Liebe für das Theater (nicht alle seiner Stücke waren erfolgreich, einige fielen beim Publikum und bei den Kritikern durch).

Edgar Wallace war ein Mann, der in seinem späteren Leben sehr viel Geld verdiente, es aber auch mit vollen Händen wieder ausgab. Er war außerordentlich großzügig, nicht nur seinen Freunden gegenüber, und war sehr beliebt. Es gab wohl nur wenige Schriftsteller, die so viel wie er gearbeitet haben. Tag und Nacht diktierte er seine Romane, schrieb gleichzeitig für mehrere Zeitschriften Kolumnen und Artikel. Dabei trank er Unmengen an Tee und rauchte unzählige Zigaretten, fast immer mit einer besonders langen Zigarettenspitze, die zu seinem Markenzeichen wurde, ebenso wie der Spruch „Es ist unmöglich, von Edgar Wallace nicht gefesselt zu sein„.

An der Ecke Ludgate Circus/Fleet Street in London, wo der elfjährige Edgar 1886 Zeitungen verkaufte, befindet sich eine Plakette, die an ihn erinnert.

Edgar Wallace lebte viele Jahre in seinem Haus Chalklands in Bourne End (Buckinghamshire). Ich berichtete darüber in meinem Blog. Sein Grab befindet sich in unmittelbarer Nähe auf dem Friedhof von Fern Lane bei Little Marlow.

Das Buch ist fesselnd geschrieben und macht Lust darauf, wieder einmal den „Frosch mit der Maske“ oder den „Hexer“ in die Hand zu nehmen.
Neil Clark ist Journalist und schreibt für viele britische überregionale Zeitungen. Er war zeitweise Vorsitzender der 1969 von Penelope Wallace gegründeten Edgar Wallace Society.

Neil Clark: Stranger Than Fiction – The Life of Edgar Wallace The Man Who Created King Kong. The History Press 2014. 255 Seiten. ISBN 978-0-7524-9882-9.

 

Edgar Wallace.
Attribution: Bundesarchiv, Bild 102-13109.
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Plakette am Ludgate Circus/Fleet Street in London.
Attribution: Photograph by Mike Peel.
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Das Grab von Edgar Wallace auf dem Friedhof am Fern Lane in der Nähe von Little Marlow (Buckinghamshire).
Eigenes Foto.

Published in: on 29. August 2019 at 02:00  Schreibe einen Kommentar  
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Erotica der viktorianischen Zeit Teil 2 – Walter: My Secret Life

Wer war „Walter„? Diese Frage stellt man sich bis heute. Wer war der Verfasser des mehrere tausend Seiten umfassenden Werkes „My Secret Life„, das 1888 in einer Mini-Auflage von 25 Exemplaren erschien und noch heute lieferbar ist. Dieser ominöse Walter berichtet darin von seinen sexuellen Erfahrungen und Erlebnissen im viktorianischen London, aber er beschränkte sich nicht nur auf die britische Hauptstadt, auch in anderen Ländern war er sexuell sehr aktiv. So an die 1200 Frauen soll er im Laufe seines Lebens „besessen“ haben und Walter nahm, was ihm über den Weg lief, wobei er nicht knauserig war, denn er bezahlte die Damen nicht schlecht für ihre Dienste. Viele von ihnen waren Prostituierte, aber auch Dienstmädchen und Hausangestellte zählten zu Walters Eroberungen.

Für die viktorianische Zeit waren Enthüllungen dieser Art phänomenal. Wohl selten hat jemand in einem Buch die Dinge so genau beim Namen genannt und so detailliert beschrieben. Wer sich selbst einmal ein Bild von dem Inhalt machen möchte, kann dies hier tun.

„My Secret Life“ wurde auch ins Deutsche übersetzt und erschien zuletzt im Jahr 2011 unter dem Titel „Mein geheimes Leben: Ein erotisches Tagebuch aus dem Viktorianischen England“ in drei Bänden mit über 3000 Seiten im Verlag Haffmanns & Tolkemitt. Da mussten sich gleich mehrere Übersetzer ans Werk machen, um diese Mammutaufgabe zu meistern.

Als möglicher Verfasser des Buches wurde immer wieder Henry Spencer Ashbee genannt, den ich gestern in meinem Blog vorstellte. Doch die Experten sind sich da nicht sicher und haben auch andere Namen wie William Simpson Potter ins Spiel gebracht, der als Autor des ebenfalls anonym veröffentlichten Buches „The Romance of Lust“ gehandelt wird.

1967 erschien ein Buch, das sich intensiv mit Walter und seinem geheimen Tagebuch auseinandersetzt: „Walter: The English Casanova – A Presentation of His Unique Memoir „My Secret Life„“ von Phyllis and Eberhard Kronhausen (Polybooks).

„My Secret Life“ hat sogar eine eigene Webseite, auf der noch viel mehr zu sehen und zu hören ist (For Adults Only).

Published in: on 8. August 2019 at 02:00  Schreibe einen Kommentar  

Erotica der viktorianischen Zeit Teil 1 – Henry Spencer Ashbee (1834-1900) und seine Sammlung erotisch/pornografischer Literatur

Henry Spencer Ashbee.
This work is in the public domain.

Ich kann mich noch an meine Studentenzeit in Hamburg erinnern, als ich einmal ein Buch in der Staats- und Universitätsbibliothek ausleihen wollte, das im Katalog mit dem Vermerk „Sekretiert“ versehen war. Auf meine Frage, was das denn bedeuten sollte, bekam ich die Antwort, dass man besagtes Buch erotischen Inhalts nur mit Erlaubnis einer befugten Person in der Bibliothek ausgehändigt bekommt. Also ging ich zu dieser Person, die mir dann gnädigerweise die Erlaubnis erteilte (ich glaube, es handelte sich um den Roman „Candy“ von Terry Southern).

Auch in der Bibliothek des British Museums gab es einmal eine Abteilung sekretierter, erotischer Literatur namens Private Case, die in der Mitte des 19. Jahrhunderts eingerichtet und wie Fort Knox bewacht worden war, damit kein Unbefugter sie zu sehen bekam. Rund 4000 Bände umfasste die Sammlung erotischer/pornografischer Literatur damals.

Ein großer Teil dieser Bücher stammt aus der Schenkung von Henry Spencer Ashbee (1834-1900), der in der viktorianischen Zeit ein fanatischer Sammler pornografischer Literatur war (er sammelte nebenbei auch noch Erstausgaben des „Don Quixote“ von Cervantes). Mr Ashbee reiste viel und von diesen Reisen brachte er immer wieder neue Bücher pornografischen Inhaltes mit, so dass er zu seiner Zeit schließlich weltweit die größte Bibliothek an Erotica besaß.

Damit er einen Überblick über seine vielen tausend Bücher behielt, machte er sich daran, sie alle zu katalogisieren und mit Anmerkungen zu versehen. Diese Bibliografie pornografischer Literatur umfasste mehrere Bände.

Als Henry Spencer Ashby im Jahr 1900 starb, hinterließ er seine Cervantes-Erstausgaben dem British Museum, allerdings mit der Auflage, dass die Bibliothek auch seine Erotica-Sammlung mit übernehmen müsse, was diese auch tat, aber in ihrer Private Case-Abteilung verschwinden ließ. 1973 ging diese spezielle Büchersammlung vom British Museum in den Besitz der British Library über. Heute gibt es keine Restriktionen mehr und die Bücher können im Lesesaal der Bibliothek genutzt werden.

In der Sammlung findet sich auch das Buch „Harris’s List of Covent-Garden Ladies“ über das ich in meinem Blog schon einmal geschrieben habe.

Über Henry Spencer Ashbee ist ein Buch geschrieben worden: „The Erotomaniac: The Secret Life of Henry Spencer Ashbee“ von Ian Gibson; erschienen 2002 im Verlag Faber&Faber. ISBN 978-0571209040.

Foto meines Exemplares.

 

 

Published in: on 7. August 2019 at 02:00  Schreibe einen Kommentar  
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Meine Sir Pelham Grenville Wodehouse Trilogie – Teil 3: N.T.P. Murphy: The P.G. Wodehouse Miscellany

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Über P.G. Wodehouse sind im Laufe der Jahre nach seinem Tod rund ein Dutzend Biografien geschrieben worden. In der „Miscellany“-Buchreihe des Verlages The History Press (es gibt auch Bände über Agatha Christie, Jane Austen, Carles Dickens usw.) beschäftigt sich der ehemalige Oxford Professor N.T.P. Murphy mit dem Humoristen und zeigt auf, dass viele seiner Romanfiguren nach Menschen gestaltet wurden, die Wodehouse persönlich kannte, und auch viele der Örtlichkeiten, wo die Romane spielen, basieren auf real existierenden „locations“. Blandings Castle ist offensichtlich eine Mixtur aus mehreren englischen Burgen wie zum Beispiel Sudeley Castle (Gloucestershire) und Corsham Court (Wiltshire). Der Name der Threepwoods in Wodehouses Romanen kommt von einem Haus in der Record Road in Emsworth (Hampshire), und der Ortsname Emsworth inspirierte ihn wiederum zur Namensgebung des schrulligen, schweineliebenden Lord Emsworth.

In „The P.G. Miscellany“ erfahren wir, dass am Geburtshaus des Autors in der Epsom Road Nummer 59 in Guildford (Surrey) eine Erinnerungsplakette angebracht ist; dort gibt es gleich um die Ecke herum eine kleine Straße namens Wodehouse Place. Im Londoner Stadtteil Mayfair, in der Dunraven Street Nummer 17, ein Haus, in dem Wodehouse eine Zeit lang wohnte, ist ebenfalls eine Plakette zu finden.

Der Autor des Buches, Norman Murphy, war Gründungsmitglied der Wodehouse Society und schrieb das Standardwerk „The Wodehouse Handbook„, das knapp 900 Seiten umfasst. Er starb am 18. Oktober 2016.

N.T.P. Murphy: The P.G. Wodehouse Miscellany. The History Press 2015. 191 Seiten. ISBN 978-0-7509-5964-3.

Das Sudeley Castle in Gloucestershire, Vorbild für Blandings Castle.
Eigenes Foto.

Corsham Court in Wiltshire…auch dieses Haus soll als Vorbild für Blandings Castle gedient haben.
Photo © Hugh McKechnie (cc-by-sa/2.0)

Threepwood in der Record Road in Emsworth (Hampshire).
Photo © Basher Eyre (cc-by-sa/2.0)

Wodehouses Geburtshaus in der Epsom Road in Guildford (Surrey).
Photo © Colin Smith (cc-by-sa/2.0)

In der Dunraven Street in Mayfair (London).
Author: Gareth E. Kegg.
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Meine Sir Pelham Grenville Wodehouse Trilogie – Teil 2: Empress of Blandings, ein Pub in Hampshire

Eine der denkwürdigen Figuren aus den Romanwelten von P.G. Wodehouse ist Lord Emsworth, der auf seinem Landsitz Blandings Castle lebt und eigentlich nur ein Interesse hat, der Aufzucht von Schweinen und da wiederum steht im Mittelpunkt seine Prachtsau Empress of Blandings, die der verschrobene Lord über alles liebt. Immer wieder taucht die Kaiserin in den humoristischen Romanen des Autors auf, zuerst in „Summer Lightning“ (dt. „Sommerliches Schlossgewitter“) im Jahr 1927 und zuletzt 1977 in dem Romanfragment „Sunset at Blandings„, das nach dem Tod von Wodehouse erschienen ist.

