Birtley (Tyne and Wear) – Eine Stadt im Norden Englands, in der sich einmal viele Belgier niedergelassen hatten

Das Stadtzentrum von Birtley.    © Copyright Oliver Dixon and   licensed for reuse under this Creative Commons Licence.

Das Stadtzentrum von Birtley.
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Am 4. August 1914 überfielen deutsche Truppen das neutrale Nachbarland Belgien und gingen dabei mit großer Brutalität vor. Allein im Monat August wurden mehr als 5000 Zivilisten getötet. Die Folge war eine große Fluchtwelle, die auch Großbritannien mit einbezog; rund 250 000 Belgier flüchteten über den Ärmelkanal und fühlten sich dort während des Ersten Weltkriegs sicher. Überall im Land entstanden Siedlungen, die für die belgischen Flüchtlinge erbaut wurden. Eine davon fand sich am Rand der Stadt Birtley, die damals zum County Durham gehörte, heute zum Metropolitan County Tyne and Wear. Wer die A1 nach Norden fährt, kommt direkt an Birtley vorbei; Antony Gormleys Angel of the North liegt nördlich des Ortes.

Die belgische Siedlung wurde damals Elisabethville genannt, nach Elisabeth Gabriele Valérie Marie Herzogin in Bayern, der Frau des belgischen Königs Albert I. Mehrere Tausend Flüchtlinge ließen sich hier nieder in einer Art „gated community“, in der es eine eigene Schule, eine Kirche, ein Krankenhaus, ein Postamt und mehrere Läden gab. Neben der Siedlung, oder Kolonie, wie Elisabethville auch genannt wurde, stand eine große Munitionsfabrik, in der viele der belgischen Flüchtlinge arbeiteten, denn es herrschte Personalmangel, da viele Männer aus Birtley und Umgebung als Soldaten abberufen worden waren. Neben der schweren Arbeit in der Fabrik fanden viele noch die Zeit, sich in Elisabethville kulturellen und sportlichen Aktivitäten zu widmen, und so gründete man u.a. ein Sinfonieorchester, Theatergruppen, einen Fußballverein und einen Schwimmclub.

Als der Erste Weltkrieg im Jahr 1918 zu Ende ging, war auch mit Elisabethville bald Schluss, denn die Belgier wollten so schnell wie möglich in ihre Heimat zurück. Zurück blieb eine Geisterstadt, in deren Häuser sich einige Obdachlose niederließen. Heute erinnert fast nichts mehr an die kurzlebige belgische Kolonie, die komplett abgerissen und durch neue Sozialbauten ersetzt wurde. Nur zwei Straßennamen in Birtley weisen noch auf diese Zeit im Ersten Weltkrieg hin: Die Elisabeth Avenue und der kurze Flanders Court.

Dieser Film erzählt die Geschichte der Birtley Belgians.

Der größte Arbeitgeber in Birtley ist heute die Firma Komatsu, die hier schwere Baumaschinen herstellt.

Das Buch zum Artikel:
John G. Bygate: Of Arms and the Heroes – The Story of the „Birtley Belgians“. History of Education Project 2006. 200 Seiten. ISBN 978-1870268448.

Birteys größter Arbeitgeber heute: Die Firma Komatsu.    © Copyright Barbara Carr and   licensed for reuse under this Creative Commons Licence.

Birtleys größter Arbeitgeber heute: Die Firma Komatsu.
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Published in: on 18. Januar 2017 at 02:00  Schreibe einen Kommentar  
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St Michael’s Mount in Cornwall – Geplanter Wohnsitz des NS-Außenministers Joachim von Ribbentrop

St Michael's Mount bei Marazion in Cornwall.   © Copyright Mack McLane and licensed for reuse under this Creative Commons Licence.

St Michael’s Mount bei Marazion in Cornwall.
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Joachim von Ribbentrop (1893-1946) war von 1936 bis 1938 Botschafter des Deutschen Reichs in London. In diesen Jahren hatte er eine besondere Vorliebe für die Grafschaft Cornwall entwickelt, in die er mehrfach reiste. Seine Lieblingsorte waren das Tregenna Castle bei St Ives und St Michael’s Mount bei Marazion. Schon als Kind und als Heranwachsender besuchte er die Grafschaft im Südwesten Englands und Ribbentrop galt lange als anglophil. Während seiner Zeit als Botschafter genoss er in England ein gewisses Ansehen und war häufig Gast bei einflussreichen Persönlichkeiten. Ein besonderer Wesenszug des Mannes war seine Großspurigkeit und Arroganz. Bei einem seiner Besuche in Cornwall, nicht lange vor Ausbruch des Zweiten Weltkrieges, soll er doch tatsächlich gesagt haben, dass, sobald Deutschland die Weltherrschaft übernommen hätte, er seinen Wohnsitz nach St Michael’s Mount verlegen würde, denn Hitler hätte ihm nach der Eroberung Großbritanniens für seine Loyalität Cornwall versprochen. Die Reaktion der Anwesenden kann man sich vorstellen.

Joachim von Ribbentrop wurde nach seiner Zeit als Botschafter in Großbritannien Außenminister der nationalsozialistischen Diktatur. Bei den Bombenangriffen deutscher Flugzeuge in England sollten bestimmte Regionen in Cornwall ausgespart werden, auf Anweisung Ribbentrops. Er wollte nicht, dass seine geplanten Wohnsitze dort zerstört wurden.  Glücklicherweise kam es weder zu einer deutschen Weltherrschaft noch zu einer Eroberung Großbritanniens, so dass Ribbentrop seine Pläne mit ins Grab nehmen musste; er wurde bei den Nürnberger Prozessen zum Tode verurteilt und im Oktober 1946 hingerichtet.

St Michael’s Mount wird vom National Trust verwaltet und ist seit Mitte des 17. Jahrhunderts der Familiensitz der St Aubyns. Das Tregenna Castle bei St Ives, das sich Ribbentrop als Feriendomizil „reserviert“ hatte, ist heute eine große Hotel- und Apartmentanlage mit einer sehr schönen Aussicht auf die Bucht wie dieser Film zeigt.

Das Buch zum Artikel:
Andrew Lanyon: Von Ribbentrop in St Ives. Dolam Scott 2011. 100 Seiten. ISBN 978-1905553761.

Tregenna Castle.    © Copyright Andy F and licensed for reuse under this Creative Commons Licence.

Tregenna Castle.
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Joachim von Ribbentrop. Attribution: Bundesarchiv, Bild 102-18083. This file is licensed under the Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Germany license.

Joachim von Ribbentrop (1893-1946).
Attribution: Bundesarchiv, Bild 102-18083.
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Die Tewkesbury Battlefield Society und ihr Kampf um ein Schlachtfeld

The Bloody Meadow, Teil des Schlachtfeldes von Tewkesbury.   © Copyright Philip Halling and licensed for reuse under this Creative Commons Licence.

The Bloody Meadow, Teil des Schlachtfeldes von Tewkesbury.
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Am 4. Mai 1471 fand bei der Stadt Tewkesbury in Gloucestershire eine Schlacht statt, bei der die Truppen des Hauses Lancaster  auf die Truppen des Hauses York trafen. Die Yorkisten zogen aus dieser blutigen Schlacht innerhalb der Rosenkriege als Sieger hervor. Die Kampfhandlungen spielten sich in ummittelbarer Nähe der Tewkesbury Abbey ab und noch heute heißt ein Teil des Terrains „Bloody Meadow„. Beim jährlich stattfindenden Tewkesbury Medieval Festival (ich berichtete in meinem Blog darüber) wird die Schlacht von 1471 noch einmal nachgestellt.

Es ist nicht mehr allzuviel vom Battlefield übriggeblieben. Teile davon sind bebaut worden und die restlichen Felder sind in der Hand des Tewkesbury School Funds. 2013 sollten diese verkauft werden und das rief die Tewkesbury Battlefield Society auf den Plan, deren Zieles es ist „to preserve, promote and interpret the history, archaeology and natural history of the sites associated with the battle for the present and future generations“. Die Gesellschaft fürchtete, dass die Felder des ehemaligen Schlachtfeldes in die Hände von Bauunternehmern fallen würden, die darauf Häuser errichten könnten. Also beschloss die Tewkesbury Battlefield Society selbst ein Kaufgebot abzugeben, nachdem sie binnen kurzer Zeit die Summe von 135 000 Pfund zusammengebracht hatte. Doch die entstandene Euphorie fiel bald wieder in sich zusammen, denn die Verantwortlichen des Tewkesbury School Funds weigerten sich plötzlich, nach Rücksprache mit ihren Anwälten, die Grundstücke an die Gesellschaft zu verkaufen, aus juristischen Gründen wie es hieß. Die Battlefield Society ließ nicht locker und erhöhte ihr Angebot noch einmal um 30 000 Pfund, doch ohne Erfolg; das Kaufangebot wurde zurückgezogen.
Die mutigen Damen und Herren starteten noch einmal einen letzten Versuch, indem sie in der Stadt Tewkesbury, deren Bürger mehrheitlich für den Erhalt des Schlachtfeldes sind, eine Petition in Umlauf brachte, mit dem Ziel, diese der Stadtverwaltung vorzulegen, damit sie eine sogenannte „compulsory purchase order“ erlässt, das ist eine in Großbritannien rechtlich zulässige Zwangsenteignung. Ob das funktioniert, bleibt abzuwarten.

Seit 2013 erinnert eine hölzerne Skulpturengruppe an die Schlacht von Tewkesbury, die aus zwei Pferden besteht. Auf dem einen Pferd sitzt ein Ritter, der die siegreichen Yorkisten verkörpert, das andere Pferd ist reiterlos und stellt die besiegten Lancastrians dar. Die Tewkesbury Battlefield Society hatte diese Skulpturen bei dem Künstler Phil Bews in Auftrag gegeben, und ich finde die Figuren sehr gelungen. „The Arrivall“ wird dieses Kunstwerk genannt. Zu finden ist es am Rande des ehemaligen Schlachtfeldes an der A38 südlich von Tewkesbury am Stonehills Roundabout.

Der siegreiche Ritter der Yorkisten am Stonehills Roundabout.   © Copyright Philip Halling and licensed for reuse under this Creative Commons Licence.

Der siegreiche Ritter der Yorkisten am Stonehills Roundabout.
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Das reiterlose Pferd eines gefallenen Ritters der Lancastrians am Stonehills Roundabout.   © Copyright Philip Halling and licensed for reuse under this Creative Commons Licence.

Das traurige, reiterlose Pferd eines gefallenen Ritters der Lancastrians am Stonehills Roundabout.
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Published in: on 3. Oktober 2016 at 02:00  Schreibe einen Kommentar  
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The Missing Princes Project – Auf der Suche nach den wahren Mördern der Söhne Edwards IV

Der Tower of London; hier wurden die beiden Prinzen das letzte Mal gesehen.   © Copyright David Dixon and licensed for reuse under this Creative Commons Licence.

Der Tower of London; hier wurden die beiden Prinzen das letzte Mal gesehen.
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Die schottische Historikerin Philippa Langley hat ein Händchen für das Aufspüren historischer Persönlichkeiten. Erst fand sie die sterblichen Überreste Richards III. unter einem Parkplatz in der Stadt Leicester und sorgte dadurch dafür, dass der umstrittene König nun seine letzte Ruhestätte in der Kathedrale der Stadt gefunden hat, und nun geht sie ein neues Projekt an, durch das sie beweisen möchte, dass King Richard zu Unrecht einen so schlechten Ruf genießt und er nicht der Mörder seiner beiden Neffen ist.

Die Richard III Society hat viele tausend Mitglieder, die in der ganzen Welt zu finden sind. Ihr Ziel: „The Society aims to promote, in every possible way, research into the life and times of Richard III, and to secure a reassessment of the material relating to this period, and of the role of this monarch in English history“. Philippa Langley, eines der aktivsten Mitglieder der Gesellschaft, hat nun mit dem The Missing Princes Project ein weiteres ehrgeiziges Ziel in Angriff genommen und genießt dabei die volle Unterstützung der Richard III Society.

Was war 1483 geschehen? Die beiden Söhne König Edward IV, der 12jährige Edward V und der 9jährige Richard of Shrewsbury, waren in diesem Jahr im Londoner Tower untergebracht und verschwanden von dort spurlos. Sie sind zweifellos ermordet worden, denn sie standen mehreren hochrangigen Personen im Weg. Hauptverdächtiger war ihr Onkel Richard III, und ob er tatsächlich der Auftraggeber für die Morde war, darüber streiten sich die Historiker noch heute. In ihrem The Missing Princes Project geht Philippa Langley nun diesem geheimnisumwitterten Fall nach und will dabei jeder noch so kleinen Spur folgen, in Archiven nach noch unveröffentlichten Dokumenten suchen und mit Hilfe der Richard III Society-Mitglieder den Fall endgültig lösen.

