Eine gefährliche Begegnung am Londoner Tobacco Dock im Jahr 1857 zwischen einem Tiger und einem Kind

Die Boy and Tiger Statue am Tobacco Dock.
Copyright: steveb5498.
With friendly permission of the author.

Der Name Tobacco Dock im Londoner Stadtteil Wapping sagt aus, was hier früher einmal angeliefert wurde. In erster Linie wurde Tabak  in dem Anfang des 19. Jahrhunderts errichteten Lagerhaus gespeichert. Doch die Schiffe, die die Themse aus fernen Ländern heraufkamen, brachten manchmal auch exotisches Getier mit, das der Importeur Charles Jamrach geordert hatte. Der deutschstämmige Jamrach (1815-1891) hatte seine Tierhandlung, damals die größte der Welt, gleich um die Ecke von den Docks am Ratcliffe Highway, heute die A1203, nur The Highway genannt. Im Jahr 1857 hatte der Händler einen bengalischen Tiger erhalten, den er an einen Zoo oder Zirkus weiterverkaufen wollte. Irgendwie gelang es dem Tier, aus der Transportbox zu entfliehen und so lief Mr Tiger durch die Straßen von Wapping, zum Entsetzen der dort flanierenden Menschen. Ein kleiner Junge, der so ein riesiges Tier noch nie gesehen hatte, lief auf ihn zu, um ihn zu streicheln. Der Tiger wusste nicht so recht, was er von den geplanten Streicheleinheiten halten sollte und schnappte sich das Kind, das er ein Stück Wegs im Maul mit sich schleppte, bis Charles Jamrach auf der Bildfläche erschien. Tollkühn und mit dem Mut der Verzweiflung steckte er dem Tiger seine Hand in den Rachen, bis der das zappelnde Kind wieder losließ. Das Ende der Geschichte: Das Kind hatte für lange Zeit jegliche Tiger-Streichel-Ambitionen verloren, der Tiger selbst wurde an den Schausteller George Wombwell verkauft und Charles Jamrach auf  £300 Schmerzensgeld verklagt.

Am Nordeingang der Tobacco Docks, an der Pennington Street, zurzeit ein überwiegend leerstehendes Gebäude, findet man eine Bronzestatue, die an dieses Ereignis aus dem Jahr 1857 erinnert.

Die in Manchester geborene Schriftstellerin Carol Birch hat in ihrem Roman „Jamrach’s Menagerie„, der auf der Shortlist des Man Booker Prizes im Jahr 2011 stand, über das Leben des Charles Jamrach geschrieben. Übersetzt wurde das Buch unter dem Titel  „Der Atem der Welt„.

Hier ist ein Film, der Jamrachs Geschichte kurz nacherzählt

Published in: on 14. Februar 2018 at 02:00  Schreibe einen Kommentar  

The Wrekin Barrel Race – Eine Strapaze für harte Männer und Frauen in Shropshire

Hier an der Old Rifle Range beginnt das Wrekin Barrel Race…
Photo © Richard Law (cc-by-sa/2.0)

Was tun sich so manche Engländer und Engländerinnen an? Da rennt man beim Cheese Rolling am Cooper’s Hill in Gloucestershire auf einem extrem steilen Hang einem Käselaib hinterher; bei den Tetbury Woolsack Races, ebenfalls in Gloucestershire, werden schwere Wollsäcke eine Straße hinaufgeschleppt, in Gawthorpe in West Yorkshire bei den World Coal Carrying Championships sind das mit Kohle gefüllte Säcke und bei den UK Wife Carrying Championships in Dorking in Surrey trägt Mann/man seine Frau über eine bestimmte Distanz.

Ein ähnlicher Wettbewerb fand bis zum Jahr 2013 in der Grafschaft Shropshire statt: The Wrekin Barrel Race. Der Wrekin (hier ist ein sehr schöner Film) ist ein Hügelzug östlich von Shrewsbury, dessen Gipfel eine Höhe von 407 Metern erreicht. Nicht der Rede wert, könnte man sagen; ja, das ist schon richtig, aber wenn man diesen Gipfel mit einem 40 Kilogramm schweren Fass erklimmen soll, sieht das schon ganz anders.

Das Fass-Rennen erinnert an die Wrekin Wakes, ein Fest, das oben auf dem Hügel im 19. Jahrhundert gefeiert wurde und bei dem Bier in Strömen floss, das natürlich erst einmal in Fässern hochgebracht werden musste. Da waren Männer mit Muskeln gefragt und die braucht man auch heute noch, um die schweren mit Wasser gefüllten „barrels“ auf den Gipfel zu transportieren.

Der Start des Wrekin Barrel Race ist das Gelände der ehemaligen Schießanlage am Fuß der Hügel und das Ziel das Heaven Gate oben am Gipfel; das sind über zwei Kilometer mit einem Höhenunterschied von rund dreihundert Metern. Das Rennen wird in vier Kategorien ausgetragen:

– Vier Personen tragen das Fass (der Rekord steht bei etwas über einundzwanzig Minuten)
– Ein einzelner muss die Strecke bewältigen (der Rekord liegt bei rund dreißig Minuten)
– Vier Frauen versuchen sich an einem leeren Fass, was frau bisher in achtzehn Minuten und sechsundzwanzig Sekunden schaffte.
– Und schließlich die Königsdisziplin, die Fancy Dress Challenge, wobei ein leeres Fass von einem beliebig zusammengestellten Team nach oben gebracht werden muss, allerdings in irgendeiner verrückten Kleidung.

Ich schrieb oben, dass das Wrekin Barrel Race bis 2013 stattfand. Ja, man pausiert seitdem, weil es mit der Organisation Probleme gibt, aber man arbeitet daran, das Rennen erneut auf die Beine zu stellen.

Hier ist ein Film von einem Barrel Race, bei dem einzelne muskelbepackte Männer die Strapaze auf sich nehmen.

…und hier am Heaven Gate ist das Ziel.
Photo © J Scott (cc-by-sa/2.0)

Published in: on 31. Januar 2018 at 02:00  Schreibe einen Kommentar  
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Drainspotters – Die Gullydeckel-Fans von der Insel

Hier ist gleich eine ganze Armada von Kanaldeckeln versammelt; gesehen in Westerham in Kent.
Eigenes Foto.

„Trainspotting“ hieß einmal ein sehr erfolgreicher Roman von Irving Welsh, der von Danny Boyle verfilmt wurde. Auf Bahnhöfen sieht man hin und wieder Trainspotter, die, mit Kamera und Notizbuch bewaffnet, die Nummern von Lokomotiven aufschreiben. Es gibt aber auch ein ähnlich klingendes Hobby, „Drainspotting„, das auch einige Anhänger hat. Für die Menschen, die diesem Hobby nachgehen, gibt es nichts Interessanteres als Gullydeckel. Für mich ist als Autofahrer ist der Begriff negativ belastet, denn ich finde, dass es in England erheblich mehr Gullydeckel gibt als in Deutschland. Man findet sie mitten auf den Straßen und am Straßenrand und ständig rumpelt man über diese unangenehmen, aber wohl notwendigen Eisengitter bzw. Eisenplatten hinweg.

Was ist denn nun das Besondere an diesen Dingern, die einige englische Zeitgenossen so fasziniert? Mir hat sich das bisher noch nicht erschlossen. Der prominenteste Drainspotter ist sicher der immer etwas schrullig wirkende Chef der Labour Party Jeremy Corbyn, dem es sehr viel Spaß macht, Gullydeckel zu fotografieren.

Archie Workman aus Ulverston in Cumbria ist ein Gullydeckel-Enthusiast. Wo immer er sich auch aufhält, er sucht nach zugewachsenen Abdeckungen, befreit sie von Unkraut und lässt sie wieder das Tageslicht erblicken. Archie hat schon einen Kalender mit Gullydeckel-Fotos herausgegeben (der erstaunlicherweise auf großes Interesse stieß), hält Vorträge im ganzen Land über sein Thema und möchte einmal ein Buch darüber schreiben.

Calvin Payne, The Sherlock of the Sewers, aus Sheffield in South Yorkshire verbringt ebenfalls einen Teil seines Lebens mit Gullydeckeln. Er fotografiert sie und beschäftigt sich mit ihrer Historie, denn viele von ihnen sind schon sehr alt und wurden in der Zeit von Queen Victoria hergestellt.

Bryan Gibson aus Bodmin in Cornwall hat schon Tausende von Kanaldeckeln fotografiert, aber ihm geht es in erster Linie um verstopfte Exemplare, denn es ärgert ihn, dass die zuständigen Behörden sich seiner Meinung nach nicht so besonders intensiv darum kümmern. So zieht er durch die Grafschaft, macht Fotos von den „friendless drains“ und markiert sie mit einem kleinen Gartenzwerg.

Ein Kanaldeckel in Bishopstone (Wiltshire), der die Wassermassen nicht mehr halten kann (vielleicht weil er verstopft ist).
Photo © Maigheach-gheal (cc-by-sa/2.0)

Ein Gullydeckel in Cornwall, noch ohne Gartenzwerg.
Photo © Rod Allday (cc-by-sa/2.0)

Published in: on 27. Januar 2018 at 02:00  Comments (1)  
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Londoner Kuriositäten Teil 3: Ben, der „Roof dog“ in Brixton

The Windmill in Brixton.
Author: Ewan Munro.
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Der Pub „The Windmill“ an der Straße Blenheim Gardens im Londoner Stadtteil Brixton sieht von außen nicht sehr einladend aus; er ist nicht das, was man einen „cozy pub“ nennen könnte, dafür ist er für Musikbegeisterte eine Art Mekka geworden. Live Music ist hier angesagt und die zieht auch Leute aus anderen Teilen Londons an. Der Name „The Windmill“ kommt von der rund 200 Meter entfernten letzten Windmühle der Hauptstadt, deren Mehl man in einigen Läden in Brixton kaufen kann.

Ein lebendes Wahrzeichen des Pubs war bis zum August 2015 Ben, ein Rottweiler, der acht Jahre seines Lebens auf dem Dach des Lokals verbrachte, wo seine Besitzer auf einem aufgepfropften Bungalow wohnten. Ben wurde von den Pubbesuchern geliebt, obwohl er den einen oder anderen durch sein Gebell wohl auch etwas nervte. Im August 2015 starb der arme Kerl an Prostatakrebs, und er wurde  in den Blenheim Gardens sehr vermisst. Doch der Platz auf dem Dach des Pubs blieb nicht lange leer, denn auf Ben folgte Lucky, ein Schäferhund. Auch gab es einige Ben-Vorgänger wie den Dobermann Brandy und Di, eine Schäferhund-Rottweiler-Mischung. Aber Ben bleibt bis heute unvergessen, so kann man in „The Windmill“ T-Shirts mit der Aufschrift „I Believe in Roof Dog“ kaufen und es wurde noch zu Lebzeiten Bens ein Bier gebraut, das Roof Dog Beer hieß und das die Pitfield Brewery produzierte. Das Bier wurde mit großem Tamtam, das heißt mit viel Musik, in „The Windmill“ erstmals am 25. Mai 2014 ausgeschenkt. Ob Ben auch etwas von dem  4.5% starken Bier, das nach ihm benannt wurde, abbekam, konnte ich leider nicht feststellen.

