Ellen Sadler – The Sleeping Girl of Turville

Das Sleepy Cottage.
Photo © Jeremy Bolwell (cc-by-sa/2.0)

Eigentlich gibt es in dem winzigen Dorf Turville in den Chilterns in Buckinghamshire nicht viel zu sehen, trotzdem wird es immer mal wieder von Film- und TV-Produktionsfirmen aufgesucht, um hier Dreharbeiten vorzunehmen. Ich schrieb bereits mehrere Male in meinem Blog über meine Besuche in dem hübschen Dörfchen. Es ist einfach nett anzusehen mit seinen Cottages, der Kirche St Mary the Virgin und dem Pub The Bull and Butcher, der immer noch ein wenig von den „Inspector Barnaby„-Dreharbeiten zehrt, die allerdings schon eine ganze Zeit zurückliegen.

Erst im November letzten Jahres stattete ich Turville erneut einen Besuch ab. Direkt neben dem Türchen des Eingangs zum Kirchvorplatz steht ein Haus, das heute den Namen Sleepy Cottage trägt, das in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts für einige Jahre im Mittelpunkt des Interesses für viele Menschen stand. Hier wohnten Ann und William Sadler mit einer ganzen Heerschar von Kindern, deren jüngstes Ellen hieß. Sie wurde am 15. Mai 1859 geboren und führte ein mehr oder wenig normales Leben in einer Familie mit sehr wenig Geld. Am 29. März  1871 ging Ellen abends zu Bett… und wachte erst knapp zehn Jahre später wieder auf. Das elfjährige Mädchen war in einen Dornröschenschlaf gefallen und niemand wusste warum. Ellen hatte vorher schon erhebliche Probleme mit ihrer Gesundheit gehabt, litt unter Bewusstseinsstörungen und war wochenlang in einem Krankenhaus in Reading untergebracht; aber auch dort fand man für das kranke Mädchen keine Lösung.

Ja, da lag Ellen nun in dem Haus in der School Lane und schlief und schlief. Schnell verbreitete sich die Geschichte von dem Dornröschenschlaf-Mädchen in Turville im ganzen Land und es zog neben Journalisten und Medizinern auch neugierige Menschen an, die einmal einen Blick auf Ellen werfen wollten (auch der zukünftige König Edward VII. soll auf einen Sprung vorbeigekommen sein). Das Mädchen brachte ihrer Familie zum Beispiel durch Spenden einiges an Geld ein, so keimte allmählich der Verdacht im Dorf auf, dass Ellen gar nicht in einem Tiefschlaf lag, sondern ihre Geschichte nur dazu diente, um Geld einzunehmen. Das Kind lebte übrigens von einer Art Zwangsernährung, die zum Beispiel aus Milch und Portwein bestand.

Im Mai 1880 starb Ellens Mutter, so stellte sich die Frage, wer sich um Ellen kümmern sollte, was dann zwei ihrer Schwestern übernahmen, die auch in Turville wohnten. Und dann geschah es: Am Neujahrstag 1880 schlug Ellen wieder die Augen auf und war erwacht. Sie konnte sich an nichts in den vergangenen Jahren erinnern und musste sich nach und nach wieder in ihr neues Leben eingewöhnen, denn sie war ja auf dem Stand eines elfjährigen Mädchens stehen geblieben.
Einige Jahre später heiratete Ellen einen Farmer aus Reading und zog von Turville fort. Was genau die Ursache des langen Schlafs gewesen sein mag, hat man nie herausgefunden; der Verdacht eines Schwindels ist auch nie ausgeräumt worden.

Das jetzt Sleepy Cottage genannte Haus ist häufig in der TV-Comedy-Serie „The Vicar of Dibley“ zu sehen, die in Turville gedreht wurde. Auch in dem Spielfilm „Goodnight, Mr. Tom“ mit John Thaw spielt das Haus eine Rolle.

School Lane, rechts das Sleepy Cottage.
Photo © David Howard (cc-by-sa/2.0)

 

Published in: on 28. Dezember 2020 at 02:00  Comments (1)  
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The Bull and Butcher in Turville (Buckinghamshire) – Ein Pub und ein Familiendrama

The Bull and Burcher in Turville (Buckinghamshire). Eigenes Foto.

The Bull and Butcher in Turville (Buckinghamshire).
Eigenes Foto.

In meinem Blogeintrag über Turville in Buckinghamshire erwähnte ich den Dorfpub The Bull and Butcher schon einmal in Zusammenhang mit der Inspector Barnaby-Krimiserie. Wir sind hier mitten im Midsomer County; mehrere Episoden wurden schon in Turville gedreht, wobei in Folge 34 „The Straw Woman“ (dt. „Brennen sollst du!“) am meisten vom Ort zu sehen ist.

The Bull and Butcher steht gleich am Eingang des Ortes neben der Kirche St Mary the Virgin am Holloway Lane, der Hauptstraße des Dorfes, das man bedenkenlos zu den schönsten Buckinghamshires zählen darf. Ich parkte direkt am Pub und machte mich auf eine Besichtigungstour durch Turville, die allerdings nicht sehr lange dauerte, da der Ort recht klein ist.

