Reverend Edward Drax Free (1764-1843) – Ein Pfarrer der anglikanischen Kirche in Sutton (Bedfordshire), der dort 22 Jahre lang sein Unwesen trieb

Church of All Saints in Sutton (Bedfordshire).
Photo © John Sutton (cc-by-sa/2.0)

Edward Drax Free (1764-1843) studierte anfangs des 19. Jahrhunderts am St John’s College in Oxford. Er machte dort seinen Bachelor und Master, wurde sogar Fellow am College, doch sein soziales Verhalten war dermaßen schlecht (er war ständig betrunken und prügelte sich), dass er kurz vor dem Rauswurf stand. Wie war man froh, als er einen Posten als Vikar an Oxfords St Giles Kirche annahm. Als nach einiger Zeit die Church of All Saints in der Gemeinde Sutton in Bedfordshire einen neuen Pfarrer suchte, ging Edward Drax Free dorthin. Hätten die Gemeindemitglieder gewusst, wen sie sich da eingehandelt hatten…

Der Reverend steckte permanent in Geldschwierigkeiten, nahm immer wieder Kredite auf, die er nicht zurückzahlen konnte und sperrte manchmal für Monate seine Kirche zu, um untertauchen zu können und seinen Gläubigern zu entfliehen. Wenn er denn überhaupt Gottesdienste abhielt, machte er das kurz und bündig und hielt sich nicht lange mit Predigten auf. Manchmal wollte er seine Schäfchen sogar mit einer Geldstrafe belegen, wenn sie nicht zu seinen Andachten erschienen. Er verkaufte auch das Kupfer vom Kirchendach, um seine Spielschulden zu bezahlen zu können.

Edward Drax Free sprach nach wie vor sehr gern dem Alkohol zu und war häufig betrunken. In diesem Zustand, nehme ich jedenfalls an, schwängerte er fünf seiner Hausangestellten. Sex spielte für den Reverend eine wichtige Rolle, so brüstete er sich mit seiner Sammlung von pornografischen Schriften, die er im Pfarrhaus zusammengetragen hatte. Was die Gemeindemitglieder überhaupt nicht gut fanden, war, dass der Kirchhof (im wahrsten Sinne des Wortes) zu einem Schweinestall geworden war. Schweine trieben sich dort herum, scharrten Gräber auf, und auch Kühe und Pferde machten es sich dort gemütlich und störten manchmal die Beerdigungsfeiern. Die Menschen in Sutton waren „not amused“.

Als Free nach seinen Skandalen schließlich die Gemeinde verlassen sollte, dachte er gar nicht daran, sondern verbarrikadierte sich in seinem Pfarrhaus (dessen Einrichtung er vorher verkauft hatte) und schoss auf jeden, der sich näherte. Unter Leitung des zuständigen Bischofs hungerte ihn seine Gemeinde aus, so dass er nach 22 Jahren die Church of All Saints endgültig verlassen musste.

Auch Edward Drax Frees Ende war unrühmlich. Da niemand ihn mehr als Pfarrer haben wollte, ging es mit ihm steil bergab. Er trank nach wie vor und wurde 1843 (passenderweise) beim Verlassen einer Kneipe von einem Fuhrwerk überfahren.

Das Buch zum Artikel:
R.B. Outhwaite: Scandal in the Church – Dr Edward Drax Free, 1764-1843. Hambledon Press 1997. 180 Seiten. ISBN ‎ 978-1852851651
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Edward Drax Frees Alma Mater: Das St John’s College in Oxford.
Photo © Len Williams (cc-by-sa/2.0)

Published in: on 17. Januar 2022 at 02:00  Comments (1)  

Arthur Furguson (1883-1938) – Der Mann, der die Nelsonsäule auf Londons Trafalgar Square verkaufte

Wurde für £6000 verkauft, Nelson’s Column auf dem Trafalgar Square.
Photo © Philip Halling (cc-by-sa/2.0)

Es ist fast 100 Jahre her als ein US-amerikanischer Tourist aus Iowa in London auf dem Trafalgar Square stand und dort die Nelsonsäule bestaunte, auf deren 46 Meter hohen Sockel die über fünf Meter hohe Statue von Admiral Horatio Nelson zu sehen war. Ihm näherte sich ein Mann, der sich als offizieller Stadtführer zu erkennen gab, und ihn ansprach.

Der angebliche Guide, es handelte sich dabei um den in Schottland geborenen Arthur Furguson, erzählte dem Amerikaner die Geschichte des Admirals und ließ einfließen, dass die Säule momentan zum Verkauf stünde, was aber noch geheim war, denn die britische Nation litt nach dem Ersten Weltkrieg noch immer unter einer schweren Finanzkrise und musste sich, wohl oder übel, von einigen Besitztümern trennen. £6000 wollte die britische Regierung für die Säule haben. Der schwerreiche Amerikaner war sofort Feuer und Flamme und wollte die Nelsonsäule unbedingt haben, sie nach Iowa verschiffen und sie dort auf seinem Anwesen errichten lassen. Furguson bat den Amerikaner einen Moment um Geduld, er wollte seine Vorgesetzten fragen, was die zu dem Verkauf sagten, kam bald wieder mit der frohen Botschaft zurück, dass diese eingewilligt hätten und nahm einen Scheck über £6000, der auf den Namen Arthur Furguson ausgestellt war, entgegen. Dann verschwand der Verkäufer der Nelsonsäule sehr schnell, nachdem er dem Mann aus Iowa noch den Namen der Baufirma genannt hatte, die die Säule für ihn abbauen sollte. Als der Amerikaner diese Firma kontaktierte, die natürlich von diesem Auftrag keine Ahnung hatte, merkte er, dass er einem „con man“, einem Betrüger, aufgesessen war.

Arthur Furguson wendete diese Masche noch einige Male an, wobei er es immer wieder auf US-Amerikaner abgesehen hatte. So gelang es ihm, den Glockenturm von Big Ben für £1000 zu verkaufen, und sogar der Buckingham Palace stand auf Furgusons Verkaufsliste, für den er eine Anzahlung von £2000 erhielt.

Nachdem es ihm auf britischem Boden zu heiß geworden war, übersiedelte Arthur Furguson in die USA, wo er mit seiner Geschäftsidee weiter machte und das Weiße Haus in Washington an einen texanischen Rinderzüchter für $100,000 im Jahr vermietete. Erst als er einem interessierten Australier die New Yorker Freiheitsstatue andrehen wollte, war Schluss mit Furgusons Verkaufsmethoden, denn der Australier wurde misstrauisch und wandte sich an die New Yorker Polizei, die den Mann aus Großbritannien festnahm. Nach einem Gefängnisaufenthalt von fünf Jahren kam Furguson 1930 wieder frei. Er siedelte nach Los Angeles über, wo er einen luxuriösen Lebensstil pflegte, denn er hatte einiges von seinem erwirtschafteten Geld zurückgelegt. Hier soll er auch 1938 gestorben sein.

Ist diese wunderschöne Geschichte vielleicht gar nicht wahr? Der Schotte Dane Love ist den Spuren des Arthur Furguson einmal nachgegangen und hat nichts über ihn in zeitgenössischen Quellen finden können. Weder die britischen noch die amerikanischen Zeitungen haben über den Betrüger jemals berichtet. So what?

Published in: on 13. Januar 2022 at 02:00  Comments (2)  

The Crypt – Ein Horrorladen mit angeschlossenem Café in Blackpool

Die Birley Street ist eine Fußgängerzone in Blackpool, vor allem bekannt durch seine Arches, ein Kunstwerk namens „Brillance“ („a party-inducing flashdance down a central pedestrianised street under sparkling steel arches“, so die Webseite Cool Places), hier zu sehen.

In der Hausnummer 31 befindet sich ein Dorado für Horrorfans, ein Laden/Café/Museum namens The Crypt. Hier trifft man sie alle, die liebgewordenen Figuren aus Horrorfilmen: Freddy Krueger, Frankenstein, Nosferatu, den Mann mit der Kettensäge aus „The Texas Chainsaw Massacre“ und viele andere.

Es gibt hier schrecklich anzusehende Masken zu kaufen, die jeder Halloween-Party Ehre machen würden, Kaffeebecher mit allen möglichen Aufschriften (Witches Brew, White Witch Cauldron Mug), T-Shirts mit Horrormotiven und überall werden die Besucher mit Totenköpfen, Zombies und grinsenden Clownsmasken konfrontiert. In der Toilette wartet ein riesiges Poster mit dem Weißen Hai aus dem gleichnamigen Film, der gierig nach einer jungen Frau schaut, die über ihm auf einer Luftmatratze schwimmt.
Zwischen diesen vielen Horrorgestalten kann man dann einen Kaffee oder Tee trinken oder eine Kleinigkeit essen, wenn man sich nicht daran stört, dass einem dabei Nosferatu über die Schulter schaut.
Der Laden hat jeden Tag des Jahres von 11 Uhr bis 17 Uhr geöffnet.

The Crypt
31 Birley Street

Blackpool
Lancashire
FY1 1EG

Published in: on 30. Dezember 2021 at 02:00  Comments (4)  

Blaue Plaketten in London – Echt oder falsch?

Photo: Spudgun67.
Creative Commons 4.0

Über das Thema „Blaue Plaketten“ habe ich in meinem Blog am 7. Mai 2012 ausführlicher geschrieben, nach welchen Kriterien diese an englischen Häuserwände angebracht werden und welches Gremium darüber entscheidet.

