Der Queen Square in Bristol – Schauplatz einer der blutigsten Aufstände in der Geschichte Englands

Die blutige Schlacht im Queen Square.This image is in the public domain because its copyright has expired.
Die blutige Schlacht im Queen Square.
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Der Queen Square (benannt nach Queen Anne) liegt mitten im Zentrum von Bristol, ein ruhiger baumbestandener Platz, in dessen Mitte ein Denkmal König Williams III steht, das man hier 1736 errichtete. Umgeben ist der Platz heute überwiegend von Bürogebäuden, aus denen bei meinem letzten Besuch Scharen von Angestellten in die nahegelegenen Pubs und Cafés strömten, um dort in ihrer Mittagspause einen Lunch zu sich zu nehmen.

Kaum zu glauben, dass sich auf diesem friedlichen Queen Square im Oktober 1831 einmal enorm blutige Schlachten abgespielt haben, bei denen Hunderte getötet oder schwer verletzt wurden.
Ursache dieser Queen Square Riots war die Ablehnung des Reform Acts durch das Londoner Oberhaus. Dieses geplante neue Gesetz sollte den wachsenden Industriestädten Englands mehr Einfluss im Parlament geben und das Wahlrecht ausweiten. Zu jener Zeit durften lediglich fünf Prozent der Bevölkerung Bristols wählen. Einer der Hauptwidersacher des Reform Acts war Sir Charles Wetherell und als dieser im Oktober 1831 nach Bristol kam, um die Sitzungsperiode des Assize Courts zu eröffnen, entlud sich der Volkszorn gegen ihn. Man jagte ihn in das Mansion House am Queen Square, von wo aus er jedoch flüchten konnte.

Die Unruhen dauerten drei Tage an, in denen die Aufständischen über hundert Gebäude zerstörten, darunter auch das Mansion House und der Bischofspalast. Schließlich setzte man die 3rd Dragoon Guards unter der Führung von Thomas Brereton ein, um dem Spuk ein Ende zu bereiten, und das entwickelte sich zu einem fürchterlichen Gemetzel. Mit ihren Schwertern schlugen die Dragoner auf die rebellierenden Männer ein, mit den genannten verheerenden Folgen. Brereton bekam sogar die Anweisung, in die Menge zu schießen, was er aber ablehnte. Daraufhin stellte man ihn später vor ein Kriegsgericht; doch bevor ein Urteil gesprochen wurde, erschoss er sich.

Hier ist ein kleiner Schwenk über den Platz, den ich einmal aufgenommen habe.

Das Buch zum Artikel:
Peter Macdonald: Hotheads and Heroes – Bristol Riots of 1831. Petmac Publications 1996. 175 Seiten. ISBN 978-0952700951.

Der Queen Square heute.
Photo © Alan Murray-Rust (cc-by-sa/2.0)
Author: stevekiretsu.
Creative Commons 2.0
Statue Williams III.
Photo © Tom Jolliffe (cc-by-sa/2.0)

Barbara Villiers, 1st Duchess of Cleveland, Countess of Castlemaine – Amouröse Klatsch- und Tratschgeschichten vom königlichen Hofe Charles II.

Gemälde von Henri Gascar.
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That Lady“ nannte man Barbara Villiers (1640-1709) am englischen Hof, eine Dame, die die Titel 1st Duchess of Cleveland und Countess of Castlemaine trug. Es gab auch noch andere Bezeichnungen für sie, die wesentlich drastischer waren. Barbara Villiers soll eine Schönheit gewesen sein, die einen ganz besonderen Sex Appeal ausstrahlte, dem nur wenige Männer widerstehen konnten. Auch König Charles II. verliebte sich auf der Stelle in die damals gerade achtzehnjährige Frau und hielt sie jahrelang als Mätresse. Sage und schreibe fünf Kinder (mindestens!) zeugte er mit ihr, es gab damals ja weder die Pille noch Kondome. Elf Generationen später sorgte ein Nachkomme der beiden weltweit für Schlagzeilen: Lady Diana, Princess of Wales.

Die Duchess of Cleveland war eine sexuell sehr aktive Frau und hatte viele Liebhaber, darunter adelige Häupter wie John Churchill, der erste Duke of Marlborough und Henry Jermyn, 3rd Baron Jermyn and 1st Baron Dover, aber auch ganz andere Typen wie den Seiltänzer Jacob Hall und den dubiosen Schauspieler Cardell Goodman, der versucht hatte, zwei ihrer Kinder zu vergiften.

Barbara Villiers war immer wieder für Überraschungen gut, so erzählte man sich am Hofe die Geschichte, dass sie einem Bischof beim Oralsex den Penis abgebissen haben soll. Es kursierte auch eine andere Version, nämlich die, dass die Duchess of Cleveland zwar jemandem den Penis abgebissen haben soll, aber keinem lebenden Bischof, sondern einem mausetoten mumifizierten Geistlichen aus dem 14. Jahrhundert. Welche Geschichte nun wirklich stimmt, wird sich heute wohl nur noch schwer klären lassen.

Am Hofe Charles II. tauchte eines Tages ein nur fünfzehn Jahre altes Mädchen auf, Lady Frances Stewart, das der berühmte Tagebuchschreiber Samuel Pepys als das schönste der Welt bezeichnete und das der König unbedingt in seinem Bett haben wollte. Die junge Dame aber widerstand allen royalen Annäherungsversuchen und fiel Barbara Villiers in die Hände, die sie für ihre Zwecke ausnutzte. Sie zelebrierte eine vorgetäuschte lesbische Hochzeit mit Lady Frances, um den König zu überzeugen, dass diese nicht auf Männer, sondern auf Frauen stand. Als auch diese Idee nichts brachte, und der König weiterhin Lady Frances den Hof machte, inszenierte die Duchess of Cleveland eine weitere Szene. Sie führte ihn in das Schlafzimmer des jungen Mädchens, wo die nackte Fünfzehnjährige in den Armen des Dukes of Richmond lag.

So, jetzt ist es aber genug mit den Klatsch und Tratschgeschichten vom englischen Hofe des 17. Jahrhunderts. Barbara Villiers starb nach einem sexuell sehr ausgefülltem Leben im Alter von 68 Jahren im Londoner Walpole House, das in der Chiswick Mall am Nordufer der Themse steht und in dem später im 19. Jahrhundert der berühmte Schriftsteller William Makepeace Thackeray wohnen sollte.

Hier ist ein Film über Barbara Villiers.

Lady Frances Stuart. Gemälde von Peter Lely.
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Walpole House (ganz links) und Chiswick Mall.
Photo © Nigel Cox (cc-by-sa/2.0)
Published in: on 5. September 2021 at 02:00  Kommentar verfassen  

Peter Anthony Allen und Gwynne Owen Evans – Die letzten Männer, die in Großbritannien hingerichtet wurden

Das Walton Prison in Liverpool.
Photo © Sue Adair (cc-by-sa/2.0)

In meinem Blogeintrag vom 16. Juli 2012 berichtete ich über Ruth Ellis, die am 13. Juli 1955 als letzte Frau Großbritanniens  im Londoner Holloway Prison per Strang hingerichtet worden war, weil sie ihren Liebhaber David Blakeley vor dem Magdala Pub (der heute nicht mehr existiert) in Hampstead erschossen hatte.

Wer war nun der letzte Mann, der im Lande das gleiche Schicksal wie Ruth Ellis erlitt? Es waren zwei Männer, die zeitgleich am 13. August 1964 um 8 Uhr morgens gehängt wurden: Peter Anthony Allen in Liverpools Walton Prison, Gwynne Owen Evans in Manchesters Strangeways Prison. Allen war 21 Jahre alt, Evans 24 Jahre. Beide Männer wohnten im Nordwesten Englands, in Preston (Lancashire).

Was war der Grund für die Hinrichtung? Beide Männer waren Kleinkriminelle, die der Polizei durch Diebstähle, Fahren ohne Führerschein und ähnliche Delikte aufgefallen waren. Am 6. April 1964 nahmen sich Allen und Evans ein Haus in der Kings Avenue Nummer 28 in Seaton (damals Cumberland, heute Cumbria) vor, um dort einzubrechen. In dem Haus am Ende einer Sackgasse wohnte der 53jährige Wäschereiangestellte John West, der aufwachte als er im Erdgeschoss Geräusche gehört hatte. Er stand auf und traf auf die beiden Einbrecher, die West mit einer Eisenstange und einem Messer attackierten, wobei West getötet wurde. Allen und Evans flohen aus dem Haus, dabei ließ Evans seinen Regenmantel zurück, in dessen Tasche ein Medaillon mit seinem Namen darauf steckte. Die Polizei hatte leichtes Spiel und fasste die beiden Täter binnen 48 Stunden.

Die beiden Männer wurden in Manchester vor Gericht gestellt, wo sie sich gegenseitig beschuldigten, John West getötet zu haben. Die Geschworenen fanden beide für schuldig, und so verhängte das Gericht die Todesstrafe. Da in der letzten Zeit in Großbritannien die Todesstrafe nur noch selten ausgeführt und häufig in lebenslänglich umgewandelt wurde, vermutete man, dass dies auch bei Allen und Evans geschehen würde, doch das zuständige Innenministerium sah keine Veranlassung, eine Begnadigung vorzunehmen. So sind Peter Anthony Allen und Gwynne Owen Evans in die britische Justizgeschichte als die letzten Männer eingegangen, die durch den Strick zu Tode gekommen sind. Die beiden Henker Harry Allen in Manchester und Robert Leslie Stewart in Liverpool sind arbeitslos geworden. Der Murder (Abolition of Death Penalty) Act aus dem Jahr 1965 schaffte die Todesstrafe ab; nur in Nordirland konnte sie noch bis 1973 verhängt werden.
Hier ist ein Film, der den Fall noch einmal nacherzählt.

Manchesters Strangeways Prison.
Photo © Peter McDermott (cc-by-sa/2.0)

Published in: on 24. März 2021 at 02:00  Kommentar verfassen  
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Wigginton in Oxfordshire, Unity Mitford und Adolf Hitler

St Giles am School Lane in Wigginton.
Photo © Richard Croft (cc-by-sa/2.0)

Ich hatte einmal für kurze Zeit in dem kleinen Dorf Shutford in Oxfordshire gewohnt (siehe dazu meinen Blogeintrag), etwa sieben Kilometer westlich von Banbury. Von Shutford aus sind es nur wenige Kilometer bis zu einem anderen kleinen Dorf, Wigginton (Oxfordshire). Die etwa 200 Einwohner von Wigginton führen ein ruhiges Leben; im Dorf gibt es eine Kirche, Saint Giles, und einen Pub, The White Swan, der zur Hook Norton Brauerei gehört.

Doch darum geht es heute nicht; wir begeben uns in den School Lane, vorbei an der Village Hall, bis zu einem Haus, das Hillview Cottage heißt. In diesem Haus war in den 1940er Jahren ein Entbindungsheim untergebracht, in dem vor allem ledige Mütter ihre Kinder zur Welt bringen konnten. 1940 wurde eine junge Frau in das Hillview Cottage gebracht, die Unity Mitford hieß, eine der Schwestern aus der Mitford-Familie, die in Swinbrook (Oxfordshire) ansässig war. Es waren sechs Schwestern und ein Bruder, die alle im Licht der Öffentlichkeit standen. Unity war so etwas wie das schwarze Schaf in der Familie, denn sie war eine glühende Anhängerin von Adolf Hitler, eine Art Groupie, die eine Zeit lang dem Führer nicht von der Seite wich. Unity war auf Hitlers Berghof in Obersalzberg zu Gast, sympathisierte mit dem nationalsozialistischen Gedankengut und erhielt aus Hitlers Hand das goldene Parteiabzeichen. Hat sie auch mit Adolf Hitler geschlafen, fragte man sich damals?

