Phyllis, Ada und ihre anderen TBM-Schwestern

Crossrail-Baustelle in Marylebone.
Photo © Stephen Richards (cc-by-sa/2.0)

Phyllis und Ada wurden in der kleinen baden-württembergischen Gemeinde Schwanau bei der Firma Herrenknecht AG konzipiert und in London zum Einsatz gebracht, wo sie schwer schuften mussten und das 24 Stunden pro Tag. Die Rede ist von zwei TBMs, das sind Tunnelbohrmaschinen oder tunnel-boring machines wie es in England heißt. Eingesetzt wurden sie beim Bau der Crossrail, jenem Großprojekt, das die Millionenstadt von Ost nach West unterirdisch durchqueren soll und das ab ihrer Fertigstellung den Namen Elizabeth Line annehmen wird.

Die beiden TBMs sind richtige Schwergewichte; Phyllis und Ada wiegen 1000 Tonnen, sind 150 Meter lang und haben einen Durchmesser von über sieben Metern. Eine Besatzung von zwanzig Arbeitern waren in und an den Maschinen in jeweils 12-Stunden-Schichten an sieben Tagen in der Woche beschäftigt, dabei schaffte jede TBM etwa 100 Meter in der Woche.

Doch möchte ich in meinem Beitrag speziell auf die Namen der TBMs eingehen. Es ist weltweit im Tunnelbau üblich, die Bohrmaschinen mit weiblichen Namen zu versehen, bevor es richtig losgeht, denn das soll Glück bringen, und so war es auch in London.

Phyllis und Ada wurden nach Phyllis Pearsall und Ada Lovelace benannt. Über Phyllis habe ich in meinem Blog geschrieben als Gründerin des Stadtplans „London A-Z“, Ada Lovelace war die Tochter des berühmten Dichters Lord Byron, Mathematikerin und Pionierin der Computersprachen. Die zwei Bohrmaschinen waren für die Strecke Royal Oak – Farringdon verantwortlich.

Die beiden TBMs hatten sechs weitere Schwestern, die an ihrer Seite die schweren Tunnelbauarbeiten in London vornahmen, als da sind:

Victoria und Elizabeth bauten die Strecke Limmo Peninsula – Farringdon und wurden nach den beiden Königinnen benannt.

Sophia und Mary setzte man auf der Teilstrecke Plumstead Portal – North Woolwich ein. Hierbei handelt es sich um die Vornamen der Frauen der beiden berühmten Ingenieure Isambard Kingdom Brunel und Marc Isambard Brunel.

Jessica und Ellie wurden beide zweimal eingesetzt, auf den Streckenabschnitten Pudding Mill Lane – Stepney Green und Limmo Peninsula – Victoria Dock Portal. Namensgeber waren die beiden Sportlerinnen Jessica Ennis-Hill, Mehrkämpferin und Goldmedaillen-Gewinnerin bei den Olympischen Spielen 2012 in London, und Ellie Simmonds, die bei den London Paralympics 2012 zwei Goldmedaillen im Schwimmen gewann.

Dieser Film zeigt wie die TBMs eingesetzt werden.

Phyllis und Ada haben nach dem erfolgreichem Abschluss ihrer Arbeiten nie wieder das Tageslicht erblickt. Es war kostengünstiger, sie einfach unter den Straßen Londons zu belassen. So liegen die beiden Schwestern jetzt nebeneinander unter dem Charterhouse Square bei der Farringdon Station, im Stadtteil Clerkenwell.

Hier, unter dem Charterhouse Square, liegen Phyllis und Ada begraben.
Photo © Alan Murray-Rust (cc-by-sa/2.0)

 

Published in: on 28. Juni 2017 at 02:00  Schreibe einen Kommentar  
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Der Mock Mayor von Woodstock (Oxfordshire) – Eine Tradition aus dem Jahr 1786

Hier in der Town Hall residiert die richtige Bürgermeisterin von Woodstock, Jill Dunsmore.   © Copyright P L Chadwick and licensed for reuse under this Creative Commons Licence.

Hier in der Town Hall residiert die richtige Bürgermeisterin von Woodstock, Patricia Redpath.
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Woodstock im US-Bundesstaat New Hampshire habe ich als eine der englischsten Kleinstädte im Nordosten der USA in Erinnerung. Ihr Namensvetter in Oxfordshire ist allen bekannt, die schon einmal den berühmten Blenheim Palace besucht haben, denn die Zufahrt zu diesem Stately Home führt über Woodstock, ein hübscher Ort, 13 km nördlich von Oxford.

Hier spielt sich alljährlich eine Zeremonie ab, die bis auf das Jahr 1786 zurückgeht und mit einigen Unterbrechungen bis heute durchgeführt wird: Die Wahl und „Inthronisierung“ des Mock Mayors. Dies ist ein „Scheinbürgermeister“, der neben dem richtigen Bürgermeister existiert.

Wie kam es dazu? Old Woodstock gehörte früher einmal zur Gemeinde Wooton, während der Nachbar New Woodstock eine eigene Gemeinde bildete, die schnell wuchs, ein schönes Rathaus baute und eine Bedeutung erlangte, die  Old Woodstock ein Dorn im Auge war. So versuchte man die Nachbargemeinde etwas zu verspotten, indem man einen Mock Mayor wählte.

Auch heute noch tritt Woodstocks Mock Mayor in einer Robe auf, mit einer Bürgermeisterkette, einem Stab und einem Zylinder. Nach und nach werden die alten Bekleidungsstücke früherer Mock Mayors durch neue ersetzt, weil diese mittlerweile zu empfindlich geworden und im County Museum besser aufgehoben sind.

Den Höhepunkt der Zeremonie bildet das Eintauchen in den River Glyme, der Old und New Woodstock voneinander trennt; nachdem man das Flüsschen durchquert hat, macht sich der Mock Mayor und seine ganze Entourage auf den Weg zum Pub The Black Prince in der Manor Road, wo dann so manches Pint zu sich genommen wird.

Mock Mayors gibt es auch noch in anderen englischen Städten, so z.B. in Penzance, Polperro und Helston in Cornwall.

Der River Glyme bei Old Woodstock.
Photo © Jaggery (cc-by-sa/2.0)

The Black Prince.
Photo © Jaggery (cc-by-sa/2.0).

Published in: on 25. Juni 2017 at 02:00  Schreibe einen Kommentar  
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St Bartholomew-the-Great – Londons älteste Kirche, Witwen und Hot Cross Buns

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Mitten in der City of London, in West Smithfield, steht die älteste Kirche der Stadt, die dem heiligen Bartholomäus gewidmet ist: St Bartholomew-the-Great, 1123 gegründet. Filmfans haben die Kirche sicher schon einmal gesehen, beispielsweise in „Four Weddings and a Funeral“, „Shakespeare in Love“ oder „The Other Boleyn Girl“. Der Kirchengründer, ein Priester namens Rahere, soll hier hin und wieder als Geist spuken, und ein nach ihm benannter Chor, die Rahere Singers, sind bei manchen Gottesdiensten zu hören.

Ich möchte an dieser Stelle aber näher auf einen Brauch eingehen, der an jedem Karfreitag auf dem Kirchhof von St. Bartholomew-the-Great wiederbelebt wird. Ursprünglich hieß diese alte Tradition „Widow’s Sixpence„, die 1887 von von Joshua Butterworth als „The Butterworth Charity“ wieder ins Leben gerufen wurde. An diesem Tag legte man 21 Sixpence-Münzen auf einen Grabstein und 21 arme Witwen durften sich jeweils eine Münze nehmen, anschließend bekamen sie noch ein Hot Cross Bun, das sind kleine süße Brötchen, die mit einem Kreuz verziert sind, in Erinnerung an die Kreuzigung Jesu. Der Brauch mit den Münzen und den armen Witwen hat sich von selbst erledigt, denn hier in der City of London bedürftige Witwen zu finden, ist wohl kaum mehr möglich. Trotzdem fragt der diensthabende Pfarrer immer noch traditionsgemäß seine Gemeinde, ob denn „poor widows“ anwesend seien und in der Regel heben sich da keine Hände (allerdings hat sich vor vier Jahren eine Dame gemeldet).