Das Gebäude steht hier schon seit der Mitte des 16. Jahrhunderts, wurde aber „erst“ 1617 zum Pub. Der Name hat weder mit einem Bullen noch mit einem Schlachter zu tun, sondern leitet sich von Anne Boleyn ab, deren Name damals auch als Anne Bullen wiedergegeben wurde. Und der „Butcher“ war niemand anderes als ihr lieber Ehemann, Heinrich VIII, der sie schlachten, pardon hinrichten ließ.

Einer der Gastwirte, ein gewisser Lacey Beckett, der den Pub über 40 Jahre lang geführt hatte, wurde während des Zweiten Weltkriegs über die Grenzen Turvilles hinaus bekannt, als er 1942 seine Frau und seinen Hund im Schlafzimmer im ersten Stock erschoss, dann in den Obstgarten hinunterging, dort wo sich heute der Parkplatz des Pubs befindet, und sich dort selbst eine Kugel in den Kopf schoss. Warum er das tat, darüber konnten nur Vermutungen angestellt werden. Es hieß, dass er mit der Mehrarbeit nicht klar kam, die er leisten musste, denn während des Krieges war der Pub gleichzeitig auch Dorfladen. Auch von einem Gehirntumor war die Rede, die ihn zu der Tat veranlasst haben könnte. Eine Affäre von Mrs Beckett mit dem Dorfschmied wäre auch ein möglicher Grund, warum Lacey Beckett zur Waffe griff. Wir werden die wahren Beweggründe wohl nie erfahren.

So richtig konnte sich der selbstmörderische Gastwirt aber nicht vom Bull and Butcher trennen, denn es heißt, sein Geist wird hin und wieder im Pub gesichtet, vor allem auf seinem Lieblingsplatz, einer Sitzbank neben dem Kamin im Gastraum.

The Bull and Butcher gehört zur Gruppe der Brakspear Pubs, die der Brauerei gleichen Namens gehört, die einst ihr Bier in Henley-on-Thames herstellte; die Produktionsstätten dort sind allerdings aufgegeben worden, aber der Firmensitz ist noch immer in der Bell Street zu finden.

The Bull and Butcher
Turville
Henley on Thames
RG9 6QU

   © Copyright Colin Smith and licensed for reuse under this Creative Commons Licence.

Creative Commons Licence [Some Rights Reserved]   © Copyright Colin Smith and
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Eigenes Foto.

Neben dem Pub die Dorfkirche St Mary the Virgin.
Eigenes Foto.

Turville (Buckinghamshire) – Ein Bilderbuchdorf, das in vielen Filmen eine Rolle spielt

Wie auf obiger Karte zu sehen, liegt das Dörfchen Turville in Buckinghamshire nicht weit von Henley-on-Thames und der M 40 und damit nur einen Katzensprung von London entfernt. Die großen Filmstudios liegen alle im Londoner Westen und somit eignet sich Turville, wenn Filmproduzenten ein idyllisches Dorf für ihre Dreharbeiten brauchen, hervorragend, obwohl es in der Umgebung noch viele weitere „picture-perfect villages“ gibt.

In Turville gibt es alles, was man für einen Film braucht, z.B. eine uralte Kirche, St. Mary the Virgin, wo die Außenaufnahmen der beliebten BBC-Serie „The Vicar of Dibley“ (1994 – 2007) mit Dawn French in der Hauptrolle gedreht wurden.

Der Pub des Dorfes heißt „The Bull and Butcher“ und ist ebenfalls in vielen Filmen zu sehen, so z.B. in der Folge „Murder on St. Malley’s Day“ aus der Krimiserie „Midsomer Murders“ (in Deutschland „Inspector Barnaby“), nur wird er darin „The Chalk and Gown“ genannt. Auch die Folge „The Straw Woman“ wurde in Turville gedreht.

Teile der Dreharbeiten des Coming-of-Age-Dramas „An Education“ (2009) mit Carey Mulligan in der Hauptrolle wurden hier vorgenommen, ebenso wie die Außenaufnahmen von „Goodnight Mr. Tom“ (1998) mit dem unvergessenen John „Inspector Morse“ Thaw.

Die oberhalb von Turville gelegene Cobstone Windmill war Schauplatz einiger Szenen des 1968 gedrehten Films „Chitty Chitty Bang Bangmit Dick Van Dyke. Einige Jahre später wurde die Windmühle von der britischen Schauspielerin Hayley Mills gekauft und umgebaut.
Patrick McNee, alias John Steed, den wir noch alle aus „Mit Schirm, Charme und Melone“ kennen, hatte hier an der Cobstone Windmill einmal eine Kampfszene in der Nachfolge-Serie „The New Avengers“ (Episode „House of Cards„, 1976).

Kehren wir noch einmal zum Pub „The Bull and Butcher“ zurück. In diesem gemütlichen Haus gibt es schon einmal einen Midsomer Burger, einen Dibley Pudding oder ein Chitty Chitty Bangers & Mash zu essen.

Die Hauptstraße von Turville. Eigenes Foto.

Die Hauptstraße von Turville.
Eigenes Foto.

The Bull and Butcher. Eigenes Foto.

The Bull and Butcher.
Eigenes Foto.

Die Windmühle oberhalb von Turville. Eigenes Foto.

Die Windmühle oberhalb von Turville.
Eigenes Foto.