Als Unity erfuhr, dass Deutschland und England Krieg führen würden, versuchte sie sich das Leben zu nehmen, indem sie sich in den Kopf schoss. Der Suizidversuch misslang, die Kugel blieb in ihrem Kopf stecken, und sie sollte für den Rest ihres Lebens darunter leiden (sie starb 1948).

Um zu dem Aufenthalt in Wigginton zurückzukehren: Warum wurde Unity ausgerechnet in einem Entbindungsheim untergebracht? Dieser Frage ging der Journalist Martin Bright im Zuge der Recherchen für seine TV-Dokumentation „Hitler’s British Girl“ nach. Er nahm zu einer Frau Kontakt auf, die behauptete, ihre Tante hätte im Krieg in Wigginton im Hillview Cottage als Hebamme gearbeitet und dort Unity bei der Geburt ihres Kindes geholfen. Der Vater des Kindes: Adolf Hitler. Stimmte das? Das Kind soll anschließend zur Adoption freigegeben worden sein. Bright setzte alle Hebel in Bewegung, um irgendeinen Beweis dafür zu bekommen, was ihm aber nicht gelang. In den standesamtlichen Unterlagen war nichts von einer Geburt zu finden, was damals aber nicht ungewöhnlich war. Eine andere Stimme aus Wigginton meinte, Unity wäre lediglich in das Hillview Cottage gebracht worden, um dort einen Nervenzusammenbruch auszukurieren. Die Dokumentation sorgte für Aufsehen in Großbritannien; sollte tatsächlich ein Nachkomme Adolf Hitlers im Land leben beziehungsweise gelebt haben? Die Antwort auf diese Frage wird möglicherweise nie beantwortet werden. In dem Dörfchen in Oxfordshire ist nach der Ausstrahlung des Films bald wieder Ruhe eingekehrt. Hillview Cottage soll im letzten Jahr für £530,000 verkauft worden sein.

Unitys Grab liegt auf dem Kirchhof von St Mary the Virgin in Swinbrook zwischen denen ihrer Schwestern Nancy und Diana.

Unitys Grab auf dem Kirchhof St Mary the Virgin in Swinbrook
Photo © Martin Loader (cc-by-sa/2.0)

Published in: on 17. Februar 2021 at 02:00  Comments (3)  
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Thomas More (1478-1535), sein Kopf und die St Dunstan’s Church in Canterbury (Kent)

Die Grabplatte in St Dunstan’s in Canterbury.
Author: bobba_dwj
Creative Commons 2.0

Es kann sehr problematisch sein, wenn man sich im Dunstkreis von egozentrischen Machthabern aufhält. Sagt man zu allem Ja und Amen, mag man ein angenehmes Leben haben, aber wehe man äußert eine gegensätzliche Meinung, dann kann es einem den Kragen kosten. Das gilt heute noch, wenn man an Donald Trump denkt, der einen Großteil seines Stabes mit einem aus „The Apprentice“ gewohnten „You’re fired“ verabschiedet hat.
Heinrich VIII. weist da einige Parallelen mit dem Noch-US-Präsidenten auf, und ich denke da speziell an den Fall des Lordkanzlers Thomas More (1478-1535), der solange am Hofe wohlgelitten war, als er dem Herrscher nicht widersprach. Der Scheidung des Königs von Catherine of Aragon jedoch konnte er nicht zustimmen, und als sich Heinrich VIII. auch noch zum  Oberhaupt der Church of England ausrief, war das Band zwischen den beiden endgültig zerrissen. „You’re fired“ mag der König damals auch zu Thomas More gesagt haben, aber, im Gegensatz zu Donald Trump, ließ er es dabei nicht bewenden, sondern ließ ihn am 6. Juli 1535 auf dem Tower Hill enthaupten.

Thomas Mores Kopf wurde einige Wochen lang auf einer Stange auf der London Bridge zur Schau gestellt, und als sich alle Passanten an dem schaurigen Anblick satt gesehen hatten, bereitete Mores Tochter Margaret Roper dem Spektakel ein Ende, indem sie, mit Hilfe eines Bestechungsgeldes, den Kopf ihres Vaters an sich nahm. Sie konservierte den Kopf mit einer speziellen Gewürzmischung und bewahrte ihn in ihrem Haus in der St Dunstan’s Street in Canterbury (Kent) auf, gegenüber der St Dunstan’s Church. Nach Margaret Ropers Tod wurde Thomas Mores Kopf, gemeinsam mit seiner Tochter in der Familiengruft der Ropers in der St Dunstan’s Church beigesetzt. Eine in den Boden eingelassene Grabplatte weist darauf hin. Es gibt auch Historiker, die anderer Meinung sind, und den Kopf in der Chelsea Old Church in London vermuten.

Die kopflose Leiche des Lordkanzlers soll auf dem Tower Hill in der Kapelle St. Peter ad Vincula beigesetzt worden sein, wo genau ist aber nicht bekannt.

Dieser Trickfilm zeigt einen kurzen Abriss von Thomas Mores Leben:

St Dunstan’s in Canterbury.
Photo © N Chadwick (cc-by-sa/2.0)

Ein Thomas More gewidmetes Kirchenfenster in St Dunstan’s. Margaret Roper ist rechts zu sehen.
Author: chrisjohnbeckett
Creative Commons 2.0

Chelsea Old Church in London. Oder liegt hier Thomas Mores Kopf begraben?
Photo © John Salmon (cc-by-sa/2.0)

St Peter ad Vincula auf dem Tower Hill.
Author: Richard Nevell
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Published in: on 30. November 2020 at 02:00  Comments (2)  
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Die Hexen vom Belvoir Castle – Eine Geschichte aus dem 17. Jahrhundert

Belvoir Castle.
Photo © Julian P Guffogg (cc-by-sa/2.0)

Der Film „Der kleine Lord“ (im Original „Little Lord Fauntleroy“) wird jedes Jahr in der Vorweihnachtszeit von der ARD ausgestrahlt. Für viele Menschen (mich eingeschlossen) gehört die rührende Geschichte einfach dazu. Gedreht wurde der Film 1980 in dem wunderschönen Belvoir Castle in der Grafschaft Leicestershire, Stammsitz der Dukes of Rutland und das schon seit vielen Jahrhunderten. David Manners ist heute der elfte Duke of Rutland, und die Geschichte, die ich heute erzählen möchte, spielte sich zur Zeit seines Vorfahren Francis Manners ab, seinerzeit der sechste Earl of Rutland (1578-1632).

Der Earl brauchte zusätzliches Personal in seinem Schloss, da sich hoher Besuch angesagt hatte; König James I. wollte Belvoir Castle einen Besuch abstatten. Also wurden Joan, Margaret and Philippa Flowers aus dem benachbarten Bottesford  eingestellt, eine Mutter (Joan) und ihre beiden Töchter, offensichtlich keine gute Wahl, denn die drei Frauen waren beim Stammpersonal unbeliebt und man unterstellte ihnen Diebstähle und andere Unregelmäßigkeiten. Daher wurden die drei bald wieder entlassen, was ihnen gar nicht gefiel, und jetzt begannen schwere Zeiten für das Belvoir Castle und seine Bewohner. Wurden sie von den drei Frauen verhext?

Zuerst traf es den Earl und seine Frau, die plötzlich und unerklärlicherweise erkrankten. Dann kam es noch schlimmer, denn ihr kleiner Sohn Henry starb, sieben Jahre später sein Bruder Francis, damit waren keine männlichen Erben auf den Titel mehr vorhanden (ihre Schwester Katherine durfte als Frau den Titel nicht übernehmen). Der Fluch der Witches of Belvoir, wie Joan, Margaret and Philippa Flowers genannt wurden, schien zu wirken.

Zu der damaligen Zeit ging es sehr schnell, dass Frauen in den Ruf kamen, Hexen zu sein, und so wurden die drei auch bald der Hexerei angeklagt. Ihr merkwürdiges Verhalten trug dazu bei, denn sie beschuldigten sich gegenseitig. Die Mutter Joan beschwor ihre Unschuld und wollte sie beweisen. Man sollte ihr ein Stück Brot bringen, und wenn sie einen Hexe wäre, würde sie daran ersticken. Sie erstickte daran…

Margaret und Philippa wurden in Lincoln vor Gericht gestellt, zum Tode verurteilt und im März 1619 aufgehängt.

Die Rutlands hatten damals ihre Familiengruft in der Kirche St Mary’s in Bottesford (Leicestershire) und da finden wir auch das Grabmal von Francis Manners, dem sechsten Earl, sowie Skulpturen seiner beiden so früh verstorbenen Söhne Henry und Francis.

Hier ist ein Film über das Thema.

Das Buch zum Artikel: 
Tracy Borman: Witches – A Tale of Sorcery, Scandal and Seduction. Jonathan Cape 2013. 320 Seiten. ISBN  978-0224090568.

Das Grabmal des sechsten Earl of Rutland.
Photo © J.Hannan-Briggs (cc-by-sa/2.0)

Die beiden (verhexten) Söhne Henry (vorn) und Francis in St Mary’s in Bottesford.
Photo © Julian P Guffogg (cc-by-sa/2.0)

Published in: on 28. November 2020 at 02:00  Kommentar verfassen  
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Die HMS Implacable und ihr trauriges Ende 1949 vor der Isle of Wight

Die Heckverzierung der HMS Implacable im National Maritime Museum.
Copyright: Geni
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Von den Schiffen, die am 21. Oktober 1805 an der Schlacht von Trafalgar teilgenommen haben, kennt man heute in erster Linie noch die HMS Victory, Lord Horation Nelsons Schiff, auf dem er an diesem Tag tödlich von der Kugel eines französischen Schützen getroffen wurde und an Bord starb.
Es gab ja auch noch zahlreiche andere Schiffe, von denen aber kaum jemand später sprach. Da war ein französisches Schiff namens Duguay-Trouin, benannt nach einem Marineoffizier, das im Jahr 1800 seine Taufe in Rochefort erlebte und fünf Jahr darauf an der berühmten Schlacht teilnahm. Wenige Tage später wurde das Schiff bei einem Scharmützel, bei dem der französische Kapitän starb, von den Engländern überwältigt und in den Hafen von Plymouth gebracht, wo es unter dem Namen HMS Implacable in die britische Marine integriert wurde.

Das abenteuerliche Leben des Schiffes ging weiter: Drei Jahre nach der Trafalgar-Schlacht setzte die Marine es in der Ostsee im Anglo-Russian War ein, dann wurde es in das Mittelmeer verlegt, wo es unter anderem an der Blockade von Alexandria teilnahm. 1842 lief das Schiff in den Hafen von Devonport ein, wo es seine aktive Zeit beendete und unter dem Namen Lion als Schulschiff verwendet wurde. Kurz vor dem Ersten Weltkrieg erhielt es den Namen HMS Implacable zurück.

Im Laufe der Jahrzehnte setzte man das Schiff für unterschiedliche Zwecke ein, aber so richtig wusste man nachher auch nicht, was man mit ihm anfangen sollte. Halbherzige Restaurierungsversuche wurden unternommen, aber nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs entschied die Admiralität, einen Schlussstrich zu ziehen und die HMS Implacable zu versenken.