Fährt man am Rand des New Forests auf der A31, parallel zur Autobahn M27 bei dem Dorf Copythorne in Hampshire, entlang findet man dort am Straßenrand einen Pub, der nach Lord Emsworths Sau benannt worden ist: Empress of Blandings. Auf dem Pubschild ist ein Prachtschwein zu sehen, an dem der Lord seine Freude gehabt hätte, im Hintergrund ist Blandings Castle abgebildet. Witzigerweise gehört der Pub der Brauerei Hall & Woodhouse ; siehe dazu meinen Blogeintrag. Einer der Direktoren der Brauerei, ein P.G. Wodehouse-Fan, kam auf die Idee, den Pub so zu nennen, als er von Hall & Woodhouse übernommen wurde, und dann setzte man noch eins drauf und glich den zweiten Teil des Brauereinamens dem des berühmten Schriftstellers auf dem Pubschild an.

Empress of Blandings ist übrigens Mitglied der P.G. Wodehouse Society. Im Pub finden wir jede Menge Wodehouse-Bücher und an den Wänden hängen Hunderte von Bildern, auf denen Schweine abgebildet sind. Obwohl man diese Tiere hier im Pub zu lieben scheint, steht leider „Honey roasted ham“ auf der Speisekarte.

Empress of Blandings
Romsey Road
Copythorne, Hampshire
SO40 2PF

Das Pubschild. Auf diesem Foto ist der Name der Brauerei noch „richtig“ geschrieben.
Photo © Maigheach-gheal (cc-by-sa/2.0)

Meine Sir Pelham Grenville Wodehouse Trilogie – Teil 1: Die P.G. Wodehouse Society

P.G. Wodehouse (1881 – 1975). – This image is in the public domain because its copyright has expired.

In meinem Blogeintrag über die Hop Back Brewery stellte ich einmal ein Bier namens Summer Lightning vor. Genau den gleichen Titel trägt auch ein humoristischer Roman aus der Feder von Sir Pelham Grenville Wodehouse, 1929 erschienen; die deutsche Übersetzung heißt „Sommerliches Schlossgewitter“ (noch problemlos antiquarisch erhältlich).

Wodehouse, der von 1881 bis 1975 lebte, schrieb mehr als 70 Romane und über 200 Kurzgeschichten und ist auch heute noch sehr beliebt, denn viele seiner Werke werden immer wieder neu aufgelegt. Am berühmtesten wurde Wodehouse durch seine Romane, in denen Bertie Wooster und sein Diener Reginald Jeeves im Mittelpunkt stehen. Durch die TV-Serie „Jeeves and Wooster“ mit Stephen Fry und Hugh Laurie in den Hauptrollen, die in 23 Episoden von 1990 bis 1993 ausgestrahlt wurde, erhielt der Autor noch einmal einen neuen Beliebtheitsschub.

Die britische P G Wodehouse Society hat sich des Autors und seiner Werke angenommen, pflegt sein Andenken und gibt eine vierteljährlich erscheinende Zeitschrift heraus, die den witzigen Titel „Wooster Sauce“ trägt. Der Präsident der Society ist Alexander Armstrong, ein Komiker, Schauspieler und Fernsehmoderator. Er übernahm das Amt von dem 2016 verstorbenen Sir Terry Wogan, der wiederum Nachfolger des großartigen Schauspielers Richard Briers (1934-2013) war. Inspector Barnaby-Fans erinnern sich sicher gern an seine Rolle als mörderischer Vikar in der Episode „Death’s Shadow“ (dt. „Der Schatten des Todes“). Richard Briers spielte 1995, an der Seite von Peter O’Toole, die Rolle des  Honorable Galahad Threepwood in einer Verfilmung des Wodehouse-Romans „Heavy Weather„, der im Sudeley Castle in Gloucestershire gedreht wurde, das ich in meinem Blog  schon vorgestellt habe.

Die P G Wodehouse Society unternimmt wirklich eine Menge, nachzulesen auf ihrer Website unter „Recent Events“. Diese Website ist sehr gut gestaltet und enthält so ziemlich alles, was man über Wodehouse wissen sollte.

Das Buch zum Artikel:
P. G. Wodehouse: A Life in Letters. Hutchinson 2011. 624 Seiten. ISBN 978-0091796341.

Published in: on 27. Juli 2019 at 02:00  Comments (5)  
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Herbert Adams – Ein fast vergessener Klassiker des englischen Kriminalromans

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Herbert Adams ist ein britischen Krimiautor, dessen Romane bereits in den 1930er Jahren ins Deutsche übersetzt wurden, später dann in den 1950er und 1960er Jahren noch einmal im Goldmann-Verlag erschienen und danach in Vergessenheit geraten sind, was leider auch für sein Heimatland gilt.

Über Adams‘ Leben ist nur sehr wenig bekannt. Er wurde 1874 geboren und über seinen Geburtsort gehen die Meinungen auseinander; London bzw. die Grafschaft Dorset werden da genannt. Auch über das Todesjahr gibt es unterschiedliche Auffassungen, die zwischen 1952 und 1958 schwanken. Verheiratet war er mit Jessie Louise Cooper. Die deutsche Wikipedia gibt an, dass Adams als Immobilienmakler tätig war; er war aber auch Mitglied des britischen Surveyors Institute. Alles sehr mysteriös wie seine Krimis, deren erster 1924 unter dem Titel „The Secret of the Bogey House“ erschien, in dem erstmals Amateurdetektiv Jimmie Haswell auftrat. Adams‘ zweiter Serien-Detektiv, Roger Bannion,  wurde 1928 in dem Roman „Exit the Skeleton“ eingeführt. Die Figur des Jimmie Haswell verschwand bald wieder, während Roger Bennion seinen letzten Fall 1958 in „Death of a Viewer“ löste.

Die Romane gehören in die Kategorie der „cozies“, also der gemütlichen Krimis und spielen oft auf Golfplätzen wie z.B. „The Nineteenth Hole Mystery“ (1939), „The Body in the Bunker“ (1935) oder „Death Off the Fairway“ (1936).

Susan Oleskiw schreibt in „Twentieth Century Crime and Mystery Writers“ zutreffend: „Despite the changes in the mystery novel that left Adams’s works dated, his stories contain a cleanness of vision and integrity of form that makes them attractive to many readers“.

Ich besitze glücklicherweise ein Dutzend seiner Werke und mir hat die Lektüre immer sehr viel Spaß gemacht. Die Romane sind schon seit langer Zeit, sowohl vom britischen wie vom deutschen Markt verschwunden, antiquarisch kann man sie natürlich zum Teil noch bekommen.

Published in: on 19. Juni 2019 at 02:00  Schreibe einen Kommentar  
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Sir Arthur Conan Doyle und eine Gedenkfeier nach seinem Tod in der Londoner Royal Albert Hall

Die Royal Albert Hall.
Photo © N Chadwick (cc-by-sa/2.0)

Sir Arthur Conan Doyle (1859-1930) ist in Deutschland fast ausschließlich durch seine Romane und Kurzgeschichten um Sherlock Holmes populär geworden; eine andere Seite des Schriftstellers ist bei uns weniger bekannt, er war ein Mann, der sich sehr für Spiritismus interessierte und zu dem Thema auch das Buch „The History of Spiritualism“ (1926) schrieb. Doyle war Mitglied zum Beispiel im Ghost Club und in der Society for Psychical Research. Er war der Meinung, dass es ein Leben nach dem Tod gibt.

Am 7. Juli 1930 starb Sir Arthur in seinem letzten Wohnort Crowborough in der Grafschaft East Sussex. Sechs Tage später fand in der Londoner Royal Albert Hall eine Großveranstaltung statt, zu der die Spiritualist Association geladen hatte. Es war ein Memorial Service der besonderen Art, zu dem Tausende gekommen waren. Auf der Bühne der Hall nahmen Familienmitglieder der Doyles Platz, darunter auch Lady Doyle, Jean Elizabeth Leckie. Auf ihrer rechten Seite blieb ein Stuhl frei, auf dem ein Schild mit dem Namen des Verstorbenen lag. Mit auf der Bühne befand sich Mrs. Estelle Roberts, ein Medium, das mit dem Jenseits und mit Sir Arthur Kontakt aufnehmen sollte (sie schrieb 1959 ein Buch über ihr Leben mit dem Titel „Forty Years a Medium„).
Unter den erwartungsvollen Zuschauern machte sich Unruhe breit, als es Mrs Roberts allem Anschein nach gelang, den Kontakt herzustellen. Sie blickte auf den leeren Stuhl und rief laut „Er ist hier!“ und murmelte „Er trägt Abendkleidung“. Dann ging sie zu Lady Doyle und flüsterte ihr etwas ins Ohr, eine Mitteilung des Verstorbenen, die sie ihr ausrichten sollte. Die Anwesenden in der Royal Albert Hall erhoben sich und spendeten laut Beifall, während die Orgel, gespielt von Alford Armstrong, laut ertönte. Sie waren (überwiegend) der Meinung, dass der große Sir Arthur Conan Doyle ein Zeichen aus dem Jenseits gesendet hatte. Einige Skeptiker äußersten sich hingegen, dass sie gern Sherlock Holmes bei der Veranstaltung gehabt und seine Meinung über die Glaubwürdigkeit des Mediums gehabt hätten.

Der Schriftsteller wurde nicht in London beigesetzt, sondern erst in Crowborough; später wurden seine sterblichen Überreste in das kleine Dorf Minstead in Hampshire, auf den All Saints Churchyard, überführt (s. dazu meinen Blogeintrag).

Die Orgel in der Royal Albert Hall.
Photo © Richard Croft (cc-by-sa/2.0)

Sir Arthur Conan Doyles Statue in Crowborough (East Sussex).
Photo © E Gammie (cc-by-sa/2.0)

Doyles letzte Ruhestätte in Minstead (Hampshire).
Photo © Peter Whitcomb (cc-by-sa/2.0)

Published in: on 18. Juni 2019 at 02:00  Comments (4)  
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John Ruskin (1819-1900), ein englischer Schriftsteller, Maler und Kunsthistoriker, der durch den Anblick weiblicher Schamhaare, die Lust am Sex verloren haben soll

John Ruskin (1819-1900) war ein vielseitig begabter Mann, der in der viktorianischen Zeit durch seine Arbeiten als Schriftsteller, Maler und Kunsthistoriker auf sich aufmerksam machte. Zu seinen Hauptwerken zählt das mehrbändige Werk  „Modern Painters„, eine Geschichte der modernen Malerei.

So großartig sein Werk damals im 19. Jahrhundert auch gewesen war, so stellt sich Ruskins Privatleben etwas merkwürdig dar. 1848 heiratete er im Alter von 29 Jahren die 19-jährige Euphemia Chalmers Gray, kurz Effie Gray genannt. Nun sollte man annehmen, dass, wenn ein Bräutigam seine Braut zum ersten Mal nackt sieht, sich bei ihm deutliche Regungen zeigen und es ihn danach drängt, mit ihr ins Bett zu gehen. Bei dem lieben John war die Reaktion eine ganz andere: Er war geschockt von dem Anblick, der sich ihm bot, denn er war nicht darauf gefasst, dass seine Ehefrau Schamhaare hatte. Offenbar, wie manche seiner Biografen behaupten, kannte Ruskin nackte Frauen nur in Form von Statuen, und diese von Bildhauern geschaffenen Damen hatten üblicherweise keine Schamhaare. Auf jeden Fall fand er seine behaarte Frau so abtörnend, dass er niemals in der gemeinsamen Zeit „die Ehe vollzog“, was ihm aber nicht besonders schwer gefallen ist, im Gegensatz zu Effie, der das schon zu schaffen machte.
Auf ihrer Venedigreise interessierte sich Ruskin nur für seine Malerei, während Effie von der Männerwelt umworben wurde, denn sie war eine attraktive, junge Frau. Doch sie war standhaft und ließ sich auf keine Affäre ein, denn als sie sich 1854 von ihrem Mann scheiden ließ, war sie noch immer Jungfrau, was sich aber bald ändern sollte, denn schon ein Jahr später ging sie die Ehe mit dem Prä-Raffaeliten John Everett Millais ein und da ging es wohl richtig zur Sache (Effie hatte Nachholbedarf), denn sie gebar von 1856 bis 1868 acht Kinder.

