Von der Schwierigkeit, manche englische Ortsnamen richtig auszusprechen (unter besonderer Berücksichtigung der Londoner U-Bahnstationen)

Die Besucher Englands werden hin und wieder mit Orts- und Personennamen konfrontiert, die anders ausgesprochen werden als man meint bzw. die unaussprechbar zu sein scheinen. In die letzte Kategorie gehört beispielsweise der Adelstitel Duke of Buccleuch (richtige Aussprache [bəˈkluː]. Einige Beispiele für komplizierte Ortsnamen:

Woolfardisworthy in Devon – korrekt: [wʊlzəri]

Godmanchester in Cambridgeshire – korrekt/traditionell: [ɡʌmstər]

Bicester in Oxfordshire – korrekt: [bɪstər]

Worcester in Worcestershire – korrekt: [wʊstər]

In der Londoner U-Bahn gibt es auch einige Stationsnamen, die von vielen (auch Engländern selbst) falsch ausgesprochen werden. Eine hilfreiche Anweisung über die richtige Aussprache fand ich in diesem Video:

Published in: on 9. Januar 2021 at 02:00  Comments (1)  
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Ellen Sadler – The Sleeping Girl of Turville

Das Sleepy Cottage.
Photo © Jeremy Bolwell (cc-by-sa/2.0)

Eigentlich gibt es in dem winzigen Dorf Turville in den Chilterns in Buckinghamshire nicht viel zu sehen, trotzdem wird es immer mal wieder von Film- und TV-Produktionsfirmen aufgesucht, um hier Dreharbeiten vorzunehmen. Ich schrieb bereits mehrere Male in meinem Blog über meine Besuche in dem hübschen Dörfchen. Es ist einfach nett anzusehen mit seinen Cottages, der Kirche St Mary the Virgin und dem Pub The Bull and Butcher, der immer noch ein wenig von den „Inspector Barnaby„-Dreharbeiten zehrt, die allerdings schon eine ganze Zeit zurückliegen.

Erst im November letzten Jahres stattete ich Turville erneut einen Besuch ab. Direkt neben dem Türchen des Eingangs zum Kirchvorplatz steht ein Haus, das heute den Namen Sleepy Cottage trägt, das in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts für einige Jahre im Mittelpunkt des Interesses für viele Menschen stand. Hier wohnten Ann und William Sadler mit einer ganzen Heerschar von Kindern, deren jüngstes Ellen hieß. Sie wurde am 15. Mai 1859 geboren und führte ein mehr oder wenig normales Leben in einer Familie mit sehr wenig Geld. Am 29. März  1871 ging Ellen abends zu Bett… und wachte erst knapp zehn Jahre später wieder auf. Das elfjährige Mädchen war in einen Dornröschenschlaf gefallen und niemand wusste warum. Ellen hatte vorher schon erhebliche Probleme mit ihrer Gesundheit gehabt, litt unter Bewusstseinsstörungen und war wochenlang in einem Krankenhaus in Reading untergebracht; aber auch dort fand man für das kranke Mädchen keine Lösung.

Ja, da lag Ellen nun in dem Haus in der School Lane und schlief und schlief. Schnell verbreitete sich die Geschichte von dem Dornröschenschlaf-Mädchen in Turville im ganzen Land und es zog neben Journalisten und Medizinern auch neugierige Menschen an, die einmal einen Blick auf Ellen werfen wollten (auch der zukünftige König Edward VII. soll auf einen Sprung vorbeigekommen sein). Das Mädchen brachte ihrer Familie zum Beispiel durch Spenden einiges an Geld ein, so keimte allmählich der Verdacht im Dorf auf, dass Ellen gar nicht in einem Tiefschlaf lag, sondern ihre Geschichte nur dazu diente, um Geld einzunehmen. Das Kind lebte übrigens von einer Art Zwangsernährung, die zum Beispiel aus Milch und Portwein bestand.

Im Mai 1880 starb Ellens Mutter, so stellte sich die Frage, wer sich um Ellen kümmern sollte, was dann zwei ihrer Schwestern übernahmen, die auch in Turville wohnten. Und dann geschah es: Am Neujahrstag 1880 schlug Ellen wieder die Augen auf und war erwacht. Sie konnte sich an nichts in den vergangenen Jahren erinnern und musste sich nach und nach wieder in ihr neues Leben eingewöhnen, denn sie war ja auf dem Stand eines elfjährigen Mädchens stehen geblieben.
Einige Jahre später heiratete Ellen einen Farmer aus Reading und zog von Turville fort. Was genau die Ursache des langen Schlafs gewesen sein mag, hat man nie herausgefunden; der Verdacht eines Schwindels ist auch nie ausgeräumt worden.

Das jetzt Sleepy Cottage genannte Haus ist häufig in der TV-Comedy-Serie „The Vicar of Dibley“ zu sehen, die in Turville gedreht wurde. Auch in dem Spielfilm „Goodnight, Mr. Tom“ mit John Thaw spielt das Haus eine Rolle.

School Lane, rechts das Sleepy Cottage.
Photo © David Howard (cc-by-sa/2.0)

 

Published in: on 28. Dezember 2020 at 02:00  Comments (1)  
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Die Spaß-Fahrzeuge des Edd China

The fastest sofa in the world.
Author: peter_hastings
Creative Commons 2.0

Beim Kop Hill Climb bei Princes Risborough in Buckinghamshire, der einmal jährlich stattfindet (wenn nicht irgendein doofes Virus das verhindert), kommen immer jede Menge Oldtimer-Fahrzeuge zusammen, die den Hügel erklimmen. Schon im Jahr 1910 begann dieser Wettbewerb, wurde fünfzehn Jahre später verboten und feierte 1999 seine Wiederauferstehung. Die Fahrzeuge müssen dabei Steigungen bis zu maximal 25% überwinden, da kommen die Vehikel ganz schön aus der Puste. Doch nicht nur Oldtimer treffen sich hier am Kop Hill, so manches Fun Car ist auch zu bestaunen. 2017 präsentierte Edd China einige seiner Spaß-Fahrzeuge, die auf großes Interesse der Zuschauer stießen. In Deutschland kennt man den TV-Moderator und Kfz-Mechaniker aus der Fernsehserie „Die Gebrauchtwagen-Profis“ des Senders DMAX (ein Sender, der nicht auf meiner Top 10-Liste steht).

Einzug in das „Guinness Buch der Rekorde“ erlangte Edd China mit dem schnellsten Sofa der Welt, dem Casual Lofa, das es bis auf 140 km/h bringt. Das Lenkrad des verrückten Dreisitzer-Sofas besteht aus einem Pizzateller, der Hebel der Handbremse aus einem Mars-Riegel und eine Tischlampe verziert das Gefährt, das eine Straßenzulassung besitzt. Ob das wohl auch in Deutschland möglich wäre?

Edd China ist auch der Schöpfer des schnellsten Badezimmers der Welt,“Bog Standard“, mit Badewanne, Waschschüssel und Schmutzwäschetruhe; etwa 70 km/h schnell bewegt sich dieses Vehikel, das ebenfalls im „Guinness Book of Records“ verzeichnet ist.

Edd Chinas Fantasie scheint grenzenlos zu sein, denn er entwickelte auch noch den „Street Sleeper“, das mit über 100 km/h schnellste Bett der Welt, und, seine neueste Kuriosität, „the world’s fastest electric ice cream van„, der es in diesem Jahr in das „Buch der Rekorde“ schaffte.

In diesem Film über den Kop Hill Climb 2017 sind einige von Edds Fahrzeugen zu sehen.

…und noch einmal das Hochgeschwindigkeits-Sofa, weil es so schön ist.
Author: Graham O Siodhachain
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Ship Money oder Warum drei Kommunen in Kent und Essex jedes Jahr Geld an den Bürgermeister von Sandwich abliefern (oder auch nicht)

Die Guildhall in Sandwich (Kent).
Photo © Colin Smith (cc-by-sa/2.0)

Die Cinque Ports, also die fünf Häfen, an der englischen Südküste spielten vor langer Zeit einmal eine wichtige sowohl militärische als auch wirtschaftliche Rolle. Es waren Dover, Hastings, Hythe, Romney und Sandwich; es kamen dann noch Rye und Winchelsea hinzu, so dass das Bündnis eigentlich Sept Ports heißen müsste. Gegen Ende des 14. Jahrhunderts ließ die Bedeutung der Hafenstädte nach, auch auf Grund der Tatsache, dass einige Häfen im Laufe der Zeit versandeten und dort keine Schiffe mehr anlegen konnten.

Da England ein Land ist, das sehr an Traditionen fest hält und geschichtsbewusst ist, gibt es die Cinque Ports noch immer, und der „Boss“ dieser Orte ist der Lord Warden, der seinen Amtssitz im Walmer Castle in Kent hat (ich berichtete in meinem Blog über ihn).

