Ship Money oder Warum drei Kommunen in Kent und Essex jedes Jahr Geld an den Bürgermeister von Sandwich abliefern (oder auch nicht)

Die Guildhall in Sandwich (Kent).
Photo © Colin Smith (cc-by-sa/2.0)

Die Cinque Ports, also die fünf Häfen, an der englischen Südküste spielten vor langer Zeit einmal eine wichtige sowohl militärische als auch wirtschaftliche Rolle. Es waren Dover, Hastings, Hythe, Romney und Sandwich; es kamen dann noch Rye und Winchelsea hinzu, so dass das Bündnis eigentlich Sept Ports heißen müsste. Gegen Ende des 14. Jahrhunderts ließ die Bedeutung der Hafenstädte nach, auch auf Grund der Tatsache, dass einige Häfen im Laufe der Zeit versandeten und dort keine Schiffe mehr anlegen konnten.

Da England ein Land ist, das sehr an Traditionen fest hält und geschichtsbewusst ist, gibt es die Cinque Ports noch immer, und der „Boss“ dieser Orte ist der Lord Warden, der seinen Amtssitz im Walmer Castle in Kent hat (ich berichtete in meinem Blog über ihn).

Jedes Jahr im Juli  spielt sich im Courtroom der Guildhall von Sandwich in Kent eine recht bizarre Zeremonie ab, bei der sich die „limbs“ einzufinden haben. Da die Cinque Ports damals verpflichtet waren, dem König Schiffe und Mannschaften zur Verfügung zu stellen, halfen die „limbs“ dabei mit; das waren Orte, die mit jeweils einer Hafenstadt assoziiert waren. Die „limbs“ von Sandwich sind heute noch Brightlingsea, das in Essex liegt, und die beiden kentischen Fordwich und Sarre. Da die drei nun keine Schiffe oder Mannschaften zur Verfügung stellen können bzw. brauchen, beteiligen sie sich mit einem finanziellen Beitrag, Ship Money genannt, der dem Stadtsäckel von Sandwich zugute kommt und den der Bürgermeister der Stadt entgegen nimmt. Dieses Ship Money belastet das Budget der drei Kommunen aber nicht allzu sehr: Der Mayor Deputy of Brightlingsea bringt zehn Shilling mit, was fünfzig Pence entspricht, der Mayor Deputy of Fordwich bezahlt drei Shilling und vier Pence, entsprechend siebzehn Pence, und der Mayor Deputy of Sarre…bringt überhaupt nichts mit und bittet um Verständnis, weil sein Dorf so klein und so arm ist, was Jahr für Jahr akzeptiert wird (siehe meinen Blogeintrag über das Cherry Brandy House in Sarre). Es geht doch nichts über Traditionen!

Fordwich Town Hall in Kent.
Photo © Colin Smith (cc-by-sa/2.0)

Brightlingsea in Essex
Author: John D. Fielding
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Gesehen in Sarre in Kent…
Author: cherryphilip
Creative Commons 2.0

Published in: on 14. November 2020 at 02:00  Kommentar verfassen  
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Sandwich in Kent – Die Abhängigkeit eines Ortes von einem Großunternehmen

Das Gateway Building im Discovery Park von Sandwich.
Photo © Richard Rogerson (cc-by-sa/2.0)

Sandwich ist eine Kleinstadt im Osten der Grafschaft Kent, ein früher strukturschwaches Gebiet, und man kann sich vorstellen wie erfreut man dort war, als der große US-amerikanische Pharmakonzern Pfizer sich 1954 entschloss, in Sandwich Produktionsanlagen und Forschungslabore zu errichten. Das brachte jede Menge Arbeitsplätze und viele Menschen zogen aus anderen Teilen Großbritanniens nach Kent. Es handelte sich auch um hoch dotierte Arbeitsplätze und davon profitierte die Geschäftswelt des Ortes, in Pubs und Restaurants wurde gefeiert, es lief alles sehr gut. In den Forschungslaboren entstanden weltweit bekannte Produkte wie Viagra, Revatio und Celsentri. In Spitzenzeiten arbeiteten 2400 Menschen im Bereich “ Research and Development“.

Dann kam 2007 der erste Schlag, als die Firma ankündigte, den Produktionsbereich in Sandwich einzustellen, was bedeutete, dass viele ihren Arbeitsplatz verloren oder in andere Regionen des Landes zogen. Der zweite Schicksalsschlag kam drei Jahre später, als Pfizer ankündigte, im Zuge globaler Umstrukturierungen, auch die Forschungsabteilungen in Sandwich stark zu reduzieren. Die Folge war, dass dem überwiegenden Teil der Belegschaft gekündigt wurde, und viele von ihnen aus Sandwich wegzogen, um anderswo Arbeit zu finden. Diese neue Situation hatte gravierende Auswirkungen auf die Kleinstadt, und so gut wie alle Geschäfte waren davon betroffen.

Es dauerte einige Jahre bis sich Sandwich von dem Pfizer-Rückzug erholen konnte. Das Firmenareal wurde erweitert, und es entstand der Discovery Park, ein riesiger „science park“, in dem sich zahlreiche Firmen niedergelassen haben, auch Pfizer ist noch mit einer Forschungseinrichtung vertreten. Mittlerweile geht es dem hübschen Ort in Kent wieder gut, und es bleibt zu hoffen, dass der Discovery Park auch weiterhin blühen und gedeihen wird.

Die High Street von Sandwich.
Photo © Cameraman (cc-by-sa/2.0)

Published in: on 28. April 2020 at 02:00  Comments (3)  
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