Ruskins Privatleben war nach wie vor recht problematisch, denn er hatte offensichtlich eine Vorliebe für sehr junge Mädchen. Rose La Touche war neun Jahre alt, als Ruskin ihr Privatlehrer war und es entwickelte sich im Lauf der Jahre eine romantische Beziehung zwischen den beiden, die darin gipfelte, dass er um ihre Hand anhielt. Roses Eltern lehnten das aber ab, weil sie von Effie gewarnt worden waren. Aus der Ehe wurde also nichts.
Auch Ruskins spätere Freundschaft mit Kate Greenaway schien sich auf rein platonischer Ebene abgespielt zu haben.

Das Thema Ruskin/Gray/Millais wurde mehrfach in Büchern, Filmen und sogar in einer Oper aufgegriffen („Modern Painters“, von dem US-Komponisten David Lang, 1995 uraufgeführt); zuletzt in dem atmosphärisch sehr dichten Film „Effie Gray“ (2014), hochkarätig besetzt mit Dakota Fanning als Effie, Greg Wise als John Ruskin und Tom Sturridge als John Everett Millais. Hier ist der Trailer.

Published in: on 30. April 2019 at 02:00  Schreibe einen Kommentar  
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Der Schriftsteller John Buchan (1875-1940) und Elsfield in Oxfordshire

The Manor in Elsfield (Oxfordshire) – Hier wohnte John Buchan.
Photo © Jon S (cc-by-sa/2.0)

Hätte John Buchan (1875-1940) im Jahr 1915 nicht den Roman „The Thirty-Nine Steps“ (dt. „Die neununddreißig Stufen“) geschrieben und hätte Alfred Hitchcock 1935 das Buch nicht verfilmt (hier ist der Trailer), würde möglicherweise heute kaum noch jemand den Schriftsteller kennen, der 1935 den Titel 1. Baron Tweedsmuir erhielt. Dieses Buch machte ihn berühmt.

Der gebürtige Schotte war u.a. Kriegsberichterstatter im 1. Weltkrieg, Chef des Britischen Geheimdienstes und Generalgouverneur von Kanada; seine besondere Liebe gehörte aber der Schriftstellerei. Buchan schrieb zahlreiche Abenteuer- und Kriminalromane, aber auch Sachbücher, so z.B. Bücher über Julius Caesar, Augustus und Oliver Cromwell. Eine ganze Reihe seiner Bücher sind heute noch im englischen Buchhandel lieferbar, in Deutschland nur noch „Die neununddreißig Stufen“.

John Buchan ließ sich von 1919 bis 1935 im Elsfield Manor in dem winzigen Dorf Elsfield nördlich von Oxford nieder. Über sein Leben in Oxfordshire ist einiges in seiner Autobiografie „Memory Hold the Door“ (1940) nachzulesen, das zu John F. Kennedys Lieblingsbüchern gehörte.
John Buchan starb 1940 in Kanada; seine Asche wurde nach England zurückgebracht und auf dem Friedhof von St Thomas of Canterbury in Elsfield, ganz in der Nähe seines früheren Wohnhauses, beigesetzt.

Um sein Andenken kümmert sich heute die John Buchan Society: „The Society is dedicated to providing a resource for those who want to know more about John Buchan, to provide information to scholars and to those who have recently discovered his works alike.“

Die kleine Gemeinde von Elsfield unterhält eine exzellente Homepage, auf der man vieles über das Leben der Buchan-Familie im Dorf nachlesen kann.

Das Buch zum Artikel:
Mildred Masheder: Carrier’s Cart to Oxford – Growing Up in the 1920s in the Oxfordshire Village of Elsfield. Wychwood Press 2008. 140 Seiten. ISBN 978-1902279282 (Im Buchhandel vergriffen, aber problemlos antiquarisch erhältlich).

John Buchans Grab auf dem Kirchhof von St Thomas of Canterbury.
Photo © Bill Nicholls (cc-by-sa/2.0)

Published in: on 21. April 2019 at 02:00  Schreibe einen Kommentar  
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Ann Quin (1936-1973) – Eine wenig bekannte Schriftstellerin, die in Brighton Selbstmord beging

Hier an der Palace Pier von Brighton beendete Ann Quin ihr noch junges Leben.
Photo © Oast House Archive (cc-by-sa/2.0)

Wenn man im englischen Seebad Brighton unterwegs ist, trifft man immer wieder auf die Brighton&Hove-Linienbusse, die Namen tragen von Personen, die in irgendeiner Weise mit der Region in Verbindung stehen/standen (ich schrieb in meinem Blog darüber). Einer von ihnen heißt Ann Quin (hier zu sehen), und ich könnte mir vorstellen, dass nicht jeder, der mit dem Bus fährt oder ihn im Straßenbild sieht, mit dem Namen etwas anzufangen weiß.

Ann Quin lebte von 1936 bis 1973; sie wurde in Brighton geboren, und sie starb auch dort auf tragische Weise. Sie war Schriftstellerin und ihre vier Romane, die sie schrieb (2018 erschien noch ein Band mit Kurzgeschichten und Fragmenten mit dem Titel „The Unmapped Country„) waren keine Bestseller, denn sie gehörte zu den experimentellen Autorinnen ihrer Zeit, die nicht die großen Massen an LeserInnen ansprachen. „Berg“ (dt. „Berg“) gilt als ihr bekanntester Roman, vielleicht weil er unter dem Titel „Killing Dad or How to Love Your Mother“ 1989 verfilmt wurde. Die drei anderen Bücher von Ann Quin haben ebenfalls nur kurze Titel: „Three“ (dt. „Drei“), „Passages“ (dt. „Passagen“) und „Tiptricks„.

Die Lokalzeitung von Brighton The Argus nannte Ann Quin einmal „gifted but troubled author„, denn mit ihrer psychischen Verfassung stand es nicht zum besten. Bereits als Kind hatte sie psychische Probleme, die sich in ihrem späteren Leben verstärkten. Obwohl sie viel reiste, zog es sie immer wieder in ihre Geburtsstadt zurück, wo sie gern die Öffentliche Bibliothek und das Theatre Royal aufsuchte. Auch die fiktive Stadt in ihrem Roman „Berg“ erinnert sehr stark an Brighton.

An einem Tag im August 1973 setzte die 37jährige ihrem Leben ein Ende. Am Palace Pier in Brighton ging sie ins Meer und ertrank. Ihre Leiche wurde am nächsten Tag im benachbarten Shoreham-on-Sea an Land gespült.

Der Amerikaner Robert Buckeye schrieb eine Biografie über die Schriftstellerin mit dem Titel „Re: Quin„, die 2013 in den USA erschien.

Published in: on 31. März 2019 at 02:00  Schreibe einen Kommentar  
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Wie die „Französische Revolution“ am Londoner Kensington Square einmal in Flammen aufging

Hier am Kensington Square Nummer 18 wohnte John Stuart Mill.
Author: Spudgun 67
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John Stuart Mill (1806-1873) war einer der ganz großen Denker und Ökonomen des 19. Jahrhunderts. Er wurde in London geboren und lebte am Kensington Square Nummer 18, einer sehr guten Wohngegend mit architektonisch sehenswerten Häusern. 1834 wurde er von seinem Verleger angesprochen, ob er daran interessiert wäre, ein Buch über die Französische Revolution zu schreiben. Interessiert war Mill schon, aber er hatte keine Zeit, da er sich damals gerade mit anderen Dingen beschäftigte. Aber sein Freund, der Historiker Thomas Carlyle (1795-1881), der auch in London lebte, und zwar am Cheyne Walk, die heutige Nummer 24, hätte vielleicht Lust dazu…und der hatte, auch weil er gerade Geld brauchte, und so stürzte sich der Schotte in die Arbeit, den größten Teil des Jahres 1834 recherchierte er und schrieb oft bis in die tiefe Nacht hinein. „The French Revolution“ war auf drei Bände angelegt, und als Carlyle den ersten Band fertig hatte, übergab er das natürlich handgeschriebene Manuskript an seinen Freund John Stuart Mill, mit der Bitte es durchzulesen und seine Meinung dazu zu sagen. Mill kam dem gern nach und nahm es mit nach Hause zum Kensington Square. Dort lag es nicht lange, denn sein Dienstmädchen, die des Lesens unkundig war und den Auftrag hatte, den Kamin anzuzünden, sah die vielen Blätter Papier und dachte sich, die eignen sich doch hervorragend dazu, und so ging die Französische Revolution sozusagen in Rauch und Asche auf. Als Mill das mitbekam, war er außer sich. Wie sollte er das seinem Freund beibringen? Die monatelange Arbeit alles umsonst?

John Stuart machte sich auf zu seinem Canossagang in den Cheyne Walk, wo er Carlyle das Missgeschick beichtete. Der nahm das relativ gefasst auf und musste erst einmal seinen Freund John Stuart trösten, dem das unendlich peinlich war. Mill bot ihm an, Geld für den Verlust zu geben, doch Carlyle lehnte ab. Schließlich ließ er sich doch erweichen, wenigstens Geld für neues Papier anzunehmen (den Carlyles ging es finanziell gar nicht gut) und das Ganze noch einmal neu zu schreiben (seine Notizen hatte er bereits weggeworfen). Doch erst schrieb er die Bände zwei und drei, bis er sich wieder dem ersten zuwandte und vieles noch in Erinnerung hatte.

Thomas Carlyles Monumentalwerk „The French Revolution“, das 1837 im Verlag Chapman&Hall erschien, war seitdem immer lieferbar und erschien gerade erst wieder im Januar bei der Oxford University Press als Reprint. In deutscher Übersetzung gibt es zurzeit mehrere Ausgaben, u.a. eine dreibändige im Golkonda Verlag.

Carlyles Haus am Cheyne Walk gehört heute dem National Trust und kann besichtigt werden. Seine Statue ist in dem Embankment Gardens am Cheyne Walk zu sehen. Nicht weit davon entfernt, in der Temple Sektion, findet man die Statue seines Freundes John Stuart Mill.