 

Londoner Kuriositäten Teil 1: Die musikalische Ian Dury-Gedächtnisbank im Richmond Park

Author: Jim Linwood
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Ian Dury war ein englischer Rocksänger, der im Alter von 57 Jahren am 27. März 2000 in London starb. Er lebte zuletzt in Richmond im Südwesten der Hauptstadt und einer seiner Lieblingsorte war der Richmond Park, in dem er sich gern mit seinen Kindern Jemima und Baxter aufhielt. Ian Durys bekanntester und gleichzeitig auch erfolgreichster Song war „Hit Me With Your Rhythm Stick„, der 1978 Platz 1 der UK Charts erreichte (in Deutschlands Hitparaden kam er damit bis auf Platz 22). Mit „Reasons to Be Cheerful“ kam er ein Jahr später noch einmal auf den dritten Platz der Charts in seinem Heimatland.

Den Schriftzug „Reasons to Be Cheerful“ findet man auf einer Bank im Richmond Park an der Queen’s Road, die Ian Dury zu Ehren und zu seiner Erinnerung seine Familie im Jahr 2002 hier errichten ließ. Entworfen wurde die Bank von dem jugoslawischen Produktdesigner Mil Strichevic. Das Besondere daran ist, dass diese Bank musikalisch ist, das heißt, man kann seinen mitgebrachten Kopfhörer an einer der beiden in die Armlehnen eingelassenen Buchsen anschließen und hört dann Ian Durys bekannteste und beliebteste Songs, darunter auch den mit dem in die Rückenlehne eingeritzten Namen. Betrieben wird die Musikanlage durch Solarstrom. Ich finde das eine sehr gute Idee, die Erinnerung an eine Musiklegende auf diese Weise aufrechtzuerhalten.

Übrigens wurde die Idee mit der Audio-Bank in Barrow-in-Furness (Cumbria) aufgegriffen, wo Künstler aus Cumbria zwölf Bänke an unterschiedlichen Orten der Stadt aufstellten, die ebenfalls mit Kopfhöreranschlüssen und Solaranlagen ausgestattet waren. Dort konnte der Spaziergänger/Hörer jeweils ein Kapitel einer Geschichte hören (die „String“ hieß“) und dann weiter zur nächsten Bank wandern, wo das nächste Kapitel abgespielt wurde.

Published in: on 16. Januar 2018 at 02:00  Schreibe einen Kommentar  
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The Camberwell Submarine – Ein U-Boot mitten im Londoner Süden?

Die Akerman Road ist eine ziemlich dröge Straße im Londoner Stadtteil Camberwell, südlich der Themse. Kein Pub oder Restaurant findet sich entlang der Straße, nur gleichförmige Wohnhäuser, die im oberen Teil moderner, die im unteren Teil älteren Datums. Das einzige Highlight ist der nahe gelegene Myatt’s Field Park, ein kleines Erholungsgebiet mit Sportanlagen, einem Café und einem Musikpavillon.

Doch eine Besonderheit gibt es hier zu bestaunen, The Camberwell Submarine wie es allgemein genannt wird. Dabei handelt es sich um ein merkwürdiges Bauwerk direkt an der Straße, das tatsächlich wie ein Unterseeboot aussieht. Wer mit diesem Beton-Gebilde erstmals konfrontiert wird, der könnte sich vorstellen, dass er es mit einem Relikt aus der Zeit des Kalten Krieges oder irgendetwas mit Bunkern oder Verteidigungsanlagen zu tun hat. Auf jeden Fall bleibt der erstmalige Besucher der Akerman Road stehen und zermartert sich sein Hirn über den Sinn und Zweck des mysteriösen Objektes.

Die Auflösung des Geheimnisses: The Camberwell Submarine ist natürlich kein ehemaliges U-Boot, sondern ist nichts anderes als ein Lüftungsschacht für einen unterirdischen Kesselraum, eine riesige Heizungsanlage, die dafür sorgt, dass die Bewohner einiger umliegender Sozialwohnungsbauten nicht frieren müssen.
Also lohnt sich ein Abstecher zur Akerman Road doch.

Published in: on 27. Dezember 2017 at 02:00  Schreibe einen Kommentar  
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The Dreadnought Hoax oder Wie sich eine Schiffsbesatzung einmal aufs Eis führen ließ

HMS Dreadnought.
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Ein Prankster ist jemand, der es liebt anderen Leuten Streiche zu spielen und sich dabei köstlich zu amüsieren. Einer, der sein Handwerk darauf verstand, war der irische Dichter Horace de Vere Cole (1881-1936). Vor ihm war niemand sicher  und seine bevorzugten Opfer waren Politiker, Geschäftsleute und hohe Militärs. Schon während seiner Studentenzeit in Cambridge machte er durch seinen Sultan of Zanzibar-Streich von sich reden, als er sich für diesen ausgab. Sein berühmtester „prank“ aber war der Dreadnought Hoax, der in die Geschichtsbücher eingegangen ist, auch weil daran eine 28jährige Dame teilnahm, die später als Virginia Woolf weltweit bekannt wurde (damals hieß sie noch Virginia Stephen). Auch Virginias jüngerer Bruder Adrian, der den Streich mit Horace ausheckte, hatte viel Spaß daran.

Die HMS Dreadnought war ein Kriegsschiff der königlichen Marine, deren Besatzung in freundschaftlicher Konkurrenz mit den Seeleuten der HMS Hawke lag und von letzteren kam dann auch der Anstoß dazu, den Dreadnought-Leuten einen Streich zu spielen. Am 7. Februar  1910 begann alles damit, dass der Kapitän der HMS Dreadnought, die gerade im Hafen von Portland in Dorset lag, ein Telegramm (angeblich vom Außenministerium abgeschickt) erhielt, das den kurzfristigen Besuch einer Delegation von hochrangigen Prinzen aus Abessinien ankündigte (die aus Cole, Stephen & Co. bestand). Schnell kam dann auch die in Landeskleidung gehüllte und gut geschminkte Besuchergruppe an Bord des Kriegsschiffs, wo sie mit der Nationalhymne von Sansibar begrüßt wurde, denn die abessinische Hymne kannte niemand und die Delegation nahm daran auch keinen Anstoß. Die Prinzen besichtigten das Schiff und brachen immer wieder in Rufe der Begeisterung aus („Bunga, Bunga“). Sie waren derart gut verkleidet, dass der Schiffskommandant seinen Cousin Adrian und seine Cousine Virginia nicht erkannte. Nach einigem Firlefanz, den die Besucher noch an Bord veranstalteten, verließen sie die HMS Dreadnought wieder.

Um den Spaß in Gänze auszukosten, informierte Horace die Presse über den „prank“, die natürlich genüsslich darüber berichtete. Die Navy war nicht sehr amüsiert, aber ein Versuch, den Urheber des Streichs zur Rechenschaft zu ziehen, misslang, denn niemand hatte ein Gesetz gebrochen. Als symbolische Strafe erhielten die „Prankster“ einen sanften Schlag mit einem Stock auf den Po (ausgenommen Virginia Stephen!)  Die Matrosen der HMS Dreadnought wurden bei ihren Landgängen mit „Bunga, Bunga“-Rufen begrüßt, und ihre Kollegen von der HMS Hawke freuten sich besonders über den gelungenen Streich.

Horace de Vere Cole sollte in seinem Leben noch viele weitere Schabernacke ausführen, so verteilte er auf seiner Hochzeitsreise nach Venedig auf dem Markusplatz heimlich Pferdeäpfel, die dort natürlich nicht sein konnten, denn in der Lagunenstadt gab es keine Pferde. Ganz witzig finde ich auch seine Idee, eine Party zu veranstalten, bei der die geladenen Gäste im Lauf des Abends feststellten, dass sie alle das Wort „bottom“ in ihren Nachnamen führten. Long live the British (and Irish) eccentrics!!

Hier ist die Geschichte noch einmal im Film zu sehen.

Das Buch zum Artikel:
Martyn Downer: The Sultan of Zanzibar – The Bizarre World and Spectacular Hoaxes of Horace de Vere Cole. Black Spring 2010. 310 Seiten. ISBN  978-0948238437.

 

Published in: on 8. Dezember 2017 at 02:00  Comments (3)  
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The Forbidden Corner bei Middleham (North Yorkshire) – The strangest place in the world

Mitten in den Yorkshire Dales, in der Nähe von Leyburn, liegt ein großes Gelände mit allerhand Merkwürdigkeiten, das sich The Forbidden Corner nennt, mit dem Zusatz „The Strangest Place in the World„.

Ein gewisser Colin Armstrong, der Besitzer von Tupgill Park, auf dessen Gelände The Forbidden Corner liegt, hatte sich in den 80er Jahren zu seinem eigenen Vergnügen diese Ansammlung von Follies zugelegt und sie dann 1997 für die Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Die Menschen strömten herbei, um sich den „Pleasure Garden“ anzusehen, was in der direkten Nachbarschaft nicht auf durchgängige Begeisterung stieß, wurde doch das Verkehrsaufkommen in der Umgebung von Leyburn stark erhöht. Die Geschäftsleute in der Region aber freut es bestimmt.

Was gibt es denn nun hier eigentlich zu sehen? Tunnel, einen Irrgarten, einen „Temple of the Underworld“, eine gläserne Pyramide, Wege, die nirgendwohin führen, merkwürdige Statuen usw. usw. Kinder, aber auch Erwachsene, lieben The Forbidden Corner, das von der Tageszeitung The Guardian als „Best Family Trip“ empfohlen wurde.

The Corner Café bietet Erfrischungen und kleine Gerichte für zwischendurch an und im Gift Shop kann man sich zuguterletzt mit Souvernirs eindecken.

Geöffnet ist The Forbidden Corner in der Regel vom 1. April bis zum 31. Oktober und dann nur noch bis Weihnachten an Sonntagen. Der Eintritt kostet für Erwachsene £12, für Kinder £10. Eine Vorabbuchung ist erforderlich.

Eine echte Kuriosität wie dieser Film zeigt.

The Forbidden Corner
Tupgill Park Estate,
Coverham,
Middleham
Leyburn
North Yorkshire DL8 4TJ

The secret Roman Temple.
Photo © Bev Dickinson (cc-by-sa/2.0)

Ein Blick in die Herrentoilette.
Photo © Steve Fareham (cc-by-sa/2.0)

The Viktor Wynd Museum of Curiosities, Fine Art & Natural History in London – Schräger geht es wirklich nicht

The Viktor Wynd Museum of Curiosities, Fine Art & Natural HistoryThe Last Tuesday Society„, so steht es über der Tür des schmalen zweistöckigen Hauses in der Mare Street im Londoner Stadtteil Hackney, im Nordosten der Stadt, und was sich hinter dieser Tür verbirgt, mag man kaum glauben. Doch zuerst, wer ist Viktor Wynd und was ist die Last Tuesday Society?