Es gibt aber auch eine ganze Reihe von inoffiziellen und von gefälschten Gedenkplaketten. Mein Favorit ist im Londoner Stadtteil Muswell Hill in der Hillfield Avenue Nummer 118 zu finden. Dort hat eine Society for the Promotion of Historic Buildings eine Plakette angebracht mit der Inschrift „Carswell Prentice 1891-1964 inventor of the supermarket trolley stayed here in September 1932„; das mag schon ein ganz besonderes Ereignis damals im September 1932 gewesen sein, aber als Erfinder des Einkaufswagens gilt nicht Carswell Prentice sondern ein US-Amerikaner namens Sylvan Goldman, der Besitzer der Humpty Dumpty Supermarktkette in Oklahoma, der die Idee dazu im Jahr 1937 hatte. Die Society for the Promotion of Historic Buildings ist eine Firma in der Hillfield Avenue Nummer 118, die wunschgemäß Plaketten dieser Art herstellt.

Photo: Marvinbarretto.
Creative Commons 3.0

Am Londoner Hammersmith Broadway tauchte einmal eine blaue Plakette auf, auf der zu lesen stand „Rik Mayall 1958-2014 Punched his friend in the balls on a bench near this spot„, darunter war ein QR Code angebracht und darunter wiederum stand True English Heritage“, das war natürlich leicht als „Fake“ zu erkennen. Der QR Code führt übrigens zu diesem Filmchen (Rik Mayall war ein Comedian und Schauspieler).

Eine blaue Plakette für Boris Becker? Das würde nicht den Richtlinien von English Heritage entsprechen. Schon gar nicht das Ereignis auf das eine Plakette am Nobu Restaurant einmal in der Old Park Lane Nummer 19 hinwies. „Sex Cupboard 1999“ stand unter dem Namen des einstigen Tennisstars und erinnerte an ein Treffen dort zwischen BB und einem russischen Model, das in einem beengten Besenschrank stattfand und Folgen hatte.

Blue Plaque Spotting in London macht Spaß…vor allem, wenn man auf einige dieser falschen Plaketten stößt.

Published in: on 17. Dezember 2021 at 02:00  Kommentar verfassen  

Lord Dunsany und die tödlichen Schüsse auf zwei Londoner Zebras

Das Londoner Schuhhaus John Lobb in der St James’s Street.
Photo © Jim Osley (cc-by-sa/2.0)

Meine erste Begegnung mit Edward John Moreton Drax Plunkett, 18. Baron Dunsany (1879-1957) war, als ich für meine Examensarbeit über Weird Fiction recherchierte und dabei auf diesen Schriftsteller stieß. Es gab einmal eine großartige Buchreihe in den 1970er Jahren im Insel-Verlag, die Bibliothek des Hauses Usher, herausgegeben von Kalju Kirde, den ich einmal persönlich kennen lernen durfte. Die 26 Bände der Reihe waren auf grünem Papier gedruckt, ich hatte sie fast alle, sind seit langem vergriffen und Sammlerobjekte geworden. Einer dieser Bände hieß „Das Fenster zur anderen Welt„, enthielt 27 Geschichten und stammte aus der Feder eben jenes irischen, in London geborenen Lord Dunsany.

Soweit seine literarische Seite. Lord Dunsany hatte eine Vorliebe, die ich absolut nicht teilen kann: Er war leidenschaftlicher Großwildjäger. Der Eton-Schüler und Sandhurst-Absolvent soll bei einer seiner Safaris in Kenia 55 Tiere abgeschossen haben, darunter einen Löwen und ein Nashorn.

Es gibt eine Geschichte, ob sie tatsächlich stimmt, ist nicht sicher, dass der Lord sogar in den Straßen Londons seine Finger nicht vom Abzug seines Gewehres halten konnte, wenn er ein wildes Tier sah, was wohl eher selten vorkam.
Folgendes war geschehen: Das renommierte, 1849 gegründete Londoner Schuhhaus John Lobb, das noch immer existiert, soll zu Werbezwecken einmal eine Kutsche durch die Straßen der Hauptstadt geschickt haben, und damit das Gefährt auch wirklich auffiel, waren zwei Zebras anstelle von Pferden davor gespannt. Auftritt von Lord Dunsany. Als er die Tiere auf der Straße Piccadilly zwischen dem Kaufhaus Fortnum&Mason und der Buchhandlung Hatchards sah, konnte er nicht anders als sein Gewehr, das er offensichtlich häufig bei sich trug, zu nehmen und die beiden Zebras zu erschießen. „Zebras habe ich noch nie erlegt“, soll der schießwütige Lord zu seiner Verteidigung gesagt haben. Ich habe diese Geschichte William Donaldsons Buch „Rogues, Villains and Eccentrics“ (2002 erschienen) entnommen, und so ganz verlässlich scheinen mir dessen Aussagen nicht immer zu sein. Hoffen wir, um der Zebras willen, dass sich die Geschichte nicht so abgespielt hat.

Zebras, wie dieses Exemplar aus dem Paradise Wildlife Park in Hertfordshire, gehören in ihre afrikanische Heimat und schon gar nicht als Zugtiere auf Londoner Straßen (was aber nicht heißt, dass man sie dort einfach abschießen kann).
Photo © Christine Matthews (cc-by-sa/2.0)
Published in: on 15. Dezember 2021 at 02:02  Comments (2)  

The Diagram Prize 2021

Über den Diagram Prize und seine Preisträger habe ich in den vergangenen Jahren schon mehrfach geschrieben. Zur Erinnerung: Den Preis erhält jeweils das Buch mit dem merkwürdigsten Titel des Jahres; die Titelauswahl wird vom The Bookseller magazine zusammengestellt, und die Öffentlichkeit wählt daraus ihren Favoriten.

Nach dem Vorjahressieger „A Dog Pissing at the Edge of a Path: Animal Metaphors in Eastern Indonesian Society“ erhält in diesem Jahr den Diagram Prize: „Is Superman Circumcised? The Complete Jewish History of the World’s Greatest Herovon Roy Schwartz, erschienen im Mai diesen Jahres bei McFarland. Der New Yorker Autor geht darin den jüdischen Wurzeln Supermans nach und stellt dabei die Frage, ob der Superheld beschnitten war.

Wen hatten wir denn noch auf der Shortlist?

Julian Havels „Curves for the Mathematically Curious: An Anthology of the Unpredictable, Historical, Beautiful, and Romantic“ (Princeton University Press), ein Buch für jeden, der an mathematischen Kurven interessiert ist.

Handbook of Research on Health and Environmental Benefits of Camel Products„, herausgegeben von Omar Amin Alhaj et al (Medical Information Science Reference). Das Buch beschäftigt sich mit der zunehmenden Bedeutung von Produkten, die auf Kamelmilch basieren.

Hats: A Very Unnatural History“ (Michigan State University Press) von Malcolm Smith; darin geht es um die Vernichtung von Abermillionen Vögeln, damit aus ihren Federn modische Hüte hergestellt werden konnten.

The Life Cycle of Russian Things: From Fish Guts to Fabergé, 1600 to Present“ (Bllomsbury Academic) herausgegeben von Matthew P. Ramaniello et al; eine Untersuchung über die Haltbarkeit in Russland beziehungsweise in der Sowjetunion hergestellter Produkte.

Miss, I Don’t Give a Sh*t: Engaging With Challenging Behaviour in Schools“ (SAGE Publications) von Adele Bates, „a book about young people for whom the education system does not work“.

Published in: on 9. Dezember 2021 at 02:00  Kommentar verfassen  

The Coffin Works in Birmingham – Ein Museum für Sargzubehör

Photo © Chris Allen (cc-by-sa/2.0)

In der Fleet Street in Birmingham, im Jewellery Quarter, befand sich einmal Englands renommiertester Hersteller von „coffin furniture„, 1894 von den Newman Brothers, Alfred und Edwin, gegründet. In dem großen Backsteinhaus wurde Sargzubehör produziert, also nicht Särge selbst, sondern beispielsweise die Messinggriffe, die Kruzifixe, Verzierungen, aber auch Leichenhemden und Sarginnenausstattungen. Zu den prominentesten „Kunden“ der Firma in Birmingham zählten unter anderem Joseph Chamberlain, Winston Churchill und die Queen Mother.

Bis zum Jahr 1999 machte die Firma Newman Brothers in der Fleet Street Geschäfte, doch dann schloss sie ihre Pforten. Ein Grund dafür war, dass sich immer mehr Menschen verbrennen ließen und Särge mit Metallverzierungen nicht in Krematorien zugelassen wurden, die Nachfrage also sank.

Der Wunsch der letzten Firmeninhaberin, Joyce Green, war es, aus dem Gebäude ein Museum zu machen. Mit Hilfe des Birmingham Conservation Trusts gelang es nach mehreren Jahren, diesen Wunsch in die Realtität umzusetzen und das mittlerweile arg in Mitleidenschaft gezogene Gebäude wieder herzustellen. Am 24. Oktober 2014 war es dann soweit: The Coffin Works konnte eröffnet werden (hier ist ein Film darüber).

Das Museum ist von Freitag bis Sonntag geöffnet, jeweils von 10.45 Uhr bis 16 Uhr. Wer möchte, kann um 11 Uhr an einer geführten Tour teilnehmen, sonst kann sich jeder auf eigene Faust umsehen. Der Eintrittspreis beträgt £10.

Dieser Film zeigt einen Besuch in diesem makaber-skurrilen Museum.