Thomas Carlyles Haus am Cheyne Walk.
Author: Spudgun67
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Thomas Carlyle in den Embankment Gardens am Cheyne Walk.
Author: Lonpicman
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John Stuart Mills Statue in den  Embankment Gardens (in der Temple Sektion).
Photo © Colin Smith (cc-by-sa/2.0)

Published in: on 14. Februar 2019 at 02:00  Comments (1)  
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Thomas Hardys Beisetzung in der Londoner Westminster Abbey und seine prominenten Sargträger

Die Londoner Westminster Abbey.
Photo © Nigel Cox (cc-by-sa/2.0)

Nachdem der Schriftsteller Thomas Hardy am 11. Januar 1928 in Dorchester (Dorset) gestorben war, kam es am 16. Januar zu zwei zeitgleichen Beerdigungsfeiern. Eine fand auf dem Kirchhof von St Michael’s in Stinsford (Dorset) statt, die andere in der Londoner Westminster Abbey. Eigentlich wollte Thomas Hardy in Stinsford beigesetzt werden, doch sein Testamentsvollstrecker Sir Sydney Cockerell entschied, dass ein so berühmter Literat in die Poet’s Corner der Westminster Abbey gehört. So wurde zwischen ihm und Hardys Familie ein Kompromiss geschlossen: Hardys Herz wird in Stinsford beigesetzt (ich schrieb in meinem Blog darüber), die Asche seines Körpers in der Westminster Abbey.

Die Beerdigungsfeier in der Hauptstadt war ein nationales Ereignis, was man daran erkennen kann, dass die Sargträger alle VIPs waren. Dazu gehörten
Rudyard Kipling, berühmt geworden durch das „Dschungelbuch“
George Bernard Shaw, Nobelpreisträger und Verfasser der Komödie „Pygmalion“
John Galsworthy, der Schriftsteller, der die „Forsyte-Saga“ verfasste
Alfred Edward Housman, der Dichter, der durch „A Shopshire Lad“ die Herzen vieler Engländer eroberte
James Matthew Barrie, der die Figur des „Peter Pan“ erschuf
Stanley Baldwin, 1st Earl Baldwin of Bewdley, Politiker und Premierminister von 1935 bis 1937
Edmund Gosse, Literaturhistoriker und Dichter

In der Poet’s Corner in der Westminster Abbey ist die Grabplatte von Thomas Hardy direkt neben der von Charles Dickens und von Rudyard Kipling zu finden.

Thomas Hardys Grabstein in Stinsford (Dorset).
Photo © Christine Matthews (cc-by-sa/2.0)

Published in: on 2. Februar 2019 at 02:00  Schreibe einen Kommentar  
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Der Dramatiker Alan Ayckbourn und sein Schauspiel „Standing Room Only“

Verkehrsstau auf der Londoner Shaftesbury Avenue.
Photo © Christine Matthews (cc-by-sa/2.0)

Die Küstenstadt Scarborough im Osten der Grafschaft Yorkshire ist eigentlich nicht der ideale Ort, um Theaterstücke uraufzuführen, da eignet sich das Londoner West End besser dafür. Doch der 1939 geborene Dramatiker Alan Ayckbourn ließ alle seine Schauspiele hier oben im Nordosten Englands zuerst aufführen, anfangs im Library Theatre (so genannt, weil das Theater im Haus der Öffentlichen Bibliothek untergebracht war), später im Stephen Joseph Theatre, benannt nach dem Leiter des Library Theatres, der auch der Mentor Ayckbourns war.

Am 13. Juli 1961 kam es zur Premiere von Alan Ayckbourns „Standing Room Only„. Stephen Joseph hatte ihn angeregt, einmal ein Theaterstück zum Thema Überbevölkerung zu schreiben, und Ayckbourn nahm die Anregung auf. Er siedelte das Stück im Jahr 1997 an, also 38 Jahre später, eine lange Zeit, die nun auch schon wieder 22 Jahre zurückliegt. „Standing Room Only“ spielt in London in der Shaftesbury Avenue, in der das totale Verkehrschaos herrscht. Auch im ganzen Land gibt es auf den Autobahnen permanent Staus, auf der Strecke von Birmingham nach London geht gar nichts mehr (vielleicht ein kleiner Vorgeschmack, was bei einem harten Brexit auf der M20 von London nach Dover passieren könnte?). Um sein Fahrzeug auf der Shaftesbury Avenue zu verlassen, benötigt man eine Genehmigung, ein Problem mit dem eine junge Frau kämpft, denn sie ist schwanger (was sie von rechts wegen nicht sein darf) und muss ihr Baby in einem Doppeldeckerbus, der ebenfalls im Dauerstau festsitzt, heimlich zur Welt bringen.

Ayckbourns Schauspiel schaffte es nicht, wie eigentlich geplant, auf die großen Bühnen im Londoner Westend, stattdessen wurde es noch einmal in der Provinz, im Victoria Theatre in Stoke-on-Trent (gibt es heute nicht mehr) im April 1963 aufgeführt, dann nie wieder. Im Ayckbourn Archive an der University Of York werden die einzelnen, mehrfach umgeschriebenen Versionen des Theaterstücks aufbewahrt. Wird es jemals wieder zu einer Aufführung kommen?

Das Stephen Joseph Theatre in Scarborough, wo viele von Ayckbourns Schauspielen uraufgeführt wurden.
Photo © Mike Faherty (cc-by-sa/2.0)

Published in: on 1. Februar 2019 at 02:00  Schreibe einen Kommentar  
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„In Limehouse“ – Der britische Premierminister Clement Attlee (1883-1967) als Dichter

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Der 1883  in Putney im Südwesten Londons geborene Clement Attlee war einer der Vorgänger von Theresa May; er hatte das Amt des Premierministers von 1945 bis 1951 inne und war Nachfolger von Winston Churchill, der ihm auch wieder ab 1951 im Amt folgte. Attlee gehörte der Labour Party an. Kurz nach dem Ersten Weltkrieg wurde er Bürgermeister vom Londoner Stadtteil Stepney, einem heruntergekommenen Problemviertel. Ab 1922 war er Member of Parliament für den Wahlbezirk Limehouse, der in Stepney lag.

In diesem Jahr betätigte sich Clement Attlee als Dichter, denn er verspürte den Drang, das Elend und die Hoffnungslosigkeit der Menschen in seinem Wahlbezirk in Form eines Gedichts zum Ausdruck zu bringen. Er nannte es kurz „In Limehouse“ und es wurde in der Zeitschrift „Socialist Review“ abgedruckt, deren Herausgeber Ramsay McDonald war, Premierminister 1924 und von 1929 bis 1935.

In seinem Gedicht schreibt er von London als grausamer Stadt, die kein Mitleid mit den Menschen kennt, die in ihr ein erbärmliches Leben führen (…“The grey and cruel City, Through streets that have no pity The streets where men decay„). Er fragt sich wie Kinder, die heute nichts zu essen haben, einmal die Arbeitskräfte von morgen sein sollen. Mütter weinen über ihre Babies, die sterben und er träumt von einer Zukunft

When evil time shall perish and be driven clean away,
When father, child and mother
Shall live and love each other,
And brother help his brother
In happy work and play„.

Hier ist der vollständige Text des Gedichts.

Clement Attlee unternahm während seiner Zeit als Premierminister einiges, um diesen desolaten Zustand zu beseitigen, indem er zahlreiche Reformen durchführte, so gründete er u.a. den National Health Service (NHS) und verabschiedete den National Insurance Act.

Eine Statue des ehemaligen Premierministers wurde im Jahr 1988 in der Commercial Road vor der Limehouse Library errichtet, die inzwischen geschlossen wurde. 2011 bekam sie einen neuen Standort auf dem Gelände des Queen Mary College.

Die Statue von Clement Attlee in Limehouse.
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Die Narrow Street in Limehouse.
Photo © Malc McDonald (cc-by-sa/2.0)

Published in: on 18. Januar 2019 at 02:00  Schreibe einen Kommentar  
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Mein DVD-Tipp – „Charles Dickens’s England“ mit Derek Jacobi

 

Foto meiner DVD.

Foto meiner DVD.

Der Sender Sky Arts strahlte 2009 eine Dokumentation aus, die auch auf DVD erhältlich ist, und die ich allen empfehlen kann, die sich für englische Literatur und speziell für Charles Dickens interessieren: „Charles Dickens’s England„, hervorragend präsentiert von Derek Jacobi, einem englischen Schauspieler, der 1994 einem breiten Fernsehpublikum bekannt wurde durch die Rolle des „Bruder Cadfael“ in den Verfilmungen der historischen Krimis von Ellis Peters.

Derek Jacobi führt in diesem zweistündigen Film zu allen wichtigen Plätzen, die mit Charles Dickens in Zusammenhang stehen: Von Portsmouth zur Isle of Wight, von Chatham nach Broadstairs und von Rochester nach Barnard Castle.  Auf dieser Rundreise trifft Jacobi auf eine Reihe von Dickens-Spezialisten, die ihr umfangreiches Wissen an die Zuschauer weitergeben.

So ist eine atmosphärisch dichte Dokumentation entstanden, nicht zuletzt durch Jacobis einfühlsame Präsentation.
Der DVD ist noch eine weitere hinzugefügt, mit einem „Making of“ und einer Zusammenfassung der im Hauptfilm durchgeführten Interviews und Lesungen von Dickens-Texten.

Die DVD ist zwar vergriffen, aber antiquarisch leicht zu bekommen. Hier ist ein kleiner Ausschnitt daraus.

Das Begleitbuch mit dem gleichen Titel ist 2009 bei Guerilla Books erschienen und noch lieferbar.

Ein Pub in der Union Street in Southwark, London.
Photo © Colin Smith (cc-by-sa/2.0)

Eine Statue des Meisters auf dem Guildhall Square in seiner Geburtsstadt Portsmouth.
Photo © Peter Trimming (cc-by-sa/2.0)

 

Published in: on 6. Januar 2019 at 02:00  Schreibe einen Kommentar  
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Der Dichter Thomas Gray und eine Katze, die im Goldfischbecken ertrank

Das Grabmal von Thomas Gray neben dem Friedhof von St Giles in Stoke Poges (Buckinghamshire).
Eigenes Foto.

Den englischen Dichter Thomas Gray (1716-1771) erwähnte ich schon einmal in meinem Blog, als ich sein Grabmal in Stoke Poges in Buckinghamshire besuchte. Sein berühmtestes, stimmungsvolles Gedicht ist „Elegy written in a country church-yard„, 1751 erschienen. Drei Jahre früher veröffentlichte er ein anderes Gedicht mit dem kuriosen Titel „Ode on the death of a favourite cat, drowned in a tub of gold fishes„, das in der deutschen Übersetzung „Ode auf den Tod einer Lieblingskatze, die in einer Goldfisch-Vase ertrank“ heißt.

Der Titel des Gedichts sagt schon aus, worum es inhaltlich geht. Bei der Katze handelt es sich um Selima, die einem Freund Thomas Grays gehörte, und die dieses Schicksal erleiden musste. Der Freund war niemand Geringeres als Horace Walpole (1717-1787), der Schöpfer des Schauerromans „The Castle of Otranto“ (dt. „Das Schloss von Otranto“), der die beiden Katzen Selima und Zara besaß. Thomas Gray lernte die beiden bei einem Besuch bei Horace Walpole kennen und erhielt etwas später die Nachricht, dass Selma, die unvorsichtigere der beiden Katzen, in einem Becken, in dem Walpole Goldfische hielt, ertrunken war. „So frevelnd beugt sie, unverwandt sich über des Gewässers Stand zum Abgrund stets gelenkt. Bis ach! (der Böse sieht’s vergnügt), ausgleitend sie die Sohle trügt, und in die Fluth versenkt„, so beschreibt Thomas Gray den Tod des armen (aber hungrigen) Kätzchens. Das tödliche Goldfischbecken stellte Walpole später in seinem Haus Strawberry Hill in Twickenham im Südwesten Londons auf einen Sockel.