Viktor Wynd ist ein exzentrischer Künstler und Buchautor, zu dessen Werken zum Beispiel „Structures of The Sublime; Towards a Greater Understanding of Chaos“ gehört, das er 2005 veröffentlichte. Er ist Mitglied des Londoner Institute of Pataphysics, ein Begriff, den ich auch noch nicht kannte und ziehe zur Erklärung die Wikipedia zur Hilfe: „Pataphysik (frz. ’Pataphysique, ein Wortspiel mit den homophonen Formulierungen patte à physique, pas ta physique und pâte à physique) ist ein absurdistisches Philosophie- und Wissenschaftskonzept des französischen Schriftstellers Alfred Jarry (1873–1907), das sich oftmals als nonsensische Parodie der Theoriebildungen und Methoden moderner Wissenschaft gibt“. Jetzt dürften alle Unklarheiten beseitigt sein.

The Last Tuesday Society ist eine Gesellschaft in London, die von Viktor Wynd geleitet wird, und die künstlerische und literarische Events durchführt, meist der schrägen Art.

Kommen wir zum Museum zurück und was man dort alles bestaunen kann. Wer schon immer einmal „the darkness that Moses brought upon the Egyptians“ sehen wollte, wird hier fündig; diese Dunkelheit, die über die Ägypter kam, ist in einer Box enthalten. Es gibt banale Dinge zu sehen wie eine Sammlung von Happy Meal Toys von McDonalds, aber überwiegend sind es extrem ausgefallene Dinge, die im Museum ausgestellt werden wie:

Ein Kothäufchen der verstorbenen Sängerin Amy Winehouse in einem Glas (wie mag das wohl von der Produzentin hierher nach Hackney gekommen sein?), benutzte Kondome der Rolling Stones, masturbierende afrikanische Figuren, tote Babies in Flaschen, Vaginas von Prostituierten aus der viktorianischen Zeit, ein Lamm mit acht Beinen, das Skelett einer Meerjungfrau, ein Schrumpfkopf aus Südamerika, der mumifizierte Finger des mexikanischen Rebellen Pancho Villa und und und.

Die Bibliothek des Museums enthält Bücher mit Titeln wie Shopping Centre Sex, The Aesthetics of the Japanese Lunch Box, Who Cares About Elderly People, A Sex Guide For Irish Farmers, Let’s Play Nurse & Doctor und, mein Favorit, das unfreiwillig komisch formulierte How To Help Your Husband Get Ahead.

Dieses Kuriosenkabinett ist faszinierend für alle diejenigen, die einen Nerv für alles Schräge, Skurrile und Exzentrische haben. Diese beiden Filme geben einen tieferen Einblick in Viktor Wynds Reich (Film 1, Film 2).

Das Museum ist mittwochs bis sonntags von 12 Uhr bis 23 Uhr geöffnet.

The Viktor Wynd Museum of Curiosities, Fine Art & Natural History
11 Mare Street
London
E8 4RP

 

The UK Wife Carrying Championships in Dorking (Surrey)

The Nower in Dorking (Surrey).
Photo © Ian Capper (cc-by-sa/2.0)

The Nower ist eine Parklandschaft zwischen dem Coldharbour Lane und dem Hampstead Lane in Dorking in der Grafschaft Surrey. Hier werden alljährlich die UK Wife Carrying Championships ausgetragen, ein kurioser Wettbewerb, bei dem Männer Frauen über eine   Strecke von 380 Metern tragen müssen. Der Ursprung des „Frauenwegtragens“ soll im Jahr 793 liegen, als Wikinger die im Nordosten liegende Insel Lindisfarne überfielen und dabei alle Frauen, die sie dort vorfanden, gegen ihren Willen wegtrugen.

Im Jahre 2008 kam man auf die Idee, dieses „wife carrying“, das vor Urzeiten als eine Art Sport betrieben wurde, wieder aufzunehmen und einmal im Jahr das UK Wife Carrying Race zu veranstalten. Teilnehmen können Pärchen (sie müssen nicht verheiratet aber mindestens 18 Jahre alt sein), bei denen die Frau ein Mindestgewicht von 50 kg haben muss. Hat sie das nicht, ist sie verpflichtet, beim Rennen einen Rucksack zu tragen, in dem sich Büchsen mit gebackenen Bohnen befinden müssen, die dem fehlenden Körpergewicht entsprechen (es dürfen auch Büchsen mit anderen Lebensmitteln sein).
Es gibt unterschiedliche Tragestile wie Huckepack, der „fireman’s carry„, wobei die Frau über der Schulter getragen wird, der „Estonian style„, dabei hängt die Frau mit dem Kopf nach unten, schlingt ihre Beine um Kopf und Schultern ihres Partners und hält sich an seinen Hüften fest und der „Dorking hold“ (wie beim Estonian, nur anders herum)

Auf der Webseite der Veranstalter wird gewarnt wie gefährlich das Rennen ist und was dabei alles passieren könnte: Man kann sich die Arme oder Beine brechen, schwere Rücken- und Kopfverletzungen erleiden, ja sogar der Tod ist nicht ausgeschlossen (was wohl eher als „tongue-in-cheek“ gemeint ist). Man solle sich davon aber bitte nicht abschrecken lassen.

Die Gewinner der UK Championships erhalten ein Fass Bier mit Pilgrim Ale der nahegelegenen Pilgrim Brewery in Reigate (Surrey) und einen Reisezuschuss von £250 zu den World Wife Carrying Championships, die in den letzten Jahren überwiegend in Finnland und Estland ausgetragen wurden. Der arme Mann, der die schwerste Frau über die Runde getragen hat, bekommt eine Wurst und einen anerkennenden Klaps auf den Rücken von den anderen Teilnehmern.

Hier sind Bilder von dem diesjährigen Rennen. Das nächste findet am 8. April 2018 statt.

Published in: on 10. November 2017 at 02:00  Comments (2)  
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Stompie – Der russische Panzer am Londoner Mandela Way

Die Old Kent Road (A2) führt in südöstlicher Richtung aus London heraus. Ich bin sie früher häufig gefahren, um zur inzwischen eingestellten Fähre von Sheerness auf der Isle of Sheppey nach Vlissingen zu fahren. Besonders schön ist diese lange Straße nicht, gesichtslose Wohnhäuser, Supermärkte, Schnellimbisse und Tankstellen reihen sich hier aneinander. Schräg gegenüber von einem Lidl-Markt zweigt der Mandela Way ab und gleich auf der linken Seite finden wir ein unbebautes, verwahrlostes und unkrautüberwuchertes Grundstück, auf dem ein Panzer steht, ein russischer T-34, um genau zu sein. Wie kommt diese militärische Kampfmaschine in die Straße, die nach dem südafrikanischen Freiheitskämpfer benannt ist?

Der T-34, der von den Bewohnern der Umgebung liebevoll Stompie genannt wird, war einer der am meisten gebauten Panzer der sowjetischen Armee, die im Zweiten Weltkrieg eingesetzt wurden. Stompie vom Mandela Way diente 1968 beim sogenannten Prager Frühling dazu, den Aufstand dort niederzuwalzen. Nachdem Stompie in den Ruhestand versetzt worden war, transportierte man ihn viele Jahre später nach England, wo er 1995 bei den Dreharbeiten zu Richard Loncraines Film „Richard III“ verwendet wurde. Der Regisseur versetzte die Handlung des Shakespeare-Dramas in ein faschistisches England in den 1930er Jahren.
Nachdem der Panzer auch diese Arbeit bewältigt hatte, stand er eigentlich nur noch nutzlos herum, bis ihn ein englischer Bauunternehmer entdeckte und für £7000 kaufte. Der Mann wollte am Mandela Way ein Apartmenthaus bauen, was aber die Stadtverwaltung von Southwark ablehnte. Daraufhin stellte er bei der Verwaltung den Antrag, auf seinem Grundstück einen „tank“ zu installieren. Die Behörde ging davon aus, dass der Unternehmer damit einen „septic tank„, also eine Klärgrube, meinte und genehmigte den Antrag. Aber „tank“ bedeutet im Englischen auch „Panzer“, und so stellte der Bauunternehmer seinen „tank“ Stompie dort auf und freute sich diebisch über die gelungene Rache. Der Southwark Council gab klein bei und ließ das militärische Gerät stehen, dessen Rohr exakt in Richtung Stadtverwaltung ausgerichtet ist. Stompie wird immer wieder grellbunt angemalt und häufig mit Graffiti versehen. Die Bewohner vom Mandela Way haben sich längst an den Anblick des Panzers gewöhnt und würden ihn wahrscheinlich vermissen, sollte er einmal von dort wegtransportiert werden.

Über öffentlich aufgestellte Panzer in England berichtete ich in meinem Blog schon mehrfach, wie über den in Lincoln, in Ashford (Kent) und in Torcross (Devon).

Author: Wesako
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Das Rohr des Panzers steht in Richtung Southwark Council.
Author: Simon
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Published in: on 18. Oktober 2017 at 02:00  Comments (1)  
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Józef Stawinoga – Der Eremit von Wolverhampton

Hier auf dem Mittelstreifen der Ring Road St John’s in Wolverhampton wohnte Fred der Eremit.
Photo © Roger Kidd (cc-by-sa/2.0)

Es gibt wirklich sehr traurige Schicksale – so auch das von Józef Stawinoga,  der 40 Jahre lang als Eremit in einem kleinen Zelt an der inneren Ring Road von Wolverhampton (West Midlands) lebte. Am 28. Oktober 2007 starb er im Alter von fast 87 Jahren.

Stawinoga war Pole und emigrierte in den 40er Jahren nach England. Er heiratete 1952 in Wolverhampton, doch seine Frau verließ ihn nach einem Jahr. Ob es diese Trennung war oder ihn Kriegsereignisse mental so stark mitgenommen hatten, weiß man nicht genau. Eines Tages blieb er von seiner Arbeitsstelle weg, kehrte dort nie wieder zurück und führte das Leben eines Obdachlosen. Die Stadtverwaltung duldete es, dass er in einem Zelt lebte; er fiel nie negativ auf, im Gegenteil, man sah ihn häufig wie er die Straße und den Grünstreifen der Ring Road St John’s fegte.
Stawinoga, oder Fred wie er von vielen genannt wurde, wurde von der lokalen Gemeinde der Hindus und Sikhs als heiliger Mann angesehen. Manche aus der Bevölkerung brachten ihm kleine Geschenke oder versorgten ihn mit heißem Tee.

Ein Jahr nach seinem Tod stellte sich heraus, dass Fred auf seinem Konto hunderttausende von Pfund besass, die er nie angerührt hatte. Eine Erbenermittlerfirma fand heraus, wer in den Genuss der „Ersparnisse“ kam, drei Wiener, die sich das Geld teilen konnten.

