Petworth in West Sussex – Eine hübsche Kleinstadt an der A272, die am 29. September 1942 einen schweren Schicksalsschlag erlitt

Eine der hübschen, kleinen Straßen in Petworth.
Eigenes Foto.

Ich fahre sehr gern auf der A272, die den Süden Englands in Ost-West-Richtung durchquert. Vor einigen Tagen machte ich an einem sonnigen Sonntagvormittag in der Kleinstadt Petworth in West Sussex Station, die direkt an der Straße liegt, und ging in dem Ort spazieren. In den kleinen Gassen reihte sich ein Antiquitätenladen an den anderen, es herrschte eine angenehme Atmosphäre, obwohl der Autoverkehr schon sehr stark war. Die meisten, die hierher kommen, besuchen das Petworth House, ein Herrenhaus, das dem National Trust gehört, doch ich kann einen Besuch in Petworth selbst durchaus empfehlen.

Zufällig stieß ich auf eine Information, die mich nachhaltig beschäftigte, obwohl sie schon über 77 Jahre alt ist.
Am 29. September 1942 ließ ein deutsches Flugzeug auf dem Rückflug von einem Einsatz drei Bomben auf Petworth  fallen. Warum? In der Stadt gab es keine militärischen Anlagen. Man vermutete, dass die Bomben dem Petworth House galten. Aber warum so ein schönes Haus zerstören?
Eine der Bomben traf die Boys School. Von den anwesenden 80 Schülern und Lehrern, die durch keinen Fliegeralarm gewarnt worden waren, starben 28, darunter auch der Headmaster und eine Lehrerin. Die Kinder hatten keine Chance, viele wurden schwer verwundet. Ein Trauma, unter dem die kleine hübsche Stadt lange zu leiden hatte.
Die verantwortlichen deutschen Flieger an Bord der Ju88 oder Heinkel 111, es ist nicht ganz klar, welcher Flugzeugtyp es war, wurden nie ermittelt, obwohl im Internet zwei Namen kursieren. Ob sich diese beiden Männer jemals Gedanken darüber gemacht haben, was sie da angerichtet hatten? Sie wurden nicht angegriffen, und sie konnten sicher sein, dass sie mit ihren Bomben ausschließlich Zivilisten töten würden.

Die 28 Opfer wurden in einem gemeinsamen Grab auf dem örtlichen Horsham Road Cemetery beigesetzt. Die Feier leitete der Bischof von Chichester. Eine Gedenkfeier fand 60 Jahre später statt, die auch wieder von einem Bischof von Chichester zelebriert wurde.
Das Grab wird regelmäßig gepflegt, während der restliche Teil des Friedhofs, der nicht mehr benutzt wird, langsam verfällt.

Der Gottesdienst in St Mary the Virgin war bei meinem Besuch in Petworth gerade beendet.
Eigenes Foto.

Published in: on 17. November 2019 at 02:00  Kommentar verfassen  
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Clyde Cosper, ein Texaner, der Princes Risborough in Buckinghamshire vor einer Katastrophe bewahrte

Das Denkmal vor der Bibliothek von Princes Risborough.
Copyright: Iain McLauchlan.
With friendly permission.

Es war der 13. November 1943 als der kleine Ort Princes Risborough in der Grafschaft Buckinghamshire um ein Haar ausgelöscht worden wäre, wenn es da nicht einen jungen Leutnant aus Texas gegeben hätte, der sein Leben für das vieler anderer gab. Lieutenant Clyde „Sparky“ Cosper aus Dodd City, einer Kleinstadt im texanischen Fannin County, hob an diesem trüben Novembertag mit seiner mit Bomben vollgepackten B-17 von einem Flugplatz ab, um U-Boote anzugreifen, die im Hafen von Bremen stationiert waren. Außer „Sparky“ waren noch weitere acht Besatzungsmitglieder an Bord. Das Wetter wurde so schlecht, dass eine starke Böe das schwere Flugzeug, gerade als es über Princes Risborough war, nach unten riss. Der Pilot befahl seinen Männern, sofort mit dem Fallschirm abzuspringen, was diese dann auch sofort taten (und mit mehr oder weniger großen Blessuren lebend auf dem Boden landeten). Cosper selbst blieb allein am Steuerknüppel der Maschine zurück und ihm gelang es gerade so, nur wenige Meter über den Dächern des Ortes, die B-17 abzufangen und sie erst eine Strecke entfernt auf einer Wiese aufzusetzen, wobei sie sofort Feuer fing und die Bomben alle explodierten; der Pilot selbst hatte keine Überlebenschance.

Die Bewohner waren verständlicherweise außerordentlich dankbar für diese Heldentat des jungen Texaners, und man hat ihn bis heute in Princes Risborough nicht vergessen. Im Jahr 1990 machte sich ein Reporter der Zeitung Bucks Herald auf Spurensuche und flog nach Texas, wo noch immer Familienmitglieder des Piloten in Dodd City lebten. Eine Kampagne wurde in Princes Risborough ins Leben gerufen, dem Leutnant und seiner Crew ein Denkmal zu setzen, das dann auch auf dem Gelände der örtlichen Bibliothek errichtet wurde. Der Hauptteil des Denkmals ist wie das Höhenleitwerk eines Flugzeugs gestaltet, die Sitze darum herum sind den Besatzungsmitgliedern gewidmet, acht auf der linken Seite und der für Lt. Cosper auf der rechten Seite. Die Tafeln in der Mitte erinnern an andere Flugzeugabstürze im Zweiten Weltkrieg, bei denen ebenfalls Menschen ums Leben kamen.

Die High Street von Princes Risborough.
Photo © Colin Smith (cc-by-sa/2.0)

The Stone of Scone – Der schottische Krönungsstein, der 1950 aus der Westminster Abbey gestohlen wurde

Der Stone of Scone (die Replika ).
Photo © Michael Garlick (cc-by-sa/2.0)

Weihnachten 1950: In den frühen Morgenstunden des ersten Weihnachtstages schlichen drei dunkle Gestalten um die Westminster Abbey in London herum und verschafften sich mit Hilfe einer Brechstange Zutritt über einen Nebeneingang. Ihr Ziel: Der Stone of Scone, der sich in der Abbey unter dem Coronation Chair befand. Bei den Eindringlingen handelte es sich um die schottischen Studenten Ian Hamilton, Gavin Vernon und Alan Stuart (im Fluchtauto wartete noch Kay Matheson). Sie wollten den uralten Stein nicht entwenden, sondern in die schottische Heimat zurückholen, wo er ihrer Meinung nach hingehörte.
The Stone of Destiny, wie er auch genannt wurde, diente vor vielen Jahrhunderten als Krönungsstein für schottische Monarchen, bis Edward I. ihn nach seinem Sieg im Englisch-Schottischen Krieg 1296 nach London bringen ließ, zum großen Verdruss der Schotten, die sich eines Symbols ihres Landes beraubt sahen.
Die schottischen Studenten wollten 1950 dem Aufenthalt des Steins in der Westminster Abbey ein Ende bereiten. Bei dem nächtlichen Diebstahl in der Weihnachtsnacht gingen die Drei nicht sehr professionell vor, denn der etwa drei Zentner schwere Stein zerbrach dabei in zwei Teile, was allerdings den Vorteil hatte, dass er so etwas leichter abzutransportieren war. Kaum hatte Ian Hamilton die eine Hälfte in das von Kay Matheson herangebrachte Auto verstaut, als sich ihnen ein patroullierender Polizist näherte. Die beiden Studenten gaben sich als Liebespärchen aus, das in London keine Unterkunft mehr gefunden hatte, und der Polizist gab sich damit zufrieden. Mit der einen Steinhälfte wurde Kay in Richtung Schottland geschickt, beim Transport der anderen Hälfte mit dem zweiten Auto kam es zu etlichen Zwischenfällen (verlorener Autoschlüssel, vor der Abbey liegen gelassene Jacke, in der ein Namenschild angebracht war usw.), aber schließlich landete The Stone of Scone doch noch in Schottland, wo er erst einmal in den Ruinen der Arbroath Abbey versteckt wurde. Doch die findige Polizei spürte ihn dort auf und brachte ihn in die Westminster Abbey zurück. Bei der Krönung Elisabeths II. 1953 war The Stone of Destiny also wieder an der Stelle, wo man ihn, das heißt die Engländer, hinhaben wollte. Übrigens wurden die vier Studenten nicht vor Gericht gestellt.

1996 kündigte der britische Premierminister John Major an, den Stone of Scone endgültig wieder nach Schottland zurückzubringen, was dann auch mit einer feierlichen Zeremonie in Edinburgh geschah (hier ist ein Film darüber). Dort hat er jetzt in der Burg seine letzte Ruhestätte gefunden… das heißt, nicht ganz, denn die Schotten würden ihn für die Krönung zukünftiger neuer Monarchen London kurzfristig zur Verfügung stellen.

Eine Replika des Steines steht auf dem Gelände des Scone Palastes im schottischen Perthshire (im April 2010 versuchten Diebe, auch die Replika zu stehlen, scheiterten aber bei dem Versuch).

Im Jahr 2008 kam der Film „Stone of Destiny“ (dt. „Die Jagd nach dem Stein des Schicksals“) in die Kinos, der die Ereignisse zu Weihnachten 1950 nacherzählt; hier ist der Trailer zum Film.

Einer der schottischen Studenten, Ian Hamilton, hat ein Buch über die Ereignisse damals geschrieben: „ Stone of Destiny„.

 

Published in: on 1. Oktober 2019 at 02:00  Kommentar verfassen  
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Der Epsom Downs Racecourse in Surrey und ein tragischer Unfall im Jahr 1913

 

An dieser Stelle des Epsom Racecourses, der Tattenham Corner, ereignete sich der tragische Unfall.
Photo © Colin Smith (cc-by-sa/2.0)

Neben Ascot und Goodwood gehört der Epsom Downs Racecourse zu den berühmtesten südenglischen Pferderennbahnen. Eine halbe Stunde mit dem Auto braucht man etwa, wenn man von London aus die Rennbahn erreichen will, die neben dem Ort Epsom in der Grafschaft Surrey liegt.

Am 4. Juni 1913 ereignete sich hier ein tragischer Unfall, in den die Frauenrechtlerin Emily Davison, der Jockey Herbert Jones und ein Pferd namens Anmer, das König George V gehörte, verwickelt waren. Was war passiert?
Emily Davison, eine der Suffragetten, die sich für die Verbesserung der Frauenrechte einsetzten, wollte auf ihre Mission aufmerksam machen und suchte sich dafür 1913 das Epsom Derby aus. Als schon ein großer Teil der teilnehmenden Pferde an ihr vorbei gallopiert waren, sprang sie plötzlich mitten auf die Rennbahn, rief „Votes for Women“ und versuchte die Zügel eines Pferdes zu ergreifen. Dieses Pferd war Anmer, das in vollem Lauf in Emily Davison krachte, stürzte und seinen Jockey abwarf. Durch die Wucht des Aufpralls wurde die Frau zu Boden geschleudert, verlor das Bewusstsein und starb wenige Tage später an ihren schweren Verletzungen. Herbert Jones, der Jockey, brach sich ein Rippe, das Pferd erlitt leichte Beinverletzungen. Übrigens zeigte sich die Presse damals mehr an den Verletzungen von Reiter und Pferd interessiert, als am Zustand Emily Davisons.
Die Suffragetten unter Führung von Emily Pankhurst, die damals merkten, dass sie mit friedlichen Mitteln ihre Forderungen nicht durchsetzen konnten, griffen verstärkt zu drastischeren Maßnahmen, um der männerdominierten Gesellschaft zu zeigen, dass auch Frauen ihre Rechte einfordern wollten.