Also hat man wenigstens an den Hot Cross Buns festgehalten, die nach wie vor am Karfreitag verteilt und von der Cateringfirma Chester Boyd frisch angeliefert werden. Die Körbe mit den heißen Brötchen werden herumgereicht und alle Anwesenden dürfen sich bedienen. Hier sind einige Bilder aus dem Jahr 2014.

Wie man Hot Cross Buns herstellt, zeigt dieser Film.

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Auf dem Kirchhof von St Bartholomew-the-Great werden die Hot Cross Buns am Karfreitag verteilt.
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Hot Cross Buns.
Dieses Bild ist gemeinfrei.

 

The Rye Mayor Making und The Throwing of Hot Pennies

Rye Town Hall.
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Rye in East Sussex ist einer meiner Lieblingsorte in England (s. dazu meinen Blogeintrag) und The Mermaid in der Mermaid Street eines meiner Lieblingshotels. Diese hübsche beschauliche Kleinstadt ist jedes Jahr im Mai Schauplatz des sogenannten Mayor Making, das heißt, dann wird der jeweilige neue Bürgermeister „inthronisiert“ und das mit einem großen Spektakel. Die Tradition ist schon über 700 Jahre alt und man ist stolz darauf in Rye. Neben dem Bürgermeister werden auch der Clerk und der Sergeant in ihre Ämter eingeführt. Alle drei leisten ihren Treueschwur auf die Königin, auf die Stadt Rye und auf die Bewohner der Stadt. Natürlich tut man das nicht im Straßenanzug, sondern „in voller Montur“, also in historischen Kostümen, wobei auch die Zepter der Stadt zum Einsatz kommen.

In diesem Jahr fand die Zeremonie am 1. Mai statt, mit einem Gottesdienst in der St Mary’s Church und dem anschließenden Throwing of Hot Pennies, wobei der neue Bürgermeister von der Town Hall angewärmte Pennymünzen hinunterwirft, die dann von Kindern aufgesammelt werden. So ganz klar ist nicht, wo diese Tradition ihren Ursprung hat. Zwei mögliche Erklärungen: Früher war der Bürgermeister von Rye auch gleichzeitig Parlamentsmitglied, und so versuchte er durch die Münzen seine potentiellen Wähler zu bestechen/beeinflussen. Die andere Erklärung: Rye hatte einmal eine eigene Münzprägeanstalt, und als eines Tages die Pennies in der Stadt knapp wurden, lieferte sie man von dort so schnell, dass sie noch heiß waren.

Hier sind einige Bilder von der Mayor Making Ceremony aus dem Jahr 2014.

St Mary’s.
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Hier scheint die Zeit stehengeblieben zu sein: The Mermaid Street mit dem Mermaid Hotel.
Eigenes Foto.

Published in: on 9. Mai 2017 at 02:00  Comments (3)  
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The Blessing of the Sea in Hastings (East Sussex)

Die Hastings Lifeboat Station.
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An The Stade in der Old Town von Hastings in East Sussex ist die Lifeboat Station untergebracht, die von der RNLI, der Royal National Lifeboat Institution, betrieben wird, der britischen Seenotrettungsorganisation, etwa vergleichbar mit der deutschen DLRG. Hier ist das Seenotrettungsboot Sealink Endeavour stationiert, das seit 1989 in Hastings seinen Dienst versieht und dessen Mannschaft schon einige Menschenleben gerettet hat.

Jedes Jahr im Mai oder Juni wird seit über hundert Jahren an der Lifeboat Station in Hastings eine alte Tradition fortgeführt, die The Blessing of the Sea heißt. Bei diesem speziellen Gottesdienst werden die Rettungsboote, die Fischfangflotte der Stadt und alle anderen hier stationierten Schiffe gesegnet sowie an die auf dem Meer ums Leben gekommenen Seeleute gedacht. Vom Heck des Seenotkreuzers Sealink Endeavour wird der Segen ausgesprochen, im vorigen Jahr durch den Vikar der St. Clement’s Church. Die musikalische Begleitung des Gottesdienstes besorgt die Blasmusikkapelle Sussex Brass, die Kirchenlieder, auf die Seefahrt bezogene Lieder und natürlich „Sussex by the Sea“ spielt, die inoffizielle Hymne der Grafschaften East und West Sussex (siehe dazu meinen Blogeintrag).

The Blessing of the Sea war einmal weit verbreitet, auch außerhalb Großbritanniens, und wird heute noch zum Beispiel in Ramsgate (Kent) und Portloe (Cornwall) vorgenommen.

Die Sealink Endeavour.
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Published in: on 27. April 2017 at 02:00  Schreibe einen Kommentar  
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Der Abbots Bromley Horn Dance – Eine uralte Tradition in Staffordshire

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Manche Traditionen halten sich in England über viele Jahrhunderte, so z.B. der Horn Dance, der erstmals im Jahr 1226 in Abbots Bromley in der Grafschaft Staffordshire aufgeführt wurde.

Jeweils im September am sogenannten „Wakes Monday“ (das ist der erste Montag, der dem der ersten Sonntag nach dem 4. September folgt) findet der Horn Dance statt, bei dem Männer mit Geweihen auf dem Kopf eine Strecke von etwa 16 Kilometer zurücklegen. Der nächste Horn Dance findet am 11. September 2017 statt, zu dem wieder Besucher aus der ganzen Welt in das Staffordshire-Städtchen kommen werden, um die Tänzer (6 Deer-men,  Fool, Hobby Horse, Bowman und Maid Marian) auf ihrem Weg zu begleiten.

Die Geweihe, die über 1000 Jahre alt sein sollen, werden morgens aus der St Nicholas Church geholt, und der Tanz beginnt auf dem Village Green von Abbots Bromley; dann geht es weiter bis zur Blithfield Hall, die auf der anderen Seite des Blithfield Reservoirs liegt, und wieder zurück in den „Heimathafen“, wo die Geweihe um 20.15 Uhr in die Kirche zurückgebracht werden. Ein anstrengender Tag, der wohl nur mit der freundlichen (flüssigen) Unterstützung einiger Pubs wie The Goat’s Head,  The Crown Inn oder The Coach and Horses einigermaßen zu überstehen ist, vor denen jeweils Station gemacht wird.

Dieser Film zeigt den Einmarsch der Tänzer in Blithfield Hall.

Hier in der St Nicholas Church werden die Geweihe das Jahr über aufbewahrt.   © Copyright Peter Turner and licensed for reuse under this Creative Commons Licence.

Hier in der St Nicholas Church werden die Geweihe das Jahr über aufbewahrt.
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Eine Tafel am The Goat's Head, die über den Horn Dance informiert.   © Copyright Michael Garlick and licensed for reuse under this Creative Commons Licence.

Eine Tafel am The Goat’s Head, die über den Horn Dance informiert.
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Die Auffahrt zur Blithfield Hall, dem Endpunkt des Abbots Bromley Horn Dance.    © Copyright John Salmon and   licensed for reuse under this Creative Commons Licence.