Nachdem die Galionsfigur und die Heckverzierungen abgebaut und in das National Maritime Museum nach Greenwich verfrachtet worden waren, brachte man das jetzt traurig aussehende Schiff vor die Küste der Isle of Wight, wo es am 2. Dezember 1949 gesprengt wurde. Die britische und die französische Flagge zierten die HMS Implacable, als sie sich schweren Herzens auf den Weg in die Tiefe machte, doch das Schiff kämpfte noch bis zuletzt gegen sein Ende an, denn die Werftarbeiter hatten damals in Rochefort gute Arbeit geleistet. Eine Gruppe von Seeleuten sahen sich das Drama des Untergangs an, das sich drei Stunden lang hinzog, und ich glaube, in diesem Film die eine oder andere unterdrückte Träne gesehen zu haben.

Die verbliebene Galionsfigur der HMS Implacable im National Maritime Museum.
Copyright: Cristian Bortes.
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Published in: on 26. Juli 2020 at 02:00  Kommentar verfassen  
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Der Balliol Heart Shrine in der Kirche St Mary the Virgin in Brabourne (Kent)

The Balliol Heart Shrine in St Mary’s.
Photo © Julian P Guffogg (cc-by-sa/2.0)

Um das Jahr 1263 wurde in Oxford das Balliol College (an dem der derzeitige Premierminister Boris Johnson studiert hat) gegründet, das wir noch heute an der Broad Street finden. Benannt wurde es nach seinem Gründer John de Balliol, der von 1208 bis 1268 lebte. Balliol wurde durch das Erbe seiner Frau, Dervorguilla de Balliol, Lady of Galloway, zu einem reichen Mann, der es sich leisten konnte, das College in Oxford zu stiften.

Doch darum geht es in meinem Blog nicht, sondern um eine Kuriosität. Seine Frau muss ihn wohl sehr geliebt haben, denn nach seinem Tod am 27. Oktober 1268 gründete Dervorguilla fünf Jahre später zum Andenken an ihren Mann eine Abtei in der Nähe der schottischen Stadt Dumfries, der sie den schönen Namen Sweetheart Abbey gab. Dorthin wurden die sterblichen Überreste John de Balliols gebracht und beigesetzt…bis auf sein Herz, das nämlich trug die trauernde Witwe bis zu ihrem Tod in einer kleinen Dose aus Silber und Elfenbein um ihren Hals, Tag und Nacht. Auch sie, samt dem Herz ihres Mannes, wurde in der Sweetheart Abbey beigesetzt.

Der jüngste Sohn der beiden, den sie auch John genannt hatten, wurde für eine kurze Zeit König von Schottland. In einem Krieg mit dem englischen König Edward I. zog John den Kürzeren und wurde besiegt, die schöne Sweetheart Abbey geplündert. John de Balliol zog eine Zeit lang nach Kent, wo er in dem Ort Brabourne, zwischen Ashford und Folkestone, wohnte. Aus der schottischen Abtei hatte er das einbalsamierte Herz seines Vaters mitgenommen und errichtete in der örtlichen Kirche St Mary the Virgin einen Schrein, dessen Mittelpunkt das Herz war.

Den Schrein gibt es noch heute, doch das Herz ist weg. Wo es abgeblieben ist, weiß niemand…aber ich habe da eine Theorie: Wer meine Blogeinträge über den Schriftsteller Thomas Hardy (und was mit dessen Herz passiert sein soll) und über Kirchenkatzen gelesen hat, der braucht nur eins und eins zusammenzählen und schon bietet sich eine Lösung an…

St Mary the Virgin in Brabourne.
Photo © Julian P Guffogg (cc-by-sa/2.0)

Die Sweetheart Abbey.
Photo © Martin Dawes (cc-by-sa/2.0)

Das Balliol College in Oxford.
Photo © N Chadwick (cc-by-sa/2.0)

Published in: on 19. Juli 2020 at 02:00  Kommentar verfassen  
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Sellindge in Kent – Ein Dorf, das am 1. Juni 1938 nur knapp einer Katastrophe entging

Die A20, die Ashford Road, in Sellindge.
Photo © Peter Wood (cc-by-sa/2.0)

Als ich einmal meinen Englandaufenthalt beendete und auf der M20 in Richtung Eurotunnel fuhr, musste ich südlich von Ashford in Kent auf die A20 ausweichen, da die Autobahn gesperrt war. Diese Umleitung führte auch durch Sellindge an der Ashford Road, wie die A20 im Dorf heißt, und dort liegt an der rechten Seite die Methodist Church, wo am 1. Juni 1938 ein Flugzeug abstürzte. Doch der Reihe nach:

An diesem Tag muss wohl die British Guardian Angel Association (BGAA) ihre jährliche Mitarbeiterversammlung in Sellindge abgehalten haben, denn anders ist es nicht zu erklären, dass bei dem Absturz niemand zu Schaden kam. Eine Fokker der belgischen Fluglinie Sabena war in Brüssel gestartet, mit dem Ziel Lympne in Kent, wo sie auf dem dortigen Flugplatz landen sollte. Der Pilot bekam beim Landeanflug auf Grund eines Sturms Schwierigkeiten mit seinem Flugzeug und konnte es nicht mehr beherrschen. Er war schon sehr tief und streifte als erstes das Dach eines Hauses an der Ashford Road, stürzte dann auf der gegenüberliegenden Straßenseite auf das Gelände der Methodist Church, streifte die Kirche und blieb als Totalschaden liegen. Wie durch ein Wunder (bzw. durch den Einsatz der Schutzengel) wurde weder ein Bewohner des Hauses, in dem heute die Katzenpension Purrs Mews untergebracht ist, noch die beiden Insassen des Flugzeugs verletzt. Die beiden Belgier stiegen mit weichen Knien aus den Trümmern ihrer Maschine aus…und schlossen sich einer etwa hundertköpfigen Gruppe von Damen an, die an der Methodist Chapel ihren Anniversary Tea zu sich nahmen und natürlich auch Tee angeboten bekamen, den sie gern akzeptierten (vielleicht hätten sie in diesem Falle lieber etwas Stärkeres getrunken als Tee). Coole Typen, diese beiden Belgier!

Thank you BGAA!!

Hier ist ein Film der British Pathé.  Die kleine Kapelle der Methodist Church steht noch heute an der Ashford Road, und das Dach des Hauses auf der anderen Straßenseite ist längst wieder neu gedeckt.

Eine Fokker VIIb/3m. Ein Flugzeug diesen Typs stürzte in Sellindge ab.
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Hier auf dem Lympne Airfield sollte die Fokker eigentlich landen.
Photo © Peter Jeffery (cc-by-sa/2.0)

St Bertoline’s und das Barthomley Massacre im Jahr 1643

Auf diesen Turm von St Bertoline’s hatten sich die Parlamentarier geflüchtet.
Photo © Christopher Hilton (cc-by-sa/2.0)

Saint Bertoline ist einer jener obskuren Heiligen, die heute kaum noch jemand kennt. Er soll im 8. Jahrhundert gelebt haben, etwa dort, wo heute die Stadt Stafford steht. Wer sich für ihn interessiert, der findet seinen Schrein und seine sterblichen Überreste in der Church of the Holy Cross in Ilam in Staffordshire.

Die Dorfkirche in Barthomley, einem kleinen Dorf in der Grafschaft Cheshire, ist nach dem Heiligen benannt worden (da hatte mal jemand Fantasie gehabt und wollte die Kirche nicht schon wieder St Mary, St Peter oder All Saints nennen). Der Ort liegt ganz in der Nähe der Autobahn M6, südöstlich von Crewe. Direkt neben der Kirche ist ein sehr attraktiver Pub namens The White Lion.

Den Weihnachtsabend des Jahres 1643 hatten sich die Bewohner von Barthomley eigentlich anders vorgestellt: Es war mitten im Bürgerkrieg, als sich die Royalisten und die Parlamentarier gegenseitig die Schädel einschlugen. Es hatte sich unter den Royalisten in Cheshire herumgesprochen, dass in dem Dörfchen Barthomley Parlamentarier wohnten und denen wollte man baldmöglichst auf den Pelz rücken. Unter dem Kommando von Lord Byron (nicht der Dichter) zogen sie nach Barthomley, wo sich die 20 Cromwell-Anhänger auf den Turm von St Bertoline’s geflüchtet hatten, in der Hoffnung, dort oben halbwegs sicher zu sein. Sie hatten sich darin aber getäuscht, denn die Königstreuen entzündeten in der Kirche ein Feuer, um die Rebellen auszuräuchern. Das gelang ihnen auch; hustend hasteten die Männer vom Turm herunter und wurden von den mordgierigen Royalisten in Empfang genommen. Zwölf wurden auf der Stelle exekutiert, die anderen acht schwer verwundet. Unklar geblieben ist, ob den Parlamentariern auf dem Turm freies Geleit versprochen worden ist, wenn sie sich ergeben würden, und diese darauf nicht eingegangen sind. Wie auch immer, sie wollten dort oben auf St Bertoline’s nicht gegrillt werden und so kamen sie vom Regen in die Traufe.
Einer der Königstreuen, der mit seinem Schwert mehrere Männer umgebracht haben soll, John Connaught, wurde elf Jahre später vor Gericht gestellt und zum Tode verurteilt. Man hängte ihn am Ortsrand von Chester auf.

Seit jenem verhängnisvollen Tag zur Weihnachtszeit von 1643 ist bis heute wieder Ruhe in Barthomley eingekehrt. St Bertoline’s gibt es noch immer, doch leider hat der Coronavirus auch hier dafür gesorgt, dass die Gottesdienste bis auf weiteres ausfallen und die Kirchentore geschlossen bleiben.

Der Schriftsteller Alan Garner hat die Geschichte von dem Massaker in seinen Roman „Red Shift“ (dt. „Rotverschiebung) eingebaut, der 1973 erschien und auch unter dem selben Titel verfilmt wurde (hier ist der Trailer).

Dieser Film zeigt Barthomley, die Kirche und die Umgebung des Dorfes.

St Bertoline’s.
Photo © Jonathan Hutchins (cc-by-sa/2.0)

Der hübsche White Lion direkt neben der Dorfkirche.
Photo © Jonathan Hutchins (cc-by-sa/2.0)

Published in: on 2. April 2020 at 02:00  Kommentar verfassen  
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Bletchley Park in Buckinghamshire – Heimat der Codebreakers

Am südlichen Rand von Milton Keynes liegt der Ort Bletchley, der eng mit Bletchley Park verbunden ist. Hier wurden im Zweiten Weltkrieg die deutschen Geheimcodes geknackt. Eine Reihe von hochintelligenten Wissenschaftlern machten sich daran, den deutschen Nachrichtenverkehr zu entziffern. Diese „code-breaker“ oder Kryptoanalytiker zogen 1939 in das Herrenhaus Bletchley Park ein. Auf dem Gelände des Hauses standen mehrere sogenannte „huts„, also kleine Hütten, in denen Gruppen von Wissenschaftlern mit speziellen Aufgaben befasst waren.

Als die Enigma- und Lorenz-Codes geknackt waren, konnten die Allierten den Funkverkehr der Deutschen abhören und es gibt Historiker, die der Meinung sind,  dass dadurch der Zweite Weltkrieg um etwa zwei Jahre verkürzt worden ist.
Unter den Entschlüsslern war auch der exzentrische Alan Turing, der heute als einer der Gründerväter der Computerentwicklung gilt.