Im Polizeijargon spricht man von einem „Cold Case“ und mit kriminalpolizeilichen Untersuchungsmethoden soll die Lösung des Falles der ermordeten Prinzen gefunden werden, auch unter Hinzuziehung von Experten wie Profilern und Forensikern. Die Untersuchung beginnt ganz von vorn, alle Gerüchte, die sich im Laufe der Jahrhunderte gebildet haben, werden beiseite geschoben, nur Fakten zählen. Käme der Fall heute vor Gericht, so ein US-amerikanischer Strafverteidiger, würde keine Jury der Welt Richard III verurteilen, denn es liegen keinerlei Beweise gegen ihn vor, niemand sah ihn auf frischer Tat, alles beruht nur auf Hörensagen und Vermutungen.

The Missing Princes Project könnte viele Jahre in Anspruch nehmen (die Suche nach den Überresten Richards III dauerte zehn Jahre). Für ihre bisherigen Arbeiten wurde Philippa Langley von der Queen mit dem Orden Member of the Most Excellent Order of the British Empire (MBE) ausgezeichnet. Über den Fortgang des neuen Projektes kann man sich auf ihren Webseiten bzw. auf Revealing Richard III informieren.

Dieser Film zeigt die historischen Zusammenhänge um die beiden Prinzen im Tower.

Das Buch zum Artikel:
Bertram Fields: Royal Blood – King Richard III and the Mystery of the Princes. The History Press 2006. 352 Seiten. ISBN 978-0750943901.

Die letzte Ruhestätte Richard III in der Kathedrale von Leicester.   © Copyright Julian P Guffogg and licensed for reuse under this Creative Commons Licence.

Die letzte Ruhestätte Richard III in der Kathedrale von Leicester.
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Foto meines Exemplares.

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Published in: on 28. September 2016 at 02:00  Schreibe einen Kommentar  
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The Stowmarket Gun Cotton Explosion am 11. August 1871 – Eine Tragödie in Suffolk

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Die Arbeit in Munitions- und Pulverfabriken war schon immer ziemlich gefährlich. In meinem Blog berichtete ich früher einmal über die gewaltige Explosion, die sich am 2. April 1916 in einer dieser Fabriken in Uplees bei Faversham in Kent ereignete, bei der 109 Menschen ums Leben kamen. 45 Jahre früher, am 11. August 1871 spielte sich eine ähnliche Tragödie in Stowmarket in der Grafschaft Suffolk ab.

Die Stowmarket Gun Cotton Works wurden 1863 gebaut, um durch chemische Prozesse Treibmittel für Feuerwaffen herzustellen. Am frühen Nachmittag kam es an jenem Augusttag zu zwei gewaltigen Explosionen, die den ganzen Ort Stowmarket erschütterten und einen Krater in den Boden rissen, der 30 Meter im Durchmesser maß und drei Meter tief war. Noch in fünfzig Kilometern Entfernung war die Explosion zu hören, die in einem Umkreis von sechs Kilometern Fensterscheiben zu Bruch gehen ließ und zahlreiche Häuser schwer beschädigte.
Doch viel schlimmer als die Sachschäden waren die zu beklagenden Opfer. 28 Menschen wurden getötet und 75 verletzt, unter den Opfern waren auch zwei Mitglieder der Familie, die die Fabrik besaß.

Was war die Ursache der Explosion, fragte man sich damals? Konnte es sein, dass die an diesem Tag recht hohen Temperaturen dazu beigetragen haben? Oder war vielleicht Sabotage im Spiel? Auch diese Möglichkeit wurde in Betracht gezogen. Aber auch die ausgesetzte Belohnung von 100 Pfund zur Ermittlung der Ursache des Unglücks trug nicht dazu bei, das bis heute ungeklärte Rätsel zu lösen.

Auf dem Gelände der Stowmarket Gun Cotton Works an der Needham Road, das mehrfach den Besitzer wechselte, wurden bis zum Ersten Weltkrieg weiterhin Explosivstoffe hergestellt, anschließend Industrielacke und Farben. Der heutige Besitzer ist die US-amerikanische Firma PPG Industries, die hier Autolacke produziert.

Erst im Jahr 2014 wurden die Opfer der Katastrophe mit einer Gedenkplakette auf dem Old Cemetery von Stowmarket geehrt, auf der die Namen von 23 Opfern eingraviert sind; die fünf weiteren sind auf anderen Friedhöfen beigesetzt worden.

Newton Abbot (Devon) im Zweiten Weltkrieg – Ziel vieler deutscher Bombenangriffe

Newton Abbot Railway Station, Ziel der Angriffe vom 20. August 1940.   © Copyright Mike Crowe and licensed for reuse under this Creative Commons Licence.

Newton Abbot Railway Station, Ziel der Angriffe vom 20. August 1940.
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Newton Abbot, eine Kleinstadt am südöstlichen Rand des Dartmoors in Devon gelegen, war im Zweiten Weltkrieg mehrfach das Angriffsziel deutscher Bombenflugzeuge; man spricht von 65 Angiffen, bei denen 22 Menschen ums Leben kamen und 90 verletzt wurden. Warum gerade Newton Abbot in der tiefen Provinz im Südwesten des Landes?

Die Stadt lag an einer wichtigen Eisenbahnlinie, die London und mehrere Militärstützpunkte mit Plymouth verband, deren Naval Dockyards eine strategische Bedeutung hatten, und genau diese Schienenverbindung wollten die deutschen Bomberbesatzungen zerstören und unterbrechen.

Am 20. August 1940 erlebte die Stadt die schwersten Angriffe, bei denen 15 Zivilisten, die sich gerade auf dem Bahnhof aufgehalten hatten, getötet und viele Menschen verletzt wurden. Zu den Opfern zählten auch zwei Kinder, die sechsjährige Dilys Adams und der neunjährige Kenneth Maunder. Der Bahnhof war das eigentliche Ziel, doch auch die umliegenden Straßen wurden stark in Mitleidenschaft gezogen. Der Sachschaden war groß mit vielen zerstörten Lokomotiven und Eisenbahnwagen. Die deutsche Besatzung der Flugzeuge warf nicht nur Bomben ab, sondern setzte zusätzlich noch Maschinengewehre ein. War das wirklich nötig? Hätte man nicht stattdessen die Schienen außerhalb des bewohnten Gebiets zerstören können? Es war doch eigentlich klar, dass bei den Angriffen hauptsächlich Zivilisten zu Schaden kommen würden.

Nach diesem schrecklichen 20. August kam Newton Abbot aber nicht zur Ruhe; im Oktober, November und Dezember folgten weitere Bombenabwürfe und in den Jahren 1941 und 1942 ging es weiter. Am 17. Mai 1941 wurde ganz in der Nähe des Pen Inns (aus dem kürzlich eine Toby Carvery geworden ist) an der Torquay Road eine riesige Bombe abgeworfen, die glücklicherweise nur einen leichten Sachschaden hervorrief. Am 25. April 1942 gerieten die Straßen um den Devon Square bei einem nächtlichen Angriff in das Fadenkreuz der deutschen Bomber, wobei fünf Menschen getötet und viele Wohnhäuser und Geschäfte starke Schäden erlitten.
Kurz vor Weihnachten, am 20. Dezember 1942, flogen wieder deutsche Kampfflugzeuge über die Region, die das kleine Dorf Ipplepen bei Newton Abbot angriffen, wobei der Kirchturm von St Andrew’s zerstört wurde (warum??).

Hier am Pen Inn an der Torquay Road schlug eine besonders schwere Bombe ein.   © Copyright Scriniary and licensed for reuse under this Creative Commons Licence.

Hier am Pen Inn an der Torquay Road schlug am 17. Mai 1941 eine besonders schwere Bombe ein.
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Diese Region um den Devon Square wurde am von deutschen Bmben getroffen.   © Copyright Robin Stott and licensed for reuse under this Creative Commons Licence.

Diese Region um den Devon Square wurde am 25. April 1942 von deutschen Bomben getroffen.
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Der Kirchturm von St Andrew's in Ipplepen wurde stark beschädigt.    © Copyright Paul Hutchinson and licensed for reuse under this Creative Commons Licence.

Der Kirchturm von St Andrew’s in Ipplepen wurde am 20. Dezember 1942 stark beschädigt.
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Published in: on 12. August 2016 at 02:00  Schreibe einen Kommentar  
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„Grandma Flew Spitfires“ – Eine Dauerausstellung im Maidenhead Heritage Centre

Ein Spitfire Girl. his artistic work created by the United Kingdom Government is in the public domain.

Ein Spitfire Girl.
This artistic work created by the United Kingdom Government is in the public domain.

Das erste Mal wurde ich durch die Krimiserie „Inspector Barnaby“ auf die Air Transport Auxiliary (ATA) aufmerksam. In der Episode 99 „The Flying Club“ (dt. „Flieg, Mörder flieg“), über die ich in meinem Blog berichtete, steht die ATA im Mittelpunkt des Geschehens, eine Gruppe von Amateurpiloten (darunter über 160 Frauen) im Zweiten Weltkrieg, die Militärflugzeuge, meist im Inland, hin und her transportierten. Sie brachten zum Beispiel neue Flugzeuge von den Fabriken zu ihren Einsatzorten, reparierte Maschinen zurück zu den Flugplätzen oder Crews dorthin, wo sie gerade dringend benötigt wurden. Sie flogen u.a. Hawker Hurricanes, Lancasters und Spitfires, eigentlich alles, was die Royal Air Force im Einsatz hatte. Das White Waltham Airfield bei Maidenhead in Berkshire war das Hauptquartier der ATA (dort wurde auch die Inspector Barnaby-Folge gedreht) und in Maidenhead selbst, im Maidenhead Heritage Centre in der Park Street, kann man sich eine Dauerausstellung ansehen, die unter dem Titel „Grandma Flew Spitfires“ läuft und die sich mit dem Thema Air Transport Auxiliary beschäftigt. Hier hat man alles zusammengetragen, was man im ganzen Land finden konnte, als da sind Uniformen, Logbücher, Kartenmaterial, persönliche Erinnerungen, Zeitungsausschnitte und jede Menge Fotos.

Besonders der Einsatz der Pilotinnen war damals spektakulär und sie galten als die Glamour Girls der Lüfte; hübsche junge Frauen, die ihr Leben aufs Spiel setzten, um die ungewohnten Flugzeuge von A nach B zu transportieren. Es waren nicht nur britische Frauen; unter den fliegenden Damen waren auch einige aus den USA, Kanada, Australien, Neuseeland und Südafrika. Zahlreiche Bücher sind über sie geschrieben wurden wie „The Female Few: Spitfire Heroines of the Air Transport Auxiliary“ (The History Press 2012) von Jacky Hyams, einige Pilotinnen haben ihre Erlebnisse selbst niedergeschrieben wie Rosemary Du Cros in „ATA Girl: Memoirs of a Wartime Ferry Pilot“ (Muller 1983). Hier ist ein Film über die Spitfire Women.

Um noch einmal auf das Maidenhead Heritage Centre und die Ausstellung „Grandma Flew Spitfires“ zurückzukommen. Das Museum ist dienstags bis samstags von 10 Uhr bis 16 Uhr geöffnet, der Eintritt ist frei, die ATA-Ausstellung aber kostenpflichtig (£3.50).
Eine Besonderheit sei noch erwähnt: Im Haus gibt es einen Spitfire Simulator, in dem jedermann seine Flugkünste in diesem Jagdflugzeug des Zweiten Weltkriegs erproben kann. Ein 15minütiger Flug kostet £7.50. Wie das abläuft, zeigt dieser Film.

Maidenhead Heritage Centre
18 Park Street
Maidenhead SL6 1SL

Hier ist die Ausstellung zu sehen.   © Copyright John Raine and licensed for reuse under this Creative Commons Licence.

Hier ist die Ausstellung zu sehen.
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Das White Waltham Airfield bei Maidenhead, früheres Hauptquartier der ATA.   © Copyright Stuart Logan and licensed for reuse under this Creative Commons Licence.

Das White Waltham Airfield bei Maidenhead, früheres Hauptquartier der ATA.
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RAF Bassingbourn in Cambridgeshire und ein peinlicher Zwischenfall im Zweiten Weltkrieg

Die Kasernen von Bassingbourn.    © Copyright Alan Kent and licensed for reuse under this Creative Commons Licence.