100 Jahre nach Emily Davisons Tod wurde ihr zu Ehren eine Plakette an der Stelle auf der Rennbahn angebracht, an der sich das Unglück ereignete.

Der tragische Vorfall in Epsom wurde damals gefilmt und ist hier zu sehen.

Zu Epsom siehe auch diesen Blogeintrag.

An dieser Stelle stürzte sich Emily Davison vor das herannahende Pferd.
Credit for this entry to: Alan Patient of http://www.plaquesoflondon.co.uk
Copyright: London Remembers.

 

Published in: on 19. September 2019 at 02:00  Kommentar verfassen  
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Ein Flugzeugabsturz mit fatalen Folgen am 24. Dezember 1924 in Purley (Greater London)

Die Erinnerungsstätte an der Kingsdown Avenue in Purley.
Photo © David Anstiss (cc-by-sa/2.0)

Es sollte ein Weihnachtsbesuch in Paris werden für fünf Briten, einen Brasilianer und einen Chilenen, die sich am 24. Dezember 1924 vom Londoner Flugplatz Croydon auf den Weg zum Pariser Flughafen Le Bourget machten. Am Steuer der De Havilland DH.34 der Imperial Airways saß der 34 Jahre alte Pilot David Arthur Stewart. Zeugen des Starts bemerkten, dass die Maschine recht langsam vom Boden weg kam und schon nach zwei Kilometern war der Flug zu Ende, denn es gab ein Problem mit den Motoren. David Stewart hatte die De Havilland nicht mehr im Griff und über dem Ort Purley im Süden Londons stürzte das Flugzeug ab. Mit der Nase voran bohrte es sich in den Boden, dort, wo gerade die Häuser des Kingsdown Estates gebaut wurden. Es gab beim Aufprall der gerade aufgetankten Maschine eine Explosion und sie brannte vollständig aus. Alle acht Insassen kamen  bei dem Absturz ums Leben. Es hätte sogar noch schlimmer können, denn um ein Haar hätte die De Havilland noch einen Passagierzug gerammt, der auf dem Weg von London nach Brighton war.

Eine gründliche Untersuchung der Absturzursache zog sich bis in das nächste Jahr hin. Das Ergebnis der Untersuchung ergab, dass den Piloten keinerlei Schuld traf, und das Flugzeug auf Grund eines nicht mehr identifizierbaren technischen Defekts verunglückte.

An der Kingsdown Avenue in Purley wurde an der Absturzstelle von der Croydon Airport Society und der Kingsdown Avenue Residents‘ Association zur Erinnerung eine Plakette angebracht, wo jedes Jahr am Weihnachtsabend ein Kranz niedergelegt wird.

Zwei Jahre nach dem Unglück in Purley wurden die anderen elf Maschinen des Typs De Havilland DH.34 außer Betrieb genommen.

Ein Flugzeug des Typs, das in Purley abstürzte.
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Published in: on 20. August 2019 at 02:00  Kommentar verfassen  
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Die Gut Girls vom Londoner Foreign Cattle Market

Bis zum Beginn des Ersten Weltkriegs gab es im Osten von London, in Deptford, den Foreign Cattle Market, in dem Tiere in großer Zahl geschlachtet wurden. Der Cattle Diseases Act von 1869 schrieb vor, dass Vieh aus dem Ausland sofort nach der Ankunft auf englischem Boden geschlachtet werden musste, damit potentielle ansteckende Krankheiten nicht auf das einheimische Vieh übergriffen. Daraufhin richtete man 1871 ganz in der Nähe der Anlandedocks an der Themse in Deptford Schlachthäuser ein, wofür natürlich viele Arbeitskräfte benötigt wurden. Rund 500 Frauen wurden eingestellt, die, bei relativ gutem Lohn, eine ziemlich widerliche Arbeit ausführen mussten: Das Ausweiden der getöteten Rinder. 13 Stunden pro Tag entnahmen sie die Innereien der Tiere und man kann sich vorstellen wie verdreckt die Frauen nach ihren anstrengenden Arbeitstagen aussahen und auch entsprechend rochen. „Gut Girls“ wurden die jungen Frauen genannt und sie hatten keinen guten Ruf, denn man sagten ihnen nach, dass sie in ihrer Ausdrucksweise ziemlich ordinär waren. Nach der Arbeit trafen sie sich mit den Männern vom Schlachthof in den nahe gelegenen Kneipen und dann ging es hoch her.

Humanitäre Vereinigungen wie die von John Galsworthy gegründete Humanitarian League versuchten auf die Gut Girls Einfluss zu nehmen und sie von den Kneipen fernzuhalten, damit sie stattdessen sinnvollere Dinge nach Feierabend tun sollten.

Die 1956 in London geborenen Dramatikerin Sarah Daniels hat 1988 ein Theaterstück über diese Frauen geschrieben, mit dem Titel „The Gut Girls„. Es erlebte 1988 seine Uraufführung im Albany Empire, einem Theater in Deptford, also ganz in der Nähe des ehemaligen Foreign Cattle Markets (hier ist eine Aufführung des North East Scotland Colleges zu sehen). Das Gelände an der Grove Street wurde nach 1914 vom Kriegsministerium als Lagerplatz verwendet. Heute sind darauf Wohnblöcke errichtet worden.

The Albany in Deptford.
Author: SilkTork.
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Published in: on 13. August 2019 at 02:00  Kommentar verfassen  
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The Association of Dunkirk Little Ships

Die Chico im Hafen von Oban in Schottland.
Photo © The Carlisle Kid (cc-by-sa/2.0)

Prince Michael of Kent ist der Honorary Admiral der Association of Dunkirk Little Ships, einer Gesellschaft, die die Erinnerung hoch hält an eine historische Begebenheit im Zweiten Weltkrieg. Etwa 340 000 Soldaten, meist britischer und französischer Herkunft, waren Ende Mai, Anfang Juni 1940 am Strand von Dünkirchen in Frankreich von Truppen der deutschen Wehrmacht eingeschlossen. Ihnen allen drohte der Tod, doch dann trat die Operation Dynamo in Kraft, die sich die britische Admiralität ausgedacht hatte. Rund 850 Schiffe und Boote aller Art, private Yachten, Vergnügungsboote, die sonst auf der Themse unterwegs waren, Barkassen usw., machten sich auf den Weg von der englischen zur französischen Küste, um die Soldaten auf britischen Boden in Sicherheit zu bringen. Das war eine äußerst waghalsige und gefährliche Operation, denn die deutsche Luftwaffe warf alles in die Waagschale, um die Operation Dynamo zu verhindern. Doch trotz Dauerbeschusses aus der Luft und vom Boden gelang es, vom 26. Mai bis zum 4. Juni, mit Hilfe dieser Kavalkade von kleinen Schiffen, die meisten Soldaten zu retten. Hier sind einige historische Aufnahmen.

Seit 1965 findet alle fünf Jahre eine Gedenkfahrt von Ramsgate nach Dünkirchen statt, an der nur die Boote teilnehmen dürfen, die damals Teil der Operation Dynamo gewesen waren. Ins Leben gerufen wurde diese Fahrt von der 1965 gegründeten Association of Dunkirk Little Ships. Im Mai 2020 soll die nächste Gedenkfahrt stattfinden, an der voraussichtlich 50 Schiffe unterwegs sein werden.

Jedes Jahr organisiert die Gesellschaft mehrere Treffen dieser kleinen Schiffe, die von ihren Eignern liebevoll gepflegt werden; etwas über 100 davon soll es noch geben.
Da ist zum Beispiel die Chico, die 1932 gebaut wurde, eine 23 Meter lange Yacht, die früher einmal dem mehrfachen Geschwindigkeitsrekordhalter zu Lande und auf dem Wasser Sir Malcolm Campbell gehört hatte, und die heute in Schottland ihren Heimathafen hat. Am 30.Mai 1940 nahm die Chico 217 Soldaten auf und brachte sie nach Dover; danach war sie noch mehrere Male im Einsatz.

Die Sylvia, Baujahr 1930, schaffte es gerade noch, schwer beschädigt, in den Hafen von Ramsgate zu gelangen, wo sie die Soldaten, viele von ihnen waren verletzt, absetzen konnte. Heute liegt das Schiff unter dem Namen Lady Sylvia am River Trent in Barton-in-Fabis (Nottinghamshire).

Im Jahr 2017 kam der Film „Dunkirk“ (dt. „Dunkirk“) in die Kinos, die die Operation Dynamo zum Thema hat. Hier ist der Trailer zum Film.

Die Lady Sylvia bei Restaurierungsarbeiten im River Trent bei Barton-in-Fabis (Nottinghamshire).
Photo © Ian Calderwood (cc-by-sa/2.0)

 

Published in: on 12. August 2019 at 02:00  Comments (3)  
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Haileybury – Ein renommiertes College in Hertfordshire und seine rebellischen Schüler im Jahr 1900

Haileybury College.
Photo © Chris Hunt (cc-by-sa/2.0)

Haileybury ist ein College in Hertfordshire, südöstlich der Grafschaftshauptstadt Hertford gelegen, das sich einen sehr guten Ruf erworben hat, der bis ins 19. Jahrhundert zurückreicht. Zu den Alumnis der Schule gehören zum Beispiel Sir Alan Ayckbourn, Autor von Theaterkomödien, der Regisseur und Filmproduzent Christopher Nolan, die durch ihr Mandolinenspiel berühmt gewordene und schon früh verstorbene Alison Stephens und der Premierminister Clement Attlee (1945-1951).

Um letzeren geht es in meinem heutigen Blogeintrag. Der 17jährige Attlee sorgte im Jahr 1900 für Aufregung in der Haileybury School und legte sich mit dem Headmaster an, einem gewissen Edward Lyttleton, der von 1890 bis 1905 ein strenges Regiment in der Schule führte. Was war der Grund für die Mini-Rebellion? Im Jahr 1900 gab es während der Burenkriege den sogenannten Relief of Ladysmith, als die britischen Truppen den Belagerungsring der Buren in der Stadt Ladysmith in Südafrika durchbrachen und einen entscheidenden Sieg errungen.

In England wurde das Ereignis gefeiert und aus Freude über den Sieg gaben viele Schulen ihren Schülern einen halben Tag frei. Nicht so in Haileybury, wo Edward Lyttleton dies seinen Schülern verweigerte. Es wurde vermutet, dass der Schulleiter mit den Buren sympathisierte. Der 17jährige Clement Attlee wollte diesen unfreundlichen Akt des Headmasters nicht hinnehmen und organisierte einen „Walk out“, das heißt unter Attlees Führung genehmigten sich die Schüler ihren freien Tag einfach selbst. Von Haileybury aus zogen sie, unter dem Absingen patriotischer Lieder, erst nach Hertford, dann nach Ware und kehrten anschließend wieder in ihre Schule zurück.
Lyttleton war alles andere als „amused“, nahm sich die widerborstigen Schüler vor und verabreichte ihnen eine Tracht Prügel, was damals durchaus erlaubt war und nicht selten vorkam; auch der spätere Premierminister erhielt Schläge von seinem Headmaster.
Im Jahr darauf verließ Attlee Haileybury und ging in das University College von Oxford, wo er ein Geschichtsstudium aufnahm.

