Hunting the Mallard – Die exzentrische Entenjagd im All Souls College in Oxford

Das All Souls College in Oxford.
Photo © Philip Halling (cc-by-sa/2.0)

„Die spinnen, die Briten“, würde Asterix sagen, wenn er von diesem seltsamen Brauch gehört hätte, der im All Souls College in Oxford gepflegt wird. Ein Brauch, der einmal in 100 (in Worten: Hundert) Jahren ausgeübt wird und der Hunting the Mallard heißt. Gejagt beziehungsweise gesucht wird hier eine Stockente (mallard). Warum?

Es begann im Jahr 1437, als das College erbaut wurde. In einem Graben fanden Bauarbeiter eine überdimensionale Ente, die sofort wegflog, so dass sie nicht gefangen und verspeist werden konnte. Die Fellows des Colleges fanden das schade und organisierten eine jährliche Entenhatz, die kreuz und quer durch All Souls führte. Dass dabei eine Menge Alkohol im Spiel war, lässt sich ahnen.

Da die Exzesse bei der Suche nach der Ente aber immer mehr zunahmen, wurde aus dem jährlichen Schauspiel ein Ereignis, das nur einmal alle 100 Jahre stattfinden sollte: Immer am 14. Januar und immer in einem Jahr, das mit „01“ endet.

Für die letzte Entenjagd im Jahr 2001 wählte man wieder einen Lord Mallard, Dr Martin West, dem sechs Offiziere zur Seite gestellt wurden. Um Mitternacht zog diese Gesellschaft, ergänzt durch weitere Fellows, darunter zwei frühere konservative Kabinettsmitglieder, mit Laternen und Fackeln durch alle Räume des Colleges, vom Keller bis zum Dachboden, unter Absingen des „Mallard Songs„, dessen Refrain so geht:

O, by the blood of King Edward
O, by the blood of King Edward,
It was a swapping, swapping Mallard!

Der Lord Mallard, der eine hölzerne Ente in der Hand hielt, wurde dabei von vier Fellows auf einer Sänfte getragen. Vorab ergötzten sich alle an einem 14-gängigen Abendessen in der Codrington Library des Colleges.

Bei dem vorletzten „Enten-Event“ im Jahr 1901 war übrigens der spätere Erzbischof von Canterbury, Cosmo Lang, der Lord Mallard.

Die Wahrscheinlichkeit, dass jemand von uns das nächste Hunting the Mallard am 14. Januar 2101 miterlebt, ist wohl eher gering. Hoffentlich gerät bis dahin dieser skurrile Brauch nicht in Vergessenheit.

Nach so einer Stockente wird in Oxford gesucht.
Photo © Albert Bridge (cc-by-sa/2.0)
Published in: on 16. Oktober 2021 at 02:00  Comments (3)  

Michael Edwards aka Eddie the Eagle – Der berühmteste Skispringer Englands

Author: Royal Navy Media Archive.
Creative Commons 2.0

Die spinnen die Finnen könnte man in Anlehnung an den Titel eines Asterix-Buches sagen, als in Finnland die Single „Fly Eddie, Fly“ eines Engländers namens Michael Edwards auf Platz 2 der Charts landete. Nirgendwo sonst in Europa erregte dieses Lied Aufsehen, auch nicht in Michaels Heimat. Unter seinem richtigen Namen kannten ihn auch die wenigsten, er war allgemein bekannt als Eddie the Eagle, der berühmteste (und bisher einzige) Skispringer Englands, der 1988 bei den Olympischen Winterspielen im kanadischen Calgary zwar nicht die Goldmedaille gewann, aber immerhin sowohl von der Großschanze als auch von der Normalschanze sprang…und jeweils Letzter wurde. Trotzdem gewann Eddie der Adler jede Menge Sympathie, die er auch ausnutzte, solange sein „Ruhm“ vorhielt.

Der im „Mammoth Book of Losers“ gelistete Skispringer, der bei keinen weiteren Olympischen Spielen antrat, nahm die oben genannte Single auf (trotz seiner Stimme, die in etwa der Qualität seiner olympischen Leistungen entspricht), und da man ihn in Finnland offensichtlich mochte, sang er auch noch auf Finnisch „Mun nimeni on Eetu„, was soviel wie „Mein Name ist Edward“ heißt und „Eddien Siivellä“ („Auf Eddies Flügeln“). Und dann brachte Eddie 1990 auch noch ein Buch auf den Markt mit dem Titel „On the Piste: Stories and Tales from the Slope„, das aus unerfindlichen Gründen heute bei Amazon USA zwischen $877 und $1000 gehandelt wird, während es bei Amazon UK schon für einen Penny zu haben ist.

Eddies Leben wurde sogar verfilmt und kam 2015 unter dem Titel „Eddie the Eagle“ (dt. „Eddie the Eagle – Alles ist möglich“) in die Kinos, mit Taron Egerton in der Hauptrolle. Hier ist der deutsche Trailer.

Stefan Raab holte Eddie the Eagle einmal in seine Show TV Total; hier ist sein Auftritt zu sehen.

Published in: on 8. Oktober 2021 at 02:00  Kommentar verfassen  

The Ancient Order of the Purbeck Marblers and Stonecutters in Corfe Castle (Dorset) und eine kuriose Zeremonie

Corfe Castle und der Fox Inn.
Author: Anguskirk.
Creative Commons 2.0

Der auf der Isle of Purbeck in der Grafschaft Dorset abgebaute Purbeck-Marmor ist in vielen englischen Kathedralen zu finden wie in denen von Exeter, Lincoln und Ely, vor allem aber in der Kathedrale von Salisbury. Heute wird hier nur noch gelegentlich Marmor abgebaut, aber der Ancient Order of the Purbeck Marblers and Stonecutters existiert noch immer, und einmal im Jahr treffen sich die Freemen of the Order zu einer ganz besonderen Zeremonie in Corfe Castle, der Aufnahme neuer Mitglieder.

Jeweils am Fastnachtsdienstag versammeln sich die Anwärter im Fox Inn und harren der Dinge, die da kommen sollen. Im Rathaus der Stadt, dem angeblich kleinsten in England, haben sich die Freemen zusammengefunden, die darüber diskutieren, welche der Bewerber aufgenommen werden sollen. Nachdem man sich darüber geeinigt hat, werden diese in die Town Hall gerufen, die dann freudig herbeieilen und ihre Initiierung mit einem Glas Bier und einem Laib Brot bezahlen. Damit wäre der erste Teil der Zeremonie beendet. Der zweite folgt gleich darauf. Der auf der Isle of Purbeck abgebaute Marmor wurde immer von Corfe Castle auf Wagen nach Poole an der Küste gebracht, wo er am Ower Quay verladen wurde. Dieser fünf Kilometer lange Weg und ein Fußball spielen eine Rolle bei Zeremonie Teil 2. Der Fußball wird von dem Freeman, der zuletzt geheiratet hat, besorgt und die gesamte Strecke bis zur Küste entlang gekickt, ohne ihn mit den Händen anzufassen. Am Ziel angekommen, wird ein Pfund Pfeffer über den Ball gestreut und dieser dann ins Meer gebolzt. Diese Geschehnisse beruhen auf dem Jahrhunderte alten Brauch, dem Besitzer des Landes, durch das der Marmor transportiert wurde, einen Tribut für das Wegerecht in Form von Pfeffer zu entrichten, der damals sehr viel wertvoller war als er das heute ist.

Exzentrisch? Ich glaube schon.

Die Town Hall.
Photo © Christine Matthews (cc-by-sa/2.0)
Was vom Ower Quay bei Poole übrig geblieben ist.
Photo © Mike Faherty (cc-by-sa/2.0)
Published in: on 17. September 2021 at 02:00  Comments (1)  

The Beam Heath Trust oder Wie man reich wird in Nantwich (Cheshire)

Die Middlewich Road im Norden von Nantwich, links und rechts der Straße liegt die Beam Heath.
Photo © Espresso Addict (cc-by-sa/2.0)

Die kleine Stadt Nantwich in der Grafschaft Cheshire liegt nahe der Grenze zu Wales und verfügt über eine hübsche High Street mit sehenswerten Fachwerkhäusern. Hier gibt es eine Tradition, die in das Jahr 1823 zurückreicht und auf dem sogenannten Beam Heath Act basiert, einem Gesetz, das in diesem Jahr das britische Parlament erlassen hat.

Beam Heath war eine Fläche vor den Toren Nantwichs, auf dem seit Menschengedenken Kühe grasen durften. Das änderte sich durch das Gesetz, das vorsah, das Areal für eine andere landwirtschaftliche Nutzung zu verwenden, zum Verdruss der Kuhbesitzer. Damit diese aber entschädigt werden konnten, wurde der Beam Heath Trust gegründet, der darauf achten sollte, dass ein Teil der Einnahmen, die hier erzielt wurden, auf die Geschädigten verteilt werden. Dieser Trust existiert noch heute, und auch heute kommt ein Teil der Bewohner in den Genuss dieser Ausschüttung.

Die Trust-Einnahmen wuchsen in den letzten Jahren, weil sich auf dem Areal beispielsweise ein Supermarkt der Sainsbury-Kette niedergelassen hat, sowie der Barony Employment Park, ein Gewerbegebiet mit Büroflächen. All das, zusammen mit weiterhin landwirtschaftlich genutzten Flächen, spült Geld in die Kassen des Beam Heath Trusts, der dies zu gleichen Teilen auf die etwa 2000 anspruchberechtigten Bürger von Nantwich verteilt.

