„Village Stocks“ – Eine Art Fußfessel, die per Gesetz in Dörfern und Kleinstädten vorrätig gehalten werden musste

Litton in Derbyshire.
Photo © Graham Hogg (cc-by-sa/2.0)

Seit dem 14. Jahrhundert schon gibt es die „village stocks“ in England, im Deutschen Fußblock oder auch Stock genannt. Diese meist hölzernen Vorrichtungen dienten dazu, Trunkenbolde oder Vagabunden festzuhalten und ihnen eine Lehre zu erteilen. Dabei wurden die Füße durch dafür vorgesehene Löcher im Stock gesteckt und fest verankert, so dass an eine Flucht nicht zu denken war. Passanten konnten nach Lust und Laune beispielsweise verrottetes Obst oder Gemüse auf die armen Kerle werfen. Jede Stadt und jedes Dorf war per Gesetz verpflichtet, diese „stocks“ vorrätig zu halten. Im Gegensatz zu den „stocks“ standen die „pillories„, die Pranger, bei denen der Kopf und die Arme durch Löcher gesteckt wurden. Während der Pranger in England 1837 abgeschafft wurde, sind die „stocks“ noch immer legal. Viele sind im Laufe der Jahre verottet oder abgebaut worden, doch eine ganze Menge sind noch erhalten und dienen dazu, den Dörfern oder Kleinstädten einen gewissen historischen Anstrich zu geben. Im Folgenden habe ich einige Beispiel für „village stocks“ zusammengestellt:

Hier in Haveringland in Norfolk wurden die stocks in das Dorfschild integriert.
Photo © Adrian S Pye (cc-by-sa/2.0)

Auf dem Kirchhof von St George’s in Bicknoller (Somerset).
Photo © Maigheach-gheal (cc-by-sa/2.0)

In Weston-on-the Green in Oxfordshire.
Photo © Richard Rogerson (cc-by-sa/2.0)

In Eyam, dem „Pestdorf“, in Derbyshire.
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In Market Overton in Rutland.
Photo © Alan Murray-Rust (cc-by-sa/2.0)

Published in: on 28. Juli 2018 at 02:00  Comments (1)  
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Der Comedian Rod Hull (1935-1999) und sein gefürchteter Emu

Rod Hull war ein Comedian der besonderen Art, den man eigentlich nur zusammen mit seinem Emu kannte, auch im deutschen Fernsehen.
1935 wurde Rod Hull auf der Isle of Sheppey in Kent geboren, wo er auch seine Kindheit verbrachte. In den frühen 60er Jahren zog es ihn nach Australien, wo er als Elektriker arbeitete. Er bekam einen Job als Techniker beim Fernsehen und arbeitete dann auch bald im Kinderfernsehen vor der Kamera. Dort hatte er auch den ersten Kontakt mit Emu, dem bösartigen Vogel, der dann für den Rest seines Lebens zu seinem Markenzeichen wurde.

1971 zog Rod Hull nach England zurück und arbeitete an mehreren Fernsehshows mit. Da ging es immer turbulent zu, denn Rod Hulls Emu attackierte die anderen Gäste, die sicher froh waren, wenn Hull mitsamt Emu dann wieder verschwand.
Der Journalist und Radiomoderator Michael Parkinson bekam den Zorn des Tieres einmal in einer Sendung zu spüren, die damit endete, dass sich alle auf dem Boden wälzten (hier der Film). Auch Rudi Carrel lud die beiden in seine Show ein und das Ergebnis kann man sich auf dem Video unten ansehen.

Rod Hull starb schon früh am 17. März 1999 in seinem Haus in Winchelsea (East Sussex), als er dort bei einem Versuch, seine Fernsehantenne auf dem Dach zu richten, herunterfiel und sich so schwere Verletzungen zuzog, dass er daran starb.
Ich fand Rod Hull, der meistens in einer Art Tropenanzug auftrat, und seinen Emu immer sehr witzig; ein derber Humor, aber er kam beim internationalen Publikum gut an.

Hier einer seiner Auftritte im deutschen Fernsehen. und hier ist ein Besuch des Emus beim Tierarzt angesagt.

Published in: on 26. Juli 2018 at 02:00  Schreibe einen Kommentar  
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Das Leben des Jeremy Bentham…nach seinem Tode

Jeremy Bentham (1748-1832) war der „Begründer des klassischen Utilitarismus“ und „gilt als Vordenker des Feminismus, als Vorkämpfer der Demokratie, des Liberalismus und des Rechtsstaats“, um wieder einmal die Wikipedia zu zitieren. Er war aber auch exzentrisch veranlagt und darum geht es heute in meinem Blogartikel. Der Philosoph vermachte dem Londoner University College (UCL) eine hübsche Summe Geld, unter der Voraussetzung, dass nach seinem Ableben sein Körper mumifiziert werden sollte und zwar so wie es die neuseeländischen Ureinwohner, die Maori, taten. Das University College nahm die Geldspende gern an und ging auch Benthams Wunsch nach, indem sie sein Skelett aufbewahrte, es mit seinen Kleidern umhüllte und in einem Mahagonischrank mit Glastür im South Cloister des Universitätsgebäudes aufbewahrte.
Leider gab es ein Missgeschick bei der Prozedur der Mumifizierung des Kopfes, die gründlich daneben ging, und so wurde ein Wachsmodell angefertigt, das seitdem Jeremy Benthams Körper ziert. So sitzt er nun auf einem Stuhl in seinem Schrank mit einem Hut auf dem Kopf und seinem geliebten Spazierstock in der Hand, den er Dapple nannte. Hin und wieder hat Bentham aber auch „Ausgang“ und darf seinen Schrank verlassen. So war er zum Beispiel bei der einen oder anderen Kuratoriumssitzung der UCL anwesend und saß an einem Tisch mit eigenem Tischkärtchen auf dem „Professor Jeremy Bentham“ stand.

In diesem Jahr wurde ein Wunsch des Professors erfüllt, der zu seinen Lebzeiten nie wahr werden konnte: Er ging auf Reisen nach Amerika. Im New Yorker Met Breuer Museum wurde er vom März bis jetzt in den Juli zur Schau gestellt, im Rahmen der Ausstellung „Like Life: Sculpture, Color and the Body, 1300-now”. Ich glaube, dass Mr. Bentham aber froh sein wird, wenn er wieder in London zurück ist und es sich erneut in seinem Mahagonischrank bequem machen kann.

Noch ein paar Worte zu Benthams verunstaltetem Originalkopf, der nur selten ausgestellt wird. Studenten des Londoner King’s College, Rivalen des UCL, kidnappten ihn 1975 und verlangten ein Lösegeld von £100, das an eine Wohltätigkeitsorganisation gezahlt werden sollte. Das UCL bot £10 und erhielt den Kopf zurück. Seitdem ist er an einem sicheren Ort untergebracht und vor weiteren Kidnapversuchen geschützt.

Hier ist ein Film über den Mann im Schrank.

Published in: on 23. Juli 2018 at 02:00  Schreibe einen Kommentar  
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Streaker bei britischen Sportereignissen

Das Twickenham Stadium, wo William O’Brien und Erica Roe ihre großen Auftritte hatten.
Photo © Keith Williams (cc-by-sa/2.0)

Streaking is the act of running naked through a public place as a prank, a dare, for publicity or an act of protest„, so definiert die Wikipedia das plötzliche Auftauchen nackter oder halbnackter Männer und Frauen, die, aus welchen Gründen auch immer, auf sich aufmerksam machen möchten, in Deutschland Blitzer oder auch Flitzer genannt. Ray Stevens widmete dieser Spezies einen Song mit dem Titel „The Streak„.

Häufig sind diese „Streaker“ bei Sportereignissen anzutreffen, in England gern auch bei Golf-, Cricket- und Rugbymatches. Im April 1974 soll erstmals ein Flitzer bei einem Rugbyspiel gesichtet worden sein. Der Australier William O’Brien rannte plötzlich bei der Begegnung England gegen Frankreich im Londoner Twickenham Stadium nackt auf den Platz. Polizisten fingen den zeigefreudigen Mann ein; ein Foto von damals zeigt wie ein Polizist seinen Helm vor die Genitalien des Mannes hält.
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Noch berühmter wurde der Auftritt von Erica Roe im Januar 1982 im selben Stadion bei dem Rugbymatch England gegen Australien. Die 25 jährige, die in einer Buchhandlung in Petersfield in Hampshire arbeitete, und zusammen mit ihrer Freundin das Spiel besuchte, zog während der Halbzeitpause ihre Bluse aus (ihre Freundin tat es ihr gleich) und rannte zur Freude der johlenden männlichen Zuschauer mit schwingenden Brüsten auf den Platz. Einige Offizielle bemächtigten sich der beiden jungen Frauen und verhüllten ihre Oberkörper mit einer Englandfahne. Merkwürdigerweise ist nur der Auftritt von Erica Roe, The Twickenham Streaker, in Erinnerung geblieben und nicht der ihrer Freundin. Hier ist ein Film von diesem Ereignis und folgendes Foto ging um die Welt.
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Erica Roe gilt nach wie vor als die berühmteste britische Flitzerin. Sie fand Nachahmer wie die 23jährige Studentin Melissa Johnson, die 1996 in Wimbledon beim Finale der Herren im Tennis für Aufsehen sorgte, als sie, nur mit einer kleinen Schürze bekleidet, auf den Platz lief. Nikki Moffat suchte sich im Juli 1997 die British Open aus, die bei dem Royal Troon Golf Club in Schottland ausgetragen wurden. Sie lief auf den Golfplatz, trug nur ein  Höschen und war am ganzen Körper wie ein Tiger bemalt, wohl um den Golfer Tiger Woods zu beeindrucken.

Published in: on 18. Juli 2018 at 02:00  Schreibe einen Kommentar  
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The Bristol Hum – Ein Brummton-Phänomen, das die Bewohner der Stadt Bristol nervt

Die M32 in Bristol. Kommt das merkwürdige Geräusch von hier?
Photo © N Chadwick (cc-by-sa/2.0)

Im November 1989 wurde in Großbritannien die Low Frequency Noise Sufferers Association gegründet, in der sich Menschen zusammentaten, die sich von dem Brummton-Phänomen genervt fühlten, das sich in einigen Städten des Königreichs manifestierte, vor allem in Bristol im Südwesten des Landes. Der sogenannte Bristol Hum ist dort schon seit mehreren Jahrzehnten zu hören und niemand weiß, wo das Geräusch herkommt. Nicht jeder kann es hören, doch viele Bristolians stört es vor allem nachts, wenn der niederfrequente Ton deutlicher zu hören ist. Er ist auch nicht ständig da, manchmal herrscht eine Zeit lang Ruhe und dann ist das Geräusch plötzlich wieder zu hören.