Jedes Jahr im Juli  spielt sich im Courtroom der Guildhall von Sandwich in Kent eine recht bizarre Zeremonie ab, bei der sich die „limbs“ einzufinden haben. Da die Cinque Ports damals verpflichtet waren, dem König Schiffe und Mannschaften zur Verfügung zu stellen, halfen die „limbs“ dabei mit; das waren Orte, die mit jeweils einer Hafenstadt assoziiert waren. Die „limbs“ von Sandwich sind heute noch Brightlingsea, das in Essex liegt, und die beiden kentischen Fordwich und Sarre. Da die drei nun keine Schiffe oder Mannschaften zur Verfügung stellen können bzw. brauchen, beteiligen sie sich mit einem finanziellen Beitrag, Ship Money genannt, der dem Stadtsäckel von Sandwich zugute kommt und den der Bürgermeister der Stadt entgegen nimmt. Dieses Ship Money belastet das Budget der drei Kommunen aber nicht allzu sehr: Der Mayor Deputy of Brightlingsea bringt zehn Shilling mit, was fünfzig Pence entspricht, der Mayor Deputy of Fordwich bezahlt drei Shilling und vier Pence, entsprechend siebzehn Pence, und der Mayor Deputy of Sarre…bringt überhaupt nichts mit und bittet um Verständnis, weil sein Dorf so klein und so arm ist, was Jahr für Jahr akzeptiert wird (siehe meinen Blogeintrag über das Cherry Brandy House in Sarre). Es geht doch nichts über Traditionen!

Fordwich Town Hall in Kent.
Photo © Colin Smith (cc-by-sa/2.0)

Brightlingsea in Essex
Author: John D. Fielding
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Gesehen in Sarre in Kent…
Author: cherryphilip
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Published in: on 14. November 2020 at 02:00  Kommentar verfassen  
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The Pylon Appreciation Society – Von der Schönheit der Strommasten

Ein Strommast bei Lower Penn in Staffordshire
Photo © Gordon Griffiths (cc-by-sa/2.0)

Die meisten Menschen halten die Strommasten, die quer durch Wald und Feld verlaufen, für hässlich und wollen die Hochspannungsleitungen lieber unter der Erde verlegt sehen. Es gibt aber auch Fans von diesen großen Pylonen und die haben sich in England in der Pylon Appreciation Society zusammengetan, die es seit dem Jahr 2005 gibt. 
Die treibende Kraft dieser Gesellschaft war und ist Flash Wilson Bristow, der auf seiner Website The Gorge Hunderte von Strommasten-Fotos aus vielen Ländern zusammengetragen hat. Wer sich genauer über diese stählernen Giganten informieren möchte, kann das zum Beispiel auf Bristows FAQ tun.

Ähnlich wie „train spotter“ gibt es auch „pylon spotter„, die im „Urban Dictionary“ so beschrieben werden:
One who engages in the hobby of electricity pylon number collecting, aka pylon spotting. Can be seen walking under pylons with a pen, notebook, binoculars, and wearing an anorak„.

Es gibt  sogar einen Spielfilm, in dem die hohen Masten eine Rolle spielen, nämlich „Among Giants – Zwischen Himmel und Erde„, der 1998 in die englischen Kinos kam (in Deutschland ein Jahr später),  in dem der 2011 verstorbene Peter Postlethwaite der Hauptdarsteller ist.
Hier der Trailer zum Film.

Auf der Webseite „Pylon of the Month“ („All about electricity pylons and electricity supply“) wird jeden Monat ein besonders ansehnlicher Strommast vorgestellt und näher beschrieben.

Hier ist ein Film (nur für Schwindelfreie) aus dem Jahr 1966; die Technik des Strommastenbaus dürfte sich inzwischen verändert haben.

Schlank und rank…Ein schönes Exemplar bei King’s Lynn in Norfolk
Photo © Mat Fascione (cc-by-sa/2.0)

Published in: on 6. November 2020 at 02:00  Kommentar verfassen  
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Ugandan discussions oder Die schönste Nebensache der Welt

Die Flagge Ugandas.
This work is in the public domain.

Es gibt in der englischen Sprache zahllose Beschreibungen von „having sex„, das sind zum Beispiel humorvolle wie „horizontal dancing“, vulgäre wie „screwing“ oder „shagging“, klinisch-medizinische wie „sexual act“, brave wie „going to bed with someone“ und sehr ungewöhnliche wie „Ugandan discussions„.

Wie entstand nun dieser höchst merkwürdige Begriff, in dem das Land im Inneren Afrikas eine Rolle spielt? Es war in den 1970er Jahren als der Journalist Neal Ascherson , der damals für den Observer arbeitete, eine Party gab. Eingeladen war auch seine irische Kollegin Mary Kenny, Gründerin des Irish Women’s Liberation Movement. Nach einiger Zeit verschwand sie und tauchte erst später bei der Party wieder auf. Gefragt, wo sie denn so lange geblieben wäre, antwortete sie, sie hätte ein Stockwerk höher mit einem früheren Minister der ugandischen Regierung Milton Obote Gespräche über Uganda geführt, eine elegante Beschreibung für Sex. Das Satiremagazin „Private Eye“ berichtete genüsslich über den Vorfall auf Aschersons Party und die Bezeichnung „Ugandan discussions“ oder „Discussing Uganda“ setzte sich im Sprachgebrauch fest.

Der berühmt-berüchtigte englische Politiker Alan Clark (1928-1999), der für seine zahlreichen außerehelichen Affären bekannt war, aus denen er auch kein Hehl machte, soll einmal abgelehnt haben, an einer zur Mittagszeit anberaumtem Sitzung teilzunehmen, denn „this will be impossible as at lunchtime I am usually involved in Ugandan discussions“ (Martin Latham: Kent’s Strangest Tales“, S. 229).

Published in: on 27. September 2020 at 02:00  Kommentar verfassen  
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The Freshies: „I’m In Love With The Girl On The Manchester Virgin Megastore Check-out Desk“

Author: Lobozpics
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Ich bin immer auf der Suche nach kuriosen Songtiteln und „I’m In Love With The Girl On The Manchester Virgin Megastore Check-out Desk“ gehört in diese Kategorie. Entstanden ist er 1980, und er verhalf der Formation The Freshies zu einem kurzzeitigen Mini-Ruhm. Sänger der Band war Chris Sievey, der sich auch als Comedian betätigte.

Auf dem Plattencover ist Sievey mit einem hübschen jungen Mädchen an der Kasse des Virgin Megastores in Manchester zu sehen. Er hält ihre Hände in seinen und schaut sie verliebt an. Fans der Band kauften die Single in dem Plattenladen und ließen sie sich von dem Mädchen darauf ein Autogramm geben. Als Richard Branson, der damalige Boss der Virgin Megastores, im Jahr 2006 einen neuen Laden im Arndale Shopping Centre in Manchester eröffnete, ließ er das Checkout-Girl suchen, damit sie an der Zeremonie teilnehmen konnte, schließlich hatte sie ein wenig zur Bekanntheit des früheren Megastores beigetragen.

Auf Bitten der BBC benannten die Freshies später ihren Song in „I’m In Love With The Girl On A Certain Manchester Megastore Check-out Desk“ um, damit keine direkte Werbung für Richard Bransons Ladenkette gemacht werden konnte.

Die Virgin Megastores gibt es, ausgenommen einige Läden im Nahen Osten, schon lange nicht mehr.

Hier ist der Song der Freshies, die es ebenfalls nicht mehr gibt, zu hören.

Published in: on 14. September 2020 at 02:00  Comments (1)  
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Die Montgomery Mermaid in Sheerness auf der Isle of Sheppey

Photo © Richard Vince (cc-by-sa/2.0)

Welcome to SHEERNESS – You’ll have a blast„, so steht es auf einem Wandgemälde zu lesen, das die Besucher der Stadt Sheerness auf der Isle of Sheppey in Kent willkommen heißt. Als es noch die Fährverbindung für PKWs von Vlissingen in den Niederlanden nach Sheerness gab, bin ich häufig morgens gegen 6 Uhr hier angekommen und fand die Isle of Sheppey immer ein bisschen langweilig. Besonders attraktiv für Touristen ist die Insel nicht, denn hier hat sich viel Industrie angesiedelt, und die Tatsache, dass gleich drei Gefängnisse auf der Isle of Shepey liege (siehe hierzu meinen Blogeintrag), erhöht die Attraktivität sicher nicht.

Im Jahr 2015 kam man auf die Idee, die Besucher von Sheerness mit einem großen Wandgemälde willkommen zu heißen und beauftragte den Künstler Dean Tweedy, sich etwas Entsprechendes einfallen zu lassen, was dieser auch tat, damit aber nicht bei allen Inselbewohnern auf Begeisterung stieß.

Das Bild zeigt eine Meerjungfrau („The Montgomery Mermaid„), die am Strand liegt, eine finstere Miene aufgesetzt hat und dabei ist eine Sprengung vorzubereiten („You’ll have a blast“ ist doppeldeutig; es kann zum einen „Du wirst einen Riesenspaß haben“ bedeuten, zum anderen auch „Du wirst eine Explosion erleben“). Was will uns das Wandgemälde sagen?

Vor der Küste der Isle of Sheppey liegt das Wrack des amerikanischen Munitionsschiffes SS Richard Montgomery, das im August 1944 auf eine Sandbank bei Sheerness auflief, mit ca 1500 Tonnen Munition an Bord. Das Schiff brach auseinander, eine Bergung der gefährlichen Ladung erwies sich als nicht machbar. Die Experten sind sich heute nicht einig darüber wie groß die Gefahr einer Explosion ist. Sollte es dazu kommen, könnte es das Ende von Sheerness und der Isle Sheppey sein. Die Masten der SS Montgomery ragen aus den Fluten noch heute hervor.

Modell für die „Montgomery Mermaid“ stand eine junge IT-Technikerin von der Insel. Dean Tweedy hat das Wandgemälde kostenlos erstellt.