Das Gedicht endet mit den Worten „Drum Mädchen! nehmt die Täuschung wahr; oft bringt ein einz’ger Schritt Gefahr, und seyd mit Vorsicht dreist. Nicht alles, was in’s Auge fällt, und Herzen täuscht, ist wohlbestellt, nicht alles Gold was gleißt„. Thomas Gray geht da weiter, als nur von dem Tod einer Katze zu erzählen, er gibt jungen Frauen Ratschläge mit auf den Weg, die Augen immer offen zu halten und nicht auf jede Versuchung einzugehen, denn nicht alles was glänzt ist Gold.

Horace Walpole, der Besitzer der ertrunkenen Katze. Das Porträt von John Giles Eccardt hängt in der National Portrait Gallery in London.
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Horace Walpoles Strawberry Hill House in Twickenham bei London.
Author: Chiswick Chap
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Published in: on 17. Dezember 2018 at 02:00  Schreibe einen Kommentar  
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„N or M?“ oder Wie Agatha Christie einmal vom britischen Inlandgeheimdienst MI5 unter die Lupe genommen wurde

Foto meines Exemplares.

Den Namen Bletchley Park kannte im Zweiten Weltkrieg kaum jemand, was auch absolut im Sinn der Bewohner bzw der dort arbeitenden war, denn was hier hinter verschlossenen Türen passierte, war Top Secret. In das Herrenhaus in Buckinghamshire hatte man die fähigsten und kreativsten Köpfe des Landes zusammengezogen, um den Enigma-Code zu knacken, mit dem der Nachrichtenverkehr der deutschen Wehrmacht verschlüsselt war… und es gelang ihnen. Unter vielen anderen waren Alan Turing und Dillwyn Knox an der Entschlüsselung des Codes beteiligt. Erst viele Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs wurde bekannt, was sich da in Bletchley Park abgespielt hatte. Einige Militärhistoriker sind sogar der Meinung, dass durch die Entschlüsselung, der Krieg etwa zwei Jahre abgekürzt werden konnte.

1941 wurde der britische Inlandsgeheimdienst MI5 auf ein Buch aufmerksam, das in diesem Jahr veröffentlicht worden war und den Titel „N or M?“ trug (vier Jahre später erschien die deutsche Übersetzung unter dem Titel „Das Haus der Mrs. Perenna„, 1960 in „Rotkäppchen und der böse Wolf“ umbenannt). Autorin war die berühmte Agatha Christie. Das Buch gehört zu der in Deutschland weniger bekannten Tommy und Tuppence Beresford-Serie und ist ein Spionagethriller.

Sehr merkwürdig fand der Geheimdienst, dass eine der Personen im Roman Major Bletchley heißt, ein unangenehmer Mensch, der früher in Indien gedient hatte. War der Name zufällig von Agatha Christie gewählt worden oder steckte mehr dahinter? Als der MI5 herausbekam, dass die Dame auch noch freundschaftliche Beziehungen zu Dillwyn Knox hatte, einem der führenden Codeknacker in Bletchley Park, schrillten die Alarmglocken bei den Geheimdienstmitarbeitern. Hatte Knox da aus dem Nähkästchen geplaudert und der Queen of Crime einige Informationen zugesteckt? An Agatha Christie selbst mochte man nicht herantreten und sie befragen, bestand doch die Gefahr, dass dann das Geheimnis von Bletchley Park in die Öffentlichkeit getragen wurde, was man unter allen Umständen vermeiden wollte. Also nahm man sich Dillwyn Knox vor, der abstritt, jemals mit ihr über seine Arbeit gesprochen zu haben. Er erklärte sich bereit, ein Gespräch mit der Schriftstellerin zu führen, um vorsichtig auszuloten, ob sie etwa zuviel wusste und warum sie ihre Romanfigur Major Bletchley genannt hatte. Knox lud sie zum Tee in sein Haus in Naphill in Buckinghamshire ein und erfuhr zu seiner großen Erleichterung, dass der Name des Majors auf einer kleinen Begebenheit beruhte, die die Crime Lady auf dem Bahnhof von Bletchley erlebt hatte. Sie war mit dem Zug von Oxford nach London unterwegs gewesen und strandete dort für eine erhebliche Zeit, weil ihr Zug nicht weiterfahren konnte. Der unfreiwillige Aufenthalt auf dem Bahnsteig von Bletchley erzürnte Agatha Christie, und sie wollte auf ihre Weise Rache an dem Ort nehmen, indem sie eine ihrer weniger erfreulichen Romanfiguren nach ihm benannte. Das klang für Dillwyn Knox sehr glaubhaft, und er konnte den MI5-Leuten Entwarnung geben. Dort war man ebenso erleichtert, und Bletchley Park blieb auch weiterhin eine Einrichtung, die unter höchster Geheimhaltungsstufe arbeiten konnte.

Bletchley Park Mansion.
Photo © David P Howard (cc-by-sa/2.0)

Eine alte Aufnahme des Bahnhofs von Bletchley, auf dem Agatha Christie gestrandet war.
Photo © Ben Brooksbank (cc-by-sa/2.0)

Bletchley Railway Station heute.
Photo © Roy Hughes (cc-by-sa/2.0)

 

Published in: on 15. Dezember 2018 at 02:00  Comments (1)  
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„The Tractate Middoth“ – Ein Gruselfilm nach der Erzählung von Montague Rhodes James

Montague Rhodes James, oder kurz M.R. James, ist einer berühmtesten, und nach meiner Ansicht besten, Verfasser von Gespenstergeschichten. Er lebte von 1862 bis 1936, und glücklicherweise ist sein Werk seit zwei Jahren wieder in deutscher Übersetzung im Festa-Verlag erhältlich. Eine seiner bekanntesten Geschichten „Whistle and I’ll Come to You“ stellte ich zu den Anfangszeiten meines Blogs einmal kurz vor.

Die Gespenstergeschichten von James werden gern im britischen Fernsehen zur Weihnachtszeit gesendet, zuletzt war das 2013 der Fall, als die Geschichte „The Tractate Middoth“ (dt. „Der Traktat Middoth“) verfilmt wurde. 1911 erschien sie erstmals in der Sammlung „More Ghost Stories„. Es geht darin um ein mysteriöses Buch, das in einer Bibliothek aufbewahrt wird, und um ein Testament, das darin versteckt sein soll. Der verstorbene Verfasser des Testaments spielt in der Geschichte eine unheimliche Rolle.

1951 wurde die Story von M.R. James erstmals in den USA unter dem Titel „The Lost Will of Dr Rant“ verfilmt. Die Hauptrolle des Bibliotheksangestellten William Garrett spielte damals der junge Leslie Nielsen (1926-2010). Wie schön, dass der Film noch erhalten geblieben und bei youtube zu sehen ist.

Mark Gatiss verfilmte „The Tractate Middoth“ im Jahr 2013 für die BBC für die Reihe „A Ghost Story for Christmas„. Die Rolle des William Garrett übernahm Sacha Dhawan (zuletzt in den TV-Serien „Marvel’s Iron Fist“ und „In the Club“ zu sehen). John Castle (spielte den Charles King in der Episode 54 „Ein Sarg aus China“ in der TV-Serie „Inspector Barnaby“) ist in dem Film als John Eldred zu sehen, der das geheimnisvolle Buch in der Bibliothek zwar findet, aber ein schlimmes Ende nimmt.

Die Filmaufnahmen in der Bibliothek fanden in der Chetham’s Library in Manchester statt, der ältesten Öffentlichen Bibliothek in der Englisch sprechenden Welt (so heißt es auf ihrer Homepage). Bretfield Hall im Film ist Browsholme Hall, ein elisabethanisches Haus im Ribble Valley in Lancashire.

Hier ist „The Tractate Middoth“ in voller Länge (36 Minuten) zu sehen.

Chetham’s Library in Manchester.
Photo © Anthony O’Neil (cc-by-sa/2.0)

Browsholme Hall in Lancashire.
Photo © Charles Rawding (cc-by-sa/2.0)

Uttoxeter in Staffordshire und der berühmte Dr Samuel Johnson

Das Johnson-Denkmal auf dem Marktplatz von Uttoxeter.
Photo © Mike Faherty (cc-by-sa/2.0)

Wer sich mit der englischen Literaturgeschichte des 18. Jahrhunderts beschäftigt, kommt an einer Person nicht vorbei: Dr Samuel Johnson (1709-1784), meist nur kurz Dr Johnson genannt. Weltberühmt wurde er durch sein „Dictionary of the English Language„, an dem er neun Jahre arbeitete, bis es 1755 veröffentlicht wurde. Der in Lichfield in Staffordshire geborene Lexikograf wirkte überwiegend in London, wo wir ihm auf literarischen Spaziergängen häufig begegnen, doch auch in Uttoxeter, ebenfalls in Staffordshire gelegen, hat Dr Johnson seine Spuren hinterlassen. Der Katzenliebhaber war ein recht exzentrischer Mensch, dessen Vorlieben in Essen, Trinken und Lesen bestanden. Wenn er im Kreise von Freunden sein Abendessen zu sich nahm, war er nicht ansprechbar, da er seinen großen Appetit mit äußerster Intensität stillte und sich ausschließlich auf die Nahrungsaufnahme konzentrierte. Da Samuel Johnsons Vater in Lichfield eine Buchhandlung betrieb, war er schon von Kindesbeinen an mit Büchern vertraut, die in seinem Leben eine große Rolle spielten.

Kommen wir zurück auf Uttoxeter. Michael Johnson, Samuels Vater, hatte in dieser Stadt einmal einen Bücherstand am Marktplatz. Als er damals seinen halbwüchsigen Sohn bat, ihm beim Buchverkauf zu helfen, lehnte der das ab, wohl weil er keinen Bock auf die Arbeit hatte. Erst nach vielen Jahren, als Dr Johnson schon ein alter Mann war, regte sich bei ihm das schlechte Gewissen. Hätte er doch bloß damals seinem Vater den Gefallen getan. So überlegte er sich, wie er Buße leisten konnte und kam auf die ziemlich schräge Idee, sich an einem regnerischen Tag auf den Marktplatz von Uttoxeter zu stellen, dort, wo einmal der Bücherstand seines Vaters war, den Hut abzunehmen und mehrere Stunden lang gebeugten Hauptes im strömenden Regen zu stehen. Ob er sich dabei eine Erkältung geholt hatte, ist nicht bekannt.

Die Stelle, an der Samuel Johnson Buße tat, ist noch heute leicht zu finden, denn am Marktplatz ist ein Denkmal errichtet worden, dass auf der einen Seite ein Relief des büßenden Lexikografen zeigt. Jedes Jahr im September an einem Montag, der Johnsons Geburtstag, dem 18. September, am nächsten liegt, findet an dem Denkmal eine Feierstunde statt, bei der an Dr Johnson gedacht wird.

