Derek Jarmans Prospect Cottage in der Romney Marsh (Kent)

Am südlichen Zipfel der Romney Marsh, einer flachen Marschlandschaft in der Grafschaft Kent, liegt Dungeness, beherrscht von den Türmen des Kernkraftwerks gleichen Namens; eine ziemlich einsame Gegend, die mich immer wieder fasziniert. Vor einigen Jahren habe ich mich mit meinem Auto in den Kieseln festgefahren, die diese Region beherrschen (freundliche Helfer haben mich da wieder herausgezogen; siehe dazu meinen Blogeintrag).

Den Filmregisseur Derek Jarman (1942-1994) zog es in den letzten Jahren seines Lebens hierher. Er kaufte sich 1986 das kleine Prospect Cottage, eine ehemalige Fischerhütte, in der Nähe des Strandes und versuchte, dort einen kleinen Garten anzulegen. Eigentlich hatte er davon keine Ahnung und auch wenig Hoffnung, dass auf dem Boden etwas gedeihen würde. Einige Freunde halfen ihm bei der Anlage; man sammelte Steine, angeschwemmtes Holz, alte Gartengeräte und bastelte damit einen ganz besonderen Garten, der von keinem Zaun umgrenzt wurde und der allmählich zu einem Gesamtkunstwerk heranwuchs. Derek Jarman lebte in Prospect Cottage bis zu seinem Tod. Danach kümmerte sich sein Freund Keith Collins um das Haus, der 2018 verstarb. Danach war das Schicksal des Hauses und des Gartens ungewiss.
Mit einer großen Kraftanstrengung in Form von Spendenaufrufen und Crowdfunding, initiiert von der Schauspielerin Tilda Swinton und anderen Künstlern, kamen Anfang April diesen Jahres in kurzer Zeit etwa £3.6 Millionen zusammen, so dass die Zukunft von Prospect Cottage gesichert ist. Die Organisation Creative Folkestone wird sich um das Haus und den Garten kümmern. Nach vorheriger Absprach wird man Prospect Cottage auch besichtigen können. Es soll aber auch als vorübergehende Residenz für Künstler, Filmschaffende und Gärtner dienen, die sich hier in der Einsamkeit der Romney Marsh für neue Werke inspirieren lassen können.

Derek Jarman veröffentlichte  zusammen mit seinem Freund, dem Fotografen Howard Sooley, ein Buch über seinen Garten mit dem Titel „Derek Jarman’s Garden„, das 1995 bei Thames & Hudson veröffentlicht wurde, eine der letzten Arbeiten des Mannes, der am 19. Februar 1994 an AIDS starb und auf dem Friedhof der St. Clements Church in Old Romney, einige Kilometer nördlich seines geliebten Gartens, beigesetzt wurde.

1990 drehte Jarman einen Film mit dem Titel „The Garden (hier ist der Trailer)“, in dem sein Garten und die Gegend um Dungeness den Hintergrund bildeten für eine Geschichte, in der die Themen Homosexualität und Christentum im Mittelpunkt stehen. Ein Film, der fast ohne Dialoge auskommt.

Ein Gedicht an der Hauswand.
Photo © Gordon Griffiths (cc-by-sa/2.0)

Derek Jarmans Grab in Old Romney (Kent).
Photo © Chris Whippet (cc-by-sa/2.0)

 

 

Die Romney Marsh – Einige Anmerkungen

Ein wolkenverhangener Tag in der Romney Marsh.   © Copyright Julian P Guffogg and licensed for reuse under this Creative Commons Licence.

Ein wolkenverhangener Tag in der Romney Marsh.
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Kommt man durch den Eurotunnel in Folkestone an, hat man nicht weit zu fahren, um zur Romney Marsh zu gelangen, jener dünn besiedelten Landschaft, die sich Kent und East Sussex teilen und die sich gern „The Fifth Continent“ nennt. Der Kleriker Richard Harris Barham (1788-1845), den man eher unter seinem Pseudonym Thomas Ingoldsby als Schriftsteller kennt, hat diesen Begriff in seinem Buch „The Ingoldsby Legend“ geprägt: „The world according to the best geographers is divided into Europe, Asia, Africa, America, and Romney Marsh„.