Die Masten der SS Richard Montgomery.
Photo © Christine Matthews (cc-by-sa/2.0)

 

 

Published in: on 10. September 2020 at 02:00  Kommentar verfassen  
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Der Headington Shark – Ein skurriles Kunstwerk in einem Vorort von Oxford

Wenn man an der Adresse 2 New High Street in Headington, einem Vorort von Oxford, vorbei kommt, glaubt man seinen Augen nicht zu trauen. Im Dach des Hauses steckt ein riesiger Hai, der aussieht, als hätte man ihn vom Meer aus mit einem gewaltigen Katapult in Richtung Oxford abgeschossen und zufällig ist er hier in Headington eingeschlagen.

Natürlich war das ganz anders. Bill Heine, der Hausbesitzer, und Moderator bei BBC Radio Oxford, beauftragte den Bildhauer John Buckley, dieses Monstrum zu schaffen, und seit dem 9. August 1986, also heute vor 34 Jahren, ziert nun der Hai das Hausdach. Der Grund? Das Datum war der 41. Jahrestag des Abwurfs der Atombombe auf Nagasaki. Bill Heine (er starb im vergangenen Jahr) war entschiedener Gegner von Atomwaffen und Atomkraft und so begründete er die Anwesenheit des Hais: „The shark was to express someone feeling totally impotent and ripping a hole in their roof out of a sense of impotence and anger and desperation… It is saying something about CND, nuclear power, Chernobyl and Nagasaki“ (Quelle: Wikipedia).

Untitled 1986“ nannte John Buckley sein Werk, das natürlich auch auf Widerstand stieß. Der Stadtrat von Oxford wollte das Meerestier entfernen lassen, da für die Errichtung auch keine Baugenehmigung vorlag, aber die Öffentlichkeit fand die Skulptur gut und so wurde schließlich von höchster Stelle beschlossen, dass der Hai bleiben konnte.
2007 wurde der Headington Shark, an dem der Zahn der Zeit genagt hatte, gründlich gesäubert und restauriert und seitdem sieht er wieder aus wie neu.
Ehe ich es vergesse: Die Skulptur ist 7,60 Meter lang, wiegt vier Zentner und besteht aus Fiberglas.

Hier ist ein Film über den Hai.

Photo © David Hallam-Jones (cc-by-sa/2.0)

Published in: on 9. August 2020 at 02:00  Comments (4)  
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Die Glocken von St Michael’s in Bowness-on-Solway (Cumbria)

Die gestohlenen Glocken neben dem Taufstein in St Michael’s.
Photo © Rose and Trev Clough (cc-by-sa/2.0)

Bowness-on-Solway (nicht zu verwechseln mit Bowness-on-Windermere) ist ein Ort im Norden der Grafschaft Cumbria, dicht an der schottischen Grenze. Wenige Kilometer entfernt, auf der schottischen Seite, liegt das Städtchen Annan, und dort spielt sich hin und wieder eine merkwürdige Prozedur ab, denn immer wenn ein Vikar sein Amt neu antritt, stellt er einen Antrag in Bowness, mit der Bitte um Herausgabe der beiden Glocken, die im Jahr 1626 von den englischen Dorfbewohnern in Schottland gestohlen worden waren…und jedesmal wird dieser Antrag abgelehnt. Schotten und Engländer mögen sich nun mal nicht so besonders. Doch was war der Grund für den Glockendiebstahl 1626?

Vorausgegangen war der Diebstahl der Glocken der Kirche St Michael’s in Bowness durch maraudierende Schotten, die per Boot über den Solway Firth gekommen waren. Als das von den Engländern bemerkt wurde, machten sich diese auf eine wilde Verfolgungsjagd. Die Schotten merkten, dass sie durch die schweren Glocken nur langsam mit ihrem Ruderboot vorwärts kamen und bald eingeholt würden. Also kippten sie die Glocken ins Wasser und entkamen ihren Verfolgern. In Bowness sann man auf Rache, ein Stoßtrupp wurde über die Grenze geschickt und in einer Nacht-und-Nebel-Aktion stahl man zwei Glocken aus einer schottischen Kirche, die als Ersatz für die vorher gestohlenen nach St Michael’s gebracht wurden. Dort hingen sie bis zum Jahr 1905 als ein neues Paar ihren Platz einnahm. Die ehemaligen  schottischen Glocken sind jetzt in der Kirche neben dem Taufstein aufgestellt, und man denkt in Bowness nicht daran, sie wieder zurückzugeben, auch wenn zukünftige Vikare aus Annan noch so viele Bittschriften über die Grenze schicken.

St Michael’s in Bowness-on-Solway mit den „neuen“ Glocken aus dem Jahr 1906.
Photo © The Carlisle Kid (cc-by-sa/2.0)

Der kleinste Nachtclub der Welt in Kingsbridge (Devon)

Ein K6 telephone kiosk, aus dem man so allerhand machen kann.
Photo © David Wright (cc-by-sa/2.0)

Ich habe schon seit langem niemanden mehr in einer öffentlichen Telefonzelle telefonieren gesehen. Der Verbreitungsgrad von Mobiltelefonen nähert sich allmählich der 100%-Grenze. Wohin nun mit den noch verbliebenen Telefonzellen? Diese Frage stellt man sich schon seit Jahren auch in England. Der Betreiber, die British Telecom, hat schon viele von ihnen abgebaut, verschrottet, verkauft, sie zur Adoption angeboten oder sie anderen Zwecken zugeführt. Den Modellen K7 und K8 trauert niemand mehr hinterher, aber die K6, von der seit 1936 60 000 Stück gebaut worden sind, gehört irgendwie zum Straßenbild dazu, und von der trennt man sich nicht so leicht.

Der Rat der Stadt Kingsbridge in Devon musste vor zwei Jahren entscheiden, was mit der Telefonzelle in der Fore Street, direkt am Polizeigebäude, geschehen sollte, da sie nur ungenutzt herumstand. „Man könnte ja Blumen hineinstellen“ meinte jemand. „Wie langweilig“ entgegnete ein Ratsherr und kam plötzlich auf eine Idee: „Man könnte daraus ja einen Mini-Nachtclub machen“. Diese Idee musste erst einmal verdaut werden, doch bald erwärmten sich die meisten dafür. Gesagt, getan. Die K6 wurde für £1 erworben,  aufgehübscht, und da sie die 5000. adoptierte Telefonzelle war, half die British Telecom dabei, im Inneren eine Musikanlage, eine Discokugel und eine ansprechende Beleuchtung zu installieren. Damit auch jeder weiß, womit er/sie es zu tun hat, erhielt die Telefonzelle über der Tür auch noch den Schriftzug „Nightclub„.

Maximal zwei Personen dürfen gleichzeitig den Nachtclub betreten und können sich darin amüsieren, indem sie für jeweils £1 ein Musikstück auswählen und dazu tanzen, obwohl es dafür ziemlich eng wird, abhängig von der Leibesfülle der Besucher. Passend zum Ambiente werden beispielsweise die Musikstücke „Hanging on the Telephone“ von Blondie und „Telephone Line“ vom Electric Light Orchestra angeboten. Alkohol ist übrigens im Inneren  strikt verboten. Der Erlös des Etablissements kommt wohltätigen Zwecke zugute.

So kann sich Kingsbridge damit brüsten, den kleinsten Nachtclub weltweit zu besitzen, und es dürfte schwierig sein, diesen Rekord zu unterbieten. Dieser Film zeigt den K6-Nightclub in Aktion.

Published in: on 13. Juli 2020 at 02:00  Comments (1)  
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Das Konsulat des Königreichs von Redonda findet man im Pub The Wellington Arms in Southampton

Das Rauchverbot in englischen Pubs traf viele „Regulars“, die gern mal zur Zigarette griffen, schwer. Das Bier so ganz ohne zu trinken, schmeckte ihnen im wahrsten Sinne des Wortes nicht. Aber was sollten sie schon gegen das Gesetz ausrichten? So mancher Wirt überlegte, ob es nicht vielleicht doch einen Ausweg aus dieser Situation geben könnte und Bob Beech, der Publican des The Wellington Arms in Southampton hatte da eine Idee. Wenn sein Pub nicht auf britischem Boden stehen würde, gälten dann ja auch die britischen Gesetze dort nicht…

Die Idee: Bob Beech erklärte seinen Pub kurzerhand zum Konsulat des Königreichs von Redonda. Nie davon gehört? Es gibt wohl auch nur wenige Menschen auf der Welt, die schon von diesem Königreich gehört haben. Redonda ist eine winzige Insel in der Karibik, nicht weit von Antigua entfernt, auf der kein Mensch wohnt. 1865 soll sich hier ein gewisser Matthew Dowdy Shiell von der nahe gelegenen Insel Montserrat zum König von Redonda ausgerufen haben und dieser Titel wurde bis in die heutige Zeit  immer weitergereicht. Näheres ist auf der Homepage des Pubs nachzulesen. Da ist natürlich viel britischer Humor dabei und dem Konsul Redondas, besagtem Wirt Sir Robert Beech, gelang es auch nicht, die britischen Behörden davon zu überzeugen, dass die Rauchverbotsbestimmungen in seinem Pub nicht gelten, aber einen Versuch war es immerhin wert…

Die Raucher des Wellington Arms müssen sich also weiterhin nach draußen begeben, um sich eine Zigarette zu genehmigen; für sie hat Sir Robert aber eine überdachte Raucherzone gebaut.