Die Kasernen von Bassingbourn.
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Ganz in der Nähe von Wimpole Hall, über die ich vor wenigen Tagen in meinem Blog schrieb, liegt die ehemalige Luftwaffenstation RAF Bassingbourn in Cambridgeshire, die kurz vor Beginn des Zweiten Weltkriegs gebaut wurde und dem RAF Bomber Command unterstellt war. Auch die US-amerikanische Eighth Air Force war hier stationiert.

Am 27. Mai 1940 wurde die Luftwaffenstation bombardiert, aber nicht etwa von deutschen Flugzeugen, sondern von einem aus den eigenen Reihen. Wie konnte es dazu kommen?

Am Abend des 27. Mai war ein Bomber der englischen Air Force in Yorkshire aufgestiegen, um im Schutz der Dunkelheit über die Nordsee nach Holland zu fliegen und dort einen Flugplatz zu bombardieren. Über dem Meer geriet die Besatzung in ein Gewitter, das den Kompass der Maschine so stark beeinflusste, dass der Pilot der Maschine nicht mehr wusste, wo er eigentlich war. Als unter ihm plötzlich eine große Flussmündung auftauchte, ging er davon aus, dass es sich dabei um den Rhein handeln müsse. Also flog er am Fluss entlang, und als er einen Flugplatz unter sich erblickte, warf er seine Bomben über ihm ab. Ein großer Fehler, denn durch den verrückt spielenden Kompass war das Flugzeug in die entgegengesetzte Richtung geflogen, also wieder zurück nach England, und was der Pilot für den Rhein hielt, war in Wirklichkeit die Themsemündung und der bombardierte Flugplatz war RAF Bassingbourn. Als der Flugzeugführer wieder gen Heimat fliegen wollte und die hollandische Küste partout nicht auftauchte, wurde ihm klar, dass da irgendetwas nicht stimmen konnte. Wo hatte er denn nun seine Bombenlast abgeworfen? Das wurde ihm mitgeteilt, als er seine Maschine wieder zum Heimatflughafen zurückgebracht hatte und man dort mit dem Luftfahrtministerium Kontakt aufnahm. In London war bereits bekannt, dass RAF Bassingbourn genau zu der Zeit, als angeblich ein holländischer Flugplatz angegriffen worden war, Ziel einer Bombenattacke war.
Der RAF-Pilot wurde aufgrund seines Fehlers degradiert und musste eine Menge Häme seiner Kollegen einstecken, die zum Beispiel ein Eisernes Kreuz bastelten, das sie ihm mit den besten Grüßen eines dankbaren Führers zuschickten.

Glücklicherweise kam bei dem Bombenabwurf über RAF Bassingbourn niemand zu Schaden und auch die Zerstörungen hielten sich sehr in Grenzen.

In den Jahren 2014/15 geriet Bassingbourn in die Schlagzeilen, als das Verteidigungsministerium libysche Soldaten zwecks Ausbildung in die Kasernen einquartierte. Die jungen Libyer machten das daneben liegende Dorf gleichen Namens und auch Cambridge unsicher, Vergewaltigungsvorwürfe wurden laut und von Disziplin unter den Soldaten konnte keine Rede sein. Ständig mussten sie wieder eingefangen werden, weil sie unerlaubt das militärische Gelände verlassen hatten.

Published in: on 5. Juli 2016 at 02:00  Schreibe einen Kommentar  
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Mein Buchtipp – Richard Davenport-Hines: An English Affair – Sex, Class and Power in the Age of Profumo

Foto meines Exemplares.

Foto meines Exemplares.

Anfang der 1960er Jahre erschütterte die sogenannte Profumo-Affäre die Grundfesten der britischen Politik. Harold McMillan war Premierminister, der das Land nach konservativen Leitlinien und althergebrachten moralischen Ansichten führte. Doch die Gesellschaft änderte sich. Der Historiker Richard Davenport-Hines hat in seinem Buch „An English Affair – Sex, Class and Power in the Age of Profumo“ diese Zeit und die Affäre um den damaligen Kriegsminister genauer unter die Lupe genommen.

Die Akteure:
John Profumo (1915-2006) – Secretary of State for War
Christine Keeler (geb. 1942) – Model, Tänzerin und „Good Time Girl“
Mandy Rice-Davis (1944-2014) – Keelers Freundin und ebenfalls Showgirl
Dr. Stephen Ward (1912-1963) – Arzt und Osteopath
Jewgenij Iwanow (1926-1994) – Marineattaché und Spion an der Botschaft der UdSSR in London
William Waldorf Astor, 3. Viscount Astor (1907-1966) – Geschäftsmann und Politiker

Die Affäre begann im Juli 1961 auf William Waldorf Astors Landsitz Cliveden (Berkshire), wo dessen Freund Dr Stephen Ward sich für längere Zeit in einem Cottage an der Themse einquartiert hatte. Zu einer Party oben im Haupthaus brachte Stephen Ward Christine Keeler mit, die dabei auf John Profumo traf. Er verliebte sich in das hübsche, 19jährige Mädchen und begann eine Affäre mit ihr. Brisant wurde die Beziehung der beiden, als herauskam, dass Christine  auch mit dem russischen Diplomaten Jewgenij Iwanow ins Bett ging. Hatte ihre Freundin Mandy Rice-Davis auch eine Affäre mit William Astor?
Nachdem die Beziehung des verheirateten John Profumo zu dem jungen Mädchen, das auch noch mehrere andere Liebhaber hatte, an die Öffentlichkeit kam, wies der Minister jegliche Schuld von sich, doch die Medien brachten ständig neue Beweise ans Tageslicht, sodass Profumo schließlich zugab, das Parlament und den Untersuchungsausschuss belogen zu haben. Er gab sein Amt auf und zog sich auf den Familiensitz der Profumos Avon Carrow bei Stratford-upon-Avon zurück.

Das war in kurzen Worten der Ablauf der in die Geschichte eingegangenen Profumo-Affäre. Richard Davenport-Hines‘ Buch beinhaltet aber weit mehr als nur die Wiedergabe dieses Skandals; er beleuchtet detailliert die britische Politik und die sich wandelnde Gesellschaft in den 1960er Jahren, geht auf die Bedeutung der Medien ein, beschäftigt sich mit den „Good Time Girls“ und wirft einen Blick auf die Rolle, die William Astor und sein Landsitz Cliveden in der Affäre spielen. In diesem Film zeichnet der Autor die Profumo-Affäre noch einmal nach.

Richard Davenport-Hines hat eine Fülle von Büchern geschrieben, von denen noch keines in deutscher Übersetzung vorliegt. Zuletzt erschien „Universal Man: The Seven Lives of John Maynard Keynes“ (2015).

Richard Davenport-Hines: An English Affair – Sex, Class and Power in the Age of Profumo. Harper Press 2013. 400 Seiten. ISBN 978-0-00-743584-5.

Wo alles begann und Profumo auf Christine Keeler traf: William Waldorf Astors Landsitz Cliveden in Berkshire.   © Copyright Roger and licensed for reuse under this Creative Commons Licence.

Wo alles begann und Profumo auf Christine Keeler traf: William Waldorf Astors Landsitz Cliveden in Berkshire.
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Das zum Cliveden Eastate gehörende Cottage um Ufer der Themse.   © Copyright Graham Horn and licensed for reuse under this Creative Commons Licence.

Das zum Cliveden Estate gehörende Cottage um Ufer der Themse, das Dr Stephen Ward gemietet hatte.
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Wimpole Mews im Londoner Stadtteil Marylebone. In diesem Haus wohnten Dr Stephen Ward und zeitwiese Christine Keeler und Mandy Rice-Davis.   © Copyright Anthony O'Neil and licensed for reuse under this Creative Commons Licence.

17 Wimpole Mews im Londoner Stadtteil Marylebone. In diesem Haus wohnten Dr Stephen Ward und zeitweise Christine Keeler und Mandy Rice-Davis.
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Published in: on 29. Juni 2016 at 02:00  Schreibe einen Kommentar  
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The D-Day Darlings – Interpretinnen von Hits aus dem Zweiten Weltkrieg

The White Cliffs of Dover, besungen von den D-Day Darlings.   © Copyright Oast House Archive and licensed for reuse under this Creative Commons Licence.

The White Cliffs of Dover, besungen von den D-Day Darlings.
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Als sich 2014 der D-Day, also die Landung der Alliierten in der Normandie im Zweiten Weltkrieg, zum siebzigsten Mal jährte, hatten Stacey Wood, Katie Ashby und Emily Jane Brooks besonders viel zu tun, denn sie wurden als D-Day Darlings gut gebucht. Die drei Damen haben sich ganz der Musik verschrieben, die damals während des Krieges in Großbritannien sehr populär war, also Melodien von Vera Lynn, Judy Garland oder den Andrew Sisters. „Proudly keeping the wartime spirit alive“ ist das Motto der drei Sängerinnen und so ziehen sie denn von Stadt zu Stadt und präsentieren die alten Hits, die man in Deutschland wohl schon längst eingemottet hätte. Uniformiert oder in zeitgenössischer Kleidung trällern sie demnächst im Evesham Arts Centre, beim Afternoon Tea Dance im Hilton Hotel in Bracknell und beim Forties Weekend im Elgin Hotel in Blackpool.

2006 hatte sich das Trio formiert, ihre Musik fand Anklang und 2010 zogen die Damen mit dem Musical „The Songs That Won The War“ durch die Lande, das zu Beginn des Zweiten Weltkriegs spielt. Die D-Day Darlings arbeiten eng mit der British Legion zusammen, der sie Anteile ihrer Einnahmen durch Auftritte und Plattenverkäufe spenden.

Besonders beliebt sind zum Beispiel ihre Versionen des Vera Lynn-Songs „The White Cliffs of Dover„, „Boogie Woogie Bugle Boy“ der Andrew Sisters und Vera Lynns „There’ll Always Be An England„.

 

Hingham (Norfolk) – Von hier kamen die Vorfahren eines berühmten amerikanischen Präsidenten

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Das Dorfschild von Hingham in Norfolk, westlich von Norwich gelegen, zeigt einen wesentlichen Moment der Geschichte des Ortes: Die Abreise der Pilgrim Fathers mit Segelschiffen in Richtung Amerika. Im 17. Jahrhundert machten sich auch einige Bewohner aus Hingham auf den weiten Weg über den Ozean, um in der Neuen Welt ein neues Leben zu beginnen; unter ihnen ein gewisser Samuel Lincoln, der 1637 England verließ. Samuel war in ärmlichen Verhältnissen aufgewachsen und hatte das Weberhandwerk gelernt. Er sah für sich aber keine Zukunft in seinem Heimatland und hoffte in Amerika glücklicher zu werden. Dort hatte sich bereits sein älterer Bruder Thomas niedergelassen, in einem Ort im heutigen Massachusetts, der nach dem Heimatdorf Hingham benannt war.

Samuel Lincoln konnte in Amerika Fuß fassen, er heiratete und hatte elf Kinder. Aus dieser Linie stammte ein berühmter Nachkomme, der Abraham Lincoln hieß, am 12. Februar 1809 zur Welt kam und der zum 16. Präsidenten der Vereinigten Staaten gewählt werden sollte. Nach etwas über vier Jahren Präsidentschaft, in der er die Sklaverei abschaffte, wurde er am 15. April 1865 im Ford’s Theatre in Washington D.C. von John Wilkes Booth erschossen.

Wahrscheinlich wäre die Geschichte der Vereinigten Staaten anders verlaufen, wenn es vor der Abreise des jungen Samuel Lincoln nicht zu Erbschaftsstreitigkeiten gekommen wäre, in die sein Vater verwickelt war. Samuels Großvater Richard Lincoln, ein wohlhabender Mann, hatte aus vier Ehen mehrere Kinder. Als Richard starb, vererbte er sein gesamtes Vermögen an seinen jüngsten Sohn Henry, Samuels Vater ging leer aus. Hätte er geerbt, wäre Samuel wahrscheinlich nie nach Amerika ausgewandert und es hätte nie einen Abraham Lincoln gegeben…

Noch heute hält man die Erinnerung an die Lincoln-Familie in Hingham aufrecht. In der Dorfkirche St Andrew’s ist in einer Wandnische die Büste von Abraham Lincoln eingelassen, die im Jahre 1919 vom US-Botschafter John W. Davis enthüllt wurde. Nicht weit von der Kirche entfernt, steht die 1977 erbaute Village Hall von Hingham, die nach Abraham Lincoln benannt wurde. Am Fairland Court hat sich Lincoln’s Tea and Coffee Shoppe etabliert; der Schriftzug über dem Laden ist sowohl von der britischen als auch von der amerikanischen Fahne eingerahmt. Das kleine Lokal hat sich allerdings nicht auf amerikanische Speisen spezialisiert.