Übrigens gibt es auch ein Denkmal für Samuel Johnson auf dem Marktplatz in seinem Geburtsort Lichfield wie hier zu sehen ist (der Eindruck, dass der Mann gerade telefoniert, täuscht):

Published in: on 10. Dezember 2018 at 02:00  Schreibe einen Kommentar  
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Der Schriftsteller Laurence Sterne (1713-1768) und der Leidensweg seines Leichnams

Hier in der Old Bond Street 41, wo jetzt die Cartierfiliale untergebracht ist, starb Laurence Sterne.
Photo © Enttauscht (cc-by-sa/2.0)

Der Schriftsteller Laurence Sterne lebte von 1713 bis 1768, und sein Hauptwerk, der Roman „The Life and Opinions of Tristram Shandy, Gentleman„, in deutscher Übersetzung „Leben und Ansichten von Tristram Shandy, Gentleman„, ist sowohl in seinem Heimatland als auch in Deutschland nach wie vor lieferbar, und das nach mehr als 250 Jahren. Sterne hat sich damit einen festen Platz in der Weltliteratur gesichert, umso trauriger, dass sein Leben ein so tragisches Ende gefunden hat, denn er starb mittellos und einsam in London in der Old Bond Street Nummer 41. Heute ist in dem Haus eine Filiale des französischen Schmuck- und Uhrenhändlers Cartier untergebracht.

Die Trauerfeier für Laurence Sterne fand in kleinem Kreis am 22. März 1768 in der St Georges Kirche am Hanover Square statt, auf deren Kirchhof er auch beerdigt wurde. Es sollen nicht einmal die Kirchenglocken geläutet haben als sein Leichnam in das Grab gesenkt wurde. Da St George’s Field nicht gut einsehbar war, bestand hier immer wieder die Gefahr, dass gerade erst beerdigte Menschen von Leichenräubern wieder ausgebuddelt wurden, um diese Anatomen an Universitäten anzubieten, die einen ständigen Bedarf an Leichnamen für ihre Vorlesungen hatten.
Genau das geschah auch mit dem Körper von Laurence Sterne, dessen Grab kurz nach der Beerdigung geöffnet und sein Leichnam nach Cambridge gebracht wurde, wo er auf dem Seziertisch von Professor Charles Collignon landete, einem anerkannten Anatomen und Chirurgen. Jetzt gibt es mehrere unterschiedliche Aussagen, wer dort Laurence Sterne wiedererkannte, ein Student oder ein zufällig Anwesender, auf jeden Fall unterbrach der Professor daraufhin die Sektion. Die Leiche des Schriftstellers wurde klammheimlich wieder zurück nach London geschickt, wo sie ein zweites Mal auf dem Kirchhof von St George’s beerdigt wurde. Man munkelte damals, dass der Anatomieprofessor den Kopf als Erinnerungsstück behalten hatte. Das muss aber nicht stimmen, denn als St George’s Field Ende der 1960er Jahre aufgegeben wurde, suchte der Laurence Sterne Trust nach den Überresten des Schriftstellers, wobei sie auf einen Schädel stießen, dessen Oberteil, wie bei einer Sektion üblich, abgesägt war. Der Trust vermutete, dass es sich hierbei tatsächlich um Sternes Kopf handelte, und er schaffte den Schädel mitsamt den dazugehörenden Knochen nach Coxwold in North Yorkshire, wo Laurence Sterne auf dem Kirchhof von St Michael’s ein neues Grab mit einem neuen Grabstein bekam.

Über Sterne und Coxwold habe ich in meinem Blog schon einmal geschrieben.

Die St George’s Kirche am Londoner Hanover Square, wo die Trauerfeier für den Schriftsteller stattfand.
Photo © Thomas Nugent (cc-by-sa/2.0)

Auf dem Kirchhof von St Michael’s in Coxwold (North Yorkshire) fand Lawrence Sterne seine letzte Ruhe.
Photo © Maigheach-gheal (cc-by-sa/2.0)

Published in: on 2. November 2018 at 02:00  Schreibe einen Kommentar  
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Der Krimiautor Colin Dexter (1930-2017) und die Inspector Morse Society

Oxford Police Station St Aldate’s.
Photo © David Hillas (cc-by-sa/2.0)

Die TV-Krimiserie „Inspector Morse„, von 1983 bis 2000 gedreht, spielte im deutschen Fernsehen so gut wie keine Rolle; ein paar Folgen  liefen merkwürdigerweise nur im DDR-Fernsehen, das war es dann auch. Die Spin-offs dagegen, „Lewis“ und „Der junge Morse“ (im Original „Endeavour“), wurden im ZDF bzw ZDFneo gezeigt.
Colin Dexter
schrieb die Romane über den schrulligen, dem Whisky, Wagneropern und Kreuzworträtseln zugeneigten Inspektor aus Oxford, der auch eng an deren Verfilmung mitwirkte. Leider ist Colin Dexter am 21. März 2017 in seiner geliebten Universitätsstadt verstorben. Morse, dessen Vornamen Endeavour die Zuschauer der Serie erst in der letzten Folge erfuhren, war außerordentlich beliebt in Großbritannien, verkörpert wurde er im Film von John Thaw (1942-2002), an seiner Seite stand Sergeant Lewis (Kevin Whateley), der später nach seiner Beförderung seine eigene TV-Serie bekam.

Colin Dexter trat, wie seinerzeit Alfred Hitchcock, in den meisten Episoden für wenige Sekunden selbst auf; man musste schon sehr genau hinschauen, um ihn zu entdecken. Manchmal war er ein Chormitglied oder ein Passant. Die Inspector Morse Society hält die Erinnerung sowohl an den Mann hoch, der für die Thames Valley Police arbeitete, als auch an seinen Schöpfer, Colin Dexter, für den bald in Oxford ein Denkmal errichtet werden soll und zwar in Summertown, wo Dexter von 1966 bis 1988 für das Oxford Examining Board arbeitete. Das Denkmal wird ihn in Lebensgröße auf einer Säule zeigen, mit einer Ausgabe der Times in der Hand, auf der das tägliche Kreuzworträtsel zu sehen sein wird. Auf der einen Seite der Säule wird ein Kreuzworträtsel eingraviert sein, auf der anderen Seite findet man dann die Lösung. Der Bildhauer Alex Wenham wurde mit dem Denkmal beauftragt, das voraussichtlich Ende diesen oder Anfang des nächsten Jahres enthüllt wird. Der Colin Dexter Memorial Fund kümmert sich um die Beschaffung des Geldes; das Denkmal ist mit  £50 000 veranschlagt.

Es gibt in Oxford übrigens eine Plakette, die an Morse erinnert, angebracht am Hauptquartier der Oxford City Police St Aldate’s, wo viele Außenaufnahmen der Dreharbeiten für die TV-Serie stattfanden. Am 23. Juli 2006 enthüllte Colin Dexter diese Plakette selbst.

Die Inspector Morse Society widmete dem Morse-Darsteller John Thaw eine Bank im Londoner Covent Garden Viertel; neben der „Schauspielerkirche“ St Paul’s steht diese Bank, die am 21. März 2009 ebenfalls von Colin Dexter eingeweiht wurde.

Siehe zum Thema auch meinen Blogeintrag über geführte Touren durch Oxford auf den Spuren von Inspector Morse.

Die Plakette am Hauptquartier der Polizei von Oxford.
Public domain photo by Open Plaques.

Die John Thaw gewidmete Bank in London.
Copyright: Matt Brown
Creative Commons 2.0

 

Published in: on 21. Oktober 2018 at 02:00  Comments (2)  
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Die Jane Austen Society

Das Museum in Chawton (Hampshire).
Photo © Colin Smith (cc-by-sa/2.0)

Über die Schriftstellerin Jane Austen (1775-1817) habe ich in meinem Blog schon mehrfach geschrieben, zum Beispiel über das Jane Austen Centre in Bath. Im Gegensatz zu den meisten anderen Autoren ihrer Zeit, ist Jane Austen auch heute noch unvergessen. Ihre Romane werden nach wie vor gelesen, nicht zuletzt auch durch die Verfilmungen, die die Erinnerung an sie immer wieder wachgehalten haben.

Die britische Jane Austen Society trägt ebenfalls ihr Scherflein dazu bei, dass man die nur 41 Jahre alt gewordene Schriftstellerin nicht vergisst. Dorothy Darnell und ihre Schwester Beatrix gründeten die Gesellschaft im Jahr 1940, mit dem Ziel Chawton Cottage in Chawton (Hampshire) zu erwerben, in dem Jane Austen von 1809-1817 gewohnt hatte. Neun Jahre später wurde das Haus als Jane Austen’s House Museum eröffnet.

Die Gesellschaft hat sich vier Aufgaben gesetzt:

– Das Andenken an die Schriftstellerin hochzuhalten
– Dafür zu sorgen, dass ihr Nachlass in Form von Manuskripten, Briefen und Erinnerungsstücken erhalten bleibt
– Publikationen über Jane Austen und ihre Familie zu fördern
– Den Jane Austen Memorial Trust in der Erhaltung des Museums in Chawton zu unterstützen

Jedes Jahr finden Treffen der Gesellschaft statt, einmal das Annual General Meeting in Chawton (zuletzt am 14. Juli) und die dreitägige Annual Conference in unterschiedlichen Orten (fällt in diesem Jahr aus, soll aber 2019 wieder stattfinden).

In einzelnen Regionen Großbritanniens haben sich „Zweigstellen“ der Jane Austen Society gebildet, die eigene Veranstaltungen durchführen. In Kent gibt es zum Beispiel Berührungspunkte mit der Familie Jane Austens, die gern von der Kent Branch der Gesellschaft aufgesucht werden, wie Godmersham Park, wo Janes Bruder Edward aufwuchs und später mit seiner Familie lebte. Jane war dort häufig zu Besuch.

Die Mitgliedschaft in der Jane Austen Society kostet £28 (außerhalb Großbritanniens £38), dafür bekommt man regelmäßig die Newsletter und den Report, der u.a. über Neuerscheinungen zum Thema informiert.

Weitere Jane Austen Societies gibt es noch in Nordamerika, Australien, Brasilien, Tschechien und in den Niederlanden.

Godmersham Park in Kent.
Photo © pam fray (cc-by-sa/2.0)

 

Published in: on 10. August 2018 at 02:00  Schreibe einen Kommentar  
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Thockrington (Northumberland) und die Asche des Tom Sharpe

St Aidan in Thockrington.
Photo © Phil Thirkell (cc-by-sa/2.0)

Die Kirche St Aidan in Thockrington steht ziemlich einsam auf einem Hügel neben einer Farm in der Grafschaft Northumberland, also im hohen Norden Englands. Was heißt „in Thockrington“? Das Dorf gibt es schon lange nicht mehr, denn es wurde vom Schicksal ereilt, als im Jahre 1847 ein Seemann in seinen Heimatort zurückkehrte und die gesamte Dorfbevölkerung mit Cholera ansteckte. Alle starben, Thockrington wurde niedergebrannt. Nur die Farm und St Aidan überlebten; in der Kirche wurden weiterhin Gottesdienste abgehalten.

Einer der Pfarrer von St Aidan, Reverend George Sharpe, war der Vater eines Jungen, der später durch seine drastischen humorvollen Werke in die Literaturgeschichte Englands eingehen sollte: Tom Sharpe (1928-2013). Ich habe alle seine Romane gelesen, sie sind nichts für Zartbesaitete. Aber wer schwarzen Humor mag, wird Sharpes Bücher lieben. Im Jahr 2010 erschien sein letzter Roman „The Wilt Inheritance“ (dt. „Henry haut ab“).