Ab heute hat der Pub nach den Corona-Einschränkungen wieder geöffnet. Good luck!

The Wellington Arms
56 Park Road
Southampton SO15 3DE

 

The Kingdom of Redonda.
Author: Invertzoo.
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William Bradley (1787-1820) – The Yorkshire Giant

Unknown author.
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William Bradley, der Yorkshire Giant, wurde nur 33 Jahre alt. Mit einer Körpergröße von 2,35 m ist er wohl der größte Mensch, der je in Großbritannien gelebt hat.
Geboren wurde Bradley 1787 in Market Weighton, das liegt im East Riding of Yorkshire, auf halber Strecke zwischen York und Kingston-upon-Hull. Nachdem er als Landarbeiter nur wenig Geld verdienen konnte, besann er sich darauf, aus seiner Körpergröße Kapital zu schlagen und schloss sich einer der damals sehr populären Freak Shows an, wo Menschen mit ungewöhnlichen körperlichen Missbildungen zur Schau gestellt wurden. Nachdem er auf vielen Jahrmärkten im ganzen Land unterwegs war, beschloss er, aus selbst sich eine One-Man-Show zu machen. Er mietete  in Städten ein Zimmer und verlangte von jedem, der ihn „besichtigen“ wollte, einen Shilling. Ein trauriges Leben!
Bradley wurde auch einmal König George III vorgeführt, der ihm eine goldene Uhr schenkte.
1820 starb der Yorkshire Giant in seiner Heimatstadt Market Weighton, wo er auch beigesetzt wurde. Alljährlich findet dort seit 1996 der Giant Bradley Day statt, ein Art Rummelplatz mit Amüsement für Kinder und Erwachsene.

Zur Erinnerung hat die Stadt Market Weighton eine lebensgroße Statue aus Holz von William Bradley aufgestellt.
Der Giant Bradley Heritage Trail führt durch Market Weighton an Plätzen vorbei, die irgendwie mit dem Riesen zusammenhängen und ist durch 23 Fußabdrücke markiert, die der exakten Schuhgröße Bradleys entsprechen.

Das Geburtshaus des Yorkshire Giants in Market Weighton.
Photo © Colin Westley (cc-by-sa/2.0)

Plakette an Bradleys Geburtshaus und eine der Stationen des Giant Bradley Heritage Trails.
Photo © Mike Kirby (cc-by-sa/2.0)

Bradleys Staue in Market Weighton.
Photo © Leslie (cc-by-sa/2.0)

Published in: on 7. Juni 2020 at 02:00  Kommentar verfassen  
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Von problematischen Nachbarschaften in London, Lancashire und im County Durham

Im allgemeinen hält man in England gern Abstand zu seinen Nachbarn, und der Spruch „My home is my castle“ gilt auch heute noch. Manchmal kommt es aber zu Problemen mit der lieben Nachbarschaft, und da möchte ich heute drei Beispiele anführen.

Dieses auffällig gestrichene Haus im Londoner Stadtteil Kensington stand einmal im Mittelpunkt eines Nachbarschaftsstreits. Der Besitzer wollte das Haus abreißen und durch ein neues, moderneres ersetzen lassen. Diese neue Gebäude sollte zwei unterirdische Stockwerke erhalten, ein sogenanntes „iceberg home“, sehr beliebt bei den Londoner Superreichen, die auf diese Weise deutlich mehr Platz erzielen.
Die Nachbarn wehrten sich gegen diese Pläne, und da auch der Kensington and Chelsea Council nicht mitmachen wollte, wurde das Haus eben, um die Nachbarn zu ärgern, in dieser auffälligen und provozierenden Weise gestrichen. Aber auch da schritt der Council ein und erteilte die Auflage, das Gebäude in den Ursprungszustand zurückzuversetzen. was dann so aussah:

 

Dieses Haus in der Stankelt Road in Silverdale (Lancashire) steht vor einer sogenannten „spite wall„, die 1880 errichtet wurde und zwar von dem Besitzer des Hauses auf der gegenüberliegenden Seite. Dessen Haus stand zuerst da und hatte einen schönen Blick auf die Landschaft…bis das Haus gegenüber gebaut wurde, das ihm die Sicht nahm und auch die „privacy“. Erzürnt ließ der Nachbar diese „spite wall“ am äußersten Ende seines Grundstücks errichten; nun hatte er wenigstens seine Privatheit wieder und sein Gegenüber blickte aus seinen Fenstern auf eine graue Mauer.

Joseph Edlestone war 41 Jahre lang Vikar an der St Mary’s Church in Gainford (County Durham) gewesen. Als er 1895 in seinem Haus in Cambridge starb, wollten seine Kinder gern ein Denkmal für ihren Vater auf dem Kirchhof von St Mary’s errichten lassen, was die Kirche aber ablehnte, mit dem Hinweis, der Kirchhof sei bereits voll und es gäbe keinen Platz mehr. Aber: Wenn die Famile Edlestone, die das angrenzende Grundstück besaß, einen Teil davon an sie abtreten würde, könnte sie das Monument ja dorthin stellen. Das passte Joseph Edlestones Kindern aber überhaupt nicht, und so bauten sie auf ihrem Grund und Boden ein großes Haus, das Edlestone Spite House, und errichteten direkt an der Grenze zum Kirchhof eine zwölf Meter hohe Säule, die oben im Bild zu sehen ist. Der Vikar von St Mary’s war sicher „not amused“.

Das Buch zum Artikel:
Emily Cockayne: Cheek by Jowl – A History of Neighbours. Bodley Head 2012. 288 Seiten. 978-1847921345.

 

Published in: on 1. Juni 2020 at 02:00  Kommentar verfassen  
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Crop Circlemakers – Kornkreise als Kunstform

Hier am Cheesefoot Head in Hampshire begannen Doug Bower und Dave Chorley mit ihren Kornkreisen. Die Spuren auf dem Foto stammen in diesem Fall von Traktoren.
Photo © Jim Champion (cc-by-sa/2.0)

Die Grafschaft Wiltshire gilt als das Mekka der Kornkreis-Fans, aber auch in den benachbarten Counties tauchen diese bizarren Gebilde in den Getreide- und Rapsfeldern immer wieder auf. Da aus Wiltshire ebenfalls viele UFO-Sichtungen gemeldet werden, fragen sich manche, ob es da wohl einen Zusammenhang gibt. Sind Besucher aus fremden Welten des Nachts unterwegs und fertigen die Kornkreise an und wenn ja, warum?

Im vorigen Oktober besuchte ich The Barge Inn in Honeystreet (Wiltshire), der als als Hauptquartier der sogenannten Croppies gilt. Ich fand dort niemanden von der Fangemeinde vor, meine Frau und ich waren mittags die einzigen Gäste.

Ob es nachts nun in Wiltshire und anderen Grafschaften mit übernatürlichen Dingen zugeht, mit Aliens, die sich aus lauter Langeweile irgendwelche Muster ausdenken und diese auf die Getreidefelder projizieren, für eine nicht unbeträchtliche Anzahl von Kornkreisen sind ganz einfach…Menschen verantwortlich. Doug Bower und Dave Chorley hatten Ende der 1970er Jahre nach einigen Pints in einem Pub die Idee, Kornkreise anzulegen, und sie begannen damit in der Nähe von Winchester (Hampshire) am Cheesefoot Head. Mehr als zwölf Jahre gingen die beiden ihrer nächtlichen Tätigkeit nach, deren Ergebnis in der ganzen Welt diskutiert wurde und zu wilden Erklärungsversuchen führte.

Der englische Künstler und Filmemacher John Lundberg und einige seiner Freunde setzten das Werk von Bower und Chorley in den 1990er Jahre fort, und er gründete Circlemakers, eine Art Künstlerkollektiv, deren Kornkreise immer kunstvoller wurden. Natürlich war es nur eine Frage der Zeit bis es herauskam, dass nicht Aliens, sondern Menschen für viele Kornkreise verantwortlich waren, was eingefleischten Hardcore-Cropcircle-Fans nicht gefiel, die lieber eine andere Erklärung für das nächtliche Geschehen auf den Feldern Südenglands gehabt hätten.

Die Circlemakers bekamen sogar internationale Aufträge, bestimmte Formen in Getreidefelder zu zaubern, beispielsweise für Extinction Rebellion beim vorjährigen Glastonbury Festival oder für das amerikanische Streetwear Label Supreme in Kalifornien. Eine weitere Auftragsarbeit für die Circlemakers fand ebenfalls in Kalifornien statt, wo sie bei Bakersfield für die US-Band Korn kunstvolle Kreise und das Logo der Band in ein Getreidefeld fabrizierten. Hier ist das Musikvideo „Let the guilt go“ von Korn zu sehen.

Wie man sich als Besucher von Kornkreisen verhalten sollte, ist im sogenannten „Pink Book“ festgehalten, über das ich in meinem Blog einmal schrieb.

In diesem Film sind besonders schöne Exemplare von Kornkreisen zu sehen.

Kornkreise in Wiltshire.
Photo © Stefan Czapski (cc-by-sa/2.0)

The Barge Inn in Honeystreet (Wiltshire)
Eigenes Foto.