Das amerikanische Gegenstück zu dem Dorf in Norfolk liegt direkt am Meer, südlich von Boston. In der Nähe der Kleinstadt Hingham, Massachusetts, findet man mehrere Orte, deren Namen ebenfalls an England erinnern wie Braintree, Weymouth und Dedham.

Abraham Lincolns Büste in der Kirche St Andrews.   © Copyright Evelyn Simak and licensed for reuse under this Creative Commons Licence.

Abraham Lincolns Büste in der Kirche St Andrew’s.
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Die Lincoln Village Hall in Hingham.   © Copyright Charles Greenhough and licensed for reuse under this Creative Commons Licence.

Die Lincoln Village Hall in Hingham.
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Die „All-Time Charts“ der britischen Premierminister

Platz 1 der Charts: Robert Walpole, 1st Earl of Orford. This image is in the public domain due to its Age.

Platz 1 der Charts:
Robert Walpole, 1st Earl of Orford.
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Auf Platz 23 der ewigen Hitliste der am längsten dienenden Premierminister Großbritanniens steht der gegenwärtige Staatschef David Cameron, der am 11. Mai 2010 sein Amt antrat. Er hat gute Chancen noch einige Plätze weiter nach oben zu klettern und dabei Lord John Russell, Clement Attlee und John Major zu überholen.

Unangefochten und wohl unüberholbar auf Platz 1 steht Robert Walpole, 1st Earl of Orford (1676-1745), der erste Premierminister des Landes, der es auf 20 Jahre und 314 Tage brachte.

William Pitt the Younger (1759-1806) schaffte es in zwei Amtszeiten auch auf beachtliche 18 Jahre und 343 Tage und steht damit auf Platz 2 der Rangliste. Er war erst 24 Jahre alt, als er 1783 Premierminister wurde. In dem Film „Amazing Grace“ (dt. „Amazing Grace“) aus dem Jahr 2006 verkörperte ihn übrigens Benedict Cumberbatch.

Den dritten Rang nimmt Robert Banks Jenkinson, 2nd Earl of Liverpool (1770-1828) mit 14 Jahren und 305 Tagen ein. Er war damals 42 Jahre alt, also auch noch verhältnismäßig jung (David Cameron war bei Amtsantritt 43 Jahre alt).

Die einzige Frau, die es jemals geschafft hat, in die Phalanx der männlichen Premierminister einzubrechen, The Baroness Thatcher (1925-2013), steht auf Platz 7 der Charts mit 11 Jahren und 209 Tagen, zwei Plätze vor Tony Blair und fünf Plätze vor Sir Winston Churchill.

Interessant ist auch ein Blick ganz nach unten auf die Tabelle, denn da gibt es eine Handvoll Männer, die es nicht einmal ein ganzes Jahr durchgehalten haben wie zum Beispiel William Cavendish, 4th Duke of Devonshire (1720-1764), der es nur auf 225 Tage gebracht hat oder George Canning (1770-1827), der nach 119 Tagen im Amt verstarb.

Man ist unterschiedlicher Meinung in Großbritannien darüber, ob James Waldegrave, 2nd Earl Waldegrave (1715-1763) und William Pulteney, 1st Earl of Bath (1684-1764) überhaupt zu den Premierministern zählen oder nicht. Waldegrave versuchte vom 8. bis zum 12. Juni 1757 eine Regierungsmannschaft zusammenzustellen, was ihm nicht gelang, und so trat er nach fünf Tagen gleich wieder zurück.
Auch Pulteney scheiterte daran, eine Regierung zu bilden, doch er war schon nach etwas über 48 Stunden weg vom Fenster. Da es das Amt des Premierministers zu der Zeit offiziell noch nicht gab, ist es zweifelhaft, ob der erste Earl of Bath überhaupt in die All-Time Charts der PMs gehört.

Platz 2 der Charts: William Pitt the Younger. This work is in the public Domain.

Platz 2 der Charts:
William Pitt the Younger.
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Platz 3 der Charts: Robert Banks Jenkison. This work is in the public Domain.

Platz 3 der Charts:
Robert Banks Jenkinson, 2nd Earl of Liverpool.
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The Axmouth Landslip zu Weihnachten 1839

Hier ereignete sich der legendäre Erdrutsch im Jahr 1839.   © Copyright David Smith and licensed for reuse under this Creative Commons Licence.

Hier ereignete sich der legendäre Erdrutsch im Jahr 1839.
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Die Klippen an der Südküste von Dorset und Devon brechen immer mal wieder ein Stück ab, das ist dort nichts Außergewöhnliches. Aber was sich am Weihnachtstag des Jahres 1839 bei Axmouth (Devon) abspielte, war für die Anwohner schon sehr beängstigend. Schon Tage vorher bemerkten die Menschen, die in ihren Cottages oberhalb der Dowland Cliffs lebten, dass sich in den Hauswänden plötzlich Risse bildeten, die immer größer wurden. Der Boden, auf dem die Häuser standen, verschob sich, so dass die Haustüren nur noch mit Schwierigkeiten geöffnet werden konnten. Als dann in der Weihnachtszeit noch beunruhigende Geräusche dazu kamen, flohen die Leute aus ihren Cottages und brachten sich und einen Teil ihres Eigentums in Sicherheit. Dann geschah das, was als The Axmouth Landslip, manchmal auch The Bindon Landslip (nach einer Farm auf den Klippen benannt), in die Geschichtsbücher einging: Eine etwa 280 000 Quadratmeter große Fläche stürzte über 80 Meter in die Tiefe und riss einige der Cottages mit. Zum Glück kam niemand zu Schaden, da die Häuser alle verlassen worden waren. Ein ganzes Weizenfeld wurde verlagert, das wundersamerweise im folgenden Jahr geerntet werden konnte. Eines der Cottages war noch soweit intakt, dass man es eine Zeit lang als Tearoom verwendete, bevor ein besonders heftiger Sturm es später ins Meer riss. Dieser  Tearoom rentierte sich, denn der Klippenabriss erwies sich als Touristenmagnet. Viele kamen hierher, um sich das Naturereignis aus der Nähe anzusehen.

Auch die Geologen kamen auf ihre Kosten, denn der Abbruch war für sie sehr interessant. Schon 1840 veröffentlichten William Coneybeare und William Buckland eine wissenschaftliche Untersuchung, zu der William Dawson die Illustrationen anfertigte.

Queen Victoria wollte sich das Schauspiel auch nicht entgehen lassen und kam mit ihrer königlichen Yacht vorbei. Ein gewisser Ricardo Linter komponierte die „Landslide Quadrille“ – Das Unglück von Axmouth war damals das Gesprächsthema Nummer Eins.

Der Schriftsteller Sabine Baring-Gould (1834-1924) nahm The Axmouth Landslip als Hintergrund für seinen Roman“ Winifred: A Story of the Chalk Cliffs„, der im Jahr 1900 erschien.

Experten warnen immer wieder davor, dass sich etwas Vergleichbares jederzeit wieder an den Küsten von Dorset und Devon ereignen könnte.

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Published in: on 21. April 2016 at 02:00  Comments (3)  
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Wie die Stadt Bristol in den 1940er Jahren dazu beitrug, den East River Drive in New York zu bauen

Teil des East River Drives in New York, der heute Franklin D. Roosevelt Drive heißt. Author: Bob Jagendorf. This file is licensed under the Creative Commons Attribution 2.0 Generic license.

Teil des East River Drives in New York, der heute Franklin D. Roosevelt Drive heißt.
Author: Bob Jagendorf.
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Im Zweiten Weltkrieg wurden viele englische Städte durch deutsche Bombenangriffe zerstört. Neben London, Coventry und Plymouth, um nur einige zu nennen, traf es auch die Stadt Bristol sehr hart. Am 24. November 1940 fegte eine erste Angriffswelle über Bristol, mit verheerenden Auswirkungen. Neben Tausenden von Toten und Verletzten fielen auch Wohnhäuser, Bürogebäude, Kirchen den Bomben zum Opfer, und der Schutt der zerstörten Gebäude türmte sich meterhoch. Wohin nun damit?
Da kam jemand von den städtischen Verantwortlichen auf eine Idee. Viele Schiffe, die aus den USA Vorräte nach Großbritannien brachten, fuhren leer wieder über den Atlantik zurück. Als Ballast füllte man diese Schiffe mit dem Bauschutt aus Bristol auf, die den wiederum in New York abluden, und da man dort damals gerade den East River Drive baute, verwendete man das, was von den zerstörten Häusern in Bristol übriggeblieben war, als Fundament für den Straßenbau auf der anderen Seite des Atlantiks und schüttete einen Teil des East Rivers auf.

In Erinnerung an diese Aktion benannte man die Aufschüttung am East River „Bristol Basin“ und enthüllte am 29. Juni 1942 in Anwesenheit von Bürgermeister Fiori La Guardia (nach dem auch einer der Flughäfen New Yorks benannt wurde) eine Bronzeplakette an der Ecke East River Drive und 25th Street.
Anfang der 1970er Jahre errichte man auf dem Gelände des Bristol Basins einen viertürmigen Wohnkomplex, dem man den Namen Waterside Plaza gab. Die Erinnerungsplakette aus dem Jahr 1942 wurde während der Bauarbeiten entfernt und im Dezember 1974 erneut an einer Mauer angebracht. Dieses Mal enthüllte sie der Hollywood-Schauspieler Cary Grant, der 1904 in Bristol geboren worden war. Hier ist ein Film über die Plaketten auf beiden Seiten des Atlantiks (eine Replika dieser Plakette wurde auch im Zentrum von Bristol angebracht.)

Der East River Drive in New York heißt heute Franklin D. Roosevelt Drive. Die wenigsten, die diese autobahnähnliche Straße befahren, sind sich wohl im klaren darüber, dass sie auf dem Abschnitt zwischen der 23. und der 34. Straße über Baumaterial fahren, das vor mehr als  75 Jahren noch einige Tausend Kilometer entfernt in England in Form von Häusern stand.

Waterside Plaza in New York, erbaut auf dem Schutt zerstörter Häuser aus Bristol. Author: Beyond My Ken. This file is licensed under the Creative Commons Attribution-Share Alike 4.0 International.

Waterside Plaza in New York, erbaut auf dem Schutt zerstörter Häuser aus Bristol.
Author: Beyond My Ken.
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Published in: on 3. April 2016 at 02:00  Schreibe einen Kommentar  
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Lionel Lukin, der Mann, der durch seine Erfindung zahllose Menschenleben rettete

Der Doctors Pond in Great Dunmow (Essex).   © Copyright Robin Webster and licensed for reuse under this Creative Commons Licence.

Der Doctors Pond in Great Dunmow (Essex).
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Hätte es Lionel Lukin (1742-1834) nicht gegeben, dann wären mit Sicherheit viele Menschen im Meer ertrunken. Warum? Weil er Ende des 18. Jahrhunderts das unsinkbare Seenotrettungsboot erfand. Ursprünglich arbeitete er als Konstrukteur für Kutschen in London, er war Master of the Worshipful Company of Coachmakers, dann wendete er sich jedoch dem Thema „Unsinkbares Boot“ zu und meldete 1785 ein Patent an:“ Improved method of construction of boats and small vessels, for either sailing or rowing, which will neither overset in violent gales or sudden bursts of wind, nor sink if by any accident filled with water„.

Geboren wurde Lionel Lukin am 18. Mai 1742 in Little Dunmow in Essex, manche Quellen geben auch Great Dunmow als Geburtsort an. Im Doctors Pond, einem Teich mitten in Great Dunmow, unternahm er seine Testversuche mit Modellschiffen, die er aus unterschiedlichen Materialien und in verschiedenen Formen baute. Den Teich gibt es noch heute, der seinen ungewöhnlichen Namen wohl von zwei Ärzten erhalten hat, die in ihm Blutegel für medizinische Zwecke hielten.

Sein erstes, richtiges Boot, das Lukin The Experiment taufte, wurde im Ärmelkanal getestet, auf dem es mehrmals bei extrem schlechtem Wetter problemlos hin und her fuhr. Auch Boot Nummer 2, The Witch, erwies sich in den Tests als sehr erfolgreich, aber es dauerte eine ganze Zeit, bis die unsinkbaren Rettungsboote auch angenommen und eingesetzt wurden. Frances Ann of Lowestoft hieß dann das erste speziell für den Rettungseinsatz auf der Nordsee gebaute Boot, mit dem in 50 Jahren mehr als 300 Schiffbrüchige geborgen werden konnten. Dank dafür an den Tüftler aus Great Dunmow, an den man in seinem Geburtsort in Great Dunmow am Doctors Pond mit einer Plakette gedenkt.