Die Auszahlung erfolgt nicht etwa per Banküberweisung, jeder erhält einen Scheck, der persönlich an der Haustür übergeben wird. Ende der 1990er Jahre betrug die Dividende £4, nach der Ansiedlung von Sainsbury und anderen Gewerbetreibenden kletterte sie auf über £30.

Sainsbury’s Superstore in Nantwich spült Geld in die Kasse des Beam Heath Trusts.
Photo © Christopher Hilton (cc-by-sa/2.0)

Published in: on 16. August 2021 at 02:00  Kommentar verfassen  

Der eitle Vikar von St Swithun’s in Woodbury (Devon)

Photo © David Smith (cc-by-sa/2.0)

Der heilige Swithun von Winchester, der von 800 bis 862 gelebt hatte, gab der Gemeindekirche von Woodbury (Devon) seinen Namen, einem Dorf südöstlich von Exeter. Mitte des 19. Jahrhunderts war ein Vikar mit dem schönen Namen Loveband Parminter für die Belange seiner Schäfchen zuständig. Loveband war ein recht eitler Mann, und er liebte es, sich bei den Gottesdiensten in seiner Kirche zur Geltung zu bringen, gerade wenn junge Frauen anwesend waren (damals geschah das wohl noch, im Gegensatz zu heute). Dummerweise stand einer der bedeutendsten Gegenstände der Kirche, neben dem Taufbecken und der Kanzel, der Lettner im Wege, um den Vikar in seiner vollen Schönheit betrachten zu können. Für diejenigen, die nicht wissen, was ein Lettner (englisch: rood screen) ist, hier die Definition der Wikipedia:

„Der Lettner…ist eine steinerne oder hölzerne, mannshohe bis fast raumhohe Schranke, die vor allem in Domen, Kloster- und Stiftskirchen den Raum für das Priester- oder Mönchskollegium vom übrigen Kirchenraum, der für die Laien bestimmt war, abtrennte“.

Um das Blickfeld von der Gemeinde zu ihrem Vikar zu verbessern, beauftragte Loveband einen örtlichen Schreiner damit, den Lettner radikal zu kürzen. Der Mann verweigerte sich aber diesem Auftrag, denn er wollte nicht dafür in Rechenschaft gezogen werden, dieses alte Kirchenteil verunstaltet zu haben. Also legte Loveband selbst Hand an. Schnell sprach es sich bis zu seinem Vorgesetzten, dem Bischof von Exeter, herum, dass da jemand seiner Leute unter die Vandalen gegangen war. Der Bischof verlangte eine umgehende Entschuldigung, außerdem musste der Vikar den entstandenen Schaden, beziehungsweise die Behebung desselben, aus eigener Tasche bezahlen.

Loveband Parminter konnte froh sein, dass ihn der Bischof nicht von seinen Pflichten befreite, er blieb auch weiterhin Vikar von St Swithun’s.

Published in: on 5. August 2021 at 02:00  Kommentar verfassen  

Audlem in Cheshire – Ein Dorf, das einmal versuchte, sich Wales anzuschließen

Photo © Christopher Hilton (cc-by-sa/2.0)

Audlem in Cheshire, ein Dorf mit knapp 2000 Bewohnern, einer Kirche, St James, und drei Pubs, The Shroppie Fly, The Bridge Inn und The Lord Combermere. Die A525 schlängelt sich durch den Ort und der Shropshire Union Canal berührt ihn. Hier ist doch eigentlich die Welt in Ordnung, oder?
Nun, im Jahr 2008 rumorte es in dem Dorf, denn die Bewohner (nicht alle, doch sehr viele) verspürten das große Bedürfnis, nicht mehr zu England zu gehören, sondern zu Wales, das etwa 14 Kilometer entfernt liegt.

Eigentlich begann alles mit einem Aprilscherz, diese Absage an Cheshire und England, doch allmählich wurde es ernst und es kam zu einer Online-Abstimmung, bei der sich 63% der Teilnehmer für einen Anschluss an Wales aussprachen. Wie das über die Bühne gehen sollte, war keinem so recht klar, denn Audlem war kein Grenzort zu Wales, dazwischen lag zum Beispiel noch das deutlich größere, zu Shropshire gehörende Whitchurch.

Was war denn nun der Beweggrund für den Absonderungswunsch Audlems? Viele fühlten sich in dem abseits gelegenen Ort von den Behörden vernachlässigt und übersehen. Niemand schien sich so recht um die Anliegen der Dorfbewohner zu kümmern. Dazu kamen noch einige andere Dinge, die die Menschen störten. So sollten die Rezeptgebühren erhöht werden, während die Waliser dafür nichts bezahlen mussten. Was die Bewohner des Ortes weiterhin aufregte, war, dass die Parkgebühren am nächstgelegenen Krankenhaus in Crewe um 50% angehoben worden waren. Ein ganzes Bündel an Unmut erregenden Dingen war in dem kleinen Dorf also zusammengekommen.

Natürlich wurde aus dem Annäherungswunsch an Wales nichts, aber immerhin war es ein Schuss vor den Bug der zuständigen Behörden, und in Wales hat man die ganze Sache sicher mit einem Schmunzeln registriert.

Published in: on 3. August 2021 at 02:00  Kommentar verfassen  

Die Miss Great Britain Party – Eine kurzlebige Partei, die durchaus ihre Reize hatte

Author: pageantcast.
Creative Commons 2.0

Make Westminster sexy not sleazy“ war der Wahlspruch der „Miss Great Britain Party„, die 2008 gegründet wurde, im Jahr darauf aber schon wieder von der Bildfläche verschwand. Kandidatinnen waren mehrheitlich Teilnehmerinnen der britischen Schönheitswettbewerbe. Gründer war der damalige Vorsitzende des Miss Great Britain Wettbewerbs, Robert de Keyser.

Unter dem Motto „Wandel durch Schönheit“ wollten die hübschen Damen Bewegung in die ihrer Meinung nach langweilige, von Männern in grauen Anzügen geprägte politische Szene bringen.

Einige ihrer Ziele waren:
– Mütter mit Kindern, die ihre Arbeit aufgeben, sollen finanziell besser gestellt werden.
– Ein nationaler Bank Holiday, an dem der Bevölkerung die Gelegenheit gegeben werden soll, gut auszusehen.
– Bessere Besoldung der britischen Soldaten.
– Höhere Steuern für Besserverdiener

Also alles vernünftige Ziele, die auch den etablierten Partei gut anstehen würden.

Leider bekamen die kurvenreichen Damen in der Politik nicht die Kurve, und der Erfolg der MGB-Party bei den Wahlen an denen sie teilgenommen hat, war sehr überschaubar: Sie hat die 1%-Marke nie überschritten.
Eigentlich schade…

Published in: on 27. Juli 2021 at 02:00  Kommentar verfassen  

Motorrad-Leichenwagen aus Measham in Leicestershire

Author: johngarghan.
Creative Commons 2.0

Eine Marktlücke der besonderen Art hatte Reverend Paul Sinclair aus Measham in Leicestershire ausgemacht. Wenn Motorradfahrer sterben, wollen sie dann in einem Auto zur letzten Ruhestätte gefahren werden? NEIN!!! “No one places an Everton fan in a Liverpool strip when they die so why should a motorcycle enthusiast be last seen in an automobile?”, so steht es auf den Webseiten der Firma zu lesen. Also kreierte Sinclair, ein Pfarrer der Pfingstgemeinde, Motorräder mit angebauten Leichenwagen.

Der Erfolg der 2002 gegründeten Firma Motorcycle Funerals war und ist so groß, dass mittlerweile Beerdigungen in ganz England und Schottland durchgeführt werden. Paul Sinclair ist vor zwei Jahren gestorben und natürlich wurde der begeisterte Biker auch in einem seiner speziellen Leichenwagen zu seiner Trauerfeier gefahren, begleitet von zahlreichen Motorradfahrern, die dem Reverend ihre letzte Ehre erweisen wollten.

Zur Auswahl stehen Triumphs, eine Suzuki und eine Harley-Davidson. Die Suzuki Hayabusa ist das Paradestück der Firma. Das Motorrad kann über 200 km/h fahren und hält den Weltrekord als schnellster Leichenwagen der Welt (hier ist ein Film darüber), aufgestellt auf dem Elvington Race Track in North Yorkshire. Wer es also besonders eilig hat, zu seiner eigenen Beerdigung zu gelangen, ist mit der Suzuki bestens bedient.

Auf der Facebook-Seite von Motorcycle Funerals kann man sich mehrere Videos anschauen, in denen die Leichenwagen der Firma zu sehen sind. Und hier ist ein Beispiel für eine Beerdigungsfeier mit einer „motorcycle hearse“.
In anderen Ländern wie Irland, Australien und den USA wird dieser letzte Service für Biker ebenfalls angeboten.

