Mein Buchtipp – Sarah Freeman: Beside the Sea – Britain’s Lost Seaside Heritage

Foto meines Exemplares.

In dem Londoner Verlag Aurum Press erschien vor einigen Jahren ein wunderschönes, großformatiges Buch von Sarah Freeman, in dem sie sich mit dem Niedergang der britischen Seebäder beschäftigt: „Beside the Sea – Britain’s Lost Seaside Heritage“ (über das Thema habe ich in meinem Blog schon einmal geschrieben).
Die Autorin erzählt darin von der Blütezeit dieser Orte, als die Menschen scharenweise in den Ferien oder an den Wochenenden aus den Industrieregionen bzw. aus den Großstädten ans Meer strömten, um dort frische Seeluft zu atmen und sich zu vergnügen. In Blackpool, Morecambe, Margate, Hastings, Southport, Scarborough und in vielen anderen Küstenstädten baute man Schwimmbäder, Freizeitparks und Ball Rooms, das Baden im Meer spielte nicht die erste Rolle. Die Menschen wollten sich lieber Vergnügen, tanzen, bei Schönheitswettbewerben zusehen, die Kinder auf Eseln am Strand reiten und bei Punch and Judy-Shows in Begeisterung geraten. Bei schönem Wetter saßen die Besucher zu Tausenden dicht aneinander gedrängt im Sand, aber das schien niemanden zu stören.

Sarah Freeman hat in ihrem Buch viele Bilder zusammengestellt, die dieses muntere Strandleben abbilden. Männer sind darauf erstaunlicherweise häufig im Anzug mit Krawatte zu sehen, auf einem der Fotos spielt ein kleiner Junge, mit kurzen Hosen und ebenfalls mit Jackett und einer Krawatte bekleidet, mit anderen Kindern im Sand. Die Kleiderordnung war früher in britischen Seebädern schon merkwürdig.
Dieser Film zeigt das Strandleben von Blackpool in den 1950er Jahren.

Die Buchautorin schildert in den einzelnen Kapiteln wie es jeweils in den Seebädern zum Niedergang kam. Es waren letztendlich immer die selben Gründe wie das Aufkommen von Billigflügen nach Südeuropa, wo das Wetter in der Regel besser war. Schade, dass viele der historischen Seebädergebäude abgerissen worden sind.

Ich kann das Buch sehr empfehlen; es steckt viel Nostalgie darin, und es macht einfach Vergnügen, sich die vielen Fotos anzusehen.

Sarah Freeman: Beside the Sea – Britain’s Lost Seaside Heritage. Aurum Press 2015. 190 Seiten. ISBN 978-1-78131-305-3.

 

 

Published in: on 5. Juni 2019 at 02:00  Kommentar verfassen  
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Skegness, Blackpool und Clacton-on-Sea – Über den Niedergang der englischen Seebäder

Der Jolly Fisherman in Skegness erinnert an bessere Zeiten.    © Copyright Steve Daniels and   licensed for reuse under this Creative Commons Licence.

Der Jolly Fisherman in Skegness erinnert an bessere Zeiten.
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Vielen englischen Seebädern geht es nicht gut. Die Gästezahlen schrumpfen seit Jahren, als Folge haben die Leerstände zugenommen, kleine Läden, Pubs, Pensionen und Hotels sind mit Brettern zugenagelt, was die Attraktivität der Orte nicht gerade erhöht. Die Folge: Es kommen noch weniger Gäste; es ist schwer, diese Abwärtsspirale aufzuhalten. Im letzten Jahr veröffentlichte das Centre for Social Justice eine Studie mit dem Titel „Turning the Tide„, in der man versuchte herauszubekommen, welche Ursachen für den Niedergang der Seebäder verantwortlich sind. Da sind die Billigflieger, die die britischen Urlauber für ein paar Pfund Sterling an die südeuropäischen Strände bringen, wo das Wetter beinahe garantiert besser ist als in Skegness oder in Cleethorpes. Früher brachten die aufkommenden Eisenbahnen einen Boom der „seaside areas“, jetzt ist es ein anderes Transportmittel, die Flugzeuge von Easyjet oder Ryanair, die die Urlauber aus den heimatlichen Seebädern fernhalten. Britische Pubs mit britischem Bier gibt es an den Stränden Mallorcas oder anderswo sowieso in Hülle und Fülle, also warum an die kühle Ost- oder Westküste fahren; das Schwimmen ist hier auch kein besonderes Vergnügen. Also gehen viele auf Nummer sicher und buchen einen Auslandsurlaub. Auch die in England so beliebten Hen- und Stagparties, die vorzugsweise an der See „zelebriert“ wurden, finden jetzt eher in den baltischen Staaten oder in Prag statt, wo man mit attraktiven Angeboten lockt.