Der Schriftsteller zog 1995 nach Spanien, wo er sich an der Costa Brava niederließ. Er trennte sich von seiner Frau und ging eine Beziehung mit der Spanierin Montserrat Verdaguer i Clavera ein. Als er am 6. Juni 2013 starb, wurde er in Spanien eingeäschert und die Asche an seine Frau und seine Lebensgefährtin verteilt. Die Spanierin fand in Sharpes Unterlagen seinen Wunsch, dass er einmal auf dem Kirchhof von Thockrington beigesetzt werden möchte, und so machte sie sich ein Jahr später mit einer Urne und Sharpes Asche auf den langen Weg von der Costa Brava nach Northumberland. Dort angekommen, buddelte sie mit bloßen Händen ein Loch auf dem Kirchhof, auf dem auch der Reverend George Sharpe liegt, deponierte dort die Asche, zusammen mit einer Flasche Whisky der Marke Famous Grouse, die Tom Sharpe besonders gern mochte, einer kubanischen Zigarre, seinem Lieblingsfüllfederhalter mit dem er einige seiner Bücher geschrieben hatte, und einem Bild aus seiner Kindheit. Dann hielt sie eine kurze Ansprache:
In this ancient church in Northumberland in which your father was buried you will remain for eternity. In the middle of nowhere, in an empty place, surrounded by grass and sheep. Tom Sharpe, rest in peace forever.“

Sollte Tom Sharpe vom Himmel aus dieser Zeremonie zugesehen haben, hätte er sich mit Sicherheit köstlich amüsiert.

Montserrat Verdaguer i Clavera, die das sehr spezielle Begräbnis von einem spanischen Fernsehteam filmen ließ, hatte die für St Aidan zuständigen Kirchenbehörden nicht um Erlaubnis gefragt, ob sie das überhaupt tun durfte…durfte sie natürlich nicht. Als die lokale Presse darüber berichtete, kam das auch der Kirche zu Ohren und so buddelte der Pfarrer von St Aidan alles wieder aus und die Church of England verhängte gegen die Spanierin eine Strafe in Höhe von £1,320. Erst nach Bezahlung der Strafe könnte sie den Inhalt des „Grabes“ wieder zurückbekommen. Die Dame von der iberischen Halbinsel hatte mittlerweile behauptet, dass die Zeremonie auf dem Kirchhof von Thockrington nur für das spanische Fernsehen inszeniert worden wäre, und sie hätte dort gar keine menschlichen Überreste beerdigt.

Tom Sharpe hätte sich das nicht besser für einen seiner Romane ausdenken können!

Hier ist ein Ausschnitt aus dem Film „Wilt„, nach dem gleichnamigen Roman von Tom Sharpe, derin Deutschland unter dem Titel „Puppenmord“ gezeigt wurde.

Grabsteine auf dem Kirchhof von St Aidan in Thockrington.
Photo © Oliver Dixon (cc-by-sa/2.0)

Ländliche Idylle mit Lämmern auf dem Kirchhof von St Aidan.
Photo © P Glenwright (cc-by-sa/2.0)

Cumberland Clark – Ein englischer Dichter und die Küstenstadt Bournemouth

Das Highcliff Hotel in Bournemouth, in dem Cumberland Clark eine Zeit lang wohnte.
Photo © Chris Downer (cc-by-sa/2.0)

Vor kurzem stellte ich in einem meiner Blogartikel den Dichter John Clare vor, der in Deutschland nur wenig bekannt ist. Noch unkannter dürfte der Dichter Cumberland Clark sein, den außerhalb der Region Bournemouth an der englischen Südküste auch in seinem Heimatland kaum noch jemand kennen dürfte. Ich bin auf Cumberland Clark gestoßen, als ihn einmal jemand als „England’s most awful poet“ bezeichnete, habe mir aber leider nicht notiert, wer diese Äußerung gemacht hat.

Mr Clark wurde 1862 in London geboren, er starb in der Nacht vom 10. auf den 11. April 1941 während eines Luftangriffs der deutschen Luftwaffe auf Bournemouth (Dorset). Er führte jahrzehntelang ein abenteuerliches Leben in Australien, Neuseeland, Südafrika und Nordamerika, u.a. als Schafzüchter, Goldwäscher und Pfarrer. Ab 1933, als seine Frau gestorben war, ließ er sich für den Rest seines Lebens in Bournemouth nieder.

Literarisch betätigte sich Cumberland Clark auf zwei Feldern. Er beschäftigte sich intensiv mit William Shakespeare und Charles Dickens und schrieb mehrere Bücher über sie, und er veröffentlichte Gedichte, in deren Mittelpunkt hauptsächlich die Stadt Bournemouth und die nähere Umgebung standen. Gesammelt wurden diese im „The Bournemouth Songbook„.

Einige Beispiele zur Veranschaulichung: In „The Bournemouth Hotels“ stellt  Clark einige Hotels seines Wohnortes vor:
„You visit the Savoy; you’ll soon be filled with joy“, „The Canford Cliffs Hotel will do you very well“, „The Highcliffe can’t be matched – the finest ever hatched“. Eine kleine Anmerkung: Das Savoy Hotel existiert noch in der West Hill Road, das Canford Cliffs Hotel nicht mehr, das Highcliffe Hotel gibt es noch unter dem heutigen Namen Bournemouth Highcliff Marriott Hotel in der St Michael’s Road.

Den jungen Damen von Dorsets Hauptstadt widmet Cumberland Clark Aufmerksamkeit in seinem Gedicht „The Bournemouth Girls„, darin lobt er ihre körperlichen Vorzüge („Look close from all directions – their figures bear inspections“) und ist der festen Überzeugung, dass jedermann  die Mädchen einfach lieben muss („And even old men, gay old dogs, admit that they adore them“).

Auch den „Bournemouth Schoolgirls“ widmet der ältere Herr einige Zeilen („Bournemouth is full of them. Getting to know them is not a mere frivolous treat“) sowie der Bournemouth Regatta, den Boarding Houses, dem Sonnenuntergang, der Luft, der Landwirtschaftsschau, den Schlangen Arbeitsloser vor dem Arbeitsamt, den Schwalben usw. usw. Cumberland Clark war ein echter Fan der Küstenstadt.

Wer dem Dichter einen Besuch abstatten möchte, der sollte sich auf den East Cemetery von Bournemouth begeben, wo seine Grabstelle leicht zu finden ist: Ein großer steinerner Engel ragt über all die  anderen Gräber hinaus und weist den Weg.

Fern Bank in der St Stephens Road in Bournemouth: Hier starb der Dichter während eines Angriffs der deutschen Luftwaffe im April 1941.
Photo © Chris Downer (cc-by-sa/2.0)

Published in: on 5. Mai 2018 at 02:00  Schreibe einen Kommentar  
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Der Dichter John Clare (1793-1864), „The Peasant Poet“, und sein Heimatort Helpston (Cambridgeshire)

Das John Clare Cottage am Woodgate in Helpston.
Photo © Paul Bryan (cc-by-sa/2.0)

Die Einwohner des kleinen Ortes Helpston wussten lange Zeit nicht so recht, zu welcher Grafschaft sie nun eigentlich gehörten, mal war es Northamptonshire, dann Huntingdonshire und jetzt ist es (bis auf weiteres) Cambridgeshire. In diesem nördlich von Peterborough gelegenen Dorf mit weniger als 1000 Bewohnern erblickte am 13. Juli 1793 John Clare das Licht der Welt, der später als „The Peasant Poet“ in die englische Literaturgeschichte eingehen sollte.
Er wurde in einem Cottage geboren, das nur ein paar Schritte vom Dorfpub, The Bluebell, entfernt ist und dort arbeitete er als Dreizehnjähriger, wobei eine seiner Aufgaben darin bestand, des Nachts aus dem Nachbardorf Mehl zu holen. Um sich bei seinen einsamen Gängen die Zeit zu vertreiben, verfasste er Gedichte, die er laut vor sich hinsagte. Diese nächtlichen Gänge waren sozusagen die Initialzündung für seine „Karriere“ als Dichter. Im Jahr 1820 erschien seine erste Gedichtsammlung „Poems Descriptive of Rural Life and Scenery„, der mehrere andere folgten wie „The Shepherd’s Calendar with Village Stories and Other Poems„; man sieht an den Titeln, dass John Clare sich am wohlsten auf dem Lande fühlte. Er heiratete, hatte viele Kinder und war hin und her gerissen zwischen seiner Leidenschaft, dem Schreiben von Gedichten, und der Notwendigkeit, für seine immer größer werdende Familie Geld zu verdienen. Er bekam Depressionen, die noch dadurch verstärkt wurden, dass sich seine Bücher nicht mehr so gut verkauften. Nach und nach verfiel John Clare in geistige Umnachtung und verbrachte die letzten 23 Jahre seines Lebens in mehreren Nervenheilanstalten. Am 20. Mai 1864 verstarb er im Alter von 71 Jahren.

Begraben wurde der „Peasant Poet“ in seinem Heimatdorf Helpston, auf dem Kirchhof von St Botolph’s. Man hat ihn hier nie vergessen und so findet an seinem Todestag jedes Jahr die „Cushion Ceremony“ statt, bei der Kinder von der nach ihm benannten John Clare School Blumenkissen um sein Grab dekorieren. Es gibt eine John Clare Society, sogar mit einem Ableger in den USA, was sich der Poet damals sicher nicht hätte träumen lassen. In diesem Jahr findet in Helpston vom 13. bis zum 15. Juli das John Clare Society Festival statt, wobei die St Botoph’s Church, The Bluebell und das John Clare Cottage eine zentrale Rolle spielen. Letzteres wurde 2005 vom John Clare Trust übernommen und es kann besichtigt werden.

Auf dem kleinen Village Green, gegenüber der Kirche, hat man zur Erinnerung ein Denkmal für John Clare errichtet.

Hier ist John Clares Gedicht „Autumn“, gelesen von Richard Burton.

Das Buch zum Artikel:
Jonathan Bate: John Clare – A biography. Picador, London 2003. 648 Seiten. ISBN 978-0374179908.

Das John Clare Memorial auf dem Village Green.
Photo © JThomas (cc-by-sa/2.0)

John Clares Grab auf dem Kirchhof von St Botolph’s.
Author: Magnus Manske.
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St Botolph’s.
Photo © Chris McAuley (cc-by-sa/2.0)

The Bluebell am Woodgate.
Photo © Rodney Burton (cc-by-sa/2.0)

Published in: on 18. April 2018 at 02:00  Comments (3)  
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Miss Read, die Meisterin der englischen Dorfgeschichten

Chelsfield (Greater London), einer der Orte, in denen Miss Read lebte und der für Fairacre bzw. Thrush Green Pate stand.
Photo © Marathon (cc-by-sa/2.0)

The Market Square“ und „Battles at Thrush Green“ sind die Titel zweier Bücher, die ich einmal von der englischen Autorin Miss Read gelesen habe, deren eigentlicher Name Dora Jessie Saint  lautet. Das „Read“ in dem Pseudonym hat nichts mit dem Wort „Lesen“ zu tun, es ist nur der Geburtsname ihrer Mutter. Sie wurde 1913 in den südlichen Außenbezirken von London geboren, in South Norwood, um genau zu sein, das heute zum London Borough of Croydon gehört.