The Coffin Works
13-15 Fleet Street
Jewellery Quarter
Birmingham B3 1JP

The Shroud Room.
Photo © Chris Allen (cc-by-sa/2.0)
Eine Metallprägepresse in Betrieb.
Photo © Chris Allen (cc-by-sa/2.0)
Sargverzierungen der Newman Brothers.
Author: scrappy annie.
Creative Commons 2.0
Published in: on 30. November 2021 at 02:00  Comments (5)  

The Needle and Thread Gaudy im Queen’s College in Oxford

Photo © Marathon (cc-by-sa/2.0)

Es ist immer wieder interessant, von den merkwürdigen Traditionen zu hören, die in den Colleges von Oxford und Cambridge, manchmal schon seit Jahrhunderten, gepflegt werden. In meinem Blog habe ich schon einige davon vorgestellt. Heute möchte ich mich etwas mit einem Brauch aus dem Queen’s College in Oxford beschäftigen, der The Needle and Thread Gaudy heißt und der immer zu Beginn eines neuen Jahres ausgeübt wird. Wer den Begriff „gaudy“ noch nicht gehört hat: Es handelt sich dabei um ein feierliches Abendessen für ehemalige Abgänger eines Colleges.

Was hat das nun mit Nadel und Faden zu tun? Anlässlich dieses Abendessens tritt der Bursar des Queen’s College in Aktion, also der Mann, der für die Finanzen zuständig ist. Er händigt jedem der Anwesenden, die eine spezielle Einladung für den Abend erhalten haben, eine Nadel und einen seidenen Faden aus, mit den Worten „Take this and be thrifty„. Der Bursar ermahnt also alle, im kommenden Jahr sparsam zu sein. Ob er da wohl als leuchtendes Vorbild vorangeht?

Der Brauch ist Hunderte von Jahren alt und man vermutet, dass er auf den Namen des Gründers des Queen’s College zurückgeht, einen gewissen Robert de Eglesfield (1295-1349). „Aiguille“ heißt auf Französisch „Nadel“, „fil“ ist der Faden“, aiguille + fil = Eglesfield; mit etwas Fantasie kann man da einen Zusammenhang erkennen. Egal ob das nun stimmt oder nicht: Wir freuen uns, dass dieser recht skurrile Brauch noch immer am Leben gehalten wird. Am 8. Januar 2022 um 18.30 Uhr findet die nächste Needle and Thread Gaudy statt; die Einladung erging an ehemalige Studenten, die sich in den Jahren 1976 und 1977 immatrikuliert hatten.

The Upper Library des Queen’s College. Hier werden vor dem Abendessen die Drinks zu sich genommen.
Author: TyB.
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Published in: on 27. November 2021 at 02:00  Kommentar verfassen  

Fig Pie Rolling in Wybunbury (Cheshire)

Author: Ten Minutes From Home.
Creative Commons 2.0

Engländer lieben es, Gegenstände steile Hügel oder Straßen hinunterzurollen…oder zumindest dabei zuzuschauen. Ich denke da an das Cheese Rolling am Cooper’s Hill in Gloucestershire. Oder aber schwere Gegenstände nicht minder steile Straßen hinaufzuschleppen wie beim Wrekin Barrel Race in Shropshire oder bei den World Coal Carrying Championships in West Yorkshire.

In einem kleinen Dorf in der Grafschaft Cheshire, südlich der Stadt Crewe, veranstaltet man so etwas Ähnliches, das sich Fig Pie Rolling nennt. Wybunbury lautet der ungewöhnliche Name des Dorfes, der wie so oft anders ausgesprochen wird, nämlich meist „Wyb-un-bury“ oder „Wimbry“. Des Dorfes größte Attraktion ist der schiefe Kirchturm von St Chad, ein kirchenloser Turm, der unterirdisch gestützt werden muss, damit er nicht irgendwann einmal umkippt. Die ehemals dazugehörende Kirche wurde schon 1833 abgerissen.

Doch zurück zur zweiten Attraktion des Dorfes. Meist Anfang Juni findet dort im Rahmen des Fig Pie Wakes Festivals das „Feigenpastetenrollen“ statt, dessen Regeln recht einfach sind. Die Teilnehmer backen die Pasteten selbst nach einem althergebrachten Rezept, wobei der Teig sehr hart wird, denn das muss er auch sein, wenn die Pie die Straße hinuntergerollt werden soll. Sieger des Wettbewerbs ist derjenige, dessen Pastete den weitesten Weg zurückgelegt hat.

Das Fig Pie Rolling stammt aus dem 19. Jahrhundert, wurde aber lange Zeit ausgesetzt, bis man sich 1995 wieder daran erinnerte. Der Wybunbury Tower Preservation Trust rief dieses skurrile Event erneut ins Leben, damit die Einnahmen aus dem Amüsement der Erhaltung des schiefen Turmes zugute kommen.

Die Fig Pie Rolling Strecke ist auf der Main Road, zwischen den Pubs The Swan Inn und The Red Lion.

Wer sich im nächsten Jahr um den 11. Juni herum in Cheshire aufhalten sollte, dem sei ein Besuch in Wybunbury empfohlen.

Hier kann man sich den Spaß im Film ansehen.

Der schiefe St Chad’s Tower.
Photo © Jonathan Hutchins (cc-by-sa/2.0)
Startpunkt des Wettbewerbs: The Swan Inn.
Photo © Richard Dorrell (cc-by-sa/2.0)
Der eine Zeit lang geschlossene, seit 2012 aber wieder geöffnete Red Lion.
Photo © Richard Dorrell (cc-by-sa/2.0)
Published in: on 29. Oktober 2021 at 02:00  Kommentar verfassen  

Charlie „The White Sergeant“ – Ein selbst ernannter Polizeihund, der in der Londoner Bow Street seinen Dienst versah

Die ehemalige Polizeistation in der Bow Street.
Photo © Sandy B (cc-by-sa/2.0)

Eigentlich war Charlie gar kein echter Polizeihund, er hatte sich vielmehr 1857 in die Polizeistation in der Londoner Bow Street eingeschmuggelt. Charlie gehörte niemandem und hielt sich vorzugsweise in der Nähe der Station auf, ausgemergelt und heimatlos. Aus Mitleid bekam er von den Polizisten etwas zu essen, und allmählich entwickelte sich eine Freundschaft zwischen dem Hund und den Männern. Charlie, wie er genannt wurde, folgte den Polizisten auf ihren Streifengängen und kehrte immer wieder in die Bow Street zurück. Jetzt durfte sich Charlie „The White Sergeant“ sogar in der Polizeiwache aufhalten, was eigentlich nicht erlaubt war, doch die Polizisten hatten ihren treuen „Mitarbeiter“ ins Herz geschlossen. Bei besonderen Anlässen hängten sie ihm sogar eine Sergeant-Armbinde um den Hals, worauf Charlie immens stolz war.

Wenn sich die Polizisten der Bow Street zum Appell einfanden, lief Charlie vor ihnen auf und ab, so als musterte er sie genau. Oft war er dabei in Begleitung von Jeanie, der Polizeikatze, die ebenfalls in der Station lebte; beide verstanden sich offenbar recht gut.

Es kursierte damals die Geschichte, dass The White Sergeant einem der Bow Street-Polizisten das Leben rettete. Der Mann war auf seinem Streifengang überfallen und schwer verletzt worden. Charlie, der sich gerade in der Nähe aufhielt, rannte zur nächst gelegenen Polizeistation und zerrte den Diensthabenden nach draußen und zu der Stelle, wo der verletzte Polizist lag, der durch den beherzten Einsatz Charlies gerettet werden konnte.

1869 starb der Hund in der von ihm so geliebten Polizeiwache. Ich denke, dass dem einen oder anderen Polizisten eine Träne in die Augen gekommen ist.

Seit Mai diesen Jahres ist in den Büros und Gefängniszellen der ehemaligen Bow Street Police Station ein Museum untergebracht, das sich mit der Geschichte der Polizei in diesem Teil Londons beschäftigt.

Der Eingang zum Bow Street Police Museum.
Author: Hsq7278.
Creative Commons 4.0
Published in: on 21. Oktober 2021 at 02:00  Comments (1)  

Hunting the Mallard – Die exzentrische Entenjagd im All Souls College in Oxford

Das All Souls College in Oxford.
Photo © Philip Halling (cc-by-sa/2.0)

„Die spinnen, die Briten“, würde Asterix sagen, wenn er von diesem seltsamen Brauch gehört hätte, der im All Souls College in Oxford gepflegt wird. Ein Brauch, der einmal in 100 (in Worten: Hundert) Jahren ausgeübt wird und der Hunting the Mallard heißt. Gejagt beziehungsweise gesucht wird hier eine Stockente (mallard). Warum?

Es begann im Jahr 1437, als das College erbaut wurde. In einem Graben fanden Bauarbeiter eine überdimensionale Ente, die sofort wegflog, so dass sie nicht gefangen und verspeist werden konnte. Die Fellows des Colleges fanden das schade und organisierten eine jährliche Entenhatz, die kreuz und quer durch All Souls führte. Dass dabei eine Menge Alkohol im Spiel war, lässt sich ahnen.

Da die Exzesse bei der Suche nach der Ente aber immer mehr zunahmen, wurde aus dem jährlichen Schauspiel ein Ereignis, das nur einmal alle 100 Jahre stattfinden sollte: Immer am 14. Januar und immer in einem Jahr, das mit „01“ endet.

Für die letzte Entenjagd im Jahr 2001 wählte man wieder einen Lord Mallard, Dr Martin West, dem sechs Offiziere zur Seite gestellt wurden. Um Mitternacht zog diese Gesellschaft, ergänzt durch weitere Fellows, darunter zwei frühere konservative Kabinettsmitglieder, mit Laternen und Fackeln durch alle Räume des Colleges, vom Keller bis zum Dachboden, unter Absingen des „Mallard Songs„, dessen Refrain so geht:

O, by the blood of King Edward
O, by the blood of King Edward,
It was a swapping, swapping Mallard!