Die Auffahrt zur Blithfield Hall, dem Endpunkt des Abbots Bromley Horn Dance.
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Published in: on 2. Februar 2017 at 02:00  Schreibe einen Kommentar  
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Die Britannia Coco-Nut Dancers aus Bacup in Lancashire

Bacup ist eine Kleinstadt in Lancashire im Rossendale Distrikt zwischen Rochdale und Burnley. Dort findet an jedem Ostersamstag ein traditioneller Tanz statt, der Boundary Dance, bei dem die Britannia Coco-Nut Dancers morgens um 9 Uhr vom ehemaligen Travellers Rest Pub an der A671 aus, begleitet von der Stacksteads Silver Band,  von einem Ende des Ortes bis zum anderen Ende tanzen. Hier ist ein Film aus dem Jahr 2015.

Die Männer sind in weiß-rote Röcke und schwarze Oberteile gekleidet und präsentieren auf dem Zug durch den Ort sieben sogenannte Garland- und Nut-Dances; dabei sind ihre Gesichter schwarz bemalt, was möglicherweise an die Bergwerkstradition in dieser Region erinnert. Es gibt auch eine andere Version; und zwar kamen Nordafrikaner, die sich im 17. Jahrhundert in Cornwall als Bergmänner verdingten, später nach Lancashire, um sich auch hier ihren Lebensunterhalt unter Tage zu verdienen…und diese Männer waren schwarz. Der Name der Tanzgruppe kommt von der ehemaligen Mine Britannia.

Die Britannia Coco-Nut Dancers, eine Unterabteilung der berühmt-berüchtigten Morris Dancers, sind schon überall in England aufgetreten, auch in der ehrwürdigen Royal Albert Hall. Weitere Auftrittsorte waren u.a. das Todmorden Folk Festival und die Saddleworth Rushcart, also überwiegend im Norden des Landes.

In den letzten Jahren bekamen die „Nutters“ einige Probleme, so wurde ihnen wegen ihrer schwarzen Gesichter ein gewisser Rassismus unterstellt, den sie aber empört zurückwiesen (ich weiß nicht wie lange die schwarze Schminke hält, wenn es zu Regenfällen kommt, die es ja in Bacup durchaus geben kann), außerdem stand das österliche Happening kurz vor dem Aus, weil die Behörden Sicherheitsbedenken hatten, da die Zuschauer auf den Straßen standen und es da hätte zu Unfällen kommen können. Aber man einigte sich und so werden die Britannia Coco-Nut Dancer auch im nächsten Jahr wieder ihre Marathontänze durch Bacup vollziehen können.

Der Startpunkt des Boundary Dance: The Old Travellers Rest, ein ehemaliger Pub.   © Copyright John Darch and licensed for reuse under this Creative Commons Licence.

Der Startpunkt des Boundary Dance: The Old Travellers Rest, ein ehemaliger Pub.
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Published in: on 11. September 2016 at 02:00  Comments (2)  
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Hunting the Earl of Rone – Ein mehrtägiges Spektakel in Combe Martin (Devon)

Der Earl of Rone. Author: Andy Kyte. Creative Commons 2.0.

Der Earl of Rone.
Author: Andy Kyte.
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Vor einigen Jahren habe ich in meinem Blog schon einmal den sehenswerten Pack o‘ Cards Inn in Combe Martin im Norden Devons vorgestellt, der wie ein Kartenspiel gestaltet worden ist. In diesem Küstenort  spielt sich jedes Jahr Ende Mai während des Bank Holiday-Wochenendes ein kurioses, merkwürdiges Spektakel ab, das Hunting the Earl of Rone heißt; in diesem Jahr vom 27. bis zum 31. Mai.

Bei dem Earl of Rone, der da gejagt wird, handelt es sich um Hugh O’Neill, Earl of Tyrone, der im Jahr 1607 aus seiner irischen Heimat geflohen sein soll und vor der Küste von Combe Martin an Land ging. Dort soll er sich außerhalb des Dorfes versteckt und sich nur von Schiffszwieback, Beeren und kleinen Tieren ernährt haben. Den Bewohnern von Combe Martin kam das verdächtig vor und so alarmierten sie die Behörden, die Soldaten abkommandierten, um den Mann einzufangen. Diese Geschichte (Legende?) wird also alljährlich in den Straßen des Küstenortes wiederbelebt. Hauptfiguren des Schauspiels sind besagter Earl of Rone, der in sackartiger Kleidung, maskiert und mit einer aus Schiffszwiebacken bestehenden Kette um den Hals auftritt, die Grenadiere in voller Uniform, die den Earl jagen, das in vielen englischen Traditionen auftretende Hobby Horse, das Steckenpferd, the Fool und viele Trommler. Nachdem er tagelang im Dorf gesucht wird, findet man den Earl schließlich am Montagabend. Er wird rückwärts auf einen Esel gesetzt, die Grenadiere schießen auf ihn, er fällt vom Esel, wird vom Hobby Horse reanimiert, wieder auf den Esel gesetzt und schließlich am Strand erschossen. Dann wirft man ihn ins Meer – fertig! Eine ziemlich blutrünstige Angelegenheit, aber die Dorfbewohner und die von weiter her angereisten Gäste freut’s. In diesem Film kann man sich den Spaß einmal genauer ansehen.

Tom Brown hat eine kleine Broschüre über diesen alten Brauch veröffentlicht: The Hunting of the Earl of Rone. Eine DVD mit dem gleichen Titel ist ebenfalls hier erhältlich.

Der Strand von Combe Martin, wo der Earl of Rone sein Ende findet.   © Copyright Philip Halling and licensed for reuse under this Creative Commons Licence.

Der Strand von Combe Martin, wo der Earl of Rone sein Ende findet.
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Published in: on 26. Mai 2016 at 02:00  Schreibe einen Kommentar  
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Der Dorfladen und das Postamt – Zwei aussterbende Institutionen und die „Rural Oscars“

The Churchinford & District Community Shop.   © Copyright Martin Dawes and licensed for reuse under this Creative Commons Licence.

The Churchinford & District Community Shop.
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Man sollte sie hegen und pflegen, die englischen Village Stores und Post Offices, denn sie gehören zu einer aussterbenden Spezies, dank Tesco, Sainsbury’s, Aldi und Lidl. Die kleinen Dorfläden können natürlich preislich und angebotsmäßig nicht mit den Großen der Lebensmittelbranche mithalten, aber sie erfüllten lange Zeit auch eine soziale Aufgabe. So wie im Pub trafen sich die Dorfbewohner im Laden zu einem kleinen Schwätzchen und es wurden Neuigkeiten ausgetauscht. Häufig wurden die Postämter in die Village Stores verlegt, was ja eigentlich keine schlechte Sache war. 12 000 Dorfläden soll es heute noch geben, vor zehn Jahren waren es doppelt so viele.

Von den noch vorhandenen Läden werden jedes Jahr die besten mit den sogenannten „Rural Oscars“ ausgezeichnet;  die offizielle Bezeichnung lautet „Countryside Alliance Awards„. Neben dem Village Shop/Post Office Award werden noch Preise in den Kategorien Local Food, Butcher und Tourism Enterprise verliehen.

Werfen wir einen Blick auf die Shortlist für das Jahr 2015, die 13 Läden umfasst, von denen der beste am 27. April in London mit dem Rural Oscar ausgezeichnet wird. 12 davon sind in England, einer in Wales angesiedelt. Auf der Liste stehen zum Beispiel:

Churchinford & District Community Shop in den Blackdown Hills in Somerset. Mitten im Ort liegt dieser Dorfladen, der mit dem Postamt vereint ist. Hier gibt es auch noch einen schönen Dorfpub, The York Inn.

St Mary’s Post Office an der Old Street in Haughley (Suffolk). Dieses Postamt ist eines der ältesten im Lande; es wurde 1848 eröffnet und stand kurz vor dem endgültigen Aus, als es durch die Spende eines sehr reichen Rechtsanwalts gerettet werden konnte.

Bardon Mill Village Store & Tea Room in Bardon Mill (Northumberland). Dieser Laden erhielt im Jahr 2013 schon einmal die Auszeichnung Village Shop of The Year for the North East of England.