Die Behörden der Stadt haben schon alles Mögliche unternommen, um dem Phänomen auf die Spur zu kommen, auch Wissenschaftler haben sich darüber den Kopf zerbrochen und die unterschiedlichsten Theorien aufgestellt, aber bis heute gibt es noch keine endgültige Auflösung des Rätsels. Hier sind einige dieser Theorien:

Französische Wissenschaftler, die sich auf die Spur des Bristol Hums gesetzt haben, sind der Überzeugung, dass sich das Phänomen durch  Wellen auf dem Boden des Meeres erklären lässt, durch die eine Vibration erzeugt wird.

Windparks in der Umgebung der Stadt, die Autobahn M32 und Hochspannungsleitungen wurden als Verursacher ins Gespräch gebracht.

Einem großen Lüfter auf einem Industriegelände in Avonmouth schob man die Schuld in die Schuhe, und als dieser abgeschaltet wurde, herrschte eine Weile Ruhe, doch dann war das Geräusch wieder zu hören.

Dann kam man auf die Idee, dass das Brummton-Phänomen gar nicht existiert, und dass diejenigen, die das Geräusch hören, unter Tinnitus leiden.

Ist etwa das Filton Aerodrome schuld, auf dem British Aerospace geheime Forschungen betreibt?

Eine recht absonderliche Theorie ist die, dass riesige Schwärme des Nördlichen Bootsmannfisches verantwortlich sein sollen und zwar durch die Paarungsgeräusche der Männchen und Weibchen, die es gern laut beim Sex haben.

Ich habe hier zwei Beispiele für den Bristol Hum, so dass sich jeder seine eigene Meinung bilden kann, was dieses Geräusch wohl bedeuten mag: Beispiel 1 und Beispiel 2.

Windräder in Avonmouth bei Bristol. Auch die können eigenartige Geräusche verursachen.
Photo © Jonathan Billinger (cc-by-sa/2.0)

Der Nördliche Bootsmannfisch: Sind er und seine Artgenossen und -genossinnen schuld am Bristol Hum?
This work is in the public domain.

 

Published in: on 5. Juli 2018 at 02:00  Schreibe einen Kommentar  
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The Two Mice Eating Cheese – Londons kleinste Skulptur im Philpot Lane

Die Londoner Straßen Eastcheap und Philpot Lane werden von dem riesigen hässlichen Hochhaus beherrscht, dessen Adresse 20 Fenchurch Street lautet, das aber überall auf Grund seiner Form The Walkie Talkie genannt wird. Gegenüber diesem Gebäude wirken alle anderen winzig klein, dabei sind einige in den beiden oben genannten Straßen viel schöner anzusehen, zum Beispiel die Hausnummer 23 Eastcheap, ein unter Denkmalschutz stehendes Gebäude aus der viktorianischen Zeit, in dem Mitte des 19. Jahrhunderts die Gewürzhändler Hunt & Crombie ihre Geschäftsräume hatten.

Das Eckhaus auf der Seite zum Philpot Lane hin, verfügt über eine Besonderheit: An der Wand etwas oberhalb des Erdgeschosses, in dem eine Filiale der Ladenkette Joe & The Juice untergebracht ist, findet sich Londons kleinste Skulptur, die den Namen The Two Mice Eating Cheese trägt. Man muss schon die Augen nach oben richten, um die beiden Mäuse und das Stück Käse zu sehen, sonst läuft man achtlos daran vorbei.

Es gibt mehrere Versionen, was das zu bedeuten hat. Die am häufigsten erzählte, ist diese:

Beim Bau des Monuments, jener 62 Meter hohen Säule, die an den Großen Brand von London im Jahr 1666 erinnert, und die in den 1670er Jahren errichtet worden war, soll es zu einem Zwischenfall in luftiger Höhe gekommen sein. Zwei Bauarbeiter hatten dort oben eine Pause eingelegt, wobei es zu einem Streit um ein Sandwich kam. Der eine Arbeiter bezichtigte den anderen, er hätte sich an seinem mit Käse belegten Sandwich vergangen und dieses halb aufgegessen, was der Beschuldigte weit von sich wies. Es kam zu einem Gerangel, wobei die Streithähne vom Monument fielen und dabei zu Tode kamen. Erst später stellte sich heraus, dass es Mäuse waren, die sich in einem unbeobachteten Moment über das belegte Brot hergemacht hatten. In Erinnerung an die beiden zu Tode gestürzten Männer soll die „Maus-Käse-Skulptur“ an dem Haus Eastcheap/Philpot Lane angebracht worden sein.

Die zweite Version ist ähnlich, nur mit dem Unterschied, dass der Streit um das halb aufgegessene Sandwich nicht auf dem Monument, sondern auf einem Gerüst beim Bau eben jenes Gebäudes stattfand, an dem die Mini-Skulptur angebracht ist.

Was auch immer stimmt oder nicht stimmt, ich finde dieses kleine Kunstwerk schön.

23 Eastcheap.
Photo © Stephen Richards (cc-by-sa/2.0)

Schauplatz des tragischen Sandwich-Zwischenfalls: The Monument.
Photo © Graham Horn (cc-by-sa/2.0)

Die World Snail Racing Championships in Congham (Norfolk)

 

Jedes Jahr im Juli werden in Congham, in der Nähe von King’s Lynn (Norfolk), die World Snail Racing Championships ausgetragen und das schon seit den 1960er Jahren. In diesem Jahr ist es wieder am 21. Juli soweit, wenn an die 200 Rennschnecken auf einem Cricketfield in dem Dörfchen Congham an den Start gehen. Viel gibt es über das Dorf nicht zu sagen, außer, dass hier ein sehr schönes Hotel steht, Congham Hall, das sich als Übernachtungsort anbietet für weitgereiste Zuschauer des Schneckenrennens.

Die Rennstrecke beträgt 33 cm und der Weltrekord steht seit 1995 bei exakt 2 Minuten, gehalten von der Schnecke Archie. Vor dem Start werden die Rennschnecken mit Nummern versehen und der Startruf heißt „Ready…Steady…Slow„. Im vorigen Jahr gewann die Schnecke Larry mit einer Zeit von 2 Minuten und 47 Sekunden. Wie es bei den Championships genau zugeht, zeigt dieser Film.

„Congham is to snail racing what Newmarket is to horse racing“, so die Worte einer Organisatorin des Rennens. Es gibt noch weitere Schneckenrennen in England, so passenderweise eines in der Ortschaft Snailwell in Cambridgeshire, wo jedes Jahr im Rahmen der Snailwell Medieval Fayre das „Grand Championship Snail Race“ ausgetragen wird.

Congham Hall Hotel.
Photo © Richard Humphrey (cc-by-sa/2.0)

 

 

Published in: on 13. Juni 2018 at 02:00  Schreibe einen Kommentar  
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The Knockin Shop in Knockin (Shropshire) – Dorfladen oder Bordell?

Viele Leute, die mit ihrem Auto auf der B4396 in dem kleinen Dorf Knockin, nordwestlich von Shrewsbury in Shropshire, am Dorfladen vorbeifahren, haben ein Grinsen auf dem Gesicht. Warum?

Von außen gesehen, ist an dem Haus nichts besonders Lustiges festzustellen. Es ist eben ein Dorfladen mit angeschlossenem Postamt und Zeitungsverkauf; einige Tische und Stühle stehen vor der Tür, dort kann man seinen Kaffee trinken, seine Pastete oder ein Eis essen; also nichts Spektakuläres…wenn da nicht der Name auf dem Schild wäre! Ein Dorfladen in einem Dorf, das Knockin heißt, wird eben The Knockin Shop genannt…und dieser Begriff ist doppeldeutig. Hier die Erklärung des Begriffes im Free Dictionary:“a house or other place where men pay to have sexual intercourse with prostitutes„; ein Knocking Shop ist also nichts anderes als ein Bordell. Ich kann mir also gut vorstellen wie die (männlichen) Dorfbewohner gefeixt haben, als sie seinerzeit das Schild an ihren Dorfladen hängten!

Der angeschlossene Friseursalon sollte nach Willen des derzeitigen Besitzers in einen Fish & Chips-Laden umgewandelt werden, doch dagegen sträubten sich die Dorfbewohner und auch der Gemeinderat war dagegen. Nach wie vor ist das Postamt und die Tourist Information in dem Gebäude untergebracht.

Published in: on 29. Mai 2018 at 02:00  Schreibe einen Kommentar  
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Der Londoner Thirteen Club – Seine Mitglieder waren keine Triskaidekaphobiker

Das London Eye hat keine Gondel, die die Nummer 13 trägt.
Photo © Christine Matthews (cc-by-sa/2.0)

In meinem Blogeintrag über Kaspar, die schwarze Holzkatze des Londoner Savoy Hotels, berichtete ich kürzlich, dass sie zum Einsatz kommt, wenn im Restaurant zufällig 13 Personen zu Tisch sitzen. Man ist auch in England abergläubisch und misstraut der Zahl 13 zutiefst. In London haben beispielsweise einige Straßen keine Hausnummer 13 wie die Fleet Street, Oxford Street, Grosvenor Street und andere mehr. Das Hochhaus One Canada Square in den Docklands hat keinen 13. Stock und das Riesenrad  London Eye hat keine Gondel mit der Nummer 13.
Man nennt diese Furcht vor der Zahl 13 Triskaidekaphobie.