Der Lord Mallard, der eine hölzerne Ente in der Hand hielt, wurde dabei von vier Fellows auf einer Sänfte getragen. Vorab ergötzten sich alle an einem 14-gängigen Abendessen in der Codrington Library des Colleges.

Bei dem vorletzten „Enten-Event“ im Jahr 1901 war übrigens der spätere Erzbischof von Canterbury, Cosmo Lang, der Lord Mallard.

Die Wahrscheinlichkeit, dass jemand von uns das nächste Hunting the Mallard am 14. Januar 2101 miterlebt, ist wohl eher gering. Hoffentlich gerät bis dahin dieser skurrile Brauch nicht in Vergessenheit.

Nach so einer Stockente wird in Oxford gesucht.
Photo © Albert Bridge (cc-by-sa/2.0)
Published in: on 16. Oktober 2021 at 02:00  Comments (3)  

Michael Edwards aka Eddie the Eagle – Der berühmteste Skispringer Englands

Author: Royal Navy Media Archive.
Creative Commons 2.0

Die spinnen die Finnen könnte man in Anlehnung an den Titel eines Asterix-Buches sagen, als in Finnland die Single „Fly Eddie, Fly“ eines Engländers namens Michael Edwards auf Platz 2 der Charts landete. Nirgendwo sonst in Europa erregte dieses Lied Aufsehen, auch nicht in Michaels Heimat. Unter seinem richtigen Namen kannten ihn auch die wenigsten, er war allgemein bekannt als Eddie the Eagle, der berühmteste (und bisher einzige) Skispringer Englands, der 1988 bei den Olympischen Winterspielen im kanadischen Calgary zwar nicht die Goldmedaille gewann, aber immerhin sowohl von der Großschanze als auch von der Normalschanze sprang…und jeweils Letzter wurde. Trotzdem gewann Eddie der Adler jede Menge Sympathie, die er auch ausnutzte, solange sein „Ruhm“ vorhielt.

Der im „Mammoth Book of Losers“ gelistete Skispringer, der bei keinen weiteren Olympischen Spielen antrat, nahm die oben genannte Single auf (trotz seiner Stimme, die in etwa der Qualität seiner olympischen Leistungen entspricht), und da man ihn in Finnland offensichtlich mochte, sang er auch noch auf Finnisch „Mun nimeni on Eetu„, was soviel wie „Mein Name ist Edward“ heißt und „Eddien Siivellä“ („Auf Eddies Flügeln“). Und dann brachte Eddie 1990 auch noch ein Buch auf den Markt mit dem Titel „On the Piste: Stories and Tales from the Slope„, das aus unerfindlichen Gründen heute bei Amazon USA zwischen $877 und $1000 gehandelt wird, während es bei Amazon UK schon für einen Penny zu haben ist.

Eddies Leben wurde sogar verfilmt und kam 2015 unter dem Titel „Eddie the Eagle“ (dt. „Eddie the Eagle – Alles ist möglich“) in die Kinos, mit Taron Egerton in der Hauptrolle. Hier ist der deutsche Trailer.

Stefan Raab holte Eddie the Eagle einmal in seine Show TV Total; hier ist sein Auftritt zu sehen.

Published in: on 8. Oktober 2021 at 02:00  Kommentar verfassen  

The Ancient Order of the Purbeck Marblers and Stonecutters in Corfe Castle (Dorset) und eine kuriose Zeremonie

Corfe Castle und der Fox Inn.
Author: Anguskirk.
Creative Commons 2.0

Der auf der Isle of Purbeck in der Grafschaft Dorset abgebaute Purbeck-Marmor ist in vielen englischen Kathedralen zu finden wie in denen von Exeter, Lincoln und Ely, vor allem aber in der Kathedrale von Salisbury. Heute wird hier nur noch gelegentlich Marmor abgebaut, aber der Ancient Order of the Purbeck Marblers and Stonecutters existiert noch immer, und einmal im Jahr treffen sich die Freemen of the Order zu einer ganz besonderen Zeremonie in Corfe Castle, der Aufnahme neuer Mitglieder.

Jeweils am Fastnachtsdienstag versammeln sich die Anwärter im Fox Inn und harren der Dinge, die da kommen sollen. Im Rathaus der Stadt, dem angeblich kleinsten in England, haben sich die Freemen zusammengefunden, die darüber diskutieren, welche der Bewerber aufgenommen werden sollen. Nachdem man sich darüber geeinigt hat, werden diese in die Town Hall gerufen, die dann freudig herbeieilen und ihre Initiierung mit einem Glas Bier und einem Laib Brot bezahlen. Damit wäre der erste Teil der Zeremonie beendet. Der zweite folgt gleich darauf. Der auf der Isle of Purbeck abgebaute Marmor wurde immer von Corfe Castle auf Wagen nach Poole an der Küste gebracht, wo er am Ower Quay verladen wurde. Dieser fünf Kilometer lange Weg und ein Fußball spielen eine Rolle bei Zeremonie Teil 2. Der Fußball wird von dem Freeman, der zuletzt geheiratet hat, besorgt und die gesamte Strecke bis zur Küste entlang gekickt, ohne ihn mit den Händen anzufassen. Am Ziel angekommen, wird ein Pfund Pfeffer über den Ball gestreut und dieser dann ins Meer gebolzt. Diese Geschehnisse beruhen auf dem Jahrhunderte alten Brauch, dem Besitzer des Landes, durch das der Marmor transportiert wurde, einen Tribut für das Wegerecht in Form von Pfeffer zu entrichten, der damals sehr viel wertvoller war als er das heute ist.

Exzentrisch? Ich glaube schon.

Die Town Hall.
Photo © Christine Matthews (cc-by-sa/2.0)
Was vom Ower Quay bei Poole übrig geblieben ist.
Photo © Mike Faherty (cc-by-sa/2.0)
Published in: on 17. September 2021 at 02:00  Comments (1)  

The Beam Heath Trust oder Wie man reich wird in Nantwich (Cheshire)

Die Middlewich Road im Norden von Nantwich, links und rechts der Straße liegt die Beam Heath.
Photo © Espresso Addict (cc-by-sa/2.0)

Die kleine Stadt Nantwich in der Grafschaft Cheshire liegt nahe der Grenze zu Wales und verfügt über eine hübsche High Street mit sehenswerten Fachwerkhäusern. Hier gibt es eine Tradition, die in das Jahr 1823 zurückreicht und auf dem sogenannten Beam Heath Act basiert, einem Gesetz, das in diesem Jahr das britische Parlament erlassen hat.

Beam Heath war eine Fläche vor den Toren Nantwichs, auf dem seit Menschengedenken Kühe grasen durften. Das änderte sich durch das Gesetz, das vorsah, das Areal für eine andere landwirtschaftliche Nutzung zu verwenden, zum Verdruss der Kuhbesitzer. Damit diese aber entschädigt werden konnten, wurde der Beam Heath Trust gegründet, der darauf achten sollte, dass ein Teil der Einnahmen, die hier erzielt wurden, auf die Geschädigten verteilt werden. Dieser Trust existiert noch heute, und auch heute kommt ein Teil der Bewohner in den Genuss dieser Ausschüttung.

Die Trust-Einnahmen wuchsen in den letzten Jahren, weil sich auf dem Areal beispielsweise ein Supermarkt der Sainsbury-Kette niedergelassen hat, sowie der Barony Employment Park, ein Gewerbegebiet mit Büroflächen. All das, zusammen mit weiterhin landwirtschaftlich genutzten Flächen, spült Geld in die Kassen des Beam Heath Trusts, der dies zu gleichen Teilen auf die etwa 2000 anspruchberechtigten Bürger von Nantwich verteilt.

Die Auszahlung erfolgt nicht etwa per Banküberweisung, jeder erhält einen Scheck, der persönlich an der Haustür übergeben wird. Ende der 1990er Jahre betrug die Dividende £4, nach der Ansiedlung von Sainsbury und anderen Gewerbetreibenden kletterte sie auf über £30.

Sainsbury’s Superstore in Nantwich spült Geld in die Kasse des Beam Heath Trusts.
Photo © Christopher Hilton (cc-by-sa/2.0)

Published in: on 16. August 2021 at 02:00  Kommentar verfassen  

Der eitle Vikar von St Swithun’s in Woodbury (Devon)

Photo © David Smith (cc-by-sa/2.0)

Der heilige Swithun von Winchester, der von 800 bis 862 gelebt hatte, gab der Gemeindekirche von Woodbury (Devon) seinen Namen, einem Dorf südöstlich von Exeter. Mitte des 19. Jahrhunderts war ein Vikar mit dem schönen Namen Loveband Parminter für die Belange seiner Schäfchen zuständig. Loveband war ein recht eitler Mann, und er liebte es, sich bei den Gottesdiensten in seiner Kirche zur Geltung zu bringen, gerade wenn junge Frauen anwesend waren (damals geschah das wohl noch, im Gegensatz zu heute). Dummerweise stand einer der bedeutendsten Gegenstände der Kirche, neben dem Taufbecken und der Kanzel, der Lettner im Wege, um den Vikar in seiner vollen Schönheit betrachten zu können. Für diejenigen, die nicht wissen, was ein Lettner (englisch: rood screen) ist, hier die Definition der Wikipedia:

„Der Lettner…ist eine steinerne oder hölzerne, mannshohe bis fast raumhohe Schranke, die vor allem in Domen, Kloster- und Stiftskirchen den Raum für das Priester- oder Mönchskollegium vom übrigen Kirchenraum, der für die Laien bestimmt war, abtrennte“.