Published in: on 22. Juli 2021 at 02:00  Kommentar verfassen  

Alex Mitchell, ein Mann aus King’s Lynn (Norfolk), der sich buchstäblich zu Tode lachte, während er im Fernsehen eine Comedyshow sah

Dem kann ich leider nicht uneingeschränkt zustimmen…
Author: Melody Campbell
Creative Commons 2.0

Die englischsprachige Wikipedia hat einen eigenen Eintrag zum Thema „Death from laughter“ („Tod durch Lachen“ heißt der Artikel in der deutschsprachigen Ausgabe); darin wird auch der eigenartige Tod des Alex Mitchell aus King’s Lynn (Norfolk) zitiert, der sich am 24. März 1975 tatsächlich zu Tode lachte, während er sich im Fernsehen eine Folge der Comedyshow „The Goodies“ ansah. Der gelernte Maurer brach in ein unkontrolliertes Gelächter aus, das eine halbe Stunde andauerte, dann brach er zusammen und war tot. Ist das eine schöne Art zu sterben? Darüber mag man geteilter Meinung sein. Alex Mitchells Frau schrieb später einen Brief an die Comedians der Show, in dem sie sich dafür bedankte, dass sie ihrem Mann die letzten Momente auf Erden so angenehm gemacht hatten.

Was war denn nun an der Comedyshow so lustig? The Goodies waren die drei Comedians Tim Brooke-Taylor, Graeme Garden und Bill Oddie, die von 1970 bis 1982 allerlei mehr oder weniger alberne Sketche aufführten und die sich viele Jahre später noch einige Male zu Reunion Shows zusammenfanden. Die Episode, die dem Mann aus King’s Lynn das Leben kostete, weil er sich über alle Maßen amüsierte, hieß „Kung Fu Kapers„. Darin geht es um das Erlernen der Kampfsportart Kung Fu von Tim und Graeme, während der dritte Goodie, Bill, sich über seine Kumpels lustig macht, weil er selbst eine eigene Kampfsportversion namens Ecky Thump beherrscht, die eigentlich nur darin besteht, tollpatschige Angreifer mit einem Black Pudding auf den Kopf zu hauen. Nun, das mag man lustig finden (oder auch nicht), Alex Mitchell jedenfalls amüsierte sich köstlich bis zu seinem letzten Atemzug.

Der wahre Grund für Alex Mitchells plötzliches Ableben war aber wahrscheinlich ein anderer: Er litt unter dem sogenannten Long-QT-Syndrom, eine seltene, oft vererbte Krankheit, die zum plötzlichen Herztod führen kann. Bei seiner Enkelin stellten die Ärzte dieselbe Krankheit fest.

Hier sind die Ecky Thump-Szenen zu sehen und hier die ganze Episode.

Published in: on 24. Juni 2021 at 02:00  Comments (3)  

Bizarre Gesetze made in England

Gefährlich für Waliser: Der Cathedral Close in Hereford.
Photo © Jonathan Billinger (cc-by-sa/2.0)

Es gab und gibt merkwürdige Gesetze in England, die, vor längerer Zeit erlassen, manchmal noch immer gültig sind. Einige von ihnen habe ich in meinem heutigen Blogeintrag zusammengestellt.

Mein absoluter Favorit gleich am Anfang: In Liverpool ist es für Frauen verboten, sich „topless“ in der Öffentlichkeit zu zeigen…es sei denn, die Dame ist Angestellte in einem Geschäft, das tropische Fische verkauft. Schräger kann ein Gesetz wohl kaum sein, wenn es denn überhaupt stimmt. Ein konkreter Beweis für die Richtigkeit des Gesetzes ist, wie ich recherchiert habe, noch niemandem gelungen. Vielleicht sollte man bei seinem nächsten Besuch in der Stadt der Beatles einmal einen Blick in das Wavertree Nook Aquarium Centre in der Wavertree Nook Road 67 werfen, in der es eine große Auswahl tropischer Fische gibt.

Schwangere haben es gut in England, wenn sie unterwegs sind und sie ein menschliches Bedürfnis überkommt. Sie dürfen sich problemlos überall erleichtern, selbst, wenn sie nett darum bitten, in den Helm eines Polizeibeamten.

Waliser dagegen haben es nicht so gut, wenn sie die Städte Hereford oder Chester besuchen. Vor allem sonntags sollten sie in Hereford den Cathedral Close meiden, denn es ist legal, diese Besucher zu erschießen, allerdings nur mit Pfeil und Bogen. In Chester ist das auch möglich, aber lediglich innerhalb der Stadtmauern nach Mitternacht.

Auch Schotten müssen vorsichtig sein, wenn sie der Stadt York einen Besuch abstatten, denn sie können dort innerhalb der Stadtmauern ohne Weiteres ermordet werden, aber nur wenn sie mit Pfeil und Bogen bewaffnet sind. Also, liebe Leute aus Glasgow und Edinburgh, lasst Eure Waffen besser zuhause.

Wer unbedingt ein Brett durch die Straßen Londons tragen will, sollte sich das vorher gründlich überlegen, denn das ist verboten, was wiederum nicht für die City of London gilt, da kann man den ganzen Tag lang Bretter schleppen.

Dass man seine Kühe zwischen 10 Uhr und 19 Uhr nicht durch Londoner Straßen spazieren führen darf, versteht sich wohl von selbst; der Metropolitan Streets Act verbietet das ausdrücklich.

Sollte man beim Gassigehen mit seinem Hund der Queen begegnen, die ebenfalls ihre Corgis ausführt, bitte Vorsicht! Bürgerliche Hunde dürfen sich nämlich auf gar keinen Fall mit royalen Hunden paaren. Strengstens verboten.

Kommen wir noch einmal auf das Thema „Urinieren in der Öffentlichkeit“ zurück. Polizeihelme stehen Männern da leider nicht zur Verfügung, auch ist das eigentlich nicht gestattet, doch es gibt da einen Ausweg. Männer dürfen das tun, und zwar an den hinteren Rädern ihres Autos, wobei sie darauf achten müssen, dass bei dem Vorgang ihre rechte Hand auf dem Fahrzeug liegt.

Und zum Schluss noch eine Sache, bei der man sich strafbar macht: Wer im Zeitalter der E-Mail tatsächlich noch immer Briefe schreibt, der muss unbedingt beim Aufkleben der Briefmarke darauf achten, dass diese nicht kopfüber angebracht wird, wenn sie denn das Bild der regierenden Monarchin trägt, denn das wäre ein Akt des Hochverrats.

Ja, im Notfall dürfen Schwangere den Polizeihelm benutzen
Author: Matt from London
Creative Commons 2.0

Published in: on 27. Mai 2021 at 02:00  Comments (3)  

Die Lincoln Drill Hall, ein Theaterstück und ein Zuschauerpärchen, das des Saales verwiesen wurde

Die Lincoln Drill Hall.
Author: Reading Tom
Creative Commons 2.0

Es hat nicht viel gefehlt und Corona hätte der Drill Hall in Lincoln (Lincolnshire) den Garaus gemacht. Das 1890 erbaute Veranstaltungsgebäude durfte monatelang keine Zuschauer empfangen und erhielt von der Stadt Lincoln keine finanzielle Unterstützung mehr; da kam wie ein rettender Engel die Lincoln College Group daher, die das Haus übernahm und es auch weiterhin als Veranstaltungszentrum aufrecht erhalten will. So wird es auch zukünftig in der Drill Hall Liveauftritte von Bands, Theateraufführungen und Ausstellungen geben.

Eine Begebenheit sorgte im Jahr 2009 für Heiterkeit in der Stadt über die das Lincolnshire Echo berichtete. In der Drill Hall gastierte eine Theatertruppe, die John Godbers Bühnenstück „Bouncers“ aufführte (hier ein Ausschnitt aus einer Aufführung des Theatre Royal Winchester) . Darin geht es um die Türsteher eines Nachtclubs in Englands Norden, angekündigt von den Veranstaltern als „laugh until they throw you out”.

Das ist doch das ideale Geburtstagsgeschenk für meinen Freund dachte sich Sharon Whitelaw und lud Tony Priestley zu dieser Comedy ein. Tatsächlich fanden die beiden das Theaterstück genauso lustig wie es angekündigt worden war und lachten was das Zeug hält. In der Pause kam dann die Ernüchterung, das Pärchen wurde vom Management gebeten, nicht wieder in den Zuschauerraum zurückzukehren. Offensichtlich hatten die Veranstalter ihren Werbespruch wörtlich genommen und Sharon und Tony hinausgeworfen…eben weil sie zu sehr lachten. Andere Theaterbesucher hatten sich beschwert, weil die beiden angeblich an den falschen Stellen lachten, zu laut waren und gegen die Vordersitze traten. Waren die zwei vielleicht vorher im Pub gewesen und hatten etwas getrunken? Wie auch immer, das Management erstattete ihnen das Geld für die Eintrittskarten und ziemlich betreten verließen sie die Drill Hall. Ob der Spruch „laugh until they throw you out“ im weiteren Verlauf der Tournee beibehalten wurde, kann ich leider nicht sagen.

Der Hintereingang zur Drill Hall.
Photo © Dave Hitchborne (cc-by-sa/2.0)
Published in: on 24. Mai 2021 at 02:00  Kommentar verfassen  

Das Windsor Castle und eine mysteriöse Bierlieferung am 10. September 2008

Hier am Windsor Castle steht man nicht wegen Freibiers an!
Photo © Chris Allen (cc-by-sa/2.0)

Schauplatz 1: Das Windsor Castle.
Am 10. September 2008 hielt vor dem Lieferanteneingang des Windsor Castles ein LKW. Der Fahrer stieg aus und fragte einen der royalen Bediensteten, wo er denn seine bestellten zwölf Bierfässer abladen sollte. „Weißt Du etwas von einer Bierlieferung?“ fragte der einen seiner Kollegen, der aber auch nicht Bescheid wusste. Die Queen ist nicht gerade für ihren großen Bierkonsum bekannt. Sollte etwa eine Party in der Burg stattfinden, und man hatte vergessen, die Dienerschaft zu informieren? Oder hatte da vielleicht Prinz Harry seine Hände im Spiel, der fünf Tage später seinen 24. Geburtstag feiern würde? Die Ratlosigkeit war groß.