Hier ist ein Film über Józef Stawinoga und hier ein Song über ihn.

Über Wolverhampton habe ich in meinem Blog bisher nur einmal geschrieben, in Zusammenhang mit dem Pub The Billy Wright.

Published in: on 2. Oktober 2017 at 02:00  Comments (3)  
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The Free Independent Republic of Frestonia oder Wie sich eine Londoner Straße von Großbritannien lossagte

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Der zuständige Ausschuss der Vereinten Nationen in New York staunte nicht schlecht als er 1977 einen Antrag auf Mitgliedschaft von einem Staat erhielt, von dem noch nie jemand gehört hatte: The Free Independent Republic of Frestonia. Im gleichen Zuge fragte der Antragsteller auch nach, ob er gegebenenfalls Unterstützung von Blauhelmen bekommen könnte, da er sich vom Greater London Council (GLC) bedroht fühlte (die UNO hat nie auf den Antrag geantwortet).

Die Republic of Frestonia bestand aus Einwohnern der Freston Road im Londoner Borough of Hammersmith (heute Kensington and Chelsea), einer damals ziemlich heruntergekommenen Straße mit vielen baufälligen Häusern, die zum großen Teil von Squattern bewohnt wurden, einem bunten Völkchen von Musikern, Künstlern und verschiedenen anderen Zeitgenossen. Als der Greater London Council beschloss, das Gebiet zu sanieren und die Häuser abzureißen, gab es heftigen Widerstand seitens der Freston Road-Bewohner. Sie sagten sich kurzerhand von Großbritannien los und riefen einen neuen Staat aus. 94% der Bewohner sprachen sich bei einem Referendum für die neugegründete Republik und für den „Frexit“ aus. Gleichzeitig nahmen sie alle den Nachnamen Bramley an, denn sollte es zu einer Umsiedlung durch den GLC kommen, müssten sie dann alle gleichzeitig, sozusagen als eine Familie, umgesiedelt werden.

Der neue Staat gab eigene Briefmarken heraus, stempelte die Pässe der besuchenden Touristen ab und veröffentlichte die Zeitung The Tribal Messenger als Sprachrohr der „Regierung“, die aus den führenden Aktivisten der Frestonians bestand. Außenminister war zum Beispiel der kleinwüchsige Schauspieler David Rappaport (bzw. David Rappaport-Bramley), oben auf dem Foto zu sehen.

Man erreichte schließlich eine Einigung, die die neugegründete Bramleys Housing Co-operative mit dem Notting Hill Housing Trust erwirkte und die darin bestand, dass die Bewohner der Freston Road bleiben durften und die Häuser in „akzeptabler“ Form saniert wurden. Nicht jeder war damit einverstanden, denn das bedeutete den Verlust der Unabhängigkeit des Staates, einige zogen daraufhin weg, einige leben noch immer hier.

Robert Kerr drehte einen Film über „The Republic of Frestonia“, in der die Aktivisten der Bewegung zu Wort kommen und der hier zu sehen ist.

Der ehemalige Pub The Bramley Arms an der Ecke Freston Raod und Bramley Road.
Photo © David Anstiss (cc-by-sa/2.0)

Die People’s Hall in der Freston Road.
Author: Iridescenti.
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Algie, das riesige, aufblasbare rosa Schwein, das einmal den Flugbetrieb des Londoner Heathrow Airports lahmlegte

Die Battersea Power Station, Schauplatz von Algies Flucht.
Photo © N Chadwick (cc-by-sa/2.0)

Der Besitzer der East Stour Farm bei Chilham in Kent staunte an jenem Dezembertag des Jahres 1976 nicht schlecht, als ein riesiges, aufblasbares, rosa Schwein aus dem Himmel herabkam und sich einen Landeplatz mitten zwischen seinen Kühen suchte, die voller Angst in alle Himmelsrichtungen flüchteten. Kurz zuvor hatte der Bauer eine Radiodurchsage gehört, in der die Bevölkerung gebeten wurde, nach eben jenem Schwein Ausschau zu halten und bei einer bestimmten Telefonnummer anzurufen, die natürlich erst einmal mit Scherzanrufen bombardiert wurde. Der Farmer war „not amused“ und rief bei besagter Telefonnummer an. Die Polizei und der Schweinebesitzer machten sich auf den Weg zur East Stour Farm und holten das auf wundersame Weise unbeschädigte Tier wieder ab.,

Was war da im Vorfeld geschehen? Die britische Super-Rockband Pink Floyd bzw. eine von ihr beauftragte Firma namens Hipgnosis wollten mitten in London ein Fotoshooting für das aktuelle Pink Floyd-Album „Animals“ machen, und da die Band eine Vorliebe für aufblasbare Schweine hatte, sollte das Album mit einem solchen verziert werden, das an einem der Schornsteine der Battersea Power Station befestigt wurde. Am ersten Tag des Shootings ließ sich das Tier beim besten Willen nicht aufblasen, schlapp lag es auf dem Boden neben der Power Station. Also musste am nächsten Tag, dem 3. Dezember, ein neuer Versuch gestartet werden und dieses Mal klappte es hervorragend. Aber: Eine heftige Windböe riss Algie, wie das 14 Meter lange Schweinchen liebevoll genannt wurde, aus seiner Verankerung und es machte sich selbständig. Pech nur, dass der extra angeheuerte Scharfschütze, der für solche Fälle das Tier abschießen sollte, nicht erschienen war. Algie stieg auf und geriet prompt in eine Flughöhe, die den landenden Verkehrsflugzeugen, die nach London-Heathrow wollten, zugewiesen worden war. Die Piloten machten die Luftaufsicht des Flughafens darauf aufmerksam, die sofort den Flugbetrieb einstellen ließ. Heathrow kam zum Stillstand. Polizeihubschrauber und selbst die Royal Air Force machten sich auf die Suche nach dem abgängigen Schwein und fanden es trotz seiner Größe und auffälligen Farbe nicht. Erst als der Anruf des Bauern aus Kent kam, konnte die Suche eingestellt werden. Mittlerweile durften die Jumbo Jets und ihre kleineren Geschwister von Heathrow aus wieder ihre Flüge in alle Teile der Welt aufnehmen.

Erstaunlicherweise erlaubte man Pink Floyd, das Fotoshooting an der Battersea Power Station zu wiederholen, denn die Aufnahmen waren noch nicht im Kasten; allerdings mit der Auflage, jetzt wirklich einen Scharfschützen bereitzuhalten, der Algie im Falle eines erneuten Ausbruchversuches den Garaus machen sollte. Bei diesem neuen Versuch benahm sich das rosa Schweinchen aber vorbildlich.

Ein späterer Nachfahre Algies trat am 26. September 2011 noch einmal zu Promotionzwecken an der Battersea Power Station in Erscheinung, um damit auf die Wiederveröffentlichung einiger Pink Floyd-Alben aufmerksam zu machen.

Algies Nachfolger am 26. September 2011 an der Battersea Power Station.
Author: Bex Walton
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Hier, auf dem Gelände der East Stour Farm, landete das rosa Schweinchen.
Photo © N Chadwick (cc-by-sa/2.0)

Published in: on 19. August 2017 at 02:00  Comments (3)  
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Rose-ringed parakeets – Die Invasion der Halsbandsittiche

Kann man im Südosten Englands schon von einer Invasion oder einer Plage sprechen, wenn es um die bunten Halsbandsittiche geht, die in den letzten Jahren immer häufiger anzutreffen sind und deren eigentliche Heimat Afrika, Asien und Australien ist? Psittacula krameri ist ihr lateinischer Name und rose-ringed parakeets nennt man sie im englischsprachigen Raum.  Diese hübsch anzusehenden kleinen Exoten haben sich enorm vermehrt und man schätzt ihre Population in England auf bis zu 50 000. Besonders viele dieser Sittiche findet man im Süden und Südwesten Londons, so dass man von Kingston parakeets spricht, die sich im Raum Kingston upon Thames zusammengerottet haben. Zwei besonders beliebte Brutplätze sind der Esher Rugby Ground in Surrey an der Peripherie Londons und der Hither Green Cemetery am Verdant Lane im Süden der Stadt. Wo kommen diese Vögel denn nun eigentlich her, die man eher in Käfigen von Kinderzimmern vermutet?

Da gibt es mehrere recht kuriose Theorien:

Theorie 1: Der legendäre Rocksänger und -gitarrist Jimi Hendrix ist dafür verantwortlich. Der hatte nämlich in den 1960er Jahren in der Carnaby Street ein Pärchen Halsbandsittiche freigesetzt. Der US-Amerikaner wohnte damals in der Brook Street, dort wo auch der Komponist Georg Friedrich Händel früher einmal seine Wohnung hatte.

Theorie 2: Ein Flugzeug verlor beim Landeanflug auf London einen Teil seines Fahrgestells, das auf eine Voliere fiel, in der Halsbandsittiche untergebracht waren und die plötzlich die Chance bekamen, das Weite zu suchen.

Theorie 3: Bei den Dreharbeiten zu dem Film „The African Queen“ im Jahr 1951 in den Londoner Isleworths Studios flüchteten einige der dort als „Statisten“ eingesetzten Vögel.

Theorie 4: Bei dem Orkan, der in der Nacht vom 15. auf den 16. Oktober 1987 Großbritannien heimsuchte, wurden Volieren zerstört, so dass die dort untergebrachten Sittiche in Freiheit gesetzt wurden.

In  der Beliebtheitsskala rangieren die rose-ringed parakeets nicht ganz so weit oben, denn die einheimische Vogelwelt scheint unter ihnen zu leiden, und die Besitzer von Obstgärten, Weinbauern und Farmer müssen sich ihrer erwehren, weil die gefiederten Exoten einen grenzenlosen Appetit auf deren Früchte haben.

Hier ist ein Film über die Sittiche.

Halsbandsittiche in London.
Photo © Christine Matthews (cc-by-sa/2.0)

Hither Green Cemetery, ein beliebter Brutplatz für die Sittiche.
Photo © Malc McDonald (cc-by-sa/2.0)

 

 

Published in: on 13. August 2017 at 02:00  Comments (1)  
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The Matlock Triangle – Treffpunkt britischer Ufologen

Bonsall (Derbyshire), beliebt bei Außerirdischen.   © Copyright Andrew Hill and licensed for reuse under this Creative Commons Licence.

Bonsall (Derbyshire), beliebt bei Außerirdischen.
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Tom Bates, Spezialist für alles, was mit Derbyshire und dem Peak District  zu tun hat, nennt Matlock und Umgebung „U.F.O. Capital of the World„. Tatsächlich sind in dem Matlock Triangle genannten Gebiet erstaunlich viele Ufo-Sichtungen vorgekommen; speziell über dem Dorf Bonsall haben sich die runden Scheiben, warum auch immer, den Bewohnern Derbyshires gezeigt.
So haben die Ufologen, neben Warminster in Wiltshire (s. mein Blogeintrag vom 19. November 2009), ein weiteres Ziel, um sich dort auf die Lauer zu legen und eines dieser Flugobjekte zu beobachten. Ein idealer Startplatz dafür ist der Pub „Barley Mow“ in Bonsall (nach eigenen Angaben „probably the best pub in the world“), nach dem UFO Magazine „the most likely place to be abducted by aliens“.