Um das Blickfeld von der Gemeinde zu ihrem Vikar zu verbessern, beauftragte Loveband einen örtlichen Schreiner damit, den Lettner radikal zu kürzen. Der Mann verweigerte sich aber diesem Auftrag, denn er wollte nicht dafür in Rechenschaft gezogen werden, dieses alte Kirchenteil verunstaltet zu haben. Also legte Loveband selbst Hand an. Schnell sprach es sich bis zu seinem Vorgesetzten, dem Bischof von Exeter, herum, dass da jemand seiner Leute unter die Vandalen gegangen war. Der Bischof verlangte eine umgehende Entschuldigung, außerdem musste der Vikar den entstandenen Schaden, beziehungsweise die Behebung desselben, aus eigener Tasche bezahlen.

Loveband Parminter konnte froh sein, dass ihn der Bischof nicht von seinen Pflichten befreite, er blieb auch weiterhin Vikar von St Swithun’s.

Published in: on 5. August 2021 at 02:00  Kommentar verfassen  

Audlem in Cheshire – Ein Dorf, das einmal versuchte, sich Wales anzuschließen

Photo © Christopher Hilton (cc-by-sa/2.0)

Audlem in Cheshire, ein Dorf mit knapp 2000 Bewohnern, einer Kirche, St James, und drei Pubs, The Shroppie Fly, The Bridge Inn und The Lord Combermere. Die A525 schlängelt sich durch den Ort und der Shropshire Union Canal berührt ihn. Hier ist doch eigentlich die Welt in Ordnung, oder?
Nun, im Jahr 2008 rumorte es in dem Dorf, denn die Bewohner (nicht alle, doch sehr viele) verspürten das große Bedürfnis, nicht mehr zu England zu gehören, sondern zu Wales, das etwa 14 Kilometer entfernt liegt.

Eigentlich begann alles mit einem Aprilscherz, diese Absage an Cheshire und England, doch allmählich wurde es ernst und es kam zu einer Online-Abstimmung, bei der sich 63% der Teilnehmer für einen Anschluss an Wales aussprachen. Wie das über die Bühne gehen sollte, war keinem so recht klar, denn Audlem war kein Grenzort zu Wales, dazwischen lag zum Beispiel noch das deutlich größere, zu Shropshire gehörende Whitchurch.

Was war denn nun der Beweggrund für den Absonderungswunsch Audlems? Viele fühlten sich in dem abseits gelegenen Ort von den Behörden vernachlässigt und übersehen. Niemand schien sich so recht um die Anliegen der Dorfbewohner zu kümmern. Dazu kamen noch einige andere Dinge, die die Menschen störten. So sollten die Rezeptgebühren erhöht werden, während die Waliser dafür nichts bezahlen mussten. Was die Bewohner des Ortes weiterhin aufregte, war, dass die Parkgebühren am nächstgelegenen Krankenhaus in Crewe um 50% angehoben worden waren. Ein ganzes Bündel an Unmut erregenden Dingen war in dem kleinen Dorf also zusammengekommen.

Natürlich wurde aus dem Annäherungswunsch an Wales nichts, aber immerhin war es ein Schuss vor den Bug der zuständigen Behörden, und in Wales hat man die ganze Sache sicher mit einem Schmunzeln registriert.

Published in: on 3. August 2021 at 02:00  Kommentar verfassen  

Die Miss Great Britain Party – Eine kurzlebige Partei, die durchaus ihre Reize hatte

Author: pageantcast.
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Make Westminster sexy not sleazy“ war der Wahlspruch der „Miss Great Britain Party„, die 2008 gegründet wurde, im Jahr darauf aber schon wieder von der Bildfläche verschwand. Kandidatinnen waren mehrheitlich Teilnehmerinnen der britischen Schönheitswettbewerbe. Gründer war der damalige Vorsitzende des Miss Great Britain Wettbewerbs, Robert de Keyser.

Unter dem Motto „Wandel durch Schönheit“ wollten die hübschen Damen Bewegung in die ihrer Meinung nach langweilige, von Männern in grauen Anzügen geprägte politische Szene bringen.

Einige ihrer Ziele waren:
– Mütter mit Kindern, die ihre Arbeit aufgeben, sollen finanziell besser gestellt werden.
– Ein nationaler Bank Holiday, an dem der Bevölkerung die Gelegenheit gegeben werden soll, gut auszusehen.
– Bessere Besoldung der britischen Soldaten.
– Höhere Steuern für Besserverdiener

Also alles vernünftige Ziele, die auch den etablierten Partei gut anstehen würden.

Leider bekamen die kurvenreichen Damen in der Politik nicht die Kurve, und der Erfolg der MGB-Party bei den Wahlen an denen sie teilgenommen hat, war sehr überschaubar: Sie hat die 1%-Marke nie überschritten.
Eigentlich schade…

Published in: on 27. Juli 2021 at 02:00  Kommentar verfassen  

Motorrad-Leichenwagen aus Measham in Leicestershire

Author: johngarghan.
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Eine Marktlücke der besonderen Art hatte Reverend Paul Sinclair aus Measham in Leicestershire ausgemacht. Wenn Motorradfahrer sterben, wollen sie dann in einem Auto zur letzten Ruhestätte gefahren werden? NEIN!!! “No one places an Everton fan in a Liverpool strip when they die so why should a motorcycle enthusiast be last seen in an automobile?”, so steht es auf den Webseiten der Firma zu lesen. Also kreierte Sinclair, ein Pfarrer der Pfingstgemeinde, Motorräder mit angebauten Leichenwagen.

Der Erfolg der 2002 gegründeten Firma Motorcycle Funerals war und ist so groß, dass mittlerweile Beerdigungen in ganz England und Schottland durchgeführt werden. Paul Sinclair ist vor zwei Jahren gestorben und natürlich wurde der begeisterte Biker auch in einem seiner speziellen Leichenwagen zu seiner Trauerfeier gefahren, begleitet von zahlreichen Motorradfahrern, die dem Reverend ihre letzte Ehre erweisen wollten.

Zur Auswahl stehen Triumphs, eine Suzuki und eine Harley-Davidson. Die Suzuki Hayabusa ist das Paradestück der Firma. Das Motorrad kann über 200 km/h fahren und hält den Weltrekord als schnellster Leichenwagen der Welt (hier ist ein Film darüber), aufgestellt auf dem Elvington Race Track in North Yorkshire. Wer es also besonders eilig hat, zu seiner eigenen Beerdigung zu gelangen, ist mit der Suzuki bestens bedient.

Auf der Facebook-Seite von Motorcycle Funerals kann man sich mehrere Videos anschauen, in denen die Leichenwagen der Firma zu sehen sind. Und hier ist ein Beispiel für eine Beerdigungsfeier mit einer „motorcycle hearse“.
In anderen Ländern wie Irland, Australien und den USA wird dieser letzte Service für Biker ebenfalls angeboten.

Published in: on 22. Juli 2021 at 02:00  Kommentar verfassen  

Alex Mitchell, ein Mann aus King’s Lynn (Norfolk), der sich buchstäblich zu Tode lachte, während er im Fernsehen eine Comedyshow sah

Dem kann ich leider nicht uneingeschränkt zustimmen…
Author: Melody Campbell
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Die englischsprachige Wikipedia hat einen eigenen Eintrag zum Thema „Death from laughter“ („Tod durch Lachen“ heißt der Artikel in der deutschsprachigen Ausgabe); darin wird auch der eigenartige Tod des Alex Mitchell aus King’s Lynn (Norfolk) zitiert, der sich am 24. März 1975 tatsächlich zu Tode lachte, während er sich im Fernsehen eine Folge der Comedyshow „The Goodies“ ansah. Der gelernte Maurer brach in ein unkontrolliertes Gelächter aus, das eine halbe Stunde andauerte, dann brach er zusammen und war tot. Ist das eine schöne Art zu sterben? Darüber mag man geteilter Meinung sein. Alex Mitchells Frau schrieb später einen Brief an die Comedians der Show, in dem sie sich dafür bedankte, dass sie ihrem Mann die letzten Momente auf Erden so angenehm gemacht hatten.

Was war denn nun an der Comedyshow so lustig? The Goodies waren die drei Comedians Tim Brooke-Taylor, Graeme Garden und Bill Oddie, die von 1970 bis 1982 allerlei mehr oder weniger alberne Sketche aufführten und die sich viele Jahre später noch einige Male zu Reunion Shows zusammenfanden. Die Episode, die dem Mann aus King’s Lynn das Leben kostete, weil er sich über alle Maßen amüsierte, hieß „Kung Fu Kapers„. Darin geht es um das Erlernen der Kampfsportart Kung Fu von Tim und Graeme, während der dritte Goodie, Bill, sich über seine Kumpels lustig macht, weil er selbst eine eigene Kampfsportversion namens Ecky Thump beherrscht, die eigentlich nur darin besteht, tollpatschige Angreifer mit einem Black Pudding auf den Kopf zu hauen. Nun, das mag man lustig finden (oder auch nicht), Alex Mitchell jedenfalls amüsierte sich köstlich bis zu seinem letzten Atemzug.

Der wahre Grund für Alex Mitchells plötzliches Ableben war aber wahrscheinlich ein anderer: Er litt unter dem sogenannten Long-QT-Syndrom, eine seltene, oft vererbte Krankheit, die zum plötzlichen Herztod führen kann. Bei seiner Enkelin stellten die Ärzte dieselbe Krankheit fest.

Hier sind die Ecky Thump-Szenen zu sehen und hier die ganze Episode.

Published in: on 24. Juni 2021 at 02:00  Comments (3)  

Bizarre Gesetze made in England

Gefährlich für Waliser: Der Cathedral Close in Hereford.
Photo © Jonathan Billinger (cc-by-sa/2.0)

Es gab und gibt merkwürdige Gesetze in England, die, vor längerer Zeit erlassen, manchmal noch immer gültig sind. Einige von ihnen habe ich in meinem heutigen Blogeintrag zusammengestellt.