Schauplatz 2: The Windsor Castle in Maidenhead (Berkshire).
Ungeduldig schaute der Wirt des Windsor Castle Pubs, Misko Coric, auf seine Uhr. Heute Abend sollte das Fußballspiel Kroatien gegen England stattfinden, und er erwartete in seinem Pub ein volles Haus, deshalb hatte er Biernachschub bestellt, der für gut 2000 Pints ausreichen sollte. Doch der LKW kam und kam nicht. Ein Anruf beim Lieferanten brachte Erleichterung: Der Fahrer hatte das Bier irrtümlicherweise zum „richtigen“ Windsor Castle gebracht anstatt zum Windsor Castle Pub an der Bath Road in Maidenhead. Mit dreistündiger Verspätung kam der Bierwagen dann doch noch rechtzeitig im Pub an, und die Gäste konnten sich am Abend bei der Live-Übertragung des Fußballspiels daran erlaben. England gewann das Spiel mit 4:1.

Misko Covic ist noch immer der Wirt im Windsor Castle und hin und wieder erhält er Post, die eigentlich für die große Burg acht Kilometer entfernt gedacht ist. Vielleicht sollten sich die Royals einmal überlegen, ob sie ihre Burg nicht umbenennen sollten, damit so etwas nicht mehr vorkommt?

The Windsor Castle an der Bath Road in Maidenhead (Berkshire).
Photo © emma mykytyn (cc-by-sa/2.0)

Published in: on 19. Mai 2021 at 02:00  Kommentar verfassen  

Piddle, Puddle… Kurioses aus Dorset

Der River Piddle beim Athelhampton House.
Photo © DAVID M GOODWIN (cc-by-sa/2.0)

Dorset – Die Grafschaft mit den merkwürdigen Ortsnamen“ heißt ein Blogeintrag, den ich vor fast neun Jahren erstellt habe. Heute möchte ich das Thema noch einmal aufnehmen und zwar rund um den River Piddle. Das Flüsschen mit dem merkwürdigen Namen, der sich im Laufe der Jahrhunderte zu seiner heutigen Form entwickelt hat, entspringt in Alton Pancras, ebenfalls in Dorset gelegen, und mündet bei Wareham ins Meer.

Entlang des River Piddle ziehen sich Ortschaften, deren Namen sich auf den kleinen Fluss beziehen. Da gibt es ein Piddletrenthide (da der Fluss auch einen Zweitnamen hat, nämlich River Trent, hat man hier beide Namen zusammengezogen) mit seiner eindrucksvollen All Saints Church, gefolgt von Piddlehinton mit der Piddle Brewery und einem Lokal namens Griddle at the Piddle. Und dann geschieht etwas Unvorhergesehenes: Aus Piddle wird Puddle, das heißt, die Ortsnamen verändern sich durch einen Buchstaben. Wir kommen zuerst nach Puddletown, das unter anderen Namen in Thomas Hardys Romanen erscheint, dann an dem wunderschönen Athelhampton House vorbei (siehe dazu meinen Blogeintrag über meinen Besuch dort) nach Tolpuddle, das durch die Tolpuddle Martyrs auch außerhalb Dorsets bekannt geworden ist. Es folgt das kurios benannte Affpuddle, und dann kommen wir nach Briantspuddle mit seinen attraktiven reetgedeckten Cottages. Hinter dem winzigen Turners Puddle schließlich hat es sich ausgepiddelt und -gepuddelt.

Warum nun der Wechsel von „Piddle“ zu „Puddle“? Man erzählt sich, dass die spätere Queen Victoria als junges Mädchen einmal in dieser Region unterwegs war und da „to piddle“ in der Kindersprache auch „urinieren“ bedeutet, wollte man das der jungen Kinderseele nicht zumuten und wechselte das „i“ gegen ein „u“ aus, zumindest in einigen Ortschaften.

Piddletrenthides All Saints Church.
Photo © Mike Searle (cc-by-sa/2.0)
Photo © Chris Downer (cc-by-sa/2.0)
Puddletown
Photo © Richard Slessor (cc-by-sa/2.0)
Das Tolpuddle Martyrs Museum
Photo © Malc McDonald (cc-by-sa/2.0)
Das Cruck Cottage in Briantspuddle
Photo © Edmund Shaw (cc-by-sa/2.0)
Published in: on 15. Mai 2021 at 02:00  Comments (6)  

Die berühmten Gänse von Sowerby Bridge in West Yorkshire

Gestatten, wir sind die Gänse von Sowerby Bridge!
Author: sk8geek
Creative Commons 2.0

Sowerby Bridge ist eine Kleinstadt mit rund 10 000 Einwohnern, nicht weit von Halifax und Huddersfield entfernt. Sie liegt am River Calder, über den eine Brücke führt auf der die viel befahrene A58 in die Stadt geleitet wird. Der Ort weist eine Besonderheit auf, die einige vielleicht als störend empfinden, der Großteil der Bevölkerung aber liebt sie: Es handelt sich um eine Gänseschar, die schon seit Jahren queerbeet durch Sowerby Bridge läuft und sich dabei nicht besonders um den Autoverkehr kümmert. Die Gänse gehen in der Stadt spazieren, mal auf dem Bürgersteig, mal mitten auf der Straße, wie es ihnen gerade einfällt. Mal sieht man sie auf dem Weg zum Fluss, wo sie ja eigentlich hingehören, mal kommen sie vom Fluss, um sich zu informieren, ob es in der Stadt etwas Neues gibt. Die Autofahrer aus Sowerby Bridge haben sich längst daran gewöhnt, anzuhalten und abzuwarten, bis die Gänse den Weg frei gemacht haben. Das Federvieh ist zu einer kleinen Berühmtheit geworden, und so war die Empörung groß, als die Gänseschar vor drei Jahren dezimiert wurde, nicht etwa durch einen rücksichtslosen Autofahrer, sondern durch zwei kleine angriffslustige Hunde. Drei Gänse verloren an diesem für Sowerby Bridge schicksalsträchtigen Tag ihr Leben und die Trauer war groß hier in West Yorkshire.
Die Gänse betreiben sogar eine Facebook-Seite mit Dutzenden von lustigen Fotos.

Dass es in der West Street auch noch einen Pub gibt, der The Loose Goose Inn heißt, rundet das Bild von der gänsefreundlichen Stadt Sowerby Bridge ab.

Hier ist ein Film über die Gänse und hier legen sie sich sogar mit der örtlichen Polizei an.

Eine aus der Art geschlagene, entfernte Verwandte der Gänse an der Sowerby Bridge Wharf.
Author: Tim Green aka atoach
Creative Commons 2.0
Einer der Lieblingswanderwege der Gänse: Die Brücke über den River Calder.
Author: Tim Green aka atoach
Creative Commons 2.0
Published in: on 9. Mai 2021 at 02:00  Kommentar verfassen  

Faszinierendes York Teil 5: Mad Alices The Bloody Tour of York

Author: rawdonfox
Creative Commons 2.0

Mad Alice war eine mysteriöse Figur in der Geschichte der Stadt York, die 1825 aufgehängt wurde, weil sie angeblich ihren Mann vergiftet haben soll. Vielleicht war sie tatsächlich wahnsinnig, vielleicht auch nicht.

Mad Alice nennt sich auch die Stadtführerin, die die Bloody Tour of York anbietet, die an allen markanten Punkten der Stadt vorbeiführt, die mit der grausamen Seite Yorks zusammenhängen. Unsere Alice ist alles andere als „mad“, sie ist sehr redegewandt und kennt sich in der Geschichte ihrer Stadt bestens aus. Ihre etwa 90minütige abendliche Tour ist schon mehrfach ausgezeichnet worden, so zum Beispiel mit dem Tourism Award im vorigen Jahr.

Startpunkt ist das St William’s College in der College Street, eines der schönsten Häuser Yorks. Von dort geht es auf den Spuren von Mördern, Hexen, Highwaymen quer durch die Stadt. Man passiert die Stadttore, über die es so einiges zu berichten gibt und geht The Shambles entlang, wo im 16. Jahrhundert die Märtyrerin Margaret Clitherow wohnte, der man unterstellte, katholische Priester in ihrem Haus versteckt zu haben und die auf bestialische Weise getötet wurde, indem man sie mit ihrer eigenen Haustür zerquetschte. Die Tour führt über die Stadtmauern, von denen aus man eine besondere Perspektive auf York genießen kann.

Wer sich für die Geschichte Yorks interessiert, kommt mit Alices Tour voll auf seine Kosten. Die Teilnahme beträgt  £10; die Bloody Tour of York wird, außer montags, täglich um 18 Uhr durchgeführt, im Dezember und Januar nur samstags.

Armchair Traveller können die Tour, dank youtube, auch am heimischen Fernsehgerät oder PC mitmachen. Hier ist Teil 1 der vierteiligen Reihe.

Wer jetzt an Mad Alice Gefallen gefunden hat, der kann eine weitere Tour mit ihr buchen: The Bloody York Gin Tour. Hierbei geht es sowohl um die Geschichte Yorks als auch um das Thema Gin, denn es gibt in der Stadt eine renommierte Gin Destillerie, York Gin, deren Produkte mehrfach ausgezeichnet worden sind. Während dieser speziellen Führung werden drei Stopps in Bars oder Pubs eingelegt, in denen jeweils ein Gin Tonic serviert wird, wobei der Gin selbstverständlich aus dem Hause York Gin stammt („Guests are discouraged from drinking before the tour commences“!!). Mad Alice achtet sehr darauf, dass sich hier keiner der Tourteilnehmer daneben benimmt!!

