Famous Graves – Edith Nesbits Grab auf dem Kirchhof von Saint Mary the Virgin in Saint Mary-in-the Marsh (Kent)

Author: barry.marsh1944
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Die Schriftstellerin Edith Nesbit (1858-1924), deren Romane und Kinderbücher zum großen Teil auch ins Deutsche übersetzt worden sind, ist heute hauptsächlich noch durch ihre rührende Geschichte „The Railway Children“ (dt. „Die Eisenbahnkinder“) bekannt, und das wohl überwiegend durch die Verfilmungen des Stoffes. Ich besitze die BBC-Verfilmung mit Jenny Agutter in der Hauptrolle auf DVD und sehe sie mir immer wieder gern einmal an.

Edith Nesbit lebte viel Jahre am Stadtrand von London, in Eltham, zog aber nach dem Tod ihres Mannes in die Romney Marsh in Kent, für mich eine der eigenartigsten und faszinierendsten Landschaften Großbritanniens. Sie ließ sich in dem kleinen Ort St Mary’s Bay nieder, zusammen mit ihrem zweiten Mann, Tommy Tucker, wo beide zwei nebeneinander liegende Bungalows kauften und diese zu einem Haus zusammenfügten. Das Haus steht heute noch in einer schmalen Sackgasse, die nach der Schriftstellerin Nesbit Road genannt wurde.

Edith Nesbit starb am 4 Mai 1924 und wurde auf dem Kirchhof von Saint Mary the Virgin in dem Nachbarort von St Mary’s Bay, in Saint Mary-in-the-Marsh beigesetzt. Ihre Grabstelle ist leicht zu finden, denn hier steht kein Grabstein, sondern ein kleines Holzgestell, auf dem ihr Name E. Nesbit, und daneben die Nachnamen ihrer beiden Männer, Bland und Tucker, eingeritzt sind. „Poet Author“ steht darunter. Tommy Tucker hat diese ungewöhnliche Grabstelle selbst angefertigt; bei der heutigen handelt es sich um eine Replik, denn das Original war durch Wind und Wetter schon sehr stark mitgenommen worden.

In der Kirche Saint Mary the Virgin ist an einer Wand eine Gedenkplakette für die Schriftstellerin angebracht, auf der unter anderem steht „I will dwell among my children„, denn vor allem ihre Kinderbücher machten sie sehr beliebt.

Um das Andenken an die Schriftstellerin kümmert sich seit 1996 die Edith Nesbit Society.

Das Buch zum Artikel:
Eleanor Fitzsimons: The Life and Loves of E. Nesbit – Author of The Railway Children. Duckworth 2019. 352 Seiten. 978-0715651469.

Saint Mary the Virgin in Saint Mary-in-the-Marsh (Kent)
Author: barry.marsh1944
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Der Satiriker und Playboy William Donaldson (1935-2005) und seine Kunstfigur Henry Root

William Donaldson, der von 1935 bis 2005 lebte, führte ein sehr abwechslungsreiches Liebesleben, um es einmal so zu formulieren. Er war dreimal verheiratet und hatte zahllose Affären, darunter mit der Schauspielerin Sarah Miles und der Sängerin Carly Simon (berühmt geworden durch ihren Nummer-Eins-Hit „You’re so vain„). Zu manchen Zeiten schwamm er in Geld, dann war er wieder eine Zeit lang pleite; er nahm Rauschgift, lebte in den Zeiten, in dem es ihm finanziell nicht so gut ging, in einem Bordell. Er wuchs in dem Prominentenort Sunningdale in Berkshire auf, ging in das Winchester College und konnte schon als Schüler seine wohlhabenden Eltern dazu überreden, ihn in die Pariser Revueshow der Folies Bergères mitzunehmen. Als in den 1950er Jahren Williams Mutter bei einem Verkehrsunfall ums Leben kam und sein Vater starb, war er plötzlich in jungen Jahren ein reicher Mann. Er versuchte, in der Theaterbranche Fuß zu fassen und schrieb 1975 seinen ersten Roman „Both the Ladies and the Gentlemen„.

Richtig bekannt wurde William Donaldson aber als er die fiktive Figur des Briefeschreibers Henry Root erfand und dessen Briefe in den 1980er Jahren in Buchform veröffentlichte. Henry Root war Fischhändler und schrieb Briefe an prominente Menschen der 80er Jahre; er war “ the crackpot alter-ego of William Donaldson“ wie die Times es formulierte. An die Labour-Politikerin Harriet Harman schrieb er beispielsweise, sie solle doch ihr hübsches Köpfchen nicht mit so komplizierten Dingen wie Politik vollstopfen, sondern lieber auf die Bühne gehen oder Nachrichtensprecherin werden. Er legte eine Pfundnote in den Brief, damit sie sich ein hübsches Kleid kaufen konnte.

An den Senior Treasury Counsel des Gerichtshofs Old Bailey in London bot sich Henry Root als Geschworener an, speziell für Fälle in denen Pornografen oder Gotteslästerer auf der Anklagebank säßen. Mit ihm hätte der Kläger schon einmal eine Stimme in der Tasche. Er legte wieder eine Pfundnote anbei, damit Henry Root an die Spitze der Auswahlliste der Geschworenen gesetzt werden könnte. Die Pfundnote wurde wieder zurückgeschickt.

Auch die damalige Premierministerin Margaret Thatcher stand auf Henry Roots Adressenliste, die die Pfundnote allerdings behielt und der Parteikasse zur Verfügung stellte.
An die Queen schrieb Henry Root, sie würde doch so viele Dinge eröffnen wie Krankenhäuser, Schulen, Theater usw., sie solle doch auch mal etwas schließen wie den National Liberal Club, BBC2, den „New Statesman“ oder Massagesalons. Er beendete den Brief mit „Royalists demand the return of the rope!“
Als Absenderadresse stand auf allen Briefen 139 Elm Park Mansions on Park Walk, London SW10, Donaldsons richtige Adresse.

Die Briefsammlungen des Henry Root alias William Donaldson wurden Verkaufserfolge, die die Taschen des Satirikers wieder füllten.

Auf Basis der Henry Root-Bücher erschien 1992 eine fünfteilige TV-Comedyserie „Root Into Europe„, in der George Cole den Fischhändler spielte. Hier ist Episode 1 zu sehen.

Published in: on 27. Februar 2021 at 02:00  Kommentar verfassen  
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The Romantic Novelists‘ Association – Eine Vereinigung britischer Liebesroman-Autorinnen

Was für  die Autoren von Kriminalromanen in Großbritannien die Crime Writers‘ Association ist, ist für die britischen Schriftstellerinnen, die Liebesromane schreiben, die Romantic Novelists‘ Association (RNA). Diese Art von Romanen sind fast ausschließlich bei Frauen sehr beliebt und sie erreichen oft hohe Verkaufszahlen. So ist auf den Webseiten der RNA zu lesen, dass in der ersten Hälfte des Jahres 2017 alle zwei Sekunden ein Liebesroman verkauft wurde. In Deutschland zieren die Liebesromane bestimmter Verlage oft Bilder von hübschen jungen Damen mit tiefem Dekolleté, die mit schmachtenden Blicken in den Armen muskelbepackter Männer mit nacktem Oberkörper liegen. Ähnliches gibt es auch in Großbritannien zu sehen, zum Beispiel bei Produkten aus dem Verlag Mills & Boon.

Gegründet wurde die RNA im Jahr 1960 und zwar von den namhaftesten Autorinnen dieser Zeit, von Barbara Cartland, Catherine Cookson, Rosamunde Pilcher und Elizabeth Goudge, um nur einige zu nennen. Alle diese Damen erzielten mit ihren Büchern Millionenauflagen. Ziel der RNA war, das Genre Liebesroman aus einer Ecke herauszuholen, das von der Literaturkritik meist von oben herab betrachtet beziehungsweise gar nicht wahr genommen wurde.

Rund 1000 Autorinnen sind in der RNA zusammengefasst, die jedes Jahr eine Fülle von Veranstaltungen, Workshops und dergleichen organisieren. Höhepunkt ist immer die Vergabe der vielen Auszeichnungen und davon gibt es einige, zum Beispiel den The Goldsboro Books Contemporary Romantic Novel Award und den The Goldsboro Books Historical Romantic Novel Award. Dann gibt es weiterhin den The Katie Fforde Debut Romantic Novel Award für den besten Erstlingsroman und den The Jackie Collins Romantic Thriller Award, für Bücher in denen es neben romantischen Szenen auch schon einmal etwas rauer zugehen kann.

Der Verlag des Jahres 2020 war wieder einmal Mills & Boon, die Bibliothekarin des Jahres, die sich besonders für das Genre eingesetzt hat, war Liz Gardner von der Burton Library in Staffordshire, und die Buchhandlung des Jahres 2020 war „The Ripped Bodice, A Romantic Bookstore“ in Culver City in Kalifornien, die selbst auch einen Award for Excellence in Romantic Fiction vergibt.

Zum Thema siehe auch meine beiden Blogeinträge „Der National Trust und die Liebesromane“ und „Die M6 Toll Road – Gebaut mit Herz-Schmerz-Romanen„.

Published in: on 12. Februar 2021 at 02:00  Kommentar verfassen  
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Der Stanza Stones Poetry Trail in West Yorkshire

The Snow Stone.
Photo © John Illingworth (cc-by-sa/2.0)

Das Ilkley Literature Festival besitzt in der britischen Literaturwelt einen ausgezeichneten Ruf. Namhafte Schriftsteller treffen sich jedes Jahr in der kleinen Stadt Ilkley in West Yorkshire. Beim Festival des Jahres 2010 entschied man sich dafür, ein Projekt in Angriff zu nehmen, das den Namen Stanza Stones Poetry Trail erhalten sollte.  Die künstlerischen Partner des Projekts waren Simon Armitage, ein Dichter und Schriftsteller aus der Region, seit 2019 Nachfolger von Dame Carol Ann Duffy als Poet Laureate, Pip Hall, eine Steinmetzin und Tom Lonsdale, ein Landschaftsarchitekt.

Geschaffen wurde der über 70 Kilometer lange Poetry Trail in den Pennines, der von Marsden (wo Simon Armitage aufwuchs) nach Ilkley führt. Sechs Stationen in Form von Steinen sind auf dem Weg zu besuchen, auf denen Gedichte eingemeißelt sind, die Simon Armitage speziell für das Projekt geschrieben hat und die kunstvoll von Pip Hall auf die Steine übertragen worden sind. Das Thema der Gedichte lautet „Natur„. An besonders atmosphärischen Orten hier oben auf der Wasserscheide des Pennine-Gebirges hat das Team die Steine ausgesucht, die die Namen Snow Stone, Rain Stone, Mist Stone, Dew Stone, Puddle Stone und Beck Stone tragen. Es dauerte achtzehn Monate bis das Projekt abgeschlossen war.