Die Dorfbewohnerin Sharon Rowlands hatte hier am 5. Oktober des Jahres 2000 ein Erlebnis, das sie geistesgegenwärtig mit ihrem Camcorder fest hielt. Über sechs Minuten lang filmte sie ein merkwürdiges Flugobjekt am nächtlichen Himmel Derbyshires und sie beschrieb es folgendermaßen:

„I was filming it from around two miles away. It resembled a giant disc with a bite taken out of the bottom. It had yellow, orange and blue lights with intricate markings and a dark circle in the centre. As it hovered over the woods it seemed to expand and get small again …..it came really close at one point and I thought it was going to land in the field.“
Mrs Rowlands soll den Film, der zu den bislang überzeugendsten gehört, für $20,000 an eine amerikanische Filmgesellschaft verkauft haben. Hier ein kurzer Ausschnitt.

In 30 Jahren sind allein über Bonsall mehr als 100 Ufos gesichtet worden. Carlton TV hatte 2007  nach sechsmonatigen Dreharbeiten eine Dokumentation unter dem Titel „The Matlock Triangle“ zusammengestellt, und die Recherche-Ergebnisse waren nach den Worten der Fernsehleute „beyond belief“.

The Barley Mow in Bonsall.   © Copyright Jonathan Clitheroe and licensed for reuse under this Creative Commons Licence.

The Barley Mow in Bonsall.
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Published in: on 23. Juli 2017 at 02:00  Schreibe einen Kommentar  
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Wenn man in London mal muss… Ungewöhnliche Toiletten in Großbritanniens Hauptstadt

The Jubiloo an der Southbank.
Copyright Matt Brown
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Wenn man mitten in einer Großstadt wie London einmal eine Toilette aufsuchen muss, kann das zu einer längeren Suche führen. Zwar sind öffentliche Toiletten ausgeschildert, oft führen die aber in wenig angenehme U-Bahn „public coveniences“ oder andere mehr oder weniger empfehlenswerte Anlagen. Kaufhaustoiletten sind da ein Ausweg, die nach meinen Erfahrungen immer im obersten Stockwerk ganz hinten untergebracht sind.

Es gibt in der Hauptstadt aber auch besonders ungewöhnliche Toilettenanlagen, von denen ich an dieser Stelle vier vorstellen möchte.

Maggie’s Club in der Fulham Road Nummer 329 in Chelsea ist ein Nachtclub, der ganz der früheren Premierministerin Margaret Thatcher und den 1980er Jahren gewidmet ist. An den Wänden des Late Night-Clubs hängen Bildern der Iron Lady und es gibt eine Besonderheit, die man wohl in der ganzen Welt kein zweites Mal findet: In den Toiletten des Clubs werden permanent Reden der ehemaligen Regierungschefin eingespielt, was dann etwa so klingt. Die Dauer des Aufenthalts der Gäste in der Toilette richtet sich dann sicher auch danach, ob man ein Fan der Dame ist/war oder ihr nicht so wohlgesonnen gegenübersteht.

Ein besonderes Erlebnis für die Gäste des Sketch-Restaurants in der Conduit Street Nummer 9 in Fulham sind, neben dem vorzüglichen Essen und dem sehenswerten Interieur, die Gästetoiletten. Man erreicht sie über Treppen, die zu einem Raum führen, in dem eiförmige Gebilde stehen, die jeweils ein WC bilden. Um Platz zu sparen hat man diese WC-Eier hier installiert und der Clou…über Lautsprecher werden die Laute australischer Frösche eingespielt, um dem Ganzen einen exotischen Touch zu geben oder vielleicht um die Geräusche aus den einzelnen Kabinen zu übertönen. Dieser Film zeigt Details.

Im Jubiloo gibt es kein Froschkonzert, dafür geht es hier sehr patriotisch zu. Die 2012 eröffnete öffentliche Toilette zwischen der Hungerford Bridge und den Jubilee Gardens an der South Bank bietet 12 Kabinen und sechs Urinale an, deren Spülwasser größtenteils aus Regenwasser besteht, das auf dem Dach aufgefangen wird. Die Toilettensitze sind mit dem Union Jack verziert, den man auch auf den Uniformen des Reinigungspersonals wiederfindet.

Vorsichtig sein sollte man bei einem Besuch der Toiletten des Nopi-Restaurants in der Warwick Street 21-22 in Soho. Hier ist das Designer-WC derart verspiegelt, das so mancher Gast Probleme hat, den Eingang zu finden bzw wieder herauszukommen. Ich bin nicht sicher, ob es darin ein Nottelefon gibt, um Hilfe herbeizurufen, falls man den Ausgang nicht mehr findet.

Diese vier Toiletten sind nur eine kleine Auswahl, man könnte die Liste noch um einige erweitern. Übrigens, nicht vergessen und schon einmal im Kalender eintragen: Am 19. November ist der World Toilet Day!!

 

Published in: on 20. Juli 2017 at 02:00  Schreibe einen Kommentar  

The London Sheep Drive oder Was haben Schafe auf der London Bridge zu suchen?

Die London Bridge, Schauplatz des jährlichen Sheep Drive.
Photo © N Chadwick (cc-by-sa/2.0)

Die spinnen die Engländer möchte man sagen, wenn einmal im Jahr Schafe mitten in der britischen Hauptstadt über die London Bridge spazierengeführt werden. Es handelt sich hierbei um den London Sheep Drive, an dem die Freemen of London ein Recht wahrnehmen, das bis in das Jahr 1189 zurückreicht und das ihnen den freien Zugang zur Stadt über die Themsebrücke garantiert, ohne dafür eine Maut bezahlen zu müssen. Die Worshipful Company of Woolmen, eine Art Berufsverband der Wolleindustrie, der sich aber heute überwiegend wohltätigen Zwecken widmet, ist der Organisator des Sheep Drives, der in diesem Jahr am 24. September stattfindet, einem Sonntag, denn da herrscht etwas weniger Verkehr in der Stadt als an einem Werktag.
Eröffnet wird der Sheep Drive von Mary Berry, die als Jurorin der äußerst populären TV-Sendung „The Great British Bake Off“ Berühmtheit erlangte und die selbst zu den Freemen of the Worshipful Company of Bakers (die Zunft der Bäcker) und der Freemen of the City of London gehört.
Zeitgleich findet am Monument eine Wool Fair statt, bei der Verkaufsstände jede Menge Artikel aus Wolle anbieten.

Vor einigen Jahren sorgte einer der Freemen für Schlagzeilen in London als er an einem Augusttag mit den beiden Schafen Clover und Little Man über die Tower Bridge ging und sich dabei auf das alte Recht berief. Die Polizei wollte das eigentlich nicht zulassen, weil das Unternehmen ihrer Meinung nach eine Verkehrsgefährdung darstellte, doch sie ließ den Schafauftrieb schließlich doch zu. Der Freeman und seine beiden Schafe hatten den kleinen Ausflug über die Themsebrücke wohl sehr genossen.

Am Paternoster Square, gleich bei der St Paul’s Cathedral, steht übrigens eine kleine Figurengruppe, die einen Mann zeigt, der seine Schafe in die Stadt zum Markt treibt. Geschaffen wurde die Skulptur von der Bildhauerin Dame Elisabeth Jean Frink.

Wer sich den London Sheep Drive und die Wool Fair ansehen möchten, beides findet am 24. September zwischen 9 Uhr und 16 Uhr statt.

Hier ist ein Film über das Ereignis vom vorigen Jahr.

Die Figurengruppe am Paternoster Square.
Photo © Lewis Clarke (cc-by-sa/2.0)

 

Published in: on 16. Juli 2017 at 02:00  Schreibe einen Kommentar  
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Die sieben Nasen von Soho

Die Nase am Admiralty Arch.
Author: Colonel Warden.
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CCTV-Kameras sind in London überall zu finden. Man hat sich in der Stadt mittlerweile an sie gewöhnt. Geben die Kameras nun ein Gefühl der Sicherheit oder fühlt man sich von ihnen beobachtet? Der Aktionskünstler Rick Buckley tendierte zu der zweiten Meinung, als er 1997 an 35 Stellen im Stadtgebiet direkt unter die Kameras Nasen installierte, die auf die „Schnüffelei“ aufmerksam machen sollten. Der 1962 in Essex geborene Künstler hatte an der Sheffield School of Art und der Kunstakademie in Düsseldorf studiert und viele Ausstellungen in Deutschland gemacht, darunter zahlreiche in Berlin.

Die Idee mit den Nasen kam ihm durch die Lektüre der Erzählung „Die Nase“ des russischen Schriftstellers Nikolai Gogol, die dieser 1836 schrieb. Zusätzlich beeinflusst von den Aktionen der sogenannten Situationisten der 1960er Jahre begann Rick Buckley seinen witzigen Protest gegen die CCTV-Kameras 1997 umzusetzen. Er modellierte seine eigene Nase aus Gips und machte sich mit den 35 Exemplaren und einer entsprechenden Menge Klebstoff auf den Weg durch Londons Mitte, um sie an prominenten Stellen zu befestigen. Da der Künstler sich in Schweigen hüllte, wusste niemand, wer denn nun der „Nasen-Urheber“ war; erst 14 Jahre später lüftete er das Geheimnis, da waren allerdings schon die meisten Nasen wieder entfernt worden; übriggeblieben sind die „Sieben Nasen von Soho„. Um diese Rest-Nasen haben sich im Laufe der Zeit Legenden gebildet, und so heißt es, dass jeder, der alle sieben Nasen ausfindig macht, zu großem Reichtum kommt. Überliefert ist aber nicht, ob das schon jemals zutraf.

Eine der Buckleyschen Nasen ist am Admiralty Arch angebracht, jenem Triumphbogen am Anfang/Ende der Straße The Mall, die zum Buckingham Palace führt. Einige waren der Meinung, dass diese Nase an den Duke of Wellington erinnern sollte, der dafür bekannt war, ein besonders großes Exemplar besessen zu haben. Andere wiederum meinten, dass es sich dabei um eine Ersatznase für die Statue des Horatio Nelson handelte, falls diese einmal ganz oben auf der Säule auf dem Trafalgar Square Schaden nehmen sollte. Dieser Film zeigt die Nase.

Eine lila Nase findet sich direkt an dem lila gestrichenen Strip-Club namens Sunset Strip in der Dean Street. Weitere Nasen kann man in der Great Windmill Street, in der Endell Street, der Bateman Street und am Bahnhof St Pancras suchen. Die Nase in der Meard Street stammt nicht von Rick Buckley, sondern war ein Teil des „Living Street“-Projekts aus dem Jahr 2005.