Bletchley Park ist heute ein Museum, in dem man sich auf einem Rundgang die Arbeit der Wissenschaftler erklären lassen und sich die Dechriffriermaschinen ansehen kann.
Man hat das Museum so ausgebaut, dass es etwas für die ganze Familie ist. Wechsende Ausstellungen, ein kleines Kino, ein Spielplatz, ein Shop; man kann hier viele Stunden verbringen.
Das Haus selbst steht für Geschäftstreffen, Konferenzen und für Hochzeiten zur Verfügung.

Es gibt ein Fülle von Literatur, auch in deutscher Sprache, über das Thema „Entschlüssellungsverfahren im Zweiten Weltkrieg“. Der Roman „Enigma“ des britischen Schriftstellers Robert Harris, 1995 erschienen, war zum Beispiel ein internationaler Bestseller, der 2001 auch mit Kate Winslet und Tom Jericho verfilmt wurde (hier ist der Trailer).
Das Leben Alan Turings steht auch im Mittelpunkt des Films „The Imitation Game“ (dt. „The Imitation Game – Ein streng geheimes Leben“) mit Benedict Cumberbatch in der Hauptrolle.

Das Museum Bletchley Park hat bis auf einige wenige Feiertage jeden Tag geöffnet.

Hier ist ein Film über die Codebreakers.

Arbeitsplatz der Codebreakers.
Photo © Christine Matthews (cc-by-sa/2.0)

Die Alan Turing-Skulptur im Block B.
Photo © David Dixon (cc-by-sa/2.0)

Published in: on 31. Januar 2020 at 02:00  Kommentar verfassen  
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Petworth in West Sussex – Eine hübsche Kleinstadt an der A272, die am 29. September 1942 einen schweren Schicksalsschlag erlitt

Eine der hübschen, kleinen Straßen in Petworth.
Eigenes Foto.

Ich fahre sehr gern auf der A272, die den Süden Englands in Ost-West-Richtung durchquert. Vor einigen Tagen machte ich an einem sonnigen Sonntagvormittag in der Kleinstadt Petworth in West Sussex Station, die direkt an der Straße liegt, und ging in dem Ort spazieren. In den kleinen Gassen reihte sich ein Antiquitätenladen an den anderen, es herrschte eine angenehme Atmosphäre, obwohl der Autoverkehr schon sehr stark war. Die meisten, die hierher kommen, besuchen das Petworth House, ein Herrenhaus, das dem National Trust gehört, doch ich kann einen Besuch in Petworth selbst durchaus empfehlen.

Zufällig stieß ich auf eine Information, die mich nachhaltig beschäftigte, obwohl sie schon über 77 Jahre alt ist.
Am 29. September 1942 ließ ein deutsches Flugzeug auf dem Rückflug von einem Einsatz drei Bomben auf Petworth  fallen. Warum? In der Stadt gab es keine militärischen Anlagen. Man vermutete, dass die Bomben dem Petworth House galten. Aber warum so ein schönes Haus zerstören?
Eine der Bomben traf die Boys School. Von den anwesenden 80 Schülern und Lehrern, die durch keinen Fliegeralarm gewarnt worden waren, starben 28, darunter auch der Headmaster und eine Lehrerin. Die Kinder hatten keine Chance, viele wurden schwer verwundet. Ein Trauma, unter dem die kleine hübsche Stadt lange zu leiden hatte.
Die verantwortlichen deutschen Flieger an Bord der Ju88 oder Heinkel 111, es ist nicht ganz klar, welcher Flugzeugtyp es war, wurden nie ermittelt, obwohl im Internet zwei Namen kursieren. Ob sich diese beiden Männer jemals Gedanken darüber gemacht haben, was sie da angerichtet hatten? Sie wurden nicht angegriffen, und sie konnten sicher sein, dass sie mit ihren Bomben ausschließlich Zivilisten töten würden.

Die 28 Opfer wurden in einem gemeinsamen Grab auf dem örtlichen Horsham Road Cemetery beigesetzt. Die Feier leitete der Bischof von Chichester. Eine Gedenkfeier fand 60 Jahre später statt, die auch wieder von einem Bischof von Chichester zelebriert wurde.
Das Grab wird regelmäßig gepflegt, während der restliche Teil des Friedhofs, der nicht mehr benutzt wird, langsam verfällt.

Der Gottesdienst in St Mary the Virgin war bei meinem Besuch in Petworth gerade beendet.
Eigenes Foto.

Published in: on 17. November 2019 at 02:00  Kommentar verfassen  
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Clyde Cosper, ein Texaner, der Princes Risborough in Buckinghamshire vor einer Katastrophe bewahrte

Das Denkmal vor der Bibliothek von Princes Risborough.
Copyright: Iain McLauchlan.
With friendly permission.

Es war der 13. November 1943 als der kleine Ort Princes Risborough in der Grafschaft Buckinghamshire um ein Haar ausgelöscht worden wäre, wenn es da nicht einen jungen Leutnant aus Texas gegeben hätte, der sein Leben für das vieler anderer gab. Lieutenant Clyde „Sparky“ Cosper aus Dodd City, einer Kleinstadt im texanischen Fannin County, hob an diesem trüben Novembertag mit seiner mit Bomben vollgepackten B-17 von einem Flugplatz ab, um U-Boote anzugreifen, die im Hafen von Bremen stationiert waren. Außer „Sparky“ waren noch weitere acht Besatzungsmitglieder an Bord. Das Wetter wurde so schlecht, dass eine starke Böe das schwere Flugzeug, gerade als es über Princes Risborough war, nach unten riss. Der Pilot befahl seinen Männern, sofort mit dem Fallschirm abzuspringen, was diese dann auch sofort taten (und mit mehr oder weniger großen Blessuren lebend auf dem Boden landeten). Cosper selbst blieb allein am Steuerknüppel der Maschine zurück und ihm gelang es gerade so, nur wenige Meter über den Dächern des Ortes, die B-17 abzufangen und sie erst eine Strecke entfernt auf einer Wiese aufzusetzen, wobei sie sofort Feuer fing und die Bomben alle explodierten; der Pilot selbst hatte keine Überlebenschance.

Die Bewohner waren verständlicherweise außerordentlich dankbar für diese Heldentat des jungen Texaners, und man hat ihn bis heute in Princes Risborough nicht vergessen. Im Jahr 1990 machte sich ein Reporter der Zeitung Bucks Herald auf Spurensuche und flog nach Texas, wo noch immer Familienmitglieder des Piloten in Dodd City lebten. Eine Kampagne wurde in Princes Risborough ins Leben gerufen, dem Leutnant und seiner Crew ein Denkmal zu setzen, das dann auch auf dem Gelände der örtlichen Bibliothek errichtet wurde. Der Hauptteil des Denkmals ist wie das Höhenleitwerk eines Flugzeugs gestaltet, die Sitze darum herum sind den Besatzungsmitgliedern gewidmet, acht auf der linken Seite und der für Lt. Cosper auf der rechten Seite. Die Tafeln in der Mitte erinnern an andere Flugzeugabstürze im Zweiten Weltkrieg, bei denen ebenfalls Menschen ums Leben kamen.

Die High Street von Princes Risborough.
Photo © Colin Smith (cc-by-sa/2.0)

The Stone of Scone – Der schottische Krönungsstein, der 1950 aus der Westminster Abbey gestohlen wurde

Der Stone of Scone (die Replika ).
Photo © Michael Garlick (cc-by-sa/2.0)

Weihnachten 1950: In den frühen Morgenstunden des ersten Weihnachtstages schlichen drei dunkle Gestalten um die Westminster Abbey in London herum und verschafften sich mit Hilfe einer Brechstange Zutritt über einen Nebeneingang. Ihr Ziel: Der Stone of Scone, der sich in der Abbey unter dem Coronation Chair befand. Bei den Eindringlingen handelte es sich um die schottischen Studenten Ian Hamilton, Gavin Vernon und Alan Stuart (im Fluchtauto wartete noch Kay Matheson). Sie wollten den uralten Stein nicht entwenden, sondern in die schottische Heimat zurückholen, wo er ihrer Meinung nach hingehörte.
The Stone of Destiny, wie er auch genannt wurde, diente vor vielen Jahrhunderten als Krönungsstein für schottische Monarchen, bis Edward I. ihn nach seinem Sieg im Englisch-Schottischen Krieg 1296 nach London bringen ließ, zum großen Verdruss der Schotten, die sich eines Symbols ihres Landes beraubt sahen.
Die schottischen Studenten wollten 1950 dem Aufenthalt des Steins in der Westminster Abbey ein Ende bereiten. Bei dem nächtlichen Diebstahl in der Weihnachtsnacht gingen die Drei nicht sehr professionell vor, denn der etwa drei Zentner schwere Stein zerbrach dabei in zwei Teile, was allerdings den Vorteil hatte, dass er so etwas leichter abzutransportieren war. Kaum hatte Ian Hamilton die eine Hälfte in das von Kay Matheson herangebrachte Auto verstaut, als sich ihnen ein patroullierender Polizist näherte. Die beiden Studenten gaben sich als Liebespärchen aus, das in London keine Unterkunft mehr gefunden hatte, und der Polizist gab sich damit zufrieden. Mit der einen Steinhälfte wurde Kay in Richtung Schottland geschickt, beim Transport der anderen Hälfte mit dem zweiten Auto kam es zu etlichen Zwischenfällen (verlorener Autoschlüssel, vor der Abbey liegen gelassene Jacke, in der ein Namenschild angebracht war usw.), aber schließlich landete The Stone of Scone doch noch in Schottland, wo er erst einmal in den Ruinen der Arbroath Abbey versteckt wurde. Doch die findige Polizei spürte ihn dort auf und brachte ihn in die Westminster Abbey zurück. Bei der Krönung Elisabeths II. 1953 war The Stone of Destiny also wieder an der Stelle, wo man ihn, das heißt die Engländer, hinhaben wollte. Übrigens wurden die vier Studenten nicht vor Gericht gestellt.

1996 kündigte der britische Premierminister John Major an, den Stone of Scone endgültig wieder nach Schottland zurückzubringen, was dann auch mit einer feierlichen Zeremonie in Edinburgh geschah (hier ist ein Film darüber). Dort hat er jetzt in der Burg seine letzte Ruhestätte gefunden… das heißt, nicht ganz, denn die Schotten würden ihn für die Krönung zukünftiger neuer Monarchen London kurzfristig zur Verfügung stellen.

Eine Replika des Steines steht auf dem Gelände des Scone Palastes im schottischen Perthshire (im April 2010 versuchten Diebe, auch die Replika zu stehlen, scheiterten aber bei dem Versuch).

Im Jahr 2008 kam der Film „Stone of Destiny“ (dt. „Die Jagd nach dem Stein des Schicksals“) in die Kinos, der die Ereignisse zu Weihnachten 1950 nacherzählt; hier ist der Trailer zum Film.

Einer der schottischen Studenten, Ian Hamilton, hat ein Buch über die Ereignisse damals geschrieben: „ Stone of Destiny„.

 

Published in: on 1. Oktober 2019 at 02:00  Kommentar verfassen  
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Der Epsom Downs Racecourse in Surrey und ein tragischer Unfall im Jahr 1913

 

An dieser Stelle des Epsom Racecourses, der Tattenham Corner, ereignete sich der tragische Unfall.
Photo © Colin Smith (cc-by-sa/2.0)

Neben Ascot und Goodwood gehört der Epsom Downs Racecourse zu den berühmtesten südenglischen Pferderennbahnen. Eine halbe Stunde mit dem Auto braucht man etwa, wenn man von London aus die Rennbahn erreichen will, die neben dem Ort Epsom in der Grafschaft Surrey liegt.