Lionel Lukin verbrachte seine letzten Lebensjahre in Hythe (Kent) und ist dort auf dem Kirchhof von St Leonard’s (s. dazu meinen Blogeintrag) begraben. Auf seinem Grabstein steht zu lesen:
This Lionel Lukin was the first who built a lifeboat, and was the original inventor of that principal of safety by which many lives and property have been preserved from shipwreck„.

Falls jemandem der Name des Dorfes Great Dunmow irgendwie bekannt vorkommt, ich habe in meinem Blog einmal über die Tradition des Dunmow Flitch geschrieben.

St Leonard's in Hythe (Kent). Hier liegt Lionel Lukin begraben.   © Copyright C P Smith and licensed for reuse under this Creative Commons Licence.

St Leonard’s in Hythe (Kent). Hier liegt Lionel Lukin begraben.
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Published in: on 3. März 2016 at 02:00  Schreibe einen Kommentar  
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Suffragette Season im britischen Parlament

Hier, im britischen Parlament, findet die Suffragette Season statt.   © Copyright Paul Gillett and licensed for reuse under this Creative Commons Licence.

Hier, im britischen Parlament, findet die Suffragette Season statt.
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Am 4. Februar diesen Jahres kam der Spielfilm „Suffragette: Taten statt Worte“ in die deutschen Kinos (hier ist der Trailer dazu), der bereits am 7. Oktober 2015 beim Londoner Film Festival in Großbritannien seine Premiere feierte. Mit Meryl Streep, Carey Mulligan und Helena Bonham Carter ist er hochkarätig besetzt. Der Film schildert die wahren Ereignisse Anfang des 20. Jahrhunderts um die Feministin Emmeline Pankhurst, die das Ziel verfolgte, das Wahlrecht für Frauen in Großbritannien zu erkämpfen. Die Aktivistinnen, Suffragetten genannt, griffen auch zu radikaleren Methoden, um ihr Ziel zu erreichen, was ihnen allerdings erst 1928 gelang, als Frauen das volle Wahlrecht erhielten.

Einige der Filmsequenzen wurden auch im und am britischen Parlament in London gedreht, Grund genug, dort vom 6. Februar bis zum 6. April eine Suffragette Season einzurichten, während der geführte Touren durch das Ober- und das Unterhaus unter dem Thema „Frauenwahlrecht“ angeboten werden. „Votes For Women!“ heißen diese Führungen.
Des weiteren gibt es 90-minütige Touren durch das Parlamentsgebäude an der Themse mit dem Titel „From Petitions To Prime Minister: A Short History Of Women In Parliament„; dabei steht der Kampf der Frauen um das Wahlrecht und die Rolle der Frauen im heutigen Parlament im Mittelpunkt.

Mehrere Vorträge finden im Portcullis House statt, dort, wo die Abgeordneten des Unterhauses ihre Büros haben, zum Beispiel: „Alice Hawkins: A Suffragette„, darin geht es um die Aktivistin der Women’s Social and Political Union, die wegen ihres Einsatzes für die Frauenrechte fünfmal eingesperrt wurde.

Ebenfalls im Portcullis House wird der Film „Muriel Matters!“ (hier ein kurzer Ausschnitt) gezeigt, die Geschichte der Australierin Muriel Matters, die nach London kommt und sich den Suffragetten anschließt.

Das Portcullis House.    © Copyright Chris Downer and licensed for reuse under this Creative Commons Licence.

Das Portcullis House.
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Published in: on 24. Februar 2016 at 02:00  Schreibe einen Kommentar  
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Das Wunder von Durham am 1. Mai 1942

Etwa so muss Durham in jener Nacht im Mai 1942 ausgesehen haben, bevor der Nebel vom Fluss emporstieg.   © Copyright Adrian Beney and licensed for reuse under this Creative Commons Licence.

Etwa so muss Durham in jener Nacht im Mai 1942 ausgesehen haben, bevor der Nebel vom Fluss emporstieg.
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Es war in den frühen Morgenstunden des 1. Mai im Jahr 1942. Die Stadt Durham im Norden Englands lag unter einem sternenklaren, wolkenlosen Himmel als das Unheil nahte. Ein deutsches Bombergeschwader hatte den Auftrag, Städte im Norden des Landes zu zerstören. Es hieß damals, dass die Luftwaffe alle Gebäude zerstören wollte, die im Baedeker-Reiseführer für England mit mindestens 3 Sternen versehen waren. Diesem sogenannten Baedeker-Blitz fielen viele Menschen und Bauwerke im ganzen Land zum Opfer. Zwei Tage bevor sich die deutschen Bomber Durham näherten, hatten sie schon Teile der Stadt York in Schutt und Asche gelegt.

In jener Nacht am 1. Mai 1942 rissen die Sirenen die Bürger von Durham aus dem Schlaf. Zeitgleich geschah etwas sehr Merkwürdiges: Eben noch war der Himmel über der Stadt klar und die Kathedrale von Durham zeichnete sich deutlich gegen den Nachthimmel ab, als sich plötzlich ein dicker, weißer Nebel vom River Wear erhob und sowohl die Kathedrale als auch die Burg komplett einhüllte. Die Besatzungen der Bombenflugzeuge, die sich an der großen Kirche orientieren wollten, fanden diese nicht mehr und nachdem sie einige Zeit vergeblich danach gesucht hatten, zogen sie wieder ab, ohne eine einzige Bombe abgeworfen zu haben. Dafür musste leider die Gemeinde Beamish, nördlich von Durham büßen, auf die drei Bomben fielen, die acht Menschen töteten und viel Gebäudeschäden anrichteten. Der Ortshistoriker Jack Hair hat darüber ein Buch geschrieben, das den Titel „The Bombs at Beamish“ trägt.

Was ist in jener Nacht in Durham passiert? Einige vertraten damals der Meinung, dass das Phänomen des plötzlich aufsteigenden Nebels auf die kühle Nachtluft und das Wasser des Flusses Wear zurückzuführen war. Stimmt nicht, meinten andere, hier hatte der Heilige Cuthbert seine Hände im Spiel, dessen Gebeine in der Kathedrale ruhten; er hatte die Stadt vor einer Katastrophe bewahrt, weshalb man den Nebel auch als The Cuthbert Shroud bezeichnete. Merkwürdigerweise verschwand der Nebel sofort wieder, nachdem die Bomber davongeflogen waren.

Das Grab des Heiligen Cuthbert in der Kathedrale von Durham. War er für das Wunder von Durham verantwortlich? This work is releades into the public Domain.

Das Grab des Heiligen Cuthbert in der Kathedrale von Durham. War er für das Wunder von Durham verantwortlich?
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Published in: on 14. Februar 2016 at 02:00  Comments (4)  
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Zwei Tage im Leben von Horsted Keynes (West Sussex), die immer in Erinnerung der Dorfbewohner bleiben werden

Der Eingang zum Birch Grove House, in dem John F. Kennedy übernachtete.   © Copyright Nigel Freeman and licensed for reuse under this Creative Commons Licence.

Der Eingang zum Birch Grove House, in dem John F. Kennedy übernachtete.
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Der 29. und 30. Juni 1963 waren zwei Tage, die ganz anders verliefen, als es die Bewohner von Horsted Keynes (West Sussex) sonst gewohnt waren, denn ein Präsident der USA verbrachte eine Nacht unter ihnen. John F. Kennedy machte im Zuge einer Europareise Station in dem Dorf am Rande des Ashdown Forests, weil ihn der damalige Premierminister Harold Macmillan in sein Haus Birch Grove eingeladen hatte. Angeblich wollte der charismatische Mann aus den USA einmal eine Nacht in der „English countryside“ verbringen und da das Familienanwesen der Macmillans ruhig und abgeschieden in diesem Teil von West Sussex lag, bot es sich für eine Übernachtung an.
Es ging damals sehr turbulent in Horsted Keynes zu, denn der Secret Service unternahm alles, damit Kennedy einige ungestörte Stunden in Birch Grove verbringen konnte. So wurde das Dorf in der Nacht komplett von der Außenwelt abgeriegelt; jedes Auto, das sich auf der Birch Grove Road bewegte, die zu Macmillans Haus führt, wurde genau unter die Lupe genommen. Das Hauptquartier der Sicherheitsleute war der Crown Inn am Village Green von Horsted Keynes. Ob die Secret Service-Beamten dort auch einige Biere zu sich nahmen oder ob strenges Alkoholverbot galt, kann ich leider nicht sagen. Ihr Präsident dagegen trank am Abend ein paar Biere im Red Lion im benachbarten Chelwood Gate. Der Gasthof erwähnt ihn und den britischen Premier auf seiner Webseite noch heute als ehemalige Stammgäste.

Nachdem Kennedy und Macmillan im Birch Grove House am nächsten Morgen gefrühstückt hatten, begab sich der Präsident, natürlich wieder unter strenger Bewachung des Secret Service, zur nächstgelegenen katholischen Kirche, die er in der Hartfield Road in Forest Row (East Sussex) fand. In The Lady of the Forest besuchte John F. Kennedy den Gottesdienst; übrigens das erste Mal, das ein amerikanischer Präsident auf britischem Boden das tat. Nach einem leichten Lunch im Birch Grove House wurde Kennedy zum Gatwick Airport gebracht, von wo aus er zu seinem nächsten Ziel, Italien, flog.

Die Bewohner von Horsted Keynes waren stolz auf den hohen Besuch, aber sicher atmeten sie auch wieder auf, als der ganze Zirkus abgezogen war und die Normalität im Dorfleben wieder einkehrte. Die beiden Tage im Juni 1963, wenige Monate bevor Kennedy in Dallas erschossen wurde, bleiben in der Dorfchronik von Horsted Keynes sicher für alle Zeiten ein ganz wichtiges Datum.

Harold Macmillan starb am 29. Dezember 1986 im Alter von 92 Jahren im Birch Grove House. Am 5. Januar 1987 fand in der St Giles Church im Dorf die Beerdigungsfeier statt, in Anwesenheit anderer Premierminister wie Margaret Thatcher und Edward Heath. Anschließend wurde Macmillan im Familiengrab neben seiner Frau Dorothy auf dem Kirchhof von St Giles beigesetzt.

Über den Bahnhof von Horsted Keynes schrieb ich in meinem Blog schon einmal.

The Crown Inn in Horsted Keynes, Hauptquartier des Secret Service.   © Copyright N Chadwick and licensed for reuse under this Creative Commons Licence.

The Crown Inn in Horsted Keynes, Hauptquartier des Secret Service.
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The Red Lion in Chelwood Gate. Hier trank John F. Kennedy einige Biere.   © Copyright Robin Webster and licensed for reuse under this Creative Commons Licence.

The Red Lion in Chelwood Gate. Hier trank John F. Kennedy einige Biere.
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Das Familiengrab der Macmillans auf dem Kirchhof von St Giles in Horsted Keynes. Author: Hassocks 5489. This work is released into the public domain.

Das Familiengrab der Macmillans auf dem Kirchhof von St Giles in Horsted Keynes.
Author: Hassocks 5489.
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Published in: on 15. Januar 2016 at 02:00  Schreibe einen Kommentar  
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The Huskar Pit Disaster vom 4. Juli 1838 in Silkstone (South Yorkshire)

The Huskar Monument in Nab's Wood.   © Copyright Martin Speck and licensed for reuse under this Creative Commons Licence.

The Huskar Monument in Nab’s Wood.
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Das schwerste Unglück, das die Gemeinde Silkstone bei Barnsley in South Yorkshire je erfuhr, ereignete sich am 4. Juli 1838. Ein fürchterliches Unwetter braute sich an diesem Tag über dem Bergwerksort zusammen, in dessen Huskar Pit, einem Kohlebergwerk, viele Kinder  arbeiteten. Als man über Tage sah, dass das Wasser in den Bergwerksschacht strömte, gab man eine Warnmeldung an die unter Tage Arbeitenden ab und ordnete an, dass alle Lampen gelöscht und alle sich auf die unterste Sohle zurückziehen sollten.

Trotz dringender Warnungen erfahrener Bergleute versuchten 40 Kinder über einen Entlüftungsschacht nach oben und nach draußen zu gelangen, was eine katastrophale Fehlentscheidung war, denn die Wassermassen die von oben in den Schacht eindrangen, waren so gewaltig, dass 26 Kinder ertranken. 20 der Kinder kamen aus Silkstone, wobei James Burkinshaw mit sieben Jahren der jüngste war. Elf Mädchen waren unter den Opfern, darunter drei 8jährige: Catherine Garnett, Sarah Jukes und Sarah Newton.

Am Abend des folgenden Tages wurde im Red Lion Inn in Silkstone eine gerichtliche Untersuchung anberaumt, bei der die Jury zu dem Ergebnis kam, dass der Tod der Kinder durch Ertrinken erfolgte. Als Folge dieses schrecklichen Unglücks wurde ein Gesetz erlassen, das die Untertagearbeit für Frauen und für Kinder unter 10 Jahren verbot. Ein kleiner Fortschritt, der trotz des Widerstands der Bergwerksbesitzer durchgesetzt werden konnte.