Woods of Whitchurch im The Square in Herefordshire. Dieser Laden bietet großartige Öffnungszeiten, die es mit denen der Supermärkte aufnehmen können: Montags bis samstags von 7 Uhr bis 20 Uhr und sonntags von 8 Uhr bis 15 Uhr. Auch das Sortiment ist beachtlich, selbst ein Catering Service wird angeboten.

Mögen uns diese Läden, die oft mit viel Herzblut geführt werden, noch lange erhalten bleiben!

Siehe auch meinen Blogeintrag über den Orford General Store in Suffolk, den ich vor einigen Jahren schrieb.

St Mary's Post Office in Hauhley (Suffolk).   © Copyright Adrian Cable and licensed for reuse under this Creative Commons Licence.

St Mary’s Post Office in Haughley (Suffolk).
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Bardon Mill Village Store & Tearoom in Northumberland.   © Copyright Mike Quinn and licensed for reuse under this Creative Commons Licence.

Bardon Mill Village Store & Tea Room in Northumberland.
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Woods of Whitchurch in Herefordshire.   © Copyright Jaggery and licensed for reuse under this Creative Commons Licence.

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Published in: on 25. April 2016 at 02:00  Comments (1)  

Old Man’s Day in Braughing (Hertfordshire)

St Mary the Virgin in Braughing.   © Copyright Bikeboy and licensed for reuse under this Creative Commons Licence.

St Mary the Virgin in Braughing.
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Es war einmal…an einem Oktobertag im Jahr 1571 in dem kleinen Ort Braughing in Hertfordshire, als ein junger Mann namens Matthew Wall plötzlich und unerwartet starb. Nach einigen Tagen trug man seinen Sarg mit seinen sterblichen Überresten zur Kirche St Mary the Virgin. Es war Herbst und auf dem Fleece Lane, der zur Kirche führt, hatte man das feuchte Laub noch nicht beseitigt. Es kam wie es kommen musste, einer der Sargträger rutschte aus und der Sarg knallte auf den Boden. Plötzlich hörte man aus dem Inneren ein verzweifeltes lautes Klopfen. Die Träger hoben den Deckel ab und fanden einen zum Leben erwachten Matthew Wall vor. Der war gar nicht tot, und um ein Haar wäre er lebendig begraben worden. Eine schreckliche Vorstellung! Nachdem er den Schock überwunden hatte, führte er wieder ein ganz normales Leben und heiratete bald darauf. Erst 24 Jahre später starb er „richtig“, aber nicht ohne vorher ein ganz besonderes Testament hinterlassen zu haben. Darin verfügte er, dass an jedem 2. Oktober des Jahres, der Tag, an dem er beinahe ein fürchterliches Ende gefunden hätte, die Glocken von St Mary the Virgin läuten sollten: Einmal mit dem Trauergeläut und einmal mit dem Hochzeitsgeläut, in Erinnerung an seine Hochzeit. Die Kosten dafür wurden aus den Einnahmen eines Stück Lands gedeckt, das Matthew Wall im Ort besaß. Des weiteren verfügte er, dass auf seinem Grab Dornengestrüpp gepflanzt werden sollte, damit keine Schafe darüber laufen konnten, und dass am 2. Oktober der Fleece Lane immer schon sauber gefegt wird.

Bis zum heutigen Tag wird an diesem sogenannten Old Man’s Day der letzte Wille von Matthew Wall in Braughing erfüllt: Die Glocken läuten in der gewünschten Form, Schulkinder fegen den Fleece Lane und an seinem Grab auf dem Friedhof von St Mary the Virgin singen die Kinder  ihm zu Ehren ein Lied.

Hier ist ein Film vom Old Man’s Day in diesem Jahr.

Wer sich das hübsche Dorf in Hertfordshire einmal ansehen möchte: Braughing liegt an der A10, westlich von Bishop’s Stortford.

Published in: on 29. November 2015 at 02:00  Schreibe einen Kommentar  
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Denby Dale in West Yorkshire und die Monster-Pasteten

Steinerne Pastetenkeile machen auf die alte Radition in Denby Dale (hier an der Wakefield Road) aufmerksam.   © Copyright Humphrey Bolton and licensed for reuse under this Creative Commons Licence.

Steinerne Pastetenkeile machen auf die alte Tradition in Denby Dale (hier an der Wakefield Road) aufmerksam.
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Nicht nur Melton Mowbray in Leicestershire ist für seine Pasteten (pies) berühmt, auch das kleine Dorf Denby Dale am äußersten südlichen Rand von West Yorkshire macht immer mal wieder von sich reden, wenn hier am River Dearne Monster-Pasteten hergestellt werden, was allerdings nicht sehr oft geschieht.  Um es genau zu sagen: Seit 1788 wurden insgesamt nur 10 Pies hier gebacken, die letzte im Jahr 2000 zur Jahrtausendwende. Diese hatte es aber im wahrsten Sinne des Wortes in sich; die Millennium Pie war 13 Meter lang und wog 12 Tonnen, ausreichend um 22 000 Menschen zu verköstigen. Angeschnitten wurde sie von dem berühmten Cricket-Schiedsrichter Dickie Bird.

Die Tradition des Pastetenbackens in Denby Dale begann 1788 im White Hart Inn, als man damit die Genesung König Georgs III. feierte.
1815 ging es weiter; der Anlass: Wellingtons Sieg gegen Napoleon in der Schlacht von Waterloo.
1846 feierte man die Abschaffung der Getreidegesetze durch die Regierung Robert Peels, was niedrigere Brotpreise zur Folge hatte. Dabei kam es fast zu einer Katastrophe, als die Bühne die vielen erschienen Menschen nicht mehr tragen konnte und zusammenbrach.
1887 lief es gar nicht rund, denn ein großer Teil des Inhalts der Riesen-Pastete war verdorben. Viele wandten sich von der stinkenden Pie ab und die Überreste wurden einfach vergraben. Eigentlich wollte man an diesem Tage das Golden Jubilee Königin Victorias feiern. Gut, dass die Dame nicht anwesend war!
Eine Woche später im Jahr 1887 backte man eine neue Pastete (man hatte ja seinen Stolz). Die sogenannte „Resurrection Pie“ war dieses Mal ein voller Erfolg, dank der Damen aus Denby Dale, die dafür verantwortlich zeichneten.
1896 wurde mit der Pastete an den 50jährigen Jahrestag der Abschaffung der Getreidegesetze gedacht. 2000 Portionen teilte man aus.
Fünf Meter lang war die Denby Dale Pie im Jahr 1928, die als Huddersfield Infirmary Pie in die Geschichte des Yorkshire-Dorfes einging. Die Verkaufserlöse kamen dem Krankenhaus von Huddersfield zugute.
Erst 1964 ging es weiter, als man die Geburt von vier Neuankömmlingen im Königshaus feierte (Prince Edward, Lady Helen Windsor, Lady Sarah Armstrong Jones und James Ogilvy). Leider stand das Fest unter einem unglücklichen Stern, denn die vier wichtigsten Mitglieder des Organisationskomitees kamen in den frühen Morgenstunden bei einem Autounfall ums Leben. Sie waren in London gewesen, um dort beim Fernsehsender ITV über ihre Super-Pie zu berichten. Trotz der Tragödie entschied man sich dafür, weiterzumachen und so kamen 30 000 Menschen in den Genuss der Pastete.
Der Anlass für Pie Number 9 im Jahr 1988 war das 200jährige Jubiläum von Pie Number 1. Dieses Mal stellte man in Denby Dale die größte Pastete aller Zeiten her, die es sogar ins Guinness Buch der Rekorde schaffte. An zwei Tagen wurden sage und schreibe 90 000 Menschen abgefüttert.