Beginnt man die Wanderung von Marsden aus trifft man zuerst auf dem Pule Hill auf den Snow Stone, in den Simon Armitages folgendes Gedicht eingemeißelt ist:

The sky has delivered its blank missive. The moor in coma. Snow, like water asleep, a coded muteness to baffle all noise, to stall movement, still time.
What can it mean that colourless water can dream such depth of white? We should make the most of the light. Stars snag on its crystal points. The odd, unnatural pheasant struts and slides. Snow, snow, snow is how the snow speaks, is how its clean page reads.
Then it wakes, and thaws, and weeps„.

Nicht jeder wird den kompletten Trail zurücklegen wollen und so gibt es Einstiege, die zu den einzelnen Steinen führen. Einen sehr guten Trail Guide zum Herunterladen gibt es hier.

In diesem Film stellt Simon Armitage sein Projekt vor.

The Dew Stone.
Photo © John H Darch (cc-by-sa/2.0)

The Puddle Stone.
Photo © John Illingworth (cc-by-sa/2.0)

Simon Armitage.
Author: Alexander Williamson
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Alice’s Shop in Oxford – Hier kaufte schon Alice Liddell Süßigkeiten ein

83 St Aldates in Oxford, direkt gegenüber von den Christ Church Memorial Gardens, so  lautet die Adresse eines kleinen historischen Hauses, in dem Alice’s Shop untergebracht ist und bei Alice handelt es sich wirklich um die junge Dame aus dem Wunderland. Die „richtige“ Alice trug den Nachnamen Liddell und war die Tochter des Dekans des Christ Church College Henry George Liddell und der war wiederum mit einem gewissen Charles Lutwidge Dodgson befreundet, der Tutor für Mathematik am gleichen College tätig war. Dodgson unternahm gern Bootsausflüge mit den Dekanstöchtern Lorina Charlotte, Alice und Edith Liddell. Auf einer dieser Flussfahrten erzählte Dodgson den dreien eine Geschichte von einem Mädchen namens Alice, das durch ein Kaninchenloch fällt und in eine unterirdische Fantasiewelt gerät. Die Mädchen waren begeistert und Dodgson machte sich daran, die Geschichte aufzuschreiben und zu veröffentlichen, allerdings nicht unter seinem Namen, sondern unter dem Pseudonym Lewis Carroll. „Alice im Wunderland“ ist bis heute eines der berühmtesten Kinderbücher weltweit und wurde mehrfach verfilmt.

Alice Liddell (1852-1934) hatte damals einen Lieblingsladen, in dem sie gern Süßigkeiten einkaufte, gegenüber von dem College gelegen, in dem ihr Vater arbeitete. Und diesen Laden gibt es tatsächlich heute noch. Er nennt sich passenderweise Alice’s Shop und steht ganz im Zeichen der Fantasiefigur und ihrer Freunde. Hier gibt es alles zu kaufen, was in irgendeiner Form mit den Fantasiefiguren zu tun hat, als da unter anderem wären:

Eine White Rabbit und Mad Hatter Uhr, Teekannen-Untersetzer mit Motiven der Mad Tea Party, eine Alice’s Shop-Coronaschutzmaske, eine Cheshire Cat-Halskette, Stoffservietten auf denen alle Romanfiguren zu sehen sind, ein 1000-Teile-Puzzle von der Mad Tea Party und jede Menge Alice-Figurinen. In diesem Film kann man sich das genauer ansehen.

Alice Liddell starb am 16. November 1934 in Westerham (Kent) und wurde auf dem Friedhof von St Michael and All Angels in Lyndhurst in Hampshire beigesetzt.

Zu Lewis Carroll siehe meine Blogeinträge über seinen Geburtsort und seinen Sterbeort.

Alices Grab in Lyndhurst (Hampshire)
Author: Niek Willems.
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Die Red Herring Awards der Crime Writers‘ Association

Die ehemalige Londoner Buchhandlung Murder One des Red Herring-Preisträgers Maxim Jakubowski.
Author: Literary Tourist
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Die Crime Writers‘ Association  (CWA) ist der wichtigste Zusammenschluss aller britischen Kriminalroman-Schriftsteller. Der Höhepunkt im Leben der CWA ist die jährliche Vergabe der Preise an die besten Krimis bzw. die besten Autoren. Den Gold Dagger bekommt der beste Roman des Jahres, der in diesem Jahr „Good Girl, Bad Girl“ (dt. „Schweige still“) heißt und vom Michael Robotham geschrieben wurde. Robotham ist ein australischer Autor, dessen Werke so gut wie alle ins Deutsche übersetzt worden sind.

Neben dem Gold Dagger gibt es noch viele weitere jährliche Auszeichnungen der CWA, ich möchte heute aber nur auf einen, den Red Herring Award, näher eingehen. Ein „roter Hering“ ist ein Bestandteil sehr vieler Krimis, durch den die Leser auf eine falsche Spur gelockt werden sollen. Der Preis wurde erstmals 1959 vergeben und zwar an Menschen, die sich durch ihre Arbeit besondere Verdienste um die CWA und die britische Kriminalliteratur erworben haben. Die ersten beiden Preisträger waren Roy Vickers und Janet Green. Vickers (1888-1965) machte sich in den 1940er Jahren einen Namen durch seine „Department of Dead Ends“-Kurzgeschichten, ist heute aber weitgehend vergessen. Janet Green (1908-1993) war eine Drehbuchautorin in den 1950er und 1960er Jahren.

Zu den namhaftesten Red Herring Award-Empfängern gehören unter anderen Julian Symons (1966), Reginald Hill (2001), Peter Walker (2007) und Maxim Jakubowski (2010). Letzteren habe ich vor vielen Jahren in seiner legendären Londoner Krimibuchhandlung Murder One in der Charing Cross Road kennengelernt, die er von 1988 bis 2009 betrieb.

Die Awards werden nicht jedes Jahr verliehen, 2020 zum Beispiel  nicht.

 

Published in: on 8. Dezember 2020 at 02:00  Kommentar verfassen  
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Vergessene Krimiautoren – John Oxenham (1852-1941) und seine Kurzgeschichte „A Mystery of the Underground“

Die U-Bahnstation Charing Cross, wo Oxenhams Roman beginnt.
Author: Qsimple
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John Oxenham hieß gar nicht John Oxenham, sondern William Arthur Dunkerley (1852-1941). Unter dem Pseudonym (nach einer Figur in Charles Kingsleys Roman „Westward Ho!“) veröffentlichte er zahlreiche Bücher, darunter einige Lyrikbände; auf sein Erstlingswerk „A Mystery of the Underground“ möchte ich heute etwas näher eingehen, das er 1897 in dem Wochenmagazin „To-Day“ in Serienform veröffentlichte. Dunkerley/Oxenham lebte von 1852 bis 1941; sein Name findet sich seltsamerweise in keiner der umfangreichen Krimi-Enzyklopädien, die ich in meinem Besitz habe, dabei hatte sein Kurzkrimi Ende des 19. Jahrhunderts, wenn auch nur für einige Wochen, Auswirkungen auf das Londoner Leben.

„A Mystery of the Underground“ spielt wie der Titel schon vermuten lässt, in der Londoner U-Bahn, genauer gesagt auf der Linie District Line. Die Geschichte beginnt an einem Dienstagabend im Bahnhof Charing Cross, als dort in einem der Waggons ein Toter gefunden wird, der offensichtlich erschossen wurde. Man bringt ihn per U-Bahn nach Westminster, wo Scotland Yard übernimmt. Detective-Sergeant Doane und der Reporter Charles Lester machen sich an die Aufklärung des Falles, der weitere nach sich zieht. Immer Dienstagabends wird auf der U-Bahnlinie ein unschuldiger Pendler ermordet. In den Krimi eingebunden sind Zeitungsartikel, die so authentisch wirken, dass tatsächlich die District Line an Dienstagabenden deutlich leerer ist als sonst. Viele Londoner haben Angst, dass sie selbst Opfer des mysteriösen Serienkillers werden könnten. Die U-Bahnbetreiber wandten sich an der Herausgeber des „To-Day“-Magazins (der übrigens Jerome K. Jerome war, Autor des Buches „Three Men in a Boat“) und beschwerten sich, dass die Geschichte über den Serienkiller geschäftsschädigend wäre. Wie die Geschichte letztendlich ausgeht, werde ich an dieser Stelle natürlich nicht verraten.

Am 26.11.1997 sendete die BBC das Hörspiel „Death on the District Line„, das auf Oxenhams Krimi basierte, als dritter Teil der Miniserie „Mysteries of the London Underground“ (die beiden anderen Hörspiele beruhten auf Romanen von Baroness Orczy und Michael Gilbert).

Soweit ich ermitteln konnte, ist das Buch nie ins Deutsche übersetzt worden. Der Katalog der Deutschen Nationalbibliothek weist lediglich eine Übersetzung der Werke John Oxenhams nach und das ist „Der endlose Weg“ im Jahr 1917 (wahrscheinlich „The Long Road“ im Original).

Im Alter von siebzig Jahren verließ William Arthur Dunkerley London und zog an die Südküste nach Worthing in West Sussex, wo er den Posten des Bürgermeisters übernahm und wo er auch 1941 starb.

 

 

Published in: on 24. November 2020 at 02:00  Comments (2)  
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Simon Marsden (1948-2012) – Der Fotograf des Unheimlichen

Simon Marsden (links).
Author: Sgerbic
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Der 1948 in Lincoln geborene Simon Marsden, 4th Baronet of Grimsby (1948-2012), ist durch seine unheimlichen Schwarz-Weiß-Fotografien in aller Welt berühmt geworden. Er erzielte diese unheimlichen Effekte mit Hilfe der Infrarottechnik. Als Motiv suchte sich Simon Marsden in England und in anderen europäischen Ländern Spukhäuser, verfallene Ruinen und Friedhöfe, die er dann in seiner unnachahmlichen Weise porträtierte. Leider ist er schon sehr früh 2012 in Lincolnshire gestorben
Einige seiner Bücher sind auch ins Deutsche übersetzt worden wie beispielsweise:
The Haunted Realm –> „Spuk und Gespenster“
Phantoms of the Isles –> „Im Reich der Geister“
Beyond the Wall –> „Zeugen in Stein“

Besonders fasziniert hat mich immer sein Foto von Allerton Castle (in dem kleinen Film am Ende des Beitrages auch zu sehen) in Yorkshire zwischen Wetherby und Boroughbridge, ein Haus an dem ich früher häufig vorbeifuhr und das mir schon am Tage sehr unheimlich vorkam. Das Foto ist in Marsdens „Phantoms of the Isles“ zu finden, in dem auch das grandiose Toddington Manor in Gloucestershire abgebildet ist. Ich stand einmal vor den Toren dieses Hauses, das seit 2005 dem englischen Künstler Damien Hirst gehört.