Ein Denkmal, das an das Unglück erinnert, steht auf dem Silkstone Churchyard. Anlässlich des 150. Jahrestages des Unglücks im Jahr 1988 errichtete die Gemeinde von Silkstone in Nab’s Wood, dort wo sich die Tragödie abspielte, ein weiteres Denkmal. Les Young baute diese Gedenkmauer und erzählt hier in diesem Video von der Entstehung.

Alan Gallop schrieb ein Buch über das Huskar Pit Disaster: „Children of the Dark: Life and Death Underground in Victoria’s England“ (Sutton Publishing 2003. 248 Seiten. ISBN  978-0750930949).

   © Copyright Neil Theasby and licensed for reuse under this Creative Commons Licence.

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The Red Lion in Silkstone, in dem die gerichtliche Untersuchung stattfand.   © Copyright John Fielding and licensed for reuse under this Creative Commons Licence.

The Red Lion in Silkstone, in dem die gerichtliche Untersuchung stattfand.
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Published in: on 21. November 2015 at 02:00  Schreibe einen Kommentar  
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Wo liegt das tatsächliche Zentrum Londons, von wo aus alle Entfernungen berechnet werden?

Die Reiterstatue von Charles. I. am Trafalgar Square.   © Copyright Richard Croft and licensed for reuse under this Creative Commons Licence.

Die Reiterstatue von Charles I. am Trafalgar Square.
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Ich frage mich manchmal, wenn ich zum Beispiel auf einer englischen Autobahn unterwegs bin und den Entfernungshinweis „London 120 Miles“ lese, was damit tatsächlich gemeint ist. Zählen die Meilen bis zur Stadtgrenze oder bis ins Zentrum? Wenn es das Zentrum ist, wo liegt das dann genau?

Die richtige Antwort lautet: Alle Entfernungsangaben von und nach London beginnen an der Reiterstatue von Charles I. in Charing Cross am Trafalgar Square. Die Bronzeskulptur wurde 1633 im Auftrag des Königs von dem französischen Bildhauer Hubert Le Sueur geschaffen, der auch noch mehrere andere Kunstwerke für Charles I. anfertigte. Aufgestellt hat man die Statue an dieser Stelle aber erst im Jahr 1675 unter Charles II.; in der Zeit dazwischen, im Englischen Bürgerkrieg, war sie bei einem Schmied in London versteckt, der sie eigentlich in ihre Bestandteile zerlegen sollte, dies aber nicht tat.

Bevor Charles I. auf seinem Pferd diesen Platz vor dem Trafalgar Square einnahm, stand hier das letzte Eleanor Cross, das ein anderer König, nämlich Edward I., zu Ehren seiner verstorbenen Frau Eleonore von Kastilien baute. Dies war das letzte der 12 Eleanor Cross genannten Monumente, die von Lincoln nach London führten (ich berichtete in meinem Blog darüber). Auf Anordnung des Parlaments wurde das Gedenkkreuz 1647 abgerissen. Sehr viel später, erst 1875, stellte man vor dem Bahnhof Charing Cross eine 21 Meter hohe Replika dieses Monumentes auf. Von hier aus werden aber die Entfernungen von London aus nicht gemessen, wie viele immer noch meinen.

Eine in den Boden gelassene Plakette hinter der Reiterstatue Charles‘ I. der City of Westminster gibt folgende Information:
On the site now occupied by the statue of King Charles I. was erected the original Queen Eleanor’s Cross a replica of which stands in front of Charing Cross Station. Mileages from London are measured from the site of the original Cross„.
Da haben wir es Schwarz auf Weiß (bzw. Weiß auf Bronze).

Dieser Film zeigt die Statue von Charles I. und erzählt deren Geschichte noch einmal nach.

Die Replika des letzten Eleanor Cross vor dem Bahnhof Charing Cross.   © Copyright Richard Croft and licensed for reuse under this Creative Commons Licence.

Die Replika des letzten Eleanor Crosses vor dem Bahnhof Charing Cross.
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Published in: on 19. Oktober 2015 at 02:00  Schreibe einen Kommentar  
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Anthony Payne, The Cornish Giant – Einer der größten Menschen des 17. Jahrhunderts

The Tree Inn in Stratton (Cornwall).   © Copyright Humphrey Bolton and licensed for reuse under this Creative Commons Licence.

The Tree Inn in Stratton (Cornwall).
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Am Tree Inn in Stratton in Cornwall prangt ein Schild, auf dem ein hochgewachsener Mann in einer roten Robe zu sehen ist. Es steht nicht dabei, um wen es sich handelt. Um die Ecke herum, am Eingang zum Stratton Post Office, das im Gebäude des Pubs untergebracht ist, finden wir den Mann auf dem Bild wieder. Ich löse das Rätsel auf: Es handelt sich hier um Anthony Payne,  den sogenannten „Cornish Giant„, einem mit 2,23 Meter größten Menschen des 17. Jahrhunderts.

Geboren wurde der Riese im Manor House, dort, wo jetzt der Tree Inn steht; er lebte in dem Haus und er starb auch hier. In der Schlacht von Stamford Hill am 16. Mai 1643 kämpfte Payne im Bürgerkrieg an der Seite von Sir Beville Grenville für die Royalisten. Später wurde der große Mann Bodyguard von Charles I, den er an Körpergröße weit überragte, denn der König maß nur rund 1,53.

Viele der Männer mit Supergrößen wurden nicht sehr alt, Anthony Payne dagegen starb erst 1691 im Alter von 81 Jahren im Manor House. Sein Sterbezimmer lag im 1. Stock und als man ihn hinuntertragen wollte, stellte man fest, dass das nicht so ohne weiteres ging. Mit seiner enormen Körpergröße passte er nicht durch die Tür und so musste man erst einige Balken entfernen und ihn dann mit Hilfe von Seilen und einem Flaschenzug ins Erdgeschoss hieven.
Beerdigt wurde er auf dem Kirchhof von St Andrew’s in Stratton in einem nicht markierten Grab und es bedurfte vieler kräftiger Männer, um seinen Sarg zu tragen. Bei Grabungsarbeiten im 19. Jahrhundert stieß man auf dem Kirchhof auf einen überdimensionalen Sarg, in dem das Skelett eines Riesen lag. Mit hoher Wahrscheinlichkeit handelte es sich dabei um Anthony Payne.

Das Bild, das wir am Tree Inn von ihm sehen, ist eine Kopie des Porträts, das Sir Godfrey Kneller (1646 – 1723) von ihm in Plymouth anfertigte. Kneller war ein in Lübeck geborener Porträtmaler, den Charles II an seinen Hof holte.

Spukt sein Geist noch immer im Tree Inn, in dem Haus, in dem er einen großen Teil seines Lebens verbrachte? Geisterjäger waren auf jeden Fall schon einmal da.

Stratton liegt an der A39, gleich neben Bude.

Das Postamt im Tree Inn mit dem Porträt Anthony Paynes.   © Copyright Humphrey Bolton and licensed for reuse under this Creative Commons Licence.

Das Postamt im Tree Inn mit dem Porträt Anthony Paynes.
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St Andrew's Church in Stratton.   © Copyright Mike Searle and licensed for reuse under this Creative Commons Licence.

St Andrew’s Church in Stratton.
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Published in: on 12. September 2015 at 02:00  Schreibe einen Kommentar  
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Die Minensucher von der Küste Norfolks – Ein wahres Himmelfahrtskommando

Trimingham Beach in Norfolk. Hier wurde noch bis in die 1970er Jahre nach Minen gesucht.   © Copyright Julian Dowse and licensed for reuse under this Creative Commons Licence.

Trimingham Beach in Norfolk. Hier wurde noch bis in die 1970er Jahre nach Minen gesucht.
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Sowohl während der napoleonischen Kriege als auch im Ersten und Zweiten Weltkrieg fürchtete man in England immer wieder eine Invasion fremder Truppen und so musste die lange Küstenlinie des Landes geschützt werden. Zwischen 1796 und 1814 baute man die Martello-Türme an der Süd- und Ostküste, um Napoleons Soldaten schon früh abzufangen; im Zweiten Weltkrieg wurde auf Anordnung von Sir Winston Churchill die Ostküste vermint. Die genaue Lage der Minen zeichnete man in Karten ein, damit man sie zu einem späteren Zeitpunkt wieder entfernen konnte. Nachdem sich im Laufe des Krieges abzeichnete, dass mit einer Invasion deutscher Truppen nicht mehr zu rechnen war, begann das Militär, die Minen wieder einzusammeln und stellte fest, dass die Unterlagen mit den Lageplänen nicht mehr aufzufinden waren. Was jetzt? Die Küste Norfolks war gespickt mit den tödlichen runden Scheiben, deren Lage sich durch die Gezeitenströmungen natürlich auch noch verändert hatte.
Ein Spezialtrupp der Royal Engineers, die Sappers, wurden mit dem Himmelfahrtskommando betraut, im Sand der Strände der Ostküste, die Minen wieder aufzuspüren. Es gab damals zwar schon Minensuchgeräte, aber manchmal mussten die Pioniere der Royal Engineers auf dem Bauch liegend und mit einem Stab bewaffnet, den sie vorsichtig in den Sand stießen, ihre Sucharbeiten durchführen. Leider ging das nicht, wie vorauszusehen war, ohne Verluste ab; einige Minen explodierten und töteten die mutigen Soldaten. Insgesamt 26 Männer verloren auf diese Weise im Zeitraum von 1944 bis 1953 ihr Leben. An manchen Strandabschnitten, so z.B. an der erodierenden Küste von Trimingham, dauerten die Räumarbeiten bis in die 1970er Jahre. Erst dann konnte Entwarnung für die Strandbesucher dieser Region gegeben werden.

Bis zum Jahr 2004 gab es kein Denkmal, das an die getöteten Männer erinnerte; auf Initiative eines früheren Offiziers der Royal Engineers, Noel Cashford, änderte sich das. An der Strandpromenade von Mundesley, direkt neben dem Mundesley Maritime Museum, und nicht weit vom Trimingham Beach entfernt, wo am 6. Mai 1953 bei der Minensuche Sergeant Robert O’Doherty und Corporal Kenneth Braddock ums Leben kamen, steht jetzt das Bomb Disposal Memorial, an dem die Namen der 26 mutigen Männer angebracht sind, die bei der Ausübung ihrer Aufgabe starben.

Hier ist ein Film der British Paté über die Minensuche am Strand von Trimingham.

Das Bomb Disposal Memorial in Mundesley (Norfolk).   © Copyright Adrian S Pye and licensed for reuse under this Creative Commons Licence.

Das Bomb Disposal Memorial in Mundesley (Norfolk).
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Das winzige Mundesley Maritime Museu, in dem man sich auch über die Minensucharbeiten informieren kann.   © Copyright Philip Halling and licensed for reuse under this Creative Commons Licence.

Das winzige Mundesley Maritime Museum, in dem man sich auch über die Minensucharbeiten informieren kann.
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Published in: on 7. September 2015 at 02:00  Schreibe einen Kommentar  
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Die Goldbrook Bridge in Hoxne (Suffolk) oder Warum Brautpaare sich scheuen, diese Brücke zu überqueren

Die Goldbrook Bridge in Hoxne.   © Copyright Adrian Cable and licensed for reuse under this Creative Commons Licence.

Die Goldbrook Bridge in Hoxne.
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Die Goldbrook Bridge in Hoxne im ländlichen Suffolk führt über das kleine Flüsschen Goldbrook und man sagt, die Brücke sei einmal mit einem Fluch belegt worden, der speziell Hochzeitspaaren zum Verhängnis werden könnte. Und da auch heute noch viele Menschen abergläubisch sind, machen manche Brautpaare auf dem Weg zur Kirche lieber einen Umweg als über diese Brücke zu fahren. Wie konnte es dazu kommen?