Es gab einmal eine Zeit Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts, in dem sich in New York und in London wagemutige Männer zusammengefunden hatten, die dem Aberglauben, dass die Zahl 13 Unglück bringt, entgegen traten und sich in den Thirteen Clubs regelmäßig trafen.
Der Londoner Thirteen Club wurde in den 1890er Jahren von dem Historiker William Harnett Blanch (er beschäftigte sich vorzugsweise mit der Geschichte des Stadtteils Camberwell) gegründet, deren Mitglieder sich jeweils am 13. eines Monats um 13 Uhr in einem Restaurant im Stadtteil Holborn zusammenfanden. Dort waren 13 sargförmige Tische mit 13 Gedecken vorbereitet, und die Gäste wurden von zwei schielenden Kellnern zu Tisch gerufen, indem sie zwei Spiegel zerschlugen. Ein Bestatter führte die Clubmitglieder in den Restaurantraum mit der Nummer 13, wobei diese unter Leitern hindurchgehen mussten. Bevor die Männer zu essen begannen, streuten sie Salz auf den Tisch (Salz zu verschütten, soll ja Unglück bringen). Dekoriert waren die Tische mit Pfauenfedern, die auch Unglück bringen sollen, Hexenkesseln und Lampen in Totenschädeln. Einige schwarze Katzen sollen sich auch im Raum aufgehalten haben. Nach Beendigung des Mahles zerschlugen die Clubmitglieder die Spiegel des Restaurants.

Zu den Mitgliedern des Londoner Thirteen Clubs gehörten u.a auch hochrangige Politiker und Journalisten, die die Clubbeiträge an die Armen des Stadtteils Southwark verteilten. Vielleicht hob diese noble Geste die Wirkung der Unglückszahl 13 wieder auf, denn in der Geschichte des Clubs ist nur einer seiner Mitglieder vorzeitig verstorben und der hatte auch noch nicht einmal seinen Beitrag bezahlt.

Kein 13. Stockwerk in One Canada Square.
Photo © N Chadwick (cc-by-sa/2.0)

 

Published in: on 23. Mai 2018 at 02:00  Schreibe einen Kommentar  
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The Golden Bull Awards oder Wer schreibt die unverständlichsten Sätze?

Seit 1979 hat die „Plain English Campaign“ (PEC) nur ein Ziel: Sie kämpft für die Verständlichkeit der englischen Sprache und gegen „gobbledygook„, Behördenenglisch, das kaum ein Mensch versteht.

Die PEC hat auch ein Gütesiegel entwickelt, das auf offiziellen Dokumenten erscheint und die gute Verständlichkeit und Klarheit der Sprache bescheinigt, das „Crystal Mark„,  mittlerweile auf über 20 000 Dokumenten in der englischsprachigen Welt zu finden.

Alljährlich zeichnet die PEC aber auch Behörden oder Firmen mit dem „Golden Bull Award“ aus, die sich durch besonders unverständliche Dokumente oder Texte hervorgetan haben. Preisträger waren u.a. schon die Europäische Kommission, British Airways, die Bank of Scotland und das Department of Health.

Hier einige Golden Bull-Gewinner mit ihren Beiträgen:

Der Nottingham City Council hat sich diesen schönen Satz ausgedacht:
„REASON FOR CALCULATION: Change in Overpayment recovery. – the value of the overpayment where an underpayment or cancelled payment have reduced the amount or a duplicate encashment has increased the amount“.

Preiswürdig waren diese Formulierungen der Homes & Communities Agency, einer staatlichen Behörde:
„The regulator has given consideration to the balance of the additional regulatory control that would be achieved through these proposals to achieve its aim of protecting social housing assets against the impact of operation. It has concluded that it will not implement this proposal“.

Einen der Preise des Jahres 2014 erhielt die schottische Energieversorgungsgesellschaft Scottish Power für diesen unverständlichen Monstersatz:

„In respect of an Application Form the maximum power requirement specified as the Maximum Power Requirement in the Application Form or in respect of a Verbal Agreement, the maximum power requirement identified as the Maximum Power Requirement in the Letter failing such specification or identification the maximum amounts which you are entitled to take through the Connection Point“.

Den „Golden Bull“ für das Jahr 2010 erhielt u.a. der Northern Ireland Civil Service mit einer Anleitung wie man einen halben Tag Urlaub beantragen/nehmen soll:

„Instructions on how to take a half-day’s leave

If the annual leave request that you are entering is less than a full day on the First Day or the Last Day, then please select Hours from the drop down list of values in the Part Days Unit of Measure field. Then select the amount of hours absent on the first day in the Fraction of Start Date field or the last day in the Fraction of End Date field. If the absence is only for one day, use the Fraction of Start Date field to record the hours absent“.

Ich glaube, ich würde da lieber auf den halben Tag Urlaub verzichten.

Hier ist ein Film über die Plain English Campaign.

Published in: on 18. Mai 2018 at 02:00  Schreibe einen Kommentar  
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Thockrington (Northumberland) und die Asche des Tom Sharpe

St Aidan in Thockrington.
Photo © Phil Thirkell (cc-by-sa/2.0)

Die Kirche St Aidan in Thockrington steht ziemlich einsam auf einem Hügel neben einer Farm in der Grafschaft Northumberland, also im hohen Norden Englands. Was heißt „in Thockrington“? Das Dorf gibt es schon lange nicht mehr, denn es wurde vom Schicksal ereilt, als im Jahre 1847 ein Seemann in seinen Heimatort zurückkehrte und die gesamte Dorfbevölkerung mit Cholera ansteckte. Alle starben, Thockrington wurde niedergebrannt. Nur die Farm und St Aidan überlebten; in der Kirche wurden weiterhin Gottesdienste abgehalten.

Einer der Pfarrer von St Aidan, Reverend George Sharpe, war der Vater eines Jungen, der später durch seine drastischen humorvollen Werke in die Literaturgeschichte Englands eingehen sollte: Tom Sharpe (1928-2013). Ich habe alle seine Romane gelesen, sie sind nichts für Zartbesaitete. Aber wer schwarzen Humor mag, wird Sharpes Bücher lieben. Im Jahr 2010 erschien sein letzter Roman „The Wilt Inheritance“ (dt. „Henry haut ab“).

Der Schriftsteller zog 1995 nach Spanien, wo er sich an der Costa Brava niederließ. Er trennte sich von seiner Frau und ging eine Beziehung mit der Spanierin Montserrat Verdaguer i Clavera ein. Als er am 6. Juni 2013 starb, wurde er in Spanien eingeäschert und die Asche an seine Frau und seine Lebensgefährtin verteilt. Die Spanierin fand in Sharpes Unterlagen seinen Wunsch, dass er einmal auf dem Kirchhof von Thockrington beigesetzt werden möchte, und so machte sie sich ein Jahr später mit einer Urne und Sharpes Asche auf den langen Weg von der Costa Brava nach Northumberland. Dort angekommen, buddelte sie mit bloßen Händen ein Loch auf dem Kirchhof, auf dem auch der Reverend George Sharpe liegt, deponierte dort die Asche, zusammen mit einer Flasche Whisky der Marke Famous Grouse, die Tom Sharpe besonders gern mochte, einer kubanischen Zigarre, seinem Lieblingsfüllfederhalter mit dem er einige seiner Bücher geschrieben hatte, und einem Bild aus seiner Kindheit. Dann hielt sie eine kurze Ansprache:
In this ancient church in Northumberland in which your father was buried you will remain for eternity. In the middle of nowhere, in an empty place, surrounded by grass and sheep. Tom Sharpe, rest in peace forever.“

Sollte Tom Sharpe vom Himmel aus dieser Zeremonie zugesehen haben, hätte er sich mit Sicherheit köstlich amüsiert.

Montserrat Verdaguer i Clavera, die das sehr spezielle Begräbnis von einem spanischen Fernsehteam filmen ließ, hatte die für St Aidan zuständigen Kirchenbehörden nicht um Erlaubnis gefragt, ob sie das überhaupt tun durfte…durfte sie natürlich nicht. Als die lokale Presse darüber berichtete, kam das auch der Kirche zu Ohren und so buddelte der Pfarrer von St Aidan alles wieder aus und die Church of England verhängte gegen die Spanierin eine Strafe in Höhe von £1,320. Erst nach Bezahlung der Strafe könnte sie den Inhalt des „Grabes“ wieder zurückbekommen. Die Dame von der iberischen Halbinsel hatte mittlerweile behauptet, dass die Zeremonie auf dem Kirchhof von Thockrington nur für das spanische Fernsehen inszeniert worden wäre, und sie hätte dort gar keine menschlichen Überreste beerdigt.

Tom Sharpe hätte sich das nicht besser für einen seiner Romane ausdenken können!

Hier ist ein Ausschnitt aus dem Film „Wilt„, nach dem gleichnamigen Roman von Tom Sharpe, derin Deutschland unter dem Titel „Puppenmord“ gezeigt wurde.

Grabsteine auf dem Kirchhof von St Aidan in Thockrington.
Photo © Oliver Dixon (cc-by-sa/2.0)

Ländliche Idylle mit Lämmern auf dem Kirchhof von St Aidan.
Photo © P Glenwright (cc-by-sa/2.0)

The Kiplingcotes Derby – Englands ältestes und kuriosestes Pferderennen

Jeden dritten Donnerstag im März findet in der Nähe der Kleinstadt Market Weighton im East Riding of Yorkshire das älteste und wohl auch kurioseste Pferderennen Englands statt, nämlich das Kiplingcotes Derby, benannt nach dem nächst gelegenen Dorf Kiplingcotes. Im Jahr 1519 soll alles begonnen haben und das ohne Unterbrechung, denn sollte es tatsächlich einmal nicht ausgetragen werden, dann darf es nie wieder stattfinden, so eine der Regeln des Rennens.

Es gibt noch weitere Regeln:
Die teilnehmenden Reiter müssen 10 Stones, das sind etwa 63 Kilogramm, wiegen. Wer leichter ist, muss ein entsprechendes, ausgleichendes Gewicht bei sich haben.
Es spielt keine Rolle, welche Pferde an den Start gehen und wie alt diese sind.
Die Strecke ist rund sechs Kilometer lang und ist gerade im Monat März oft sehr matschig, da sie ja durch freies Gelände führt. Eine Tortur für Pferd und Reiter.
Der Sieger erhält eine Prämie von £50.  Der Zweitplatzierte bekommt den Rest der Tageseinnahmen, was zu der kuriosen Situation kommen kann, dass der Zweite mehr bekommt als der Erste.

Um noch einmal auf die oben erwähnte Regel zurückzukommen, dass das Kiplingcotes Derby stattfinden muss, weil es sonst niemals mehr ausgetragen werden darf. Es gab schon drei Fälle, bei denen die Wetterverhältnisse so schlecht waren, dass das Rennen unmöglich war. 1947, 2001 (wegen der Maul- und Klauenseuche) und in diesem Jahr, 2018. Um das Derby am Leben zu halten, hat es jedes Mal ein Reiter auf sich genommen, die gesamte Strecke entweder langsam und vorsichtig abzureiten oder zumindest sein Pferd am Zügel die sechs Kilometer zu führen, es hat also sozusagen ein Ein-Personen-Derby stattgefunden.