Startpunkt der Tour: Das St William’s College.
Photo © Philip Halling (cc-by-sa/2.0)
The Shambles mit dem Haus Margaret Clitherows (links).
Photo © Euan Nelson (cc-by-sa/2.0)
Die Adresse des Gin Shops: Pavement 12.
Author: Chippykev
Creative Commons 2.0
Published in: on 30. April 2021 at 02:00  Kommentar verfassen  

Faszinierendes York Teil 3: The Historic Toilet Tour

King’s Manor.
Eigenes Foto.

Zu einem festen Bestandteil eines Aufenthaltes in der Stadt York gehört für viele Besucher ein abendlicher Ghost Walk. Ich habe zwei dieser Touren mitgemacht, eine private und eine öffentliche, und darüber in meinem Blog geschrieben. Nach Möglichkeit sollte man in der dunklen Jahreszeit diese Ghost Walks unternehmen, denn im Sommer, wenn es bis in den späten Abend hinein noch hell ist, kommt da keine gruselige Stimmung über.

In York werden aber noch viel andere Themen-Rundgänge angeboten, die nicht so bekannt sind, zum Beispiel die Historic Toilet Tour. Klingt ein bisschen abgedreht, ist es auch, aber wir befinden uns eben in einer der exzentrischsten Orte in England.
Natürlich hatten schon die frühesten Bewohner von York menschliche Bedürfnisse, denen sie in irgendeiner Form nachkommen mussten. Heute besucht man eine öffentliche Toilette, wenn man denn eine auf die Schnelle findet, vor Jahrhunderten war das dann noch etwas schwieriger. Die Wikinger gruben ein Loch in den Boden, verrichteten ihr Geschäft, säuberten sich mit dem, was gerade greifbar war, mit Pflanzen oder Steinen, und machten das Loch wieder zu. Im Mittelalter war es nicht ratsam, sich direkt unterhalb der Stadtmauern aufzuhalten, denn man wusste nie, was da möglicherweise von oben herunterkam.
Die Historic Toilet Tour führt zum Beispiel zum unheimlich wirkenden King’s Manor (siehe dazu meinen Blogeintrag), wo sich Heinrich VIII., wenn er zu Besuch war und ihn ein menschliches Bedürfnis überkam, sich in die sogenannte „garderobe“ zurückzog, von wo aus es einen direkten Zugang zum Stadtgraben gab. Im Monk Bar, wo heute das Richard III. Museum untergebracht ist, kann man sich so eine „garderobe“ ansehen (aber nicht mehr benutzen!!!).

In diesen „bars“ genannten Eingangstoren von York waren eine Zeit lang Pissoirs für Männer eingerichtet (für die Damen war das alles sehr viel schwieriger), damit sie nicht die Mauern, Wände und Nischen der Stadt benutzten.

Wann diese Touren in der Nach-Coronazeit wieder aufgenommen werden, ist ungewiss. Das Visitor Information Centre in der Museum Street kann dann Auskunft geben.

Siehe auch meinen Blogeintrag über London Loo Tours.

Monk Bar
Author: tj.blackwell
Creative Commons 2.0
Published in: on 28. April 2021 at 02:00  Kommentar verfassen  

Faszinierendes York Teil 2: The Purple Man in Stonegate

Author: hummingcrow
Creative Commons 2.0

Über Originale und Exzentriker, die sich auf Englands Straßen tummeln, habe ich vor einigen Jahren in meinem Blog geschrieben. Da gab es den Chicken Man in Worcester, den Shipley Dancer in West Yorkshire und den Norwich Puppet Man.
Auch in York gab es jahrelang ein Original, das vorzugsweise in der Straße Stonegate zu sehen war: The Purple Man. Wie es der Name vermuten lässt, war der Mann ganz in lila gekleidet, sein Gesicht war lila angemalt und sein Fahrrad, auf dem er meistens saß, hatte dieselbe Farbe. Der freundliche Mann in Stonegate war immer unterwegs, um Geld für wohltätige Zwecke zu sammeln. Er wurde sogar in Fernsehstudios eingeladen, um darüber zu berichten, so vor sechs Jahren, als er für Kinder in Syrien Geld für Stofftiere sammelte, die er ihnen im türkisch-syrischen Grenzgebiet selbst überreichte.

Nach dem verheerenden Brand im Londoner Grenfell Tower am 14. Juni 2017, bei dem 72 Menschen starben, brachte The Purple Man Grüße, Geld und Blumen aus York in die Hauptstadt, wo er mit offenen Armen empfangen wurde. Er wohnte früher einmal ganz in der Nähe des Wohnturms.

The Chronicles of Purple Man“ hieß ein Film, der über den Mann in Lila gedreht wurde, der am 20. Juni 2016 seine Uraufführung im City Screen-Kino in York erlebte (hier zu sehen), in Anwesenheit zahlloser Stofftiere.

Mittlerweile ist der liebenswerte Mann mit seinem lila Fahrrad aus dem Stadtbild von York verschwunden und wird von vielen Menschen vermisst.

Photo © Ian S (cc-by-sa/2.0)
Published in: on 27. April 2021 at 02:00  Comments (2)  

The Tetbury Woolpack Races in Gloucestershire

Der Gumstool Hill in Tetbury.
Photo © Alan Murray-Rust (cc-by-sa/2.0)

Tetbury ist eine hübsche Marktstadt in Gloucestershire und Schauplatz eines alljährlich stattfindenden Rennens, der Tetbury Woolsack Races. Am Bank Holiday Monday im Frühjahr geht es los. Der Gumstool Hill ist eine Straße mit einem sehr starken Gefälle (25%) an dessen oberen Ende das Gebäude des ehemaligen The Crown Inn und am unteren Ende The Royal Oak stehen und zwischen diesen beiden Punkten wird das Rennen ausgetragen.
Circa 200 Meter müssen dabei zurückgelegt werden und zwar mit einem 60 Pfund schweren Wollsack (Frauen tragen „nur“ 35 Pfund) auf dem Rücken, da ist Kondition gefragt. Auch Kinder und Jugendliche dürfen mitmachen, die aber eine weit geringere Last den Berg hinaufschleppen müssen. Einen Staffellauf gibt es auch, bei dem ein Viererteam bergauf und bergab laufen muss, wobei es heißt, dass das Bergablaufen noch anstrengender sein soll.

Da an den Endpunkten der Woolsack Races Pubs stehen, liegt es auf der Hand, dass sich viele vor dem Rennen erst einmal mit dem einen oder anderen Pint stärken, was dazu führen kann, dass einige nicht auf dem geradesten Wege nach oben oder nach unten laufen, sondern schon einmal ins Schlingern geraten können.

Der zurzeit gültige Weltrekord steht bei 45.94 Sekunden bei den Männern und wird von Pete Roberts gehalten; bei den Frauen ist es Zoe Dixon, die 2009 innerhalb von 01:05.03 ihren Wollsack den Gumstool Hill hinaufgewuchtet hat.

Die Woolsack Races sind der Höhepunkt des Tetbury Woolsack Days, bei dem jede Menge „Volksbelustigung“ angeboten wird wie Straßenstände, eine Auktion für wohltätige Zwecke und die (unvermeidlichen) Morris-Tänzer.

Die nächsten Wollsackrennen finden erst wieder 2022 statt, für dieses Jahr wurden sie leider wegen Corona abgesagt.
Hier kann man sich das einmal alles ansehen.

Published in: on 23. April 2021 at 02:00  Comments (1)  

Großbritanniens größtes Geschäft für Scherzartikel in Hunstanton (Norfolk)

Photo © Robin Webster (cc-by-sa/2.0)

Mir haben meine Aufenthalte in Hunstanton an der Küste Norfolks gut gefallen. Ich hatte beide Male im Le Strange Arms Hotel in Old Hunstanton übernachtet (siehe dazu meinen Blogeintrag ). Im Sommer kann es in dem Seebad ganz schön voll werden, wenn alle Wohnwagenparks, von denen es hier einige gibt, ausgebucht sind. Viele Urlauber zieht es dann magisch in einen Laden mit der Adresse 2 St Edmunds Terrace, denn an dieser Stelle befindet sich Großbritanniens größtes Geschäft für Scherzartikel jeder Art, World of Fun. In Urlaubslaune wird hier alles gekauft, was man eigentlich nicht braucht und das schon seit 1978, gegründet von Paul Beal, der den „Joke Shop“ noch heute führt. Auf Grund seines großen Erfolges konnte der Inhaber seinen Laden ständig vergrößern, so dass er ein riesiges Sortiment anbieten kann.

In der World of Fun schlug die Geburtsstunde des weltberühmten Fart Sprays, das einen entsetzlichen Gestank verursacht und gern gekauft wird, um die Mitmenschen zu nerven. Es wird weltweit verkauft; in den USA empfiehlt es die Supermarktkette Walmart als „a suitable stocking stuffer during the holidays“. Zu den beliebtesten Scherzartikeln seit Gründung des Joke Shops in Hunstanton gehören Juck- und Niespulver, Whoopee Cushions, die man in Deutschland liebevoll Furzkissen nennt, und Joke Sweets. Letztere sind Süßigkeiten mit Nebeneffekten wie zum Beispiel Bonbons, die die Zunge blau färben.
Wer auf Perücken oder Gesichtsmasken (FFP2-Masken werden nicht angeboten) steht, wird in der World of Fun fündig, über 200 Exemplare stehen jeweils zur Auswahl.