Mein absoluter Favorit gleich am Anfang: In Liverpool ist es für Frauen verboten, sich „topless“ in der Öffentlichkeit zu zeigen…es sei denn, die Dame ist Angestellte in einem Geschäft, das tropische Fische verkauft. Schräger kann ein Gesetz wohl kaum sein, wenn es denn überhaupt stimmt. Ein konkreter Beweis für die Richtigkeit des Gesetzes ist, wie ich recherchiert habe, noch niemandem gelungen. Vielleicht sollte man bei seinem nächsten Besuch in der Stadt der Beatles einmal einen Blick in das Wavertree Nook Aquarium Centre in der Wavertree Nook Road 67 werfen, in der es eine große Auswahl tropischer Fische gibt.

Schwangere haben es gut in England, wenn sie unterwegs sind und sie ein menschliches Bedürfnis überkommt. Sie dürfen sich problemlos überall erleichtern, selbst, wenn sie nett darum bitten, in den Helm eines Polizeibeamten.

Waliser dagegen haben es nicht so gut, wenn sie die Städte Hereford oder Chester besuchen. Vor allem sonntags sollten sie in Hereford den Cathedral Close meiden, denn es ist legal, diese Besucher zu erschießen, allerdings nur mit Pfeil und Bogen. In Chester ist das auch möglich, aber lediglich innerhalb der Stadtmauern nach Mitternacht.

Auch Schotten müssen vorsichtig sein, wenn sie der Stadt York einen Besuch abstatten, denn sie können dort innerhalb der Stadtmauern ohne Weiteres ermordet werden, aber nur wenn sie mit Pfeil und Bogen bewaffnet sind. Also, liebe Leute aus Glasgow und Edinburgh, lasst Eure Waffen besser zuhause.

Wer unbedingt ein Brett durch die Straßen Londons tragen will, sollte sich das vorher gründlich überlegen, denn das ist verboten, was wiederum nicht für die City of London gilt, da kann man den ganzen Tag lang Bretter schleppen.

Dass man seine Kühe zwischen 10 Uhr und 19 Uhr nicht durch Londoner Straßen spazieren führen darf, versteht sich wohl von selbst; der Metropolitan Streets Act verbietet das ausdrücklich.

Sollte man beim Gassigehen mit seinem Hund der Queen begegnen, die ebenfalls ihre Corgis ausführt, bitte Vorsicht! Bürgerliche Hunde dürfen sich nämlich auf gar keinen Fall mit royalen Hunden paaren. Strengstens verboten.

Kommen wir noch einmal auf das Thema „Urinieren in der Öffentlichkeit“ zurück. Polizeihelme stehen Männern da leider nicht zur Verfügung, auch ist das eigentlich nicht gestattet, doch es gibt da einen Ausweg. Männer dürfen das tun, und zwar an den hinteren Rädern ihres Autos, wobei sie darauf achten müssen, dass bei dem Vorgang ihre rechte Hand auf dem Fahrzeug liegt.

Und zum Schluss noch eine Sache, bei der man sich strafbar macht: Wer im Zeitalter der E-Mail tatsächlich noch immer Briefe schreibt, der muss unbedingt beim Aufkleben der Briefmarke darauf achten, dass diese nicht kopfüber angebracht wird, wenn sie denn das Bild der regierenden Monarchin trägt, denn das wäre ein Akt des Hochverrats.

Ja, im Notfall dürfen Schwangere den Polizeihelm benutzen
Author: Matt from London
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Published in: on 27. Mai 2021 at 02:00  Comments (3)  

Die Lincoln Drill Hall, ein Theaterstück und ein Zuschauerpärchen, das des Saales verwiesen wurde

Die Lincoln Drill Hall.
Author: Reading Tom
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Es hat nicht viel gefehlt und Corona hätte der Drill Hall in Lincoln (Lincolnshire) den Garaus gemacht. Das 1890 erbaute Veranstaltungsgebäude durfte monatelang keine Zuschauer empfangen und erhielt von der Stadt Lincoln keine finanzielle Unterstützung mehr; da kam wie ein rettender Engel die Lincoln College Group daher, die das Haus übernahm und es auch weiterhin als Veranstaltungszentrum aufrecht erhalten will. So wird es auch zukünftig in der Drill Hall Liveauftritte von Bands, Theateraufführungen und Ausstellungen geben.

Eine Begebenheit sorgte im Jahr 2009 für Heiterkeit in der Stadt über die das Lincolnshire Echo berichtete. In der Drill Hall gastierte eine Theatertruppe, die John Godbers Bühnenstück „Bouncers“ aufführte (hier ein Ausschnitt aus einer Aufführung des Theatre Royal Winchester) . Darin geht es um die Türsteher eines Nachtclubs in Englands Norden, angekündigt von den Veranstaltern als „laugh until they throw you out”.

Das ist doch das ideale Geburtstagsgeschenk für meinen Freund dachte sich Sharon Whitelaw und lud Tony Priestley zu dieser Comedy ein. Tatsächlich fanden die beiden das Theaterstück genauso lustig wie es angekündigt worden war und lachten was das Zeug hält. In der Pause kam dann die Ernüchterung, das Pärchen wurde vom Management gebeten, nicht wieder in den Zuschauerraum zurückzukehren. Offensichtlich hatten die Veranstalter ihren Werbespruch wörtlich genommen und Sharon und Tony hinausgeworfen…eben weil sie zu sehr lachten. Andere Theaterbesucher hatten sich beschwert, weil die beiden angeblich an den falschen Stellen lachten, zu laut waren und gegen die Vordersitze traten. Waren die zwei vielleicht vorher im Pub gewesen und hatten etwas getrunken? Wie auch immer, das Management erstattete ihnen das Geld für die Eintrittskarten und ziemlich betreten verließen sie die Drill Hall. Ob der Spruch „laugh until they throw you out“ im weiteren Verlauf der Tournee beibehalten wurde, kann ich leider nicht sagen.

Der Hintereingang zur Drill Hall.
Photo © Dave Hitchborne (cc-by-sa/2.0)
Published in: on 24. Mai 2021 at 02:00  Kommentar verfassen  

Das Windsor Castle und eine mysteriöse Bierlieferung am 10. September 2008

Hier am Windsor Castle steht man nicht wegen Freibiers an!
Photo © Chris Allen (cc-by-sa/2.0)

Schauplatz 1: Das Windsor Castle.
Am 10. September 2008 hielt vor dem Lieferanteneingang des Windsor Castles ein LKW. Der Fahrer stieg aus und fragte einen der royalen Bediensteten, wo er denn seine bestellten zwölf Bierfässer abladen sollte. „Weißt Du etwas von einer Bierlieferung?“ fragte der einen seiner Kollegen, der aber auch nicht Bescheid wusste. Die Queen ist nicht gerade für ihren großen Bierkonsum bekannt. Sollte etwa eine Party in der Burg stattfinden, und man hatte vergessen, die Dienerschaft zu informieren? Oder hatte da vielleicht Prinz Harry seine Hände im Spiel, der fünf Tage später seinen 24. Geburtstag feiern würde? Die Ratlosigkeit war groß.

Schauplatz 2: The Windsor Castle in Maidenhead (Berkshire).
Ungeduldig schaute der Wirt des Windsor Castle Pubs, Misko Coric, auf seine Uhr. Heute Abend sollte das Fußballspiel Kroatien gegen England stattfinden, und er erwartete in seinem Pub ein volles Haus, deshalb hatte er Biernachschub bestellt, der für gut 2000 Pints ausreichen sollte. Doch der LKW kam und kam nicht. Ein Anruf beim Lieferanten brachte Erleichterung: Der Fahrer hatte das Bier irrtümlicherweise zum „richtigen“ Windsor Castle gebracht anstatt zum Windsor Castle Pub an der Bath Road in Maidenhead. Mit dreistündiger Verspätung kam der Bierwagen dann doch noch rechtzeitig im Pub an, und die Gäste konnten sich am Abend bei der Live-Übertragung des Fußballspiels daran erlaben. England gewann das Spiel mit 4:1.

Misko Covic ist noch immer der Wirt im Windsor Castle und hin und wieder erhält er Post, die eigentlich für die große Burg acht Kilometer entfernt gedacht ist. Vielleicht sollten sich die Royals einmal überlegen, ob sie ihre Burg nicht umbenennen sollten, damit so etwas nicht mehr vorkommt?

The Windsor Castle an der Bath Road in Maidenhead (Berkshire).
Photo © emma mykytyn (cc-by-sa/2.0)

Published in: on 19. Mai 2021 at 02:00  Kommentar verfassen  

Piddle, Puddle… Kurioses aus Dorset

Der River Piddle beim Athelhampton House.
Photo © DAVID M GOODWIN (cc-by-sa/2.0)

Dorset – Die Grafschaft mit den merkwürdigen Ortsnamen“ heißt ein Blogeintrag, den ich vor fast neun Jahren erstellt habe. Heute möchte ich das Thema noch einmal aufnehmen und zwar rund um den River Piddle. Das Flüsschen mit dem merkwürdigen Namen, der sich im Laufe der Jahrhunderte zu seiner heutigen Form entwickelt hat, entspringt in Alton Pancras, ebenfalls in Dorset gelegen, und mündet bei Wareham ins Meer.