Am 4. Juni 1913 ereignete sich hier ein tragischer Unfall, in den die Frauenrechtlerin Emily Davison, der Jockey Herbert Jones und ein Pferd namens Anmer, das König George V gehörte, verwickelt waren. Was war passiert?
Emily Davison, eine der Suffragetten, die sich für die Verbesserung der Frauenrechte einsetzten, wollte auf ihre Mission aufmerksam machen und suchte sich dafür 1913 das Epsom Derby aus. Als schon ein großer Teil der teilnehmenden Pferde an ihr vorbei gallopiert waren, sprang sie plötzlich mitten auf die Rennbahn, rief „Votes for Women“ und versuchte die Zügel eines Pferdes zu ergreifen. Dieses Pferd war Anmer, das in vollem Lauf in Emily Davison krachte, stürzte und seinen Jockey abwarf. Durch die Wucht des Aufpralls wurde die Frau zu Boden geschleudert, verlor das Bewusstsein und starb wenige Tage später an ihren schweren Verletzungen. Herbert Jones, der Jockey, brach sich ein Rippe, das Pferd erlitt leichte Beinverletzungen. Übrigens zeigte sich die Presse damals mehr an den Verletzungen von Reiter und Pferd interessiert, als am Zustand Emily Davisons.
Die Suffragetten unter Führung von Emily Pankhurst, die damals merkten, dass sie mit friedlichen Mitteln ihre Forderungen nicht durchsetzen konnten, griffen verstärkt zu drastischeren Maßnahmen, um der männerdominierten Gesellschaft zu zeigen, dass auch Frauen ihre Rechte einfordern wollten.

100 Jahre nach Emily Davisons Tod wurde ihr zu Ehren eine Plakette an der Stelle auf der Rennbahn angebracht, an der sich das Unglück ereignete.

Der tragische Vorfall in Epsom wurde damals gefilmt und ist hier zu sehen.

Zu Epsom siehe auch diesen Blogeintrag.

An dieser Stelle stürzte sich Emily Davison vor das herannahende Pferd.
Credit for this entry to: Alan Patient of http://www.plaquesoflondon.co.uk
Copyright: London Remembers.

 

Published in: on 19. September 2019 at 02:00  Kommentar verfassen  
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Ein Flugzeugabsturz mit fatalen Folgen am 24. Dezember 1924 in Purley (Greater London)

Die Erinnerungsstätte an der Kingsdown Avenue in Purley.
Photo © David Anstiss (cc-by-sa/2.0)

Es sollte ein Weihnachtsbesuch in Paris werden für fünf Briten, einen Brasilianer und einen Chilenen, die sich am 24. Dezember 1924 vom Londoner Flugplatz Croydon auf den Weg zum Pariser Flughafen Le Bourget machten. Am Steuer der De Havilland DH.34 der Imperial Airways saß der 34 Jahre alte Pilot David Arthur Stewart. Zeugen des Starts bemerkten, dass die Maschine recht langsam vom Boden weg kam und schon nach zwei Kilometern war der Flug zu Ende, denn es gab ein Problem mit den Motoren. David Stewart hatte die De Havilland nicht mehr im Griff und über dem Ort Purley im Süden Londons stürzte das Flugzeug ab. Mit der Nase voran bohrte es sich in den Boden, dort, wo gerade die Häuser des Kingsdown Estates gebaut wurden. Es gab beim Aufprall der gerade aufgetankten Maschine eine Explosion und sie brannte vollständig aus. Alle acht Insassen kamen  bei dem Absturz ums Leben. Es hätte sogar noch schlimmer können, denn um ein Haar hätte die De Havilland noch einen Passagierzug gerammt, der auf dem Weg von London nach Brighton war.

Eine gründliche Untersuchung der Absturzursache zog sich bis in das nächste Jahr hin. Das Ergebnis der Untersuchung ergab, dass den Piloten keinerlei Schuld traf, und das Flugzeug auf Grund eines nicht mehr identifizierbaren technischen Defekts verunglückte.

An der Kingsdown Avenue in Purley wurde an der Absturzstelle von der Croydon Airport Society und der Kingsdown Avenue Residents‘ Association zur Erinnerung eine Plakette angebracht, wo jedes Jahr am Weihnachtsabend ein Kranz niedergelegt wird.

Zwei Jahre nach dem Unglück in Purley wurden die anderen elf Maschinen des Typs De Havilland DH.34 außer Betrieb genommen.

Ein Flugzeug des Typs, das in Purley abstürzte.
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Published in: on 20. August 2019 at 02:00  Kommentar verfassen  
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Die Gut Girls vom Londoner Foreign Cattle Market

Bis zum Beginn des Ersten Weltkriegs gab es im Osten von London, in Deptford, den Foreign Cattle Market, in dem Tiere in großer Zahl geschlachtet wurden. Der Cattle Diseases Act von 1869 schrieb vor, dass Vieh aus dem Ausland sofort nach der Ankunft auf englischem Boden geschlachtet werden musste, damit potentielle ansteckende Krankheiten nicht auf das einheimische Vieh übergriffen. Daraufhin richtete man 1871 ganz in der Nähe der Anlandedocks an der Themse in Deptford Schlachthäuser ein, wofür natürlich viele Arbeitskräfte benötigt wurden. Rund 500 Frauen wurden eingestellt, die, bei relativ gutem Lohn, eine ziemlich widerliche Arbeit ausführen mussten: Das Ausweiden der getöteten Rinder. 13 Stunden pro Tag entnahmen sie die Innereien der Tiere und man kann sich vorstellen wie verdreckt die Frauen nach ihren anstrengenden Arbeitstagen aussahen und auch entsprechend rochen. „Gut Girls“ wurden die jungen Frauen genannt und sie hatten keinen guten Ruf, denn man sagten ihnen nach, dass sie in ihrer Ausdrucksweise ziemlich ordinär waren. Nach der Arbeit trafen sie sich mit den Männern vom Schlachthof in den nahe gelegenen Kneipen und dann ging es hoch her.

Humanitäre Vereinigungen wie die von John Galsworthy gegründete Humanitarian League versuchten auf die Gut Girls Einfluss zu nehmen und sie von den Kneipen fernzuhalten, damit sie stattdessen sinnvollere Dinge nach Feierabend tun sollten.

Die 1956 in London geborenen Dramatikerin Sarah Daniels hat 1988 ein Theaterstück über diese Frauen geschrieben, mit dem Titel „The Gut Girls„. Es erlebte 1988 seine Uraufführung im Albany Empire, einem Theater in Deptford, also ganz in der Nähe des ehemaligen Foreign Cattle Markets (hier ist eine Aufführung des North East Scotland Colleges zu sehen). Das Gelände an der Grove Street wurde nach 1914 vom Kriegsministerium als Lagerplatz verwendet. Heute sind darauf Wohnblöcke errichtet worden.

The Albany in Deptford.
Author: SilkTork.
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Published in: on 13. August 2019 at 02:00  Kommentar verfassen  
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The Association of Dunkirk Little Ships

Die Chico im Hafen von Oban in Schottland.
Photo © The Carlisle Kid (cc-by-sa/2.0)

Prince Michael of Kent ist der Honorary Admiral der Association of Dunkirk Little Ships, einer Gesellschaft, die die Erinnerung hoch hält an eine historische Begebenheit im Zweiten Weltkrieg. Etwa 340 000 Soldaten, meist britischer und französischer Herkunft, waren Ende Mai, Anfang Juni 1940 am Strand von Dünkirchen in Frankreich von Truppen der deutschen Wehrmacht eingeschlossen. Ihnen allen drohte der Tod, doch dann trat die Operation Dynamo in Kraft, die sich die britische Admiralität ausgedacht hatte. Rund 850 Schiffe und Boote aller Art, private Yachten, Vergnügungsboote, die sonst auf der Themse unterwegs waren, Barkassen usw., machten sich auf den Weg von der englischen zur französischen Küste, um die Soldaten auf britischen Boden in Sicherheit zu bringen. Das war eine äußerst waghalsige und gefährliche Operation, denn die deutsche Luftwaffe warf alles in die Waagschale, um die Operation Dynamo zu verhindern. Doch trotz Dauerbeschusses aus der Luft und vom Boden gelang es, vom 26. Mai bis zum 4. Juni, mit Hilfe dieser Kavalkade von kleinen Schiffen, die meisten Soldaten zu retten. Hier sind einige historische Aufnahmen.

Seit 1965 findet alle fünf Jahre eine Gedenkfahrt von Ramsgate nach Dünkirchen statt, an der nur die Boote teilnehmen dürfen, die damals Teil der Operation Dynamo gewesen waren. Ins Leben gerufen wurde diese Fahrt von der 1965 gegründeten Association of Dunkirk Little Ships. Im Mai 2020 soll die nächste Gedenkfahrt stattfinden, an der voraussichtlich 50 Schiffe unterwegs sein werden.

Jedes Jahr organisiert die Gesellschaft mehrere Treffen dieser kleinen Schiffe, die von ihren Eignern liebevoll gepflegt werden; etwas über 100 davon soll es noch geben.
Da ist zum Beispiel die Chico, die 1932 gebaut wurde, eine 23 Meter lange Yacht, die früher einmal dem mehrfachen Geschwindigkeitsrekordhalter zu Lande und auf dem Wasser Sir Malcolm Campbell gehört hatte, und die heute in Schottland ihren Heimathafen hat. Am 30.Mai 1940 nahm die Chico 217 Soldaten auf und brachte sie nach Dover; danach war sie noch mehrere Male im Einsatz.

Die Sylvia, Baujahr 1930, schaffte es gerade noch, schwer beschädigt, in den Hafen von Ramsgate zu gelangen, wo sie die Soldaten, viele von ihnen waren verletzt, absetzen konnte. Heute liegt das Schiff unter dem Namen Lady Sylvia am River Trent in Barton-in-Fabis (Nottinghamshire).

Im Jahr 2017 kam der Film „Dunkirk“ (dt. „Dunkirk“) in die Kinos, die die Operation Dynamo zum Thema hat. Hier ist der Trailer zum Film.

Die Lady Sylvia bei Restaurierungsarbeiten im River Trent bei Barton-in-Fabis (Nottinghamshire).
Photo © Ian Calderwood (cc-by-sa/2.0)

 

Published in: on 12. August 2019 at 02:00  Comments (3)  
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Haileybury – Ein renommiertes College in Hertfordshire und seine rebellischen Schüler im Jahr 1900

Haileybury College.
Photo © Chris Hunt (cc-by-sa/2.0)

Haileybury ist ein College in Hertfordshire, südöstlich der Grafschaftshauptstadt Hertford gelegen, das sich einen sehr guten Ruf erworben hat, der bis ins 19. Jahrhundert zurückreicht. Zu den Alumnis der Schule gehören zum Beispiel Sir Alan Ayckbourn, Autor von Theaterkomödien, der Regisseur und Filmproduzent Christopher Nolan, die durch ihr Mandolinenspiel berühmt gewordene und schon früh verstorbene Alison Stephens und der Premierminister Clement Attlee (1945-1951).