The World Conker Championships – Die Weltmeisterschaften im „Kastanien-kaputt-schmeißen“ in Southwick (Northamptonshire)

The Shuckburgh Arms in Southwick.
Photo © Michael Trolove (cc-by-sa/2.0)

Jedes Jahr am zweiten Sonntag des Monats Oktober ist Southwick in Northamptonshire der Austragungsort einer kuriosen „Sportart“; hier finden die World Conker Championships statt. Conkers sind Kastanien, und das Ziel des Wettkampfes ist, die Kastanie des Gegners zu zerstören. Jeweils zwei Teilnehmer stehen sich gegenüber, jeder verfügt über eine an einer Schnur aufgehängten Kastanie. Der „striker“ versucht nun die Kastanie des „receivers“ zu knacken, wobei die Rollen innerhalb eines Matches wechseln. Wer es schafft, die gegnerische Kastanie zu zerstören, ist eine Runde weiter und trifft auf den nächsten Gegner… bis schließlich der nächste Weltmeister bzw. Weltmeisterin ermittelt wird. Es gibt auch Teams, die gegeneinander antreten, die sich witzige Namen gegeben haben wie die Peterborough Nutters, die Celtic Conkerors, No Strings Attached oder Royal Oak Resistance.

Die Teilnehmer kommen tatsächlich aus der ganzen Welt nach Southwick angereist, um hier im ländlichen Northamptonshire Kastanien „kaputtzuschmeißen“. In den meisten Fällen stellen die Briten die Weltmeister, aber es gab auch schon Jahre, in denen Ausländer gewonnen haben, so 1998, als ein Deutscher und ein deutsches Team auf dem Siegertreppchen standen. Am besten man sieht sich die World Conker Championships einmal im Film an, hier sind Szenen aus dem vorigen Jahr.

1965 wurden die ersten Weltmeisterschaften ausgetragen, damals noch auf dem Dorfanger von Ashton in Northamptonshire, der praktischerweise von Kastanienbäumen umstanden war. Jetzt ist der Pub The Shuckburgh Arms in Southwick der Austragungsort (nicht zu verwechseln mit dem Southwick in West Sussex, über das ich in meinem Blog einmal schrieb).

Die nächsten Weltmeisterschaften sind für den 11. Oktober geplant. Hoffen wir, dass sie stattfinden können!

Wo alles begann: Der Dorfanger von Ashton in Northamptonshire.
Photo © Richard Humphrey (cc-by-sa/2.0)

Von der Kunst des Portweinweiterreichens und ein schlafender Bischof

Author: Wiki-portwine.
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Nach einem üppigen Mittag- oder Abendessen kommt es in einer Gesellschaft häufig vor, dass zum Käse ein Glas Portwein gereicht wird. Dieser aus Portugal stammende Süßwein ist in England populärer als hierzulande; er ist meist rot, aber es gibt ihn auch in weiß. Es existiert in England ein ungeschriebenes Gesetz, das beim Einschenken bei Tisch unbedingt beachtet werden muss und gegen das auf gar keinen Fall verstoßen werden darf. Wenn der Gastgeber die Flasche Portwein auf den Tisch gestellt hat, reicht er sie zu seiner Linken weiter und jeder, der am Tisch sitzt, reicht sie im Uhrzeigersinn weiter. Sollte jemand, der den Brauch nicht kennt, die Flasche zurückgeben oder sie jemandem, der ihm gegenübersitzt, zuschieben, so würde das bei den Anwesenden entsetzte Blicke, hochgezogene Augenbrauen und ein verlegenes Hüsteln hervorrufen, denn Portweinflaschen müssen immer im Uhrzeigersinn weitergereicht werden, denn alles andere bringt Unglück. Über den Grund dafür gibt es unterschiedliche Auffassungen; eine davon ist, dass die Engländer ja für ihr Fair Play berühmt sind,  und wenn die Flasche queerbeet hin und hergeschoben wird, könnte es ja sein, dass jemand nichts abbekommt und das darf nicht sein. Bei dem geregelten Weiterreichen, ist gesichert, dass niemand zu kurz kommt. Übrigens gilt das nur für die Flasche, nicht für gefüllte Gläser, die dürfen auch zurückgereicht werden.

Was ist nun, wenn die Flasche in der Runde stehen bleibt und jemand vergessen hat, sie weiterzureichen? Da die Engländer ein sehr rücksichtsvolles Volk sind, käme niemand auf die Idee, über den Tisch zu rufen „Eh, schieb die Flasche mal her“. Da gibt es eine elegantere Lösung. Jemand vom Tisch würde den, vor dem die Flasche steht, fragen: „Do you know the Bishop of Norwich?“ Kennt der derart Angesprochene die Regel, so würde er die Flasche sofort wieder mit mehreren „Sorries“ auf die weitere Reise schicken. Kennt er sie nicht, würde er erstaunt mit einem „No“ reagieren. Daraufhin könnte es dann heißen „The Bishop was a jolly good fellow but he always forgot to pass the Port„. Gut, jetzt wäre sicher der Groschen gefallen, und die bisher leer ausgegangenen Gäste kämen jetzt auch in den Genuss des Süßweins.

Der hier zitierte Bishop of Norwich soll Henry Bathurst (1744-1837) gewesen sein, der das hohe Alter von 92 Jahren erreicht hatte, und der bei Tisch häufig eingeschlafen sein soll, vor der Flasche Portwein.

Hier ist ein kleiner Sketch zum Thema.

Henry Bathurst, der Bischof von Norwich.
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Published in: on 8. Mai 2020 at 02:00  Comments (5)  
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The Maldon Mud Race – Eine Schlammschlacht in Essex

Vielen Dank auch, Coronavirus!! Jetzt hast Du auch noch das diesjährige Maldon Mud Race auf dem Gewissen, das im Mai ausgetragen werden sollte. Jetzt müssen sich alle bis zum 23. Mai 2021 gedulden, dann wird es (hoffentlich) wieder stattfinden. Im vorigen Jahr kamen fast 20 000 Besucher hier zum Blackwater River bei Maldon in Essex, um sich diese kuriose Schlammschlacht anzusehen (was natürlich unter den diesjährigen Umständen nicht vertretbar ist).

In den 1970er Jahren wurde das Rennen erstmals ausgetragen, und da mussten die Teilnehmer durch den Schlamm des Blackwater Rivers auf die gegenüberliegende Seite waten, dort ein Pint Bier trinken und wieder zurückkommen. Heute wird kein Bier mehr getrunken; viele, die an dem Rennen teilnehmen, tragen irgendwelche Fantasiekostüme oder bewegen sich mehr oder weniger nackt durch die etwa 400 Meter lange Matschstrecke. Das Mud Race kann nur ausgetragen werden, wenn der Fluss bei Ebbe einen bestimmten Niedrigstand erreicht hat. Im vorigen waren 300 Männer und Frauen dabei, die kein Problem damit hatten, sich komplett „einzusauen“. 3 Minuten und 38 Sekunden benötigte Christopher Lee im Jahr 2019 für die Strecke und war damit erster; die schnellste Frau, Shannon Roswell,  schaffte es in 6 Minuten und 5 Sekunden und belegte damit Platz 17.

Dieser Film
zeigt wie es im vorigen Jahr bei dem verrückten Wettbewerb zuging, und da möchte man am liebsten gleich selbst mitmachen.
Die Einnahmen aus der Veranstaltung kommen immer wohltätigen Zwecke zugute und das waren im Jahr 2019 stolze £35,000.

Schauplatz des Maldon Mud Race ist der Promenade Park am Blackwater River, ein großes Freizeitareal mit Splash Park, Adventure Golf und anderen Verlustierungen.

Über Maldon in Essex schrieb ich in meinem Blog schon einmal, aber über ein ganz anderes Thema.

Da möchte man sich doch gern hineinstürzen. Schauplatz des Maldon Mud Races.
Photo © Mike Faherty (cc-by-sa/2.0)

Das White Hart Lane Stadion im Londoner Stadtteil Tottenham – Austragungsort eines der kuriosesten Fußballspiele aller Zeiten

Das ehemalige White Hart Lane Stadion in Tottenham.
Author: Forthevline.
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Es war der 21. November 1945. In London herrschte dichter Nebel, ein „pea-souper“ hatte sich wieder einmal über die Stadt gelegt. Im Stadion White Hart Lane im Stadtteil Tottenham (das Stadion lag gar nicht am White Hart Lane, sondern an der High Road) war ein Spiel zwischen dem Arsenal F.C. und der russischen Mannschaft Dynamo Moskau angesetzt. Das Stadion gehörte eigentlich der Mannschaft Tottenham Hotspur, die es aber für das Match zur Verfügung stellte, da Arsenals Highbury nach den Kriegswirren nicht zur Verfügung stand.