Ich wünsche ein erfolgreiches Suchen in den Straßen Londons!

Die Nase am St Pancras Bahnhof.
Author: Colonel Warden.
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Published in: on 15. Mai 2017 at 02:00  Schreibe einen Kommentar  
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Das Brambles Cricket Match – Cricket mitten im Meer vor der Isle of Wight

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Cricketspiele zeichnen sich nicht dadurch aus, dass sie besonders kurz sind; im Gegenteil, es gibt Spiele, die können sich schon einmal mehrere Tage hinziehen. Es gibt aber ein Cricket Match in England, dass nur etwa 30 Minuten dauert und nur einmal im Jahr gespielt wird: Das Brambles Cricket Match, das mitten im Meer gespielt wird. Wie das geht?

Die Brambles Bank ist eine Sandbank im Solent, der Meerenge zwischen der Isle of Wight und Southampton, die nur einmal im Jahr im August für etwa 30 – 60 Minuten über den Meeresspiegel tritt und dann wieder für ein Jahr unter der Wasseroberfläche versinkt. Da dachten sich der Royal Southern Yacht Club in Hamble und der Island Sailing Club von der Isle of Wight, dass man diese Zeit doch sehr gut für ein schnelles Cricketmatch zwischen den beiden Segelclubs ausnutzen könnte.
Die Teilnehmer des skurrilen Sportereignisses müssen sich sehr beeilen, ihr Match zu Ende zu bringen, bevor die Flut dem Spuk ein Ende bereitet. Spieler und Zuschauer fahren mit ihren Booten schon früh genug aufs Meer hinaus und bauen sofort auf der ca 200 Meter langen Sandbank alles auf, was man für das Match benötigt, um ja keine Zeit zu verlieren.
Bei diesem Cricket Match sind alle Regeln außer Kraft gesetzt, die Schiedsrichterentscheidungen sind willkürlich und der Sieger steht schon vorher fest.

Bis vor einigen Jahren konnte man während des Spiels an der Brambles Bar, die vom Wirt des Victory Pubs in Hamble betrieben wurde, auch Drinks zu sich nehmen. An der Bar war ein Schild angebracht mit der Aufschrift „Open once a year for one hour„. Leider ist der Wirt verstorben und seitdem ist die Sandbankbar nicht mehr in Betrieb.

Wenn die Brambles Bank für den Rest des Jahres nicht für Cricketspiele genutzt wird, stellt sie für die Schifffahrt eine ernste Gefahr dar, denn es sind schon zahlreiche Schiffe hier auf Grund gelaufen. Die prominenteste „Grundläuferin“ war die Queen Elizabeth II, die hier im Jahr 2008 auf dem Weg nach Southampton auf der Brambles Bank strandete (zu diesem Zeitpunkt waren gerade keine Cricketspieler unterwegs).

Hier ist ein Film vom Match aus dem Jahr 2016.

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Published in: on 7. Mai 2017 at 02:00  Schreibe einen Kommentar  
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Die merkwürdige Geschichte der Prinzessin Caraboo von der Insel Javasu

Almondsbury in South Gloucestershire.
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Als ich von Bristol kommend in nördlicher Richtung auf der A39 zurück zu meinem Hotel, dem Thornbury Castle, fuhr, kam ich auch durch Almondsbury, einem hügeligen Dorf, das im Jahr 1817 eine Zeit lang für Aufsehen sorgte. Dort tauchte am Gründonnerstag eine mysteriöse Frau auf, die offensichtlich des Englischen nicht mächtig war und sich in einer Sprache artikulierte, die niemand verstand. Sie klopfte beim Dorfschuster an und gab durch Zeichen zu verstehen, dass sie hungrig war und um Unterkunft bat. Man gab ihr zu essen und verwies sie an den Friedensrichter von Bristol, der sich ihrer annahm. Die Frau, deren Alter man auf Mitte 20 schätzte, wurde im Bowl Inn in Almondsbury untergebracht (den es noch heute gibt), dann holte man sie nach Bristol zurück und wusste nicht recht, was man mit ihr anstellen sollte. Dann tauchte plötzlich ein portugiesischer Seemann auf, der angeblich ihre Sprache verstand und so ergab sich folgende Geschichte: Bei der Frau handelte es sich um eine Prinzessin namens Caraboo und sie stammte von der Insel Javasu im Indischen Ozean. Piraten hatten sie dort entführt und auf ihrem Schiff nach Europa mitgenommen. In der Meeresbucht vor Bristol ist sie ihnen entkommen, indem sie von Bord sprang und an Land schwamm. Mehrere Wochen lang genoss Prinzessin Caraboo die Aufmerksamkeit, die sie verursachte. Die junge Dame kleidete sich exotisch, ließ ein Porträt von sich anfertigen und huldigte ihrem Gott Allah-Talla. Ein Wissenschaftler identifizierte sogar ihre Sprache.

Doch dann kam die Ernüchterung: Eine Frau, die in Bristol eine Pension betrieb, erkannte die angebliche Prinzessin auf Grund eines Zeitungsberichtes wieder und es stellte sich heraus, dass Princess Caraboo in Wirklichkeit Mary Willcocks hieß und nicht von der Insel Javasu, sondern aus Witheridge in Devon stammte. Sie war die Tochter eines Schuhmachers und sprach natürlich auch fließend Englisch. Sie langweilte sich wohl etwas in ihrem Heimatort und wollte sich mit dieser Aktion interessant machen, was ihr zumindest für eine gewisse Zeit gelungen war.

Auch die weitere Lebensgeschichte von Mary Willcocks erwies sich als nicht weniger schillernd; sie fuhr mit dem Schiff nach Amerika, wobei sie auf dem Weg dorthin auf der Insel St Helena den dort verbannten Napoleon getroffen haben soll, der sich in die junge Frau verliebte und sie heiraten wollte. Inwieweit diese Geschichte stimmt, lässt sich heute nicht mehr verifizieren. In Amerika versuchte Mary Willcocks ihre „Prinzessin Caraboo“-Geschichte noch ein wenig am Leben zu erhalten, aber ohne Erfolg. Sie kehrte 1828 nach England zurück, heiratete einen gewissen Robert Baker, ließ sich in Bedminster bei Bristol nieder und verdiente ihren Lebensunterhalt durch den Import von Blutegeln. Am 24. Dezember 1864 starb sie dort und wurde auf dem Friedhof an der Hebron Road beigesetzt, von dem heute kaum noch etwas übriggeblieben ist.

1994 wurde ihre Lebensgeschichte unter dem Titel „Princess Caraboo“ verfilmt, mit Phoebe Cates in der Hauptrolle. Hier ist der Trailer zum Film.

Das Buch zum Thema:
Catherine Johnson: The Curious Tale of the Lady Caraboo. Corgi Books 2015. 288 Seiten. ISBN 978-0552557634.

The Bowl Inn in Almondsbury.
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Witheridge in Devon; von hier stammte Mary Willcocks.
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Published in: on 5. Mai 2017 at 02:00  Schreibe einen Kommentar  
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Mein Buchtipp – David Long: Bizarre England

Foto meines Exemplares.

David Long hat rund zwanzig Bücher über London und Großbritannien geschrieben, in denen er sich überwiegend mit wenig bekannten und kuriosen Dingen auseinandersetzt. Eines dieser Bücher habe ich gerade mit Genuss gelesen: „Bizarre England – Discover the Country’s Secrets & Surprises„, Teil einer dreiteiligen Reihe, deren andere Teile „Bizarre London“ und „Bizarre Scotland“ heißen und alle bei Michael O’Mara in London erschienen sind.

„From weird buildings to eccentric museums and from mystical superstitions to remnants of magical rites, this is a guide like no other“, so steht es im Buch, und ich kann da nur zustimmen. Vieles von dem was David Long erzählt, wird man in keinem Reiseführer finden, und ich kann dieses Buch allen empfehlen, die wie ich einen Nerv für Exzentrisches und Kurioses haben.

Einige Beispiele:

Die erstaunlichsten Irrgärten des Landes (Ragley Hall Maze in Warwickshire) und die obszönsten Ortsnamen (Backside Lane, Crotch Crescent)

Kurioses aus den Colleges von Oxford und Cambridge (der längste Korridor Europas findet sich im Newnham College in Cambridge)

Bizarre Wettbewerbe und Meisterschaften (Dwyle Flunking in Lewes in West Sussex oder World Nettle Eating Championship in Marshwood in Dorset)

„Odd Pubs to Ponder Over a Pint“ (The Valiant Soldier in Buckfastleigh in Devon)

Die grausamsten Hinrichtungsarten (Hanging, Drawing and Quartering)

Die verrücktesten Gesetze („It is illegal to carry a plank along a pavement“, so der Metropolitan Police Act aus dem Jahr 1839)

David Long: Bizarre England – Discover the Country’s Secrets & Surprises. Michael O’Mara 2015. 192 Seiten. ISBN 978-1-78243-376-7

Published in: on 15. April 2017 at 02:00  Comments (1)  

The World Egg Throwing Championships in Swaton (Lincolnshire)

Thorpe Latimer bei Swaton in Lincolnshire: Austragungsort der Eierwerf-Weltmeisterschaften.
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Bis Ostern ist es nicht mehr weit, eigentlich ein passender Termin, um die jährlich stattfindenden World Egg Throwing Championships auszutragen, aber dem ist nicht so, denn dieser kuriose Wettbewerb findet regelmäßig am letzten Sonntag des Monats Juni statt. Austragungsort ist Swaton in Lincolnshire, genauer gesagt  im Thorpe Latimer Park an der B1394 in Richtung Helpringham.

Eierwerf-Wettbewerbe soll es schon im 14. Jahrhundert gegeben haben; die 2004 gegründete World Egg Throwing Federation hat dem „Sport“ aber klare Regeln gegeben und seit 2006 werden die Weltmeisterschaften in mehreren Kategorien ausgetragen.

Bei dem normalen „Egg Throwing“ werfen sich Zwei-Personen-Teams gegenseitig Eier zu, ein Werfer und ein Fänger. Gewonnen hat das Team, das die größte Distanz überwinden kann, ohne dass das geworfene Ei dabei zu Schaden kommt.

Bei der statischen Eier-Staffel, dem Egg Static Relay, besteht ein Team aus elf Spielern, die sich nicht mehr als fünf Meter von ihrem Standort wegbewegen dürfen. Zwölf Eier müssen jeweils weitergericht werden, bis alle möglichst unversehrt beim letzten Teammitglied ankommen. Zerbrochene Eier werden mit einer Zeitstrafe geahndet.

Beim Egg Target Throwing muss auf eine Entfernung von acht Metern ein menschliches Ziel getroffen werden, wobei bestimmte Körperteile mehr oder weniger Punkte für den Werfer einbringen.