Um letzeren geht es in meinem heutigen Blogeintrag. Der 17jährige Attlee sorgte im Jahr 1900 für Aufregung in der Haileybury School und legte sich mit dem Headmaster an, einem gewissen Edward Lyttleton, der von 1890 bis 1905 ein strenges Regiment in der Schule führte. Was war der Grund für die Mini-Rebellion? Im Jahr 1900 gab es während der Burenkriege den sogenannten Relief of Ladysmith, als die britischen Truppen den Belagerungsring der Buren in der Stadt Ladysmith in Südafrika durchbrachen und einen entscheidenden Sieg errungen.

In England wurde das Ereignis gefeiert und aus Freude über den Sieg gaben viele Schulen ihren Schülern einen halben Tag frei. Nicht so in Haileybury, wo Edward Lyttleton dies seinen Schülern verweigerte. Es wurde vermutet, dass der Schulleiter mit den Buren sympathisierte. Der 17jährige Clement Attlee wollte diesen unfreundlichen Akt des Headmasters nicht hinnehmen und organisierte einen „Walk out“, das heißt unter Attlees Führung genehmigten sich die Schüler ihren freien Tag einfach selbst. Von Haileybury aus zogen sie, unter dem Absingen patriotischer Lieder, erst nach Hertford, dann nach Ware und kehrten anschließend wieder in ihre Schule zurück.
Lyttleton war alles andere als „amused“, nahm sich die widerborstigen Schüler vor und verabreichte ihnen eine Tracht Prügel, was damals durchaus erlaubt war und nicht selten vorkam; auch der spätere Premierminister erhielt Schläge von seinem Headmaster.
Im Jahr darauf verließ Attlee Haileybury und ging in das University College von Oxford, wo er ein Geschichtsstudium aufnahm.

Hier ist das College im Film zu sehen.

Published in: on 21. Juli 2019 at 02:00  Kommentar verfassen  
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Lumberjills – Die Holzfällerinnen im Zweiten Weltkrieg

Eine Lumberjill-Statue im Queen Elizabeth Park bei Aberfoyle in Schottland…
Photo © James Allan (cc-by-sa/2.0)

Lumberjack ist der englische Begriff für Holzfäller; ein körperlich anstrengender Beruf, der weitestgehend von Männern ausgeübt wird. Doch es gibt auch einen Namen für das weibliche Pendant: „Lumberjill„, so wurden im Zweiten Weltkrieg die Frauen bezeichnet, die in den Wäldern Großbritanniens Bäume fällten, weil ein großer Teil der Männer, die diese Arbeit bisher verrichteten, an der Front kämpften. Im Women’s Timber Corps arbeiteten Tausende von Frauen, weil die britische Wirtschaft, die stark von importierten Holz abhängig war, diesen Rohstoff dringend in der Produktion benötigte und die Vorräte an gelagertem Holz schnell zu Ende gingen. Also machten sich die Frauen an die Arbeit, gingen in die Wälder, fällten Bäume und betrieben die Sägemühlen. Es war eine gefährliche Arbeit, die die Lumberjills da verrichteten, doch richtig anerkannt wurde das nicht. Nachdem der Krieg beendet war, gerieten die Holzfällerinnen schnell wieder in Vergessenheit und kaum jemand wusste in den folgenden Jahrzehnten von ihnen. Erst im Jahr 2000 wurde es den Frauen gestattet, am Remembrance Day in London teilzunehmen und acht Jahre später erhielten einige von ihnen Auszeichnungen.
Im Queen Elizabeth Park bei Aberfoyle in Schottland findet man eine Statue, die an die Frauen des Women’s Timber Corps erinnert, ebenso im Dalby Forest in North Yorkshire.

Im März diesen Jahres ist ein Buch erschienen, das sich den vergessenen Frauen des Zweiten Weltkriegs widmet: „Lumberjills: Britain’s Forgotten Army“ von Joanna Foat (The History Press, ISBN: 9780750990905), meines Wissens das erste und einzige Buch zum Thema. Die Autorin kontaktierte bei ihren Recherchen die noch lebenden Lumberjills und ließ sich von ihnen von ihrer damaligen Arbeit erzählen.

Hier ist ein Film über die Holzfällerinnen aus dem Jahr 1942.

…und im Dalby Forest in North Yorkshire.
Photo © Pauline E (cc-by-sa/2.0)

Published in: on 6. April 2019 at 02:00  Kommentar verfassen  

The Second Great Fire of London im Dezember 1940

Die St Paul’s Kathedrale von der Paternoster Row aus gesehen.
Photo © Deirdre Shaw (cc-by-sa/2.0)

The Great Fire of London im Jahre 1666 legte einen großen Teil der Londoner Innenstadt in Schutt und Asche. Der Brand entstand in einer Bäckerei im Pudding Lane und breitete sich schnell aus. Über 13 000 Häuser und Dutzende von Kirchen, unter anderem die St Paul’s Kathedrale, fielen den Flammen zum Opfer. Wieviele Menschen ums Leben kamen ist nicht bekannt, die Zahl soll aber nicht groß gewesen sein. Ich schrieb in meinem Blog schon einmal über den Brand.

In der Nacht zum 29. Dezember 1940 wurde London von Bombern der deutschen Wehrmacht angegriffen, vielleicht der schwerste Angriff überhaupt im Zweiten Weltkrieg. Über 100 000 Brandbomben wurden von deutschen Piloten über der Stadt abgeworfen, mit so verheerenden Folgen, dass man vom Second Great Fire of London spricht. Schätzungsweise 160 Menschen starben bei dem Angriff, viele weitere erlagen in den folgenden Tagen ihren Brandverletzungen. Ganze Straßenzüge und viele alte Gebäude, darunter 19 Kirchen, wurden komplett zerstört, auch die St Paul’s Kathedrale wurde beschädigt, durch den beherzten Einsatz der St Paul’s Watch konnte das durch Brandbomben ausgelöste Feuer aber schnell gelöscht werden.

Besonders hart traf der Fliegerangriff die umliegenden Straßen der Kathedrale, wo sich das britische Verlagswesen angesiedelt hatte. In der Paternoster Row befanden sich Lagerhäuser für Bücher, die fast alle verbrannt wurden, an die fünf Millionen sollen es gewesen sein.
Die Löscharbeiten wurden dadurch erschwert, dass die Themse zur Zeit des Angriffs Niedrigwasser hatte und so die Feuerwehren über nicht genügend Löschwasser verfügten, zumal auch eine der Wasserhauptversorgungsleitungen gebrochen war. Durch den tatkräftigen Einsatz vieler Freiwilliger konnten noch größere Schäden vermieden werden.

Hier ist ein Film über das zweite große Feuer in London.

Ich frage mich immer, was wohl in den Köpfen der Piloten vorgegangen sein mag, als sie ihre Bombenlast über London abließen, in vollem Bewußtsein, dass durch sie Menschen ihre Leben verloren und Kulturgüter zerstört wurden. Hat sie das kalt gelassen oder haben sie vielleicht doch nachträglich darunter gelitten?

Das Buch zum Artikel:
David Johnson: City Ablaze – Second Great Fire of London, 29th December, 1940. William Kimber 1980. 217 Seiten. ISBN  978-0718302672.

Published in: on 28. Januar 2019 at 02:00  Comments (2)  
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Die Bevin Boys – Junge Bergwerksarbeiter im Zweiten Weltkrieg

Bevin Boys bei der Ausbildung in einer Kohlegrube.
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Junge Männer im wehrfähigen Alter, die im Zweiten Weltkrieg ohne Uniform im eigenen Land angetroffen wurden, mussten sich manchmal so einiges anhören. Da fielen schon einmal Worte wie Drückeberger oder Feigling. Mit dieser Situation wurden damals auch Männer konfrontiert, die eigentlich lieber an die Front gegangen wären, die man aber zwangsweise stattdessen als Bergarbeiter einsetzte. Als Bevin Boys wurden sie bezeichnet, da der damalige Arbeitsminister Ernest Bevin beschloss, jeden zehnten Wehrpflichtigen nicht als Soldat sondern als Grubenarbeiter einzusetzen. Viele Bergleute kämpften damals an der Front, was dazu führte, dass der Nachschub an Kohle, die für die Industrie lebenswichtig war, nicht mehr ausreichte. Frauen, die häufig in Fabriken die Arbeit der Männer übernommen hatten, kamen für die körperlich schwere Arbeit unter Tage nicht in Frage, also mussten einige der jungen Männer ran. Die Auswahl erfolgte nach dem Losverfahren. Einmal pro Woche wurde eine Zahl von 0 bis 9 gezogen, und wenn diese Zahl mit der letzten Ziffer auf der  National Service registration number übereinstimmte, musste derjenige in ein Bergwerk und dort Kohle abbauen. Nach einem sechswöchigen Crashkurs ging es los. Die meisten übernahmen nur widerwillig diese Tätigkeit und hätten lieber ihrem Land an der Front gedient, wobei ihre Überlebenschancen dort wahrscheinlich geringer gewesen wären.

Nach Beendigung des Krieges wurde der Einsatz der Bevin Boys kaum gewürdigt, obwohl sie auch ihren Anteil am Sieg gegen Deutschland geleistet hatten. Es dauerte tatsächlich bis zum Jahr 1995 als die Königin in einer Rede die Verdienste der Bevin Boys erwähnte, und noch einmal zwölf Jahre vergingen, bis Premierminister Tony Blair ankündigte, ihnen die Veterans Badge zu verleihen. Im Jahr 2013 schließlich wurde auf dem Gelände des National Memorial Arboretums (ich berichtete in meinem Blog darüber) in Alrewas in Staffordshire ein Denkmal für sie errichtet, das die Herzogin von Wessex enthüllte.

Prominente Bevin Boys waren beispielsweise der Comedian Eric Morecambe (1926-1984) und der DJ Jimmy Savile (1926-2011).

Dieser Film zeigt einige Bevin Boys in der Kohlegrube von Chislet in Kent, die 1969 geschlossen wurde.

Das Buch zum Artikel:
Tom Hickman: Called Up, Sent Down – The Bevin Boys‘ War. The History Press 2010. 268 Seiten. ISBN 978-0752457499.

Ernest Bevin.
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Das Bevin Boys Denkmal im National Memorial Arboretum.
Photo © David Dixon (cc-by-sa/2.0)

Published in: on 25. Januar 2019 at 02:00  Comments (2)  
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„In Limehouse“ – Der britische Premierminister Clement Attlee (1883-1967) als Dichter

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Der 1883  in Putney im Südwesten Londons geborene Clement Attlee war einer der Vorgänger von Theresa May; er hatte das Amt des Premierministers von 1945 bis 1951 inne und war Nachfolger von Winston Churchill, der ihm auch wieder ab 1951 im Amt folgte. Attlee gehörte der Labour Party an. Kurz nach dem Ersten Weltkrieg wurde er Bürgermeister vom Londoner Stadtteil Stepney, einem heruntergekommenen Problemviertel. Ab 1922 war er Member of Parliament für den Wahlbezirk Limehouse, der in Stepney lag.

In diesem Jahr betätigte sich Clement Attlee als Dichter, denn er verspürte den Drang, das Elend und die Hoffnungslosigkeit der Menschen in seinem Wahlbezirk in Form eines Gedichts zum Ausdruck zu bringen. Er nannte es kurz „In Limehouse“ und es wurde in der Zeitschrift „Socialist Review“ abgedruckt, deren Herausgeber Ramsay McDonald war, Premierminister 1924 und von 1929 bis 1935.