Dieser Film zeigt einige Szenen aus einem Kiplingcotes Derby und hier kann man ein Rennen hautnah miterleben.

Das Buch zum Artikel:
Alison Ellerington: The Kiplingcotes Derby – England’s Oldest Horse Race. Highgate Publ. 1990. 28 Seiten. ISBN 978-0948929328.

Der Startpunkt des Derbys.
Photo © David Tyers (cc-by-sa/2.0)

Der Beginn der Rennstrecke.
Photo © David Tyers (cc-by-sa/2.0)

Published in: on 11. Mai 2018 at 02:00  Schreibe einen Kommentar  
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Begegnungen mit Pumas und anderen Großkatzen in England

Ein Warnhinweis bei Fordham in Essex…
Photo © Andrew Hill (cc-by-sa/2.0)

Die Journalistin und Zeichnerin Merrily Harpur widmet einen Teil ihrer Zeit, um einem Phänomen auf die Spur zu kommen, dass die Grafschaft Dorset schon seit geraumer Zeit bewegt: Der Sichtung von Großkatzen (Panther? Pumas?), die eigentlich im Süden Englands nichts zu suchen haben. Merrily Harpur hat bereits zwei Bücher darüber geschrieben „Roaring Dorset: Encounters with Big Cats“ (2008) und „Mystery Big Cats“ (2006).

Doch nicht nur in Dorset, auch in anderen Grafschaften Englands, sind Panther, Puma und Co. gesehen worden. Die Schwerpunkte liegen in Devon und Yorkshire. Die British Big Cats Society beschäftigt sich intensiv mit dem Phänomen, ebenfalls die UK Big Cats Website, bei der man Sichtungen melden kann.

Was ist dran an diesen merkwürdigen Begegnungen? Sind sie glaubhaft oder nur Hirngespinste? Nach der Verabschiedung des Dangerous Wild Animals Acts im Jahr 1976 wurde es für die Besitzer exotischer Tiere schwieriger, sie zu halten, und so gaben viele diese bei Zoos ab, ließen sie einschläfern oder einige übergaben sie einfach der freien Natur, was bis dahin nicht verboten war. So können möglicherweise einige dieser Tiere überlebt und sich vermehrt haben. Dass es nicht viel mehr Sichtungen im dichtbesiedelten England gibt, liegt vielleicht daran, dass sich die Exoten in Regionen zurückgezogen haben, in denen wenige Menschen leben wie zum Beispiel das Dartmoor und das Exmoor in Devon.
The Beast of Exmoor sorgt immer wieder für Schlagzeilen; es soll allein im Jahr 1983 achtzig Schafe gerissen haben. Einige Jahre später wurden sogar die Royal Marines hinzugezogen, die Jagd auf das Tier machten, allerdings erfolglos. Trevor Beer hat ein Buch über das Phänomen geschrieben: „The Beast of  Exmoor: Fact or Legend?“ (Countryside 1984), ebenso Di Francis: „The Beast of Exmoor and Other Mystery Predators of Britain“ (Jonathan Cape 1993).

Hier ist eine zweiteilige Dokumentation, die sich mit dem Thema beschäftigt:
Teil 1  Teil 2

Published in: on 21. April 2018 at 02:00  Schreibe einen Kommentar  
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Ein kleiner erotischer, phalluslastiger Spaziergang durch London

30 St Mary Axe, The Gherkin.
Photo © Steve Daniels (cc-by-sa/2.0)

Viel Spaß auf diesem kleinen erotischen Spaziergang durch die Hauptstadt!

30 St Mary Axe ist die Adresse eines der ungewöhnlichsten Gebäude in London (ich berichtete in meinem Blog schon einmal darüber). Es wird auch Swiss Re Building bezeichnet oder einfach nur The Gherkin, was auf Deutsch Gewürzgurke heißt. Das 41stöckige Hochhaus, das im Jahr 2004 bezogen und von dem renommierten Architektenbüro Foster & Partners konstruiert wurde, kann man durchaus mit einer Gurke vergleichen, doch die Ähnlichkeit mit einem erigierten Phallus drängt sich auf, so dass man in London auch vom Erotic Gherkin und  vom Crystal Phallus spricht (gherkin heißt umgangssprachlich auch soviel wie kleiner Penis). War diese Ähnlichkeit vom Architektenbüro geplant oder ist sie nur zufällig entstanden?

Etwas Ähnliches deutet sich in London mit dem Riesenprojekt The Spire auf der Isle of Dogs an. Dieser 67stöckige, im Bau befindliche Wohnturm, der im Jahr 2020 fertiggestellt sein soll, sieht von unten ganz normal aus, bietet aber von oben gesehen, für die den London City Airport anfliegenden Passagiere, einen anderen Anblick. The Londonist titelte „London Is Getting A Massive Cock-And-Balls Skyscaper“. Wie dieses Bild zeigt, ist da was dran.

Wer an einem sonnigen Tag um die Mittagszeit die Westminster Bridge überquert, wird von einem Schattenphänomen überrascht werden, dass sich eine Zeit lang auf dem Boden gleich unterhalb der Brüstung zeigt. Die Brüstungsmauer ist mit kleeblattförmigen Ornamenten versehen (in der Kunstgeschichte spricht man von Dreipässen) und diese werfen bei einer bestimmten Sonneneinstrahlung einen phallusförmigen Schatten auf den Brückenboden. Viele werden achtlos bzw. ahnungslos darüber hinweg laufen, aber die, die den Blick senken, werden sich sicher amüsieren.

In der Victoria Street Nummer 52 steht The Albert, ein Pub, der nach dem Ehemann Königin Victorias benannt ist. Das 1862 erbaute Gasthaus, dem auch der Bombenhagel im Zweiten Weltkrieg nichts antun konnte, wurde im Laufe der Zeit von vielen hochrangigen Politikern besucht, wovon die Prime Ministers Gallery zeugt. The Albert ist auch für seine kunstvoll gestalteten Milchglasfenster bekannt. Und wenn man sich eines davon etwas genauer ansieht, zeigt dieses einen von Blättern und Pflanzen umrankten Penis im Moment der Ejakulation. Das hübsche Bild soll den Penis des Namensgebers des Pubs zeigen, angedeutet ist auch das nach ihm benannte Prince Albert Piercing.

Die Westminster Bridge bei entsprechendem Sonneneinfall.
Author: Alex Brown
Creative Commons 2.0

Published in: on 14. April 2018 at 02:00  Comments (2)  

Wie einige Engländer von Triangulationspunkten fasziniert sind…

Der erste „trig pillar“ in Cold Ashby (Northamptonshire).
Photo © Andrew Tatlow (cc-by-sa/2.0)

Trig pillars“ sind Triangulationspunkte (TPs) bzw. Vermessungspfeiler, die von den Landvermessern der Ordnance Survey verwendet wurden und spielten eine Rolle in der Kartografie und Geodäsie. Sie stehen in vielen Fällen auf Hügeln, Bergen oder anderen Erhebungen. In Großbritannien gibt es noch 6190 von diesen TPs von einstmals rund 6500. In der heutigen Zeit haben sie keine Bedeutung mehr, da die Landvermesser neue Techniken zur Verfügung haben, die wesentlich exakter sind, aber es wird immer noch versucht, die steinernen Pfeiler zu hegen und zu pflegen. Der höchst gelegene TP steht auf dem Ben Nevis in Schottland, der tiefst gelegene liegt am Ufer der Little Ouse in Cambridgeshire und ist ein Meter unter dem Meeresspiegel. Am 8 April 1936 wurde der erste „trig pillar“ auf einem Feld in Cold Ashby in Northamptonshire aufgestellt, der dort noch heute vorzufinden ist.

Es gibt einige Menschen, die von diesen Pfeilern so fasziniert sind, dass sie das Bedürfnis haben, möglichst viele oder sogar alle dieser „trig pillars“ aufzusuchen. Ein gemeinsames Forum gibt es im Internet unter „trigpointing.uk

Einer, der es geschafft hat, allen TPs einen Besuch abzustatten, ist der „König der trig bagger“, Rob Woodall aus Peterborough in Cambridgeshire, der dafür 13,5 Jahre gebraucht hat, von 2002 bis 2016. Sein letzter lag auf dem Benarty Hill im schottischen County Fife. Mr. Woodall hat aber noch mehr vorzuweisen. So hat er u.a. sämtliche Marilyns (das sind Hügel/Berge über 150 Meter) und alle HuMPs (=  HUndred Metre Prominence, also alle Hügel über 100 Meter) erklettert. Von Marilyns gibt es 1556  und von HuMPs 2984. Eine stolze Leistung!
Hier ist ein Film über die „trig pillars“.

Der höchst gelegene TP auf dem Ben Nevis in Schottland.
Photo © Michael Graham (cc-by-sa/2.0)

Der am tiefsten gelegene TP an der Little Ouse in Cambridgeshire.
Photo © Siobhan Brennan-Raymond (cc-by-sa/2.0)

Rob Woodalls letzter TP auf dem Benarty Hill in der schottischen Grafschaft Fife.
Photo © Rude Health (cc-by-sa/2.0)

Published in: on 22. März 2018 at 02:00  Comments (2)  
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Crazy Coffins in Bulwell (Nottinghamshire) – Die Sargspezialisten

Blick auf Bulwell bei Nottingham, Heimat der Crazy Coffins.
Photo © Alan Murray-Rust (cc-by-sa/2.0)

Besonders viel gibt es in der Marktstadt Bulwell, nordwestlich von Nottingham, nicht zu sehen. Ein paar Pubs, einige Fast Food-Restaurants, ein Boxverein und das war’s schon. Einen besonders guten Ruf hat der Ort nicht, denn hier haben sich in den letzten 15 Jahren mehrere spektakuläre Verbrechen ereignet, die landesweit für Schlagzeilen gesorgt haben. Vielleicht passt es da ganz gut ins Bild, dass sich in der Hemphill Road eine Firma etablierte, die sich auf die Anfertigung von Särgen spezialisiert hat.