White Hart Lane war voll besetzt, aber viel sehen konnten die Zuschauer zu Beginn des Spiels nicht. Eigentlich hätte es gar nicht angepfiffen werden dürfen, aber der russische Schiedsrichter bestand darauf. Der Mann in Schwarz traf auch die höchst merkwürdige Entscheidung, dass die beiden englischen Linienrichter auf einer Seite gemeinsam das Spiel beobachten sollten, und er allein auf der gegenüberliegenden Seite. In dem dicken Nebel konnte der Schiedsrichter nur wenig erkennen, was sich da auf dem Platz tat. Ein Tor fiel für die Moskauer Mannschaft, obwohl der Torschütze meterweit im Abseits stand. Ein Arsenal-Spieler wurde vom Platz gestellt, mischte sich aber stillschweigend wieder unter seine Mannschaftskollegen, was aber der Schiedsrichter nicht mitbekam. Dynamo nahm einen Spieleraustausch vor, wobei der ausgetauschte Spieler trotzdem auf dem Platz blieb, was erst nach zwanzig Minuten auffiel.
Der Nebel nahm nach der Halbzeit noch mehr zu, so dass die Zuschauer so gut wie gar nichts mehr sehen konnten. Dem Torwart der Gunners, wie die Spieler vom Arsenal F.C. auch genannt werden, ging es nicht viel besser, denn er knallte mit dem Kopf gegen den Pfosten seines Tores und wurde ohnmächtig, woraufhin ein Zuschauer seinen Platz einnahm. Das Match wurde tatsächlich zu Ende gespielt; Dynamo gewann mit 4:3 und der russische Schiedsrichter war zufrieden mit seinem Werk…

Hier sind einige Szenen aus dem Spiel zu sehen, pardon, zu erahnen.

Das Stadion in Tottenham wurde 2017 abgerissen und durch ein neues an der alten Stelle ersetzt. Das erste offizielle Spiel der Spurs in der neuen Arena fand am 3. April 2019 gegen den Ortsrivalen Crystal Palace statt.

Published in: on 13. April 2020 at 02:00  Comments (1)  
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The Cloud Appreciation Society – Hier finden sich Wolkenliebhaber aus der ganzen Welt zusammen.

Eine gewaltige Wolke über Sandbanks in Dorset.
Photo © Peter Trimming (cc-by-sa/2.0)

In meinem Blog habe ich vor einigen Jahren schon einmal absonderliche „Appreciation Societies“ vorgestellt. Eine davon ist die Cloud Appreciation Society, die im Jahr 2005 von Gavin Pretor-Pinney gegründet wurde und die sich ausschließlich mit Wolken beschäftigt. Die Gesellschaft zählt heute 50 000 Mitglieder in 120 Ländern, ein Zeichen, dass Wolken überall in der Welt ihre Bewunderer haben.

In ihrem Manifest steht unter anderem:
We pledge to fight „Blue Sky Thinking“ wherever we find it. Life would be dull if we had to look up cloudless monotony day after day.

We seek to remind people that clouds are expressions of the atmosphere’s moods, and can be read like those of a person’s countenance.

Auf der Webseite gibt es auch einen Shop, in dem man zwar keine Wolken bestellen kann, aber beispielsweise Sweatshirts und Socken mit Wolkenmotiven, Wolkenkalender, Ohrringe, Regenschirme usw. usw.

Gavin Pretor-Pinney hat zu dem Thema auch Bücher geschrieben: „The Cloud Collector’s Handbook“ und „The Cloudspotter’s Guide“ (auf Deutsch „Wolkengucken“, 2006 im Heyne-Verlag erschienen) auf dessen Grundlage BBC 4 im Mai 2009 die Dokumentation „Cloudspotting“ produzierte (hier zu sehen).
Sein aktuelles Buch heißt „A Cloud a Day„, das im Herbst 2019 erschien, in dem 365 Fotos bzw. Gemälde von Wolken zusammengefasst sind, für jeden Tag eines.

Eine bedrohliche Wolkenformation über dem Hafen von Lowestoft (Suffolk).
Photo © John Goldsmith (cc-by-sa/2.0)

In den Cotswolds.
Photo © Philip Halling (cc-by-sa/2.0)

Published in: on 5. April 2020 at 02:00  Kommentar verfassen  
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Warminster in Wiltshire – Eines der britischen UFO-Zentren

Auf dem Cradle Hill, nördlich von Warminster.
Photo © Maurice Pullin (cc-by-sa/2.0)

Warminster ist eine Stadt im westlichen Wiltshire, geprägt von den vielen militärischen Einrichtungen in der Umgebung. Es ist aber auch der Ort in England mit den meisten UFO-Sichtungen. Ich las kürzlich Arthur Shuttlewoods Buch „The Warminster Mystery: Eyewitness accounts of dramatic UFO sightings in England“ (Tandem 1973), in dem sich der Autor, Journalist beim Warminster Journal, mit den Phänomenen auseinandersetzt.

Das ganze begann in den frühen 1960er Jahren, erreichte um 1965 seinen Höhepunkt und setzte sich auch in den nächsten Jahrzehnten fort. Besonders auf dem Cradle Hill und dem Cley Hill sollen viele UFOs gesichtet worden sein und dort treffen sich nachts auch immer wieder die Skywatcher, in der Hoffnung Flugkörper aus anderen Welten zu sehen. Auch Robbie Williams soll hier in der Vergangenheit auf dem Cradle Hill zu sehen gewesen sein. Er interessiert sich sehr für das Thema UFOs.

Die militärische Präsenz auf der Salisbury Plain mag vielleicht Ursache mancher merkwürdiger Sichtungen sein, da dort neue Waffen getestet werden. Es ist eine sehr eigenartige Gegend, die ich zuletzt Ende Oktober 2019 durchquerte; überall wird man auf den Straßen mit Hinweisschildern konfrontiert, die vor Panzern warnen. Die Atmosphäre des Ministry of Defence-Geländes erinnert etwas an Nevadas Area 51.

Weitere Bücher beschäftigen sich mit dem Phänomen der UFO Sichtungen, das vor allem Mitte der 1960er Jahre die kleine Stadt Warminster in Atem hielt, zum Beispiel „In Alien Heat: The Warminster Mytery Revisited“ (Anomalist Books 2005) von Steve Dewey und John Ries und „UFO Warminster: Cradle of Contact“ (Fortean Words 2012) von Kevin Goodman und Steve Dewey.

Dieser Film zeigt einige Augenzeugen des Phänomens.

Der Cley Hill, westlich von Warminster.
Photo © Phil Williams (cc-by-sa/2.0)

Am Market Place in Warminster.
Photo © Colin Smith (cc-by-sa/2.0)

 

Foto meines Exemplares.

 

Published in: on 1. April 2020 at 02:00  Comments (2)  
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Unterwasserhockey – Eine Sportart, die 1954 in England entwickelt wurde

Author: DavidUnderwater.
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Für Nichtschwimmer und Nichttaucher kommt diese merkwürdige Sportart nicht in Frage: Unterwasserhockey ist etwas für Wasserratten und Leute, die lange die Luft anhalten können.
1954 kam Alan Blake aus Southsea (Hampshire), der ein Jahr zuvor den Sub-Aqua Club gegründet hatte, auf die Idee, im Winterhalbjahr einmal etwas ganz Neues auszuprobieren, was auf den ersten Blick (vielleicht auch auf den zweiten) ziemlich skurril war, das Hockeyspielen unter Wasser. Octopush nannte er das Spiel. Warum? „Octo„, weil das Spiel aus acht Spielern besteht, „Push„, weil der Squid (der Unterwasser-Puck) mit dem „Pusher“, dem Mini-Hockeyschläger, geschoben wird. Das Tor im Unterwasserhockey hieß anfangs Scuttle, wurde dann aber in Gully umbenannt. Die Teilnehmer dieser Sportart tragen Tauchermasken, Schnorchel, Flossen und Handschuhe. Als Austragungsort eignet sich jeder Swimmingpool, der entsprechend lang und tief ist. Schiedsrichter gibt es zwei, einen im Pool und einen außerhalb. Für die Zuschauer gibt es natürlich nicht viel zu sehen (außer den Köpfen der Spieler, die kurz auftauchen, um Luft zu holen), aber es gibt ja Unterwasserkameras, die das Match filmen, und das dann auf einen Großbildschirm übertragen werden kann.

Bei internationalen Wettkämpfen gibt es mehrere Levels, angefangen von dem U19- Level (Spieler unter 19 Jahren) bis zum Elite-Level (die absoluten Meister ihres Fachs). 1980 gab es die ersten Underwater Hockey World Championships in Vancouver in Kanada, die letzten wurden 2018 in Québec City, ebenfalls in Kanada, ausgetragen. Die nächsten, die 22. Weltmeisterschaften, stehen vom 20. Juli bis zum 2. August in diesem Jahr an der Gold Coast in Australien an (für Elite- und Masters-Level)…wenn es denn das Coronavirus zulässt.

Am besten man sieht sich diesen Film an, um sich ein Bild von dem Spiel zu machen.

Published in: on 27. März 2020 at 02:00  Kommentar verfassen  
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Ein klein wenig englischer Humor in schwierigen Zeiten…

Die Engländer sind fähig, auch in schwierigen Zeiten ihren Humor zu behalten, was ich bewundernswert finde. Wir alle leben zur Zeit in extrem schwierigen Zeiten, und da möchte ich in meinem Blog heute einmal für ein wenig Heiterkeit sorgen.

Vielleicht erinnern sich noch einige an die Eröffnungsfeierlichkeiten der Olympischen Spiele 2012 in London. Da spielte das London Symphony Orchestra unter der Leitung von Simon Rattle die berühmte Filmmusik aus dem Film „Chariots of Fire“ (dt. „Die Stunde des Siegers“), und da war auch ein Orchestermitglied dabei, das nicht so ganz bei der Sache war… Hier ist der Ausschnitt aus den Feierlichkeiten zu sehen.

Zur Gegenüberstellung: Hier sind einige Originalszenen aus „Chariots of Fire“ zu sehen.