Wer sich intensiver mit der Geschichte dieser Tradition auseinandersetzen möchte, kann dies in der Pie Hall in der Wakefield Road tun, wo Fotos und Erinnerungsstücke an die 10 Pasteten aufbewahrt werden. Zwei Bücher sind auch darüber geschrieben worden, z.B.
The Denby Dales Pies: „10 Giants“ 1788-2000“ von Chris Heath (Wharncliffe Books 2012, 256 Seiten, ISBN 978-1845631536).

In dieser großen Pflanzenschale wurde die Pastete des Jahres 1964 serviert.   © Copyright SMJ and licensed for reuse under this Creative Commons Licence.

In dieser großen Pflanzenschale wurde die Pastete des Jahres 1964 serviert.
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The Pie Hall.   © Copyright Neil Theasby and licensed for reuse under this Creative Commons Licence.

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Published in: on 12. November 2015 at 02:00  Comments (2)  
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Ottery St Mary – Eine Kleinstadt in Devon: Kobolde und Kirchenglocken

St Mary's in Ottery St Mary (Devon).   © Copyright Derek Harper and licensed for reuse under this Creative Commons Licence.

St Mary’s in Ottery St Mary (Devon).
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Es war einmal…vor vielen Jahrhunderten lebten in der Kleinstadt Ottery St Mary im Osten der heutigen Grafschaft Devon neben den Bewohnern auch Pixies, das sind kleine Kobolde, die von Natur aus den Menschen gern einen Schabernack spielen. Das ging eine Weile einigermaßen gut, bis den Zwergen zu Ohren kam, dass man in dem Ort eine Kirche bauen wollte, die bis dahin noch fehlte. Da es in einer Kirche normalerweise auch Glocken gibt, gingen die Pixies da auf die Barrikaden, denn wenn es etwas gab, was sie absolut nicht nicht vertragen konnten, war das Glockengebimmel. So setzte sich der Rat der Pixies zusammen und überlegte, was sie dagegen tun konnten. Man entschied sich dafür, die Mönche, die die Glocken abholen sollten, mit einem Bann zu belegen. Der Zwergenzauber schien auch zu wirken, denn wie in Hypnose zogen die Mönche an Ottery St Mary vorbei in Richtung Küste und kurz bevor sie wie die Lemminge die Klippen hinunterstürzten, trat einer der Männer versehentlich mit seinen nackten Füße auf eine stachelige Distel, was ihn zu dem Ausruf „God bless my Soul and St Mary“ veranlasste…und siehe da der Bann war gebrochen. Es gibt auch die Version, dass sich einer der Mönche seine Zehen an einem Stein stieß und dann diesen Ausruf tätigte. Egal, das Ergebnis war das gleiche.

„Mist“ sagten sich da die Pixies, „der Bann hat nicht funktioniert“ und verzogen sich aus der Stadt in eine kleine Höhle am River Otter, die seitdem Pixie’s Parlour heißt. Aber einmal im Jahr kamen sie dann doch aus ihrem Refugium am Fluss, zogen in die Stadt, machten vor der Kirche einen Höllenlärm und entführten die bell-ringer in ihre Höhle. Von dort musste der Pfarrer von Ottery St Mary seine Glockenläuter erst wieder befreien.

Was aus den Pixies im Laufe der Jahrhunderte geworden ist, weiß niemand mehr, aber seit 1954 geistern an einem Samstag im Juni, der der Sonnenwende am nächsten liegt, wieder kleine Kobolde durch die Stadt und entführen die bell-ringer aus der Kirche St Mary’s. An diesem Pixie Day genannten Tag verkleiden sich die kleinsten Pfadfinder der Stadt als Kobolde und tun, was Kinder besonders gut können: Kreischen. Umrahmt wird das Spektakel von einem Fest, das auf dem Gelände des Land of Canaan abgehalten wird. Dieser Film zeigt wie es in Ottery St Mary am Pixie Day zugeht.

Ich war erst im letzten Jahr in Ottery St Mary; Pixies sind mir da nicht über den Weg gelaufen.

Der River Otter. In eine Höhle an diesem Fluss zogen die frustrierten Pixies.   © Copyright Derek Harper and licensed for reuse under this Creative Commons Licence.

Der River Otter. In eine Höhle an diesem Fluss zogen die frustrierten Pixies.
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Published in: on 10. November 2015 at 02:00  Schreibe einen Kommentar  
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„Drink Old England Dry“ – Ein Lied aus den Napoleonischen Kriegen

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Die Gastwirte in den englischen Pubs hätten sicher keine Probleme damit, dass Englands Alkoholvorräte ausgetrunken werden sollen, wie es das Lied „Drink Old England Dry“ suggeriert, würde es doch ihre Absätze beträchtlich steigern. Doch einen Haken gibt es dabei: Es sind die Franzosen, die das Königreich „leertrinken“ möchten, was natürlich nur bei einer Invasion möglich wäre. In der Zeit der Napoleonischen Kriege soll dieses Soldaten-Trinklied entstanden sein und was könnte einen Soldaten Seiner Majestät mehr motiviert haben, als die „Frogs“ davon abzuhalten, seine Biervorräte wegzutrinken (vielleicht wären die Franzosen ja doch eher an Wein interessiert gewesen)? Martialisch geht es in dem Lied zu: „With our swords and our cutlasses, we’ll fight until we die“ und „For the cannons they shall rattle and the bullets they shall fly„. Ja, die patriotischen Gesänge Albions sind nicht so ganz ohne. Man kann die Franzosen im Text des Liedes auch problemlos gegen Deutsche oder Russen austauschen, je nachdem, gegen wen man gerade zu Felde zieht.

„Drink Old England Dry“ steht auch in enger Verbindung zu einer alten Tradition, die jedes Jahr am 6. Januar in einem Dorf in Lincolnshire namens Haxey durchgeführt wird: The Haxey Hood. Dabei geht es im Prinzip darum, eine Art Lederröhre in einen von vier Pubs zu transportieren, nach bestimmten Regeln, versteht sich. Zu den Hauptmitwirkenden zählen die Boggins, elf in Rot gekleidete Männer, die dann nach Ende des Spiels im Pub Lieder singen, darunter eben auch „Drink Old England Dry“.

Hier ist eine Version des Liedes zu hören und hier sind Impressionen von der Haxey Hood des Jahres 2012 zu sehen.

Die CD zum Artikel:
New Scorpion Band: The Plains of Waterloo – Songs and Music of the Napoleonic Wars.

Published in: on 6. November 2015 at 02:00  Schreibe einen Kommentar  
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The Atherstone Ball Game – Ein „Ballspiel“ der besonders ruppigen Art in Warwickshire

Die Long Street in Atherstone.   © Copyright P L Chadwick and licensed for reuse under this Creative Commons Licence.

Die Long Street in Atherstone.
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An 364 Tagen geht es in der Kleinstadt Atherstone in Warwickshire recht friedlich zu, doch wenn der Fastnachtsdienstag, Shrove Tuesday im Englischen, kommt, dann ist hier die Hölle los. In der Long Street, der Hauptstraße des Ortes, wird der Verkehr umgeleitet, viele Ladenbesitzer verbarrikardieren ihre Geschäfte, denn um 15 Uhr geht es hier außerordentlich ruppig zu: The Atherstone Ball Game ist angesagt, ein traditionelles Spiel, das seit über 800 Jahren ausgetragen wird. Um es genau zu sagen, in diesem Jahr zum 816. Male. Früher spielten Teams aus Warwickshire gegen Teams aus Leicestershire, heute spielt jeder gegen jeden oder es bilden sich Pub-Teams und dergleichen.