Hier ist das College im Film zu sehen.

Published in: on 21. Juli 2019 at 02:00  Kommentar verfassen  
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Lumberjills – Die Holzfällerinnen im Zweiten Weltkrieg

Eine Lumberjill-Statue im Queen Elizabeth Park bei Aberfoyle in Schottland…
Photo © James Allan (cc-by-sa/2.0)

Lumberjack ist der englische Begriff für Holzfäller; ein körperlich anstrengender Beruf, der weitestgehend von Männern ausgeübt wird. Doch es gibt auch einen Namen für das weibliche Pendant: „Lumberjill„, so wurden im Zweiten Weltkrieg die Frauen bezeichnet, die in den Wäldern Großbritanniens Bäume fällten, weil ein großer Teil der Männer, die diese Arbeit bisher verrichteten, an der Front kämpften. Im Women’s Timber Corps arbeiteten Tausende von Frauen, weil die britische Wirtschaft, die stark von importierten Holz abhängig war, diesen Rohstoff dringend in der Produktion benötigte und die Vorräte an gelagertem Holz schnell zu Ende gingen. Also machten sich die Frauen an die Arbeit, gingen in die Wälder, fällten Bäume und betrieben die Sägemühlen. Es war eine gefährliche Arbeit, die die Lumberjills da verrichteten, doch richtig anerkannt wurde das nicht. Nachdem der Krieg beendet war, gerieten die Holzfällerinnen schnell wieder in Vergessenheit und kaum jemand wusste in den folgenden Jahrzehnten von ihnen. Erst im Jahr 2000 wurde es den Frauen gestattet, am Remembrance Day in London teilzunehmen und acht Jahre später erhielten einige von ihnen Auszeichnungen.
Im Queen Elizabeth Park bei Aberfoyle in Schottland findet man eine Statue, die an die Frauen des Women’s Timber Corps erinnert, ebenso im Dalby Forest in North Yorkshire.

Im März diesen Jahres ist ein Buch erschienen, das sich den vergessenen Frauen des Zweiten Weltkriegs widmet: „Lumberjills: Britain’s Forgotten Army“ von Joanna Foat (The History Press, ISBN: 9780750990905), meines Wissens das erste und einzige Buch zum Thema. Die Autorin kontaktierte bei ihren Recherchen die noch lebenden Lumberjills und ließ sich von ihnen von ihrer damaligen Arbeit erzählen.

Hier ist ein Film über die Holzfällerinnen aus dem Jahr 1942.

…und im Dalby Forest in North Yorkshire.
Photo © Pauline E (cc-by-sa/2.0)

Published in: on 6. April 2019 at 02:00  Kommentar verfassen  

The Second Great Fire of London im Dezember 1940

Die St Paul’s Kathedrale von der Paternoster Row aus gesehen.
Photo © Deirdre Shaw (cc-by-sa/2.0)

The Great Fire of London im Jahre 1666 legte einen großen Teil der Londoner Innenstadt in Schutt und Asche. Der Brand entstand in einer Bäckerei im Pudding Lane und breitete sich schnell aus. Über 13 000 Häuser und Dutzende von Kirchen, unter anderem die St Paul’s Kathedrale, fielen den Flammen zum Opfer. Wieviele Menschen ums Leben kamen ist nicht bekannt, die Zahl soll aber nicht groß gewesen sein. Ich schrieb in meinem Blog schon einmal über den Brand.

In der Nacht zum 29. Dezember 1940 wurde London von Bombern der deutschen Wehrmacht angegriffen, vielleicht der schwerste Angriff überhaupt im Zweiten Weltkrieg. Über 100 000 Brandbomben wurden von deutschen Piloten über der Stadt abgeworfen, mit so verheerenden Folgen, dass man vom Second Great Fire of London spricht. Schätzungsweise 160 Menschen starben bei dem Angriff, viele weitere erlagen in den folgenden Tagen ihren Brandverletzungen. Ganze Straßenzüge und viele alte Gebäude, darunter 19 Kirchen, wurden komplett zerstört, auch die St Paul’s Kathedrale wurde beschädigt, durch den beherzten Einsatz der St Paul’s Watch konnte das durch Brandbomben ausgelöste Feuer aber schnell gelöscht werden.

Besonders hart traf der Fliegerangriff die umliegenden Straßen der Kathedrale, wo sich das britische Verlagswesen angesiedelt hatte. In der Paternoster Row befanden sich Lagerhäuser für Bücher, die fast alle verbrannt wurden, an die fünf Millionen sollen es gewesen sein.
Die Löscharbeiten wurden dadurch erschwert, dass die Themse zur Zeit des Angriffs Niedrigwasser hatte und so die Feuerwehren über nicht genügend Löschwasser verfügten, zumal auch eine der Wasserhauptversorgungsleitungen gebrochen war. Durch den tatkräftigen Einsatz vieler Freiwilliger konnten noch größere Schäden vermieden werden.

Hier ist ein Film über das zweite große Feuer in London.

Ich frage mich immer, was wohl in den Köpfen der Piloten vorgegangen sein mag, als sie ihre Bombenlast über London abließen, in vollem Bewußtsein, dass durch sie Menschen ihre Leben verloren und Kulturgüter zerstört wurden. Hat sie das kalt gelassen oder haben sie vielleicht doch nachträglich darunter gelitten?

Das Buch zum Artikel:
David Johnson: City Ablaze – Second Great Fire of London, 29th December, 1940. William Kimber 1980. 217 Seiten. ISBN  978-0718302672.

Published in: on 28. Januar 2019 at 02:00  Comments (2)  
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Die Bevin Boys – Junge Bergwerksarbeiter im Zweiten Weltkrieg

Bevin Boys bei der Ausbildung in einer Kohlegrube.
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Junge Männer im wehrfähigen Alter, die im Zweiten Weltkrieg ohne Uniform im eigenen Land angetroffen wurden, mussten sich manchmal so einiges anhören. Da fielen schon einmal Worte wie Drückeberger oder Feigling. Mit dieser Situation wurden damals auch Männer konfrontiert, die eigentlich lieber an die Front gegangen wären, die man aber zwangsweise stattdessen als Bergarbeiter einsetzte. Als Bevin Boys wurden sie bezeichnet, da der damalige Arbeitsminister Ernest Bevin beschloss, jeden zehnten Wehrpflichtigen nicht als Soldat sondern als Grubenarbeiter einzusetzen. Viele Bergleute kämpften damals an der Front, was dazu führte, dass der Nachschub an Kohle, die für die Industrie lebenswichtig war, nicht mehr ausreichte. Frauen, die häufig in Fabriken die Arbeit der Männer übernommen hatten, kamen für die körperlich schwere Arbeit unter Tage nicht in Frage, also mussten einige der jungen Männer ran. Die Auswahl erfolgte nach dem Losverfahren. Einmal pro Woche wurde eine Zahl von 0 bis 9 gezogen, und wenn diese Zahl mit der letzten Ziffer auf der  National Service registration number übereinstimmte, musste derjenige in ein Bergwerk und dort Kohle abbauen. Nach einem sechswöchigen Crashkurs ging es los. Die meisten übernahmen nur widerwillig diese Tätigkeit und hätten lieber ihrem Land an der Front gedient, wobei ihre Überlebenschancen dort wahrscheinlich geringer gewesen wären.

Nach Beendigung des Krieges wurde der Einsatz der Bevin Boys kaum gewürdigt, obwohl sie auch ihren Anteil am Sieg gegen Deutschland geleistet hatten. Es dauerte tatsächlich bis zum Jahr 1995 als die Königin in einer Rede die Verdienste der Bevin Boys erwähnte, und noch einmal zwölf Jahre vergingen, bis Premierminister Tony Blair ankündigte, ihnen die Veterans Badge zu verleihen. Im Jahr 2013 schließlich wurde auf dem Gelände des National Memorial Arboretums (ich berichtete in meinem Blog darüber) in Alrewas in Staffordshire ein Denkmal für sie errichtet, das die Herzogin von Wessex enthüllte.

Prominente Bevin Boys waren beispielsweise der Comedian Eric Morecambe (1926-1984) und der DJ Jimmy Savile (1926-2011).

Dieser Film zeigt einige Bevin Boys in der Kohlegrube von Chislet in Kent, die 1969 geschlossen wurde.

Das Buch zum Artikel:
Tom Hickman: Called Up, Sent Down – The Bevin Boys‘ War. The History Press 2010. 268 Seiten. ISBN 978-0752457499.

Ernest Bevin.
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Das Bevin Boys Denkmal im National Memorial Arboretum.
Photo © David Dixon (cc-by-sa/2.0)

Published in: on 25. Januar 2019 at 02:00  Comments (2)  
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„In Limehouse“ – Der britische Premierminister Clement Attlee (1883-1967) als Dichter

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Der 1883  in Putney im Südwesten Londons geborene Clement Attlee war einer der Vorgänger von Theresa May; er hatte das Amt des Premierministers von 1945 bis 1951 inne und war Nachfolger von Winston Churchill, der ihm auch wieder ab 1951 im Amt folgte. Attlee gehörte der Labour Party an. Kurz nach dem Ersten Weltkrieg wurde er Bürgermeister vom Londoner Stadtteil Stepney, einem heruntergekommenen Problemviertel. Ab 1922 war er Member of Parliament für den Wahlbezirk Limehouse, der in Stepney lag.

In diesem Jahr betätigte sich Clement Attlee als Dichter, denn er verspürte den Drang, das Elend und die Hoffnungslosigkeit der Menschen in seinem Wahlbezirk in Form eines Gedichts zum Ausdruck zu bringen. Er nannte es kurz „In Limehouse“ und es wurde in der Zeitschrift „Socialist Review“ abgedruckt, deren Herausgeber Ramsay McDonald war, Premierminister 1924 und von 1929 bis 1935.

In seinem Gedicht schreibt er von London als grausamer Stadt, die kein Mitleid mit den Menschen kennt, die in ihr ein erbärmliches Leben führen (…“The grey and cruel City, Through streets that have no pity The streets where men decay„). Er fragt sich wie Kinder, die heute nichts zu essen haben, einmal die Arbeitskräfte von morgen sein sollen. Mütter weinen über ihre Babies, die sterben und er träumt von einer Zukunft

When evil time shall perish and be driven clean away,
When father, child and mother
Shall live and love each other,
And brother help his brother
In happy work and play„.

Hier ist der vollständige Text des Gedichts.

Clement Attlee unternahm während seiner Zeit als Premierminister einiges, um diesen desolaten Zustand zu beseitigen, indem er zahlreiche Reformen durchführte, so gründete er u.a. den National Health Service (NHS) und verabschiedete den National Insurance Act.

Eine Statue des ehemaligen Premierministers wurde im Jahr 1988 in der Commercial Road vor der Limehouse Library errichtet, die inzwischen geschlossen wurde. 2011 bekam sie einen neuen Standort auf dem Gelände des Queen Mary College.