Das Russian Egg Roulette erfordert je zwei Spieler, die sich gegenübersitzen. Jeder hat sechs Eier vor sich, fünf gekochte und ein rohes. Abwechselnd wählen die Teilnehmer ein Ei aus und stoßen es sich gegen die Stirn; wer das rohe erwischt hat, hat verloren.

Beim Egg Trebuchet schließlich wird ein Wurfgerät benutzt, das dem mittelalterlichen Trebuchet nachempfunden ist. Dabei muss ein menschliches Ziel getroffen werden, was Punkte bringt, bzw das „Ziel“ fängt das Ei unbeschädigt und erwirbt dadurch Punkte.

Die Hühner von Swaton und Umgebung müssen auf jeden Fall im Juni Überstunden beim Eierlegen machen, denn für die Weltmeisterschaften werden viele benötigt.

Dieser Film vermittelt Eindrücke von den Championships.

Published in: on 31. März 2017 at 02:00  Comments (1)  
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Der Londoner Handlebar Club – Treffpunkt der Schnurrbartträger

This work has been released into the public domain by the copyright holder. 

1947 fanden sich im Londoner Windmill Theatre zehn Männer zusammen, die, vielleicht weil sie gerade nichts Besseres zu tun hatten, einen Club gründeten und zwar den Handlebar Club. Voraussetzung für die Mitgliedschaft damals wie heute: „a hirsute appendage of the upper lip, with graspable extremities„, also „ein behaartes Anhängsel der Oberlippe mit greifbaren Extremitäten“.

Der Club wuchs und die Londoner Mitglieder treffen sich bei den „First Friday meetings„, also jeden ersten Freitag im Monat. Bis August letzten Jahres war der Windsor Castle Pub in Marylebone der Treffpunkt für die Meetings. Leider wurde er für immer geschlossen, so dass sich die Schnurrbartträger ein neues Lokal aussuchen mussten. Sie fanden es gleich um die Ecke im Heron am Norfolk Crescent, einem Pub mit Thai-Küche.
Mittlerweile ist die Mitgliedschaft im Handlebar Club international geworden und es gibt sowohl nationale als auch internationale Untergruppen. Das diesjährige Annual General Meeting findet vom 31. März bis zum 2. April in Kent statt.

Wer über keinen Schnurrbart verfügt, aber dennoch das Verlangen nach einer Mitgliedschaft hat, kann dem „Friends of the Handlebar Club“ beitreten und damit den Schnurrbartträgern seine Solidarität bezeugen.

Übrigens finden die offiziellen World Beard and Moustache Championships alle zwei Jahre an einem anderen Ort in der Welt statt. Nach Stuttgart (2013) und Leogang in Österreich (2015) werden sie in diesem Jahr im September im texanischen Austin ausgetragen.

Hier ist ein Film über den Handlebar Club.

Die Adresse des „Clubheims“:
The Heron
1 Norfolk Crescent
London W2 2DN

In diesem heutigen Strip-Club, damals ein Theater, wurde der Handlebar Club gegründet. This file is licensed under the Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported license.

In diesem heutigen Strip-Club, damals ein Theater, wurde der Handlebar Club gegründet.
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Published in: on 11. März 2017 at 02:00  Schreibe einen Kommentar  
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Die Window Tax und andere kuriose Steuern

So sah ein Haus aus, dessen Fenster zwecks Steuervermeidung zugemauert wurden. Hier ein Beispiel aus Bridgwater aus Somerset.   © Copyright Jaggery and licensed for reuse under this Creative Commons Licence.

So sah ein Haus aus, dessen Fenster zwecks Steuervermeidung zugemauert wurden. Hier ein Beispiel aus Bridgwater in Somerset.
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Von 1696 bis 1851 wurde sie erhoben, die Window Tax oder Fenstersteuer, und sie war alles andere als beliebt (sofern Steuern überhaupt beliebt sein können). König William III. war der Initiator, denn der Staat brauchte Geld, und da war jedes Mittel recht, um die Kassen zu füllen. Die Fenstersteuer wurde mehrfach geändert; zuerst gab es pro Haus eine Pauschalsteuer, dann erhob man die Gebühren abhängig von der Zahl der Fenster. Natürlich war man auf der Seite der steuerzahlenden Hauseigentümer erfinderisch und mauerte einfach einige Fenster zu, um in eine günstigere Steuerklasse zu rutschen. Das Nachsehen hatten dann meistens die Mieter, die plötzlich des Tageslichts beraubt waren. Die Inspektoren, die unterwegs waren, um die Gebäude auf ihre Fensterzahl hin zu überprüfen, hatten keine Probleme, Bestechungsgelder anzunehmen, und waren sie auf ihrer Inspektionstour einmal dagewesen, konnte man damit rechnen, dass sie in der nächsten Zeit sobald nicht wieder auftauchten, und so wurden eben einige Fenster wieder zugänglich gemacht. Der eine oder andere wohlhabende Besitzer eines großen Landhauses brüstete sich seiner zahlreichen Fenster respektive seines Reichtums und ließ alle Welt wissen, dass er die Fenstersteuer locker bezahlen konnte.
Erst zur Zeit Königin Victorias, als deutlich wurde, dass dunkle, fensterlose und nicht lüftbare Räume ein hohes Gesundheitsrisiko für die Bewohner darstellten, verabschiedete sich der Staat von der gehassten Fenstersteuer. Dieser kleine Film zeigt weitere Details über die Steuer.

Da in früheren Zeiten immer wieder viel Geld benötigt wurde, um Kriege zu führen, ließen sich die Verantwortlichen ständig neue Arten von Steuern einfallen. So führte William Pitt the Younger eine Steuer auf Haarpuder ein, mit dem Perücken gern behandelt wurden, aber das brachte nicht viel Geld ein, weil die Zahl der Perückenkäufe stark zurückging.
Das gleiche galt für die Hutsteuer; je teurer ein Hut war, desto höher wurde er besteuert. Jeder Hut musste als Nachweis der entrichteten Steuer im Innern eine Steuermarke tragen; die Fälschung dieser Marken wurde sogar mit dem Tode bestraft.

Die „brick tax“ wurde eine Zeit lang auf Ziegelsteine erhoben, was dazu führte, dass die Bauherren einfach größere Steine verwendeten, woraufhin der Staat eine höhere Steuer auf größere Ziegel festsetzte.

1712 hatte jemand die grandiose Idee, bedruckte Tapeten zu besteuern. Kein Problem, sagten sich die potentiellen Käufer und tapezierten ihre Räume mit einfarbigen Tapeten, auf die sie dann die gewünschten Muster malten. Steuerzahlung umgangen!

Fazit: Der Erfinderungsreichtum des Staates in der Erhebung neuer Steuern, stieß sofort auf den Erfindungsreichtum der Bürger, diese zu umgehen.

Published in: on 8. März 2017 at 02:00  Schreibe einen Kommentar  
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Lloyd’s, die wohl berühmteste Versicherungsgesellschaft der Welt und einige kuriose Versicherungsabschlüsse

Das Hauptquartier von Lloyd's of London.   © Copyright Stephen Richards and licensed for reuse under this Creative Commons Licence.

Das Hauptquartier von Lloyd’s of London.
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In der Londoner Lime Street steht das Hauptquartier der wohl berühmtesten Versicherungsgesellschaft der Welt, das Lloyd’s Building, für £75 Millionen von dem renommierten Architektenbüro Richard Rodgers and Partner erbaut. Am 18. November 1986 wurde das außergewöhnliche Gebäude von ihrer Majestät Queen Elizabeth II offiziell eingeweiht. Genauso außergewöhnlich wie die Firmenzentrale sind auch einige der Versicherungsabschlüsse, die im Lauf der Jahrzehnte hier in London getätigt wurden. Einige Beispiele dafür möchte ich an dieser Stelle nennen:

Besonders kurios ist der Fall des amerikanischen Stummfilmstars Ben Turpin, dessen Markenzeichen seine schielenden Augen waren. Sollte sich das Schielen einmal von selbst geben und Ben seines Markenzeichens beraubt sein, so versicherte er sich dagegen mit der Summe von $25,000, in der damaligen Zeit eine sehr hohe Summe.

Auf £250 000 versicherte 1957 der Restaurantkritiker Egon Ronay (ich berichtete in meinem Blog über ihn) seine Geschmacksnerven. Wären die einmal ausgefallen, hätte er seinen berühmten Führer „Guide to British Eateries“ nicht mehr veröffentlichen können.

Diese beiden Fälle sind aber Peanuts gegen die £30 Millionen, für die die Beine des US-amerikanischen Tänzers Michael Flatley versichert sind, der vor allem durch seine „Riverdance – The Show“ berühmt wurde.

Das Komikerduo Abbot und Costello aus den USA, das in den 1940er und 1950er Jahre Erfolge feierte, ließ seinen Humor bei Lloyd’s versichern. £250 000 wollten sich Bud Abbott und Lou Costello auszahlen lassen, wenn es nicht mehr so gut für sie laufen würde, ihnen keine Gags mehr einfallen sollten oder sie sich so zerstreiten würden, dass ein gemeinsamer Auftritt nicht mehr möglich wäre.

Der britische Milliardär Richard Branson ist Kunde bei Lloyd’s; er hat seine Virgin Galactic Spaceships versichert, die bald Weltraumtouristen in den Orbit bringen sollen.

Ob Augen, Nasen, Zähne, Beine oder Stimmbänder (Bruce Springsteen versicherte seine Stimme für $6 Millionen), bei Lloyd’s of London kann man sich so gegen ziemlich alles und jedes versichern.

 

Published in: on 26. Februar 2017 at 02:00  Schreibe einen Kommentar  
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Die verrückten Ideen des Sir Francis Galton (1822-1911) Teil 2

Sir Francis Galton, der Mann, der den Frauen nachspähte.  Diese Bilddatei ist gemeinfrei, weil ihre urheberrechtliche Schutzfrist abgelaufen ist.

Sir Francis Galton. – Diese Bilddatei ist gemeinfrei, weil ihre urheberrechtliche Schutzfrist abgelaufen ist.

Außer dem Erstellen seiner „Beauty Map“, über die ich gestern in meinem Blog schrieb, hatte Sir Francis Galton noch ein ganzes Füllhorn weiterer schräger Ideen. Hier sind einige Beispiele:

Mr Galton machte sich seinerzeit Gedanken darüber, ob Gebete tatsächlich etwas bewirken würden. Je mehr für bestimmte Menschen gebetet würde, man nehme zum Beispiel gekrönte Häupter, umso länger müssten diese eigentlich leben. Bei Gottesdiensten betet die Gemeinde eigentlich immer darum, dass ihr König oder ihre Königin lange leben möge.  So die Theorie. Wie sieht es denn nun in der Praxis aus? Sir Francis Galton untersuchte die Lebenserwartung der Monarchen und kam zu dem Ergebnis, dass diese keineswegs länger lebten als „normale“ Menschen, im Gegenteil sie lebten kürzer. Folgerichtig sind Gebete also „für die Tonne“ wie Galton argumentierte, sie bringen überhaupt nichts. Der Klerus sah das natürlich ganz anders und attackierte den Mann aufs schärfste. Das Gegenargument der Kirchenmänner: Wenn die Untertanen für ein langes Leben ihres Souveräns beten, meinen die das wahrscheinlich gar nicht wirklich, also können Gebete in diesem Fall auch nicht wirken.