Published in: on 25. März 2020 at 02:00  Comments (4)  
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Archie Workman aus Lancashire – Einer der letzten Lengthsmen Englands

Hier wartet Arbeit auf einen Lenghtsman…
Photo © Albert Bridge (cc-by-sa/2.0)

Im Mittelalter gab es den Beruf des Lenghtsman, dessen Aufgabe darin bestand, Straßengräben von Unrat und Unkraut zu befreien, das Gras dort kurz zu halten und sicherzustellen, dass das Wasser nach Regenfällen überall gut ablaufen konnte. Dieser Beruf ist heute so gut wie ausgestorben, aber es gibt noch einige wenige Männer, die sich dieser Aufgabe nach wie vor widmen. Einer von ihnen ist Archie Workman, der bei Ulverston in der Grafschaft Cumbria wohnt. An einigen Tagen ist er Geschäftsmann, an anderen Tagen arbeitet er als „modern-day lenghtsman“ und hält Straßenränder und -gräben sauber, wobei er sich ein erstaunliches Wissen über Kanaldeckel angeeignet hat. Manche dieser eisernen Deckel sind schon sehr alt und einige von ihnen sind so von Unkraut verborgen, dass sie jahrelang unentdeckt blieben, bis Archie Workman auf der Bildfläche erschien, sie säuberte und fotografierte und sich so ein Archiv von „drain covers“ zugelegt hat. So nennt man ihn auch gern „drainspotter“ in Anlehnung an Danny Boyles Spielfilm „Trainspotting“ aus dem Jahr 1996. Archie hat auch schon einen Kalender mit Kanaldeckel-Fotos herausgegeben, der erstaunlicherweise auf großes Interesse stieß. Außerdem hält er Vorträge über die Instandhaltung von Straßen.

Doch Archie Workmans Arbeitsbereich bezieht sich nicht nur auf die Straßenränder und -gräben in der Umgebung von Ulverston, er reinigt auch Straßenschilder und das mit viel Liebe und natürlich den dazugehörenden Reinigungsmitteln. Im Laufe der Zeit werden die Schilder schmutzig, es bilden sich Ablagerungen darauf, und das kann Archie Workman nicht leiden. Dank ihm gibt es wohl in der Region Ulverston die saubersten Straßenschilder des Landes.
Dieser Film zeigt den Lenghtsman bei der Arbeit.

…und hier auch.
Photo © Nigel Mykura (cc-by-sa/2.0)

 

 

 

Published in: on 24. März 2020 at 02:00  Comments (1)  
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William Hope Hodgson vs. Harry Houdini – Eine Wette im Palace Theatre in Blackburn im Jahr 1902

Das erste Mal stieß ich auf den englischen Schriftsteller William Hope Hodgson (1877-1918) als ich mich für meine Examensarbeit intensiv mit dem Thema Weird Fiction beschäftigte, und ich die beiden Bücher „Das Haus an der Grenze“ und „Stimme in der Nacht“ las, die in der Bibliothek des Hauses Usher des Insel-Verlages erschienen waren, auf grünem Papier gedruckt.

Bevor William Hope Hodgson seine Schriftstellerlaufbahn einschlug, hatte er 1899 in Blackburn in Lancashire ein Fitness-Studio eröffnet, das damals etwas hochtrabend School of Physical Culture hieß. Im Oktober 1902 hatte sich der weltberühmte Entfessellungskünstler Harry Houdini (1874-1926) im Palace Theatre in Blackburn angesagt. Houdini (hier sind einige historische Aufnahmen) rühmte sich, sich aus jeder Fessel, die man ihm anlegte, befreien zu können, und das wollte man in Blackburn unbedingt erleben. Im Vorfeld hatte er eine Wette angeboten, dass jeder, der wollte, ihn fesseln konnte. Schaffte er es nicht, sich daraus zu befreien, würde er £25 zahlen, was damals sehr viel Geld war.

William Hope Hodgson nahm die Wette an, unter der Bedingung, dass er seine eigenen Fesseln mitbringen konnte, was Houdini erlaubte. Auf der Bühne des Palace Theatre erschien der Fitness-Studiobesitzer mit einem furchterregendem Equipment, das aus Handschellen, Ketten und Schlössern bestand. Misstrauisch betrachtete Houdini das Ganze und beschwerte sich, dass es sich nicht um Standard-Schlösser handelte und dass diese manipuliert seien. Hodgson blieb aber hart und bestand auf den ausgehandelten Bedingungen. Widerwillig stimmte der Meister dann doch zu und musste zusehen wie sein Herausforderer ihn derart mit den Ketten samt Schlössern umschnürte, dass er sich kaum noch bewegen konnte. Als Hodgson fertig war, wurde wie üblich eine Trennwand zwischen Publikum und Houdini hochgezogen. Nach zwanzig Minuten wurde die Trennwand entfernt und man sah, dass Houdini noch weit davon entfernt war, sich zu befreien, und er protestierte lauthals über die brutale Art und Weise wie ihm die Fesseln angelegt worden waren. Hodgson kannte kein Erbarmen, und so versuchte es Houdini weiter. Nach über einer Stunde hatte er es tatsächlich geschafft. Mit blutenden Armen und zerrissener Kleidung tauchte er hinter der Trennwand auf, alle Fesseln hatte er entfernen können. So eine brutale Behandlung hätte er noch nie erlebt, schimpfte Houdini, dem ein „entfesseltes“ Publikum zujubelte. William Hope Hodgson hatte die Wette verloren und zog sich in seine School of Physical Culture in der Ainsworth Street zurück. Zwei Jahre später erschien seine erste Kurzgeschichte mit dem Titel „“The Goddess of Death“.

Das Palace Theatre wurde im Dezember 1989 abgerissen, um einen Parkplatz anzulegen.

Zwei Minigolf-Enthusiasten aus Cheadle Holme (Greater Manchester), die jeden Platz in Großbritannien bespielen wollen

Crazy Golf in Skegness (Lincolnshire). Hier ist eine 18-Loch-Anlage.
Photo © David P Howard (cc-by-sa/2.0)

Wie viele Minigolfplätze (Crazy Golf im Englischen) mag es wohl in Großbritannien geben? Es sind weit über 1000, über das ganze Land verteilt, mit Schwerpunkten dort, wo viele Touristen hinkommen, also in den Seebädern zum Beispiel.
Richard und Emily Gottfried aus Cheadle Hulme, einer Kleinstadt bei Manchester, haben sich als Ziel gesetzt, jeden Crazy Golf-Platz des Königreichs aufzusuchen und dort eine Runde zu spielen. Seit 14 Jahren sind die beiden unterwegs und haben es bisher auf ca 950 Plätze gebracht. Mit etwa 250 weiteren Stationen rechnen sie noch, und dann werden die beiden End-Dreißiger die ersten sein, die diese Mammutaufgabe geschafft haben.

In Southsea an der Küste von Hampshire entdeckten Richard und Emily ihre Liebe für das Spiel, das sie Tausende von Kilometern durch Großbritannien führte, auch in Gegenden, in die sie wahrscheinlich sonst nie gekommen wären. Zu ihren Lieblingsorten gehört Skegness, ein Seebad in Lincolnshire, wo es zehn Minigolfplätze gibt, und hier wurde auch im Jahr 1926 der erste Platz in England eröffnet.
Die World Crazy Golf Championships werden jährlich auf dem Adventure Golf Complex in Hastings an der Südküste ausgetragen, organisiert von der British Minigolf Association; vom 5. bis zum 7. Juni 2020 finden die nächsten Weltmeisterschaften statt. Der 18-Loch-Platz bietet eine Menge von Hindernissen (Windmühle, Leuchtturm, Wasserfälle usw.), die bezwungen werden müssen.

Drücken wir Richard und Emily Gottfried die Daumen, dass sie auch noch die verbliebenen Minigolfplätze aufsuchen können, um dann sicher in das Guinness Buch der Rekorde aufgenommen zu werden. Hier ist ein Film über sie.

Hastings Adventure Golf.
Photo © Oast House Archive (cc-by-sa/2.0)

Eine Crazy Golf-Anlage in den Riverside Meadows bei Stourport-on-Severn (Worcestershire).
Photo © P L Chadwick (cc-by-sa/2.0)

Published in: on 16. März 2020 at 02:00  Comments (2)  
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Ascot Fascinators – Kunstvoll gestaltete Damenhüte beim Pferderennen

Wie jedes Jahr im Juni werden auch 2020 wieder die berühmten Pferderennen in Ascot ausgetragen, ein Highlight im gesellschaftlichen Leben Englands. Die Pferde und die Jockeys sollen zwar im Mittelpunkt stehen, doch das Treiben außerhalb der Bahnen ist für die meisten Besucher viel wichtiger. Man zeigt sich, die Luxuslimousinen stehen aufgereiht auf den Parkplätzen, die meisten Herren tragen Frack und Zylinder und die Damen tragen… fascinators; das sind jene merkwürdigen Hüte, bei deren Gestaltung der Fantasie keine Grenzen gesetzt sind.

Vogelnester sind da auf den Köpfen der Damen zu erspähen oder Erdbeertörtchen oder jede Menge Federbüsche. Alljährlich wird auch in Ascot der beste Kopfschmuck der Damenwelt prämiert.

Der Dresscode bei Royal Ascot für Damen wurde vor einiger Zeit stark reglementiert. Miniröcke und nabelfreie Tops sind verboten, tiefe Dekolletés ebenso wie Kleider mit Spaghettiträgern. Hüte hingegen sind Pflicht.