Edmund der Märtyrer war von 855 bis zu seinem Tod am 20. November 869 König von East Anglia. Er hatte es während seiner Amtszeit mit den Dänen zu tun, die marodierend durch das Land zogen. Als es wieder einmal zu einer Auseinandersetzung zwischen Edmunds Truppen und den Dänen kam und letzere die Sieger waren,  floh der König und versteckte sich unter der Goldbrook Bridge in Hoxne. Dummerweise trug er goldene Sporen an seinen Stiefeln und da die Sonne in einem bestimmten Winkel stand, fielen die Strahlen darauf und reflektierten sie, was wiederum ein Brautpaar sah, dass gerade über die Brücke ging. Die Jungvermählten hatten nun nichts Besseres zu tun, als den Aufenthaltsort des Königs an die Dänen zu verraten. Sofort griffen diese zu und nahmen Edmund gefangen. Brutal wie man damals schon war, banden sie ihn an einen Baum, malträtierten ihn mit einer Peitsche und schossen Pfeile auf ihn ab. Als er tot war, wurde er auch noch geköpft. Bevor es Edmund an den Kragen ging, soll er noch alle Brautpaare, die zukünftig die Goldbrook Bridge überqueren würden, verfluchte. Ein Fluch, der noch heute seine Wirkung hat? Manche Paare sagen sich, man muss ja nicht unbedingt die Probe aufs Exempel machen…

Edmund fand seine letzte Ruhestätte 34 Jahre später in einem Ort weiter westlich von Hoxne, der Beodericsworth hieß (es gibt auch andere Schreibweisen), aus dem später die heutige Stadt Bury St Edmunds wurde.

Auf Hoxne in Suffolk wurde man im Jahr 1992 noch einmal aufmerksam gemacht, als dort der sogenannte Hoxne Hoard gefunden wurde, die größte Sammlung von römischen Gold- und Silbermünzen aus dem 4. und 5. Jahrhundert in ganz Großbritannien, die aus mehr als 15 000 Stücken bestand.

Die Goldbrook Bridge steht in Hoxne gleich neben der Village Hall, die man passenderweise St Edmund’s Hall genannt hat. Ein Gedenkstein an der Brücke erinnert daran, dass Edmund an dieser Stelle gefangengenommen wurde.

Hier soll sich einst König Edmund versteckt haben.   © Copyright Adrian Cable and licensed for reuse under this Creative Commons Licence.

Hier soll sich einst König Edmund versteckt haben.
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Published in: on 28. August 2015 at 02:00  Comments (2)  
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„Thankful Villages“ – Englands Dörfer, die im 1. Weltkrieg keine Verluste hinnehmen mussten

Upper Slaughter: Ein Thankful Village.   © Copyright Michael Dibb and licensed for reuse under this Creative Commons Licence.

Upper Slaughter (Gloucestershire): Ein Thankful Village.
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Der 1. Weltkrieg forderte in Europa unendlich viele Opfer auf allen Seiten der Kriegsbeteiligten. Der englische Journalist Arthur Mee schätzte in seinem Buch „Enchanted Land: Half-a-Million Miles in the King’s England„, dass von den rund 16 000 Dörfern Englands nur etwa 32 keine Kriegsopfer zu beklagen hatten. Diese wenigen glücklichen Dörfer nannte er „Thankful Villages„. Später wurde die Zahl der „verlustfreien“ Dörfer in England und Wales nach oben auf 53 korrigiert. In Schottland existiert kein einziges.

Es gibt auch einige „Double Thankful Villages„, Dörfer, die in beiden Weltkriegen keine Verluste hinnehmen mussten.
Dazu gehört z.B. Upper Slaughter in den Cotswolds, wo man kein Kriegerdenkmal errichtet hat; dafür findet man in der Village Hall zwei Plaketten, auf denen die Namen der Soldaten stehen, die vom Ersten und vom Zweiten Weltkrieg wieder nach Hause gekommen sind.
Herodsfoot bei Liskeard ist das einzige Thankful Village in Cornwall; auf dem Village Green hat man einen Gedenkstein errichtet, auf dem die Namen der aus den beiden Kriegen zurückgekehrten Männer verewigt sind, denn auch Herodsfoot gehört zu den doppelt glücklichen Dörfern.
In Meldon in Northumberland findet man einen Hinweis auf einem neben der Straße stehenden Stein; es ist das einzige Dorf in der Grafschaft, das keine Opfer zu beklagen hatte.
In Arkholme in Lancashire wurde ein unbehauener Stein auf dem Kirchhof von St John the Baptist aufgestellt mit der Inschrift: „In remembrance and thanksgiving for all who have lived and died in the service of others in war and peace“. Ein kleines bescheidenes Schild daneben erinnert daran, dass Arkholme auch ein Thankful Village ist.

Im Jahr 2013 machten sich Medwyn Parry und Dougie Bancroft mit ihren Motorrädern auf eine knapp 4000 Kilometer lange Reise zu sämtlichen Thankful Villages in England und Wales, mit dem Ziel innerhalb von 9 Tagen £51 000 für die British Legion zu sammeln. Hier ist ein Film über den Thankful Village Run mit den beiden sympathischen Männern.

Wie schlimm war es wohl für die anderen 15 947 Dörfer, die Männer in einen wahnsinnigen Krieg schicken mussten und von denen Unzählige ihr Leben auf den europäischen Schlachtfeldern ließen? Da ist z.B. Wadhurst in East Sussex, ein Dorf mit ca 3500 Einwohner, von denen 149 Männer nicht mehr aus dem Ersten Weltkrieg zurückkamen. Accrington in Lancashire traf es sehr hart, als bei der Somme-Offensive innerhalb von 20 Minuten 235 Männer aus dem Ort getötet wurden.

 

Herodsfoot in C.   © Copyright Rob Farrow and licensed for reuse under this Creative Commons Licence

Herodsfoot in Cornwall
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Meldon in Northumberland.   © Copyright Russel Wills and licensed for reuse under this Creative Commons Licence.

Meldon in Northumberland.
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Arkholme in Lancashire.   © Copyright Ian Taylor and licensed for reuse under this Creative Commons Licence.

Arkholme in Lancashire.
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Der Thankful Village Run in Nether Kellet (Lancashire).    © Copyright Ian Taylor and   licensed for reuse under this Creative Commons Licence.

Der Thankful Village Run in Nether Kellet (Lancashire).
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Published in: on 22. August 2015 at 02:00  Comments (3)  
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Berwick-upon-Tweed (Northumberland) Teil 1: Der Kriegszustand zwischen Russland und der kleinen Stadt im Norden Englands

Die Drei-Brückenstadt Berwick-upon-Twedd.    © Copyright M J Richardson and   licensed for reuse under this Creative Commons Licence.

Die Drei-Brückenstadt Berwick-upon-Tweed.
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Berwick-upon-Tweed im äußersten Nordwesten Englands in der Grafschaft Northumberland ist schon eine bemerkenswerte kleine Stadt. Geprägt ist sie durch die Nähe zu Schottland (die Grenze ist nur vier Kilometer entfernt) und so gehörte die Stadt im Laufe der Geschichte mal zu England, mal zu Schottland, mal zu England, mal zu Schottland usw.

Der örtliche Fußballverein, die Berwick Rangers (ich berichtete in meinem Blog), spielt als einziger Fußballclub Englands in der schottischen Liga, weil die Anreise zu den Spielorten in England einfach zu weit wäre.

Berwick-upon-Tweed nahm immer einen Sonderstatus ein und, so hieß es immer wieder, und es ist eine wirklich schöne Geschichte, so soll sich die Drei-Brückenstadt am River Tweed eine Zeitlang sogar im Kriegszustand mit Russland befunden haben. Wie kam es dazu?

Am 28. März 1854 erklärte England Russland den Krieg und Königin Victoria soll die Kriegserklärung mit ihrem vollen Titel „Queen  of Great Britain , Ireland, Berwick-upon-Tweed  and the British Dominions“ unterschrieben haben. Der Krimkrieg fand am 30. März 1856 mit dem Dritten Pariser Frieden sein Ende; der Friedensvertrag wurde von den Kriegsbeteiligten unterschrieben. Dabei soll der Zusatz „Berwick-upon-Tweed“ vergessen worden sein, d.h. die Stadt in Nordengland befand sich nach wie vor mit Russland im Krieg.

Im April 1914 wurde dieser merkwürdige Zustand entdeckt, von Zeitungen aufgegriffen und bezweifelt, auf jeden Fall war Berwick-upon-Tweed immer mal wieder im Gespräch. In den 1960er Jahren, so erzählte man sich in der Stadt, soll ein Offizieller aus der Sowjetunion angereist ein, der per Unterschrift den Kriegszustand mit Berwick beendete. Der Bürgermeister der Stadt habe dem sowjetischen Beamten aufgetragen, seiner Bevölkerung mitzuteilen, dass sie ab jetzt ruhig schlafen könne, denn sie brauchte keine Angst mehr vor Berwick zu haben.

Stimmt das nun alles oder ist das nur Legendenbildung? Das britische Außenministerium hatte schon in den 1930er Jahren ausgiebig in den Archiven recherchiert und keinerlei Hinweise darauf gefunden, dass in der Kriegserklärung der Name „Berwick-upon-Tweed“ genannt wurde und darum natürlich auch nicht im Friedensvertrag.

Schade, aber eine schöne Geschichte ist es trotzdem!

Eine auf Russland gerichtete Kanone im Hafen von Berwick?    © Copyright James Allan and   licensed for reuse under this Creative Commons Licence.

Eine auf Russland gerichtete Kanone im Hafen von Berwick?
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Published in: on 10. August 2015 at 02:00  Schreibe einen Kommentar  
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Der dramatische Stapellauf der HMS Albion am 21. Juni 1898 in London

This artistic work created by the United Kingdom Government is in the public domain.

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Eigentlich hätte es ein schöner Tag werden sollen, der 21. Juni 1898, als das Kriegsschiff HMS Albion in London vom Stapel lief. Gebaut wurde es von den Thames Ironworks, die neben den Victoria Docks im Osten der Stadt lagen. Das Schiff wog etwa 13 000 Tonnen und war 131 Meter lang. Zur Taufe war die Duchess of York angereist, die, wie bei Schiffstaufen üblich, eine Flasche Champagner gegen den Bug des Schiffes warf. Und da, so werden Abergläubische sagen, begann die Tragödie, denn die Flasche zerbarst nicht. Auch zwei weitere Versuche scheiterten, der Champagner weigerte sich einfach, die Taufe vorzunehmen.
Als nächstes schnitt die Duchess of York das Seil durch, das man vor dem Schiff gespannt hatte, und das war das Zeichen für die Werftarbeiter, die HMS Albion zu Wasser zu lassen. Langsam glitt das Schiff hinein und verursachte durch die Wasserverdrängung eine sehr hohe Welle, die gegen eine Plattform prallte, auf der sich mehrere hundert Zuschauer eingefunden hatten, um dem Spektakel beizuwohnen. Trotz Warnungen der Polizei, dass ein Aufenthalt darauf nicht sicher war, wollten viele die Schiffstaufe möglichst nahe miterleben, was diesen Menschen zum Verhängnis wurde. Die Welle zerstörte die Plattform und riss die Zuschauer ins Wasser. Während auf der einen Seite des Schiffes die Menschen jubelten, kämpften auf der anderen Seite Hunderte um ihr Leben.

Trotz sofort eingeleiteter Hilfsmaßnahmen kamen 38 ums Leben, meistens Frauen und Kinder, Angehörige der Werftarbeiter, die stolz das Werk ihrer Männer und Väter betrachten wollten. Viele konnten durch den Einsatz mutiger Zuschauer und Werftarbeiter gerettet werden, die in das vier Meter tiefe Wasser sprangen und die Unglücklichen, die meist nicht schwimmen konnten, herauszogen.

Arnold Hills, der Eigentümer der Thames Ironworks, war von der Tragödie erschüttert und bot sofort an, die Kosten für die Beerdigungen zu übernehmen und einen Hilfsfond einzurichten, denn die Ertrunkenen gehörten zu der armen Bevölkerungsschicht Londons.

Zufällig wurde der Vorgang damals im Jahr 1898 von zwei Leuten gefilmt. Hier ist E.P. Prestwichs Film und hier der von Robert W. Paul.

Der schottische Dichter William Topaz McGonagall, der in der Welt der Literatur nicht gerade den besten Ruf genießt, hat über die Katastrophe ein Gedicht geschrieben, das er „The Albion Battleship Calamity“ nannte.

Die HMS Albion, deren Leben so tragisch begann, sollte nicht lange im Einsatz bleiben, denn schon 1919 wurde sie verschrottet.

Dort, wo sich früher die Thames Ironworks befanden, liegt heute das Royal Victoria Dock, Teil der völlig umgestalteten Londoner Docklands.

Etwa hier, wo sich heute das Royal Victoria Dock befindet, ereignete sich die Katastrophe. Author: Romazur. This file is licensed under the Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported license.

Etwa hier, wo sich heute das Royal Victoria Dock befindet, ereignete sich die Katastrophe.
Author: Romazur.
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Published in: on 26. Juli 2015 at 02:00  Schreibe einen Kommentar  
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The Upper Thames Patrol – Eine Abwehrkette gegen eine mögliche deutsche Invasion im Zweiten Weltkrieg entlang der Themse

Teddington Lock. Ab hier war die Upper Thames Patrol zuständig.    © Copyright N Chadwick and   licensed for reuse under this Creative Commons Licence.