Marsdens Fotografien werden heute in berühmten Museen ausgestellt, so zum Beispiel im Londoner Victoria & Albert Museum, im John Paul Getty Museum in Los Angeles, und auch die Pariser Bibliothèque Nationale besitzt einige seiner Werke.

Hier ist ein Film über Simon Marsden.

Foto meines Exemplares.

Published in: on 25. August 2020 at 02:00  Kommentar verfassen  
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Jonathan Swifts Roman „Gulliver’s Travels“ und wie der Autor auf die Idee mit den Liliputanern kam

Blick auf die Mole des Hafens von Whitehaven, so wie ihn wahrscheinlich der kleine Jonathan gehabt hatte.
Photo © N Chadwick (cc-by-sa/2.0)

Als Kind besaß ich ein Exemplar des Buches „Gullivers Reisen„, das 1726 von Jonathan Swift veröffentlicht worden war. Das Buch war recht dünn und beinhaltete lediglich die Geschichte von Gulliver und den Liliputanern; dass es noch drei weitere Teile gab, wusste ich damals nicht. „Travels into Several Remote Nations of the World in Four Parts By Lemuel Gulliver, first a Surgeon, and then a Captain of Several Ships“, so der sperrige Name des ganzen Buches, war eine Gesellschaftssatire und nicht als Kinderbuch konzipiert. Bis heute ist aber der erste Teil, der mit den Liliputaner, der bekannteste geblieben; Gullivers Reisen nach Brobdingnag, Laputa, Glubbdubdrip und wie die anderen Fantasiereiche heißen, sind dagegen den meisten nicht so geläufig.

Wie kam nun Jonathan Swift, der von 1667 bis 1745 lebte, auf die Idee mit den kleinen Menschen im Reich Liliput, die den großen Gulliver mit Schnüren an den Boden gefesselt haben? Es soll sich folgendermaßen zugetragen haben: Als der kleine Jonathan gerade einmal ein Jahr alt war, wurde er von seinem Kindermädchen, ohne dass die Mutter es wusste, von Dublin nach Whitehaven (Cumbria) mitgenommen, um dort Erbschaftsangelegenheiten zu regeln. Die Nanny liebte den kleinen Jungen sehr und mochte sich nicht von ihm trennen, heute würde es heißen, sie hätte Klein-Jonathan entführt. Nachdem die beiden in Whitehaven angekommen waren, schrieb das Kindermädchen gleich einen Brief an die Mutter, entschuldigte sich und bat um Verständnis. Mrs Swift wollte nicht, dass sich ihr kleiner Sohn gleich noch einmal auf die gefährliche Überfahrt zurück nach Dublin machen sollte, und gestattete dem Kindermädchen es so lange zu behalten, bis er größer war.

Jonathan wohnte mit seiner „neuen Mutter“ oberhalb des Hafens von Whitehaven in einem Haus namens Bowling Green House, aus dem später der Red Flag Inn wurde. Jonathans Abwesenheit von seiner richtigen Mutter schien dem Kind nicht geschadet zu haben, denn es begann dort oben über dem Hafen schon früh lesen zu lernen, und es konnte bereits mit vier Jahren die Bibel lesen. Wenn Jonathan von seinem Haus aus auf den Hafen und die Stadt hinunterschaute, sah er aus der Entfernung all die kleinen Menschen ihren Verrichtungen nachgehen, und diese Bilder sollten sich derart in ihm einprägen, dass daraus über fünfzig Jahre später sein Roman, in dem kleinwüchsige Menschen eine Rolle spielten, entstand und der in die Weltliteratur Einzug hielt.

Das Haus oberhalb des Hafens steht noch heute und wird Jonathan Swift House genannt.

Über die Küstenstadt Whitehaven habe ich in meinem Blog schon zweimal geschrieben, einmal in Zusammenhang mit dem amerikanischen Unabhängigkeitskrieg und einmal über die Rum Story.

Luftbildaufnahme von Whitehaven.
Photo © M J Richardson (cc-by-sa/2.0)

Published in: on 14. August 2020 at 02:00  Kommentar verfassen  
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St Margaret’s Bay und The Duck Inn in Pett Bottom (Kent), James Bond und Ian Fleming

Ian Flemings Haus in St Margaret’s Bay „Summer’s Lease“.
Photo © Marathon (cc-by-sa/2.0)

Ian Fleming (1908-1964) hatte Zeit seines Lebens eine besondere Schwäche für die Grafschaft Kent. 1952 kaufte er sich dort sogar ein Haus, in St Margaret’s Bay bei Dover, das er Summer’s Lease nannte und in dem vorher ein anderer Thrillerautor wohnte, nämlich Eric Ambler. In seinem Roman „Moonraker“ (dt. „Mondblitz“, später auch „Moonraker“), in dem viele Passagen in dem nördlich gelegenen Deal spielen, erwähnt Fleming mehrere Male St Margaret’s Bay.

Damals gab es eine Buslinie in Kent, die Canterbury mit den Küstenorten verband und die Bezeichnung 007 hatte. Diese Zahlenkombination soll sich so in Flemings Hirn eingebrannt haben, dass er seinem späteren Serienheld James Bond diese Agentennummer verpasste. Heute bedient die Linie 007 der Firma National Express die Linie Dover – London Victoria, über Folkestone und Canterbury, und benötigt dafür drei Stunden und zwanzig Minuten.

Wie in einem fiktiven Nachruf auf James Bond in der Times zu lesen war, lebte James Bond, nachdem seine Eltern in den französischen Alpen beim Bergsteigen ums Leben gekommen waren, als Zwölfjähriger eine Zeit lang bei seiner Tante Charmian Bond in einem Cottage in dem winzigen Dorf Pett Bottom. Auch James Bonds Schöpfer Ian Fleming hatte eine Beziehung zu dem kleinen Dorf, denn er wohnte einmal im Gasthof The Duck Inn und schrieb dort große Teile seines 007-Romans „You only live twice„, der 1964 erschien (und zwei Jahre später unter dem Titel „James Bond reitet den Tiger“ in deutscher Übersetzung veröffentlicht wurde). An dem Pub ist eine blaue Plakette angebracht, die darauf hinweist.
Wer hätte das gedacht, dass man in diesem entlegenen Teil von Kent auf den weltberühmten Agenten und seinen geistigen Vater trifft?

The Duck Inn in Pett Bottom (Kent).
Photo © Chris Morgan (cc-by-sa/2.0)

 

William Davenant (1606-1668) – War er William Shakespeares unehelicher Sohn?

Sir William Davenant.
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William Shakespeare pendelte in der Blütezeit seines Schaffens zwischen seinem Heimatort Stratford-upon-Avon und London, eine Strecke, die man mit dem Auto heute über die M40 locker in zwei Stunden zurücklegt. Damals benötigte man dafür deutlich mehr Zeit, und so übernachtete der Schriftsteller gern in Oxford, etwa auf der Hälfte der Strecke und da besonders gern in der Crown Tavern, heute die Nummer 3 der Straße Cornmarket. Ob es Shakespeare besonders wegen des Ambiente des Gasthofs dort hinzog oder wegen der hübschen Jane Shepherd Davenant, deren Ehemann der Besitzer der Crown Tavern war? John Davenant fungierte auch noch als Weinhändler und Bürgermeister von Oxford, ein viel beschäftigter Mann, der möglicherweise seine Ehefrau etwas vernachlässigte. Außerdem sagte man ihm nach, dass er zur Melancholie neigte und nur schwer zum Lächeln zu bewegen war. Da würde es nicht wundern, wenn das Verhalten ihres Mannes die liebe Jane in die Arme des Barden aus Stratford getrieben hätte, für die eine oder andere Nacht.

Als sie 1606 einen Sohn gebar, dessen Pate William Shakespeare wurde, kamen schnell Gerüchte in Oxford in Umlauf, dass Shakespeare da seine Hände (pardon, ich hätte es auch deutlicher ausdrücken können) im Spiel gehabt haben könnte. William Davenant, so hieß der Kleine, sollte später ebenfalls zu einem Schriftsteller und Theaterstückeschreiber werden (waren daran die Gene Schuld?), dessen Texte Ähnlichkeiten mit denen Shakespeares haben sollen wie einige weise Leute meinen. William Davenant wurde 62 Jahre alt und starb 1668 in London.

In der Hausnummer 3 am Cornmarket in Oxford ist heute ein Telefonladen der Firma Vodafone untergebracht. Dahinter gibt es etwas Besonderes zu sehen, was viele Oxfordbesucher nicht wissen, da verbirgt sich der sogenannte Painted Room des Oxford Preservation Trusts, in dem elisabethanische Wandmalereien zu sehen sind, die vom Ende des 16. Jahrhunderts stammen. Etwa zu der Zeit als Shakespeare hier zu Gast war, vertäfelte man die Wände und deckte die Malereien zu, die erst bei Renovierungsarbeiten im Jahr 1927 wieder ans Tageslicht kamen und restauriert wurden. Ob Shakespeare diese Malereien damals noch gesehen hat, wird man wohl nie herausfinden.

Zu besichtigen ist der Painted Room, der hier im Film vorgestellt wird, immer im September bei den Heritage Open Days oder nach Absprache mit dem Oxford Preservation Trust.

Oxfords Cornmarket Street.
Photo © Alan Hughes (cc-by-sa/2.0)

Der Painted Room.
Copyright: Howard Stanbury.
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Published in: on 28. Juni 2020 at 08:00  Kommentar verfassen  
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Sir Simon David Jenkins und seine Bücher

Sir Simon David Jenkins, 1943 in Birmingham geboren, ist ein Schriftsteller und Journalist, der für den Evening Standard, die Times und den Guardian gearbeitet hat. Von 2008 bis 2014 war er der Chef des National Trusts; er kennt sich dadurch natürlich in der Welt der historischen Gebäude Englands hervorragend aus.

Aus dieser Kenntnis entstand 2003 das Buch „England’s Thousand Best Houses„, das immer wieder neu aufgelegt worden ist. Mein Exemplar stammt aus dem Jahr 2009 und umfasst stolze 1046 Seiten. Ich würde es als das Standardwerk über historische Häuser Englands bezeichnen. Wie ein Restaurant-Tester vergibt Simon Jenkins Sterne, wobei fünf Sterne die oberste Kategorie ist. Zwanzig herrschaftliche Häuser haben die volle Sternenzahl erhalten, darunter (wie nicht anders zu erwarten) Windsor Castle, Hampton Court, Blenheim Palace, Castle Howard und Chatsworth House. Ein unentbehrlicher Führer für Englandreisende!

In gleicher Aufmachung erschien vier Jahre früher, 1999, der Parallelband „England’s Thousand Best Churches„, zuletzt 2012 neu aufgelegt. Dieser Band beinhaltet 880 Seiten und auch hier werden Sterne vergeben. Zu den Fünf-Sterne-Kirchen zählt Jenkins unter anderen die Tewkesbury Abbey, das Beverly Minster, St Mary Redcliffe in Bristol und die St Peter’s Church in Walpole St Peter (Norfolk).

Sein Wissen über englische Kirchen hat Jenkins noch einmal in dem Buch „England’s Cathedrals“ manifestiert, das 2016 erschien.

Seine „Best of“-Reihe setzte der Autor 2017 fort mit dem Buch „Britain’s Best Railway Stations„, wieder mit der bereits bekannten Sternenvergabe. Als die sehenswertesten Bahnhöfe der Insel empfiehlt Jenkins zum Beispiel King’s Cross, Liverpool Street, Paddington und St Pancras in London, sowie außerhalb der Haupstadt, Newcastle Central und den Bahnhof von York und Liverpools Hauptbahnhof Lime Street.

Simon Jenkins‘ aktuelles Buch ist das im Oktober 2019 erschienene „A Short History of London„, das er in diesem Film vorstellt.

Foto meines Exemplares.

Published in: on 17. Juni 2020 at 02:00  Kommentar verfassen  
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The Lakeland Book of the Year Awards

Der Lake District, hier der See Derwent Water.
Photo © David Dixon (cc-by-sa/2.0)

Die Grafschaft Cumbria zeichnet sich durch eine sehr abwechslungsreiche Landschaft aus: Berge und Seen ziehen im Sommer ganze Heerscharen von Besuchern hierher. In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts war der Lake District die Heimat vieler Dichter wie William Wordsworth, Samuel Taylor Coleridge, Robert Southey und viele andere. Es gibt also genug Stoff, um über diese Region im Nordwesten Englands zu schreiben.

Die Lakeland Book of the Year Awards tragen dem Rechnung und so werden jedes Jahr Bücher ausgezeichnet, die sich mit irgendeiner Thematik der Lakelands befassen, in diesem Jahr zum sechsunddreißigsten Mal. Am 30. Juni werden die diesjährigen Preise im Roundthorn Country House Hotel in Penrith vergeben. Eine dreiköpfige Jury unter der Leitung von Hunter Davies OBE, der die Book Awards auch gründete, wird dann aus der Fülle der Neuerscheinungen die bestern heraussuchen und prämieren. Es werden insgesamt sechs Preise in unterschiedlichen Kategorien vergeben, der Hauptpreis ist aber der Hunter Davies Lakeland Book of the Year Award.

Werfen wir einen Blick zurück, um zu sehen, womit sich die bisherigen Buchpreisträger beschäftigten.
Der Sieger des vorigen Jahres war das Buch „The Corpse Roads of Cumbria: Featuring Walks Along the County’s Ancient Paths„, geschrieben von Alan Cleaver und Lesley Park. Darin geht es um die sogenannten „corpse roads“, das sind Wege, die dazu benutzt wurden, um Verstorbene aus abgelegenen Gegenden zur nächstgelegenen Kirche zu bringen. Meist waren das nur ausgetretene Pfade, und vor allem im Winter war es nicht ganz leicht, diese mit der schweren Last zu begehen. Das Buch erschien im Verlag Chitty Mouse Press in Whitehaven in Cumbria.

In der Unterkategorie The Gilpin Hotel and Lake House Prize for Fiction war die letztjährige Preisträgerin Jill Clough mit ihrem Debutroman „Morph„, einer Coming-of-Age Geschichte um ein junges Mädchen im Lake District.

Den The Striding Edge Prize for Guides and Places erhielt im Jahr 2019 David Ramshaw für sein Buch „The Little Book of Cumbria“ (das ich mir gerade zugelegt habe und in meinem Blog später vorstellen werde).

Der Hauptpreisträger des Jahres 2017 war der Fotograf Phil Rigby, der für sein Buch „Portrait of Cumbria„, einem Bildband, ausgezeichnet wurde.

Eine „corpse road“ im Wasdale.
Photo © N Chadwick (cc-by-sa/2.0)

Published in: on 15. April 2020 at 02:00  Comments (1)  
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William Hope Hodgson vs. Harry Houdini – Eine Wette im Palace Theatre in Blackburn im Jahr 1902

Das erste Mal stieß ich auf den englischen Schriftsteller William Hope Hodgson (1877-1918) als ich mich für meine Examensarbeit intensiv mit dem Thema Weird Fiction beschäftigte, und ich die beiden Bücher „Das Haus an der Grenze“ und „Stimme in der Nacht“ las, die in der Bibliothek des Hauses Usher des Insel-Verlages erschienen waren, auf grünem Papier gedruckt.

Bevor William Hope Hodgson seine Schriftstellerlaufbahn einschlug, hatte er 1899 in Blackburn in Lancashire ein Fitness-Studio eröffnet, das damals etwas hochtrabend School of Physical Culture hieß. Im Oktober 1902 hatte sich der weltberühmte Entfessellungskünstler Harry Houdini (1874-1926) im Palace Theatre in Blackburn angesagt. Houdini (hier sind einige historische Aufnahmen) rühmte sich, sich aus jeder Fessel, die man ihm anlegte, befreien zu können, und das wollte man in Blackburn unbedingt erleben. Im Vorfeld hatte er eine Wette angeboten, dass jeder, der wollte, ihn fesseln konnte. Schaffte er es nicht, sich daraus zu befreien, würde er £25 zahlen, was damals sehr viel Geld war.

William Hope Hodgson nahm die Wette an, unter der Bedingung, dass er seine eigenen Fesseln mitbringen konnte, was Houdini erlaubte. Auf der Bühne des Palace Theatre erschien der Fitness-Studiobesitzer mit einem furchterregendem Equipment, das aus Handschellen, Ketten und Schlössern bestand. Misstrauisch betrachtete Houdini das Ganze und beschwerte sich, dass es sich nicht um Standard-Schlösser handelte und dass diese manipuliert seien. Hodgson blieb aber hart und bestand auf den ausgehandelten Bedingungen. Widerwillig stimmte der Meister dann doch zu und musste zusehen wie sein Herausforderer ihn derart mit den Ketten samt Schlössern umschnürte, dass er sich kaum noch bewegen konnte. Als Hodgson fertig war, wurde wie üblich eine Trennwand zwischen Publikum und Houdini hochgezogen. Nach zwanzig Minuten wurde die Trennwand entfernt und man sah, dass Houdini noch weit davon entfernt war, sich zu befreien, und er protestierte lauthals über die brutale Art und Weise wie ihm die Fesseln angelegt worden waren. Hodgson kannte kein Erbarmen, und so versuchte es Houdini weiter. Nach über einer Stunde hatte er es tatsächlich geschafft. Mit blutenden Armen und zerrissener Kleidung tauchte er hinter der Trennwand auf, alle Fesseln hatte er entfernen können. So eine brutale Behandlung hätte er noch nie erlebt, schimpfte Houdini, dem ein „entfesseltes“ Publikum zujubelte. William Hope Hodgson hatte die Wette verloren und zog sich in seine School of Physical Culture in der Ainsworth Street zurück. Zwei Jahre später erschien seine erste Kurzgeschichte mit dem Titel „“The Goddess of Death“.

Das Palace Theatre wurde im Dezember 1989 abgerissen, um einen Parkplatz anzulegen.

Bignell Wood bei Wittensford in Hampshire – Das ehemalige Haus von Sir Arthur Conan Doyle

Der geistige Vater des Sherlock Holmes, Sir Arthur Conan Doyle, ist in dem winzigen Dorf Minstead auf der Kirchhof der All Saints‘ Church begraben. Er wohnte teils im Windlesham Manor bei Crowborough in East Sussex, wo er anfangs seine letzte Ruhestätte fand, wurde aber später nach Minstead gebracht, wo er ganz in der Nähe ebenfalls ein Haus besaß, Bignell Wood genannt.

Bignell Wood liegt westlich des Dorfes Wittensford, nahe der B3079, am Rand des New Forests. Sir Arthur kaufte das große Haus mit sieben Schlafzimmern 1925 als Geburtstagsgeschenk für seine zweite Frau Jean, und schnell sprach sich in der Nachbarschaft herum, dass es dort spukt, Postboten sollen sich geweigert haben, die Post dort hinzubringen. Der Schriftsteller hatte einen ausgeprägten Hang zum Spiritismus (obwohl er den logisch und rational denkenden Detektiv Sherlock Holmes schuf), dem er auch in Bignell Wood nachging. Séancen wurden in dem Haus abgehalten (was Doyles Tochter später in Abrede stellte), und als Bignell Wood 1929 in Flammen aufging, schrieb Doyle das übernatürlichen Kräften zu.  Die tatsächliche Brandursache soll aber Funkenflug aus der Küche gewesen sein, wodurch das Reetdach Feuer fing. Sir Arthur beauftragte eine Baufirma, sein Haus wieder bewohnbar zu machen, erlebte das aber nicht mehr, da er am 7. Juli 1930 in Crowborough starb. Siehe hierzu auch meinen Blogeintrag über Doyles bemerkenswerten Memorial Service in der Londoner Royal Albert Hall.

Das Haus im New Forest wurde 1961 von einem schottischen Ärztepaar übernommen, das Bignell Wood erst einmal exorzieren ließ, denn irgendetwas Unheimliches schien dort zu existieren. Danach kehrte Ruhe in das einsam gelegene Haus ein.

Byron’s Pool bei Grantchester in Cambridgeshire – Ein beliebter Nacktbadeteich für prominente Schriftsteller

Eigenes Foto.

In meinem Blogeintrag im letzten Jahr über meinen Besuch in Grantchester bei Cambridge erwähnte ich kurz meinen Abstecher zum Byron’s Pool, einem kleinen Teich etwas außerhalb des Ortes. Heute möchte ich auf dieses Gewässer etwas näher eingehen, denn hier tummelten sich früher einmal bekannte Schriftsteller, die eine Vorliebe für „skinny-dipping“, also Nacktbaden, hatten.
Da ist einmal der Namensgeber des Teiches, Lord Byron (1788-1824) selbst, der gern einmal hüllenlos in die „Fluten“ des Pools eingetaucht sein soll, was heute untersagt ist, das Schwimmen im allgemeinen. Aber so ein richtiger Fan des Dichters lässt sich von Verbotsschildern nicht abhalten und so soll es noch immer einige Menschen geben, die bei Mondschein nackt im Wasser des Teiches ihrem Idol huldigen.

Ein anderer Dichter, Rupert Brooke (1887-1915), der eng mit Grantchester verbunden ist und der sehr jung während des  Ersten Weltkriegs gestorben ist, liebte den Byron’s Pool ebenfalls sehr (hier ist ein weiterer Blogeintrag über den Dichter). Gern zeigte der junge Dichter hier ein kleines Kunststück, das sicher nicht jeder Mann beherrscht. Er sprang in den Teich und tauchte kurz danach mit einer Erektion wieder auf. Kaltes Wasser hat ja eher den gegenteiligen Effekt, aber nicht bei Rupert Brooke. Allein Nacktbaden macht nicht so viel Spaß wie in (weiblicher) Gesellschaft, und so lud der Dichter die Schriftstellerin Virginia Woolf dazu ein, ihm hüllenlos ins Wasser zu folgen. Sie war eine gute Schwimmerin und wählte traurigerweise am 28. März 1941 den Freitod in den Wassern des River Ouse, der in der Nähe ihres Hauses in Rodmell (East Sussex) verläuft.

Der Byron’s Pool wurde im Laufe der Jahre ziemlich verunstaltet. Betonmauern säumen einen Teil des Ufers und das Wasser, das sich über ein Wehr in den Teich ergießt, sieht auch nicht gerade einladend aus. Aber die Lage des als Naturschutzgebiet eingestuften Pools inmitten eines Wäldchens ist sehr schön.

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Eigenes Foto.

Terry Pratchett und sein Geburtsort Forty Green in Buckinghamshire

Haus an der Forty Green Road und dem Holtspur Lane.
Photo © Andrew Smith (cc-by-sa/2.0)

Über das winzige Dorf Forty Green in der Grafschaft Buckinghamshire schrieb ich in meinem Blog schon einmal in Zusammenhang mit dem Pub The Royal Standard of England, einem richtig schönen Country Pub, den ich sehr empfehlen kann! Forty Green liegt im Dunstkreis des Städtchens Beaconsfield; wir befinden uns hier in einer Region, in der sehr viele Episoden der TV-Krimiserie „Inspector Barnaby“ gedreht wurden.

Ende der 1940er Jahre arbeitete eine Eileen Pratchett im Postamt von Forty Green, das es natürlich schon lange nicht mehr gibt. Sie war verheiratet mit dem Kraftfahrzeugmechaniker David Pratchett und am 28. April 1948 wurde ihnen ein Sohn geboren, den sie Terence David John nannten und der später als Terry Pratchett (1948-2015) durch seine Fantasy-Romane Weltruhm erlangen sollte. Er blieb das einzige Kind von Eileen und David.

Terry besuchte die Holtspur Primary School, wo es nicht so richtig lief, und er Probleme hatte, mit den anderen Schülern mitzukommen. Der Durchbruch kam, als Terry das Buch „The Wind in the Willows“ (dt. „Der Wind in den Weiden“) von Kenneth Grahame geschenkt bekam, das ihn dermaßen faszinierte, dass seine Schulleistungen deutlich besser wurden und er Stammkunde in der Beaconsfield Public Library wurde, in die er im Juli 2013 auf seinen Wunsch hin noch einmal zurückkehrte und dort vor begeisterten Fans sprach.

Die Holtspur Primary School in der Cherry Tree Road liegt in Holtspur, einem weiteren Vorort von Beaconsfield. Als die 1951 gegründete Schule ihr 60-jähriges Bestehen feierte, gratulierte auch Terry Pratchett und erinnerte sich in einem Schreiben an seine Schulzeit damals, die er als nicht besonders angenehm empfand, was aber nicht an der Schule, sondern mehr an ihm selbst lag, denn er war als Kind ein ausgemachter Tagträumer. Terry Lieblingsspielplatz war das Wäldchen Roundhead Wood am Rand von Forty Green, zwischen der Forty Green Road und dem Holtspur Lane, wo er viele Stunden mit seinen Freunden verbrachte. Hier wurden schon die ersten Bausteine für seine späteren Scheibenwelt-Romane gelegt.

Hier ist eine Dokumentation über Terry Pratchetts Leben. Siehe auch meinen Blogeintrag über meine „Begegnung“ mit Terry Pratchett in Wincanton (Somerset).

Holtspur in Buckinghamshire.
Photo © Des Blenkinsopp (cc-by-sa/2.0)

Hesba Stretton (1832-1911) – Eine Kinderbuchautorin der viktorianischen Zeit

Foto meines Exemplares.

Wie das Buch „Alone in London“ in meine Familie gekommen ist, weiß ich nicht mehr. Sowohl mein Vater als auch ich, während meiner Zeit im Gymnasium, versuchten sich an einer Übersetzung; ich schaffte es bis zum 7. Kapitel. Das Besondere an dem Buch war, dass auf der Titelseite kein Verfasser angegeben war und auch das Erscheinungsdatum war nirgendwo zu finden. Es stand lediglich „By the Author of „Jessica’s First Prayer“, „Little Meg’s Children“ etc. auf dem Titelblatt. Erschienen war „Alone in London“ bei der Religious Tract Society in London. Im Zeitalter des Internets ist es natürlich leicht, das Rätsel um Autor und Erscheinungsjahr aufzulösen: Hesba Stretton heißt die Verfasserin und erschienen ist es um 1906 herum.
Wie der Verlagsname schon vermuten lässt, handelt es sich hierbei um eine rührselige Geschichte, in der der Zeitungshändler James Oliver und die beiden Straßenkinder Dolly und Tony im Mittelpunkt stehen, die eine kleine Familie bilden. Ich muss zugeben, dass ich als Jugendlicher bei der Lektüre die eine oder andere Träne verdrückt habe, so nahe ging mir das Schicksal der drei Protagonisten.

Hesba Stretton ist das Pseudonym von Sarah Smith, die 1832 in der New Street in Wellington in der Grafschaft Shropshire geboren wurde. Der Vorname besteht aus den Initialen ihrer Geschwister: H wie Hannah oder möglicherweise auch Harriett, E wie Elizabeth, S wie Sarah, B wie Benjamin und A wie Annie. Der Nachname bezieht sich auf das Dorf All Stretton, wo ihre Schwester Ann in einem Haus namens Caradoc Lodge wohnte. Mrs Smith schrieb Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts einige Kinderbücher, die sich großer Beliebtheit erfreuten und in denen ihre Religiösität zum Ausdruck kam. Ihre Bücher wie „Jessica’s First Prayer„, „Jessica’s Mother“ oder „The Christmas Child“ wurden in hohen Stückzahlen gedruckt und gern an Kinder verschenkt. Einige von ihnen erschienen in deutscher Übersetzung und trugen Titel wie „Heim, süß Heim„, „In des Herrn Hand“ und „Allein in London“ (da hatte es doch jemand geschafft, im Gegensatz zu mir, das komplette Buch zu übersetzen). Hesba Strettons Bücher entsprechen nicht mehr dem heutigen Zeitgeist, die meisten von ihnen sind aber noch problemlos antiquarisch oder als Nachdruck zu bekommen.

Sarah Smith starb am 8. Oktober 1911 in Richmond (Surrey). Ihr Grab findet man auf dem Kirchhof von St Laurence in Church Stretton in Shropshire.

Hier in der New Street in Wellington (Shropshire) wurde die Autorin geboren.
Photo © Gordon Cragg (cc-by-sa/2.0)

St Laurence’s Church in Church Stretton (Shropshire) Hier ruht Hesba Stretton.
Photo © Dr Neil Clifton (cc-by-sa/2.0)

Published in: on 9. September 2019 at 02:00  Comments (1)  
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Mein Buchtipp – Neil Clark: Stranger Than Fiction – The Life of Edgar Wallace

Foto meines Exemplares.

Edgar Wallace (1875-1932) war ein bemerkenswerter Mann. Im Laufe seines nicht allzu langen Lebens schrieb er hunderte von Büchern, Theaterstücken, Zeitungsartikel, Kolumnen und Drehbücher. Er war in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts einer der meist gelesenen Schriftsteller der Welt. Allein in Deutschland wurden im Zeitraum von 1926 bis 1982 43 Millionen seiner Bücher verkauft. Mehr als 200 Filme wurden auf Grundlage seiner Bücher gedreht. Kurz bevor Edgar Wallace in seinem gemieteten Haus in Beverly Hills starb (716 North Maple Drive) entwickelte er noch die Idee für den Film „King Kong„, der 1933 in die Kinos kam. Hier ist die berühmte Schlussszene zu sehen.

Neil Clark zeichnet das Leben des 1875 in einfachen Verhältnissen geborenen Schriftstellers in seinem 2014 erschienenen Buch „Stranger Than Fiction – The Life of Edgar Wallace The Man Who Created King Kong“ nach. Aus Südafrika berichtete Wallace um die Jahrhundertwende für südafrikanische und britische Zeitungen vom Burenkrieg, arbeitete erfolgreich in der Londoner Fleet Street, schrieb seine ersten Kriminalromane, war ein leidenschaftlicher Besucher von Pferderennen (wobei er hohe Summen verlor) und entdeckte seine Liebe für das Theater (nicht alle seiner Stücke waren erfolgreich, einige fielen beim Publikum und bei den Kritikern durch).

Edgar Wallace war ein Mann, der in seinem späteren Leben sehr viel Geld verdiente, es aber auch mit vollen Händen wieder ausgab. Er war außerordentlich großzügig, nicht nur seinen Freunden gegenüber, und war sehr beliebt. Es gab wohl nur wenige Schriftsteller, die so viel wie er gearbeitet haben. Tag und Nacht diktierte er seine Romane, schrieb gleichzeitig für mehrere Zeitschriften Kolumnen und Artikel. Dabei trank er Unmengen an Tee und rauchte unzählige Zigaretten, fast immer mit einer besonders langen Zigarettenspitze, die zu seinem Markenzeichen wurde, ebenso wie der Spruch „Es ist unmöglich, von Edgar Wallace nicht gefesselt zu sein„.

An der Ecke Ludgate Circus/Fleet Street in London, wo der elfjährige Edgar 1886 Zeitungen verkaufte, befindet sich eine Plakette, die an ihn erinnert.

Edgar Wallace lebte viele Jahre in seinem Haus Chalklands in Bourne End (Buckinghamshire). Ich berichtete darüber in meinem Blog. Sein Grab befindet sich in unmittelbarer Nähe auf dem Friedhof von Fern Lane bei Little Marlow.

Das Buch ist fesselnd geschrieben und macht Lust darauf, wieder einmal den „Frosch mit der Maske“ oder den „Hexer“ in die Hand zu nehmen.
Neil Clark ist Journalist und schreibt für viele britische überregionale Zeitungen. Er war zeitweise Vorsitzender der 1969 von Penelope Wallace gegründeten Edgar Wallace Society.

Neil Clark: Stranger Than Fiction – The Life of Edgar Wallace The Man Who Created King Kong. The History Press 2014. 255 Seiten. ISBN 978-0-7524-9882-9.

 

Edgar Wallace.
Attribution: Bundesarchiv, Bild 102-13109.
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Plakette am Ludgate Circus/Fleet Street in London.
Attribution: Photograph by Mike Peel.
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Das Grab von Edgar Wallace auf dem Friedhof am Fern Lane in der Nähe von Little Marlow (Buckinghamshire).
Eigenes Foto.

Published in: on 29. August 2019 at 02:00  Kommentar verfassen  
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Erotica der viktorianischen Zeit Teil 2 – Walter: My Secret Life

Wer war „Walter„? Diese Frage stellt man sich bis heute. Wer war der Verfasser des mehrere tausend Seiten umfassenden Werkes „My Secret Life„, das 1888 in einer Mini-Auflage von 25 Exemplaren erschien und noch heute lieferbar ist. Dieser ominöse Walter berichtet darin von seinen sexuellen Erfahrungen und Erlebnissen im viktorianischen London, aber er beschränkte sich nicht nur auf die britische Hauptstadt, auch in anderen Ländern war er sexuell sehr aktiv. So an die 1200 Frauen soll er im Laufe seines Lebens „besessen“ haben und Walter nahm, was ihm über den Weg lief, wobei er nicht knauserig war, denn er bezahlte die Damen nicht schlecht für ihre Dienste. Viele von ihnen waren Prostituierte, aber auch Dienstmädchen und Hausangestellte zählten zu Walters Eroberungen.

Für die viktorianische Zeit waren Enthüllungen dieser Art phänomenal. Wohl selten hat jemand in einem Buch die Dinge so genau beim Namen genannt und so detailliert beschrieben. Wer sich selbst einmal ein Bild von dem Inhalt machen möchte, kann dies hier tun.

„My Secret Life“ wurde auch ins Deutsche übersetzt und erschien zuletzt im Jahr 2011 unter dem Titel „Mein geheimes Leben: Ein erotisches Tagebuch aus dem Viktorianischen England“ in drei Bänden mit über 3000 Seiten im Verlag Haffmanns & Tolkemitt. Da mussten sich gleich mehrere Übersetzer ans Werk machen, um diese Mammutaufgabe zu meistern.

Als möglicher Verfasser des Buches wurde immer wieder Henry Spencer Ashbee genannt, den ich gestern in meinem Blog vorstellte. Doch die Experten sind sich da nicht sicher und haben auch andere Namen wie William Simpson Potter ins Spiel gebracht, der als Autor des ebenfalls anonym veröffentlichten Buches „The Romance of Lust“ gehandelt wird.

1967 erschien ein Buch, das sich intensiv mit Walter und seinem geheimen Tagebuch auseinandersetzt: „Walter: The English Casanova – A Presentation of His Unique Memoir „My Secret Life„“ von Phyllis and Eberhard Kronhausen (Polybooks).

„My Secret Life“ hat sogar eine eigene Webseite, auf der noch viel mehr zu sehen und zu hören ist (For Adults Only).

Published in: on 8. August 2019 at 02:00  Kommentar verfassen  

Erotica der viktorianischen Zeit Teil 1 – Henry Spencer Ashbee (1834-1900) und seine Sammlung erotisch/pornografischer Literatur

Henry Spencer Ashbee.
This work is in the public domain.

Ich kann mich noch an meine Studentenzeit in Hamburg erinnern, als ich einmal ein Buch in der Staats- und Universitätsbibliothek ausleihen wollte, das im Katalog mit dem Vermerk „Sekretiert“ versehen war. Auf meine Frage, was das denn bedeuten sollte, bekam ich die Antwort, dass man besagtes Buch erotischen Inhalts nur mit Erlaubnis einer befugten Person in der Bibliothek ausgehändigt bekommt. Also ging ich zu dieser Person, die mir dann gnädigerweise die Erlaubnis erteilte (ich glaube, es handelte sich um den Roman „Candy“ von Terry Southern).

Auch in der Bibliothek des British Museums gab es einmal eine Abteilung sekretierter, erotischer Literatur namens Private Case, die in der Mitte des 19. Jahrhunderts eingerichtet und wie Fort Knox bewacht worden war, damit kein Unbefugter sie zu sehen bekam. Rund 4000 Bände umfasste die Sammlung erotischer/pornografischer Literatur damals.

Ein großer Teil dieser Bücher stammt aus der Schenkung von Henry Spencer Ashbee (1834-1900), der in der viktorianischen Zeit ein fanatischer Sammler pornografischer Literatur war (er sammelte nebenbei auch noch Erstausgaben des „Don Quixote“ von Cervantes). Mr Ashbee reiste viel und von diesen Reisen brachte er immer wieder neue Bücher pornografischen Inhaltes mit, so dass er zu seiner Zeit schließlich weltweit die größte Bibliothek an Erotica besaß.

Damit er einen Überblick über seine vielen tausend Bücher behielt, machte er sich daran, sie alle zu katalogisieren und mit Anmerkungen zu versehen. Diese Bibliografie pornografischer Literatur umfasste mehrere Bände.

Als Henry Spencer Ashby im Jahr 1900 starb, hinterließ er seine Cervantes-Erstausgaben dem British Museum, allerdings mit der Auflage, dass die Bibliothek auch seine Erotica-Sammlung mit übernehmen müsse, was diese auch tat, aber in ihrer Private Case-Abteilung verschwinden ließ. 1973 ging diese spezielle Büchersammlung vom British Museum in den Besitz der British Library über. Heute gibt es keine Restriktionen mehr und die Bücher können im Lesesaal der Bibliothek genutzt werden.

In der Sammlung findet sich auch das Buch „Harris’s List of Covent-Garden Ladies“ über das ich in meinem Blog schon einmal geschrieben habe.

Über Henry Spencer Ashbee ist ein Buch geschrieben worden: „The Erotomaniac: The Secret Life of Henry Spencer Ashbee“ von Ian Gibson; erschienen 2002 im Verlag Faber&Faber. ISBN 978-0571209040.

Foto meines Exemplares.

 

 

Published in: on 7. August 2019 at 02:00  Kommentar verfassen  
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Meine Sir Pelham Grenville Wodehouse Trilogie – Teil 3: N.T.P. Murphy: The P.G. Wodehouse Miscellany

Foto meines Exemplares.

Über P.G. Wodehouse sind im Laufe der Jahre nach seinem Tod rund ein Dutzend Biografien geschrieben worden. In der „Miscellany“-Buchreihe des Verlages The History Press (es gibt auch Bände über Agatha Christie, Jane Austen, Carles Dickens usw.) beschäftigt sich der ehemalige Oxford Professor N.T.P. Murphy mit dem Humoristen und zeigt auf, dass viele seiner Romanfiguren nach Menschen gestaltet wurden, die Wodehouse persönlich kannte, und auch viele der Örtlichkeiten, wo die Romane spielen, basieren auf real existierenden „locations“. Blandings Castle ist offensichtlich eine Mixtur aus mehreren englischen Burgen wie zum Beispiel Sudeley Castle (Gloucestershire) und Corsham Court (Wiltshire). Der Name der Threepwoods in Wodehouses Romanen kommt von einem Haus in der Record Road in Emsworth (Hampshire), und der Ortsname Emsworth inspirierte ihn wiederum zur Namensgebung des schrulligen, schweineliebenden Lord Emsworth.

In „The P.G. Miscellany“ erfahren wir, dass am Geburtshaus des Autors in der Epsom Road Nummer 59 in Guildford (Surrey) eine Erinnerungsplakette angebracht ist; dort gibt es gleich um die Ecke herum eine kleine Straße namens Wodehouse Place. Im Londoner Stadtteil Mayfair, in der Dunraven Street Nummer 17, ein Haus, in dem Wodehouse eine Zeit lang wohnte, ist ebenfalls eine Plakette zu finden.

Der Autor des Buches, Norman Murphy, war Gründungsmitglied der Wodehouse Society und schrieb das Standardwerk „The Wodehouse Handbook„, das knapp 900 Seiten umfasst. Er starb am 18. Oktober 2016.

N.T.P. Murphy: The P.G. Wodehouse Miscellany. The History Press 2015. 191 Seiten. ISBN 978-0-7509-5964-3.

Das Sudeley Castle in Gloucestershire, Vorbild für Blandings Castle.
Eigenes Foto.

Corsham Court in Wiltshire…auch dieses Haus soll als Vorbild für Blandings Castle gedient haben.
Photo © Hugh McKechnie (cc-by-sa/2.0)

Threepwood in der Record Road in Emsworth (Hampshire).
Photo © Basher Eyre (cc-by-sa/2.0)

Wodehouses Geburtshaus in der Epsom Road in Guildford (Surrey).
Photo © Colin Smith (cc-by-sa/2.0)

In der Dunraven Street in Mayfair (London).
Author: Gareth E. Kegg.
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Published in: on 29. Juli 2019 at 02:00  Kommentar verfassen  
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Meine Sir Pelham Grenville Wodehouse Trilogie – Teil 2: Empress of Blandings, ein Pub in Hampshire

Eine der denkwürdigen Figuren aus den Romanwelten von P.G. Wodehouse ist Lord Emsworth, der auf seinem Landsitz Blandings Castle lebt und eigentlich nur ein Interesse hat, der Aufzucht von Schweinen und da wiederum steht im Mittelpunkt seine Prachtsau Empress of Blandings, die der verschrobene Lord über alles liebt. Immer wieder taucht die Kaiserin in den humoristischen Romanen des Autors auf, zuerst in „Summer Lightning“ (dt. „Sommerliches Schlossgewitter“) im Jahr 1927 und zuletzt 1977 in dem Romanfragment „Sunset at Blandings„, das nach dem Tod von Wodehouse erschienen ist.

Fährt man am Rand des New Forests auf der A31, parallel zur Autobahn M27 bei dem Dorf Copythorne in Hampshire, entlang findet man dort am Straßenrand einen Pub, der nach Lord Emsworths Sau benannt worden ist: Empress of Blandings. Auf dem Pubschild ist ein Prachtschwein zu sehen, an dem der Lord seine Freude gehabt hätte, im Hintergrund ist Blandings Castle abgebildet. Witzigerweise gehört der Pub der Brauerei Hall & Woodhouse ; siehe dazu meinen Blogeintrag. Einer der Direktoren der Brauerei, ein P.G. Wodehouse-Fan, kam auf die Idee, den Pub so zu nennen, als er von Hall & Woodhouse übernommen wurde, und dann setzte man noch eins drauf und glich den zweiten Teil des Brauereinamens dem des berühmten Schriftstellers auf dem Pubschild an.

Empress of Blandings ist übrigens Mitglied der P.G. Wodehouse Society. Im Pub finden wir jede Menge Wodehouse-Bücher und an den Wänden hängen Hunderte von Bildern, auf denen Schweine abgebildet sind. Obwohl man diese Tiere hier im Pub zu lieben scheint, steht leider „Honey roasted ham“ auf der Speisekarte.

Empress of Blandings
Romsey Road
Copythorne, Hampshire
SO40 2PF

Das Pubschild. Auf diesem Foto ist der Name der Brauerei noch „richtig“ geschrieben.
Photo © Maigheach-gheal (cc-by-sa/2.0)

Meine Sir Pelham Grenville Wodehouse Trilogie – Teil 1: Die P.G. Wodehouse Society

P.G. Wodehouse (1881 – 1975). – This image is in the public domain because its copyright has expired.

In meinem Blogeintrag über die Hop Back Brewery stellte ich einmal ein Bier namens Summer Lightning vor. Genau den gleichen Titel trägt auch ein humoristischer Roman aus der Feder von Sir Pelham Grenville Wodehouse, 1929 erschienen; die deutsche Übersetzung heißt „Sommerliches Schlossgewitter“ (noch problemlos antiquarisch erhältlich).

Wodehouse, der von 1881 bis 1975 lebte, schrieb mehr als 70 Romane und über 200 Kurzgeschichten und ist auch heute noch sehr beliebt, denn viele seiner Werke werden immer wieder neu aufgelegt. Am berühmtesten wurde Wodehouse durch seine Romane, in denen Bertie Wooster und sein Diener Reginald Jeeves im Mittelpunkt stehen. Durch die TV-Serie „Jeeves and Wooster“ mit Stephen Fry und Hugh Laurie in den Hauptrollen, die in 23 Episoden von 1990 bis 1993 ausgestrahlt wurde, erhielt der Autor noch einmal einen neuen Beliebtheitsschub.

Die britische P G Wodehouse Society hat sich des Autors und seiner Werke angenommen, pflegt sein Andenken und gibt eine vierteljährlich erscheinende Zeitschrift heraus, die den witzigen Titel „Wooster Sauce“ trägt. Der Präsident der Society ist Alexander Armstrong, ein Komiker, Schauspieler und Fernsehmoderator. Er übernahm das Amt von dem 2016 verstorbenen Sir Terry Wogan, der wiederum Nachfolger des großartigen Schauspielers Richard Briers (1934-2013) war. Inspector Barnaby-Fans erinnern sich sicher gern an seine Rolle als mörderischer Vikar in der Episode „Death’s Shadow“ (dt. „Der Schatten des Todes“). Richard Briers spielte 1995, an der Seite von Peter O’Toole, die Rolle des  Honorable Galahad Threepwood in einer Verfilmung des Wodehouse-Romans „Heavy Weather„, der im Sudeley Castle in Gloucestershire gedreht wurde, das ich in meinem Blog  schon vorgestellt habe.

Die P G Wodehouse Society unternimmt wirklich eine Menge, nachzulesen auf ihrer Website unter „Recent Events“. Diese Website ist sehr gut gestaltet und enthält so ziemlich alles, was man über Wodehouse wissen sollte.

Das Buch zum Artikel:
P. G. Wodehouse: A Life in Letters. Hutchinson 2011. 624 Seiten. ISBN 978-0091796341.

Published in: on 27. Juli 2019 at 02:00  Comments (5)  
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Herbert Adams – Ein fast vergessener Klassiker des englischen Kriminalromans

Eigenes Foto

Herbert Adams ist ein britischen Krimiautor, dessen Romane bereits in den 1930er Jahren ins Deutsche übersetzt wurden, später dann in den 1950er und 1960er Jahren noch einmal im Goldmann-Verlag erschienen und danach in Vergessenheit geraten sind, was leider auch für sein Heimatland gilt.

Über Adams‘ Leben ist nur sehr wenig bekannt. Er wurde 1874 geboren und über seinen Geburtsort gehen die Meinungen auseinander; London bzw. die Grafschaft Dorset werden da genannt. Auch über das Todesjahr gibt es unterschiedliche Auffassungen, die zwischen 1952 und 1958 schwanken. Verheiratet war er mit Jessie Louise Cooper. Die deutsche Wikipedia gibt an, dass Adams als Immobilienmakler tätig war; er war aber auch Mitglied des britischen Surveyors Institute. Alles sehr mysteriös wie seine Krimis, deren erster 1924 unter dem Titel „The Secret of the Bogey House“ erschien, in dem erstmals Amateurdetektiv Jimmie Haswell auftrat. Adams‘ zweiter Serien-Detektiv, Roger Bannion,  wurde 1928 in dem Roman „Exit the Skeleton“ eingeführt. Die Figur des Jimmie Haswell verschwand bald wieder, während Roger Bennion seinen letzten Fall 1958 in „Death of a Viewer“ löste.

Die Romane gehören in die Kategorie der „cozies“, also der gemütlichen Krimis und spielen oft auf Golfplätzen wie z.B. „The Nineteenth Hole Mystery“ (1939), „The Body in the Bunker“ (1935) oder „Death Off the Fairway“ (1936).

Susan Oleskiw schreibt in „Twentieth Century Crime and Mystery Writers“ zutreffend: „Despite the changes in the mystery novel that left Adams’s works dated, his stories contain a cleanness of vision and integrity of form that makes them attractive to many readers“.

Ich besitze glücklicherweise ein Dutzend seiner Werke und mir hat die Lektüre immer sehr viel Spaß gemacht. Die Romane sind schon seit langer Zeit, sowohl vom britischen wie vom deutschen Markt verschwunden, antiquarisch kann man sie natürlich zum Teil noch bekommen.

Published in: on 19. Juni 2019 at 02:00  Kommentar verfassen  
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Sir Arthur Conan Doyle und eine Gedenkfeier nach seinem Tod in der Londoner Royal Albert Hall

Die Royal Albert Hall.
Photo © N Chadwick (cc-by-sa/2.0)

Sir Arthur Conan Doyle (1859-1930) ist in Deutschland fast ausschließlich durch seine Romane und Kurzgeschichten um Sherlock Holmes populär geworden; eine andere Seite des Schriftstellers ist bei uns weniger bekannt, er war ein Mann, der sich sehr für Spiritismus interessierte und zu dem Thema auch das Buch „The History of Spiritualism“ (1926) schrieb. Doyle war Mitglied zum Beispiel im Ghost Club und in der Society for Psychical Research. Er war der Meinung, dass es ein Leben nach dem Tod gibt.

Am 7. Juli 1930 starb Sir Arthur in seinem letzten Wohnort Crowborough in der Grafschaft East Sussex. Sechs Tage später fand in der Londoner Royal Albert Hall eine Großveranstaltung statt, zu der die Spiritualist Association geladen hatte. Es war ein Memorial Service der besonderen Art, zu dem Tausende gekommen waren. Auf der Bühne der Hall nahmen Familienmitglieder der Doyles Platz, darunter auch Lady Doyle, Jean Elizabeth Leckie. Auf ihrer rechten Seite blieb ein Stuhl frei, auf dem ein Schild mit dem Namen des Verstorbenen lag. Mit auf der Bühne befand sich Mrs. Estelle Roberts, ein Medium, das mit dem Jenseits und mit Sir Arthur Kontakt aufnehmen sollte (sie schrieb 1959 ein Buch über ihr Leben mit dem Titel „Forty Years a Medium„).
Unter den erwartungsvollen Zuschauern machte sich Unruhe breit, als es Mrs Roberts allem Anschein nach gelang, den Kontakt herzustellen. Sie blickte auf den leeren Stuhl und rief laut „Er ist hier!“ und murmelte „Er trägt Abendkleidung“. Dann ging sie zu Lady Doyle und flüsterte ihr etwas ins Ohr, eine Mitteilung des Verstorbenen, die sie ihr ausrichten sollte. Die Anwesenden in der Royal Albert Hall erhoben sich und spendeten laut Beifall, während die Orgel, gespielt von Alford Armstrong, laut ertönte. Sie waren (überwiegend) der Meinung, dass der große Sir Arthur Conan Doyle ein Zeichen aus dem Jenseits gesendet hatte. Einige Skeptiker äußersten sich hingegen, dass sie gern Sherlock Holmes bei der Veranstaltung gehabt und seine Meinung über die Glaubwürdigkeit des Mediums gehabt hätten.

Der Schriftsteller wurde nicht in London beigesetzt, sondern erst in Crowborough; später wurden seine sterblichen Überreste in das kleine Dorf Minstead in Hampshire, auf den All Saints Churchyard, überführt (s. dazu meinen Blogeintrag).

Die Orgel in der Royal Albert Hall.
Photo © Richard Croft (cc-by-sa/2.0)

Sir Arthur Conan Doyles Statue in Crowborough (East Sussex).
Photo © E Gammie (cc-by-sa/2.0)

Doyles letzte Ruhestätte in Minstead (Hampshire).
Photo © Peter Whitcomb (cc-by-sa/2.0)

Published in: on 18. Juni 2019 at 02:00  Comments (5)  
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John Ruskin (1819-1900), ein englischer Schriftsteller, Maler und Kunsthistoriker, der durch den Anblick weiblicher Schamhaare, die Lust am Sex verloren haben soll

John Ruskin (1819-1900) war ein vielseitig begabter Mann, der in der viktorianischen Zeit durch seine Arbeiten als Schriftsteller, Maler und Kunsthistoriker auf sich aufmerksam machte. Zu seinen Hauptwerken zählt das mehrbändige Werk  „Modern Painters„, eine Geschichte der modernen Malerei.

So großartig sein Werk damals im 19. Jahrhundert auch gewesen war, so stellt sich Ruskins Privatleben etwas merkwürdig dar. 1848 heiratete er im Alter von 29 Jahren die 19-jährige Euphemia Chalmers Gray, kurz Effie Gray genannt. Nun sollte man annehmen, dass, wenn ein Bräutigam seine Braut zum ersten Mal nackt sieht, sich bei ihm deutliche Regungen zeigen und es ihn danach drängt, mit ihr ins Bett zu gehen. Bei dem lieben John war die Reaktion eine ganz andere: Er war geschockt von dem Anblick, der sich ihm bot, denn er war nicht darauf gefasst, dass seine Ehefrau Schamhaare hatte. Offenbar, wie manche seiner Biografen behaupten, kannte Ruskin nackte Frauen nur in Form von Statuen, und diese von Bildhauern geschaffenen Damen hatten üblicherweise keine Schamhaare. Auf jeden Fall fand er seine behaarte Frau so abtörnend, dass er niemals in der gemeinsamen Zeit „die Ehe vollzog“, was ihm aber nicht besonders schwer gefallen ist, im Gegensatz zu Effie, der das schon zu schaffen machte.
Auf ihrer Venedigreise interessierte sich Ruskin nur für seine Malerei, während Effie von der Männerwelt umworben wurde, denn sie war eine attraktive, junge Frau. Doch sie war standhaft und ließ sich auf keine Affäre ein, denn als sie sich 1854 von ihrem Mann scheiden ließ, war sie noch immer Jungfrau, was sich aber bald ändern sollte, denn schon ein Jahr später ging sie die Ehe mit dem Prä-Raffaeliten John Everett Millais ein und da ging es wohl richtig zur Sache (Effie hatte Nachholbedarf), denn sie gebar von 1856 bis 1868 acht Kinder.

Ruskins Privatleben war nach wie vor recht problematisch, denn er hatte offensichtlich eine Vorliebe für sehr junge Mädchen. Rose La Touche war neun Jahre alt, als Ruskin ihr Privatlehrer war und es entwickelte sich im Lauf der Jahre eine romantische Beziehung zwischen den beiden, die darin gipfelte, dass er um ihre Hand anhielt. Roses Eltern lehnten das aber ab, weil sie von Effie gewarnt worden waren. Aus der Ehe wurde also nichts.
Auch Ruskins spätere Freundschaft mit Kate Greenaway schien sich auf rein platonischer Ebene abgespielt zu haben.

Das Thema Ruskin/Gray/Millais wurde mehrfach in Büchern, Filmen und sogar in einer Oper aufgegriffen („Modern Painters“, von dem US-Komponisten David Lang, 1995 uraufgeführt); zuletzt in dem atmosphärisch sehr dichten Film „Effie Gray“ (2014), hochkarätig besetzt mit Dakota Fanning als Effie, Greg Wise als John Ruskin und Tom Sturridge als John Everett Millais. Hier ist der Trailer.

Published in: on 30. April 2019 at 02:00  Kommentar verfassen  
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Der Schriftsteller John Buchan (1875-1940) und Elsfield in Oxfordshire

The Manor in Elsfield (Oxfordshire) – Hier wohnte John Buchan.
Photo © Jon S (cc-by-sa/2.0)

Hätte John Buchan (1875-1940) im Jahr 1915 nicht den Roman „The Thirty-Nine Steps“ (dt. „Die neununddreißig Stufen“) geschrieben und hätte Alfred Hitchcock 1935 das Buch nicht verfilmt (hier ist der Trailer), würde möglicherweise heute kaum noch jemand den Schriftsteller kennen, der 1935 den Titel 1. Baron Tweedsmuir erhielt. Dieses Buch machte ihn berühmt.

Der gebürtige Schotte war u.a. Kriegsberichterstatter im 1. Weltkrieg, Chef des Britischen Geheimdienstes und Generalgouverneur von Kanada; seine besondere Liebe gehörte aber der Schriftstellerei. Buchan schrieb zahlreiche Abenteuer- und Kriminalromane, aber auch Sachbücher, so z.B. Bücher über Julius Caesar, Augustus und Oliver Cromwell. Eine ganze Reihe seiner Bücher sind heute noch im englischen Buchhandel lieferbar, in Deutschland nur noch „Die neununddreißig Stufen“.

John Buchan ließ sich von 1919 bis 1935 im Elsfield Manor in dem winzigen Dorf Elsfield nördlich von Oxford nieder. Über sein Leben in Oxfordshire ist einiges in seiner Autobiografie „Memory Hold the Door“ (1940) nachzulesen, das zu John F. Kennedys Lieblingsbüchern gehörte.
John Buchan starb 1940 in Kanada; seine Asche wurde nach England zurückgebracht und auf dem Friedhof von St Thomas of Canterbury in Elsfield, ganz in der Nähe seines früheren Wohnhauses, beigesetzt.

Um sein Andenken kümmert sich heute die John Buchan Society: „The Society is dedicated to providing a resource for those who want to know more about John Buchan, to provide information to scholars and to those who have recently discovered his works alike.“

Die kleine Gemeinde von Elsfield unterhält eine exzellente Homepage, auf der man vieles über das Leben der Buchan-Familie im Dorf nachlesen kann.

Das Buch zum Artikel:
Mildred Masheder: Carrier’s Cart to Oxford – Growing Up in the 1920s in the Oxfordshire Village of Elsfield. Wychwood Press 2008. 140 Seiten. ISBN 978-1902279282 (Im Buchhandel vergriffen, aber problemlos antiquarisch erhältlich).

John Buchans Grab auf dem Kirchhof von St Thomas of Canterbury.
Photo © Bill Nicholls (cc-by-sa/2.0)

Published in: on 21. April 2019 at 02:00  Kommentar verfassen  
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Ann Quin (1936-1973) – Eine wenig bekannte Schriftstellerin, die in Brighton Selbstmord beging

Hier an der Palace Pier von Brighton beendete Ann Quin ihr noch junges Leben.
Photo © Oast House Archive (cc-by-sa/2.0)

Wenn man im englischen Seebad Brighton unterwegs ist, trifft man immer wieder auf die Brighton&Hove-Linienbusse, die Namen tragen von Personen, die in irgendeiner Weise mit der Region in Verbindung stehen/standen (ich schrieb in meinem Blog darüber). Einer von ihnen heißt Ann Quin (hier zu sehen), und ich könnte mir vorstellen, dass nicht jeder, der mit dem Bus fährt oder ihn im Straßenbild sieht, mit dem Namen etwas anzufangen weiß.

Ann Quin lebte von 1936 bis 1973; sie wurde in Brighton geboren, und sie starb auch dort auf tragische Weise. Sie war Schriftstellerin und ihre vier Romane, die sie schrieb (2018 erschien noch ein Band mit Kurzgeschichten und Fragmenten mit dem Titel „The Unmapped Country„) waren keine Bestseller, denn sie gehörte zu den experimentellen Autorinnen ihrer Zeit, die nicht die großen Massen an LeserInnen ansprachen. „Berg“ (dt. „Berg“) gilt als ihr bekanntester Roman, vielleicht weil er unter dem Titel „Killing Dad or How to Love Your Mother“ 1989 verfilmt wurde. Die drei anderen Bücher von Ann Quin haben ebenfalls nur kurze Titel: „Three“ (dt. „Drei“), „Passages“ (dt. „Passagen“) und „Tiptricks„.

Die Lokalzeitung von Brighton The Argus nannte Ann Quin einmal „gifted but troubled author„, denn mit ihrer psychischen Verfassung stand es nicht zum besten. Bereits als Kind hatte sie psychische Probleme, die sich in ihrem späteren Leben verstärkten. Obwohl sie viel reiste, zog es sie immer wieder in ihre Geburtsstadt zurück, wo sie gern die Öffentliche Bibliothek und das Theatre Royal aufsuchte. Auch die fiktive Stadt in ihrem Roman „Berg“ erinnert sehr stark an Brighton.

An einem Tag im August 1973 setzte die 37jährige ihrem Leben ein Ende. Am Palace Pier in Brighton ging sie ins Meer und ertrank. Ihre Leiche wurde am nächsten Tag im benachbarten Shoreham-on-Sea an Land gespült.

Der Amerikaner Robert Buckeye schrieb eine Biografie über die Schriftstellerin mit dem Titel „Re: Quin„, die 2013 in den USA erschien.

Published in: on 31. März 2019 at 03:00  Kommentar verfassen  
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Wie die „Französische Revolution“ am Londoner Kensington Square einmal in Flammen aufging

Hier am Kensington Square Nummer 18 wohnte John Stuart Mill.
Author: Spudgun 67
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John Stuart Mill (1806-1873) war einer der ganz großen Denker und Ökonomen des 19. Jahrhunderts. Er wurde in London geboren und lebte am Kensington Square Nummer 18, einer sehr guten Wohngegend mit architektonisch sehenswerten Häusern. 1834 wurde er von seinem Verleger angesprochen, ob er daran interessiert wäre, ein Buch über die Französische Revolution zu schreiben. Interessiert war Mill schon, aber er hatte keine Zeit, da er sich damals gerade mit anderen Dingen beschäftigte. Aber sein Freund, der Historiker Thomas Carlyle (1795-1881), der auch in London lebte, und zwar am Cheyne Walk, die heutige Nummer 24, hätte vielleicht Lust dazu…und der hatte, auch weil er gerade Geld brauchte, und so stürzte sich der Schotte in die Arbeit, den größten Teil des Jahres 1834 recherchierte er und schrieb oft bis in die tiefe Nacht hinein. „The French Revolution“ war auf drei Bände angelegt, und als Carlyle den ersten Band fertig hatte, übergab er das natürlich handgeschriebene Manuskript an seinen Freund John Stuart Mill, mit der Bitte es durchzulesen und seine Meinung dazu zu sagen. Mill kam dem gern nach und nahm es mit nach Hause zum Kensington Square. Dort lag es nicht lange, denn sein Dienstmädchen, die des Lesens unkundig war und den Auftrag hatte, den Kamin anzuzünden, sah die vielen Blätter Papier und dachte sich, die eignen sich doch hervorragend dazu, und so ging die Französische Revolution sozusagen in Rauch und Asche auf. Als Mill das mitbekam, war er außer sich. Wie sollte er das seinem Freund beibringen? Die monatelange Arbeit alles umsonst?

John Stuart machte sich auf zu seinem Canossagang in den Cheyne Walk, wo er Carlyle das Missgeschick beichtete. Der nahm das relativ gefasst auf und musste erst einmal seinen Freund John Stuart trösten, dem das unendlich peinlich war. Mill bot ihm an, Geld für den Verlust zu geben, doch Carlyle lehnte ab. Schließlich ließ er sich doch erweichen, wenigstens Geld für neues Papier anzunehmen (den Carlyles ging es finanziell gar nicht gut) und das Ganze noch einmal neu zu schreiben (seine Notizen hatte er bereits weggeworfen). Doch erst schrieb er die Bände zwei und drei, bis er sich wieder dem ersten zuwandte und vieles noch in Erinnerung hatte.

Thomas Carlyles Monumentalwerk „The French Revolution“, das 1837 im Verlag Chapman&Hall erschien, war seitdem immer lieferbar und erschien gerade erst wieder im Januar bei der Oxford University Press als Reprint. In deutscher Übersetzung gibt es zurzeit mehrere Ausgaben, u.a. eine dreibändige im Golkonda Verlag.

Carlyles Haus am Cheyne Walk gehört heute dem National Trust und kann besichtigt werden. Seine Statue ist in dem Embankment Gardens am Cheyne Walk zu sehen. Nicht weit davon entfernt, in der Temple Sektion, findet man die Statue seines Freundes John Stuart Mill.

Thomas Carlyles Haus am Cheyne Walk.
Author: Spudgun67
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Thomas Carlyle in den Embankment Gardens am Cheyne Walk.
Author: Lonpicman
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John Stuart Mills Statue in den  Embankment Gardens (in der Temple Sektion).
Photo © Colin Smith (cc-by-sa/2.0)

Published in: on 14. Februar 2019 at 02:00  Comments (1)  
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