Um Punkt 15 Uhr wird ein spezieller schwerer, mit Wasser gefüllter Lederball aus einem Fenster der Barclay’s Bank in der Long Street in die tobende Menge geworfen; im Allgemeinen gewinnt man für diesen „Anstoß“ eine Persönlichkeit aus dem Showbusiness oder dem Sport. Was dann mit dem Ball passiert, ist dem Außenstehenden nicht so ganz ersichtlich, denn es gibt beim Atherstone Ball Game keine Regeln, außer einer: Man sollte möglichst keinen anderen Mitspieler ins Jenseits befördern. Das ist gar nicht so einfach, dies nicht zu tun, wenn man sich den Ablauf des „Spiels “ anguckt. Der Sieger ist der, der den Ball um 17 Uhr, wenn ein Hornbläser das Spiel abpfeift,  im Arm oder wo auch immer hält und der darf ihn dann auch behalten. Wer eines der vier verschiedenfarbigen Bänder, die am Ball befestigt sind, am Ende des Spiels vorzeigen kann, erhält dafür jeweils £10.

Dass es bei einem so wüsten Kampf um einen Ball nicht ohne Blessuren zugeht, liegt auf der Hand. Wenn ich mir die Filme ansehe, die bei Youtube eingestellt sind, muss ich sagen, dass manche Kampfhandlungen schon wie ernsthafte Schlägereien aussehen. Auch der Polizei von Atherstone geht manches zu weit. Beim Betrachten der Bilder, die die in England allgegenwärtigen CCTV-Kameras in diesem Jahr aufgenommen haben, hat die Gewalttätigkeit in der Long Street einen neuen Höhepunkt erreicht, wie dieser Film zeigt. Sicher sind vor Beginn des Spiels etliche Pints durch die Kehlen der Spieler gelaufen und so, richtig vorgeglüht, hat man noch weniger Hemmungen, auf andere Spieler einzuschlagen.

So sah der Ball bei den Atherstone Ball Games im Jahr 2012 aus. Author: Adrian Roebuck. This file is licensed under the Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported license.

So sah der Ball bei den Atherstone Ball Games im Jahr 2012 aus.
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Published in: on 7. Oktober 2015 at 02:00  Comments (1)  
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Sam Larner – The Singing Fisherman aus Winterton-on-Sea von der Küste Norfolks

Winterton-on-Sea (Norfolk).   © Copyright Andy Jamieson and licensed for reuse under this Creative Commons Licence.

Winterton-on-Sea (Norfolk).
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Vor einiger Zeit schrieb ich in meinem Blog über Alan Smethurst, den Singing Postman aus Norfolk, der mit einer seiner Platten sogar den Beatles in den Hitparaden Englands Konkurrenz machte. Dieses Phänomen gelang Sam Larner, ebenfalls aus Norfolk, zwar nicht, aber wer kann schon von sich behaupten, im Alter von 78 Jahren ins Musikbusiness eingestiegen zu sein?

Sam Larner wurde 1878 in Winterton-on-Sea an der Ostküste Norfolks geboren, einem Ort, dessen Männer zum größten Teil ihren Lebensunterhalt als Fischer verdienten. Viele andere Möglichkeiten gab es damals in dieser Region nicht. „For me and my brothers that was either sea oder gaol“, sagte Sam Larner später einmal. Im Alter von vierzehn Jahren fuhr Sam erstmals zur See und dem Beruf des Fischers sollte er mehrere Jahrzehnte lang nachgehen. Winterton-on-Sea war sein ganzes langes Leben lang sein Heimathafen.

Was machen Fischer, wenn sie von anstrengenden Tagen auf dem Meer nach Hause zurückkehren? Na klar, sie gehen in den Pub. Das waren zu Sams Zeiten The Three Mariners und The Fishermans Return in Winterton-on-Sea. Das erstgenannte Gasthaus gibt es schon lange nicht mehr, wogegen das zweite noch existiert. Ich weiß nicht, welche Biersorten damals angeboten wurden, heute kann man im Fishermans Return u.a. Adnams Regatta und Woodforde’s Wherry zu sich nehmen.
Je mehr Bier die heimgekehrten Fischer tranken, umso sangesfreudiger wurden sie auch, und da tat sich Sam Larner besonders hervor. Gern schmetterte er Lieder wie „Cruising Round Yarmouth„, „The Ghost Ship“ und „The Dogger Bank„, in denen es um das raue Leben auf hoher See ging.

1956 machte ein Produzent von BBC Birmingham, Philip Donnellan, eine Tour durch England, um Tonbandaufzeichnungen mit Arbeitern in unterschiedlichen Berufen aufzunehmen, und da traf er zufällig in Winterton-on-Sea auf Sam Larner. Als er von seinen Sangeskünsten erfuhr, nahm er im Jahr darauf 25 seiner Lieder auf und ließ ihn in zwei seiner Radioshows auftreten. Als der Folksänger und Plattenproduzent Ewan McColl von Sam hörte, machte er sich gemeinsam mit der Liedermacherin Peggy Seeger auf den Weg nach Winterton-on-Sea, wo er sich viele Stunden lang mit dem fast achtzigjährigen Fischer unterhielt, Interviews mitschnitt und natürlich jede Menge Lieder aufnahm. Aus diesem Material entstand schließlich die erste LP des Singing Fisherman, die den Titel „Now is the Time for Fishing“ trug; darauf waren 19 Songs zu hören, plus Geschichten, erzählt von Sam Larner. Noch heute ist eine CD mit diesen Aufnahmen im Handel erhältlich. Sam hatte noch mehrere Auftritte im Radio, bei denen er seine Fähigkeiten als Sänger unter Beweis stellte.
Am 11. September 1965 starb er in Winterton-on-Sea, dort, wo er sein ganzes Leben zugebracht hatte. An seinem Haus am Bulmer Lane brachte man 2008 eine blaue Plakette an. Kürzlich war sein 50. Todestag, und ich kann mir vorstellen, dass man Sam Larner in Winterton-on-Sea so schnell nicht vergisst.

Hier ist er mit „The Lofty Tall Ship“ und hier mit „Merry Month of May“ zu hören.

Hier, im Fisherman's Return, schmetterte Sam Larner einst seine Lieder.   © Copyright Suse and licensed for reuse under this Creative Commons Licence.

Hier, im Fisherman’s Return, schmetterte Sam Larner einst seine Lieder.
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Published in: on 2. Oktober 2015 at 02:00  Schreibe einen Kommentar  
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The Saddleworth Whit Friday Brass Band Contests

Brass Bands in Delph.   © Copyright Paul Anderson and licensed for reuse under this Creative Commons Licence.

Brass Bands in Delph (Greater Manchester).
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Jedes Jahr am Freitag nach dem Pfingstfest (Whit Friday) quälen sich Dutzende von Reisebussen durch die Region Saddleworth östlich von Oldham (Greater Manchester), die ihre Passagiere, Männer und Frauen in Uniformen und mit Blasinstrumenten bewaffnet, in den Dörfern Delph, Denshaw, Diggle, Dobcross und wie sie alle heißen, absetzen. Sie alle haben nur ein Ziel: Die Teilnahme an den Saddleworth Whit Friday Brass Band Contests, dem wohl größten Wettbewerb seiner Art in England.

Brass Bands verbindet man mit dem Norden des Landes, mit Bergarbeiterstädten und seit 1996 mit dem großartigen Spielfilm „Brassed Off„, der in Deutschland unter dem Titel „Mit Pauken und Trompeten“ lief. Hier ist der Trailer zu sehen.
Seit 1884 treffen sich die Brass Bands aus dem ganzen Land hier am Saddleworth Moor (berühmt-berüchtigt durch die beiden Serienmörder Myra Hindley und Ian Brady, die ihre Opfer hier verscharrten und die in die Kriminalgeschichte als die Moors Murderers eingingen), einer rauen Moorlandschaft, nicht weit von der Großstadt Manchester entfernt.
In diesem Jahr nahmen 126 Bands teil, die von Dorf zu Dorf zogen und dort jeweils ihr Können zeigten. Die Juroren können die Brass Bands nicht sehen, sie müssen also blind, nur ihrem Gehör folgend, die Qualität jeder einzelnen Band beurteilen und fällen dann ihr Urteil. Den Gesamtpreis 2015 gewann in diesem Jahr die Fairey Band aus Stockport, die sich selbst „One of the world’s finest brass bands“ nennt; gefolgt von der 1855 gegründeten weltberühmten Black Dyke Band aus Queensbury (West Yorkshire). Platz 3 belegte die renommierte Brighouse and Rastrick Brass Band aus Brighouse (West Yorkshire).