Der Immobilienmarkt geht in den betroffenen Regionen natürlich auch den Bach herunter; die leerstehenden Häuser sind kaum mehr an den Mann bzw. an die Frau zu bringen. Dafür ist in in den letzten Jahren eine neue Entwicklung eingetreten: Die ehemaligen Pensionen und kleinen Hotels werden für die Unterbringung von bedürftigen Familien verwendet, die in London oder anderen Großstädten von den Sozialämtern auf Grund der Entwicklung der Grundstückspreise und Mieten nicht mehr versorgt werden können. Man spricht von vielen Seebädern schon als „dumping ground for the poor“ und wo schon einmal arme Menschen wohnen, kommen noch mehr arme Menschen hin. Die Nebenwirkungen sind Alkoholismus, Drogenkonsum und Teenager-Schwangerschaften. In der „Turning the Tide“-Studie fand man heraus, dass z.B. 41% der Bevölkerung von Clacton-on-Sea in Essex keinerlei Ausbildungsabschluss und dass Blackpool die höchste Quote an Heimkindern von ganz England hat.

Das Office for National Statistics hat ein Negativ-Ranking veröffentlicht, in dem die Seebäder aufgelistet sind, denen es am schlechtesten geht. Da steht auf Platz 1 Skegness in Lincolnshire, dessen berühmtes Maskottchen „The Jolly Fisherman“ einst für hohe Gästezahlen sorgte (ich berichtete in meinem Blog darüber).
Auf Platz 2 findet man Blackpool an der Westküste, früher einmal ein Dorado für Urlauber aus den Industriestädten der Midlands, wo man sich in zahllosen Amusement Arcades verlustieren konnte. Diese Vergnügungshallen gibt es noch immer, aber es sind immer weniger Besucher da, die sie auch benutzen.
Der 3. Platz wird von dem schon erwähnten Clacton-on-Sea eingenommen, Platz 4 von Hastings an der Südküste und Platz 5 von Ramsgate in Kent.

Doch es gibt auch Seebäder, die diese Probleme nicht haben, z.B. Brighton, wo immer jede Menge los ist oder Whitby an der Küste Yorkshires, das sehr erfindungsreich ist und wo man u.a. von Dracula, Ghost Walks und Goth Weekends profitiert. Vielleicht müsste man einfach in den Seebädern neue Marketingideen entwickeln, um die Touristen wieder zurückzuholen, denn schöne Strände gibt es hier allemal.

Morrisseys Song und Video Everyday is Like Sunday“ („This is the coastal town that they forgot to close down – Armageddon – come Armageddon!“) gibt die Atmosphäre eines „doomed seaside resorts“ wieder. Gedreht wurde das Musikvideo in Southend-on-Sea (Essex), auch ein Ort, der mit Problemen zu kämpfen hat.

Eselreiten in Blackpool.    © Copyright Gerald England and   licensed for reuse under this Creative Commons Licence.

Eselreiten in Blackpool.
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Happy "London-by-the-sea": Brighton. Eigenes Foto.

Happy „London-by-the-sea“: Brighton.
Eigenes Foto.

Published in: on 5. September 2014 at 02:00  Comments (3)  
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