In den Sommerferien hat das Geschäft sieben Tage in der Woche von 9 Uhr bis 20 Uhr geöffnet, in der restlichen Zeit täglich von 9 Uhr bis 17.30 Uhr.
Wem ich jetzt den Mund wässrig gemacht habe, bei dem nächsten Besuch in Hunstanton sich mit Nies- und Juckpulver oder vergleichbar lustigen Dingen einzudecken, der Joke Shop ist nur etwa zwei bis drei Gehminuten vom Meer und von der Strandpromenade entfernt.

Published in: on 16. April 2021 at 02:00  Kommentar verfassen  

Das geheime Leben der Cynthia Watson (1928-2000) aus Midgham (Berkshire)

Midgham in West Berkshire.
Author: andrewdavidlong
Creative Commons 2.0

Cynthia Watson lebte zurückgezogen in Midgham, einem kleinen Dorf in West Berkshire, nur ein paar hundert Meter von der A4, der Bath Road, entfernt. Bevor sie hierherzog, hatte sie als Schiffszimmermann bei der Handelsmarine und als Gaucho auf einer Ranch in Argentinien gearbeitet, seltsame Berufe für eine Frau.

Cynthia war in Midgham sehr beliebt, ihre handwerklichen Fähigkeiten stellte sie gern im Dorf zur Verfügung und auch finanziell erwies sie sich immer wieder als großzügig. Sie war in Midgham sehr beliebt. Ihr Bungalow sah ein wenig schäbig aus, es hätte einen neuen Anstrich gebrauchen können, aber die Bewohnerin legte darauf keinen Wert. Sie war eine altmodische Dame, die man immer nur in Röcken sah, selbst wenn sie Zimmermannsarbeiten im Dorf ausführte.

Im Jahr 2000 starb Cynthia Watson im Alter von 72 Jahren, und nach ihrem Ableben kamen zwei ganz erstaunliche Dinge ans Tageslicht, die die Einwohner von Midgham wie ein Blitz trafen: Ihre Nachbarin war eine sehr vermögende Dame gewesen, die mehrere Millionen Pfund auf ihrem Bankkonto hatte. Woher das viele Geld kam, blieb ein Rätsel, aber man munkelte im Ort, dass sie an der Börse mit Erfolg spekuliert hatte. Ein Teil des Geldes vermachte sie der Royal National Lifeboat Institution, damit davon ein neues Rettungsboot gekauft werden konnte. Die RNLI war äußerst dankbar dafür und nannte das Boot „The Witch of Osier„, in Erinnerung an Cynthia Watson, die früher eine Zeit lang auf Osier Island in Wyre Piddle in Worcestershire gelebt hatte, einer Mini-Insel im River Avon.

Die zweite, noch größere Überraschung aber war, dass Cynthia gar keine Frau gewesen war, sondern ein Mann mit dem richtigen Namen Peter Acke, obwohl einige im Dorf behaupteten, sie hätten das schon immer vermutet. Warum aus Peter Acke Cynthia Watson geworden ist, konnte man nie richtig ermitteln.

Published in: on 15. März 2021 at 02:00  Kommentar verfassen  
Tags: , ,

Der Computerpionier Charles Babbage (1791-1871) und seine extreme Abneigung gegen Londoner Straßenmusiker

Eine Plakette an der Walworth Clinic im Londoner Stadtteil Southwark.
Photo © Robin Stott (cc-by-sa/2.0)

Zusammen mit Ada Lovelace zählt Charles Babbage (1791-1871) zu den bedeutendsten Computerpionieren. Die von ihm entworfene Rechenmaschine Analytical Engine gilt als Urahn unserer heutigen Computer.
Doch um dieses Thema soll es in meinem heutigen Blog nicht gehen. Es geht um das Thema Lärm, genauer gesagt, um den Lärm, der in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in London von den Straßenmusikern aus ging. Charles Babbage hasste sie alle, die „busker“, die Krachmacher, die vor seinem Haus sangen, trommelten und auf allen möglichen Instrumenten „Musik“ machten. Er hatte nichts gegen Musik an sich, aber diese ging ihm gewaltig auf die Nerven. Er schätzte, dass dadurch 25% seiner Arbeits- und Geisteskraft zerstört worden sind. Babbage schrieb wütende Leserbriefe an die Times und beklagte sich darin bitterlich über diese Art der Umweltverschmutzung. 1864 veröffentlichte er seine „Observations of Street Nuisances„, und er wandte sich an Parlamentsmitglieder, damit der Musikantenlärm auf Londons Straßen gesetzlich verboten werden sollte, was in dem sogenannten „Babbage’s Act“ resultierte, ein Gesetz, das sich aber nicht durchführen ließ. Babbage erreichte mit seinen Aktionen das Gegenteil: Straßenmusiker versammelten sich vor seinem Haus in der Dorset Street im Stadtteil Marylebone (eine Plakette erinnert heute an ihn), um ihn zu ärgern und um sich zu rächen. Einmal spielte eine Blaskapelle fast fünf Stunden lang vor seiner Haustür, Musiker mit quietschenden Fiedeln traten auf, jemand aus der Nachbarschaft blies mehrere Monate lang jeden Tag eine halbe Stunde lang in eine schrill klingende Tin Whistle.

Wenn Charles Babbage sein Haus verließ, wurde er von einer Horde Kinder verfolgt, man machte ihm das Leben zur Hölle. Selbst als er in seinem Haus auf dem Totenbett lag, soll noch ein Leierkastenmann auf der Straße gespielt haben.

Charles Babbages Gehirnhälften sind übrigens noch vorhanden; eine ist im Hunterian Museum des Royal College of Surgeons in London zu besichtigen, die andere im Londoner Science Museum.

 

Published in: on 13. März 2021 at 02:00  Comments (1)  
Tags:

The Blackawton International Festival of Wormcharming

Wäre ich ein Regenwurm und würde in der Nähe des Dorfes Blackawton in der Grafschaft Devon leben, so würde ich Anfang Mai das tun, was man im Englischen „keep a low profile“ nennt. Erfahrene Regenwürmer bleiben dann nämlich in ihren unterirdischen Löchern und sie treibt es nicht ans Tageslicht, wenn sie plötzlich „regenartige“ Geräusche hören. „Fake news!“ und „Stay where you are!“ rufen sie vielleicht den jüngeren Würmern zu, die es, neugierig geworden, an die Oberfläche treibt und die dann ruckzuck in einem Eimer, einer Büchse oder einer Schüssel landen.
Was ist da oberhalb der Grassoden passiert? Die armen Tiere sind mitten im Blackawton International Festival of Wormcharming gelandet, einem Wettbewerb, in dem es darum geht, innerhalb eines begrenzten Zeitraums soviel Würmer wie möglich an die Erdoberfläche zu locken. Graben darf man dabei nicht, sondern muss sich andere „worm charming“-Ideen ausdenken, um die Würmer davon zu überzeugen, dass es regnet. Dass kann man zum Beispiel erreichen, indem man durch Klopfen auf den Boden entsprechende Signale nach unten aussendet oder indem man Wasser auf die Grasfläche gießt.

Im Dorfleben von Blackawton, westlich von Dartmouth gelegen, ist das Festival der Höhepunkt des Jahres. Im vorigen Jahr wurden die Regenwürmer verschont, denn Corona hatte dem Treiben ein Ende gesetzt. „International Festival“ klingt vielleicht ein ganz klein wenig übertrieben, aber es gab auch schon Sieger, die aus Neuseeland angereist waren. Die Teams nennen sich Fat Worms, Worm Wranglers oder Super Worm M.A.S.H. Unit. Es gibt zwei Kategorien, die Erwachsenen und die unter 11-jährigen.

Als „Europe’s Most Unmissable Festival“ wurde der Wettbewerb in Blackawton bezeichnet; darauf kann man sich schon einmal etwas einbilden. Wo genau das Worm Charming ausgetragen wird, erfahren die Teilnehmer erst kurz vor Beginn des Wettbewerbs, denn man kann ja nie wissen…

Die entfernten Brüder und  Schwestern der Regenwürmer aus Blackawton, die in Willaston in Cheshire leben, kennen ein ähnliches Spektakel, das sich The World Worm Charming Championships nennt, über das ich am 25. Dezember 2015 in meinem Blog berichtet habe.

Dieser Film zeigt einige „Worm charming“-Methoden:

Der No Trousers Tube Ride – Ohne Hosen in der Londoner U-Bahn

Im Jahr 2002 kam man in New York auf die Idee, einen Tag im Jahr als  den „No Trousers Tube Ride„-Day zu deklarieren, an dem man hosenlos in der U-Bahn fährt, auch „No Pants Subway Ride“ genannt. Diese Idee hatte übrigens Improv Everywhere,  „a New York City-based prank collective that causes scenes of chaos and joy in public places“.