In seinem Gedicht schreibt er von London als grausamer Stadt, die kein Mitleid mit den Menschen kennt, die in ihr ein erbärmliches Leben führen (…“The grey and cruel City, Through streets that have no pity The streets where men decay„). Er fragt sich wie Kinder, die heute nichts zu essen haben, einmal die Arbeitskräfte von morgen sein sollen. Mütter weinen über ihre Babies, die sterben und er träumt von einer Zukunft

When evil time shall perish and be driven clean away,
When father, child and mother
Shall live and love each other,
And brother help his brother
In happy work and play„.

Hier ist der vollständige Text des Gedichts.

Clement Attlee unternahm während seiner Zeit als Premierminister einiges, um diesen desolaten Zustand zu beseitigen, indem er zahlreiche Reformen durchführte, so gründete er u.a. den National Health Service (NHS) und verabschiedete den National Insurance Act.

Eine Statue des ehemaligen Premierministers wurde im Jahr 1988 in der Commercial Road vor der Limehouse Library errichtet, die inzwischen geschlossen wurde. 2011 bekam sie einen neuen Standort auf dem Gelände des Queen Mary College.

Die Statue von Clement Attlee in Limehouse.
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Die Narrow Street in Limehouse.
Photo © Malc McDonald (cc-by-sa/2.0)

Published in: on 18. Januar 2019 at 02:00  Kommentar verfassen  
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Altrinchams Chapel Street – Englands tapferste Straße im Ersten Weltkrieg

Altrincham (Greater Manchester) ist eine kleine Marktstadt südwestlich von Manchester, in jenem Speckgürtel gelegen, in dem sich wohlhabende Fußballspieler, Schauspieler und Medienleute angesiedelt haben. Im Ersten Weltkrieg war König George V. besonders stolz auf diese Stadt, genauer gesagt auf eine kleine Straße in Altrincham, die Chapel Street. Es handelte sich dabei um eine Sackgasse mit etwa 60 kleinen Reihenhäusern, in denen 400 Menschen wohnten, vorwiegend mit irischem Hintergrund, aber auch Schotten, Waliser und Italiener mit ihren Familien. Als der Erste Weltkrieg ausbrach, meldeten sich 161 Männer aus der Chapel Street zum Militärdienst, um in den Schützengräben Frankreichs und Belgiens oder in anderen Regionen Europas für ihr Land zu kämpfen. George V. war so beeindruckt, als er davon hörte, dass er die Straße „bravest little street in England“ nannte. Leider kamen nicht alle Männer nach Altrincham zurück, 29 von ihnen waren gefallen und 20 erlagen nach ihrer Heimkehr ihren schweren Kriegsverletzungen. Als der Krieg zu Ende war, breitete sich Armut in der Chapel Street aus, da in vielen Familien der Brotverdiener nicht mehr da war. Jemand, der sich besonders für die Witwen und Waisen einsetzte, war Reverend Hewlett Johnson, der sich allerdings bei einigen Bewohnern Altrinchams auch unbeliebt machte, weil er deutschen Kriegsgefangenen, die dort in Arbeitslagern gestorben waren, eine würdige Beerdigung zukommen ließ.

Heute erinnert in der Chapel Street, die nur noch aus wenigen Metern Pflastersteinen besteht und von der Regent Road abgeht, eine Plakette an die tapferen Männer. Sie ist an der Außenmauer des Thai-Restaurants Phantong angebracht, gegenüber liegt ein Toilettenhäuschen. Das ist alles, was von der „bravest little street in England“ übriggeblieben ist.

Das Buch zum Artikel:
Sheila Brady: Chapel Street – the „bravest little street in England“: The History Press 2017. 256 Seiten. ISBN 978-0750970426.

Published in: on 5. Dezember 2018 at 02:00  Comments (1)  
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Benito Mussolini und sein erster und letzter Besuch in London im Jahr 1922

Das Londoner Claridge’s Hotel in der Brook Street.
Photo © Mr Biz (cc-by-sa/2.0)

Benito Mussolini (1883-1945) war im Jahr 1922 gerade erst Ministerpräsident geworden, als ihn eine Dienstreise nach London führte, wo sich die Alliierten trafen, um über die Reparationszahlungen Deutschlands nach dem Ersten Weltkrieg zu beraten. Mussolini und seine Entourage kamen am 9. Dezember in London an und stiegen im Luxushotel Claridge’s in der Brook Street ab und das erste was der Italiener tat, war sich darüber zu beschweren, dass die französische Delegation, die ebenfalls in dem Hotel wohnte, die besseren Zimmer bekommen hätte, wodurch er sich bei der Hotelleitung nicht gerade beliebt machte. Mussolini war schon damals ein sehr herrischer Mensch gewesen und gehörte nicht in die Kategorie „Angenehme Zeitgenossen“.

Sein Interesse an dem Thema der Konferenz schien nicht sehr ausgeprägt gewesen zu sein, denn er fand es viel interessanter, sich von seinen Schwarzhemden feiern zu lassen, die bei jeder sich bietenden Gelegenheit die „Giovinezza“ sangen, die Hymne der faschistischen Bewegung Italiens, deren Londoner Büro in der Noel Street 25 im Stadtteil Soho Mussolini auch besuchte. Hier sind einige historische Bilder.

Auf einer Pressekonferenz fehlte der Italiener ganz, denn er hatte Besseres zu tun; er amüsierte sich stattdessen in seinem Hotelzimmer mit einer Prostituierten. Was Mussolini überhaupt nicht gefiel, war das Londoner Wetter, das sich im Monat Dezember meistens nicht von seiner besten Seite zeigt. Der ständig vorherrschende Nebel ging ihm dermaßen auf die Nerven, dass er sich schwor, nie wieder einen Fuß auf englischen Boden zu setzen, einen Schwur, den er auch einhielt. Ich glaube, dass diejenigen, die mit ihm damals in London zu tun hatten, ihm keine Träne nachweinten und insgeheim „Good Riddance!“ sagten.

 

Published in: on 20. November 2018 at 02:00  Kommentar verfassen  
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Cadbury Angels – Die „Schokoladenfrauen“ im Ersten Weltkrieg

Ein Firmengebäude in Bournville.
Photo © Fabian Musto (cc-by-sa/2.0)

In vielen Teilen Europas wird zur Zeit an das Ende des Ersten Weltkriegs im Jahr 1918 gedacht, das nun hundert Jahre zurückliegt. So liegt es auf der Hand, auch einmal an die sogenannten Cadbury Angels zu erinnern, die ihren Teil an der Unterstützung der Soldaten an der Front beitrugen. Cadbury war damals (und auch heute noch) einer der größten Schokoladeproduzenten in Großbritannien mit Sitz in Bournville, südlich von Birmingham. Auf einem großen Areal standen und stehen noch die Produktionshallen und ein angrenzendes Model Village, das die Firmenbesitzer für ihre Arbeiterinnen und Arbeiter gebaut hatten. Da im Verlauf des Ersten Weltkriegs immer mehr Männer an die Front beordert wurden, mussten Frauen deren Arbeitsplätze einnehmen, so auch bei der Firma Cadbury. Auf Grund ihrer weißen Arbeitskleidung erhielten sie den Namen Cadbury Angels, und sie hatten bald die Gelegenheit ihrem Namen Taten folgen zu lassen. Es handelte sich überwiegend um junge Frauen, denn die Geschäftsführung von Cadbury sah vor, dass Frauen, sobald sie verheiratet waren, die Firma verlassen mussten, weil sie der Meinung war, dass verheiratete Frauen sich um Haus und Kinder kümmern sollten.

Die Angels unterstützten die Männer an der Front, indem sie Pakete für sie packten, in denen neben Cadbury-Schokolade auch selbst gestrickte Kleidung und Bücher zu finden waren, begleitet von einem Brief, in dem die Frauen Grüße an die Front schickten. Rund 30 000 dieser Pakete sind damals gepackt und verschickt worden. Einige der Cadbury Angels betätigten sich auch noch auf einem anderen Feld und zwar als Krankenschwestern, denn die Cadburys hatten zwei Gebäude auf ihrem Gelände zur Verfügung gestellt, um dort verwundete Soldaten zu behandeln und zu pflegen.

Die Cadbury Angels hatten bewiesen, dass auch Frauen „ihren Mann stehen konnten“ und durch ihren Einsatz veränderten sich auch die Rechte der Frauen an ihren Arbeitsplätzen zum Positiven. Hier ist ein Film über die Angels.

Die Schokoladenfirma aus Bournville hat in diesem Jahr den Commemorative Cadbury Dairy Milk Bar auf den Markt gebracht, einen Schokoriegel, von dessen Erlös die Royal British Legion einen gewissen Teil erhält.

Wer sich für Schokolade interessiert, sollte einmal die Cadbury World in Bournville aufsuchen, eine der Besucherattraktionen im Raum Birmingham.

Hier geht es zur Cadbury World.
Photo © Oliver Mills (cc-by-sa/2.0)

Published in: on 13. November 2018 at 02:00  Comments (1)  
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Hitler’s Black Book – Eine Sammlung von Adressen missliebiger Menschen in Großbritannien, die die Nazis eliminert haben wollten

Das Senate House an der Malet Street in London, das für die Nazi-Hauptverwaltung vorgesehen war.
Photo © kim traynor (cc-by-sa/2.0)

Der Größenwahn Adolf Hitlers und seiner Regierung umfasste immer wieder auch eine Invasion Großbritanniens, die Gott sei Dank nie zustande kam. Wie weit die Pläne schon gediehen waren, zeigt sich daran, dass man sich schon bestimmte Gebäude ausgeguckt hatte, die man mit deutschen Besatzern belegen wollte. Das Nazi-Hauptquartier sollte das Senate House werden, das jetzt die University of London beherbergt. Für seine eigenen Büros in London soll sich Hitler das Ibex House am Tower Hill ausgesucht haben. Das Eton College war verplant, um dort die Kinder von Nazi-Größen und Offizieren zur Schule gehen zu lassen, und viele Stately Homes und Landhäuser waren vorgesehen, um dort Generäle und Parteiführer unterzubringen.

Weiterhin wollte man nach der Invasion in großem Stil missliebige Menschen auf der Insel aus dem Verkehr ziehen und verhaften; diese waren in der sogenannten Sonderfahndungsliste G.B. erfasst, die in Großbritannien Hitler’s Black Book bezeichnet wurde. Minutiös waren darin deren Namen, Geburtsdaten, Berufe und, wenn bekannt, die Adressen aufgelistet; zusätzlich gab es einen Vermerk, welche Referate des Reichssicherheitshauptamtes an der jeweiligen Person interessiert waren. 2820 Positionen umfasste Hitler’s Black Book, darunter waren Leute aus der hohen Politik, aber auch viele Kulturschaffende, Journalisten und Emigranten. Sehen wir uns einige dieser auf der Fahndungsliste stehenden an:

Winston Churchill stand natürlich darauf, angegeben mit seinem Wohnsitz Chartwell House bei Westerham in Kent. Interessiert an seiner Verhaftung war das Amt VI A (Allgemeine auslandsnachrichtendienstliche Aufgaben), das ab 1942 SS-Brigadeführer und Generalmajor der Polizei Walter Schellenberg unterstellt war.

Die „Dienststelle Dr. Wilfried Krallert“ (Referat VI G) wollte den Schriftsteller und Schauspieler Noël Coward einkassieren, der damals für den britischen Inlandgeheimdienst arbeitete und den Nazis ein Dorn im Auge war.