Victor Harry Fearn und Leonard Gill haben 1958 die Firma übernommen, die schon seit den Zeiten Königin Victorias hier in Nottinghamshire Särge hergestellt hat. Die beiden kauften Land in Bulwell und errichteten eine Werkstatt, die Crabtree Mill (hier im Bild zu sehen). Die Vic Fearn & Company Ltd bzw. Crazy Coffins fabriziert in erster Linie „Standardsärge“, doch in in den letzten 25 Jahren nahm man sich eines Marktsegmentes an, das recht ungewöhnlich ist: Es werden auch Särge nach den Wünschen der (noch lebenden) Kunden angefertigt bzw. der der Hinterbliebenen. Warum sich in einer langweiligen Bretterkiste unter die Erde bringen lassen, wenn es auch anders geht, sagen sich manche Menschen. Der Fantasien sind da keine Grenzen gesetzt. Sehr interessant fand ich die Idee, sich in einem Narrowboat bestatten zu lassen (natürlich nicht in Originalgröße) oder in einem Sarg in der Form einer Jack Daniels Whiskyflasche. Wie wäre es mit einem pinkfarbenen Smartphone, auf dessen Display eine SMS zu lesen ist oder mit einem Skateboard-Sarg?

Die Produkte der Firma Crazy Coffins waren auch auf Fachausstellungen zu sehen wie u.a. bei “Death: Southbank Centre’s Festival for the Living” oder bei der Six Feet Under Convention in Bournemouth.

Hier ist ein Film über die Firma in Nottinghamshire.

 

 

 

Published in: on 17. März 2018 at 02:00  Schreibe einen Kommentar  
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Eine gefährliche Begegnung am Londoner Tobacco Dock im Jahr 1857 zwischen einem Tiger und einem Kind

Die Boy and Tiger Statue am Tobacco Dock.
Copyright: steveb5498.
With friendly permission of the author.

Der Name Tobacco Dock im Londoner Stadtteil Wapping sagt aus, was hier früher einmal angeliefert wurde. In erster Linie wurde Tabak  in dem Anfang des 19. Jahrhunderts errichteten Lagerhaus gespeichert. Doch die Schiffe, die die Themse aus fernen Ländern heraufkamen, brachten manchmal auch exotisches Getier mit, das der Importeur Charles Jamrach geordert hatte. Der deutschstämmige Jamrach (1815-1891) hatte seine Tierhandlung, damals die größte der Welt, gleich um die Ecke von den Docks am Ratcliffe Highway, heute die A1203, nur The Highway genannt. Im Jahr 1857 hatte der Händler einen bengalischen Tiger erhalten, den er an einen Zoo oder Zirkus weiterverkaufen wollte. Irgendwie gelang es dem Tier, aus der Transportbox zu entfliehen und so lief Mr Tiger durch die Straßen von Wapping, zum Entsetzen der dort flanierenden Menschen. Ein kleiner Junge, der so ein riesiges Tier noch nie gesehen hatte, lief auf ihn zu, um ihn zu streicheln. Der Tiger wusste nicht so recht, was er von den geplanten Streicheleinheiten halten sollte und schnappte sich das Kind, das er ein Stück Wegs im Maul mit sich schleppte, bis Charles Jamrach auf der Bildfläche erschien. Tollkühn und mit dem Mut der Verzweiflung steckte er dem Tiger seine Hand in den Rachen, bis der das zappelnde Kind wieder losließ. Das Ende der Geschichte: Das Kind hatte für lange Zeit jegliche Tiger-Streichel-Ambitionen verloren, der Tiger selbst wurde an den Schausteller George Wombwell verkauft und Charles Jamrach auf  £300 Schmerzensgeld verklagt.

Am Nordeingang der Tobacco Docks, an der Pennington Street, zurzeit ein überwiegend leerstehendes Gebäude, findet man eine Bronzestatue, die an dieses Ereignis aus dem Jahr 1857 erinnert.

Die in Manchester geborene Schriftstellerin Carol Birch hat in ihrem Roman „Jamrach’s Menagerie„, der auf der Shortlist des Man Booker Prizes im Jahr 2011 stand, über das Leben des Charles Jamrach geschrieben. Übersetzt wurde das Buch unter dem Titel  „Der Atem der Welt„.

Hier ist ein Film, der Jamrachs Geschichte kurz nacherzählt

Published in: on 14. Februar 2018 at 02:00  Schreibe einen Kommentar  

The Wrekin Barrel Race – Eine Strapaze für harte Männer und Frauen in Shropshire

Hier an der Old Rifle Range beginnt das Wrekin Barrel Race…
Photo © Richard Law (cc-by-sa/2.0)

Was tun sich so manche Engländer und Engländerinnen an? Da rennt man beim Cheese Rolling am Cooper’s Hill in Gloucestershire auf einem extrem steilen Hang einem Käselaib hinterher; bei den Tetbury Woolsack Races, ebenfalls in Gloucestershire, werden schwere Wollsäcke eine Straße hinaufgeschleppt, in Gawthorpe in West Yorkshire bei den World Coal Carrying Championships sind das mit Kohle gefüllte Säcke und bei den UK Wife Carrying Championships in Dorking in Surrey trägt Mann/man seine Frau über eine bestimmte Distanz.

Ein ähnlicher Wettbewerb fand bis zum Jahr 2013 in der Grafschaft Shropshire statt: The Wrekin Barrel Race. Der Wrekin (hier ist ein sehr schöner Film) ist ein Hügelzug östlich von Shrewsbury, dessen Gipfel eine Höhe von 407 Metern erreicht. Nicht der Rede wert, könnte man sagen; ja, das ist schon richtig, aber wenn man diesen Gipfel mit einem 40 Kilogramm schweren Fass erklimmen soll, sieht das schon ganz anders.

Das Fass-Rennen erinnert an die Wrekin Wakes, ein Fest, das oben auf dem Hügel im 19. Jahrhundert gefeiert wurde und bei dem Bier in Strömen floss, das natürlich erst einmal in Fässern hochgebracht werden musste. Da waren Männer mit Muskeln gefragt und die braucht man auch heute noch, um die schweren mit Wasser gefüllten „barrels“ auf den Gipfel zu transportieren.

Der Start des Wrekin Barrel Race ist das Gelände der ehemaligen Schießanlage am Fuß der Hügel und das Ziel das Heaven Gate oben am Gipfel; das sind über zwei Kilometer mit einem Höhenunterschied von rund dreihundert Metern. Das Rennen wird in vier Kategorien ausgetragen:

– Vier Personen tragen das Fass (der Rekord steht bei etwas über einundzwanzig Minuten)
– Ein einzelner muss die Strecke bewältigen (der Rekord liegt bei rund dreißig Minuten)
– Vier Frauen versuchen sich an einem leeren Fass, was frau bisher in achtzehn Minuten und sechsundzwanzig Sekunden schaffte.
– Und schließlich die Königsdisziplin, die Fancy Dress Challenge, wobei ein leeres Fass von einem beliebig zusammengestellten Team nach oben gebracht werden muss, allerdings in irgendeiner verrückten Kleidung.

Ich schrieb oben, dass das Wrekin Barrel Race bis 2013 stattfand. Ja, man pausiert seitdem, weil es mit der Organisation Probleme gibt, aber man arbeitet daran, das Rennen erneut auf die Beine zu stellen.

Hier ist ein Film von einem Barrel Race, bei dem einzelne muskelbepackte Männer die Strapaze auf sich nehmen.

…und hier am Heaven Gate ist das Ziel.
Photo © J Scott (cc-by-sa/2.0)

Published in: on 31. Januar 2018 at 02:00  Schreibe einen Kommentar  
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Drainspotters – Die Gullydeckel-Fans von der Insel

Hier ist gleich eine ganze Armada von Kanaldeckeln versammelt; gesehen in Westerham in Kent.
Eigenes Foto.

„Trainspotting“ hieß einmal ein sehr erfolgreicher Roman von Irving Welsh, der von Danny Boyle verfilmt wurde. Auf Bahnhöfen sieht man hin und wieder Trainspotter, die, mit Kamera und Notizbuch bewaffnet, die Nummern von Lokomotiven aufschreiben. Es gibt aber auch ein ähnlich klingendes Hobby, „Drainspotting„, das auch einige Anhänger hat. Für die Menschen, die diesem Hobby nachgehen, gibt es nichts Interessanteres als Gullydeckel. Für mich ist als Autofahrer ist der Begriff negativ belastet, denn ich finde, dass es in England erheblich mehr Gullydeckel gibt als in Deutschland. Man findet sie mitten auf den Straßen und am Straßenrand und ständig rumpelt man über diese unangenehmen, aber wohl notwendigen Eisengitter bzw. Eisenplatten hinweg.

Was ist denn nun das Besondere an diesen Dingern, die einige englische Zeitgenossen so fasziniert? Mir hat sich das bisher noch nicht erschlossen. Der prominenteste Drainspotter ist sicher der immer etwas schrullig wirkende Chef der Labour Party Jeremy Corbyn, dem es sehr viel Spaß macht, Gullydeckel zu fotografieren.

Archie Workman aus Ulverston in Cumbria ist ein Gullydeckel-Enthusiast. Wo immer er sich auch aufhält, er sucht nach zugewachsenen Abdeckungen, befreit sie von Unkraut und lässt sie wieder das Tageslicht erblicken. Archie hat schon einen Kalender mit Gullydeckel-Fotos herausgegeben (der erstaunlicherweise auf großes Interesse stieß), hält Vorträge im ganzen Land über sein Thema und möchte einmal ein Buch darüber schreiben.

Calvin Payne, The Sherlock of the Sewers, aus Sheffield in South Yorkshire verbringt ebenfalls einen Teil seines Lebens mit Gullydeckeln. Er fotografiert sie und beschäftigt sich mit ihrer Historie, denn viele von ihnen sind schon sehr alt und wurden in der Zeit von Queen Victoria hergestellt.

Bryan Gibson aus Bodmin in Cornwall hat schon Tausende von Kanaldeckeln fotografiert, aber ihm geht es in erster Linie um verstopfte Exemplare, denn es ärgert ihn, dass die zuständigen Behörden sich seiner Meinung nach nicht so besonders intensiv darum kümmern. So zieht er durch die Grafschaft, macht Fotos von den „friendless drains“ und markiert sie mit einem kleinen Gartenzwerg.