Entlang des River Piddle ziehen sich Ortschaften, deren Namen sich auf den kleinen Fluss beziehen. Da gibt es ein Piddletrenthide (da der Fluss auch einen Zweitnamen hat, nämlich River Trent, hat man hier beide Namen zusammengezogen) mit seiner eindrucksvollen All Saints Church, gefolgt von Piddlehinton mit der Piddle Brewery und einem Lokal namens Griddle at the Piddle. Und dann geschieht etwas Unvorhergesehenes: Aus Piddle wird Puddle, das heißt, die Ortsnamen verändern sich durch einen Buchstaben. Wir kommen zuerst nach Puddletown, das unter anderen Namen in Thomas Hardys Romanen erscheint, dann an dem wunderschönen Athelhampton House vorbei (siehe dazu meinen Blogeintrag über meinen Besuch dort) nach Tolpuddle, das durch die Tolpuddle Martyrs auch außerhalb Dorsets bekannt geworden ist. Es folgt das kurios benannte Affpuddle, und dann kommen wir nach Briantspuddle mit seinen attraktiven reetgedeckten Cottages. Hinter dem winzigen Turners Puddle schließlich hat es sich ausgepiddelt und -gepuddelt.

Warum nun der Wechsel von „Piddle“ zu „Puddle“? Man erzählt sich, dass die spätere Queen Victoria als junges Mädchen einmal in dieser Region unterwegs war und da „to piddle“ in der Kindersprache auch „urinieren“ bedeutet, wollte man das der jungen Kinderseele nicht zumuten und wechselte das „i“ gegen ein „u“ aus, zumindest in einigen Ortschaften.

Piddletrenthides All Saints Church.
Photo © Mike Searle (cc-by-sa/2.0)
Photo © Chris Downer (cc-by-sa/2.0)
Puddletown
Photo © Richard Slessor (cc-by-sa/2.0)
Das Tolpuddle Martyrs Museum
Photo © Malc McDonald (cc-by-sa/2.0)
Das Cruck Cottage in Briantspuddle
Photo © Edmund Shaw (cc-by-sa/2.0)
Published in: on 15. Mai 2021 at 02:00  Comments (6)  

Die berühmten Gänse von Sowerby Bridge in West Yorkshire

Gestatten, wir sind die Gänse von Sowerby Bridge!
Author: sk8geek
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Sowerby Bridge ist eine Kleinstadt mit rund 10 000 Einwohnern, nicht weit von Halifax und Huddersfield entfernt. Sie liegt am River Calder, über den eine Brücke führt auf der die viel befahrene A58 in die Stadt geleitet wird. Der Ort weist eine Besonderheit auf, die einige vielleicht als störend empfinden, der Großteil der Bevölkerung aber liebt sie: Es handelt sich um eine Gänseschar, die schon seit Jahren queerbeet durch Sowerby Bridge läuft und sich dabei nicht besonders um den Autoverkehr kümmert. Die Gänse gehen in der Stadt spazieren, mal auf dem Bürgersteig, mal mitten auf der Straße, wie es ihnen gerade einfällt. Mal sieht man sie auf dem Weg zum Fluss, wo sie ja eigentlich hingehören, mal kommen sie vom Fluss, um sich zu informieren, ob es in der Stadt etwas Neues gibt. Die Autofahrer aus Sowerby Bridge haben sich längst daran gewöhnt, anzuhalten und abzuwarten, bis die Gänse den Weg frei gemacht haben. Das Federvieh ist zu einer kleinen Berühmtheit geworden, und so war die Empörung groß, als die Gänseschar vor drei Jahren dezimiert wurde, nicht etwa durch einen rücksichtslosen Autofahrer, sondern durch zwei kleine angriffslustige Hunde. Drei Gänse verloren an diesem für Sowerby Bridge schicksalsträchtigen Tag ihr Leben und die Trauer war groß hier in West Yorkshire.
Die Gänse betreiben sogar eine Facebook-Seite mit Dutzenden von lustigen Fotos.

Dass es in der West Street auch noch einen Pub gibt, der The Loose Goose Inn heißt, rundet das Bild von der gänsefreundlichen Stadt Sowerby Bridge ab.

Hier ist ein Film über die Gänse und hier legen sie sich sogar mit der örtlichen Polizei an.

Eine aus der Art geschlagene, entfernte Verwandte der Gänse an der Sowerby Bridge Wharf.
Author: Tim Green aka atoach
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Einer der Lieblingswanderwege der Gänse: Die Brücke über den River Calder.
Author: Tim Green aka atoach
Creative Commons 2.0
Published in: on 9. Mai 2021 at 02:00  Kommentar verfassen  

Faszinierendes York Teil 5: Mad Alices The Bloody Tour of York

Author: rawdonfox
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Mad Alice war eine mysteriöse Figur in der Geschichte der Stadt York, die 1825 aufgehängt wurde, weil sie angeblich ihren Mann vergiftet haben soll. Vielleicht war sie tatsächlich wahnsinnig, vielleicht auch nicht.

Mad Alice nennt sich auch die Stadtführerin, die die Bloody Tour of York anbietet, die an allen markanten Punkten der Stadt vorbeiführt, die mit der grausamen Seite Yorks zusammenhängen. Unsere Alice ist alles andere als „mad“, sie ist sehr redegewandt und kennt sich in der Geschichte ihrer Stadt bestens aus. Ihre etwa 90minütige abendliche Tour ist schon mehrfach ausgezeichnet worden, so zum Beispiel mit dem Tourism Award im vorigen Jahr.

Startpunkt ist das St William’s College in der College Street, eines der schönsten Häuser Yorks. Von dort geht es auf den Spuren von Mördern, Hexen, Highwaymen quer durch die Stadt. Man passiert die Stadttore, über die es so einiges zu berichten gibt und geht The Shambles entlang, wo im 16. Jahrhundert die Märtyrerin Margaret Clitherow wohnte, der man unterstellte, katholische Priester in ihrem Haus versteckt zu haben und die auf bestialische Weise getötet wurde, indem man sie mit ihrer eigenen Haustür zerquetschte. Die Tour führt über die Stadtmauern, von denen aus man eine besondere Perspektive auf York genießen kann.

Wer sich für die Geschichte Yorks interessiert, kommt mit Alices Tour voll auf seine Kosten. Die Teilnahme beträgt  £10; die Bloody Tour of York wird, außer montags, täglich um 18 Uhr durchgeführt, im Dezember und Januar nur samstags.

Armchair Traveller können die Tour, dank youtube, auch am heimischen Fernsehgerät oder PC mitmachen. Hier ist Teil 1 der vierteiligen Reihe.

Wer jetzt an Mad Alice Gefallen gefunden hat, der kann eine weitere Tour mit ihr buchen: The Bloody York Gin Tour. Hierbei geht es sowohl um die Geschichte Yorks als auch um das Thema Gin, denn es gibt in der Stadt eine renommierte Gin Destillerie, York Gin, deren Produkte mehrfach ausgezeichnet worden sind. Während dieser speziellen Führung werden drei Stopps in Bars oder Pubs eingelegt, in denen jeweils ein Gin Tonic serviert wird, wobei der Gin selbstverständlich aus dem Hause York Gin stammt („Guests are discouraged from drinking before the tour commences“!!). Mad Alice achtet sehr darauf, dass sich hier keiner der Tourteilnehmer daneben benimmt!!

Startpunkt der Tour: Das St William’s College.
Photo © Philip Halling (cc-by-sa/2.0)
The Shambles mit dem Haus Margaret Clitherows (links).
Photo © Euan Nelson (cc-by-sa/2.0)
Die Adresse des Gin Shops: Pavement 12.
Author: Chippykev
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Published in: on 30. April 2021 at 02:00  Kommentar verfassen  

Faszinierendes York Teil 3: The Historic Toilet Tour

King’s Manor.
Eigenes Foto.

Zu einem festen Bestandteil eines Aufenthaltes in der Stadt York gehört für viele Besucher ein abendlicher Ghost Walk. Ich habe zwei dieser Touren mitgemacht, eine private und eine öffentliche, und darüber in meinem Blog geschrieben. Nach Möglichkeit sollte man in der dunklen Jahreszeit diese Ghost Walks unternehmen, denn im Sommer, wenn es bis in den späten Abend hinein noch hell ist, kommt da keine gruselige Stimmung über.

In York werden aber noch viel andere Themen-Rundgänge angeboten, die nicht so bekannt sind, zum Beispiel die Historic Toilet Tour. Klingt ein bisschen abgedreht, ist es auch, aber wir befinden uns eben in einer der exzentrischsten Orte in England.
Natürlich hatten schon die frühesten Bewohner von York menschliche Bedürfnisse, denen sie in irgendeiner Form nachkommen mussten. Heute besucht man eine öffentliche Toilette, wenn man denn eine auf die Schnelle findet, vor Jahrhunderten war das dann noch etwas schwieriger. Die Wikinger gruben ein Loch in den Boden, verrichteten ihr Geschäft, säuberten sich mit dem, was gerade greifbar war, mit Pflanzen oder Steinen, und machten das Loch wieder zu. Im Mittelalter war es nicht ratsam, sich direkt unterhalb der Stadtmauern aufzuhalten, denn man wusste nie, was da möglicherweise von oben herunterkam.
Die Historic Toilet Tour führt zum Beispiel zum unheimlich wirkenden King’s Manor (siehe dazu meinen Blogeintrag), wo sich Heinrich VIII., wenn er zu Besuch war und ihn ein menschliches Bedürfnis überkam, sich in die sogenannte „garderobe“ zurückzog, von wo aus es einen direkten Zugang zum Stadtgraben gab. Im Monk Bar, wo heute das Richard III. Museum untergebracht ist, kann man sich so eine „garderobe“ ansehen (aber nicht mehr benutzen!!!).

In diesen „bars“ genannten Eingangstoren von York waren eine Zeit lang Pissoirs für Männer eingerichtet (für die Damen war das alles sehr viel schwieriger), damit sie nicht die Mauern, Wände und Nischen der Stadt benutzten.