Den jüdischen Schriftsteller Stefan Zweig wollten die Nazis nach einer Invasion schnell aus dem Verkehr ziehen, was auch für den britisch-jüdischen Verleger und Hitlerhasser Victor Gollancz galt, an dessen Verhaftung ebenfalls das Referat VI G Interesse bekundete.

Weiterhin standen im Black Book: Der Physiker Wolfgang Berg, der französische General Charles de Gaulle, der Bildhauer Jacob Epstein, die Schriftsteller Edward Morgan Forster, Aldous Huxley und Herbert George Wells, der Philosoph Bertrand Russell und der Politiker und spätere Premierminister Harold Macmillan.

Das ist nur ein winzig kleiner Auszug aus der Sonderfahndungsliste G.B. Wäre es tatsächlich zu einer deutschen Invasion gekommen, hätten wohl die meisten der im Black Book genannten Personen nicht lange überlebt.

Das in den 1930er Jahren gebaute Ibex House, mit der Adresse 42-47 The Minories, in der City of London sollte Hitlers Büros beherbergen.
Photo © Julian Osley (cc-by-sa/2.0)

Published in: on 15. Oktober 2018 at 02:00  Kommentar verfassen  
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Die Katastrophe in der Londoner U-Bahnstation Bethnal Green am 3. März 1943

Das Bethnal Green Memorial Stairway to Heaven.
Photo © Richard Rogerson (cc-by-sa/2.0)

An der Londoner U-Bahnstation Bethnal Green, im Bethnal Green Garden, steht das Monument Stairway to Heaven, geschaffen von Harry Paticas, das in diesem Jahr sowohl mit dem RIBA London Award als auch mit dem RIBA National Award ausgezeichnet worden ist. Das Denkmal erinnert an die Opfer des tragischen Unglücks vom 3. März 1943, bei dem binnen weniger Minuten 173 Menschen zu Tode kamen.
Es ereignete sich in der U-Bahnstation Bethnal Green an der Cambridge Heath Road im Stadtteil Bethnal Green. Neben den Toten gab es noch viele Verletzte, die in die umliegenden Krankenhäuser eingeliefert wurden und wie viele Menschen ihr Leben lang ein Trauma erlitten, ist nicht bekannt. Kurz nach 20 Uhr ertönten an diesem Tag die Sirenen und warnten vor einem bevorstehenden Luftangriff. Die Menschen gingen zu der U-Bahnstation, die noch gar nicht fertig war und noch keine Geleise hatte, aber als Luftschutzbunker diente. Bis dahin lief noch alles ganz ruhig ab; der Eingang zur U-Bahn hatte aber einige Tücken: Es gab zwar seitliche Handläufe, aber keinen in der Mitte, er war nur schwach beleuchtet, die Stufen waren uneben, so dass man darauf leicht abrutschen konnte, und es gab niemanden, der dort Aufsicht führte. Als es plötzlich einen extrem lauten Knall gab, dachten alle, dass jetzt eine Bombe eingeschlagen hatte, und es machte sich Panik breit. Die Schutzsuchenden stürzten sich in den engen Eingang und dann geschah es: Jemand fiel auf der Treppe hin und die nachfolgenden Männer, Frauen und Kinder wurden von der Masse zu Tode getrampelt. Es müssen sich dort unten dramatische Szenen abgespielt haben.

Später kam heraus, dass es sich bei dem lauten Knall nicht um eine Bombe gehandelt hatte, die von einem Flugzeug der deutschen Luftwaffe abgeworfen worden war, sondern um ein neuartiges Flugabwehr-Raketensystem namens Unrotated Projector, das im Victoria Park, nur einige hundert Meter entfernt, eingesetzt wurde.

Eigenartigerweise hielten die Behörden das Unglück 36 Stunden lang geheim (soweit man eine Katastrophe diesen Ausmaßes überhaupt geheim halten kann), und man vermutete, dass da irgendetwas vertuscht werden sollte.

Neben dem Stairway to Heaven-Denkmal erinnert noch eine Plakette an die vielen Opfer, die 50 Jahre nach dem Unglück im Jahr 1993 im Treppenhaus der U-Bahnstation Bethnal Green angebracht wurde, dort, wo die Menschen zu Tode gekommen waren.

Dieser Film dokumentiert das Geschehen an diesem denkwürdigen Tag und lässt Zeitzeugen zu Wort kommen.

Der Eingang zur U-Bahnstation Bethnal Green. Hier ereignete sich die Katastrophe am 3. März 1943. Die Erinnerungsplakette ist oben links an der Stirnseite der Mauer zu sehen
Photo © Stephen McKay (cc-by-sa/2.0)

Der Bahnsteig von Bethnal Green heute.
Photo © Mike Quinn (cc-by-sa/2.0)

Published in: on 7. Oktober 2018 at 02:00  Kommentar verfassen  
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Sir Winston Churchills Spielzeugladen in Whitchurch (Buckinghamshire)

Die High Street von Whitchurch. Links hinter der Mauer liegt The Firs, rechts The White Swan.
Photo © Colin Pyle (cc-by-sa/2.0)

MD1, oder auch Ministry of Defence, 1 war im Zweiten Weltkrieg eine geheim gehaltene Einrichtung, in der hoch spezialisierte Männer ungewöhnliche Waffen entwickelten, die gegen Deutschland eingesetzt werden sollten. Die zentralen Figuren von MD 1 waren Millis Rowland Jefferis und Robert Stuart Macrae. Sir Winston Churchill interessierte sich sehr für das, was da hinter verschlossenen Türen alles ausgetüffelt wurde, denn Jefferis und Macrae ware außerordentlich findige Männer. So wurde MD 1 auch Churchill’s Toy Shop genannt, zuerst in London angesiedelt, doch nach den Bombenangriffen auf die Stadt ging die Abteilung nach Whitchurch in Buckinghamshire, einige Kilometer nördlich von Aylesbury. Dort wurde ein Haus namens The Firs an der High Street requiriert, das gut verborgen hinter einer Mauer und hohen Bäumen lag. The Firs, ein sehr schönes großes Fachwerkhaus, steht noch heute in Whitchurch, gegenüber vom Dorfpub The White Swan.

Zu Spitzenzeiten arbeiteten bis zu 250 Menschen bei MD 1 und was dachten sich diese Spezialisten hier in der Idylle von Whitchurch nicht alles für Waffen aus:

Am bekanntesten war wohl die Sticky Bomb, eine Art Handgranate, die gegen Panzer eingesetzt werden sollte. Gegen den Widerstand des Kriegsministeriums setzte sich Churchill für diese Waffe ein, die in Stückzahlen von etwa 2,5 Millionen hergestellt wurde.

Die W-Bomb war für den Einsatz in Flüssen geplant, wo sie knapp unter der Wasseroberfläche ihre Ziele suchte. Auf dem Rhein verursachten diese Waffen schwere Schäden bei Schiffen und Brücken.

Weniger bekannt, aber äußerst unangenehm, war The Castrator, eine mit Patronen gefüllte Röhre, die in den Boden eingelassen wurde. Wenn ein Soldat darauf trat, wurde das Geschoss ausgelöst und traf genau auf die empfindlichsten Teile des Mannes.

The Great Eastern, eine mobile, von Panzern selbst gelegte Brücke, bei der Raketen zum Einsatz kamen.

Sir Winston hatte seine helle Freude an diesen technischen Neuerungen, die in seinem Toy Shop entwickelt wurden. In dieser Dokumentation kann man sich das alles noch einmal ansehen.

Stuart Macrae hat ein Buch über das Thema geschrieben: „Winston Churchill’s Toy Shop: The Inside Story of Military Intelligence (Research)„, 2012 bei Amberley Publishing erschienen.

Heute ist in The Firs in Whitchurch die Firma Plenham Limited untergebracht, „Publishing of consumer and business journals and periodicals“, die u.a. das Bodyshop Magazine herausgibt.

Eine der Erfindungen von MD 1: The Sticky Bomb.
This work created by the United Kingdom Government is in the public domain.

 

Published in: on 4. Oktober 2018 at 02:00  Kommentar verfassen  
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Down Ampney in Gloucestershire und die „Fliegenden Nachtigallen“

Überreste des Militärflugplatzes in Down Ampney, von wo aus die Flying Nightingales starteten und landeten.
Photo © Brian Robert Marshall (cc-by-sa/2.0)

RAF Down Ampney war ein Stützpunkt der Royal Air Force im Zweiten Weltkrieg, der heute nicht mehr existiert. Der Flughafen lag neben dem Dorf Down Ampney, dessen berühmtester Sohn der Komponist Ralph Vaughan Williams ist, der hier am 12. Oktober 1872 als drittes Kind des örtlichen Vikars geboren wurde. Neben den beiden anderen Stützpunkten der RAF Air Ambulance Unit in Broadwell bei Burford und Blakehill Farm bei Cricklade, war RAF Down Ampney der Start- und Landeplatz für eine Gruppe von Krankenschwestern, die die „Flying Nightingales“ genannt wurde. Rund 200 dieser mutigen Frauen flogen an Bord von Dakota-Transportflugzeugen von hier aus über den Ärmelkanal nach Frankreich, wo heftige Kämpfe tobten, bei denen unzählige Soldaten getötet und verletzt wurden. Auf den Schlachtfeldern versorgten sie die schwer verletzten britischen Soldaten, unter Einsatz ihres eigenen Lebens, und transportierten sie in die bereit stehenden Dakotas, um sie nach Down Ampney zurückzufliegen.

Die Flying Nightingales waren Freiwillige, die in einem Crashkurs alles Nötige erlernten, um Verletzten erste Hilfe leisten zu können. Die jungen Frauen wurden bei ihrer gefährlichen Arbeit mit grauenvollen Verletzungen konfrontiert, deren Anblick sie sicher bis ans Ende ihres Lebens begleitet haben. Nach Ankunft in Down Ampney wurden die Soldaten auf Krankenhäuser verteilt, die sich auf bestimmte Verletzungsarten spezialisiert hatten. Brandverletzungen wurden beispielsweise im Odstock Hospital bei Salisbury in Wiltshire behandelt, dem heutigen Salisbury District Hospital, in dem die beiden im März diesen Jahres bei einem Giftanschlag fast ums Leben gekommenen Sergei und Yulia Skripal untergebracht worden waren.

Die Flying Nightingales haben schätzungsweise über 100 000 verletzte Soldaten von Frankreich nach England gebracht, doch ihre Arbeit blieb in den Geschichtsbüchern weitgehend unberücksichtigt. Erst im Jahr 2008 erhielten die wenigen noch lebenden Nachtigallen aus der Hand der Herzogin von Cornwall eine Auszeichnung für ihr Lebenswerk.

Jedes Jahr im September findet in der All Saints Church in Down Ampney ein Gedenkgottesdienst statt, bei dem das Lied „Come Down o Love Divine“ zur Melodie von Ralph Vaughan Williams‘ „Down Ampney“ gesungen wird, hier zu hören.

In diesem Film kommen überlebende Flying Nightingales zu Wort.

Ein Dakota-Transportflugzeug.
Photo © Evelyn Simak (cc-by-sa/2.0)

All Saints Church in Down Ampney.
Photo © Robin Webster (cc-by-sa/2.0)

Ein Kirchenfenster in All Saints zur Erinnerung an die Männer und Frauen, die von RAF Down Ampney aus in den Krieg zogen.
Photo © Vieve Forward (cc-by-sa/2.0)

Published in: on 19. August 2018 at 02:00  Comments (2)  
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