Auch die Londoner, neben vielen anderen Großstädtern in der Welt haben zunehmend Gefallen daran gefunden, sich in der U-Bahn ihrer Hosen zu entledigen, was sie dann auch an einem Tag im Jahr, jeweils im Januar, tun. Die Spielregeln, um an diesem „Ohne-Hosen-in-der-U-Bahn-Tag“ teilzunehmen sind einfach: Hosen ausziehen und dabei ernst bleiben (nicht kichern, nicht herumalbern, sondern sich ganz normal verhalten). Die Unterwäsche muss aber anbehalten werden. Da es im Januar in London nicht gerade warm ist, müssen sich die Teilnehmer und Teilnehmerinnen immer ein bisschen zusammenreißen, aber schwer gefallen ist es ihnen bisher nicht, denn oft sieht man in England mitten im Winter junge Damen in Miniröcken oder junge Männer nur mit Oberhemden bekleidet. Da die Hosen nun schon einmal ausgezogen sind, verlassen einige die U-Bahn in diesem Bekleidungszustand und präsentieren sich so auch überirdisch auf den Straßen Londons. In diesem Jahr hat Corona auch diesem Vergnügen einen Strich durch die Rechnung gemacht.

Hier sind einige Eindrücke vom „No Trousers Tube Ride 2020“, als das noch möglich war.

Published in: on 31. Januar 2021 at 02:00  Comments (3)  
Tags:

Die Huntrodds aus Whitby (North Yorkshire) und ihr Grabstein auf dem Kirchhof von St Mary’s

St Mary’s.
Eigenes Foto.

Um zu der Kirche St Mary’s in Whitby an der Ostküste von North Yorkshire zu gelangen, muss man erst 199 Stufen bewältigen. Michel Faber hat einen Roman über Whitby geschrieben, der „Hundertneunundneunzig Stufen“ heißt (siehe dazu meinen Blogeintrag). Der Aufstieg lohnt sich wirklich, denn man hat von hier oben einen großartigen Blick auf die Stadt und auf das Meer. Die Besucher kommen meistens hier hoch, um sich die Ruinen der Whitby Abbey anzusehen, aber der kleinen Kirche sollte man unbedingt auch einen Besuch abstatten, solange sie noch steht, denn sie läuft Gefahr von den Klippen abzurutschen; einige Grabsteine des Kirchhofs hat es schon erwischt.

An einer Stelle der Kirchenaußenmauer ist eine Tafel angebracht (die Inschrift auf dem Originalgrabstein darunter ist verwittert und unleserlich), die an eine Merkwürdigkeit erinnert, die mit der Huntrodd-Familie zusammenhängt, die im 17. Jahrhundert in Whitby gelebt hat. Francis und Mary Huntrodd wurden beide am 19. September 1600 geboren, Die beiden heirateten an ihren jeweiligen Geburtstagen, also wieder an einem 19. September. Dann setzten sie zwölf Kinder in die Welt (nein, die wurden nicht alle an einem 19. September geboren, da fehlten Francis und Mary leider das Augenmaß). Im Jahr 1680 starb das Ehepaar, und wie sollte es anders sein, sie starben an ihren Geburtstagen und an ihrem Hochzeitstag, dem 19. September, im Abstand von fünf Stunden. „Each tender heart so fit a match, surely, could never be; both in their lives, and in their deaths agree„, so steht es auf der Tafel zu lesen.

Jemand hat sich mal die Mühe gemacht, auszurechnen wie hoch die Wahrscheinlichkeit ist, dass so etwas passieren kann und kam zu dem Ergebnis: 1:50 000 000 000, also eins zu 50 Milliarden (die Rechenweise ist hier nachzulesen).

Zwei Männer und eine Frau, die sich sehr für das Thema Wahrscheinlichkeitsrechnung interessieren, David Spiegelhalter, Michael Blastland und Timandra Harkness, haben den 19. September zum Huntrodds‘ Day ausgerufen An diesem Tag soll man eine Huntrodds-Party mit 23 Gästen feiern. Dann ist die Wahrscheinlichkeit groß, 50%, dass zwei der Gäste am selben Tag Geburtstag haben. Außerdem sollen sie durch Gespräche herausfinden, ob es irgendwelche zufällige Übereinstimmungen unter ihnen gibt. Klingt sehr interessant!

 

Gruselige Atmosphäre auf dem Kirchhof von St Mary’s.
Author: mikeywilltoo
Creative Commons 2.0

Die Tafel über dem Grabstein.
Author: Eldar cb
Creative Commons 3.0

Published in: on 25. Januar 2021 at 02:00  Comments (2)  
Tags: ,

Von der Schwierigkeit, manche englische Ortsnamen richtig auszusprechen (unter besonderer Berücksichtigung der Londoner U-Bahnstationen)

Die Besucher Englands werden hin und wieder mit Orts- und Personennamen konfrontiert, die anders ausgesprochen werden als man meint bzw. die unaussprechbar zu sein scheinen. In die letzte Kategorie gehört beispielsweise der Adelstitel Duke of Buccleuch (richtige Aussprache [bəˈkluː]. Einige Beispiele für komplizierte Ortsnamen:

Woolfardisworthy in Devon – korrekt: [wʊlzəri]

Godmanchester in Cambridgeshire – korrekt/traditionell: [ɡʌmstər]

Bicester in Oxfordshire – korrekt: [bɪstər]

Worcester in Worcestershire – korrekt: [wʊstər]

In der Londoner U-Bahn gibt es auch einige Stationsnamen, die von vielen (auch Engländern selbst) falsch ausgesprochen werden. Eine hilfreiche Anweisung über die richtige Aussprache fand ich in diesem Video:

Published in: on 9. Januar 2021 at 02:00  Comments (1)  
Tags:

Ellen Sadler – The Sleeping Girl of Turville

Das Sleepy Cottage.
Photo © Jeremy Bolwell (cc-by-sa/2.0)

Eigentlich gibt es in dem winzigen Dorf Turville in den Chilterns in Buckinghamshire nicht viel zu sehen, trotzdem wird es immer mal wieder von Film- und TV-Produktionsfirmen aufgesucht, um hier Dreharbeiten vorzunehmen. Ich schrieb bereits mehrere Male in meinem Blog über meine Besuche in dem hübschen Dörfchen. Es ist einfach nett anzusehen mit seinen Cottages, der Kirche St Mary the Virgin und dem Pub The Bull and Butcher, der immer noch ein wenig von den „Inspector Barnaby„-Dreharbeiten zehrt, die allerdings schon eine ganze Zeit zurückliegen.

Erst im November letzten Jahres stattete ich Turville erneut einen Besuch ab. Direkt neben dem Türchen des Eingangs zum Kirchvorplatz steht ein Haus, das heute den Namen Sleepy Cottage trägt, das in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts für einige Jahre im Mittelpunkt des Interesses für viele Menschen stand. Hier wohnten Ann und William Sadler mit einer ganzen Heerschar von Kindern, deren jüngstes Ellen hieß. Sie wurde am 15. Mai 1859 geboren und führte ein mehr oder wenig normales Leben in einer Familie mit sehr wenig Geld. Am 29. März  1871 ging Ellen abends zu Bett… und wachte erst knapp zehn Jahre später wieder auf. Das elfjährige Mädchen war in einen Dornröschenschlaf gefallen und niemand wusste warum. Ellen hatte vorher schon erhebliche Probleme mit ihrer Gesundheit gehabt, litt unter Bewusstseinsstörungen und war wochenlang in einem Krankenhaus in Reading untergebracht; aber auch dort fand man für das kranke Mädchen keine Lösung.

Ja, da lag Ellen nun in dem Haus in der School Lane und schlief und schlief. Schnell verbreitete sich die Geschichte von dem Dornröschenschlaf-Mädchen in Turville im ganzen Land und es zog neben Journalisten und Medizinern auch neugierige Menschen an, die einmal einen Blick auf Ellen werfen wollten (auch der zukünftige König Edward VII. soll auf einen Sprung vorbeigekommen sein). Das Mädchen brachte ihrer Familie zum Beispiel durch Spenden einiges an Geld ein, so keimte allmählich der Verdacht im Dorf auf, dass Ellen gar nicht in einem Tiefschlaf lag, sondern ihre Geschichte nur dazu diente, um Geld einzunehmen. Das Kind lebte übrigens von einer Art Zwangsernährung, die zum Beispiel aus Milch und Portwein bestand.

Im Mai 1880 starb Ellens Mutter, so stellte sich die Frage, wer sich um Ellen kümmern sollte, was dann zwei ihrer Schwestern übernahmen, die auch in Turville wohnten. Und dann geschah es: Am Neujahrstag 1880 schlug Ellen wieder die Augen auf und war erwacht. Sie konnte sich an nichts in den vergangenen Jahren erinnern und musste sich nach und nach wieder in ihr neues Leben eingewöhnen, denn sie war ja auf dem Stand eines elfjährigen Mädchens stehen geblieben.
Einige Jahre später heiratete Ellen einen Farmer aus Reading und zog von Turville fort. Was genau die Ursache des langen Schlafs gewesen sein mag, hat man nie herausgefunden; der Verdacht eines Schwindels ist auch nie ausgeräumt worden.

Das jetzt Sleepy Cottage genannte Haus ist häufig in der TV-Comedy-Serie „The Vicar of Dibley“ zu sehen, die in Turville gedreht wurde. Auch in dem Spielfilm „Goodnight, Mr. Tom“ mit John Thaw spielt das Haus eine Rolle.