Was sich da an diesem Whit Friday in den Dörfern am Rand der Pennines abspielt, kann man daran sehen, wieviele Bands jeweils auftraten: In Delph zum Beispiel waren 77 Brass Bands zu hören, in Lydgate 74 und in Dobcross 69. Ich möchte da kein Preisrichter gewesen sein, denn für ungeschulte Ohren klingen die Bands doch alle sehr ähnlich.

Dieser Film zeigt wie es bei den Saddleworth Whit Friday Brass Band Contests in Delph zugeht und dieser Film zeigt Szenen aus Denshaw.

Brass Bands in Dobcross (Greater Manchester).   © Copyright Paul Anderson and licensed for reuse under this Creative Commons Licence.

Brass Band in Dobcross (Greater Manchester).
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Published in: on 13. September 2015 at 02:00  Schreibe einen Kommentar  

Die Kleiderordnung in der Royal Enclosure beim Royal Ascot Pferderennen

Die Pferderennbahn von Ascot ist nicht weit vom Windsor Castle entfernt und so kommen Mitglieder der königlichen Familie wie die Queen oder Prince Charles gern mit einer Pferdekutsche zum Rennen. Das prestigeträchtige Royal Ascot findet in diesem Jahr vom 16. bis zum 20. Juni statt und da sind Preisgelder von über £5,5 Millionen zu gewinnen. Kein Wunder, dass in diesen Tagen wieder die besten Pferde aus aller Welt an den Start gehen.

Die Royals beobachten das Geschehen auf der Rennbahn natürlich von der Royal Enclosure aus, der Tribüne, die nur für ganz ausgewählte Personen zugänglich ist. Um dort hineinzugelangen, muss man beim Royal Enclosure Office einen Antrag stellen und von jemandem empfohlen werden, der mindestens schon viermal offizieller Gast in dieser exklusiven Hochsicherheitszone war. Sollte man diese Hürde, um in der Pferderennsprache zu bleiben, tatsächlich genommen haben, dann muss man als nächstes besonderes Augenmerk auf seine Kleidung legen, um nicht doch noch am Eingang zur Royal Enclosure abgewiesen zu werden.

Miniröcke, Kleider mit Spaghettiträgern oder gar nabelfreie Kleidungsstücke sind absolute Tabus für die Damenwelt; damit kommt man nicht auf die königliche Tribüne. Vorgeschrieben sind stattdessen Kleider und Röcke, die ein kleines Stückchen über dem Knie enden dürfen, aber gern auch länger sein können. Hosenanzüge sind okay, müssen aber farblich und vom Material her aufeinander abgestimmt sein. Hüte sind natürlich unerlässlich; allerdings sind sogenannte „headpieces“ mit einem Mindestdurchmesser von zehn Zentimetern auch akzeptabel.

Nachdem nun die Dame entsprechend ausstaffiert ist und Einlass in die Royal Enclosure findet, was wird jetzt von ihrem männlichen Begleiter erwartet? Auf jeden Fall ein „morning dress“; das ist natürlich kein Bademantel, sondern ein Cutaway, eine Art Gehrock, entweder in Schwarz oder in Grau, zu dem eine Weste, schwarze Schuhe und ein Zylinder getragen wird. Der Zylinder muss „normal“ sein, d.h. man darf ihn nicht mit irgendwelchen Bändchen oder anderen Verzierungen versehen. Absetzen darf man den „top hat“ nur in bestimmten Bereichen wie z.B. in den Restaurants oder in den Privatlogen.

Sollte man sogar seine Kinder mitbringen dürfen, dann gilt auch für den Nachwuchs eine Kleiderordnung. Empfohlen wird für Mädchen ein Sommerkleidchen. Hüte oder „headpieces“ können, müssen aber nicht sein. Die jungen Herren sollten sich nach der Kleidung ihrer Väter richten, haben dafür aber das Glück, keine Hüte tragen zu müssen.

So ausgestattet, kann man sich in das Pferderennvergnügen stürzen oder sich vielleicht lieber an Champagner und erlesenen Speisen ergötzen.

Hier kann man sich die Kleiderordnung noch einmal im Film ansehen.

The Royal Enclosure in Ascot. Author: troxx. This file is licensed under the Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported license.

The Royal Enclosure in Ascot.
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Published in: on 25. April 2015 at 02:00  Schreibe einen Kommentar  
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Aristoteles, ein Wildschwein und ein Kirchenfenster in Horspath (Oxfordshire)

Das Copcot-Kirchenfenster in der KIrche von St Giles on Horspath (Oxfordshire). Author: Motacilla. This file is licensed under the Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported license.

Das Copcot-Kirchenfenster in der KIrche von St Giles on Horspath (Oxfordshire).
Author: Motacilla.
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Wozu Bücher doch alles gut sein können, sagte sich im 15. Jahrhundert ein Student des Oxforder Queen’s College. John Copcot war zur Weihnachtszeit auf dem Weg durch den Wald von Shotover, östlich von Oxford, um die Kirche von St Giles in Horspath aufzusuchen. Um sich dabei die Zeit zu vertreiben, las er in einem Buch von Aristoteles. Doch die friedliche Atmospäre wurde plötzlich getrübt, als sich der hellenophile Student einem angriffslustigen Wildschwein gegenübersah. Das Tier hatte wohl noch ein Hühnchen mit Oxforder Studenten zu rupfen, denn es attackierte den jungen Mann. Dieser hatte als einzige Waffe das Buch des Philosophen bei sich, das glücklicherweise mit Metallecken versehen war, und er rammte dieses tief in den Rachen des wütenden Ebers… der daraufhin verschied. Ob das Buch anschließend noch verwendbar war, ist nicht überliefert, aber Copcot war es erst einmal wichtiger, mit heiler Haut davongekommen zu sein.

Was sollte man nun mit dem toten Wildschwein anfangen? Der Student schnitt dem Tier den Kopf ab (woher hatte er plötzlich einen scharfen Gegenstand, mit dem er sich hätte auch verteidigen können?), spießte ihn auf und trug ihn zur Kirche. Nach der Messe nahm Copcot seine Trophäe mit in sein College, wo der Kopf gebraten und am Weihnachtstag zum Abendessen serviert wurde.

Seit über 600 Jahren ist im Queen’s College die Tradition der Boar’s Head Ceremony erhalten geblieben, bei der am letzten Samstag vor Weihnachten im Speisesaal ein Wildschweinkopf aufgetragen wird, der mit Lorbeer, Rosmarin und Mistelzweigen, sowie Fähnchen und einer Krone hübsch dekoriert ist. Dazu singt man passenderweise „The Boar’s Head Carol„. Eingeladen werden zu dem traditionellen Abendessen ehemalige Studenten des Queen’s Colleges, die sich in einem bestimmten, jeweils wechselnden Jahr dort immatrikuliert haben.

Aber auch die Kirche von St Giles in Horspath vor den Toren der Universitätsstadt hält den mutigen Wildschweintöter in Erinnerung und zwar in Form eines Kirchenfensters, auf dem ein Mann in Apostelgewand zu sehen ist, der einen Spieß in der Hand hält auf dem ein Wildschweinkopf steckt.