Ein Kanaldeckel in Bishopstone (Wiltshire), der die Wassermassen nicht mehr halten kann (vielleicht weil er verstopft ist).
Photo © Maigheach-gheal (cc-by-sa/2.0)

Ein Gullydeckel in Cornwall, noch ohne Gartenzwerg.
Photo © Rod Allday (cc-by-sa/2.0)

Published in: on 27. Januar 2018 at 02:00  Comments (1)  
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Londoner Kuriositäten Teil 3: Ben, der „Roof dog“ in Brixton

The Windmill in Brixton.
Author: Ewan Munro.
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Der Pub „The Windmill“ an der Straße Blenheim Gardens im Londoner Stadtteil Brixton sieht von außen nicht sehr einladend aus; er ist nicht das, was man einen „cozy pub“ nennen könnte, dafür ist er für Musikbegeisterte eine Art Mekka geworden. Live Music ist hier angesagt und die zieht auch Leute aus anderen Teilen Londons an. Der Name „The Windmill“ kommt von der rund 200 Meter entfernten letzten Windmühle der Hauptstadt, deren Mehl man in einigen Läden in Brixton kaufen kann.

Ein lebendes Wahrzeichen des Pubs war bis zum August 2015 Ben, ein Rottweiler, der acht Jahre seines Lebens auf dem Dach des Lokals verbrachte, wo seine Besitzer auf einem aufgepfropften Bungalow wohnten. Ben wurde von den Pubbesuchern geliebt, obwohl er den einen oder anderen durch sein Gebell wohl auch etwas nervte. Im August 2015 starb der arme Kerl an Prostatakrebs, und er wurde  in den Blenheim Gardens sehr vermisst. Doch der Platz auf dem Dach des Pubs blieb nicht lange leer, denn auf Ben folgte Lucky, ein Schäferhund. Auch gab es einige Ben-Vorgänger wie den Dobermann Brandy und Di, eine Schäferhund-Rottweiler-Mischung. Aber Ben bleibt bis heute unvergessen, so kann man in „The Windmill“ T-Shirts mit der Aufschrift „I Believe in Roof Dog“ kaufen und es wurde noch zu Lebzeiten Bens ein Bier gebraut, das Roof Dog Beer hieß und das die Pitfield Brewery produzierte. Das Bier wurde mit großem Tamtam, das heißt mit viel Musik, in „The Windmill“ erstmals am 25. Mai 2014 ausgeschenkt. Ob Ben auch etwas von dem  4.5% starken Bier, das nach ihm benannt wurde, abbekam, konnte ich leider nicht feststellen.

 

Londoner Kuriositäten Teil 1: Die musikalische Ian Dury-Gedächtnisbank im Richmond Park

Author: Jim Linwood
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Ian Dury war ein englischer Rocksänger, der im Alter von 57 Jahren am 27. März 2000 in London starb. Er lebte zuletzt in Richmond im Südwesten der Hauptstadt und einer seiner Lieblingsorte war der Richmond Park, in dem er sich gern mit seinen Kindern Jemima und Baxter aufhielt. Ian Durys bekanntester und gleichzeitig auch erfolgreichster Song war „Hit Me With Your Rhythm Stick„, der 1978 Platz 1 der UK Charts erreichte (in Deutschlands Hitparaden kam er damit bis auf Platz 22). Mit „Reasons to Be Cheerful“ kam er ein Jahr später noch einmal auf den dritten Platz der Charts in seinem Heimatland.

Den Schriftzug „Reasons to Be Cheerful“ findet man auf einer Bank im Richmond Park an der Queen’s Road, die Ian Dury zu Ehren und zu seiner Erinnerung seine Familie im Jahr 2002 hier errichten ließ. Entworfen wurde die Bank von dem jugoslawischen Produktdesigner Mil Strichevic. Das Besondere daran ist, dass diese Bank musikalisch ist, das heißt, man kann seinen mitgebrachten Kopfhörer an einer der beiden in die Armlehnen eingelassenen Buchsen anschließen und hört dann Ian Durys bekannteste und beliebteste Songs, darunter auch den mit dem in die Rückenlehne eingeritzten Namen. Betrieben wird die Musikanlage durch Solarstrom. Ich finde das eine sehr gute Idee, die Erinnerung an eine Musiklegende auf diese Weise aufrechtzuerhalten.

Übrigens wurde die Idee mit der Audio-Bank in Barrow-in-Furness (Cumbria) aufgegriffen, wo Künstler aus Cumbria zwölf Bänke an unterschiedlichen Orten der Stadt aufstellten, die ebenfalls mit Kopfhöreranschlüssen und Solaranlagen ausgestattet waren. Dort konnte der Spaziergänger/Hörer jeweils ein Kapitel einer Geschichte hören (die „String“ hieß“) und dann weiter zur nächsten Bank wandern, wo das nächste Kapitel abgespielt wurde.

Published in: on 16. Januar 2018 at 02:00  Schreibe einen Kommentar  
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The Camberwell Submarine – Ein U-Boot mitten im Londoner Süden?

Die Akerman Road ist eine ziemlich dröge Straße im Londoner Stadtteil Camberwell, südlich der Themse. Kein Pub oder Restaurant findet sich entlang der Straße, nur gleichförmige Wohnhäuser, die im oberen Teil moderner, die im unteren Teil älteren Datums. Das einzige Highlight ist der nahe gelegene Myatt’s Field Park, ein kleines Erholungsgebiet mit Sportanlagen, einem Café und einem Musikpavillon.

Doch eine Besonderheit gibt es hier zu bestaunen, The Camberwell Submarine wie es allgemein genannt wird. Dabei handelt es sich um ein merkwürdiges Bauwerk direkt an der Straße, das tatsächlich wie ein Unterseeboot aussieht. Wer mit diesem Beton-Gebilde erstmals konfrontiert wird, der könnte sich vorstellen, dass er es mit einem Relikt aus der Zeit des Kalten Krieges oder irgendetwas mit Bunkern oder Verteidigungsanlagen zu tun hat. Auf jeden Fall bleibt der erstmalige Besucher der Akerman Road stehen und zermartert sich sein Hirn über den Sinn und Zweck des mysteriösen Objektes.

Die Auflösung des Geheimnisses: The Camberwell Submarine ist natürlich kein ehemaliges U-Boot, sondern ist nichts anderes als ein Lüftungsschacht für einen unterirdischen Kesselraum, eine riesige Heizungsanlage, die dafür sorgt, dass die Bewohner einiger umliegender Sozialwohnungsbauten nicht frieren müssen.
Also lohnt sich ein Abstecher zur Akerman Road doch.

Published in: on 27. Dezember 2017 at 02:00  Schreibe einen Kommentar  
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The Dreadnought Hoax oder Wie sich eine Schiffsbesatzung einmal aufs Eis führen ließ

HMS Dreadnought.
This image is in the public domain.

Ein Prankster ist jemand, der es liebt anderen Leuten Streiche zu spielen und sich dabei köstlich zu amüsieren. Einer, der sein Handwerk darauf verstand, war der irische Dichter Horace de Vere Cole (1881-1936). Vor ihm war niemand sicher  und seine bevorzugten Opfer waren Politiker, Geschäftsleute und hohe Militärs. Schon während seiner Studentenzeit in Cambridge machte er durch seinen Sultan of Zanzibar-Streich von sich reden, als er sich für diesen ausgab. Sein berühmtester „prank“ aber war der Dreadnought Hoax, der in die Geschichtsbücher eingegangen ist, auch weil daran eine 28jährige Dame teilnahm, die später als Virginia Woolf weltweit bekannt wurde (damals hieß sie noch Virginia Stephen). Auch Virginias jüngerer Bruder Adrian, der den Streich mit Horace ausheckte, hatte viel Spaß daran.

Die HMS Dreadnought war ein Kriegsschiff der königlichen Marine, deren Besatzung in freundschaftlicher Konkurrenz mit den Seeleuten der HMS Hawke lag und von letzteren kam dann auch der Anstoß dazu, den Dreadnought-Leuten einen Streich zu spielen. Am 7. Februar  1910 begann alles damit, dass der Kapitän der HMS Dreadnought, die gerade im Hafen von Portland in Dorset lag, ein Telegramm (angeblich vom Außenministerium abgeschickt) erhielt, das den kurzfristigen Besuch einer Delegation von hochrangigen Prinzen aus Abessinien ankündigte (die aus Cole, Stephen & Co. bestand). Schnell kam dann auch die in Landeskleidung gehüllte und gut geschminkte Besuchergruppe an Bord des Kriegsschiffs, wo sie mit der Nationalhymne von Sansibar begrüßt wurde, denn die abessinische Hymne kannte niemand und die Delegation nahm daran auch keinen Anstoß. Die Prinzen besichtigten das Schiff und brachen immer wieder in Rufe der Begeisterung aus („Bunga, Bunga“). Sie waren derart gut verkleidet, dass der Schiffskommandant seinen Cousin Adrian und seine Cousine Virginia nicht erkannte. Nach einigem Firlefanz, den die Besucher noch an Bord veranstalteten, verließen sie die HMS Dreadnought wieder.

Um den Spaß in Gänze auszukosten, informierte Horace die Presse über den „prank“, die natürlich genüsslich darüber berichtete. Die Navy war nicht sehr amüsiert, aber ein Versuch, den Urheber des Streichs zur Rechenschaft zu ziehen, misslang, denn niemand hatte ein Gesetz gebrochen. Als symbolische Strafe erhielten die „Prankster“ einen sanften Schlag mit einem Stock auf den Po (ausgenommen Virginia Stephen!)  Die Matrosen der HMS Dreadnought wurden bei ihren Landgängen mit „Bunga, Bunga“-Rufen begrüßt, und ihre Kollegen von der HMS Hawke freuten sich besonders über den gelungenen Streich.

Horace de Vere Cole sollte in seinem Leben noch viele weitere Schabernacke ausführen, so verteilte er auf seiner Hochzeitsreise nach Venedig auf dem Markusplatz heimlich Pferdeäpfel, die dort natürlich nicht sein konnten, denn in der Lagunenstadt gab es keine Pferde. Ganz witzig finde ich auch seine Idee, eine Party zu veranstalten, bei der die geladenen Gäste im Lauf des Abends feststellten, dass sie alle das Wort „bottom“ in ihren Nachnamen führten. Long live the British (and Irish) eccentrics!!

Hier ist die Geschichte noch einmal im Film zu sehen.

Das Buch zum Artikel:
Martyn Downer: The Sultan of Zanzibar – The Bizarre World and Spectacular Hoaxes of Horace de Vere Cole. Black Spring 2010. 310 Seiten. ISBN  978-0948238437.