Teddington Lock in Greater London. Ab hier war die Upper Thames Patrol zuständig…
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Schon bevor der Zweite Weltkrieg ausbrach, hatte man in England große Angst vor einer Invasion deutscher Truppen. Natürlich lag der Schwerpunkt der Abwehrmaßnahmen an den Küsten des Landes, aber auch im Inland traf man Vorkehrungen für den Fall, dass Hitlers Soldaten es schaffen sollten, in England einzudringen.

Im März 1939 wurde die Upper Thames Patrol (UTP) ins Leben gerufen, deren Aufgabe es war, speziell die Brücken und die Schleusen vor feindlichen Sabotageakten zu schützen. Auf dem Streckenabschnitt zwischen Teddington Lock und Lechlade, ca 200 Kilometer, lagen 35 Brücken und 42 Schleusen, für deren Schutz sich viele Freiwillige zur Verfügung stellten, die rund um die Uhr entlang der Themse patrouillierten. Sie achteten auch darauf, als der Krieg begonnen hatte, dass alle Schiffe die am Fluss lagen, nachts ihre Fenster verdunkelten, damit sie den feindlichen Flugzeugen keine Anhaltspunkte zum Abwurf ihrer Bomben bieten konnten.

Die Patrouillen tagsüber auf der Themse selbst wurden mit Hilfe von Booten aller Art durchgeführt, die entweder die Eigner freiwillig zur Verfügung stellten oder die man einfach beschlagnahmte.

Die Idee, einen Themseschutztrupp auf die Beine zu stellen, stammte von dem Parlamentsabgeordneten Sir Ralph Glyn (MP für Abingdon), dem das Londoner Kriegsministerium die Erlaubnis dafür erteilte. Die UTP wurde zuerst in die Local Defence Volunteers und dann 1940 in die Home Guard integriert. Als die Gefahr einer Invasion gebannt war, löste man sie schließlich auf und gab die Boote wieder an ihre ursprünglichen Besitzer zurück, die sich bestimmt freuten, jetzt wieder ihre „pleasure cruises“ vornehmen zu können.

...bis hier nach Lechlade in Gloucestershire. Das Foto zeigt St John's Lock. Eigenes Foto.

…bis hier nach Lechlade in Gloucestershire. Das Foto zeigt St John’s Lock.
Eigenes Foto.

Published in: on 20. Juni 2015 at 02:00  Schreibe einen Kommentar  
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Theberton in Suffolk – Hier wurde der letzte deutsche Zeppelin im Ersten Weltkrieg abgeschossen

Die Erinnerungsplakette an die 16 gefallenen deutschen Soldaten in Theberton.     © Copyright Adrian S Pye and   licensed for reuse under this Creative Commons Licence.

Die Erinnerungsplakette an die 16 gefallenen deutschen Soldaten in Theberton.
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Ob es wirklich so eine gute Idee war, im Ersten Weltkrieg von deutscher Seite aus Zeppeline einzusetzen, um damit Städte und Dörfer in England zu bombardieren? Die trägen, langsamen Luftfahrzeuge wurden schnell zum Opfer englischer Jagdflugzeuge oder wurden vom Boden aus abgeschossen. Der letzte Zeppelin, den das Schicksal ereilte, war der L48 unter dem Kommando von Kapitänleutnant Franz Georg Eichler. Drei Orte hatte er in Suffolk bombardiert: Falkenham, Kirton und Martlesham, ohne dass dabei großer Schaden entstand, denn die Bomben fielen fast alle auf Felder. Dann ging es Schlag auf Schlag, der L48 verlor über Harwich an Höhe, technische Problem traten auf und drei Jagdflugzeuge griffen den angeschlagenen Zeppelin an. Große Mühe hatten die Piloten nicht, das riesige Luftschiff zu treffen, das in den frühen Morgenstunden des 17. Juni 1917 brennend auf dem Gelände der Holly Tree Farm bei Theberton zu Boden stürzte.

16 Crewmitglieder kamen ums Leben, drei konnten sich schwer verletzt aus dem Zeppelin retten, von dem nur noch das Skelett übrigblieb. Die deutschen Soldaten wurden auf dem Friedhof von St Peter in Theberton beigesetzt, später wurden sie nach Cannock Chase in Staffordshire überführt, wo schon zahlreiche andere gefallene Kameraden lagen. Eine Plakette in Theberton erinnert noch an die Zeppelincrew, auf der die Bibelworte „Who art thou who judgest another man’s servant“ („Wer bist du, daß du einen fremden Knecht richtest?“) eingraviert sind. Die Fairness der Engländer zeigte sich auch darin, dass auf dem Sarg des Luftschiff-Kommandeurs ein Kranz lag, auf dessen Schleife geschrieben stand: „To a very brave enemy from RFC officers.” RFC war das Royal Flying Corps .

Nach dem Absturz von L48 strömte eine Menschenmenge zu dem Wrack und viele versorgten sich mit einem Erinnerungsstück. Auch in St Peter in Theberton hat man ein Stück des abgeschossenen Zeppelins aufbewahrt, das in einem Glaskasten untergebracht ist.

Hier ist ein Augenzeugenbericht über den Absturz von L48.

Auf dem Village Sign von Theberton kann man das ausgebrannte Wrack des Zeppelins neben der Kirche St Peter sehen.

Das Buch zum Artikel:
Mark Mower: Zeppelin over Suffolk – The final raid of L48. Pen & Sword Aviation 2008. 160 Seiten. ISBN 978-1844157372.

St Peter in Theberton. Hier wird noch immer ein Wrackteil des deutschen Zeppelins aufbewahrt.    © Copyright Ashley Dace and   licensed for reuse under this Creative Commons Licence.

St Peter in Theberton. Hier wird noch immer ein Wrackteil des deutschen Zeppelins aufbewahrt.
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Published in: on 17. Juni 2015 at 02:00  Schreibe einen Kommentar  
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Admiral Edward „Old Grog“ Vernon (1684-1757) – Vater des alkoholischen Heißgetränks?

Es gibt mehrere Versionen wie das aus Rum und heißem Wasser bestehende Getränk Grog zu seinem Namen kam; eine davon geht auf den britischen Admiral Edward Vernon zurück, der von 1684 bis 1757 lebte und dadurch berühmt wurde, dass er im November 1739 die Schlacht von Portobello in Panama gewann. Vernon wurde von den Soldaten der Marine „Old Grog“ genannt, da er auf seinen Schiffen stets einen Mantel aus Grogram-Gewebe trug. Da der Admiral auch dafür bekannt (berüchtigt?) war, dass er die Rumvorräte an Bord, damit sie länger hielten, mit Wasser streckte, soll sich sein Spitzname auf dieses „Getränk“ übertragen haben. Weitere Vorteile: Die Matrosen wurden nicht mehr so schnell betrunken, als wenn sie den Rum pur zu sich genommen hätten und das kostbare, leicht verderbliche Trinkwasser wurde durch den Rumzusatz eher wieder genießbar. Der Zusatz von Zitronen- oder Limettensaft ergab dann noch eine Vitamin C-Dosis, die die Seeleute auf ihren langen Fahrten gut gebrauchen konnten. Also eine rundherum geniale Idee des Admirals.

Nach seiner Laufbahn auf hoher See wurde Vernon Parlamentsmitglied für Ipswich in Suffolk. In dieser Grafschaft hatte er sich niedergelassen und wohnte im Orwell Park, ein Anwesen am Ortsrand von Nacton, südöstlich von Ipswich. Heute ist hier die Orwell Park School untergebracht. In einem Anbau findet man das Observatorium, das ein späterer Besitzer, Colonel George Tomline, ein begeisterter Astronom, errichten ließ. Die markante Kuppel verleiht dem imposanten Schulgebäude noch einen besonderen Reiz.

„Old Grog“ starb am 30. Oktober 1757 in Orwell Park und wurde nur wenige Meter entfernt in der Dorfkirche von Nacton, in St Martin’s, beigesetzt. Ein Marmordenkmal erinnert an den Sieger von Portobello in der Westminster Abbey in London.

Orwell Park School. Hier residierte einst Edward Vernon.    © Copyright N Chadwick and   licensed for reuse under this Creative Commons Licence.

Orwell Park School. Hier residierte einst Edward Vernon.
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Das Observatorium von Orwell Park.    © Copyright N Chadwick and   licensed for reuse under this Creative Commons Licence.

Das Observatorium von Orwell Park.
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St Martin's in Nacton (Suffolk).    © Copyright Keith Evans and   licensed for reuse under this Creative Commons Licence.

St Martin’s in Nacton (Suffolk).
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Die Schlacht von Maiwand (Afghanistan) am 27. Juli 1880 – Einige Anmerkungen

Die Schlacht von Maiwand. This image  is in the public domain because its copyright has expired.

Die Schlacht von Maiwand.
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Was haben/hatten eigentlich britische, US-amerikanische, russische oder deutsche Truppen in Afghanistan zu suchen? Sind jemals in den genannten Ländern afghanische Truppen eingefallen und haben dort Krieg geführt?

Am 27. Juli 1880 kam es im Zweiten Anglo-Afghanischen Krieg zu der Schlacht bei Maiwand, einem Ort in der Provinz Kandahar, bei der rund 2600 britische Soldaten auf 8500 afghanische Krieger stießen. Die Schlacht endete mit einer Niederlage der Briten, die 1757 Tote zu beklagen hatten, während auf der gegnerischen Seite 1250 reguläre Soldaten fielen, sowie über 1000 irreguläre Kämpfer. Wofür??

Beteiligt an der Schlacht von Maiwand war auch das 66th (Berkshire) Regiment of Foot, das um 286 Soldaten dezimiert wurde (die Zahlen variieren je nach Quelle). An diese fern von der Heimat gefallenen Männer erinnert ein Denkmal in den Forbury Gardens von Reading, der Hauptstadt Berkshires, das von der größten Löwenstatue weltweit gekrönt wird. 16 Tonnen schwer ist das Tier und 9,5 Meter lang. Ich berichtete in meinem Blog schon einmal über den Maiwand Lion.

Das Berkshire Regiment hatte auch einen Hund aus Reading mit nach Afghanistan genommen, einen Mischling namens Bobbie, der als Maskottchen diente und der bei der Schlacht von Maiwand die afghanischen Truppen wütend anbellte. Er wurde bei den Kampfhandlungen verletzt und humpelte mit den verwundeten Soldaten vom Schlachtfeld zurück. Er hatte die besondere Ehre, zusammen mit anderen Regimentsmitgliedern, später der Königin Victoria in London vorgestellt zu werden. Bobbie hatte die Schlacht überlebt, starb aber ein Jahr später, als ihn eine Kutsche in Gosport in Hampshire überfuhr. Die Nachricht über seinen Tod soll die Königin zu Tränen gerührt haben. Den ausgestopften und ordensgeschmückten Bobbie kann man im The Rifles Berkshire and Wiltshire Museum in Salisbury bewundern.

Surgeon-Major Alexander Francis Preston war Truppenarzt bei der Schlacht von Maiwand und wurde dort auch verletzt. Vielleicht würde sich heute kaum noch jemand an den Mann erinnern, wenn nicht Sir Arthur Conan Doyle gewesen wäre, der seine Figur des Dr. John Watson nach dem Regimentsarzt geformt hätte. In der ersten Sherlock Holmes-Geschichte „A Study in Scarlet“ (dt. „Eine Studie in Scharlachrot“) errät der Meisterdetektiv bei der ersten Begegnung mit Watson, dass dieser gerade aus Afghanistan zurückgekommen ist.

Der Autor des „Dschungelbuches“, Rudyard Kipling, lernte einen Soldaten kennen, der in der Schlacht von Maiwand mitgekämpft hatte, und schrieb daraufhin das Gedicht „That Day„.

Über die Schlacht von Maiwand sind mehrere Bücher geschrieben worden, u.a. „Maiwand: The Last Stand of the 66th (Berkshire) Regiment in Afghanistan, 1880“ von Richard J. Stacpoole-Ryding (The History Press 2008, 224 Seiten, ISBN 978-0752445373) und der Roman „Red Runs the Helmand“ von Patrick Mercer (HarperCollins 2012, 400 Seiten, ISBN 978-0007302772).

Der Maiwand Lion in den Forbury Gardens in Reading (Berkshire).    © Copyright Kevin Young and   licensed for reuse under this Creative Commons Licence.

Der Maiwand Lion in den Forbury Gardens in Reading (Berkshire).
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Published in: on 7. Juni 2015 at 02:00  Schreibe einen Kommentar  
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