Manche basteln sich ihre fascinators selbst, aber natürlich gibt es in London auch spezielle Geschäfte, in denen man diese Hüte kaufen bzw. anfertigen lassen kann.

Der dritte Renntag ist der Ladies‘ Day, an dem die Besucherinnen noch einmal versuchen, das schrillste und sensationellste auf ihre Hüte zu zaubern.

Der Champagner fließt an den Renntagen in Strömen. 150 000 Flaschen sollen es sein, dazu mehrere Tonnen Lachs und Erdbeeren.

In diesem Film werden einige typische Beispiele für Fascinators in Ascot gezeigt.

Das schöne Mädchen von Seite 3 – Eine Studentin aus Oxford, die Magdalen Bridge und ein verlockendes Angebot

Oxfords Magdalen Bridge.
Photo © Stephen McKay (cc-by-sa/2.0)

Es war eine alte Sitte unter Studenten, am 1. Mai eines jeden Jahres in Oxford von der Magdalen Bridge in den River Cherwell zu springen. Das sollte man allerdings nur tun, wenn der Fluss genügend Wasser führt. Im Jahr 2005 war das nicht der Fall, trotzdem sprangen einige und zehn von ihnen landeten im Krankenhaus. Eigentlich sollte man doch denken, dass die britische Elite, die hier in Oxford zum Studieren versammelt ist, einen entsprechend hohen Intelligenzquotienten hat… Im Jahr darauf wurde die Magdalen Bridge gesperrt.

Die Geschichte, die in meinem heutigen Blog im Mittelpunkt steht, ereignete sich 1995 am May Day, als eine junge Studentin vom St Hilda’s College auch an dem Brückenspringen teilnahm, „stark naked“. Wie immer waren auch an diesem Tag viele Fotografen unterwegs, die die Springer ablichteten. Wäre es bei diesem „Nacktsprung“ geblieben, hätte sich wahrscheinlich kein Mensch darüber aufgeregt, aber: Am Tag darauf erhielt die junge Dame einen Anruf von der Boulevardzeitung The Sun und das Angebot, sich für die Seite 3, wo traditionsgemäß hübsche, wenig bekleidete Frauen abgebildet sind, fotografieren zu lassen. £1000 war es der Redaktion der Zeitung wert. Die Studentin von St Hilda’s sagte zu und so wurden Fotos von ihr gemacht auf denen sie lediglich einen „mortarboard“ trug, einen Hut, der in den Colleges insbesondere von Master-Absolventen getragen wird. Das Bild erschien auf Seite 3 der Sun mit der Unterschrift „Girl from St Thrillda’s„. Das Foto sorgte für Furore, und so erhielt die junge Dame Angebote für Interviews und Werbeaufnahmen, verdiente einige tausend Pfund damit und so ging es ihr richtig gut…bis die Collegeleitung von St Hilda’s dem Treiben ein Ende setzte, weil diese der Meinung war, dass der gute Name der Lehranstalt in den Schmutz gezogen worden war. Sie musste sich formell beim Schulleiter entschuldigen und um ein Haar wäre ihr Stipendium widerrufen worden. Die Wogen glätteten sich im Laufe der Zeit, es hätte auch schlimmer für die Studentin ausgehen können.

Den Girls von St Trinian’s hätte man so eine Aktion durchaus zugetraut, aber einem Girl von St Hilda’s …

St Hilda’s College.
Photo © Roger Templeman (cc-by-sa/2.0)

Published in: on 25. Januar 2020 at 02:00  Comments (3)  

Uppies versus Downies – Ein chaotisches „Fußballspiel“ in Workington (Cumbria)

Workington Hall.
Photo © H Stamper (cc-by-sa/2.0)

Workington ist eine Stadt an der Mündung des River Derwent in der Grafschaft Cumbria im Nordwesten Englands. Hier finden jede Ostern drei chaotisch anmutende „Fußballspiele“ statt, bei denen die Uppies gegen die Downies antreten, zwei rivalisierende Stadtteile, wobei die Uppies früher überwiegend Bergarbeiter waren und die Downies am Hafen Erz in Schiffe verluden. Schon seit ewigen Zeiten wird dieses Match in Workington ausgetragen, das mit Fußball kaum etwas gemein hat, denn es gibt so gut wie keine Regeln. Das Ziel der beiden Mannschaften, die aus Hunderten von Männern bestehen können, ist es, den Ball in das gegnerische Tor zu bringen. Die beiden Tore stehen etwa 1500 Meter auseinander, so dass die Spiele durchaus viele Stunden dauern können. Das Tor der Uppies ist das Eingangstor der Workington Hall (auch Curwen Hall genannt), das der Downies eine Ankerwinde auf dem Prince of Wales Dock. Das Spiel ist beendet, sobald ein Tor gefallen ist.

Da es hier sehr ruppig zugeht (es hat sogar schon Tote gegeben) bittet die Polizei die Teilnehmer des Spiels nicht in das Stadtzentrum vorzudringen. Schaufensterscheiben sind schon zu Bruch gegangen und die Passanten haben Reißaus genommen, wenn sich dieses Menschenknäuel durch die High Street ergossen hat. Eine scharfe Grenze wie beim Fußball zwischen Spielern und Zuschauern gibt es nicht; jeder greift in das Geschehen ein, wenn ihm danach ist. Nass werden die Teilnehmer immer, entweder von oben oder wenn es sie in einen Bach treibt. Rätselhaft ist mir wie man die Uppies von den Downies unterscheiden kann. Dieser Film zeigt wie es bei dem Match von 2019 zuging.

Wer die meisten der drei Spiele gewonnen hat, ist der Sieger, und der Preis, ein Sovereign aus der Hand des Eigentümers der Curwen Hall, wird an den Spieler übergeben, der vor dem gegnerischen Tor den Ball dreimal in die Höhe wirft.

In diesem Jahr werden die Spiele am 10. April, am 14. April und am 18. April ausgetragen.

Das Prince of Wales Dock am Hafen von Workington.
Photo © Alexander P Kapp (cc-by-sa/2.0)

 

Published in: on 24. Januar 2020 at 02:00  Comments (1)  

Old Tom Parr – War er einer der ältesten Menschen, die je gelebt haben?

This work is in the public domain.

Alberbury ist ein kleines Dorf westlich von Shrewsbury in der Grafschaft Shropshire. Hier soll im Jahr 1483 Thomas Parr das Licht der Welt erblickt haben, und er sollte ein so langes Leben vor sich haben wie es wohl kaum ein anderer Mensch irgendwo auf der Welt von sich behaupten konnte. Er starb im Jahr 1635 und wurde somit 153 Jahre alt (wenn denn die Urkunden alle stimmen). Besonders viel über sein Leben ist nicht bekannt. Seine Ernährung bestand hauptsächlich aus Käse und hartem Brot, dazu trank er gern Sauermilch. Soll das das Geheimnis seines hohen Alters gewesen sein? Dann würde ich lieber halb so alt werden und dafür nettere Dinge essen und trinken.

Im Alter von 80 Jahren, also kaum der Teenagerzeit entwachsen, heiratete Tom Parr und zeugte zwei Kinder, die aber bald starben. Als er schon über hundert Jahre alt war, hatte er eine außereheliche Affäre, aus der ein Kind entstand. Als Buße für diese frevlerische Aktion musste sich Tom in ein weißes Gewand gehüllt einen Tag lang in die Dorfkirche von Wollaston stellen.

Nach dem Tod seiner Frau heiratete Tom erneut (er war mittlerweile 122 Jahre alt), aus dieser Beziehung entstanden keine Kinder mehr, wahrscheinlich war seine Frau schon zu alt, denn er selbst erfreute sich wohl noch immer einer gewissen Standfestigkeit im Bett.

Old Tom Parr, wie er damals genannt wurde, war auf Grund seines biblischen Alters im ganzen Land bekannt und 1635, als es schon langsam mit ihm zu Ende ging, stellte ihn der Earl of Arundel dem regierenden König, Charles II, vor. Tom Parr, der Zeit seines Lebens auf dem Land gelebt hatte, bekam die schlechte Londoner Luft und das Essen dort überhaupt nicht, und so starb er noch im gleichen Jahr. Charles II sorgte dafür, dass Tom Parr am 15. November 1635 in der Westminster Abbey beigesetzt wurde, was eine große Ehre war.

Peter Paul Rubens, Antoon van Dyck und einige andere Maler porträtierten Old Tom Parr. Die Londoner National Portrait Gallery besitzt eine ganze Menge dieser Porträts.

Inwieweit das Alter Tom Parrs tatsächlich stimmt, ist zweifelhaft, aber es ist auf jeden Fall eine nette Geschichte.

Das Cottage bei Wollaston in Shropshire, in dem Tomas Parr lebte, verfiel im Lauf der Jahrhunderte, es blieben nur noch einige Ruinenreste über. 1972  wurde das Grundstück aufgekauft, und das Cottage später neu erbaut (hier ist ein Film über die Eigentümerin), das man jetzt bei Jennies Cottages mieten kann.

Das alte Cottage, in dem Tom Parr wohnte.
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St John the Baptist. In dieser Kirche soll Tom Parr im Alter von 100 Jahren Buße getan haben.
Photo © John Firth (cc-by-sa/2.0)

Published in: on 9. Januar 2020 at 02:00  Comments (2)  
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