Wer es bei seiner Lektüre gern gemütlich hat und englische Dorfgeschichten mag, der ist bei Miss Read genau richtig. Sex, Drugs and Rock ’n‘ Roll wird man darin vergeblich suchen. „Cozy“ trifft am besten auf die Bücher zu, die in den kleinen fiktiven Orten Fairacre und Thrush Green spielen. Miss Read hat als Vorbild dafür die Dörfer genommen, in denen sie selbst einmal gelebt hat wie Chelsfield, jetzt London Borough of Bromley, Woodgreen, Ortsteil von Witney in Oxfordshire, und Chieveley in Berkshire. Spektakuläre Dinge passieren in ihren Büchern nicht; man trifft darin zum Beispiel auf Dolly Clare, eine ehemalige Volksschullehrerin, auf die Klatschbasen Mrs Pringle und Betty Bell, auf den griesgrämigen Friedhofswärter Albert Piggott und seine Frau Nelly und auf die Lovelock-Schwestern Bertha, Ada und Violet. In diesem Mini-Universum geht es u.a. um eine Schuljubiläumsfeier („Village Centenary“ bzw. dt. „Die Hundertjahrfeier„), um kleine Liebeleien („Return to Thrush Green“ bzw. dt. „Harold auf Freiersfüßen„), und die Dorfschule steht immer wieder im Mittelpunkt („Village Affairs“ bzw. dt. „Ein böses Gerücht“).

Miss Reads erster Roman „Village School“ (dt. „Dorfschule“) aus der Fairacre-Serie erschien 1955, ihr letzter „The Year at Thrush Green“ (dt. „Turbulenzen auf dem Lande“) aus der Parallel-Reihe „Thrush Green“ 1995. Ihre Bücher wurden alle ins Deutsche übersetzt und erschienen bei dtv und Piper. Sie sind zwar alle im regulären Buchhandel vergriffen, doch bekommt man sie leicht antiquarisch; in England sind die Bücher natürlich noch lieferbar. Sowohl die englischen als auch die deutschen Ausgaben haben  Umschlagbilder, die der gemütlichen Atmosphäre Rechnung tragen; als Beispiel möchte ich hier „Christmas at Thrush Green“ nennen.

Dora Jessie Saint verbrachte die letzten Jahre ihres Lebens in Great Shefford in der Grafschaft Berkshire, wo sie kurz vor ihrem 99. Lebensjahr am am 7. April 2012 starb. Am 17. Mai des Jahres wurde ihr zu Ehren eine Trauerfeier in der örtlichen Dorfkirche St Mary’s eine Trauerfeier abgehalten. Ein Grab von ihr wird man vergebens suchen, sie wurde eingeäschert und ihre Asche an die Familie übergeben.

Hier wird ein kleiner Ausschnitt aus Miss Reads „Celebrations at Thrush Green“ vorgelesen.

 

St Mary’s in Great Shefford, wo die Trauerfeier für Miss Read stattfand.
Photo © ChurchCrawler (cc-by-sa/2.0)

Published in: on 24. März 2018 at 02:00  Schreibe einen Kommentar  
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Penguin Books – Die ersten zehn Titel aus dem Jahr 1935

St David’s Railway Station in Exeter (Devon) – Hier und auf dem Weg nach London hatte Allen Lane die Idee zu den Penguin Books.
Photo © N Chadwick (cc-by-sa/2.0)

Als der Verleger Allen Lane 1934 von einem Besuch bei Agatha Christie in Devon wieder nach London zurückfuhr, suchte er auf dem Bahnhof von Exeter nach Lesestoff für die Zugfahrt, wurde aber nicht fündig. So musste er während der langen Fahrt aus dem Fenster schauen und die Landschaft genießen. Dabei kam ihm die Idee, eine Buchreihe ins Leben zu rufen, die möglichst preiswert herzustellen und auch für Leser mit schmalem Geldbeutel erschwinglich war. Die Idee zu den Penguin Books, wie die Buchreihe heißen sollte, war geboren. Auf dem St David’s Bahnhof von Exeter erinnert eine orangefarbene Plakette an Sir Allen Lane und die Inspiration, die er hier erhielt.

Am 30. Juli 1935 wurden die ersten zehn Titel veröffentlicht und für sechs Pence verkauft. Die Reihe mit dem Pinguin als Logo war nicht vom Start weg ein großer Erfolg, etliche der ersten zehn Titel blieben bei Buchhändlern im Regal liegen, doch nach und nach nahm der Verkauf an Fahrt auf, und die Buchreihe gehört seitdem zu den bekanntesten und erfolgreichsten der Welt.

Werfen wir einmal einen Blick auf die ersten zehn Titel:

Penguin Book Nummer 1:
André Maurois: Arielle
Erstaunlicherweise eröffnete ein französischer Schriftsteller die Buchreihe. André Maurois (1885-1967) beschäftigt sich in seinem Werk mit dem englischen Schriftsteller Percy Bysshe Shelley. Das Buch wurde auch unter dem Titel „Ariel oder das Leben Shelleys“ ins Deutsche übersetzt.

Penguin Book Nummer 2:
Ernest Hemingway: A Farewell to Arms
Der Literaturnobelpreistrager Ernest Hemingway (1899-1961) erzählt in diesem Roman von der Liebe zwischen einem in der italienischen Armee dienenden Amerikaner und einer britischen Krankenschwester während des Ersten Weltkriegs. Auf Deutsch erschien das Buch unter dem Titel „In einem andern Land“.

Penguin Book Nummer 3:
Eric Linklater: Poet’s Pub
Der Schotte Eric Linklater (1899-1974) schrieb zahlreiche Romane, Sachbücher und Biografien. In „Poet’s Pub“ steht ein Gasthaus mit dem Namen „The Pelican“ in Oxford im Mittelpunkt, um den sich humorvolle Geschichten ranken. Das Buch wurde nicht ins Deutsche übersetzt.

Penguin Book Nummer 4:
Susan Ertz: Madame Clare
Die heute weitgehend vergessene Susan Ertz (1887-1985) veröffentlichte zwei Dutzend Romane. „Madame Clare“ war ihr Erstlingswerk, das nicht in deutscher Übersetzung vorliegt.

Penguin Book Nummer 5:
Dorothy L. Sayers: The Unpleasantness of the Bellona Club
Ein Krimi-Klassiker aus dem Jahr 1928 aus der Feder der berühmten Dorothy L. Sayers (1893-1957), der fünfte Band aus der Lord Peter Wimsey-Serie, der auf Deutsch unter dem Titel „Ärger im Bellona Club“ erschien.

Penguin Book Nummer 6:
Agatha Christie: The Mysterious Affair at Styles
Der erste Roman der Queen of Crime Agatha Christie (1890-1976), den man auf Deutsch als „Das fehlende Glied in der Kette“ lesen kann.

Penguin Book Nummer 6A:
Agatha Christie: The Murder on the Links
Agatha Christie kam gleich im Doppelpack heraus. „Mord auf dem Golfplatz“, so der deutsche Titel, ist ihr dritter Kriminalroman.

Penguin Book Nummer 7:
Beverley Nichols: Twenty-Five
Die Autobiografie des Schriftstellers Beverley Nichols (1898-1983), der vor allem durch seine Gartenbücher in Erinnerung geblieben ist. Viele seiner Werke wurden übersetzt, seine Autobiografie jedoch nicht.

Penguin Book Nummer 8:
E.H. Young: William
Emily Hilda Young (1880-1949) dürfte auch kaum noch jemand kennen. Sie schrieb ein Dutzend Romane. „William“ erschien bereits 1925 und wurde 1947 unter dem gleichen Titel ins Deutsche übersetzt.

Penguin Book Nummer 9:
Mary Webb: Gone to Earth
Auch Mary Webb (1881-1927) dürfte heute nur noch wenigen bekannt sein. Ihr Roman „Gone to Earth“ war 1917 erschienen, wurde 1950 verfilmt und unter dem Titel „Heim zur Erde“ ins Deutsche übersetzt.

Penguin Book Nummer 10:
Compton Mackenzie: Carnival
Compton Mackenzie (1883-1972)  kennt man in Deutschland vor allem durch seinen heiteren Roman „Das Whiskyschiff“. „Carnival“ wurde nicht übersetzt.

Siehe zum Thema auch meinen anderen Blogartikel über Penguin Books.

Published in: on 2. Februar 2018 at 02:00  Comments (1)  
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Der Dichter Philip Larkin und die Kröten von Hull (East Riding of Yorkshire)

Philip Larkins Statue auf dem Bahnhof von Hull.
Photo © Paul Harrop (cc-by-sa/2.0)

In meinem gestrigen Blogeintrag schrieb ich über Tom Chesshyres Buch „To Hull and Back“, in dem der Autor Städte besucht, die gegen ihren schlechten Ruf ankämpfen. Auch Hull, kurz für Kingston upon Hull, im Nordosten des Landes hat damit ein Problem. Die Stadt tut aber im kulturellen Bereich so einiges, um sich von diesem Ruf zu befreien.

Philip Arthur Larkin ist zum Beispiel eine Person, die sich um Hull verdient gemacht hat und der man in der Stadt auch in unterschiedlicher Weise huldigt. Larkin (1922-1985) war Schriftsteller, Dichter und Bibliothekar in der Bibliothek der Universität von Hull. Auf dem Bahnhofsgelände von Hull hat man eine Statue von ihm errichtet, es gibt einen Larkin Trail, auf dem man sich auf die Spuren des Dichters machen kann und es existiert die 1995 gegründete Philip Larkin Society, die sich die Aufgabe gestellt hat: „To promote awareness of the life and work of Philip Larkin (1922-1985) and his literary contemporaries“.

Unter dem Titel Larkin 25 wurde im Jahr 2010, also 25 Jahre nach dem Tod des Schriftstellers, ein Kunstfestival in Hull ins Leben gerufen, bei dem u.a. oben erwähnte Statue enthüllt wurde. Im Mittelpunkt dieses Festivals standen vierzig bunt angemalte Kröten aus Fiberglas, die im ganzen Stadtgebiet verteilt waren. Der Hintergrund: Larkin hatte einmal zwei Gedichte über Kröten geschrieben: „Toads“ und „Toads Revisited„.

Die witzigen Kröten, die mich an die bunten Bären erinnern, die in Berlin aufgestellt worden sind, heißen zum Beispiel „Tigger the Toad„(eine Kreuzung von Tiger und Kröte), „Global Pop Toad„, an der Universität von Hull platziert, „Kiss Me Quick Toad“ (mit Lippenstiftabdrücken verziert) und „Fish and Chips Toad„, auf deren Körper man im Bild alle Zutaten finden kann, die für dieses britische Nationalgericht verwendet werden.
Die Fiberglaskröten entwickelten eine derartige Popularität, dass Menschenmengen nach Hull strömten, um sich die possierlichen Tiere anzusehen (und dabei auch noch zur Freude der Einzelhändler in der Stadt  £500 000 ausgaben). Leider gab es auch in Hull Vandalen, die einige der Kröten beschädigten und eine sogar stahlen, die „Magenta Toad“.

Nach Ende des Festivals Larkin 25 wurden die meisten Kröten versteigert und der Erlös von insgesamt £60,000 für wohltätige Zwecke verwendet. Die restlichen Skulpturen blieben der Stadt erhalten. Fünf Jahre später tauchten einige der Originalkröten noch einmal für wenige Tage im Stadtbild von Hull auf, während der Veranstaltung „Toads Revisited„, die zu Ehren von Larkins 93. Geburtstag im August 2015 abgehalten wurde.

Wer sich für Philip Larkin und für die Kröten von Hull interessiert, der wird diesen Film sehr informativ finden.

Tigger thr Toad.
Photo © Paul Harrop (cc-by-sa/2.0)

Global Pop Toad.
Photo © Paul Harrop (cc-by-sa/2.0)

Kiis Me Quick Toad.
Photo © Paul Harrop (cc-by-sa/2.0)

Fish and Chips Toad.
Photo © Paul Harrop (cc-by-sa/2.0)

Published in: on 6. Dezember 2017 at 02:00  Comments (1)  
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