 

Published in: on 8. Dezember 2017 at 02:00  Comments (3)  
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The Forbidden Corner bei Middleham (North Yorkshire) – The strangest place in the world

Mitten in den Yorkshire Dales, in der Nähe von Leyburn, liegt ein großes Gelände mit allerhand Merkwürdigkeiten, das sich The Forbidden Corner nennt, mit dem Zusatz „The Strangest Place in the World„.

Ein gewisser Colin Armstrong, der Besitzer von Tupgill Park, auf dessen Gelände The Forbidden Corner liegt, hatte sich in den 80er Jahren zu seinem eigenen Vergnügen diese Ansammlung von Follies zugelegt und sie dann 1997 für die Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Die Menschen strömten herbei, um sich den „Pleasure Garden“ anzusehen, was in der direkten Nachbarschaft nicht auf durchgängige Begeisterung stieß, wurde doch das Verkehrsaufkommen in der Umgebung von Leyburn stark erhöht. Die Geschäftsleute in der Region aber freut es bestimmt.

Was gibt es denn nun hier eigentlich zu sehen? Tunnel, einen Irrgarten, einen „Temple of the Underworld“, eine gläserne Pyramide, Wege, die nirgendwohin führen, merkwürdige Statuen usw. usw. Kinder, aber auch Erwachsene, lieben The Forbidden Corner, das von der Tageszeitung The Guardian als „Best Family Trip“ empfohlen wurde.

The Corner Café bietet Erfrischungen und kleine Gerichte für zwischendurch an und im Gift Shop kann man sich zuguterletzt mit Souvernirs eindecken.

Geöffnet ist The Forbidden Corner in der Regel vom 1. April bis zum 31. Oktober und dann nur noch bis Weihnachten an Sonntagen. Der Eintritt kostet für Erwachsene £12, für Kinder £10. Eine Vorabbuchung ist erforderlich.

Eine echte Kuriosität wie dieser Film zeigt.

The Forbidden Corner
Tupgill Park Estate,
Coverham,
Middleham
Leyburn
North Yorkshire DL8 4TJ

The secret Roman Temple.
Photo © Bev Dickinson (cc-by-sa/2.0)

Ein Blick in die Herrentoilette.
Photo © Steve Fareham (cc-by-sa/2.0)

The Viktor Wynd Museum of Curiosities, Fine Art & Natural History in London – Schräger geht es wirklich nicht

The Viktor Wynd Museum of Curiosities, Fine Art & Natural HistoryThe Last Tuesday Society„, so steht es über der Tür des schmalen zweistöckigen Hauses in der Mare Street im Londoner Stadtteil Hackney, im Nordosten der Stadt, und was sich hinter dieser Tür verbirgt, mag man kaum glauben. Doch zuerst, wer ist Viktor Wynd und was ist die Last Tuesday Society?

Viktor Wynd ist ein exzentrischer Künstler und Buchautor, zu dessen Werken zum Beispiel „Structures of The Sublime; Towards a Greater Understanding of Chaos“ gehört, das er 2005 veröffentlichte. Er ist Mitglied des Londoner Institute of Pataphysics, ein Begriff, den ich auch noch nicht kannte und ziehe zur Erklärung die Wikipedia zur Hilfe: „Pataphysik (frz. ’Pataphysique, ein Wortspiel mit den homophonen Formulierungen patte à physique, pas ta physique und pâte à physique) ist ein absurdistisches Philosophie- und Wissenschaftskonzept des französischen Schriftstellers Alfred Jarry (1873–1907), das sich oftmals als nonsensische Parodie der Theoriebildungen und Methoden moderner Wissenschaft gibt“. Jetzt dürften alle Unklarheiten beseitigt sein.

The Last Tuesday Society ist eine Gesellschaft in London, die von Viktor Wynd geleitet wird, und die künstlerische und literarische Events durchführt, meist der schrägen Art.

Kommen wir zum Museum zurück und was man dort alles bestaunen kann. Wer schon immer einmal „the darkness that Moses brought upon the Egyptians“ sehen wollte, wird hier fündig; diese Dunkelheit, die über die Ägypter kam, ist in einer Box enthalten. Es gibt banale Dinge zu sehen wie eine Sammlung von Happy Meal Toys von McDonalds, aber überwiegend sind es extrem ausgefallene Dinge, die im Museum ausgestellt werden wie:

Ein Kothäufchen der verstorbenen Sängerin Amy Winehouse in einem Glas (wie mag das wohl von der Produzentin hierher nach Hackney gekommen sein?), benutzte Kondome der Rolling Stones, masturbierende afrikanische Figuren, tote Babies in Flaschen, Vaginas von Prostituierten aus der viktorianischen Zeit, ein Lamm mit acht Beinen, das Skelett einer Meerjungfrau, ein Schrumpfkopf aus Südamerika, der mumifizierte Finger des mexikanischen Rebellen Pancho Villa und und und.

Die Bibliothek des Museums enthält Bücher mit Titeln wie Shopping Centre Sex, The Aesthetics of the Japanese Lunch Box, Who Cares About Elderly People, A Sex Guide For Irish Farmers, Let’s Play Nurse & Doctor und, mein Favorit, das unfreiwillig komisch formulierte How To Help Your Husband Get Ahead.

Dieses Kuriosenkabinett ist faszinierend für alle diejenigen, die einen Nerv für alles Schräge, Skurrile und Exzentrische haben. Diese beiden Filme geben einen tieferen Einblick in Viktor Wynds Reich (Film 1, Film 2).

Das Museum ist mittwochs bis sonntags von 12 Uhr bis 23 Uhr geöffnet.

The Viktor Wynd Museum of Curiosities, Fine Art & Natural History
11 Mare Street
London
E8 4RP

 

The UK Wife Carrying Championships in Dorking (Surrey)

The Nower in Dorking (Surrey).
Photo © Ian Capper (cc-by-sa/2.0)

The Nower ist eine Parklandschaft zwischen dem Coldharbour Lane und dem Hampstead Lane in Dorking in der Grafschaft Surrey. Hier werden alljährlich die UK Wife Carrying Championships ausgetragen, ein kurioser Wettbewerb, bei dem Männer Frauen über eine   Strecke von 380 Metern tragen müssen. Der Ursprung des „Frauenwegtragens“ soll im Jahr 793 liegen, als Wikinger die im Nordosten liegende Insel Lindisfarne überfielen und dabei alle Frauen, die sie dort vorfanden, gegen ihren Willen wegtrugen.

Im Jahre 2008 kam man auf die Idee, dieses „wife carrying“, das vor Urzeiten als eine Art Sport betrieben wurde, wieder aufzunehmen und einmal im Jahr das UK Wife Carrying Race zu veranstalten. Teilnehmen können Pärchen (sie müssen nicht verheiratet aber mindestens 18 Jahre alt sein), bei denen die Frau ein Mindestgewicht von 50 kg haben muss. Hat sie das nicht, ist sie verpflichtet, beim Rennen einen Rucksack zu tragen, in dem sich Büchsen mit gebackenen Bohnen befinden müssen, die dem fehlenden Körpergewicht entsprechen (es dürfen auch Büchsen mit anderen Lebensmitteln sein).
Es gibt unterschiedliche Tragestile wie Huckepack, der „fireman’s carry„, wobei die Frau über der Schulter getragen wird, der „Estonian style„, dabei hängt die Frau mit dem Kopf nach unten, schlingt ihre Beine um Kopf und Schultern ihres Partners und hält sich an seinen Hüften fest und der „Dorking hold“ (wie beim Estonian, nur anders herum)

Auf der Webseite der Veranstalter wird gewarnt wie gefährlich das Rennen ist und was dabei alles passieren könnte: Man kann sich die Arme oder Beine brechen, schwere Rücken- und Kopfverletzungen erleiden, ja sogar der Tod ist nicht ausgeschlossen (was wohl eher als „tongue-in-cheek“ gemeint ist). Man solle sich davon aber bitte nicht abschrecken lassen.

Die Gewinner der UK Championships erhalten ein Fass Bier mit Pilgrim Ale der nahegelegenen Pilgrim Brewery in Reigate (Surrey) und einen Reisezuschuss von £250 zu den World Wife Carrying Championships, die in den letzten Jahren überwiegend in Finnland und Estland ausgetragen wurden. Der arme Mann, der die schwerste Frau über die Runde getragen hat, bekommt eine Wurst und einen anerkennenden Klaps auf den Rücken von den anderen Teilnehmern.

Hier sind Bilder von dem diesjährigen Rennen. Das nächste findet am 8. April 2018 statt.

Published in: on 10. November 2017 at 02:00  Comments (2)  
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Stompie – Der russische Panzer am Londoner Mandela Way

Die Old Kent Road (A2) führt in südöstlicher Richtung aus London heraus. Ich bin sie früher häufig gefahren, um zur inzwischen eingestellten Fähre von Sheerness auf der Isle of Sheppey nach Vlissingen zu fahren. Besonders schön ist diese lange Straße nicht, gesichtslose Wohnhäuser, Supermärkte, Schnellimbisse und Tankstellen reihen sich hier aneinander. Schräg gegenüber von einem Lidl-Markt zweigt der Mandela Way ab und gleich auf der linken Seite finden wir ein unbebautes, verwahrlostes und unkrautüberwuchertes Grundstück, auf dem ein Panzer steht, ein russischer T-34, um genau zu sein. Wie kommt diese militärische Kampfmaschine in die Straße, die nach dem südafrikanischen Freiheitskämpfer benannt ist?