Wann diese Touren in der Nach-Coronazeit wieder aufgenommen werden, ist ungewiss. Das Visitor Information Centre in der Museum Street kann dann Auskunft geben.

Siehe auch meinen Blogeintrag über London Loo Tours.

Monk Bar
Author: tj.blackwell
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Published in: on 28. April 2021 at 02:00  Kommentar verfassen  

Faszinierendes York Teil 2: The Purple Man in Stonegate

Author: hummingcrow
Creative Commons 2.0

Über Originale und Exzentriker, die sich auf Englands Straßen tummeln, habe ich vor einigen Jahren in meinem Blog geschrieben. Da gab es den Chicken Man in Worcester, den Shipley Dancer in West Yorkshire und den Norwich Puppet Man.
Auch in York gab es jahrelang ein Original, das vorzugsweise in der Straße Stonegate zu sehen war: The Purple Man. Wie es der Name vermuten lässt, war der Mann ganz in lila gekleidet, sein Gesicht war lila angemalt und sein Fahrrad, auf dem er meistens saß, hatte dieselbe Farbe. Der freundliche Mann in Stonegate war immer unterwegs, um Geld für wohltätige Zwecke zu sammeln. Er wurde sogar in Fernsehstudios eingeladen, um darüber zu berichten, so vor sechs Jahren, als er für Kinder in Syrien Geld für Stofftiere sammelte, die er ihnen im türkisch-syrischen Grenzgebiet selbst überreichte.

Nach dem verheerenden Brand im Londoner Grenfell Tower am 14. Juni 2017, bei dem 72 Menschen starben, brachte The Purple Man Grüße, Geld und Blumen aus York in die Hauptstadt, wo er mit offenen Armen empfangen wurde. Er wohnte früher einmal ganz in der Nähe des Wohnturms.

The Chronicles of Purple Man“ hieß ein Film, der über den Mann in Lila gedreht wurde, der am 20. Juni 2016 seine Uraufführung im City Screen-Kino in York erlebte (hier zu sehen), in Anwesenheit zahlloser Stofftiere.

Mittlerweile ist der liebenswerte Mann mit seinem lila Fahrrad aus dem Stadtbild von York verschwunden und wird von vielen Menschen vermisst.

Photo © Ian S (cc-by-sa/2.0)
Published in: on 27. April 2021 at 02:00  Comments (2)  

The Tetbury Woolpack Races in Gloucestershire

Der Gumstool Hill in Tetbury.
Photo © Alan Murray-Rust (cc-by-sa/2.0)

Tetbury ist eine hübsche Marktstadt in Gloucestershire und Schauplatz eines alljährlich stattfindenden Rennens, der Tetbury Woolsack Races. Am Bank Holiday Monday im Frühjahr geht es los. Der Gumstool Hill ist eine Straße mit einem sehr starken Gefälle (25%) an dessen oberen Ende das Gebäude des ehemaligen The Crown Inn und am unteren Ende The Royal Oak stehen und zwischen diesen beiden Punkten wird das Rennen ausgetragen.
Circa 200 Meter müssen dabei zurückgelegt werden und zwar mit einem 60 Pfund schweren Wollsack (Frauen tragen „nur“ 35 Pfund) auf dem Rücken, da ist Kondition gefragt. Auch Kinder und Jugendliche dürfen mitmachen, die aber eine weit geringere Last den Berg hinaufschleppen müssen. Einen Staffellauf gibt es auch, bei dem ein Viererteam bergauf und bergab laufen muss, wobei es heißt, dass das Bergablaufen noch anstrengender sein soll.

Da an den Endpunkten der Woolsack Races Pubs stehen, liegt es auf der Hand, dass sich viele vor dem Rennen erst einmal mit dem einen oder anderen Pint stärken, was dazu führen kann, dass einige nicht auf dem geradesten Wege nach oben oder nach unten laufen, sondern schon einmal ins Schlingern geraten können.

Der zurzeit gültige Weltrekord steht bei 45.94 Sekunden bei den Männern und wird von Pete Roberts gehalten; bei den Frauen ist es Zoe Dixon, die 2009 innerhalb von 01:05.03 ihren Wollsack den Gumstool Hill hinaufgewuchtet hat.

Die Woolsack Races sind der Höhepunkt des Tetbury Woolsack Days, bei dem jede Menge „Volksbelustigung“ angeboten wird wie Straßenstände, eine Auktion für wohltätige Zwecke und die (unvermeidlichen) Morris-Tänzer.

Die nächsten Wollsackrennen finden erst wieder 2022 statt, für dieses Jahr wurden sie leider wegen Corona abgesagt.
Hier kann man sich das einmal alles ansehen.

Published in: on 23. April 2021 at 02:00  Comments (1)  

Großbritanniens größtes Geschäft für Scherzartikel in Hunstanton (Norfolk)

Photo © Robin Webster (cc-by-sa/2.0)

Mir haben meine Aufenthalte in Hunstanton an der Küste Norfolks gut gefallen. Ich hatte beide Male im Le Strange Arms Hotel in Old Hunstanton übernachtet (siehe dazu meinen Blogeintrag ). Im Sommer kann es in dem Seebad ganz schön voll werden, wenn alle Wohnwagenparks, von denen es hier einige gibt, ausgebucht sind. Viele Urlauber zieht es dann magisch in einen Laden mit der Adresse 2 St Edmunds Terrace, denn an dieser Stelle befindet sich Großbritanniens größtes Geschäft für Scherzartikel jeder Art, World of Fun. In Urlaubslaune wird hier alles gekauft, was man eigentlich nicht braucht und das schon seit 1978, gegründet von Paul Beal, der den „Joke Shop“ noch heute führt. Auf Grund seines großen Erfolges konnte der Inhaber seinen Laden ständig vergrößern, so dass er ein riesiges Sortiment anbieten kann.

In der World of Fun schlug die Geburtsstunde des weltberühmten Fart Sprays, das einen entsetzlichen Gestank verursacht und gern gekauft wird, um die Mitmenschen zu nerven. Es wird weltweit verkauft; in den USA empfiehlt es die Supermarktkette Walmart als „a suitable stocking stuffer during the holidays“. Zu den beliebtesten Scherzartikeln seit Gründung des Joke Shops in Hunstanton gehören Juck- und Niespulver, Whoopee Cushions, die man in Deutschland liebevoll Furzkissen nennt, und Joke Sweets. Letztere sind Süßigkeiten mit Nebeneffekten wie zum Beispiel Bonbons, die die Zunge blau färben.
Wer auf Perücken oder Gesichtsmasken (FFP2-Masken werden nicht angeboten) steht, wird in der World of Fun fündig, über 200 Exemplare stehen jeweils zur Auswahl.

In den Sommerferien hat das Geschäft sieben Tage in der Woche von 9 Uhr bis 20 Uhr geöffnet, in der restlichen Zeit täglich von 9 Uhr bis 17.30 Uhr.
Wem ich jetzt den Mund wässrig gemacht habe, bei dem nächsten Besuch in Hunstanton sich mit Nies- und Juckpulver oder vergleichbar lustigen Dingen einzudecken, der Joke Shop ist nur etwa zwei bis drei Gehminuten vom Meer und von der Strandpromenade entfernt.

Published in: on 16. April 2021 at 02:00  Kommentar verfassen  

Das geheime Leben der Cynthia Watson (1928-2000) aus Midgham (Berkshire)

Midgham in West Berkshire.
Author: andrewdavidlong
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Cynthia Watson lebte zurückgezogen in Midgham, einem kleinen Dorf in West Berkshire, nur ein paar hundert Meter von der A4, der Bath Road, entfernt. Bevor sie hierherzog, hatte sie als Schiffszimmermann bei der Handelsmarine und als Gaucho auf einer Ranch in Argentinien gearbeitet, seltsame Berufe für eine Frau.

Cynthia war in Midgham sehr beliebt, ihre handwerklichen Fähigkeiten stellte sie gern im Dorf zur Verfügung und auch finanziell erwies sie sich immer wieder als großzügig. Sie war in Midgham sehr beliebt. Ihr Bungalow sah ein wenig schäbig aus, es hätte einen neuen Anstrich gebrauchen können, aber die Bewohnerin legte darauf keinen Wert. Sie war eine altmodische Dame, die man immer nur in Röcken sah, selbst wenn sie Zimmermannsarbeiten im Dorf ausführte.

Im Jahr 2000 starb Cynthia Watson im Alter von 72 Jahren, und nach ihrem Ableben kamen zwei ganz erstaunliche Dinge ans Tageslicht, die die Einwohner von Midgham wie ein Blitz trafen: Ihre Nachbarin war eine sehr vermögende Dame gewesen, die mehrere Millionen Pfund auf ihrem Bankkonto hatte. Woher das viele Geld kam, blieb ein Rätsel, aber man munkelte im Ort, dass sie an der Börse mit Erfolg spekuliert hatte. Ein Teil des Geldes vermachte sie der Royal National Lifeboat Institution, damit davon ein neues Rettungsboot gekauft werden konnte. Die RNLI war äußerst dankbar dafür und nannte das Boot „The Witch of Osier„, in Erinnerung an Cynthia Watson, die früher eine Zeit lang auf Osier Island in Wyre Piddle in Worcestershire gelebt hatte, einer Mini-Insel im River Avon.

Die zweite, noch größere Überraschung aber war, dass Cynthia gar keine Frau gewesen war, sondern ein Mann mit dem richtigen Namen Peter Acke, obwohl einige im Dorf behaupteten, sie hätten das schon immer vermutet. Warum aus Peter Acke Cynthia Watson geworden ist, konnte man nie richtig ermitteln.

Published in: on 15. März 2021 at 02:00  Kommentar verfassen  
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