School Lane, rechts das Sleepy Cottage.
Photo © David Howard (cc-by-sa/2.0)

 

Published in: on 28. Dezember 2020 at 02:00  Comments (1)  
Tags:

Die Spaß-Fahrzeuge des Edd China

The fastest sofa in the world.
Author: peter_hastings
Creative Commons 2.0

Beim Kop Hill Climb bei Princes Risborough in Buckinghamshire, der einmal jährlich stattfindet (wenn nicht irgendein doofes Virus das verhindert), kommen immer jede Menge Oldtimer-Fahrzeuge zusammen, die den Hügel erklimmen. Schon im Jahr 1910 begann dieser Wettbewerb, wurde fünfzehn Jahre später verboten und feierte 1999 seine Wiederauferstehung. Die Fahrzeuge müssen dabei Steigungen bis zu maximal 25% überwinden, da kommen die Vehikel ganz schön aus der Puste. Doch nicht nur Oldtimer treffen sich hier am Kop Hill, so manches Fun Car ist auch zu bestaunen. 2017 präsentierte Edd China einige seiner Spaß-Fahrzeuge, die auf großes Interesse der Zuschauer stießen. In Deutschland kennt man den TV-Moderator und Kfz-Mechaniker aus der Fernsehserie „Die Gebrauchtwagen-Profis“ des Senders DMAX (ein Sender, der nicht auf meiner Top 10-Liste steht).

Einzug in das „Guinness Buch der Rekorde“ erlangte Edd China mit dem schnellsten Sofa der Welt, dem Casual Lofa, das es bis auf 140 km/h bringt. Das Lenkrad des verrückten Dreisitzer-Sofas besteht aus einem Pizzateller, der Hebel der Handbremse aus einem Mars-Riegel und eine Tischlampe verziert das Gefährt, das eine Straßenzulassung besitzt. Ob das wohl auch in Deutschland möglich wäre?

Edd China ist auch der Schöpfer des schnellsten Badezimmers der Welt,“Bog Standard“, mit Badewanne, Waschschüssel und Schmutzwäschetruhe; etwa 70 km/h schnell bewegt sich dieses Vehikel, das ebenfalls im „Guinness Book of Records“ verzeichnet ist.

Edd Chinas Fantasie scheint grenzenlos zu sein, denn er entwickelte auch noch den „Street Sleeper“, das mit über 100 km/h schnellste Bett der Welt, und, seine neueste Kuriosität, „the world’s fastest electric ice cream van„, der es in diesem Jahr in das „Buch der Rekorde“ schaffte.

In diesem Film über den Kop Hill Climb 2017 sind einige von Edds Fahrzeugen zu sehen.

…und noch einmal das Hochgeschwindigkeits-Sofa, weil es so schön ist.
Author: Graham O Siodhachain
Creative Commons 2.0

Ship Money oder Warum drei Kommunen in Kent und Essex jedes Jahr Geld an den Bürgermeister von Sandwich abliefern (oder auch nicht)

Die Guildhall in Sandwich (Kent).
Photo © Colin Smith (cc-by-sa/2.0)

Die Cinque Ports, also die fünf Häfen, an der englischen Südküste spielten vor langer Zeit einmal eine wichtige sowohl militärische als auch wirtschaftliche Rolle. Es waren Dover, Hastings, Hythe, Romney und Sandwich; es kamen dann noch Rye und Winchelsea hinzu, so dass das Bündnis eigentlich Sept Ports heißen müsste. Gegen Ende des 14. Jahrhunderts ließ die Bedeutung der Hafenstädte nach, auch auf Grund der Tatsache, dass einige Häfen im Laufe der Zeit versandeten und dort keine Schiffe mehr anlegen konnten.

Da England ein Land ist, das sehr an Traditionen fest hält und geschichtsbewusst ist, gibt es die Cinque Ports noch immer, und der „Boss“ dieser Orte ist der Lord Warden, der seinen Amtssitz im Walmer Castle in Kent hat (ich berichtete in meinem Blog über ihn).

Jedes Jahr im Juli  spielt sich im Courtroom der Guildhall von Sandwich in Kent eine recht bizarre Zeremonie ab, bei der sich die „limbs“ einzufinden haben. Da die Cinque Ports damals verpflichtet waren, dem König Schiffe und Mannschaften zur Verfügung zu stellen, halfen die „limbs“ dabei mit; das waren Orte, die mit jeweils einer Hafenstadt assoziiert waren. Die „limbs“ von Sandwich sind heute noch Brightlingsea, das in Essex liegt, und die beiden kentischen Fordwich und Sarre. Da die drei nun keine Schiffe oder Mannschaften zur Verfügung stellen können bzw. brauchen, beteiligen sie sich mit einem finanziellen Beitrag, Ship Money genannt, der dem Stadtsäckel von Sandwich zugute kommt und den der Bürgermeister der Stadt entgegen nimmt. Dieses Ship Money belastet das Budget der drei Kommunen aber nicht allzu sehr: Der Mayor Deputy of Brightlingsea bringt zehn Shilling mit, was fünfzig Pence entspricht, der Mayor Deputy of Fordwich bezahlt drei Shilling und vier Pence, entsprechend siebzehn Pence, und der Mayor Deputy of Sarre…bringt überhaupt nichts mit und bittet um Verständnis, weil sein Dorf so klein und so arm ist, was Jahr für Jahr akzeptiert wird (siehe meinen Blogeintrag über das Cherry Brandy House in Sarre). Es geht doch nichts über Traditionen!

Fordwich Town Hall in Kent.
Photo © Colin Smith (cc-by-sa/2.0)

Brightlingsea in Essex
Author: John D. Fielding
Creative Commons

Gesehen in Sarre in Kent…
Author: cherryphilip
Creative Commons 2.0

Published in: on 14. November 2020 at 02:00  Kommentar verfassen  
Tags: ,

The Pylon Appreciation Society – Von der Schönheit der Strommasten

Ein Strommast bei Lower Penn in Staffordshire
Photo © Gordon Griffiths (cc-by-sa/2.0)

Die meisten Menschen halten die Strommasten, die quer durch Wald und Feld verlaufen, für hässlich und wollen die Hochspannungsleitungen lieber unter der Erde verlegt sehen. Es gibt aber auch Fans von diesen großen Pylonen und die haben sich in England in der Pylon Appreciation Society zusammengetan, die es seit dem Jahr 2005 gibt. 
Die treibende Kraft dieser Gesellschaft war und ist Flash Wilson Bristow, der auf seiner Website The Gorge Hunderte von Strommasten-Fotos aus vielen Ländern zusammengetragen hat. Wer sich genauer über diese stählernen Giganten informieren möchte, kann das zum Beispiel auf Bristows FAQ tun.

Ähnlich wie „train spotter“ gibt es auch „pylon spotter„, die im „Urban Dictionary“ so beschrieben werden:
One who engages in the hobby of electricity pylon number collecting, aka pylon spotting. Can be seen walking under pylons with a pen, notebook, binoculars, and wearing an anorak„.

Es gibt  sogar einen Spielfilm, in dem die hohen Masten eine Rolle spielen, nämlich „Among Giants – Zwischen Himmel und Erde„, der 1998 in die englischen Kinos kam (in Deutschland ein Jahr später),  in dem der 2011 verstorbene Peter Postlethwaite der Hauptdarsteller ist.
Hier der Trailer zum Film.

Auf der Webseite „Pylon of the Month“ („All about electricity pylons and electricity supply“) wird jeden Monat ein besonders ansehnlicher Strommast vorgestellt und näher beschrieben.

Hier ist ein Film (nur für Schwindelfreie) aus dem Jahr 1966; die Technik des Strommastenbaus dürfte sich inzwischen verändert haben.

Schlank und rank…Ein schönes Exemplar bei King’s Lynn in Norfolk
Photo © Mat Fascione (cc-by-sa/2.0)

Published in: on 6. November 2020 at 02:00  Kommentar verfassen  
Tags:

Ugandan discussions oder Die schönste Nebensache der Welt

Die Flagge Ugandas.
This work is in the public domain.

Es gibt in der englischen Sprache zahllose Beschreibungen von „having sex„, das sind zum Beispiel humorvolle wie „horizontal dancing“, vulgäre wie „screwing“ oder „shagging“, klinisch-medizinische wie „sexual act“, brave wie „going to bed with someone“ und sehr ungewöhnliche wie „Ugandan discussions„.

Wie entstand nun dieser höchst merkwürdige Begriff, in dem das Land im Inneren Afrikas eine Rolle spielt? Es war in den 1970er Jahren als der Journalist Neal Ascherson , der damals für den Observer arbeitete, eine Party gab. Eingeladen war auch seine irische Kollegin Mary Kenny, Gründerin des Irish Women’s Liberation Movement. Nach einiger Zeit verschwand sie und tauchte erst später bei der Party wieder auf. Gefragt, wo sie denn so lange geblieben wäre, antwortete sie, sie hätte ein Stockwerk höher mit einem früheren Minister der ugandischen Regierung Milton Obote Gespräche über Uganda geführt, eine elegante Beschreibung für Sex. Das Satiremagazin „Private Eye“ berichtete genüsslich über den Vorfall auf Aschersons Party und die Bezeichnung „Ugandan discussions“ oder „Discussing Uganda“ setzte sich im Sprachgebrauch fest.

Der berühmt-berüchtigte englische Politiker Alan Clark (1928-1999), der für seine zahlreichen außerehelichen Affären bekannt war, aus denen er auch kein Hehl machte, soll einmal abgelehnt haben, an einer zur Mittagszeit anberaumtem Sitzung teilzunehmen, denn „this will be impossible as at lunchtime I am usually involved in Ugandan discussions“ (Martin Latham: Kent’s Strangest Tales“, S. 229).

Published in: on 27. September 2020 at 02:00  Kommentar verfassen  
Tags: