Daniel Lambert (1770-1809) aus Stamford in Lincolnshire – Er war einmal der schwerste Mann Englands

Porträt von Benjamin Marshall.
This work is in the public domain 

Auf dem Friedhof der St Martin’s Church in Stamford (Lincolnshire) liegt er begraben, Daniel Lambert, der einst schwerste Mann Englands, der am 21. Juni 1809 im Gasthof „Waggon and Horses“ in Stamford starb. Erstaunliche 335 kg brachte Lambert auf die Waage, der nur 39 Jahre alt wurde.
Warum der in Leicester geborene Mann so dick wurde, ist nie so ganz klar geworden, da er nicht übermäßig viel aß oder trank. Erst als Lambert Mitte 20 war, begann sein Körpergewicht gewaltig zuzunehmen. Wenn er auf Reisen ging, benutzte er eine extra verstärkte Kutsche und man kann sich vorstellen, welche Probleme der Bestatter hatte, als es darum ging Lamberts sterbliche Hülle in einen Sarg und dann in ein extrabreites Grab zu bringen.

Wie umfangreich Daniel Lambert war, geht aus folgender Schilderung eines Zeitgenossen hervor: „When sitting he appears to be a stupendous mass of flesh, for his thighs are so covered by his belly that nothing but his knees are to be seen, while the flesh of his legs, which resemble pillows, projects in such a manner as to nearly bury his feet“ (Clive Aslet: Landmarks of Britain).

Tragischerweise sah Daniel Lambert, ehemaliger Gefängniswärter,  keine andere Möglichkeit seinen Lebensunterhalt zu verdienen, als sich selbst mit seinem gigantischen Körper zur Schau zu stellen und dafür Geld zu nehmen. 1 Shilling kostete der Besuch in seiner Londoner Wohnung.

Als Lambert gestorben war, kaufte der Besitzer von Stamfords „Ram Jam Inn“ seine Kleider, die später im Museum von Stamford ausgestellt wurden; leider schloss das Museum am 30 Juni 2011 aus Kostengründen seine Pforten. Aus dem „Ram Jam Inn“ wurde später  „The Daniel Lambert“, der heute nicht mehr existiert.  Auch in Leicester gab es einen Pub mit diesem Namen, der in den 1970er Jahren abgerissen wurde.

In Stamfords „George Hotel„, in dem ich einige Male übernachtete und das ich in meinem Blog schon vorgestellt habe, hängt in der Eingangshalle ein Porträt von Daniel Lambert und sein Spazierstock ist hier auch ausgestellt.

Die Schriftstellerin Sue Townsend, die durch ihre Adrian Mole-Romane bekannt wurde, hat dem Dicken ein Theaterstück gewidmet, das „The Ghost of Daniel Lambert“ heißt und 1981 in Leicester uraufgeführt wurde.

Der Fußballverein von Stamford, Stamford A.F.C., der momentan in der Northern Premier League spielt, hat den Spitznamen The Daniels, in Erinnerung an den Mann, dessen kurzes Leben auf dem Friedhof der St Mary’s Church der Stadt in Lincolnshire ein Ende fand.

Hier ist ein Film der BBC über den Mann aus Leicester.

Plakette an Daniels Sterbehaus in Stamford.
Photo © Alan Murray-Rust (cc-by-sa/2.0)
Daniels Grabstelle auf dem Kirchhof von St Mary’s in Stamford.
Photo © Philip Halling (cc-by-sa/2.0)
Published in: on 16. September 2022 at 02:00  Comments (1)  

The Hockham Stone Turn – Eine Zeremonie auf einem Village Green in Norfolk

Photo © Adrian S Pye (cc-by-sa/2.0)

Am 2. Juni diesen Jahres war es wieder einmal so weit: Auf dem Village Green von Great Hockham in Norfolk fanden sich acht Männer zusammen, die eine körperlich schwere Aufgabe zu bewältigen hatten, sie mussten einen tonnenschweren Stein, der dort schon seit den 1880er Jahren liegt, umdrehen. The Hockham Stone Turn wurde zum zwölften Mal ausgeführt, und das zu Ehren des Platinum Jubilee der Königin.

Der Felsbrocken, der zur letzten Eiszeit bis in diese Region Norfolks geschoben worden war, wurde außerhalb Great Hockhams von einem Bauern auf seinem Feld gefunden und mit zwei Pferden zum Village Green transportiert. Das erste Mal wurde der Stein anlässlich des goldenen Thronjubiläums Königin Victorias 1887 umgedreht, und damit begann diese merkwürdige Zeremonie, die nun schon seit 135 Jahren besteht. Immer nur zu besonderen Anlässen müssen starke Männer in Great Hockham mit Hilfe von Hebeln und anderen Gerätschaften den Brocken herumdrehen, zum Beispiel zu anderen königlichen Jubiläen, zur Jahrtausendwende und zum 50. Jahrestags des Kriegsendes, dem VE Day.

Unter dem Hockham Stone hat man eine Zeitkapsel installiert, in der sich Gegenstände aus dem jeweiligen Jahr der „Wende“ befinden. In diesem Jahr sind ein Covid-Testgerät und eine ukrainische Fahne hinzugefügt worden.

Great Hockham liegt an der A1075, nordöstlich von Thetford.

Published in: on 8. September 2022 at 02:00  Kommentar verfassen  

WOOF&BREW – Köstliche Getränke für Hunde… aus St Ives in Cambridgeshire

Ob es hier wohl Bottom Sniffer Bier gibt?
Photo © Jaggery (cc-by-sa/2.0)

Nach einem ausgiebigen Spaziergang durch die Felder kehren Herrchen und Hund in einen Pub ein, und sollte dieser hundefreundlich sein, so bekommt der Vierbeiner vielleicht eine Schüssel mit Wasser hingestellt, damit er seinen Durst löschen kann, während der Zweibeiner genüsslich sein Pint Real Ale schlürft. Da wird sich so mancher Hund im Stillen sagen, so etwas hätte ich jetzt auch gern, anstelle des labberigen Wassers. Wenn der Pub nun besonders dog-friendly ist, könnte der Hundewunsch in Erfüllung gehen, in Form einer Flasche Bottom Sniffer Biers, (leider?) ohne Alkohol und Kohlensäure, aber mit vielen leckeren Kräutern. Hundeladies, die kein Bier mögen, ziehen sicher einen Wein vor wie Posh Pooch Tailwagger Creek Dog Wine oder Posh Pooch Barker Bay Dog Wine, ebenfalls alkoholfrei. Sollte ein Hund weder Bier noch Wein mögen, kann er zu einer Tasse Hundetee greifen, der in den Geschmacksrichtungen Lapdog Souchong, Barkjeeling und Earl Greyhound auf dem Markt ist.

Alle diese genannten Leckerlis für Hunde kommen aus dem Haus WOOF&BREW, The Pet Drinks Company, beheimatet in St Ives in Cambridgeshire. Seit November 2012 gibt es diese Firma schon, die sich auf all das spezialisiert hat, was Hunde gern in flüssiger Form zu sich nehmen (und am nächsten Baum wieder von sich geben). In Zusammenarbeit mit Tierärzten und Experten für Hundeernährung sind diese Produkte entwickelt worden, die schon so manchen Hund glücklich gemacht haben.

Dieser Film zeigt den Abfüllvorgang des Bottom Sniffer Biers, und hier ist ein TV-Werbespot der Firma.

Published in: on 29. August 2022 at 02:00  Kommentar verfassen  

Whitbys Dracula Trail – Ein Stadtrundgang für Vampirfreunde an der Küste Yorkshires

Hier in Whitby kam Dracula mit seinem Schiff an. – Eigenes Foto

Die hübsche Hafenstadt Whitby in North Yorkshire war schon mehrmals Gegenstand meiner Blogeinträge, heute möchte ich auf eine literarische und gruselige Attraktion Whitbys aufmerksam machen, den Dracula Trail. „Dracula“ war einer der ersten Vampirromane und wurde von dem Iren Bram Stoker geschrieben, der 1890 – 1896 hier an der Küste Yorkshires weilte und sich von der Stadt zu dem Buch inspirieren ließ. Den Namen „Dracula“ soll er in der Öffentlichen Bibliothek Whitbys gefunden haben. Natürlich spielt die Stadt in dem Roman auch eine Rolle; so landet zum Beispiel Graf Dracula auf seiner Reise nach England mit dem Schiff in Whitby.

Was liegt also näher, als den Besuchern der Stadt etwas anzubieten, was mit dem Roman und seinem Verfasser zu tun hat? Man kreierte den „Dracula Trail“, auf dem man den Spuren des Vampirs folgen kann.

Startpunkt des Rundgangs ist der Bram Stoker Memorial Seat. Von hier aus hatte der Schriftsteller einen sehr schönen Blick über den Hafen auf die Ruinen der Abtei, die oberhalb der Stadt liegen. An der Bank findet sich die Inschrift:
The view from this spot inspired Bram Stoker (1847-1912) to use Whitby as the setting of part of his world-famous novel DRACULA. This seat was erected by Scarborough Borough Council and the Dracula Society to mark the 68th Anniversary of Stoker’s death – April 20th 1980„.

Der Weg führt unter anderem auch an dem Haus vorbei, in dem Stoker damals wohnte,  6 Royal Crescent, das durch eine Plakette kenntlich gemacht ist.

Die Dracula Society bietet auf ihren Webseiten viele weitere Informationen über den Mann aus Transsylvanien an.

Sieh auch diesen Blogeintrag zum Thema.

In diesem Haus am Royal Crescent in Whitby wohnte Bram Stoker von 1890 bis 1896.
Photo © Margaret Clough (cc-by-sa/2.0)
Kürzlich feierte English Heritage das 125-jährige Erscheinen des Dracula-Romans mit dieser Installation auf dem Gelände der Whitby Abbey. Dabei wurde auch ein Weltrekord aufgestellt und in das Guinness Buch der Rekorde übernommen: „The largest gathering of people dressed in vampire costumes“. 1369 „Vampire“ fanden sich ein.
Photo © Jeff Buck (cc-by-sa/2.0)

Published in: on 19. August 2022 at 02:00  Kommentar verfassen  

Cecil Henry Legard (1843-1918) – Pfarrer der All Saints Church in Cottesbrooke (Northamptonshire)

© National Portrait Gallery, London.
Creative Commons 3.0

Ein Gemälde von Cecil Henry Legard (1843-1918) hängt in der Londoner National Portrait Gallery, abgebildet zusammen mit einem Jagdhund, und das weist auf ein ganz wichtiges Element in seinem Leben hin: Die Jagd.
Legard stammte aus Yorkshire, wo er 1843 geboren wurde. Schon als junger Mann zog es ihn zum Pferdesport hin, er machte bei Hindernisrennen mit, liebte Hunde, und eigentlich hätte er einen Beruf ergreifen müssen, der in irgendeiner Form damit zu tun hat, doch er wurde stattdessen Pfarrer. Zehn Jahre verbrachte Reverend Legard in Brocklesby in Lincolnshire, wo er sich mit der Fuchsjagd anfreundete und damit viel Zeit verbrachte; seine Gemeindemitglieder und die Arbeit mit ihnen standen nicht ganz oben auf der Prioritätenliste des Mannes.

Die nächste Station für Rev. Legard war die All Saints Church in Cottesbrooke, einem kleinen Dorf in der Grafschaft Northamptonshire. Auch in dieser Region wurden Jagden abgehalten, die berühmteste und bis heute bestehende war und ist die Pytchley Hunt. Natürlich war unser Reverend nach wie vor glühender Anhänger der Fuchsjagd, und so kam es eines Tages zu einer denkwürdigen Begebenheit in Cottesbrooke:

Ein Gemeindemitglied war gestorben und viele seiner Angehörigen und Freunde hatten sich nach der Gedenkfeier in All Saints am offenen Grabe eingefunden, um dem Verblichenen die letzte Ehre zu erweisen. Der Reverend hatte die Trauerfeier durchgeführt und stand nun neben dem Sarg, um noch einige letzte Worte zu sagen, da erklangen aus der Ferne die typischen Anzeichen einer Fuchsjagd, das Jagdhorn wurde geblasen, eine Meute Hunde hechelte vor den heranstürmenden, berittenen Jägern her, und da konnte Reverend Cecil Henry Legard nicht anders, als alles stehen und liegen zu lassen (auch den Toten neben dem Grab), sich auf sein Pferd zu schwingen, das neben der Kirche angeleint war, und sich in vollem Galopp der Fuchsjagd anzuschließen. Was die Trauergemeinde dazu sagte, ist nicht überliefert worden, aber man kann es sich in etwa denken.

All Saints Church in Cottesbrooke.
Photo © Ian Rob (cc-by-sa/2.0)
Published in: on 3. August 2022 at 02:00  Kommentar verfassen  

The Millennium Puzzle Bench in Luppitt (Devon)

Photo © David Smith (cc-by-sa/2.0)

Was wurde nicht alles zur Jahrtausendwende in England erbaut! In meinem Blog habe ich nur einen winzigen Bruchteil vorgestellt wie zuletzt The Knutsford Millennium Tapestry oder davor den Torrs Millennium Walkway und die Millennium Seedbank.

Heute begeben wir uns in die Grafschaft Devon, um dort in dem Dörfchen Luppitt die Millennium Puzzle Bench aufzusuchen. Wir finden die steinerne Bank vor der Pfarrkirche St Mary’s, oberhalb des Ortes. Am Silvestertag des Jahres 2000 wurde sie enthüllt und den Bürgern beziehungsweise Kirchgängern von Luppitt zur Begutachtung und Freizeitgestaltung übergeben.

Die Millennium Puzzle Bench wiegt etwa 15 Zentner und besteht aus feinkörnigem Granit. Besondern bequem ist die steinerne Bank nicht, aber die Bequemlichkeit stand auch nicht im Vordergrund als sie in mühevoller Kleinarbeit hergestellt wurde, sondern die Rätsel, die auf ihr angebracht sind. Da gibt es beispielsweise ein Railway Maze, ein in den Stein eingeritztes Labyrinth, das der heute 91-jährige Mathematiker Sir Roger Penrose entworfen hat; vom Start soll man auf unzähligen Schleifen und Kurven, ohne zurückzusetzen, das Ziel erreichen. Wir finden auf der Bank Bilderrätsel, ein Anagramm (ein Wort, welches durch Umstellung der Buchstaben ein neues Wort ergibt), ein word square puzzle, bei dem eine Anzahl von Wörtern sowohl horizontal als auch vertikal lesbar sein müssen, und so weiter. Man braucht sehr viel Geduld, um diese in Stein gemeißelten harten Nüsse zu knacken.

Rechts das oben erwähnte Railway Puzzle.
Photo © Michael Garlick (cc-by-sa/2.0)
…und weitere Rätsel auf der Millennium Puzzle Bench.
Photo © Michael Garlick (cc-by-sa/2.0)
Published in: on 26. Juli 2022 at 02:00  Comments (2)  

Ely in Cambridgeshire Teil 2: Sarafa – Die Giraffe von der Waterside

Unter der Adresse 69 Waterfront am River Great Ouse findet man in Ely (Cambridgeshire) einen merkwürdigen Bewohner. Er ist sehr groß, guckt über die Hausdächer hinweg und besteht zu einem erheblichen Teil aus Maßbändern: Es ist Sarafa die Giraffe, ein Tier, das üblicherweise eher selten in Cambridgeshire anzutreffen ist.

Die Idee zu Sarafa kam George Peacock, der zusammen mit seiner Frau Rachel Peacocks Tearoom mit angeschlossenem B&B betreibt, eine vielfach mit Preisen ausgezeichnete Teestube (65 Waterside). Ähnlich wie der Headington Shark in Oxford (ich berichtete in meinem Blog über ihn) sollte auch Sarafa in diesem hübschen Teil von Ely für etwas Abwechslung der freundlicheren Art sorgen, was auch gelungen ist.

Der Künstler Wesley West machte sich mit Enthusiasmus ans Werk und erbaute die Giraffe, indem er zuerst mit einem 3D-Drucker ein Modell herstellte. Aus diesem entwickelte sich schließlich das Tier, das aus einem Metallgerüst besteht, das mit gelben, insgesamt 230 Meter langen Maßbändern aus glasfaserverstärktem Kunststoff umwickelt ist. Fast auf den Tag genau dauerte die Herstellung von Sarafa ein Jahr. Ihre Geburtsstunde schlug am 11. August 2019 als sie zu ihrer endgültigen Parkposition auf das Dach von 69 Waterside gehievt wurde und seitdem die Bewohner von Ely und die vielen Besucher der Stadt erfreut.

Für die Fotos danke ich meinem Freund David Bradshaw aus Milton bei Cambridge, den ich in meinem Blog schon einmal porträtiert habe, und der extra für mich nach Ely gefahren ist, um aktuelle Fotos von Sarafa zu schießen.

Photo © Peter Trimming (cc-by-sa/2.0)
Published in: on 19. Juli 2022 at 02:00  Comments (1)  

The March March March – Eine über 40 Kilometer lange Wanderung durch die Fens in Cambridgeshire

Der Bahnhof von March in Cambridgeshire.
Photo © Robert Eva (cc-by-sa/2.0)

March ist eine Kleinstadt in der Grafschaft Cambridgeshire, mitten im Gebiet der Fens. Ein gewisser Jonathan Partington hatte im Jahr 1979 dort eine grandiose Idee (im Pub entstanden?): Der Monat März heißt im Englischen ja ebenfalls „March“ und der Marsch, ein längerer Spaziergang, auch. Warum also nicht alle drei miteinander kombinieren und daraus einen March March March machen, einen langen Spaziergang im März, der in March beginnt?

Und seitdem teffen sich wanderungswillige Menschen, meist am letzten Samstag im März, früh morgens am Bahnhof von March und legen die rund 30 Meilen von dort bis nach Cambridge, dem Ziel, zurück. Zu sehen gibt es auf dieser Strecke durch das absolut platte Fen-Gebiet so gut wie nichts, es gibt auch nichts zu gewinnen, zum Beispiel wer als Erster in Cambridge ankommt. Es handelt sich, wie es auf der Webseite der Veranstalter zu lesen steht, um einen „long, flat, pointless walk across the Fens„. In manchen Jahren fiel der Marsch auch aus, mal schaffte keiner die gesamte Strecke, mal war das Ziel Ely statt Cambridge, mal wurde die Route nach Cambridge geändert. Wie man sieht, ist der Umgang mit den Regeln recht lax. Am Beginn der Veranstaltung wird eine Ansichtskarte von March geschrieben, die mit witzigen, fiktiven Namen unterschrieben und an das Department of Pure Mathematics and Mathematical Statistics in Cambridge geschickt wird. Die Karte kommt natürlich erst an, wenn die Wanderer längst wieder zurück in Cambridge sind. Um sich die Langeweile auf der ereignisarmen Strecke zu vertreiben, wird manchmal der March March March March gesungen, nach der Melodie des Liedes „Frère Jacques“, der einige Etappen der Mammutwanderung nennt:

 Wimblington, Doddington,
 Chatteris, Crafty Fox,
 Somersham and Earith,
 Willingham and Girton,
 March March march!
 March March march!

Es gibt auch noch einen kleinen Ableger des March March March, der sich May Manea Mania nennt und, wie der Name schon sagt, im Mai stattfindet. Diese Wanderung ist kürzer, etwa 20 Meilen, beginnt in dem Fen-Dorf Manea und führt ebenfalls nach Cambridge. Da dieser Walk sehr früh morgens beginnt, hat ein Spaßvogel den Dorfnamen Manea als Abkürzung für „Many Are Not Even Awake“ bezeichnet.

Alle weiteren Informationen zum March March March sind auf dieser Webseite, zur May Manea Mania hier zu finden.

Eine hoch interessante Wegstrecke bei Wimblington.
Photo © Keith Edkins (cc-by-sa/2.0)
Nur noch 11 Meilen von Earith bis nach Cambridge.
Photo © Ben Harris (cc-by-sa/2.0)
Hier wird die Ansichtskarte von March hingeschickt: Das Centre for Mathematical Sciences mit dem Department of Pure Mathematics and Mathematical Statistics in Cambridge.
Photo © Jim Barton (cc-by-sa/2.0)
Und hier beginnt die May Manea Mania.
Photo © Adrian S Pye (cc-by-sa/2.0)

Published in: on 4. Juli 2022 at 02:00  Kommentar verfassen  

Palm der Elefant und Bill Keech der Fußballspieler – Ein höchst ungewöhnliches Duell im Jahr 1899 in Leicester

Photo: Sum_of_Marc.
Creative Commons 2.0

Im März des Jahres 1899 freute sich die Bevölkerung der Stadt Leicester in Leicestershire schon seit Tagen auf die Ankunft des John Sanger-Zirkus. Der galt damals als eine der größten Attraktionen Großbritanniens und auf den aushängenden Plakaten wurde kräftig die Werbetrommel gerührt: „The most marvellous performance ever witnessed„. Da wurden hunderte Pferde und Ponies angekündigt, die lustigsten Clowns der Welt, Löwen, bengalische Tiger und „a trained herd of elephants“.

Bleiben wir bei den Elefanten. Da gab es ein Fußballmatch Elefanten gegen Clowns und eine Art Elfmeterschießen zwischen einem der Dickhäuter namens Palm und „richtigen“ Fußballspielern aus der jeweiligen Region. Einer davon war Bill Keech, ein Stürmer, der für den Verein Loughborough F.C. spielte, den es heute nicht mehr gibt. Die Spielregeln: Sowohl Palm als auch der Fußballspieler mussten zweimal aufs Tor schießen und jeweils zweimal im Tor stehen. Wer die meisten Tore erzielt hatte, war der Sieger. Nachdem drei Fußballprofis gegen Palm verloren und den Platz beschämt verlassen hatten, kam die große Stunde des Bill Keech, der den Ball, der etwa sechsmal so groß wie ein Standardfußball war, beide Male im Tor versenken konnte, was gar nicht so einfach war, da der Elefant fast das ganze Tor ausfüllte. Keech wendete einen Trick an, täuschte Palm und hatte damit Erfolg. Als der Elefant an der Reihe war, hatte sich der den Trick von Keech gemerkt und besiegte den im Tor stehenden Profi ebenfalls zweimal. Um einen Sieger zu ermitteln, traten beide noch einmal gegeneinander an, wobei Keech traf und Palms Elfmeterschuss abwehrte. Bill bekam einen Pokal ausgehändigt, Palm schlich besiegt vom Platz (und soll danach nie wieder verloren haben). Das Match muss in etwa so ausgesehen haben.

Die Zirkusleute hatten mit ihren Elefanten zeitweise auch Probleme; bei einem Aufenthalt in Dartford in Kent entwichen eines Nachts fünf Dickhäuter, zerbrachen das Schaufenster eines Bäckerladens und fraßen alles auf, was sie dort finden konnten. Ein Zeichen, dass sie mit der Zirkuskost nicht ganz zufrieden waren.

Published in: on 28. Mai 2022 at 02:00  Kommentar verfassen  

Shoreham Houseboats – „“Britain’s wackiest street” 

Ein Minensuchboot.
Photo: Nicholls of the Yard.
Creative Commons 2.0

Wir bleiben heute noch einmal in Shoreham-by-Sea in West Sussex. An der Riverbank am Fluss Adur gibt es eine Ansammlung von mehr als vierzig absonderlichen Hausbooten, die sich über einige hundert Meter am Ufer dahinzieht. „Britain’s wackiest street“ hat der Daily Mirror diese houseboat community einmal genannt. Niedergelassen haben sich hier Handwerker, Künstler und Menschen, die gern einen alternativen Lebensstil bevorzugen.

Bereits in den 1970er Jahren versammelten sich hier die ersten Hausbootbesitzer und es wurden immer mehr. Das Besondere an der Community ist, dass wir es mit Hausbooten zu tun haben, die in dieser Form einmalig sein dürften.
Da liegt zum Beispiel ein fünfzig Meter langes ehemaliges Minensuchboot, das in ein geräumiges Wohnhaus umgebaut worden ist. Dann finden wir hier die ziemlich abgewrackte Fähre Verda, die früher einmal in Portsmouth im Dienst war, auf die ein ehemaliger Linienbus aus den 1970er Jahren montiert worden ist. Daneben steckt eine Rakete im Schlamm mit der Aufschrift „Peace One Day“.

Ein witziges Boot liegt am River Adur vor Anker, in das ein dreirädriger Reliant Robin eingearbeitet wurde. Eine weitere, ehemalige Fähre, die „Shieldsman“ ist kaum noch als eine solche zu erkennen.

Diese ganze Community wirkt allerdings weitgehend ziemlich ungepflegt und erinnert an eine große Müllhalde. Man kann sich die Shoreham Houseboats von der rückwärtigen Seite ansehen, wo ein ehemaliger gepflasterter Treidelpfad vorbeiführt. Das eine oder andere Boot steht auch zum Vermieten zur Verfügung wie dieser Film zeigt.

Hier ist ein Film, in dem uns The Bald Explorer (Näheres über ihn demnächst an dieser Stelle) die Anlage zeigt.

Hausboot „Verda“.
Photo: Rob_sg.
Creative Commons 2.0
Das Reliant Robin-Boot.
Photo: In Memoriam: me’nthedogs.
Creative Commons 2.0
Die Ex-Fähre „Shieldsman“.
Photo: Les Chatfield.
Creative Commons 2.0

St Mary and All Saints – Eine Kirche in Chesterfield (Derbyshire) mit einem total verdrehten Turm

Kirchen mit verdrehten Türmen gibt es in England mehrere, der von St Mary and All Saints in Chesterfield ist besonders verdreht. Chesterfield ist eine Stadt in Derbyshire, deren Wahrzeichen dieser merkwürdige, siebzig Meter hohe Kirchturm ist, der im 14. Jahrhundert erbaut wurde.

Warum sich der obere Teil des Turmes so verzogen hat, liegt einmal daran, dass damals das falsche Holz verbaut wurde und die Verstrebungen nicht korrekt durchgeführt wurden. Außerdem gab es zu dieser Zeit einen akuten Mangel an fachkundigen Handwerkern; die waren nämlich in den Jahren vor dem Turmbau zum großen Teil durch die Pest ums Leben gekommen.

Es gibt aber auch eine ganz andere, liebenswerte Erklärung für den „schiefen Turm von Chesterfield“:
Dem Turm soll einmal zu Ohren gekommen sein, dass in der Kirche eine Jungfrau zum Traualtar geschritten war. Darüber war er so erstaunt, dass er sich heruntergebeugt hat, um dieses Wunder näher zu betrachten und nicht wieder in seine ursprüngliche Position zurückgefunden hat. Der Sage nach soll der Turm wieder richtig schön gerade stehen, wenn sich erneut eine Jungfrau in der Kirche trauen lassen würde. Leider scheint das bis heute nicht der Fall gewesen zu sein.

Dieser Film zählt noch einmal einige mögliche Gründe auf, warum St Mary’s and All Saints einen so eigenartigen Turm hat.

Published in: on 11. April 2022 at 02:00  Comments (4)  

„Horror at Hinchingbrooke House“ – Eine Gruselveranstaltung in Huntingdon (Cambridgeshire)

Photo © Duncan Grey (cc-by-sa/2.0)

Bis 1956 war das Hinchingbrooke House in Huntingdon in der Grafschaft Cambridgeshire Sitz der Familie Sandwich (zu denen der vierte Earl gehörte, der Erfinder des Sandwichs). Anschließend wurde es bis heute als Schule verwendet, aber es steht auch für Tagungen und Hochzeiten zur Verfügung und…für die Gruselveranstaltung „Horror at Hinchingbrooke House„, die immer in der Zeit um Halloween herum stattfindet. Das Haus steht im Ruf „haunted“ zu sein (es gibt mehrere Berichte von Geistererscheinungen wie zum Beispiel von einer Nonne, die wegen einer Liebesbeziehung zu einem Mönch hingerichtet wurde), also beste Voraussetzung für eine „interactive and realistic horror experience„.

Was erwartet nun die Besucher im Hinchingbrooke House? Sie treffen auf viele Horrorgestalten wie den Mann mit der Kettensäge, auf Freddie Krueger aus der „Nightmare“-Filmreihe, auf einen Horror-Clown, auf Figuren aus den Gruselfilmen „The Purge – Die Säuberung“, „Silent Hill“ und „Psycho“.

Wie läuft das Ganze ab? Gruppen von 8 bis 12 Personen werden durch das Hinchingbrooke House und das Gelände um das Haus herum geschleust, die ganz auf sich allein gestellt sind. Auf der rund einstündigen Tour begegnen sie diesen Horrorgestalten, die von leibhaftigen Menschen dargestellt werden. Wem es zu gruselig wird, der hat keine Chance, die Tour vorzeitig zu beenden. Dann heißt es, Zähne zusammenbeißen, Augen zu und durch. Kinder unter zwölf Jahren, Herzkranke und Schwangere sind nicht zugelassen, denn hier handelt sich es um „one of the scariest events in the UK„.

Ticket holders may experience intense audio and lighting, extreme low visibility, strobe lights, fog, damp or wet conditions, high and low temperatures and a physically demanding environment„. Na, klingt das nicht verlockend? Die Ticket kosten zwischen £19.95 und £29.95. In diesem Jahr finden die Touren vom 22. bis zum 29. Oktober statt.

Dieser Film bietet schon einmal einen Vorgeschmack.

Cambridges zeitfressende Uhr des Corpus Christi Colleges

Eigenes Foto

Ein Chronophage ist ein Zeitfresser, und so frisst die Corpus Clock, die an der Taylor Library des Corpus Christi Colleges in der Trumpington Street in Cambridge angebracht ist, die Zeit, wie von ihrem Schöpfer John C. Taylor auch gewünscht.
Am, 19. September 2008 enthüllte niemand Geringeres als Stephen Hawking dieses fantastische Meisterwerk, an dem Taylor und weitere 200 Menschen 5 Jahre lang gearbeitet haben und das etwa £1 Million gekostet haben soll.
Es handelt sich hier um eine mechanische Uhr auf der sich blaue Lichtdioden in unterschiedlichen Geschwindigkeiten bewegen und die Zeit anzeigen. Zeiger gibt es hier nicht. Angetrieben wird die Corpus Clock von den Beinen eines Grashüpfers, der die Sekunden frisst. Das Prinzip geht auf den britischen Uhrmacher John Harrison zurück, der den speziellen Aufzugsmechanismus um 1772 erfand.

John C. Taylor hatte in den 50er Jahren am Corpus Christi College studiert und die Uhr der Universität geschenkt. „The strangest clock in the world“ wurde von dem US-Magazin TIME zu den besten 50 Erfindungen des Jahres 2008 gezählt.

Hier ist ein Film über die Uhr.

Photo © Dave Hitchborne (cc-by-sa/2.0)
Published in: on 30. März 2022 at 02:00  Kommentar verfassen  

Der englische Komponist Malcolm Arnold (1921-2006) und ein höchst absonderliches Musikstück

Photo: Nynexman4464.
Creative Commons 2.5

Am 21. Oktober 1921 wurde  er in Northampton geboren, und er starb am 23. September 2006 in Norfolk: Malcolm Arnold, Komponist und Träger des Verdienstordens CBE. Seine Kompositionen sind breit gefächert; er schrieb Orchesterwerke, darunter Irish, Scottish, Cornish und Welsh Dances, und 132 Filmmusiken, von denen am bekanntesten wohl die Musik zu „Die Brücke am Kwai“ (1958) war.

1956 schrieb er ein Werk mit dem merkwürdigen Titel „A Grand Grand Overture opus 57, für 3 Staubsauger, 1 Bodenpolierer, 4 Gewehre und Sinfonieorchester„. Das war Arnolds Beitrag zu den sogenannten „Hoffnungs Concerts„, die am 13. November 1956 in der Londoner Royal Festival Hall stattfanden. Bei den Proben zu dem Werk soll es hoch her gegangen sein: Die Musiker sollen in schallendes Gelächter ausgebrochen sein, als sie die Geburt eine der witzigsten Sinfonien miterlebten beziehungsweise daran beteiligt waren.

Wo passt so ein Musikstück besser hin, als in die berühmten „Last Night of the Proms„?

Hier ist die „Grand Grand Overture“ zu sehen und zu hören.

Published in: on 21. März 2022 at 02:00  Comments (2)  

The Dog Collar Museum im Leeds Castle in Kent

Das Leeds Castle bei Maidstone in Kent (siehe dazu meinen Bericht über meinen Besuch in der Burg) sagt von sich selbst, es sei das schönste Schloss der Welt. Man kann es neben der Autobahn, der M20, liegen sehen, wenn man vom Kanaltunnel Richtung London fährt.
Im Gatehouse des Schlosses findet sich ein Museum, das einzigartig in ganz England ist: Das Dog Collar Museum beschäftigt sich mit dem Thema Hundehalsbänder.
Mrs Gertrude Hunt schenkte diese Sammlung dem Leeds Castle, in dem die Besitzer schon immer Hunde gehalten haben. Über 100 Halsbänder werden in Glasvitrinen zur Schau gestellt, die bis zu 500 Jahre alt sind (die Halsbänder, nicht die Vitrinen!); aber auch die aktuellste Mode ist vertreten.
Es finden sich hier u.a. furchterregende Stachelhalsbänder, deren Stacheln nach außen gehen; dadurch sollten die Hälse der Hunde früher vor Angriffen von Wölfen und Bären geschützt werden. Auch deutsche und österreichische Lederhalsbänder werden ausgestellt, die reich verziert sind.

Am besten wäre, man nimmt seinen Vierbeiner mit ins Museum und lässt ihn aussuchen, welches er am liebsten tragen würde (wahrscheinlich gar keins), aber: Nur Blindenhunde dürfen das Leeds Castle betreten, alle anderen Artgenossen dürfen nicht hinein und müssen vor den Toren warten.
Das Leeds Castle ist ganzjährig geöffnet.
Hier ist ein Film über das Museum.

The Dog Collar Museum
Leeds Castle
Maidstone
Kent
ME17 1PL

Published in: on 19. März 2022 at 02:00  Comments (1)  

Cornish Hurling in St Columb Major – Ein traditionelles, wildes Event in Cornwall

Das Stadtzentrum von St Columb Major.
Photo © David Gearing (cc-by-sa/2.0)

Am Faschingsdienstag eines jeden Jahres gibt es einige Ladenbesitzer in der Kleinstadt St Columb Major in Cornwall, die ihre Schaufensterscheiben vorsichtshalber mit Brettern abdecken, denn sonst könnten sie zu Bruch gehen. Warum? An diesem Tag, und dann noch einmal elf Tage später, wird in den Straßen und in der näheren Umgebung das traditionelle Cornish Hurling ausgetragen, ein Massenereignis, bei dem sich jüngere und ältere Männer um einen silbernen Ball balgen. Es gibt zwei Teams, die Townsmen und die Countrymen, die gegeneinander antreten (abhängig davon, ob sie in der Stadt oder der näheren Umgebung wohnen). Wie groß die jeweiligen Teams sind, erschließt sich mir nicht, es sollen um die 50 Personen sein, ebenso nicht, woran man erkennen kann, zu welcher Mannschaft die Männer eigentlich gehören. Ziel dieses rauen Wettbewerbs, der am Market Square beginnt, ist es, besagten Ball in eines der Tore zu bringen, die drei Kilometer voneinander entfernt stehen, oder ihn jenseits der Gemeindegrenzen zu bugsieren. Ich habe den Eindruck, dass es den meisten Männern in erster Linie darum geht, mal wieder so richtig die Sau rauszulassen, denn es geht beim Cornish Hurling ganz schön zur Sache. Blaue Flecken am ganzen Körper der Teilnehmer sind vorprogrammiert.

Der Sieger des circa zwei Stunden langen Wettbewerbs darf den silbernen Ball behalten, der einen Wert von etwa £1000 hat. Nachdem sich alle Teilnehmer ihre Wunden geleckt haben, geht es zum eigentlichen Höhepunkt des Tages, dem Besuch aller Pubs von Columb St Major. Dort wird der silberne Ball jeweils in einen Bierkrug eingetaucht und anschließend das „silver beer“ getrunken.
Hier ist ein Film über das St Columb Major Hurling. Eine ganz andere Form des Hurling ist hier zu sehen.

Engländer haben eine Vorliebe für derartige raue „Sportarten“; einige davon habe ich in meinem Blog im Laufe der Jahre vorgestellt, und ich denke da beispielsweise an das ebenfalls am Faschingsdienstag stattfindende Alnwick Shrovetide Football Match in Northumberland oder an das sogenannte Fußballspiel der Uppies gegen die Downies in Workington (Cumbria).

The Silver Ball in St Columb Major.
Photo: Ennor.
Creative Commons 2.0
Published in: on 18. März 2022 at 02:01  Kommentar verfassen  

Zwei Dörfer in Cambridgeshire und ein ehemaliger US-Präsident

St Mary the Virgin in Great Shelford.
Photo © John Salmon (cc-by-sa/2.0)

Great Shelford (über dessen DNA Path ich gestern berichtete) und Stapleford sind zwei Gemeinden in Cambridgeshire, die praktisch ineinander übergehen, so dicht liegen sie beieinander. Im Jahr 2009 haben sich die beiden Dörfer etwas in die Haare gekriegt. Anlass war die Amtsübernahme des US-Präsidenten Barack Obama. Fleißige amerikanische Genealogen haben sich sofort auf familiäre Spurensuche gemacht und sind fündig geworden. Ein Zweig der Obama-Vorfahren kam aus England und zwar aus der Grafschaft Cambridgeshire. Thomas und Ann Blossom hießen diese Ur-Ur….Großeltern, die sich 1629 auf den Weg in die Neue Welt machten und sich in Salem in Massachusetts angesiedelt haben sollen.

Wo kamen die Blossoms denn nun her? Aus Great Shelford meinten die einen, aus Stapleford die anderen. Sie luden Barack Obama sogar ein, bei seinem ersten Besuch in Großbritannien doch einmal bei ihnen vorbeizuschauen. Great Shelford machte einen konkreten Vorschlag: Bei ihrem jährlichen Shelford Feast, das immer im Juli stattfindet, wäre ein Platz für ihn reserviert. Stapleford hingegen schlug vor, dass er an einem Gottesdienst in der Kirche St Mary the Virgin teilnehmen sollte. In beiden Dörfern machte man sich auch Gedanken wie der Präsident kulinarisch verwöhnt werden könnte, zum Beispiel mit einem „Yes We Can Flan“ oder einem Currygericht namens „Barack O’Bhuna“ oder einer Käseplatte, die in Form der Stars and Stripes angerichtet war. Great Shelford und Stapleford überboten sich gegenseitig mit fantastischen Ideen…doch Barack Obama kam nicht. Entweder hatte der Präsident keine Zeit oder es interessierte ihn nicht wirklich, ob nun seine Vorfahren aus dem einen oder dem anderen Dorf kamen. Spuren in Form von Grabsteinen der Blossoms sind auf den beiden Kirchhöfen von St Mary the Virgin und St Andrew’s nicht mehr zu finden.

Doch die Bewohner der beiden Dörfer in Cambridgeshire können sich trösten, auch Barack Obamas Nachfolger Donald Trump besuchte nie Kallstadt in der Pfalz, wo dessen Vorfahren herstammen.

St Andrew’s Church in Stapleford.
Photo © John Salmon (cc-by-sa/2.0)

Joseph Darby (1861-1937) aus Netherton (West Midlands) – Beruf: Show Jumper

Der sprungbereite Joseph Darby auf seinem Monument in Netherton.
Photo © Gordon Griffiths (cc-by-sa/2.0)

Es ist schon eigenartig, worin der Lebensinhalt mancher Menschen besteht. Der von Joseph Darby aus der Stadt Netherton bei Dudley in den West Midlands beispielsweise, der von 1861 bis 1937 lebte, war „Aus-dem-Stand-springen„. Also kein Weitsprung, Hochsprung oder Vergleichbares mit Anlauf, sondern aus ruhender Position über Hindernisse springen. Und weil das für Mr. Darby manchmal zu einfach war, setzte er noch einen Schwierigkeitsgrad oben drauf und nahm bei seinen Sprüngen Gewichte in die Hand. Auch damit kann man seinen Lebensunterhalt verdienen und zwar international, denn 1887 nahm er den amtierenden amerikanischen Weltmeister im „spring jump“, George W. Hamilton, aufs Korn, den er prompt besiegte. Ja, in seiner Spezialdisziplin schien Joseph Darby unbesiegbar.

Sein Ruhm drang sogar bis ins britische Königshaus vor, und so ließ es sich Edward VII. nicht nehmen, sich die Künste des Mannes einmal selbst anzusehen. Joseph Darby tingelte durch das ganze Land und trat auf Showbühnen auf, wobei er über alles mögliche hinwegsprang. Im Ausland wurden seine Künste ebenfalls bewundert, so trat er in dem berühmten Cirque d’Hiver in Paris und dem Berliner Pendant, dem Wintergarten, auf. Ende des 19. Jahrhunderts hatte Darby so viele Rekorde erzielt wie niemals jemand zuvor.

Erst sehr spät, nämlich 1991, kam man in Joseph Darbys Geburtsstadt Netherton auf die Idee, dem Show Jumper ein Denkmal zu setzen. Es zeigt ihn auf einer Kugel wie er gerade zu einem Sprung ansetzt und dabei Gewichte in den Händen hält. Auf dem Monument sind Informationstafeln angebracht, auf denen man Darbys größte Erfolge nachlesen kann, als auch Abbildungen wie er über ein Pferd und über einen Stuhl springt. Zu finden ist das Denkmal an der Halesowen Road gegenüber vom The Old Swan, der Hausnummer 89.

Im Museum von Dudley sind einige Erinnerungsstücke zu sehen wie zum Beispiel seine Siegergürtel wie dieser Film zeigt.

Es gibt auch einen Song über den Show Jumper: „Joe Darby„, geschrieben und gesungen von John Langford.

Published in: on 3. März 2022 at 02:02  Kommentar verfassen  

The Butley Ferry – Europas kleinste Fähre in Suffolk

Photo © David Kemp (cc-by-sa/2.0)

Die Königin kam zwar nicht persönlich im November letzten Jahres nach Suffolk, beauftragte aber den Lord Lieutenant Clare, Countess of Euston damit, den Queens Award for Volunteering an die ehrenamtlichen Betreiber der Butley Ferry zu überreichen. Die Zeremonie fand im Plough and Sail Pub in Snape statt. 15 Männer und Frauen haben es sich zur Aufgabe gemacht, Personen mit der kleinsten Fähre Europas über den Butley River zu befördern. Der kleine Fluss mündet später in den River Ore, der sich wiederum in die Nordsee ergießt.

Die Butley Ferry existiert schon seit dem 14. Jahrhundert und dürfte damit eine der ältesten Fährverbindungen Großbritanniens sein. Es ist eine reine Personenfähre, die allerdings auch Fahrräder auf ihrer kurzen Überfahrt mitnimmt. Das Ruderboot besitzt keinen zusätzlichen Motor, wird also nur mit Muskelkraft betrieben. Zwischen Ostern und Oktober verkehrt die Fähre, jeweils am Wochenende und an den Bank Holidays. £2 kostet die Überfahrt, Kinder zahlen £1.50 und Hunde haben das Vergnügen, kostenlos mitgenommen zu werden. Über 1000 Personen nutzen die Butley Ferry pro Saison, es handelt sich dabei um viele „rambler“, die den Stour & Orwell Walk und den Suffolk Coast Path von Harwich nach Walberswick entlang wandern.
Dort, in Walberswick, gibt es ebenfalls eine rowing boat ferry“, die den River Blyth überquert und sogar noch älter sein soll. Auch hier dürfen Hunde kostenlos übersetzen, was die Vierbeiner sicher sehr freut (ich bin nicht sicher, ob das auch für Irische Wolfshunde und Neufundländer gilt, die durch ihre Größe das ganze Boot ausfüllen würden).

Dieser Film zeigt eine Überfahrt mit der voll beladenen Fähre.

Photo © Keith Evans (cc-by-sa/2.0)
Published in: on 22. Februar 2022 at 02:00  Kommentar verfassen  

Reverend Francis Gastrell und sein angespanntes Verhältnis zu Stratford-upon-Avon in Warwickshire

St Laurence in Frodsham (Cheshire), wo der Reverend eigentlich zuhause war.
Photo © Alexander P Kapp (cc-by-sa/2.0)

Reverend Francis Gastrell war von 1740 bis zu seinem Tod im Jahr 1772 Vikar in der Pfarrgemeinde von St Laurence in Frodsham in der Grafschaft Cheshire. Trotzdem kaufte er im Jahr 1753 ein Haus in Stratford-upon-Avon in Warwickshire, eine Stadt, die ja nicht gerade um die Ecke liegt. Auf der Autobahn braucht man heute für die Strecke etwa zwei Stunden. Irgendwie muss er es geschafft haben, sowohl die Gemeindearbeit als auch die Zeit in der Shakespeare-Stadt unter einen Hut zu bringen.

Apropos Shakespeare: Der Reverend kaufte in Stratford New Place, das Haus, in dem der Barde einige seiner Werke schrieb und in dem er 1616 starb. Der Gottesmann aus Frodsham hatte sich vor dem Kauf nicht klar gemacht, dass das Shakespeare-Haus Anziehungspunkt für viele Besucher der Stadt war, und so nervte es ihn tierisch, dass immer wieder Leute kamen und über den Zaun sein Anwesen und den Maulbeerbaum betrachteten, den Shakespeare eigenhändig gepflanzt haben soll. Eines Tages packte ihn der Zorn, und er hackte den Baum einfach um und verkaufte das Holz. Das wiederum gefiel den Bürgern von Stratford-upon-Avon gar nicht, und so warfen sie ihm die Fenster ein. Die Eskalationsspirale drehte sich weiter: Gastrell hatte einen Antrag gestellt, seinen Garten zu erweitern, der aber abgelehnt worden war, dafür hoben die Behörden seine Steuern an. Jetzt reichte es dem Reverend; er riss New Place einfach ab und machte sich vom Acker ehe die empörten Bürger der Stadt am River Avon seiner habhaft werden konnten. Die Behörden rächten sich, in dem sie Gastrell und allen seinen Nachfahren verboten, die Stadt jemals wieder zu betreten. Schmollend zog sich der Reverend wieder zu seinen Gemeindeschäfchen nach Frodsham zurück.

Dort, wo New Place einmal stand, hat der Shakespeare Birthplace Trust einen Garten gelegt, indem die zahllosen Besucher der Stadt gern spazieren gehen.

Es gab noch einen anderen Francis Gastrell, der war aber Bischof von Chester und lebte von 1662 bis 1725. Also: Verwechslungsgefahr.

New Place in Stratford-upon-Avon, wo Shakespeares Sterbehaus einmal stand.
Photo © PAUL FARMER (cc-by-sa/2.0)
Published in: on 18. Februar 2022 at 02:00  Kommentar verfassen  

The Great Kinder Beer Barrel Challenge – Eine schweißtreibende Veranstaltung im Peak District

The Old Nags Head in Edale (Derbyshire).
Photo © Jeff Buck (cc-by-sa/2.0)

Warum finden Engländer so viel Spaß daran, schwere Gegenstände in Form von Rennen bergauf zu schleppen? Schon mehrere Male habe ich über derartige Veranstaltungen geschrieben, noch nicht über die Great Kinder Beer Barrel Challenge, die einmal jährlich in Derbyshires Peak District stattfindet.

Wie allgemein üblich werden diese mehr oder minder verrückten Ideen in Pubs ausgeheckt, so auch dieses Bierfass-Bergaufschleppen. Es war an einem Januarabend im Jahr 1998 als im Old Nags Head in Edale gerade die Biersorte ausging, die einer der Pubgäste am liebsten trank. Der Wirt machte aus Spaß das Angebot, wenn der Gast ein Fass davon vom nächstgelegenen Pub, dem Snake Pass Inn (der leider im Oktober 2019 geschlossen worden ist), holen würde, dann könnte er den Inhalt umsonst haben. Zum Erstaunen des Wirts machte sich der Gast tatsächlich auf den Weg, trommelte noch zwölf weitere durstige Kehlen zusammen, und alle holten ein Bierfass von dem fünf Kilometer entfernten Snake Pass Inn in ihr Stammlokal. Dabei kamen die Männer ganz schön ins Schwitzen, denn es ging auf dem Weg sehr steil bergauf und bergab.

Warum sollte man aus diesem einmaligen „Event“ nicht eine Dauereinrichtung in Form eines Rennens machen, fragte man sich in Edale und es entstand die Great Kinder Beer Barrel Challenge, benannt nach der bergigen Region, dem Kinder Scout, wo am 24. April 1932 der denkwürdige Mass Trespass stattfand (siehe dazu meinen entsprechenden Blogeintrag).

Bei der Challenge müssen bis zu elf Teams, die jeweils aus acht Männern und/oder Frauen bestehen, ein etwa 75 Kilo schweres Fass, in dem sich allerdings kein Bier sondern Wasser befindet, mit Hilfe einer selbstgebauten Tragevorrichtung vom Snake Pass Inn zum Old Nags Head Inn schleppen. Das Team, das die Strecke am schnellsten zurücklegt, erhält als Preis… natürlich ein Fass Bier. Alle Einnahmen aus der Veranstaltung werden wohltätigen Zwecken gespendet.

Nachdem die Challenge in den letzten beiden Jahren wegen Corona ausfallen musste, hoffen alle, dass sie in diesem Jahr im September wieder ausgetragen werden kann.

Hier ist ein Film über die Challenge.

The Snake Pass Inn.
Photo © steven ruffles (cc-by-sa/2.0)
Der Kinder Scout und das Edale Moor.
Photo © Andy Stephenson (cc-by-sa/2.0)
Published in: on 12. Februar 2022 at 02:00  Kommentar verfassen  

Reverend Edward Drax Free (1764-1843) – Ein Pfarrer der anglikanischen Kirche in Sutton (Bedfordshire), der dort 22 Jahre lang sein Unwesen trieb

Church of All Saints in Sutton (Bedfordshire).
Photo © John Sutton (cc-by-sa/2.0)

Edward Drax Free (1764-1843) studierte anfangs des 19. Jahrhunderts am St John’s College in Oxford. Er machte dort seinen Bachelor und Master, wurde sogar Fellow am College, doch sein soziales Verhalten war dermaßen schlecht (er war ständig betrunken und prügelte sich), dass er kurz vor dem Rauswurf stand. Wie war man froh, als er einen Posten als Vikar an Oxfords St Giles Kirche annahm. Als nach einiger Zeit die Church of All Saints in der Gemeinde Sutton in Bedfordshire einen neuen Pfarrer suchte, ging Edward Drax Free dorthin. Hätten die Gemeindemitglieder gewusst, wen sie sich da eingehandelt hatten…

Der Reverend steckte permanent in Geldschwierigkeiten, nahm immer wieder Kredite auf, die er nicht zurückzahlen konnte und sperrte manchmal für Monate seine Kirche zu, um untertauchen zu können und seinen Gläubigern zu entfliehen. Wenn er denn überhaupt Gottesdienste abhielt, machte er das kurz und bündig und hielt sich nicht lange mit Predigten auf. Manchmal wollte er seine Schäfchen sogar mit einer Geldstrafe belegen, wenn sie nicht zu seinen Andachten erschienen. Er verkaufte auch das Kupfer vom Kirchendach, um seine Spielschulden zu bezahlen zu können.

Edward Drax Free sprach nach wie vor sehr gern dem Alkohol zu und war häufig betrunken. In diesem Zustand, nehme ich jedenfalls an, schwängerte er fünf seiner Hausangestellten. Sex spielte für den Reverend eine wichtige Rolle, so brüstete er sich mit seiner Sammlung von pornografischen Schriften, die er im Pfarrhaus zusammengetragen hatte. Was die Gemeindemitglieder überhaupt nicht gut fanden, war, dass der Kirchhof (im wahrsten Sinne des Wortes) zu einem Schweinestall geworden war. Schweine trieben sich dort herum, scharrten Gräber auf, und auch Kühe und Pferde machten es sich dort gemütlich und störten manchmal die Beerdigungsfeiern. Die Menschen in Sutton waren „not amused“.

Als Free nach seinen Skandalen schließlich die Gemeinde verlassen sollte, dachte er gar nicht daran, sondern verbarrikadierte sich in seinem Pfarrhaus (dessen Einrichtung er vorher verkauft hatte) und schoss auf jeden, der sich näherte. Unter Leitung des zuständigen Bischofs hungerte ihn seine Gemeinde aus, so dass er nach 22 Jahren die Church of All Saints endgültig verlassen musste.

Auch Edward Drax Frees Ende war unrühmlich. Da niemand ihn mehr als Pfarrer haben wollte, ging es mit ihm steil bergab. Er trank nach wie vor und wurde 1843 (passenderweise) beim Verlassen einer Kneipe von einem Fuhrwerk überfahren.

Das Buch zum Artikel:
R.B. Outhwaite: Scandal in the Church – Dr Edward Drax Free, 1764-1843. Hambledon Press 1997. 180 Seiten. ISBN ‎ 978-1852851651
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Edward Drax Frees Alma Mater: Das St John’s College in Oxford.
Photo © Len Williams (cc-by-sa/2.0)

Published in: on 17. Januar 2022 at 02:00  Comments (2)  

Arthur Furguson (1883-1938) – Der Mann, der die Nelsonsäule auf Londons Trafalgar Square verkaufte

Wurde für £6000 verkauft, Nelson’s Column auf dem Trafalgar Square.
Photo © Philip Halling (cc-by-sa/2.0)

Es ist fast 100 Jahre her als ein US-amerikanischer Tourist aus Iowa in London auf dem Trafalgar Square stand und dort die Nelsonsäule bestaunte, auf deren 46 Meter hohen Sockel die über fünf Meter hohe Statue von Admiral Horatio Nelson zu sehen war. Ihm näherte sich ein Mann, der sich als offizieller Stadtführer zu erkennen gab, und ihn ansprach.

Der angebliche Guide, es handelte sich dabei um den in Schottland geborenen Arthur Furguson, erzählte dem Amerikaner die Geschichte des Admirals und ließ einfließen, dass die Säule momentan zum Verkauf stünde, was aber noch geheim war, denn die britische Nation litt nach dem Ersten Weltkrieg noch immer unter einer schweren Finanzkrise und musste sich, wohl oder übel, von einigen Besitztümern trennen. £6000 wollte die britische Regierung für die Säule haben. Der schwerreiche Amerikaner war sofort Feuer und Flamme und wollte die Nelsonsäule unbedingt haben, sie nach Iowa verschiffen und sie dort auf seinem Anwesen errichten lassen. Furguson bat den Amerikaner einen Moment um Geduld, er wollte seine Vorgesetzten fragen, was die zu dem Verkauf sagten, kam bald wieder mit der frohen Botschaft zurück, dass diese eingewilligt hätten und nahm einen Scheck über £6000, der auf den Namen Arthur Furguson ausgestellt war, entgegen. Dann verschwand der Verkäufer der Nelsonsäule sehr schnell, nachdem er dem Mann aus Iowa noch den Namen der Baufirma genannt hatte, die die Säule für ihn abbauen sollte. Als der Amerikaner diese Firma kontaktierte, die natürlich von diesem Auftrag keine Ahnung hatte, merkte er, dass er einem „con man“, einem Betrüger, aufgesessen war.

Arthur Furguson wendete diese Masche noch einige Male an, wobei er es immer wieder auf US-Amerikaner abgesehen hatte. So gelang es ihm, den Glockenturm von Big Ben für £1000 zu verkaufen, und sogar der Buckingham Palace stand auf Furgusons Verkaufsliste, für den er eine Anzahlung von £2000 erhielt.

Nachdem es ihm auf britischem Boden zu heiß geworden war, übersiedelte Arthur Furguson in die USA, wo er mit seiner Geschäftsidee weiter machte und das Weiße Haus in Washington an einen texanischen Rinderzüchter für $100,000 im Jahr vermietete. Erst als er einem interessierten Australier die New Yorker Freiheitsstatue andrehen wollte, war Schluss mit Furgusons Verkaufsmethoden, denn der Australier wurde misstrauisch und wandte sich an die New Yorker Polizei, die den Mann aus Großbritannien festnahm. Nach einem Gefängnisaufenthalt von fünf Jahren kam Furguson 1930 wieder frei. Er siedelte nach Los Angeles über, wo er einen luxuriösen Lebensstil pflegte, denn er hatte einiges von seinem erwirtschafteten Geld zurückgelegt. Hier soll er auch 1938 gestorben sein.

Ist diese wunderschöne Geschichte vielleicht gar nicht wahr? Der Schotte Dane Love ist den Spuren des Arthur Furguson einmal nachgegangen und hat nichts über ihn in zeitgenössischen Quellen finden können. Weder die britischen noch die amerikanischen Zeitungen haben über den Betrüger jemals berichtet. So what?

Published in: on 13. Januar 2022 at 02:00  Comments (2)  

The Crypt – Ein Horrorladen mit angeschlossenem Café in Blackpool

Die Birley Street ist eine Fußgängerzone in Blackpool, vor allem bekannt durch seine Arches, ein Kunstwerk namens „Brillance“ („a party-inducing flashdance down a central pedestrianised street under sparkling steel arches“, so die Webseite Cool Places), hier zu sehen.

In der Hausnummer 31 befindet sich ein Dorado für Horrorfans, ein Laden/Café/Museum namens The Crypt. Hier trifft man sie alle, die liebgewordenen Figuren aus Horrorfilmen: Freddy Krueger, Frankenstein, Nosferatu, den Mann mit der Kettensäge aus „The Texas Chainsaw Massacre“ und viele andere.

Es gibt hier schrecklich anzusehende Masken zu kaufen, die jeder Halloween-Party Ehre machen würden, Kaffeebecher mit allen möglichen Aufschriften (Witches Brew, White Witch Cauldron Mug), T-Shirts mit Horrormotiven und überall werden die Besucher mit Totenköpfen, Zombies und grinsenden Clownsmasken konfrontiert. In der Toilette wartet ein riesiges Poster mit dem Weißen Hai aus dem gleichnamigen Film, der gierig nach einer jungen Frau schaut, die über ihm auf einer Luftmatratze schwimmt.
Zwischen diesen vielen Horrorgestalten kann man dann einen Kaffee oder Tee trinken oder eine Kleinigkeit essen, wenn man sich nicht daran stört, dass einem dabei Nosferatu über die Schulter schaut.
Der Laden hat jeden Tag des Jahres von 11 Uhr bis 17 Uhr geöffnet.

The Crypt
31 Birley Street

Blackpool
Lancashire
FY1 1EG

Published in: on 30. Dezember 2021 at 02:00  Comments (4)  

Blaue Plaketten in London – Echt oder falsch?

Photo: Spudgun67.
Creative Commons 4.0

Über das Thema „Blaue Plaketten“ habe ich in meinem Blog am 7. Mai 2012 ausführlicher geschrieben, nach welchen Kriterien diese an englischen Häuserwände angebracht werden und welches Gremium darüber entscheidet.

Es gibt aber auch eine ganze Reihe von inoffiziellen und von gefälschten Gedenkplaketten. Mein Favorit ist im Londoner Stadtteil Muswell Hill in der Hillfield Avenue Nummer 118 zu finden. Dort hat eine Society for the Promotion of Historic Buildings eine Plakette angebracht mit der Inschrift „Carswell Prentice 1891-1964 inventor of the supermarket trolley stayed here in September 1932„; das mag schon ein ganz besonderes Ereignis damals im September 1932 gewesen sein, aber als Erfinder des Einkaufswagens gilt nicht Carswell Prentice sondern ein US-Amerikaner namens Sylvan Goldman, der Besitzer der Humpty Dumpty Supermarktkette in Oklahoma, der die Idee dazu im Jahr 1937 hatte. Die Society for the Promotion of Historic Buildings ist eine Firma in der Hillfield Avenue Nummer 118, die wunschgemäß Plaketten dieser Art herstellt.

Photo: Marvinbarretto.
Creative Commons 3.0

Am Londoner Hammersmith Broadway tauchte einmal eine blaue Plakette auf, auf der zu lesen stand „Rik Mayall 1958-2014 Punched his friend in the balls on a bench near this spot„, darunter war ein QR Code angebracht und darunter wiederum stand True English Heritage“, das war natürlich leicht als „Fake“ zu erkennen. Der QR Code führt übrigens zu diesem Filmchen (Rik Mayall war ein Comedian und Schauspieler).

Eine blaue Plakette für Boris Becker? Das würde nicht den Richtlinien von English Heritage entsprechen. Schon gar nicht das Ereignis auf das eine Plakette am Nobu Restaurant einmal in der Old Park Lane Nummer 19 hinwies. „Sex Cupboard 1999“ stand unter dem Namen des einstigen Tennisstars und erinnerte an ein Treffen dort zwischen BB und einem russischen Model, das in einem beengten Besenschrank stattfand und Folgen hatte.

Blue Plaque Spotting in London macht Spaß…vor allem, wenn man auf einige dieser falschen Plaketten stößt.

Published in: on 17. Dezember 2021 at 02:00  Kommentar verfassen  

Lord Dunsany und die tödlichen Schüsse auf zwei Londoner Zebras

Das Londoner Schuhhaus John Lobb in der St James’s Street.
Photo © Jim Osley (cc-by-sa/2.0)

Meine erste Begegnung mit Edward John Moreton Drax Plunkett, 18. Baron Dunsany (1879-1957) war, als ich für meine Examensarbeit über Weird Fiction recherchierte und dabei auf diesen Schriftsteller stieß. Es gab einmal eine großartige Buchreihe in den 1970er Jahren im Insel-Verlag, die Bibliothek des Hauses Usher, herausgegeben von Kalju Kirde, den ich einmal persönlich kennen lernen durfte. Die 26 Bände der Reihe waren auf grünem Papier gedruckt, ich hatte sie fast alle, sind seit langem vergriffen und Sammlerobjekte geworden. Einer dieser Bände hieß „Das Fenster zur anderen Welt„, enthielt 27 Geschichten und stammte aus der Feder eben jenes irischen, in London geborenen Lord Dunsany.

Soweit seine literarische Seite. Lord Dunsany hatte eine Vorliebe, die ich absolut nicht teilen kann: Er war leidenschaftlicher Großwildjäger. Der Eton-Schüler und Sandhurst-Absolvent soll bei einer seiner Safaris in Kenia 55 Tiere abgeschossen haben, darunter einen Löwen und ein Nashorn.

Es gibt eine Geschichte, ob sie tatsächlich stimmt, ist nicht sicher, dass der Lord sogar in den Straßen Londons seine Finger nicht vom Abzug seines Gewehres halten konnte, wenn er ein wildes Tier sah, was wohl eher selten vorkam.
Folgendes war geschehen: Das renommierte, 1849 gegründete Londoner Schuhhaus John Lobb, das noch immer existiert, soll zu Werbezwecken einmal eine Kutsche durch die Straßen der Hauptstadt geschickt haben, und damit das Gefährt auch wirklich auffiel, waren zwei Zebras anstelle von Pferden davor gespannt. Auftritt von Lord Dunsany. Als er die Tiere auf der Straße Piccadilly zwischen dem Kaufhaus Fortnum&Mason und der Buchhandlung Hatchards sah, konnte er nicht anders als sein Gewehr, das er offensichtlich häufig bei sich trug, zu nehmen und die beiden Zebras zu erschießen. „Zebras habe ich noch nie erlegt“, soll der schießwütige Lord zu seiner Verteidigung gesagt haben. Ich habe diese Geschichte William Donaldsons Buch „Rogues, Villains and Eccentrics“ (2002 erschienen) entnommen, und so ganz verlässlich scheinen mir dessen Aussagen nicht immer zu sein. Hoffen wir, um der Zebras willen, dass sich die Geschichte nicht so abgespielt hat.

Zebras, wie dieses Exemplar aus dem Paradise Wildlife Park in Hertfordshire, gehören in ihre afrikanische Heimat und schon gar nicht als Zugtiere auf Londoner Straßen (was aber nicht heißt, dass man sie dort einfach abschießen kann).
Photo © Christine Matthews (cc-by-sa/2.0)
Published in: on 15. Dezember 2021 at 02:02  Comments (2)  

The Diagram Prize 2021

Über den Diagram Prize und seine Preisträger habe ich in den vergangenen Jahren schon mehrfach geschrieben. Zur Erinnerung: Den Preis erhält jeweils das Buch mit dem merkwürdigsten Titel des Jahres; die Titelauswahl wird vom The Bookseller magazine zusammengestellt, und die Öffentlichkeit wählt daraus ihren Favoriten.