Diese Region bietet so einiges und es ist vor allem diese eigenartige Atmosphäre, die die Romney Marsh so interessant macht.
Der 1994 verstorbene Filmregisseur Derek Jarman hatte ganz unten auf der Dungeness Peninsula seinen berühmten Garten. Drei Martello Towers sind hier zu finden, und als eine der Attraktionen gilt die Romney, Hythe and Dymchurch Railway, eine knapp 22 Kilometer lange Schmalspurbahn, die von einer Dampflokomotive angetrieben wird und seit 1927 besteht.

Am äußersten Südende der Dungeness-Halbinsel verschandeln die Gebäude der Dungeness Nuclear Power Station das Landschaftsbild. Die Blöcke A1 und A2 wurden am 31.12. 2006 abgeschaltet und befinden sich im Rückbau, die Blöcke B1 und B2 sollen 2018 ebenfalls abgeschaltet werden, aber es wird noch sehr lange dauern, bis die letzten Reste dieser hässlichen Anlage abgetragen sind.

Interessant sind die „Sound Mirrors“ bei Greatstone-on-Sea (ich berichtete in meinem Blog darüber), die Vorgänger der Radaranlagen, die man sich ansehen kann.
In der Romney Marsh Wartime Collection in Brenzett hat man seit 1972 Ausrüstungsgegenstände aus dem Zweiten Weltkrieg zusammengetragen, sowie Fundstücke von Flugzeugabstürzen; auch eine jener Dambuster-Bomben, die Barnes Wallis entwickelt hatte (s. dazu meinen Blogeintrag), ist hier ausgestellt.

Am westlichen Rand der Romney Marsh liegt Rye, für meine Begriffe eine der hübschesten Städte ganz Englands. Ich übernachtete mehrere Male im Mermaid Inn, auch einmal in einem Zimmer, das sich Dr. Syn’s Bedroom nannte (hier nachzulesen). Jener Dr. Syn war eine Romanfigur des Schriftstellers Arthur Russell Thorndike (1885-1972), die in einigen seiner Bücher auftrat, erstmals 1915 in „Doctor Syn: A Tale of the Romney Marsh„. Er war einer der vielen Schmuggler, die sich früher in dieser Region aufhielten, denn Frankreich liegt direkt gegenüber und von dort schaffte man illegal Alkohol und Tabakwaren ins Land. Dr. Christopher Syn war der Chef einer Schmugglerbande, der sich „The Scarecrow„, also die Vogelscheuche, nannte und dem es jahrelang immer wieder gelang, die Leute vom Zoll zu überlisten, die seiner Bande ständig auf der Spur waren. Russell Thorndyke schrieb zwanzig Jahre später noch weitere sechs Dr Syn-Romane. 1963 verfilmte Walt Disney den Stoff für eine dreiteilige Fernsehserie, die sich „The Scarecrow of Romney Marsh“ nannte und die auch vor Ort gedreht wurde; hier ist ein Ausschnitt zu sehen.

In Dymchurch gedenkt man alle zwei Jahre der Romanfigur, indem man den „Day of Syn“ zelebriert, im August 2016 findet der nächste statt.

Die 17. Folge der Krimiserie „Inspector Lynley“ wurde in Dungeness gedreht: „Natural Causes“ (dt. „Wer ohne Sünde ist“). Die Episode endet mit dramatischen Szenen auf dem Old Lighthouse.
Die Produzenten des Musikvideos „Freedom“ mit der US-Rapperin Nicki Minaj suchten sich die Küstenlandschaft von Dungeness als Drehort aus; darin sind auch die Sound Mirrors zu sehen.

Die A259 Folkestone-Rye zieht sich quer durch die Romney Marsh; empfehlenswert ist der Coast Drive, der sich von Littlestone bis hinunter nach Dungeness führt.

Derek Jarmans Garten.   © Copyright Marathon and licensed for reuse under this Creative Commons Licence.

Derek Jarmans Garten.
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Romney, Hythe and Dymchurch Railway   © Copyright Kenneth Yarham and licensed for reuse under this Creative Commons Licence.

Die Romney, Hythe and Dymchurch Railway.
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Dungeness Power Station.   © Copyright Oast House Archive and licensed for reuse under this Creative Commons Licence.

Dungeness Power Station.
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Dr Syn's Guesthouse and Restaurant in Dymchurch.   © Copyright David Anstiss and licensed for reuse under this Creative Commons Licence.

Dr Syn’s Guesthouse and Restaurant in Dymchurch (Kent).
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Published in: on 10. Oktober 2015 at 02:00  Comments (4)  
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