Die Statue von Clement Attlee in Limehouse.
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Die Narrow Street in Limehouse.
Photo © Malc McDonald (cc-by-sa/2.0)

Published in: on 18. Januar 2019 at 02:00  Kommentar verfassen  
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Altrinchams Chapel Street – Englands tapferste Straße im Ersten Weltkrieg

Altrincham (Greater Manchester) ist eine kleine Marktstadt südwestlich von Manchester, in jenem Speckgürtel gelegen, in dem sich wohlhabende Fußballspieler, Schauspieler und Medienleute angesiedelt haben. Im Ersten Weltkrieg war König George V. besonders stolz auf diese Stadt, genauer gesagt auf eine kleine Straße in Altrincham, die Chapel Street. Es handelte sich dabei um eine Sackgasse mit etwa 60 kleinen Reihenhäusern, in denen 400 Menschen wohnten, vorwiegend mit irischem Hintergrund, aber auch Schotten, Waliser und Italiener mit ihren Familien. Als der Erste Weltkrieg ausbrach, meldeten sich 161 Männer aus der Chapel Street zum Militärdienst, um in den Schützengräben Frankreichs und Belgiens oder in anderen Regionen Europas für ihr Land zu kämpfen. George V. war so beeindruckt, als er davon hörte, dass er die Straße „bravest little street in England“ nannte. Leider kamen nicht alle Männer nach Altrincham zurück, 29 von ihnen waren gefallen und 20 erlagen nach ihrer Heimkehr ihren schweren Kriegsverletzungen. Als der Krieg zu Ende war, breitete sich Armut in der Chapel Street aus, da in vielen Familien der Brotverdiener nicht mehr da war. Jemand, der sich besonders für die Witwen und Waisen einsetzte, war Reverend Hewlett Johnson, der sich allerdings bei einigen Bewohnern Altrinchams auch unbeliebt machte, weil er deutschen Kriegsgefangenen, die dort in Arbeitslagern gestorben waren, eine würdige Beerdigung zukommen ließ.

Heute erinnert in der Chapel Street, die nur noch aus wenigen Metern Pflastersteinen besteht und von der Regent Road abgeht, eine Plakette an die tapferen Männer. Sie ist an der Außenmauer des Thai-Restaurants Phantong angebracht, gegenüber liegt ein Toilettenhäuschen. Das ist alles, was von der „bravest little street in England“ übriggeblieben ist.

Das Buch zum Artikel:
Sheila Brady: Chapel Street – the „bravest little street in England“: The History Press 2017. 256 Seiten. ISBN 978-0750970426.

Published in: on 5. Dezember 2018 at 02:00  Comments (1)  
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Benito Mussolini und sein erster und letzter Besuch in London im Jahr 1922

Das Londoner Claridge’s Hotel in der Brook Street.
Photo © Mr Biz (cc-by-sa/2.0)

Benito Mussolini (1883-1945) war im Jahr 1922 gerade erst Ministerpräsident geworden, als ihn eine Dienstreise nach London führte, wo sich die Alliierten trafen, um über die Reparationszahlungen Deutschlands nach dem Ersten Weltkrieg zu beraten. Mussolini und seine Entourage kamen am 9. Dezember in London an und stiegen im Luxushotel Claridge’s in der Brook Street ab und das erste was der Italiener tat, war sich darüber zu beschweren, dass die französische Delegation, die ebenfalls in dem Hotel wohnte, die besseren Zimmer bekommen hätte, wodurch er sich bei der Hotelleitung nicht gerade beliebt machte. Mussolini war schon damals ein sehr herrischer Mensch gewesen und gehörte nicht in die Kategorie „Angenehme Zeitgenossen“.

Sein Interesse an dem Thema der Konferenz schien nicht sehr ausgeprägt gewesen zu sein, denn er fand es viel interessanter, sich von seinen Schwarzhemden feiern zu lassen, die bei jeder sich bietenden Gelegenheit die „Giovinezza“ sangen, die Hymne der faschistischen Bewegung Italiens, deren Londoner Büro in der Noel Street 25 im Stadtteil Soho Mussolini auch besuchte. Hier sind einige historische Bilder.

Auf einer Pressekonferenz fehlte der Italiener ganz, denn er hatte Besseres zu tun; er amüsierte sich stattdessen in seinem Hotelzimmer mit einer Prostituierten. Was Mussolini überhaupt nicht gefiel, war das Londoner Wetter, das sich im Monat Dezember meistens nicht von seiner besten Seite zeigt. Der ständig vorherrschende Nebel ging ihm dermaßen auf die Nerven, dass er sich schwor, nie wieder einen Fuß auf englischen Boden zu setzen, einen Schwur, den er auch einhielt. Ich glaube, dass diejenigen, die mit ihm damals in London zu tun hatten, ihm keine Träne nachweinten und insgeheim „Good Riddance!“ sagten.

 

Published in: on 20. November 2018 at 02:00  Kommentar verfassen  
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Cadbury Angels – Die „Schokoladenfrauen“ im Ersten Weltkrieg

Ein Firmengebäude in Bournville.
Photo © Fabian Musto (cc-by-sa/2.0)

In vielen Teilen Europas wird zur Zeit an das Ende des Ersten Weltkriegs im Jahr 1918 gedacht, das nun hundert Jahre zurückliegt. So liegt es auf der Hand, auch einmal an die sogenannten Cadbury Angels zu erinnern, die ihren Teil an der Unterstützung der Soldaten an der Front beitrugen. Cadbury war damals (und auch heute noch) einer der größten Schokoladeproduzenten in Großbritannien mit Sitz in Bournville, südlich von Birmingham. Auf einem großen Areal standen und stehen noch die Produktionshallen und ein angrenzendes Model Village, das die Firmenbesitzer für ihre Arbeiterinnen und Arbeiter gebaut hatten. Da im Verlauf des Ersten Weltkriegs immer mehr Männer an die Front beordert wurden, mussten Frauen deren Arbeitsplätze einnehmen, so auch bei der Firma Cadbury. Auf Grund ihrer weißen Arbeitskleidung erhielten sie den Namen Cadbury Angels, und sie hatten bald die Gelegenheit ihrem Namen Taten folgen zu lassen. Es handelte sich überwiegend um junge Frauen, denn die Geschäftsführung von Cadbury sah vor, dass Frauen, sobald sie verheiratet waren, die Firma verlassen mussten, weil sie der Meinung war, dass verheiratete Frauen sich um Haus und Kinder kümmern sollten.

Die Angels unterstützten die Männer an der Front, indem sie Pakete für sie packten, in denen neben Cadbury-Schokolade auch selbst gestrickte Kleidung und Bücher zu finden waren, begleitet von einem Brief, in dem die Frauen Grüße an die Front schickten. Rund 30 000 dieser Pakete sind damals gepackt und verschickt worden. Einige der Cadbury Angels betätigten sich auch noch auf einem anderen Feld und zwar als Krankenschwestern, denn die Cadburys hatten zwei Gebäude auf ihrem Gelände zur Verfügung gestellt, um dort verwundete Soldaten zu behandeln und zu pflegen.

Die Cadbury Angels hatten bewiesen, dass auch Frauen „ihren Mann stehen konnten“ und durch ihren Einsatz veränderten sich auch die Rechte der Frauen an ihren Arbeitsplätzen zum Positiven. Hier ist ein Film über die Angels.

Die Schokoladenfirma aus Bournville hat in diesem Jahr den Commemorative Cadbury Dairy Milk Bar auf den Markt gebracht, einen Schokoriegel, von dessen Erlös die Royal British Legion einen gewissen Teil erhält.

Wer sich für Schokolade interessiert, sollte einmal die Cadbury World in Bournville aufsuchen, eine der Besucherattraktionen im Raum Birmingham.

Hier geht es zur Cadbury World.
Photo © Oliver Mills (cc-by-sa/2.0)

Published in: on 13. November 2018 at 02:00  Comments (1)  
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Hitler’s Black Book – Eine Sammlung von Adressen missliebiger Menschen in Großbritannien, die die Nazis eliminert haben wollten

Das Senate House an der Malet Street in London, das für die Nazi-Hauptverwaltung vorgesehen war.
Photo © kim traynor (cc-by-sa/2.0)

Der Größenwahn Adolf Hitlers und seiner Regierung umfasste immer wieder auch eine Invasion Großbritanniens, die Gott sei Dank nie zustande kam. Wie weit die Pläne schon gediehen waren, zeigt sich daran, dass man sich schon bestimmte Gebäude ausgeguckt hatte, die man mit deutschen Besatzern belegen wollte. Das Nazi-Hauptquartier sollte das Senate House werden, das jetzt die University of London beherbergt. Für seine eigenen Büros in London soll sich Hitler das Ibex House am Tower Hill ausgesucht haben. Das Eton College war verplant, um dort die Kinder von Nazi-Größen und Offizieren zur Schule gehen zu lassen, und viele Stately Homes und Landhäuser waren vorgesehen, um dort Generäle und Parteiführer unterzubringen.

Weiterhin wollte man nach der Invasion in großem Stil missliebige Menschen auf der Insel aus dem Verkehr ziehen und verhaften; diese waren in der sogenannten Sonderfahndungsliste G.B. erfasst, die in Großbritannien Hitler’s Black Book bezeichnet wurde. Minutiös waren darin deren Namen, Geburtsdaten, Berufe und, wenn bekannt, die Adressen aufgelistet; zusätzlich gab es einen Vermerk, welche Referate des Reichssicherheitshauptamtes an der jeweiligen Person interessiert waren. 2820 Positionen umfasste Hitler’s Black Book, darunter waren Leute aus der hohen Politik, aber auch viele Kulturschaffende, Journalisten und Emigranten. Sehen wir uns einige dieser auf der Fahndungsliste stehenden an:

Winston Churchill stand natürlich darauf, angegeben mit seinem Wohnsitz Chartwell House bei Westerham in Kent. Interessiert an seiner Verhaftung war das Amt VI A (Allgemeine auslandsnachrichtendienstliche Aufgaben), das ab 1942 SS-Brigadeführer und Generalmajor der Polizei Walter Schellenberg unterstellt war.

Die „Dienststelle Dr. Wilfried Krallert“ (Referat VI G) wollte den Schriftsteller und Schauspieler Noël Coward einkassieren, der damals für den britischen Inlandgeheimdienst arbeitete und den Nazis ein Dorn im Auge war.

Den jüdischen Schriftsteller Stefan Zweig wollten die Nazis nach einer Invasion schnell aus dem Verkehr ziehen, was auch für den britisch-jüdischen Verleger und Hitlerhasser Victor Gollancz galt, an dessen Verhaftung ebenfalls das Referat VI G Interesse bekundete.

Weiterhin standen im Black Book: Der Physiker Wolfgang Berg, der französische General Charles de Gaulle, der Bildhauer Jacob Epstein, die Schriftsteller Edward Morgan Forster, Aldous Huxley und Herbert George Wells, der Philosoph Bertrand Russell und der Politiker und spätere Premierminister Harold Macmillan.

Das ist nur ein winzig kleiner Auszug aus der Sonderfahndungsliste G.B. Wäre es tatsächlich zu einer deutschen Invasion gekommen, hätten wohl die meisten der im Black Book genannten Personen nicht lange überlebt.