Nach dem Vorjahressieger „A Dog Pissing at the Edge of a Path: Animal Metaphors in Eastern Indonesian Society“ erhält in diesem Jahr den Diagram Prize: „Is Superman Circumcised? The Complete Jewish History of the World’s Greatest Herovon Roy Schwartz, erschienen im Mai diesen Jahres bei McFarland. Der New Yorker Autor geht darin den jüdischen Wurzeln Supermans nach und stellt dabei die Frage, ob der Superheld beschnitten war.

Wen hatten wir denn noch auf der Shortlist?

Julian Havels „Curves for the Mathematically Curious: An Anthology of the Unpredictable, Historical, Beautiful, and Romantic“ (Princeton University Press), ein Buch für jeden, der an mathematischen Kurven interessiert ist.

Handbook of Research on Health and Environmental Benefits of Camel Products„, herausgegeben von Omar Amin Alhaj et al (Medical Information Science Reference). Das Buch beschäftigt sich mit der zunehmenden Bedeutung von Produkten, die auf Kamelmilch basieren.

Hats: A Very Unnatural History“ (Michigan State University Press) von Malcolm Smith; darin geht es um die Vernichtung von Abermillionen Vögeln, damit aus ihren Federn modische Hüte hergestellt werden konnten.

The Life Cycle of Russian Things: From Fish Guts to Fabergé, 1600 to Present“ (Bllomsbury Academic) herausgegeben von Matthew P. Ramaniello et al; eine Untersuchung über die Haltbarkeit in Russland beziehungsweise in der Sowjetunion hergestellter Produkte.

Miss, I Don’t Give a Sh*t: Engaging With Challenging Behaviour in Schools“ (SAGE Publications) von Adele Bates, „a book about young people for whom the education system does not work“.

Published in: on 9. Dezember 2021 at 02:00  Kommentar verfassen  

The Coffin Works in Birmingham – Ein Museum für Sargzubehör

Photo © Chris Allen (cc-by-sa/2.0)

In der Fleet Street in Birmingham, im Jewellery Quarter, befand sich einmal Englands renommiertester Hersteller von „coffin furniture„, 1894 von den Newman Brothers, Alfred und Edwin, gegründet. In dem großen Backsteinhaus wurde Sargzubehör produziert, also nicht Särge selbst, sondern beispielsweise die Messinggriffe, die Kruzifixe, Verzierungen, aber auch Leichenhemden und Sarginnenausstattungen. Zu den prominentesten „Kunden“ der Firma in Birmingham zählten unter anderem Joseph Chamberlain, Winston Churchill und die Queen Mother.

Bis zum Jahr 1999 machte die Firma Newman Brothers in der Fleet Street Geschäfte, doch dann schloss sie ihre Pforten. Ein Grund dafür war, dass sich immer mehr Menschen verbrennen ließen und Särge mit Metallverzierungen nicht in Krematorien zugelassen wurden, die Nachfrage also sank.

Der Wunsch der letzten Firmeninhaberin, Joyce Green, war es, aus dem Gebäude ein Museum zu machen. Mit Hilfe des Birmingham Conservation Trusts gelang es nach mehreren Jahren, diesen Wunsch in die Realtität umzusetzen und das mittlerweile arg in Mitleidenschaft gezogene Gebäude wieder herzustellen. Am 24. Oktober 2014 war es dann soweit: The Coffin Works konnte eröffnet werden (hier ist ein Film darüber).

Das Museum ist von Freitag bis Sonntag geöffnet, jeweils von 10.45 Uhr bis 16 Uhr. Wer möchte, kann um 11 Uhr an einer geführten Tour teilnehmen, sonst kann sich jeder auf eigene Faust umsehen. Der Eintrittspreis beträgt £10.

Dieser Film zeigt einen Besuch in diesem makaber-skurrilen Museum.

The Coffin Works
13-15 Fleet Street
Jewellery Quarter
Birmingham B3 1JP

The Shroud Room.
Photo © Chris Allen (cc-by-sa/2.0)
Eine Metallprägepresse in Betrieb.
Photo © Chris Allen (cc-by-sa/2.0)
Sargverzierungen der Newman Brothers.
Author: scrappy annie.
Creative Commons 2.0
Published in: on 30. November 2021 at 02:00  Comments (5)  

The Needle and Thread Gaudy im Queen’s College in Oxford

Photo © Marathon (cc-by-sa/2.0)

Es ist immer wieder interessant, von den merkwürdigen Traditionen zu hören, die in den Colleges von Oxford und Cambridge, manchmal schon seit Jahrhunderten, gepflegt werden. In meinem Blog habe ich schon einige davon vorgestellt. Heute möchte ich mich etwas mit einem Brauch aus dem Queen’s College in Oxford beschäftigen, der The Needle and Thread Gaudy heißt und der immer zu Beginn eines neuen Jahres ausgeübt wird. Wer den Begriff „gaudy“ noch nicht gehört hat: Es handelt sich dabei um ein feierliches Abendessen für ehemalige Abgänger eines Colleges.

Was hat das nun mit Nadel und Faden zu tun? Anlässlich dieses Abendessens tritt der Bursar des Queen’s College in Aktion, also der Mann, der für die Finanzen zuständig ist. Er händigt jedem der Anwesenden, die eine spezielle Einladung für den Abend erhalten haben, eine Nadel und einen seidenen Faden aus, mit den Worten „Take this and be thrifty„. Der Bursar ermahnt also alle, im kommenden Jahr sparsam zu sein. Ob er da wohl als leuchtendes Vorbild vorangeht?

Der Brauch ist Hunderte von Jahren alt und man vermutet, dass er auf den Namen des Gründers des Queen’s College zurückgeht, einen gewissen Robert de Eglesfield (1295-1349). „Aiguille“ heißt auf Französisch „Nadel“, „fil“ ist der Faden“, aiguille + fil = Eglesfield; mit etwas Fantasie kann man da einen Zusammenhang erkennen. Egal ob das nun stimmt oder nicht: Wir freuen uns, dass dieser recht skurrile Brauch noch immer am Leben gehalten wird. Am 8. Januar 2022 um 18.30 Uhr findet die nächste Needle and Thread Gaudy statt; die Einladung erging an ehemalige Studenten, die sich in den Jahren 1976 und 1977 immatrikuliert hatten.

The Upper Library des Queen’s College. Hier werden vor dem Abendessen die Drinks zu sich genommen.
Author: TyB.
Creative Commons 2.0
Published in: on 27. November 2021 at 02:00  Kommentar verfassen  

Fig Pie Rolling in Wybunbury (Cheshire)

Author: Ten Minutes From Home.
Creative Commons 2.0

Engländer lieben es, Gegenstände steile Hügel oder Straßen hinunterzurollen…oder zumindest dabei zuzuschauen. Ich denke da an das Cheese Rolling am Cooper’s Hill in Gloucestershire. Oder aber schwere Gegenstände nicht minder steile Straßen hinaufzuschleppen wie beim Wrekin Barrel Race in Shropshire oder bei den World Coal Carrying Championships in West Yorkshire.

In einem kleinen Dorf in der Grafschaft Cheshire, südlich der Stadt Crewe, veranstaltet man so etwas Ähnliches, das sich Fig Pie Rolling nennt. Wybunbury lautet der ungewöhnliche Name des Dorfes, der wie so oft anders ausgesprochen wird, nämlich meist „Wyb-un-bury“ oder „Wimbry“. Des Dorfes größte Attraktion ist der schiefe Kirchturm von St Chad, ein kirchenloser Turm, der unterirdisch gestützt werden muss, damit er nicht irgendwann einmal umkippt. Die ehemals dazugehörende Kirche wurde schon 1833 abgerissen.

Doch zurück zur zweiten Attraktion des Dorfes. Meist Anfang Juni findet dort im Rahmen des Fig Pie Wakes Festivals das „Feigenpastetenrollen“ statt, dessen Regeln recht einfach sind. Die Teilnehmer backen die Pasteten selbst nach einem althergebrachten Rezept, wobei der Teig sehr hart wird, denn das muss er auch sein, wenn die Pie die Straße hinuntergerollt werden soll. Sieger des Wettbewerbs ist derjenige, dessen Pastete den weitesten Weg zurückgelegt hat.

Das Fig Pie Rolling stammt aus dem 19. Jahrhundert, wurde aber lange Zeit ausgesetzt, bis man sich 1995 wieder daran erinnerte. Der Wybunbury Tower Preservation Trust rief dieses skurrile Event erneut ins Leben, damit die Einnahmen aus dem Amüsement der Erhaltung des schiefen Turmes zugute kommen.

Die Fig Pie Rolling Strecke ist auf der Main Road, zwischen den Pubs The Swan Inn und The Red Lion.

Wer sich im nächsten Jahr um den 11. Juni herum in Cheshire aufhalten sollte, dem sei ein Besuch in Wybunbury empfohlen.

Hier kann man sich den Spaß im Film ansehen.

Der schiefe St Chad’s Tower.
Photo © Jonathan Hutchins (cc-by-sa/2.0)
Startpunkt des Wettbewerbs: The Swan Inn.
Photo © Richard Dorrell (cc-by-sa/2.0)
Der eine Zeit lang geschlossene, seit 2012 aber wieder geöffnete Red Lion.
Photo © Richard Dorrell (cc-by-sa/2.0)
Published in: on 29. Oktober 2021 at 02:00  Kommentar verfassen