Sehr schön finde ich auch Galtons Idee, die er in jungen Jahren hatte, als er in einem Krankenhaus arbeitete, alle Medikamente, die er in der Krankenhausapotheke vorfand an sich selbst zu testen und zwar in alphabetischer Reihenfolge. Erstaunlicherweise schaffte er es bis zum Buchstaben „C“, als das Crotonöl an der Reihe war. Dieses Öl galt als extrem starkes Abführmittel und soll höchst bedenklich in der Anwendung sein, mit unkalkulierbaren Nebenwirkungen. Die Einnahme dieses Präparats überzeugte auch Galton, dass die Idee mit dem Medikamententest am eigenen Körper nicht zu seinen besten gehörte.

Der Mann konnte einfach nicht über einen längeren Zeitraum stillsitzen, ohne dabei etwas zu überlegen oder irgendetwas zu zählen, so auch bei dem Anfertigen seines Porträts. Während der Maler mit Hingabe die Gesichtszüge von Sir Francis Galton auf die Leinwand brachte, zählte letzterer die Pinselstriche, die der Meister dafür benötigte und schrieb darüber eine wissenschaftliche Abhandlung.

Galton machte sich über alles Gedanken, auch darüber wie sich bei einer Gesellschaft die Sympathien zwischen den einzelnen geladenen Gästen entwickelten. So brachte er bei einem Abendessen unter den Stuhlbeinen kleine Drucksensoren an, die er mit einem Messgerät verband. Wenn jetzt einer der Dinnergäste sich besonders häufig nach links oder rechts wandte, bedeutete das eine Druckverlagerung und daran konnte Galton erkennen, wer an wem besonderes Interesse zeigte. Tata!

Wer sich weiter mit den Ideen und Gedankengängen des exzentrischen Mannes auseinandersetzen möchte, der sollte zu folgendem Buch greifen:

Martin Brookes: Extreme Measures  – The Dark Visions and Bright Ideas of Francis Galton. Bloomsbury 2004. 320 Seiten. ISBN 978-0747566663 (Vergriffen, aber leicht zu beschaffen).

 

Published in: on 16. Februar 2017 at 02:00  Schreibe einen Kommentar  
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Die verrückten Ideen des Sir Francis Galton (1822-1911) Teil 1

Sir Francis Galton, der Mann, der den Frauen nachspähte.  Diese Bilddatei ist gemeinfrei, weil ihre urheberrechtliche Schutzfrist abgelaufen ist.

 

Sir Francis Galton (1822 – 1911), Cousin Charles Darwins, war schon ein etwas eigenwilliger Charakter und Exzentriker. Er gilt als Vater der Daktyloskopie, der Wissenschaft, die sich mit Fingerabdrücken beschäftigt, und erwarb mit seinen Gedanken zur Eugenik einen zweifelhaften Ruf.
Neben mehr oder weniger nützlichen Erfindungen, erstellte er auch eine sogenannte „Beauty Map“ Großbritanniens, d.h. er durchstreifte die Städte und beobachtete dabei die Mädchen und Frauen und klassifizierte sie von attraktiv bis abstoßend. In seiner Hosentasche hatte Sir Francis eine selbstentwickelte Vorrichtung, die er „pricker“ nannte, das war ein Fingerhut mit einer darauf befestigten Nadel und dazu ein Stück Papier, das in Form eines Kreuzes zugeschnitten war. Sah er jetzt eine Frau stach er mit dem „pricker“ in eine bestimmte Stelle des Papiers, klassifizierte sie also nach ihrem Aussehen. Auf diese Weise bekam er im Laufe der Zeit eine „Datensammlung“ zusammen, eine Attraktivitätsskala. Das mag damals ja etwas verdächtig ausgesehen haben wie ein älterer Mann Frauen beobachtete und dabei in seiner Hosentasche manipulierte. Das Ergebnis seiner sicher nicht ganz uninteressanten Tätigkeit war dann also diese „Beauty Map“. Die Hitparade der schönsten Frauen im Königreich führte… London an. Das Schlusslicht bildete, armes Schottland, die Stadt Aberdeen. Was die Frauen Aberdeens zu Galtons Untersuchung sagten, ist mir nicht bekannt.

Published in: on 15. Februar 2017 at 02:00  Comments (3)  
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London Loo Tours – Spaziergänge durch London auf der Suche nach Toiletten

The Attendant Café in Fitzrovia.   © Copyright Chris Holifield and licensed for reuse under this Creative Commons Licence.

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Das Thema „loo„, also Toilette, habe ich in meinem Blog schon mehrfach aufgegriffen, zum Beispiel:

The Loo of the Year Awards
Public Toilets – Der Niedergang der britischen Toilette
Theatre of Small Convenience in Great Malvern (Worcestershire)
The Evesham Hotel uns seine unübertroffenen Toiletten

Wer von diesem Thema gar nicht genug bekommen kann, dem empfehle ich die „London Loo Tours„. Für £12 ist man dabei und wird von jungen Damen in die Londoner Toiletten-Welt eingeführt. Gegründet wurden die Loo Tours von der Amerikanerin Rachel Erickson, dann kamen Amber und Katie dazu, alles absolute Spezialistinnen, wenn es um Londoner Toiletten geht. Mit einer Saugglocke in der Hand (die man zur Verstopfungsbehebung von Toiletten benötigt) beginnt die Führerin den 90minütigen Spaziergang, der, wie könnte es anders sein, am Waterloo-Bahnhof beginnt. Es gibt noch eine weitere Tour, die den Stadtteil Bloomsbury umfasst. Auf beiden Touren erfahren die Teilnehmer jede Menge über Public Toilets, zum Beispiel, dass etwa 40% von ihnen in den letzten Jahren geschlossen wurden, dass einige von ihnen umgewandelt und neuen Verwendungszwecken zugeführt wurden wie The Attendant Café in der Foley Street in Fitzrovia, das einmal eine viktorianische Toilette war (die Urinale sind in die Einrichtung integriert worden). Aus einer früheren Bedürfnisanstalt entstand die Bar mit dem witzigen Namen „WC Wine & Charcuterie“ im Stadtteil Clapham. Die unterirdische Cellar Door Bar, in der man sich heute Cocktails servieren lassen kann, war auch einmal eine öffentliche Toilette.

Etwa 2000 Gäste buchen jedes Jahr die London Loo Tours. Der Klassiker, die Waterloo Tour, findet jeden Samstag um 15 Uhr und jeden Sonntag um 15.30 Uhr statt. Die Bloomsbury Tour kann man nur einmal im Monat buchen und zwar jeden vierten Sonntag. Gruppenführungen sind nach Absprache möglich, je nach Gruppenstärke heißen diese dann „Privacy Please!“, „Extra Loo Roll“ und „Royal Flush“.

Dieser Film zeigt Ausschnitte aus einem der Londoner Toiletten-Spaziergänge.

Toiletten im Londoner Green Park, für die wohl gerade kein großer Bedarf besteht.    © Copyright Scriniary and   licensed for reuse under this Creative Commons Licence.

Toiletten im Londoner Green Park, für die wohl gerade kein großer Bedarf besteht.
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Joe Orton und Kenneth Halliwell – Zwei Londoner Autoren und ihre ungewöhnliche Behandlung von Bibliotheksbüchern

Die Islington Public Library an der Essex Road.   © Copyright Julian Osley and licensed for reuse under this Creative Commons Licence.

Die Islington Public Library an der Essex Road.
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Joe Orton (1933-1967) war ein britischer Dramatiker, der zusammen mit seinem Freund Kenneth Halliwell (1926-1967), einem Schauspieler und Schriftsteller, in einem kleinen Appartment in London lebte. Anfang der 1960er Jahre waren sie mit dem Buchbestand ihrer Bibliothek in Islington absolut unzufrieden und beschlossen, sich dafür zu rächen. In großem Stil klauten sie Bücher und schlachteten einen Teil davon aus, d.h. sie schnitten besonders schöne Bilder aus und machten daraus in ihrem Schlafzimmer Collagen; ihre Art von  „Guerilla Artwork
Aber das reichte ihnen nicht aus; sie gingen noch einen Schritt weiter und veränderten das Aussehen der Bibliotheksbücher, indem sie Bilder auf die Schutzumschläge klebten, die dort absolut nicht hingehörten. (Beispiel 1, Beispiel 2). Weiterhin schrieben sie Buchbesprechungen, die vor Obszönitäten nur so wimmelten und klebten diese ganz vorn in die Bücher ein. Mit diesen manipulierten Büchern schlichen sie sich wieder in die Bibliothek von Islington ein und platzierten sie irgendwo auf Tische und in Regale. Dann begann für die beiden die Zeit des Vergnügens: Sie beobachteten wie Bibliotheksbesucher die „verschönerten“ Bücher in die Hand nahmen, die eingeklebten Besprechungen lasen und puterrot wurden; so etwas Obszönes hatten sie noch nie gesehen. Orton und Halliwell gingen zufrieden nach Hause, denn für sie hatte sich der Aufwand gelohnt.
Als die Bibliothekare die Veränderungen an ihren Büchern merkten, waren sie „not amused“. Bald richtete sich ihr Verdacht auf die beiden Männer und sie stellten ihnen eine Falle, in die die beiden auch tappten.

Die Polizei stellte fest: Orton und Halliwell hatten 72 Bücher geklaut und 1,653 Bilder aus Bibliotheksbüchern herausgeschnitten; außerdem hatten sie noch Überziehungsgebühren zu bezahlen (sie klauten nicht nur, sie liehen auch richtig aus!). Die beiden  wurden vor Gericht gestellt und zu 6 Monaten Gefängnis und £262 Geldstrafe verurteilt.

Wenn man unschuldige Bibliotheksbücher so brutal behandelt, dann kann das nicht gut gehen. Was folgte? Kenneth Halliwell schlug am 9. August 1967 seinem Freund Joe Orton den Schädel ein, anschließend brachte er sich selbst um.
Dieser recht ungewöhnliche Film zeigt die Beziehung der beiden.

Die verunstalteten Bücher hat man behalten, sie sind jetzt im Islington Local History Centre in der St John Street zu begutachten.

In diesem Film schildert Joe Orton seine Missetaten.

Hier in der Noel Road Nummer 25 in Islington kamen Joe Orton und Kenneth Halliwell zu Tode.   © Copyright Christopher Hilton and licensed for reuse under this Creative Commons Licence.

Hier in der Noel Road Nummer 25 in Islington kamen Joe Orton und Kenneth Halliwell zu Tode.
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Published in: on 5. Februar 2017 at 02:00  Comments (2)  
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