Das in den 1930er Jahren gebaute Ibex House, mit der Adresse 42-47 The Minories, in der City of London sollte Hitlers Büros beherbergen.
Photo © Julian Osley (cc-by-sa/2.0)

Published in: on 15. Oktober 2018 at 02:00  Kommentar verfassen  
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Die Katastrophe in der Londoner U-Bahnstation Bethnal Green am 3. März 1943

Das Bethnal Green Memorial Stairway to Heaven.
Photo © Richard Rogerson (cc-by-sa/2.0)

An der Londoner U-Bahnstation Bethnal Green, im Bethnal Green Garden, steht das Monument Stairway to Heaven, geschaffen von Harry Paticas, das in diesem Jahr sowohl mit dem RIBA London Award als auch mit dem RIBA National Award ausgezeichnet worden ist. Das Denkmal erinnert an die Opfer des tragischen Unglücks vom 3. März 1943, bei dem binnen weniger Minuten 173 Menschen zu Tode kamen.
Es ereignete sich in der U-Bahnstation Bethnal Green an der Cambridge Heath Road im Stadtteil Bethnal Green. Neben den Toten gab es noch viele Verletzte, die in die umliegenden Krankenhäuser eingeliefert wurden und wie viele Menschen ihr Leben lang ein Trauma erlitten, ist nicht bekannt. Kurz nach 20 Uhr ertönten an diesem Tag die Sirenen und warnten vor einem bevorstehenden Luftangriff. Die Menschen gingen zu der U-Bahnstation, die noch gar nicht fertig war und noch keine Geleise hatte, aber als Luftschutzbunker diente. Bis dahin lief noch alles ganz ruhig ab; der Eingang zur U-Bahn hatte aber einige Tücken: Es gab zwar seitliche Handläufe, aber keinen in der Mitte, er war nur schwach beleuchtet, die Stufen waren uneben, so dass man darauf leicht abrutschen konnte, und es gab niemanden, der dort Aufsicht führte. Als es plötzlich einen extrem lauten Knall gab, dachten alle, dass jetzt eine Bombe eingeschlagen hatte, und es machte sich Panik breit. Die Schutzsuchenden stürzten sich in den engen Eingang und dann geschah es: Jemand fiel auf der Treppe hin und die nachfolgenden Männer, Frauen und Kinder wurden von der Masse zu Tode getrampelt. Es müssen sich dort unten dramatische Szenen abgespielt haben.

Später kam heraus, dass es sich bei dem lauten Knall nicht um eine Bombe gehandelt hatte, die von einem Flugzeug der deutschen Luftwaffe abgeworfen worden war, sondern um ein neuartiges Flugabwehr-Raketensystem namens Unrotated Projector, das im Victoria Park, nur einige hundert Meter entfernt, eingesetzt wurde.

Eigenartigerweise hielten die Behörden das Unglück 36 Stunden lang geheim (soweit man eine Katastrophe diesen Ausmaßes überhaupt geheim halten kann), und man vermutete, dass da irgendetwas vertuscht werden sollte.

Neben dem Stairway to Heaven-Denkmal erinnert noch eine Plakette an die vielen Opfer, die 50 Jahre nach dem Unglück im Jahr 1993 im Treppenhaus der U-Bahnstation Bethnal Green angebracht wurde, dort, wo die Menschen zu Tode gekommen waren.

Dieser Film dokumentiert das Geschehen an diesem denkwürdigen Tag und lässt Zeitzeugen zu Wort kommen.

Der Eingang zur U-Bahnstation Bethnal Green. Hier ereignete sich die Katastrophe am 3. März 1943. Die Erinnerungsplakette ist oben links an der Stirnseite der Mauer zu sehen
Photo © Stephen McKay (cc-by-sa/2.0)

Der Bahnsteig von Bethnal Green heute.
Photo © Mike Quinn (cc-by-sa/2.0)

Published in: on 7. Oktober 2018 at 02:00  Kommentar verfassen  
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Sir Winston Churchills Spielzeugladen in Whitchurch (Buckinghamshire)

Die High Street von Whitchurch. Links hinter der Mauer liegt The Firs, rechts The White Swan.
Photo © Colin Pyle (cc-by-sa/2.0)

MD1, oder auch Ministry of Defence, 1 war im Zweiten Weltkrieg eine geheim gehaltene Einrichtung, in der hoch spezialisierte Männer ungewöhnliche Waffen entwickelten, die gegen Deutschland eingesetzt werden sollten. Die zentralen Figuren von MD 1 waren Millis Rowland Jefferis und Robert Stuart Macrae. Sir Winston Churchill interessierte sich sehr für das, was da hinter verschlossenen Türen alles ausgetüffelt wurde, denn Jefferis und Macrae ware außerordentlich findige Männer. So wurde MD 1 auch Churchill’s Toy Shop genannt, zuerst in London angesiedelt, doch nach den Bombenangriffen auf die Stadt ging die Abteilung nach Whitchurch in Buckinghamshire, einige Kilometer nördlich von Aylesbury. Dort wurde ein Haus namens The Firs an der High Street requiriert, das gut verborgen hinter einer Mauer und hohen Bäumen lag. The Firs, ein sehr schönes großes Fachwerkhaus, steht noch heute in Whitchurch, gegenüber vom Dorfpub The White Swan.

Zu Spitzenzeiten arbeiteten bis zu 250 Menschen bei MD 1 und was dachten sich diese Spezialisten hier in der Idylle von Whitchurch nicht alles für Waffen aus:

Am bekanntesten war wohl die Sticky Bomb, eine Art Handgranate, die gegen Panzer eingesetzt werden sollte. Gegen den Widerstand des Kriegsministeriums setzte sich Churchill für diese Waffe ein, die in Stückzahlen von etwa 2,5 Millionen hergestellt wurde.

Die W-Bomb war für den Einsatz in Flüssen geplant, wo sie knapp unter der Wasseroberfläche ihre Ziele suchte. Auf dem Rhein verursachten diese Waffen schwere Schäden bei Schiffen und Brücken.

Weniger bekannt, aber äußerst unangenehm, war The Castrator, eine mit Patronen gefüllte Röhre, die in den Boden eingelassen wurde. Wenn ein Soldat darauf trat, wurde das Geschoss ausgelöst und traf genau auf die empfindlichsten Teile des Mannes.

The Great Eastern, eine mobile, von Panzern selbst gelegte Brücke, bei der Raketen zum Einsatz kamen.

Sir Winston hatte seine helle Freude an diesen technischen Neuerungen, die in seinem Toy Shop entwickelt wurden. In dieser Dokumentation kann man sich das alles noch einmal ansehen.

Stuart Macrae hat ein Buch über das Thema geschrieben: „Winston Churchill’s Toy Shop: The Inside Story of Military Intelligence (Research)„, 2012 bei Amberley Publishing erschienen.

Heute ist in The Firs in Whitchurch die Firma Plenham Limited untergebracht, „Publishing of consumer and business journals and periodicals“, die u.a. das Bodyshop Magazine herausgibt.

Eine der Erfindungen von MD 1: The Sticky Bomb.
This work created by the United Kingdom Government is in the public domain.

 

Published in: on 4. Oktober 2018 at 02:00  Kommentar verfassen  
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Down Ampney in Gloucestershire und die „Fliegenden Nachtigallen“

Überreste des Militärflugplatzes in Down Ampney, von wo aus die Flying Nightingales starteten und landeten.
Photo © Brian Robert Marshall (cc-by-sa/2.0)

RAF Down Ampney war ein Stützpunkt der Royal Air Force im Zweiten Weltkrieg, der heute nicht mehr existiert. Der Flughafen lag neben dem Dorf Down Ampney, dessen berühmtester Sohn der Komponist Ralph Vaughan Williams ist, der hier am 12. Oktober 1872 als drittes Kind des örtlichen Vikars geboren wurde. Neben den beiden anderen Stützpunkten der RAF Air Ambulance Unit in Broadwell bei Burford und Blakehill Farm bei Cricklade, war RAF Down Ampney der Start- und Landeplatz für eine Gruppe von Krankenschwestern, die die „Flying Nightingales“ genannt wurde. Rund 200 dieser mutigen Frauen flogen an Bord von Dakota-Transportflugzeugen von hier aus über den Ärmelkanal nach Frankreich, wo heftige Kämpfe tobten, bei denen unzählige Soldaten getötet und verletzt wurden. Auf den Schlachtfeldern versorgten sie die schwer verletzten britischen Soldaten, unter Einsatz ihres eigenen Lebens, und transportierten sie in die bereit stehenden Dakotas, um sie nach Down Ampney zurückzufliegen.

Die Flying Nightingales waren Freiwillige, die in einem Crashkurs alles Nötige erlernten, um Verletzten erste Hilfe leisten zu können. Die jungen Frauen wurden bei ihrer gefährlichen Arbeit mit grauenvollen Verletzungen konfrontiert, deren Anblick sie sicher bis ans Ende ihres Lebens begleitet haben. Nach Ankunft in Down Ampney wurden die Soldaten auf Krankenhäuser verteilt, die sich auf bestimmte Verletzungsarten spezialisiert hatten. Brandverletzungen wurden beispielsweise im Odstock Hospital bei Salisbury in Wiltshire behandelt, dem heutigen Salisbury District Hospital, in dem die beiden im März diesen Jahres bei einem Giftanschlag fast ums Leben gekommenen Sergei und Yulia Skripal untergebracht worden waren.

Die Flying Nightingales haben schätzungsweise über 100 000 verletzte Soldaten von Frankreich nach England gebracht, doch ihre Arbeit blieb in den Geschichtsbüchern weitgehend unberücksichtigt. Erst im Jahr 2008 erhielten die wenigen noch lebenden Nachtigallen aus der Hand der Herzogin von Cornwall eine Auszeichnung für ihr Lebenswerk.

Jedes Jahr im September findet in der All Saints Church in Down Ampney ein Gedenkgottesdienst statt, bei dem das Lied „Come Down o Love Divine“ zur Melodie von Ralph Vaughan Williams‘ „Down Ampney“ gesungen wird, hier zu hören.

In diesem Film kommen überlebende Flying Nightingales zu Wort.

Ein Dakota-Transportflugzeug.
Photo © Evelyn Simak (cc-by-sa/2.0)

All Saints Church in Down Ampney.
Photo © Robin Webster (cc-by-sa/2.0)

Ein Kirchenfenster in All Saints zur Erinnerung an die Männer und Frauen, die von RAF Down Ampney aus in den Krieg zogen.
Photo © Vieve Forward (cc-by-sa/2.0)

Published in: on 19. August 2018 at 02:00  Comments (2)  
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Colne Valley in West Yorkshire – Ein Wahlkreis, der einmal zwei ungewöhnliche Abgeordnete ins Londoner Parlament geschickt hat

 

Marsden im Colne Valley.
Photo © Humphrey Bolton (cc-by-sa/2.0)

Das Colne Valley in West Yorkshire spielte während der Industriellen Revolution eine bedeutende Rolle, weil hier die Textilindustrie vorherrschend war. Schon lange trägt man in Großbritannien keine Kleidung mehr, die hier hergestellt wird; der Ferne Osten ist allmächtig geworden.

Thelma Walker vertritt diesen Wahlkreis, der sich in der Nähe von Huddersfield befindet, seit dem 8. Juni 2017 im Parlament in London. Soviel ich weiß, ist das Verhalten der Labour-Abgeordneten im Unterhaus unauffällig. Zwei ihrer Vorgänger zu Beginn des 20. Jahrhunderts waren da ganz anders.
Colne Valley MP Victor Grayson vertrat diesen Bereich von West Yorkshire von 1907 bis 1910; er war Mitglied der Independent Labour Party und besiegte bei Nachwahlen im Jahr 1907 die Kandidaten der Liberals und der Torys. So zog Mr. Grayson nach London…und wurde selten einmal im House of Commons gesehen, und auch die Reden des Hinterbänklers waren rar. Aufmerksamkeit erregte der Mann aus Yorkshire einmal, als im Unterhaus über Ausschankgesetze debattiert wurde, er aber zum Thema Arbeitslosigkeit sprach. Unklar war damals, ob das mit seiner Überzeugung zu tun hatte, dass Letzteres wesentlich wichtiger war als Ersteres, oder ob er einfach einen über den Durst getrunken hatte, denn Victor Grayson hatte ein Alkoholproblem. Bei den Parlamentswahlen im Januar 2010 wollte man den Mann im Colne Valley nicht mehr haben; er verlor seinen Sitz im Unterhaus. In der Zeit danach, machte er von sich reden, als er herausfand, dass der Premierminister David Lloyd George sich bereicherte, indem er über einen Strohmann Ehrentitel verkaufte. Dadurch stieg sein Beliebtheitsgrad in bestimmten, einflussreichen Kreisen nicht gerade an. Und dann, am 28. September 1920, verschwand Victor Grayson und wurde nie wieder gesehen. Wurde er ermordet, weil er sich mit den Mächtigen in der Regierung angelegt hatte? Wir werden es wohl nie erfahren.

Graysons Nachfolger als MP für den Wahlkreis Colne Valley war ein Liberaler, Charles Leach, ein gelernter Schuhmacher mit dem Hang zum Predigen für die Methodist New Connexion, eine methodistische Freikirche. Leach, ein Yorkshireman, der 1847 in der Nähe von Halifax geboren wurde, war im Parlament aktiver als sein Vorgänger und engagierte sich u.a. für die Themenbereiche Frauenrechte und Krankenversicherung für Industriearbeiter. Dann ging es gesundheitlich mit Chales Leach bergab; er erlitt einen Nervenzusammenbruch, sein Verhalten im Parlament nahm bizarre Züge an, so dass sich der Speaker gezwungen sah, den Lunacy Act aus dem Jahr 1886 anzuwenden, ein Gesetz, das bestimmte, dass psychisch kranke Abgeordnete ihren Sitz verlieren. Das war das erste und einzige Mal in der Geschichte des britischen Parlaments, dass ein MP auf diese Weise gehen musste. Alle weiteren späteren Abgeordnete für den Wahlkreis in West Yorkshire sollten nicht mehr negativ auffallen.

Published in: on 21. Juni 2018 at 02:00  Kommentar verfassen  
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„Well, he would, wouldn’t he?“

Mandy Rice-Davies
Source: Nationaal Archief.
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Im Oxford Dictionary of Quotations findet man das Zitat „Well, he would, wouldn’t he?“ (oder auch Well, he would say that, wouldn’t he?“), das auf Mandy Rice-Davies (1944-2014) zurückgeht und das während einer Gerichtsverhandlung im Juli 1963 im Londoner Old Bailey gesagt worden ist. Auf Deutsch salopp übersetzt „Klar, dass er das sagen würde, oder?“

Mandy Rice-Davies war Anfang der 1960er Jahre eine unternehmungslustige junge Dame, die Wikipedia bezeichnet sie als „showgirl“, die keine Probleme damit hatte, mit vielen Männern ins Bett zu steigen. Sie war eine Freundin der zwei Jahre älteren Christine Keeler (1942-2017), die ebenfalls gern Sex mit Herren der höheren Gesellschaftsschichten hatte. Christine traf 1961 bei einer Poolparty auf dem Landsitz von Lord Astor, Cliveden in Buckinghamshire, den damaligen britischen Verteidigungsminister John Profumo, der sich sofort in die 27 Jahre jüngere Frau verliebte und eine kurze Affäre mit ihr begann. Dummerweise hatte Christine Keeler gleichzeitig auch eine Affäre mit dem russischen Marineattaché Jewgeni Iwanow. Als John Profumos Affäre öffentlich wurde, bedeutete das das Ende seiner Karriere, und er trat als Verteidigungsminister zurück, wobei er gleichzeitig die Regierung Harold Macmillans schwer belastete

In Cliveden war auch häufig der Arzt Stephen Ward anzutreffen, eine schillernde Figur, der als Zuhälter von Christine Keeler und Mandy Rice-Davies galt und mit den Astors befreundet war. Stephen Ward wurde wegen Zuhälterei vor Gericht gestellt und bei der Verhandlung kam auch die Behauptung von Mandy Rice-Davies zur Sprache, sie hätte Sex mit Lord Astor gehabt. Als der Anwalt Astors Mandy zu verstehen gab, sein Mandant würde diese Behauptung kategorisch zurückweisen, fielen die inzwischen berühmten Worte der jungen Dame „Well, he would, wouldn’t he?„. Sicherlich aus der Situation heraus entstanden und nicht einstudiert.

Mandy Rice-Davies nahm übrigens auch einmal eine Schallplatte in deutscher Sprache auf, heute wohl kaum noch bekannt: „Auf die große Liebe“ und „Hey Mr Robinson„.

Dieser Film fasst die Vorgänge aus den frühen 1960er Jahren noch einmal zusammen.

Wer sich intensiver mit der Profumo-Affäre beschäftigen möchte, dem sei dieses Buch empfohlen.

Cliveden House, jetzt Luxushotel. Hatte Mandy Rice-Davies mit dem damaligen Besitzer Sex oder nicht?
Eigenes Foto.

 

Published in: on 14. Juni 2018 at 02:00  Comments (7)  
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Chopwell (Tyne and Wear) – Eine ehemalige Bergarbeiterstadt, die Klein-Moskau genannt wurde

Die Lenin Terrace in Chopwell.
Photo © Anthony Foster (cc-by-sa/2.0)

Chopwell, ein kleiner Ort, dessen Wohlergehen früher einmal komplett von der Kohleförderung abhing, liegt im äußersten Westen des Metropolitan County Tyne and Wear im Nordosten Englands. So arbeiteten die meisten Männer unter Tage, eine harte Arbeit, die zudem nicht besonders üppig bezahlt wurde. Im Jahr 1926 kam es landesweit zu Generalstreiks, natürlich auch in Chopwell, weil die Bergarbeiter geringere Löhne bekommen und auch noch länger arbeiten sollten. Absolut verständlich, dass die Betroffenen auf die Barrikaden gingen. Die Kohleförderung wurde eingestellt, wobei die Arbeitgeber von einem Streik sprachen, die Gewerkschaften von einer Aussperrung. Schnell kam Chopwell in den Ruf, kommunistisch unterwandert zu sein; so sahen es zumindest einige der eher rechts orientierten Zeitungen des Landes. 1924 hatte die lokale Bergarbeitervereinigung auf ihrer Fahne die Köpfe von Karl Marx und Lenin appliziert, dazu noch das Konterfei eines der Gründer der Labour Party, Keir Hardie. Der Union Jack wurde auf dem Dach der Gemeindeverwaltung durch die sowjetische Flagge ersetzt, und es heißt, dass man in der Kirche die Bibel durch die Werke von Karl Marx ausgetauscht hatte.

Um dieser angeblich kommunistischen Orientierung noch die Krone aufzusetzen, benannte man zwei neugebaute Straßen in Chopwell auch noch Marx Terrace und Lenin Terrace. Schnell wurde der kleine Ort landesweit als „Little Moscow“ bezeichnet und als „reddest village in England„.

Der Streik dauerte damals mehr als siebzehn Monate und den Bergarbeiterfamilien ging es richtig schlecht. Ohne das Einkommen der Bergleute war es fast nicht möglich zu überleben. So hatten die Männer keine andere Wahl, als schließlich doch nachzugeben und für längere Arbeitszeiten weniger Geld zu bekommen… Details über diese furchtbare Zeit zeigt dieser Film.

1966 schloss die Chopwell Colliery, weil die Kohlevorräte unter Tage aufgebraucht waren. Von da ab ging es dramatisch mit dem Ort bergab, da es hier nichts mehr zu verdienen gab. Viele Bewohner zogen weg und fast alle Institutionen und Vereine wurden geschlossen. Heute hat Chopwell noch rund 3000 Einwohner, von den Förderanlagen ist nichts mehr zu sehen, nur noch ein Gedenkstein und die Hälfte eines Förderrades erinnern an die Colliery.

Bergarbeiterhäuser in Chopwell.
Photo © Robert Graham (cc-by-sa/2.0)

Das Colliery Memorial.
Photo © Anthony Foster (cc-by-sa/2.0)

Published in: on 20. März 2018 at 02:00  Kommentar verfassen  
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Greenham Common in Berkshire – Der frühere Atomraketen-Stützpunkt gestern und heute

Demonstrierende Frauen im Jahr 1982.
Photo © ceridwen (cc-by-sa/2.0)

In den 1980er Jahren war der Name „Greenham Common“ in der ganzen Welt bekannt, obwohl sicher viele nicht wussten, wo der Ort eigentlich genau liegt (an den südlichen Außenbezirken der Stadt Newbury in Berkshire). In den Nachrichten und in den Medien wurde immer wieder von Protesten, Demonstrationen und Belagerungen dieses US-Militärstützpunktes in Berkshire berichtet. Ich fasse noch einmal kurz zusammen: Greenham Common diente schon im Zweiten Weltkrieg der US Air Force, um hier Kampf- und Transportflugzeuge zu stationieren. Auch nach dem Weltkrieg, in den Zeiten des Kalten Krieges, blieb der Stützpunkt in US-amerikanischer Hand. In den 1980er Jahren, als die Bedrohung aus dem Osten aus Sicht der NATO größer geworden war, entschied man sich dafür, mit Atomsprengköpfen versehene Cruise Missiles in Großbritannien zu stationieren, 96 davon hier auf dem Gelände von Greenham Common. Diese Raketen wurden in Spezialbunkern gelagert und waren auf Sattelzügen montiert, so dass die Marschflugkörper im Ernstfall in wenigen Minuten ihren Standort verlagern konnten, wobei ihr Weg dann durch die friedlichen Dorfstraßen von Berkshire geführt hätte.
Diese militärischen Maßnahmen und Strategien verursachten in der Bevölkerung eine bis dahin nie gekannte Unmutswelle. So etwas mochte eigentlich keiner vor seiner Haustür haben. Die Gefahr einer Katastrophe war groß, zum Beispiel durch den Transport der Cruise Missiles.

1981 bildete sich das Greenham Common Women’s Peace Camp, ja, es waren vor allem Frauen, die sich vehement gegen die Stationierung von Atomwaffen einsetzten. Sie blockierten die Zugänge zum Stützpunkt und 1983 bildeten die tapferen Frauen zweimal eine Menschenkette rund um Greenham Common (rund 23 Kilometer), die aus bis zu 70 000 Menschen bestand. Glücklicherweise kamen die Raketen nie zum Einsatz, 1991 wurden sie komplett von Greenham Common abgezogen, doch trotzdem blieb das Peace Camp hier noch bis zum Jahr 2000 bestehen; eine Protestlerin war 19 Jahre dabei. 1993 wurde die ganze militärische Anlage von der Royal Air Force geschlossen und aufgegeben. Es herrschte wieder Ruhe in Greenham Common.

Der Greenham and Crookham Commons Act aus dem Jahr 2002 regelte, was mit dem Ex-Militärgelände geschehen sollte und ein ganz wichtiger Satz darin lautet: „the public shall have a right of access to the Common and any additional open space on foot for the purpose of open-air recreation„. Die asphaltierte Landebahn, die längste in Europa, wurde aufgebrochen und das Material zum Bau einer Umgehungsstraße um Newbury herum verwendet. Es stehen noch vereinzelt Militärgebäude auf dem Gelände, auch die Raketensilos sind nach wie vor zu sehen. Der Greenham Business Park hat sich hier angesiedelt und statt grimmig dreinschauendem militärischem Wachpersonal begegnet man jetzt Radfahrern und Joggern, die Greenham Common wieder ganz für ihre friedlichen Zwecke vereinnahmt haben.

Dieser Film zeigt wie Greenham Common heute aussieht.

Greenham Common von oben gesehen.
Photo © M J Richardson (cc-by-sa/2.0)

 

Einer der Raketensilos.
Author: Donna from Belfast.
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Published in: on 12. Februar 2018 at 02:00  Comments (2)  
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The Legendary Ten Seconds und ihre Songs über King Richard III.

Richard III
Eigenes Foto.

Das ideale Weihnachtsgeschenk für Ricardianer, also die Anhänger des Königs Richard III, von denen es mehr gibt als man vermutet, ist ein Album der Folkrock-Gruppe The Legendary Ten Seconds. Mehrere Alben haben die Legendary Ten Seconds bereits aufgenommen, die aus Sir Ian of Churchward, Earl Robert of the Shroud, The Lord Zarquon und Earl Dave of Clifford bestehen. In ihrer Musik beschäftigt sich die Band mit den Themen Richard III und War of the Roses. „Loyaulte Me Lie“ (2013), „Tant Le Desiree“ (2014), „Richard III“ (2015) und „Sunnes and Roses“ (2016) heißen die Alben; „Murrey and Blue“ ist gerade im November erschienen.

Hören wir uns doch einmal einige Musikbeispiele an:

The King in the Car Park“ bezieht sich auf den Fundort, an dem Richards Skelett gefunden wurde, unter einem Parkplatz in Leicester.

In „The Court of King Richard“ geht es um den Hof des in der Schlacht von Bosworth gefallenen Königs.

In „How Do You Rebury a King?“ besingt die Band die Beerdigungsfeierlichkeiten, als Richard III im Jahr 2015 erneut in Leicester zu Grabe getragen wurde.

Und mein Favorit: Das Weihnachtslied „Middleham Castle on Christmas Eve„.

Der Parkplatz in Leicester, unter dem das Skelett von Richard III. gefunden wurde.
Eigenes Foto

Die letzte Ruhestätte von Richard III. in der Kathedrale von Leicester.
Photo © P L Chadwick (cc-by-sa/2.0)

Das Middleham Castle in North Yorkshire, wo Richard III. seine Kindheit verbrachte.
Photo © Richard Croft (cc-by-sa/2.0)

Das letzte Duell in England fand 1852 bei Englefield Green in Surrey statt

Priest Hill, nördlich von Englefield Green.
Photo © David Howard (cc-by-sa/2.0)

Ganz in der Nähe vom John F. Kennedy Memorial und der Magna Charta Island, dort, wo heute die A328 verläuft, die hier Priest Hill heißt, fand im Jahr 1852 das letzte tödlich verlaufende Duell auf englischem Boden statt. Nördlich des Ortes Englefield Green trafen zwei aus ihrem Heimatland Frankreich geflüchtete Männer aufeinander, der Revolutionär Emmanuel Barthélemy und der Marineleutnant Frederic Cournet. Angeblich soll Cournet Bemerkungen über Barthélemys Freundin gemacht haben, die diesem nicht passten, und so forderte er den Leutnant zum Pistolenduell heraus. Man einigte sich darauf, aus einem Abstand von vierzig Schritten aufeinander zu schießen, jeder hatte zwei Schüsse frei. Sollte keiner von beiden treffen, würden Schwerter zum Einsatz kommen. Cournet schoss daneben, dafür landete Barthélemy einen Volltreffer, nachdem seine Waffe zweimal versagt hatte. Cournet wurde tödlich verletzt und in das Gasthaus The Barley Mow nach Englefield Green gebracht, wo er an seinen Verletzungen starb. Sein Gegner hatte sich unterdessen mit seinen Sekundanten vom Acker gemacht und war nach London geflohen, wo ihn bald die Metropolitan Police festnahm. Vor Gericht wurde Barthélemy wegen Mordes angeklagt, kam aber mit einer Strafe wegen Totschlags davon. Nach wenigen Monaten gelangte er wieder auf freien Fuß. Ein Fehler, denn zwei Jahre später stand er wieder vor Gericht…wegen Mordes an seinem Arbeitgeber und an einem Mann, der ihn hindern wollte, den Schauplatz des Verbrechens zu verlassen. Dieses Mal kam Barthélemy aber nicht so glimpflich davon. Er wurde zum Tod durch den Strang verurteilt; ausgeführt am 22. Januar 1855 im Gefängnis von Newgate. Wäre es ein Trost für Emmanuel Barthélemy gewesen, wenn er gewusst hätte, dass man ihn in Madame Tussauds Wachsfigurenkabinett eine Zeit lang zur Schau gestellt hat?

Im Jahr 2010 wurde ein zwölfminütiger Film mit dem Titel „Le dernier duel“ produziert, in dem das Geschehen von Englefield Green noch einmal nachvollzogen wurde.

The Barley Mow in Englefield Green.
Photo © Basher Eyre (cc-by-sa/2.0)

Published in: on 9. Juni 2017 at 02:00  Kommentar verfassen  

Birtley (Tyne and Wear) – Eine Stadt im Norden Englands, in der sich einmal viele Belgier niedergelassen hatten

Das Stadtzentrum von Birtley.    © Copyright Oliver Dixon and   licensed for reuse under this Creative Commons Licence.

Das Stadtzentrum von Birtley.
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Am 4. August 1914 überfielen deutsche Truppen das neutrale Nachbarland Belgien und gingen dabei mit großer Brutalität vor. Allein im Monat August wurden mehr als 5000 Zivilisten getötet. Die Folge war eine große Fluchtwelle, die auch Großbritannien mit einbezog; rund 250 000 Belgier flüchteten über den Ärmelkanal und fühlten sich dort während des Ersten Weltkriegs sicher. Überall im Land entstanden Siedlungen, die für die belgischen Flüchtlinge erbaut wurden. Eine davon fand sich am Rand der Stadt Birtley, die damals zum County Durham gehörte, heute zum Metropolitan County Tyne and Wear. Wer die A1 nach Norden fährt, kommt direkt an Birtley vorbei; Antony Gormleys Angel of the North liegt nördlich des Ortes.

Die belgische Siedlung wurde damals Elisabethville genannt, nach Elisabeth Gabriele Valérie Marie Herzogin in Bayern, der Frau des belgischen Königs Albert I. Mehrere Tausend Flüchtlinge ließen sich hier nieder in einer Art „gated community“, in der es eine eigene Schule, eine Kirche, ein Krankenhaus, ein Postamt und mehrere Läden gab. Neben der Siedlung, oder Kolonie, wie Elisabethville auch genannt wurde, stand eine große Munitionsfabrik, in der viele der belgischen Flüchtlinge arbeiteten, denn es herrschte Personalmangel, da viele Männer aus Birtley und Umgebung als Soldaten abberufen worden waren. Neben der schweren Arbeit in der Fabrik fanden viele noch die Zeit, sich in Elisabethville kulturellen und sportlichen Aktivitäten zu widmen, und so gründete man u.a. ein Sinfonieorchester, Theatergruppen, einen Fußballverein und einen Schwimmclub.

Als der Erste Weltkrieg im Jahr 1918 zu Ende ging, war auch mit Elisabethville bald Schluss, denn die Belgier wollten so schnell wie möglich in ihre Heimat zurück. Zurück blieb eine Geisterstadt, in deren Häuser sich einige Obdachlose niederließen. Heute erinnert fast nichts mehr an die kurzlebige belgische Kolonie, die komplett abgerissen und durch neue Sozialbauten ersetzt wurde. Nur zwei Straßennamen in Birtley weisen noch auf diese Zeit im Ersten Weltkrieg hin: Die Elisabeth Avenue und der kurze Flanders Court.

Dieser Film erzählt die Geschichte der Birtley Belgians.

Der größte Arbeitgeber in Birtley ist heute die Firma Komatsu, die hier schwere Baumaschinen herstellt.

Das Buch zum Artikel:
John G. Bygate: Of Arms and the Heroes – The Story of the „Birtley Belgians“. History of Education Project 2006. 200 Seiten. ISBN 978-1870268448.

Birteys größter Arbeitgeber heute: Die Firma Komatsu.    © Copyright Barbara Carr and   licensed for reuse under this Creative Commons Licence.

Birtleys größter Arbeitgeber heute: Die Firma Komatsu.
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Published in: on 18. Januar 2017 at 02:00  Kommentar verfassen  
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St Michael’s Mount in Cornwall – Geplanter Wohnsitz des NS-Außenministers Joachim von Ribbentrop

St Michael's Mount bei Marazion in Cornwall.   © Copyright Mack McLane and licensed for reuse under this Creative Commons Licence.

St Michael’s Mount bei Marazion in Cornwall.
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Joachim von Ribbentrop (1893-1946) war von 1936 bis 1938 Botschafter des Deutschen Reichs in London. In diesen Jahren hatte er eine besondere Vorliebe für die Grafschaft Cornwall entwickelt, in die er mehrfach reiste. Seine Lieblingsorte waren das Tregenna Castle bei St Ives und St Michael’s Mount bei Marazion. Schon als Kind und als Heranwachsender besuchte er die Grafschaft im Südwesten Englands und Ribbentrop galt lange als anglophil. Während seiner Zeit als Botschafter genoss er in England ein gewisses Ansehen und war häufig Gast bei einflussreichen Persönlichkeiten. Ein besonderer Wesenszug des Mannes war seine Großspurigkeit und Arroganz. Bei einem seiner Besuche in Cornwall, nicht lange vor Ausbruch des Zweiten Weltkrieges, soll er doch tatsächlich gesagt haben, dass, sobald Deutschland die Weltherrschaft übernommen hätte, er seinen Wohnsitz nach St Michael’s Mount verlegen würde, denn Hitler hätte ihm nach der Eroberung Großbritanniens für seine Loyalität Cornwall versprochen. Die Reaktion der Anwesenden kann man sich vorstellen.

Joachim von Ribbentrop wurde nach seiner Zeit als Botschafter in Großbritannien Außenminister der nationalsozialistischen Diktatur. Bei den Bombenangriffen deutscher Flugzeuge in England sollten bestimmte Regionen in Cornwall ausgespart werden, auf Anweisung Ribbentrops. Er wollte nicht, dass seine geplanten Wohnsitze dort zerstört wurden.  Glücklicherweise kam es weder zu einer deutschen Weltherrschaft noch zu einer Eroberung Großbritanniens, so dass Ribbentrop seine Pläne mit ins Grab nehmen musste; er wurde bei den Nürnberger Prozessen zum Tode verurteilt und im Oktober 1946 hingerichtet.

St Michael’s Mount wird vom National Trust verwaltet und ist seit Mitte des 17. Jahrhunderts der Familiensitz der St Aubyns. Das Tregenna Castle bei St Ives, das sich Ribbentrop als Feriendomizil „reserviert“ hatte, ist heute eine große Hotel- und Apartmentanlage mit einer sehr schönen Aussicht auf die Bucht wie dieser Film zeigt.

Das Buch zum Artikel:
Andrew Lanyon: Von Ribbentrop in St Ives. Dolam Scott 2011. 100 Seiten. ISBN 978-1905553761.

Tregenna Castle.    © Copyright Andy F and licensed for reuse under this Creative Commons Licence.

Tregenna Castle.
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Joachim von Ribbentrop. Attribution: Bundesarchiv, Bild 102-18083. This file is licensed under the Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Germany license.

Joachim von Ribbentrop (1893-1946).
Attribution: Bundesarchiv, Bild 102-18083.
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Die Tewkesbury Battlefield Society und ihr Kampf um ein Schlachtfeld

The Bloody Meadow, Teil des Schlachtfeldes von Tewkesbury.   © Copyright Philip Halling and licensed for reuse under this Creative Commons Licence.

The Bloody Meadow, Teil des Schlachtfeldes von Tewkesbury.
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Am 4. Mai 1471 fand bei der Stadt Tewkesbury in Gloucestershire eine Schlacht statt, bei der die Truppen des Hauses Lancaster  auf die Truppen des Hauses York trafen. Die Yorkisten zogen aus dieser blutigen Schlacht innerhalb der Rosenkriege als Sieger hervor. Die Kampfhandlungen spielten sich in ummittelbarer Nähe der Tewkesbury Abbey ab und noch heute heißt ein Teil des Terrains „Bloody Meadow„. Beim jährlich stattfindenden Tewkesbury Medieval Festival (ich berichtete in meinem Blog darüber) wird die Schlacht von 1471 noch einmal nachgestellt.

Es ist nicht mehr allzuviel vom Battlefield übriggeblieben. Teile davon sind bebaut worden und die restlichen Felder sind in der Hand des Tewkesbury School Funds. 2013 sollten diese verkauft werden und das rief die Tewkesbury Battlefield Society auf den Plan, deren Zieles es ist „to preserve, promote and interpret the history, archaeology and natural history of the sites associated with the battle for the present and future generations“. Die Gesellschaft fürchtete, dass die Felder des ehemaligen Schlachtfeldes in die Hände von Bauunternehmern fallen würden, die darauf Häuser errichten könnten. Also beschloss die Tewkesbury Battlefield Society selbst ein Kaufgebot abzugeben, nachdem sie binnen kurzer Zeit die Summe von 135 000 Pfund zusammengebracht hatte. Doch die entstandene Euphorie fiel bald wieder in sich zusammen, denn die Verantwortlichen des Tewkesbury School Funds weigerten sich plötzlich, nach Rücksprache mit ihren Anwälten, die Grundstücke an die Gesellschaft zu verkaufen, aus juristischen Gründen wie es hieß. Die Battlefield Society ließ nicht locker und erhöhte ihr Angebot noch einmal um 30 000 Pfund, doch ohne Erfolg; das Kaufangebot wurde zurückgezogen.
Die mutigen Damen und Herren starteten noch einmal einen letzten Versuch, indem sie in der Stadt Tewkesbury, deren Bürger mehrheitlich für den Erhalt des Schlachtfeldes sind, eine Petition in Umlauf brachte, mit dem Ziel, diese der Stadtverwaltung vorzulegen, damit sie eine sogenannte „compulsory purchase order“ erlässt, das ist eine in Großbritannien rechtlich zulässige Zwangsenteignung. Ob das funktioniert, bleibt abzuwarten.

Seit 2013 erinnert eine hölzerne Skulpturengruppe an die Schlacht von Tewkesbury, die aus zwei Pferden besteht. Auf dem einen Pferd sitzt ein Ritter, der die siegreichen Yorkisten verkörpert, das andere Pferd ist reiterlos und stellt die besiegten Lancastrians dar. Die Tewkesbury Battlefield Society hatte diese Skulpturen bei dem Künstler Phil Bews in Auftrag gegeben, und ich finde die Figuren sehr gelungen. „The Arrivall“ wird dieses Kunstwerk genannt. Zu finden ist es am Rande des ehemaligen Schlachtfeldes an der A38 südlich von Tewkesbury am Stonehills Roundabout.

Der siegreiche Ritter der Yorkisten am Stonehills Roundabout.   © Copyright Philip Halling and licensed for reuse under this Creative Commons Licence.

Der siegreiche Ritter der Yorkisten am Stonehills Roundabout.
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Das reiterlose Pferd eines gefallenen Ritters der Lancastrians am Stonehills Roundabout.   © Copyright Philip Halling and licensed for reuse under this Creative Commons Licence.

Das traurige, reiterlose Pferd eines gefallenen Ritters der Lancastrians am Stonehills Roundabout.
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Published in: on 3. Oktober 2016 at 02:00  Kommentar verfassen  
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The Missing Princes Project – Auf der Suche nach den wahren Mördern der Söhne Edwards IV

Der Tower of London; hier wurden die beiden Prinzen das letzte Mal gesehen.   © Copyright David Dixon and licensed for reuse under this Creative Commons Licence.

Der Tower of London; hier wurden die beiden Prinzen das letzte Mal gesehen.
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Die schottische Historikerin Philippa Langley hat ein Händchen für das Aufspüren historischer Persönlichkeiten. Erst fand sie die sterblichen Überreste Richards III. unter einem Parkplatz in der Stadt Leicester und sorgte dadurch dafür, dass der umstrittene König nun seine letzte Ruhestätte in der Kathedrale der Stadt gefunden hat, und nun geht sie ein neues Projekt an, durch das sie beweisen möchte, dass King Richard zu Unrecht einen so schlechten Ruf genießt und er nicht der Mörder seiner beiden Neffen ist.

Die Richard III Society hat viele tausend Mitglieder, die in der ganzen Welt zu finden sind. Ihr Ziel: „The Society aims to promote, in every possible way, research into the life and times of Richard III, and to secure a reassessment of the material relating to this period, and of the role of this monarch in English history“. Philippa Langley, eines der aktivsten Mitglieder der Gesellschaft, hat nun mit dem The Missing Princes Project ein weiteres ehrgeiziges Ziel in Angriff genommen und genießt dabei die volle Unterstützung der Richard III Society.

Was war 1483 geschehen? Die beiden Söhne König Edward IV, der 12jährige Edward V und der 9jährige Richard of Shrewsbury, waren in diesem Jahr im Londoner Tower untergebracht und verschwanden von dort spurlos. Sie sind zweifellos ermordet worden, denn sie standen mehreren hochrangigen Personen im Weg. Hauptverdächtiger war ihr Onkel Richard III, und ob er tatsächlich der Auftraggeber für die Morde war, darüber streiten sich die Historiker noch heute. In ihrem The Missing Princes Project geht Philippa Langley nun diesem geheimnisumwitterten Fall nach und will dabei jeder noch so kleinen Spur folgen, in Archiven nach noch unveröffentlichten Dokumenten suchen und mit Hilfe der Richard III Society-Mitglieder den Fall endgültig lösen.

Im Polizeijargon spricht man von einem „Cold Case“ und mit kriminalpolizeilichen Untersuchungsmethoden soll die Lösung des Falles der ermordeten Prinzen gefunden werden, auch unter Hinzuziehung von Experten wie Profilern und Forensikern. Die Untersuchung beginnt ganz von vorn, alle Gerüchte, die sich im Laufe der Jahrhunderte gebildet haben, werden beiseite geschoben, nur Fakten zählen. Käme der Fall heute vor Gericht, so ein US-amerikanischer Strafverteidiger, würde keine Jury der Welt Richard III verurteilen, denn es liegen keinerlei Beweise gegen ihn vor, niemand sah ihn auf frischer Tat, alles beruht nur auf Hörensagen und Vermutungen.

The Missing Princes Project könnte viele Jahre in Anspruch nehmen (die Suche nach den Überresten Richards III dauerte zehn Jahre). Für ihre bisherigen Arbeiten wurde Philippa Langley von der Queen mit dem Orden Member of the Most Excellent Order of the British Empire (MBE) ausgezeichnet. Über den Fortgang des neuen Projektes kann man sich auf ihren Webseiten bzw. auf Revealing Richard III informieren.

Dieser Film zeigt die historischen Zusammenhänge um die beiden Prinzen im Tower.

Das Buch zum Artikel:
Bertram Fields: Royal Blood – King Richard III and the Mystery of the Princes. The History Press 2006. 352 Seiten. ISBN 978-0750943901.

Die letzte Ruhestätte Richard III in der Kathedrale von Leicester.   © Copyright Julian P Guffogg and licensed for reuse under this Creative Commons Licence.

Die letzte Ruhestätte Richard III in der Kathedrale von Leicester.
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Foto meines Exemplares.

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Published in: on 28. September 2016 at 02:00  Kommentar verfassen  
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The Stowmarket Gun Cotton Explosion am 11. August 1871 – Eine Tragödie in Suffolk

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Die Arbeit in Munitions- und Pulverfabriken war schon immer ziemlich gefährlich. In meinem Blog berichtete ich früher einmal über die gewaltige Explosion, die sich am 2. April 1916 in einer dieser Fabriken in Uplees bei Faversham in Kent ereignete, bei der 109 Menschen ums Leben kamen. 45 Jahre früher, am 11. August 1871 spielte sich eine ähnliche Tragödie in Stowmarket in der Grafschaft Suffolk ab.

Die Stowmarket Gun Cotton Works wurden 1863 gebaut, um durch chemische Prozesse Treibmittel für Feuerwaffen herzustellen. Am frühen Nachmittag kam es an jenem Augusttag zu zwei gewaltigen Explosionen, die den ganzen Ort Stowmarket erschütterten und einen Krater in den Boden rissen, der 30 Meter im Durchmesser maß und drei Meter tief war. Noch in fünfzig Kilometern Entfernung war die Explosion zu hören, die in einem Umkreis von sechs Kilometern Fensterscheiben zu Bruch gehen ließ und zahlreiche Häuser schwer beschädigte.
Doch viel schlimmer als die Sachschäden waren die zu beklagenden Opfer. 28 Menschen wurden getötet und 75 verletzt, unter den Opfern waren auch zwei Mitglieder der Familie, die die Fabrik besaß.

Was war die Ursache der Explosion, fragte man sich damals? Konnte es sein, dass die an diesem Tag recht hohen Temperaturen dazu beigetragen haben? Oder war vielleicht Sabotage im Spiel? Auch diese Möglichkeit wurde in Betracht gezogen. Aber auch die ausgesetzte Belohnung von 100 Pfund zur Ermittlung der Ursache des Unglücks trug nicht dazu bei, das bis heute ungeklärte Rätsel zu lösen.

Auf dem Gelände der Stowmarket Gun Cotton Works an der Needham Road, das mehrfach den Besitzer wechselte, wurden bis zum Ersten Weltkrieg weiterhin Explosivstoffe hergestellt, anschließend Industrielacke und Farben. Der heutige Besitzer ist die US-amerikanische Firma PPG Industries, die hier Autolacke produziert.

Erst im Jahr 2014 wurden die Opfer der Katastrophe mit einer Gedenkplakette auf dem Old Cemetery von Stowmarket geehrt, auf der die Namen von 23 Opfern eingraviert sind; die fünf weiteren sind auf anderen Friedhöfen beigesetzt worden.