Der T-34, der von den Bewohnern der Umgebung liebevoll Stompie genannt wird, war einer der am meisten gebauten Panzer der sowjetischen Armee, die im Zweiten Weltkrieg eingesetzt wurden. Stompie vom Mandela Way diente 1968 beim sogenannten Prager Frühling dazu, den Aufstand dort niederzuwalzen. Nachdem Stompie in den Ruhestand versetzt worden war, transportierte man ihn viele Jahre später nach England, wo er 1995 bei den Dreharbeiten zu Richard Loncraines Film „Richard III“ verwendet wurde. Der Regisseur versetzte die Handlung des Shakespeare-Dramas in ein faschistisches England in den 1930er Jahren.
Nachdem der Panzer auch diese Arbeit bewältigt hatte, stand er eigentlich nur noch nutzlos herum, bis ihn ein englischer Bauunternehmer entdeckte und für £7000 kaufte. Der Mann wollte am Mandela Way ein Apartmenthaus bauen, was aber die Stadtverwaltung von Southwark ablehnte. Daraufhin stellte er bei der Verwaltung den Antrag, auf seinem Grundstück einen „tank“ zu installieren. Die Behörde ging davon aus, dass der Unternehmer damit einen „septic tank„, also eine Klärgrube, meinte und genehmigte den Antrag. Aber „tank“ bedeutet im Englischen auch „Panzer“, und so stellte der Bauunternehmer seinen „tank“ Stompie dort auf und freute sich diebisch über die gelungene Rache. Der Southwark Council gab klein bei und ließ das militärische Gerät stehen, dessen Rohr exakt in Richtung Stadtverwaltung ausgerichtet ist. Stompie wird immer wieder grellbunt angemalt und häufig mit Graffiti versehen. Die Bewohner vom Mandela Way haben sich längst an den Anblick des Panzers gewöhnt und würden ihn wahrscheinlich vermissen, sollte er einmal von dort wegtransportiert werden.

Über öffentlich aufgestellte Panzer in England berichtete ich in meinem Blog schon mehrfach, wie über den in Lincoln, in Ashford (Kent) und in Torcross (Devon).

Author: Wesako
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Das Rohr des Panzers steht in Richtung Southwark Council.
Author: Simon
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Published in: on 18. Oktober 2017 at 02:00  Comments (1)  
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Józef Stawinoga – Der Eremit von Wolverhampton

Hier auf dem Mittelstreifen der Ring Road St John’s in Wolverhampton wohnte Fred der Eremit.
Photo © Roger Kidd (cc-by-sa/2.0)

Es gibt wirklich sehr traurige Schicksale – so auch das von Józef Stawinoga,  der 40 Jahre lang als Eremit in einem kleinen Zelt an der inneren Ring Road von Wolverhampton (West Midlands) lebte. Am 28. Oktober 2007 starb er im Alter von fast 87 Jahren.

Stawinoga war Pole und emigrierte in den 40er Jahren nach England. Er heiratete 1952 in Wolverhampton, doch seine Frau verließ ihn nach einem Jahr. Ob es diese Trennung war oder ihn Kriegsereignisse mental so stark mitgenommen hatten, weiß man nicht genau. Eines Tages blieb er von seiner Arbeitsstelle weg, kehrte dort nie wieder zurück und führte das Leben eines Obdachlosen. Die Stadtverwaltung duldete es, dass er in einem Zelt lebte; er fiel nie negativ auf, im Gegenteil, man sah ihn häufig wie er die Straße und den Grünstreifen der Ring Road St John’s fegte.
Stawinoga, oder Fred wie er von vielen genannt wurde, wurde von der lokalen Gemeinde der Hindus und Sikhs als heiliger Mann angesehen. Manche aus der Bevölkerung brachten ihm kleine Geschenke oder versorgten ihn mit heißem Tee.

Ein Jahr nach seinem Tod stellte sich heraus, dass Fred auf seinem Konto hunderttausende von Pfund besass, die er nie angerührt hatte. Eine Erbenermittlerfirma fand heraus, wer in den Genuss der „Ersparnisse“ kam, drei Wiener, die sich das Geld teilen konnten.

Hier ist ein Film über Józef Stawinoga und hier ein Song über ihn.

Über Wolverhampton habe ich in meinem Blog bisher nur einmal geschrieben, in Zusammenhang mit dem Pub The Billy Wright.

Published in: on 2. Oktober 2017 at 02:00  Comments (3)  
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The Free Independent Republic of Frestonia oder Wie sich eine Londoner Straße von Großbritannien lossagte

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Der zuständige Ausschuss der Vereinten Nationen in New York staunte nicht schlecht als er 1977 einen Antrag auf Mitgliedschaft von einem Staat erhielt, von dem noch nie jemand gehört hatte: The Free Independent Republic of Frestonia. Im gleichen Zuge fragte der Antragsteller auch nach, ob er gegebenenfalls Unterstützung von Blauhelmen bekommen könnte, da er sich vom Greater London Council (GLC) bedroht fühlte (die UNO hat nie auf den Antrag geantwortet).

Die Republic of Frestonia bestand aus Einwohnern der Freston Road im Londoner Borough of Hammersmith (heute Kensington and Chelsea), einer damals ziemlich heruntergekommenen Straße mit vielen baufälligen Häusern, die zum großen Teil von Squattern bewohnt wurden, einem bunten Völkchen von Musikern, Künstlern und verschiedenen anderen Zeitgenossen. Als der Greater London Council beschloss, das Gebiet zu sanieren und die Häuser abzureißen, gab es heftigen Widerstand seitens der Freston Road-Bewohner. Sie sagten sich kurzerhand von Großbritannien los und riefen einen neuen Staat aus. 94% der Bewohner sprachen sich bei einem Referendum für die neugegründete Republik und für den „Frexit“ aus. Gleichzeitig nahmen sie alle den Nachnamen Bramley an, denn sollte es zu einer Umsiedlung durch den GLC kommen, müssten sie dann alle gleichzeitig, sozusagen als eine Familie, umgesiedelt werden.

Der neue Staat gab eigene Briefmarken heraus, stempelte die Pässe der besuchenden Touristen ab und veröffentlichte die Zeitung The Tribal Messenger als Sprachrohr der „Regierung“, die aus den führenden Aktivisten der Frestonians bestand. Außenminister war zum Beispiel der kleinwüchsige Schauspieler David Rappaport (bzw. David Rappaport-Bramley), oben auf dem Foto zu sehen.

Man erreichte schließlich eine Einigung, die die neugegründete Bramleys Housing Co-operative mit dem Notting Hill Housing Trust erwirkte und die darin bestand, dass die Bewohner der Freston Road bleiben durften und die Häuser in „akzeptabler“ Form saniert wurden. Nicht jeder war damit einverstanden, denn das bedeutete den Verlust der Unabhängigkeit des Staates, einige zogen daraufhin weg, einige leben noch immer hier.

Robert Kerr drehte einen Film über „The Republic of Frestonia“, in der die Aktivisten der Bewegung zu Wort kommen und der hier zu sehen ist.

Der ehemalige Pub The Bramley Arms an der Ecke Freston Raod und Bramley Road.
Photo © David Anstiss (cc-by-sa/2.0)

Die People’s Hall in der Freston Road.
Author: Iridescenti.
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Algie, das riesige, aufblasbare rosa Schwein, das einmal den Flugbetrieb des Londoner Heathrow Airports lahmlegte

Die Battersea Power Station, Schauplatz von Algies Flucht.
Photo © N Chadwick (cc-by-sa/2.0)

Der Besitzer der East Stour Farm bei Chilham in Kent staunte an jenem Dezembertag des Jahres 1976 nicht schlecht, als ein riesiges, aufblasbares, rosa Schwein aus dem Himmel herabkam und sich einen Landeplatz mitten zwischen seinen Kühen suchte, die voller Angst in alle Himmelsrichtungen flüchteten. Kurz zuvor hatte der Bauer eine Radiodurchsage gehört, in der die Bevölkerung gebeten wurde, nach eben jenem Schwein Ausschau zu halten und bei einer bestimmten Telefonnummer anzurufen, die natürlich erst einmal mit Scherzanrufen bombardiert wurde. Der Farmer war „not amused“ und rief bei besagter Telefonnummer an. Die Polizei und der Schweinebesitzer machten sich auf den Weg zur East Stour Farm und holten das auf wundersame Weise unbeschädigte Tier wieder ab.,

Was war da im Vorfeld geschehen? Die britische Super-Rockband Pink Floyd bzw. eine von ihr beauftragte Firma namens Hipgnosis wollten mitten in London ein Fotoshooting für das aktuelle Pink Floyd-Album „Animals“ machen, und da die Band eine Vorliebe für aufblasbare Schweine hatte, sollte das Album mit einem solchen verziert werden, das an einem der Schornsteine der Battersea Power Station befestigt wurde. Am ersten Tag des Shootings ließ sich das Tier beim besten Willen nicht aufblasen, schlapp lag es auf dem Boden neben der Power Station. Also musste am nächsten Tag, dem 3. Dezember, ein neuer Versuch gestartet werden und dieses Mal klappte es hervorragend. Aber: Eine heftige Windböe riss Algie, wie das 14 Meter lange Schweinchen liebevoll genannt wurde, aus seiner Verankerung und es machte sich selbständig. Pech nur, dass der extra angeheuerte Scharfschütze, der für solche Fälle das Tier abschießen sollte, nicht erschienen war. Algie stieg auf und geriet prompt in eine Flughöhe, die den landenden Verkehrsflugzeugen, die nach London-Heathrow wollten, zugewiesen worden war. Die Piloten machten die Luftaufsicht des Flughafens darauf aufmerksam, die sofort den Flugbetrieb einstellen ließ. Heathrow kam zum Stillstand. Polizeihubschrauber und selbst die Royal Air Force machten sich auf die Suche nach dem abgängigen Schwein und fanden es trotz seiner Größe und auffälligen Farbe nicht. Erst als der Anruf des Bauern aus Kent kam, konnte die Suche eingestellt werden. Mittlerweile durften die Jumbo Jets und ihre kleineren Geschwister von Heathrow aus wieder ihre Flüge in alle Teile der Welt aufnehmen.

Erstaunlicherweise erlaubte man Pink Floyd, das Fotoshooting an der Battersea Power Station zu wiederholen, denn die Aufnahmen waren noch nicht im Kasten; allerdings mit der Auflage, jetzt wirklich einen Scharfschützen bereitzuhalten, der Algie im Falle eines erneuten Ausbruchversuches den Garaus machen sollte. Bei diesem neuen Versuch benahm sich das rosa Schweinchen aber vorbildlich.

Ein späterer Nachfahre Algies trat am 26. September 2011 noch einmal zu Promotionzwecken an der Battersea Power Station in Erscheinung, um damit auf die Wiederveröffentlichung einiger Pink Floyd-Alben aufmerksam zu machen.

Algies Nachfolger am 26. September 2011 an der Battersea Power Station.
Author: Bex Walton
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Hier, auf dem Gelände der East Stour Farm, landete das rosa Schweinchen.
Photo © N Chadwick (cc-by-sa/2.0)

Published in: on 19. August 2017 at 02:00  Comments (3)  
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