Hier interpretiert die Folkrock-Gruppe Steeleye Span „The Boar’s Head Carol“.

 

St Giles in Horspath.    © Copyright Bikeboy and   licensed for reuse under this Creative Commons Licence.

St Giles in Horspath.
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Im Wald von Shotover. Etwa hier wurde der Student von der wütenden Bestie attackiert.    © Copyright Bill Boaden and   licensed for reuse under this Creative Commons Licence.

Im Wald von Shotover. Etwa hier wurde der Student von der wütenden Bestie attackiert.
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Das Queen's College in Oxford.    © Copyright DS Pugh and   licensed for reuse under this Creative Commons Licence.

Das Queen’s College in Oxford.
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The Tiddington-Ickford-Tug-of-War – Das Tauzieh-Duell zwischen Buckinghamshire und Oxfordshire

Der "Grenzfluss" Thame bei Ickford und Tiddington.    © Copyright Rob Farrow and   licensed for reuse under this Creative Commons Licence.

Der „Grenzfluss“ Thame bei Ickford und Tiddington.
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Tiddington ist ein Dorf in Oxfordshire, Ickford ein Dorf in Buckinghamshire; der River Thame (nicht zu verwechseln mit dem River Thames) bildet die Grenze zwischen den beiden Grafschaften und einmal im Jahr messen die Bewohner der beiden Ortschaften ihre Kräfte bei einem Tauziehwettbewerb. Seit den Krönungsfeierlichkeiten für Elizabeth II im Jahr 1953 trifft man sich regelmäßig am ersten Freitag im August an den Ufern des Thame. Jeweils 8 Männer oder Frauen oder Jugendliche auf jeder Seite versuchen die gegnerische Mannschaft bzw. Frauschaft in die kühlen Fluten des Themsenebenflusses zu ziehen. Da das Wasser im Monat August in der Regel nicht ganz so kalt ist, endet das Duell meistens damit, dass sich die beiden Parteien im Fluss wiederfinden.

Um Mitspielen bzw. Mitziehen zu können, müssen die Teilnehmer entweder in ihrem Dorf geboren sein oder dort residieren. Ein paar weitere Regeln gibt es auch noch zu beachten, so darf man nicht in Badekleidung am Tauziehen mitwirken und darf an seinen Schuhen keine Spikes anbringen. Die Siegermannschaft erhält einen Pokal; die Kosten für die Inschrift trägt der Verlierer, der auch noch ein Dutzend Flaschen Bier ausgeben muss.

Beim letzten „tug-of-war“ im August 2014 gewann die Männermannschaft von Tiddington und glich damit die bisherige Bilanz etwas aus. Ickford war bisher 32mal Sieger, Tiddington 29mal. Da es sich um einen freundschaftlichen Wettbewerb zwischen den beiden Dörfern handelt, endet der Abend immer mit einem gemeinschaftlichen Tanz in der Village Hall.

Hier und hier sind einige Bilder vom Tiddington-Ickford-Tauziehwettbewerb zu sehen. Die Regeln für die Wettbewerbe im ganzen Land legt übrigens die Tug of War Federation of Great Britain fest.

Die beiden Dörfern liegen mitten in Inspector Barnabys Midsomer County; ganz in der Nähe findet man die Drehorte Thame, Long Crendon, Haddenham und viele andere mehr. Aber weder Tom noch John Barnaby suchten bisher Tiddington und Ickford auf.

Die Hauptstraße von Tiddington (Oxfordshire).    © Copyright Nigel Mykura and   licensed for reuse under this Creative Commons Licence.

Die Hauptstraße von Tiddington (Oxfordshire).
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Die Sheldon Road in Ickford (Buckinghamshire).    © Copyright Bill Boaden and   licensed for reuse under this Creative Commons Licence.

Die Sheldon Road in Ickford (Buckinghamshire).
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The Skimmington Ride

Das Village Green von Brill auf dem der Skimmington Ride stattfand. Eigenes Foto.

Das Village Green von Brill, auf dem der Skimmington Ride stattfand.
Eigenes Foto.

Ich wurde mit dem Skimmington Ride erstmals in der TV-Serie Midsomer Murders/Inspector Barnaby in Episode 48 „Four Funerals and a Wedding“ (dt. „Erst morden, dann heiraten“) konfrontiert, in der diese Tradition eine Rolle in der Handlung spielt. In dem Film wird der Reverend Anthony Gant, rückwärts auf einem Pferd sitzend mit einer Kapuze über dem Kopf, erschossen. Nun, das Erschießen gehört selbstverständlich nicht zu einem üblichen Skimmington Ride wie er hier in dem Dorf namens Broughton durchgeführt wird.  

Der Name „Skimmington Ride“ kommt wahrscheinlich von dem Wort „skimming ladle“, was soviel wie Schöpflöffel heißt. In einigen Teilen Englands wurde der Skimmington Ride vollzogen, wenn die Dorfbevölkerung ihren Protest gegen das unmoralische Verhalten einer ihrer Bewohner zum Ausdruck bringen wollte. Das konnte z.B. eine Frau sein, die ihren Mann betrogen hatte oder ein Mann, der es klaglos hinnahm, zum Hahnrei gemacht worden zu sein oder ein Mann, der seine Frau schlug. Gründe gab es genug. Um die jeweilige Person zu bestrafen bzw. sich über sie lustig zu machen, wurden Ebenbilder von ihr (zum Beispiel verkleidete Nachbarn) auf einem Wagen oder auf dem Rücken eines Esels durch den Ort geführt, wobei Frauen mit Schöpflöffeln (!), Töpfen, Pfannen usw. hinterherliefen und damit einen höölischen Lärm vollführten.

Thomas Hardy hat in seinem Roman „The Mayor of Casterbridge“ (dt. „Der Bürgermeister von Casterbridge: Leben und Tod eines Mannes von Charakter“) einen Skimmington Ride beschrieben, bei dem Ebenbilder des Bürgermeisters von Casterbridge und seiner früheren Geliebten durch die Stadt paradiert werden, nachdem deren Affäre bekannt wurde.

Um noch einmal auf die Midsomer Murders-Folge zurückzukommen: Ich besuchte vor einiger Zeit den Drehort. In Brill, am äußersten Nordrand von Buckinghamshire, wurden die Szenen mit dem Skimmington Ride auf dem dortigen weitläufigen Village Green aufgenommen, das sich dafür besonders gut eignete. Auch die Kirche und einer der örtlichen Pubs The Red Lion, der im Film „The John Knox“ heißt, wurden in die Handlung mit einbezogen (aus dem Red Lion wurde übrigens inzwischen The Pointer). Einen Besuch in Brill kann ich sehr empfehlen; ich habe in meinem Blog schon einmal darüber geschrieben.

The Crown Steward and Bailiff of the three Chiltern Hundreds of Stoke, Desborough and Burnham

Die Chilterns bei Turville.    © Copyright Edmund Shaw and   licensed for reuse under this Creative Commons Licence.

Die Chilterns bei Turville.
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Was für eine klangvolle Bezeichnung für einen Titel in England: The Crown Steward and Bailiff of the three Chiltern Hundreds of Stoke, Desborough and Burnham. So einem Titelträger muss man sicher voller Hochachtung und Demut gegenübertreten, oder? Nun, muss man nicht, denn dahinter verbirgt sich niemand anderes als ein Mitglied des britischen Unterhauses, das unbedingt aus dem Parlament aussteigen will. Es ist sozusagen ein Notausgang aus dem House of Commons.

Man kann als gewähltes Mitglied des Unterhauses nicht so ohne weiteres aus demselben austreten und den Job hinschmeißen. Wenn das irgendjemand, aus welchem Grund auch immer, machen möchte, dann muss er beim Schatzkanzler, das wäre zurzeit George Osborne, einen Antrag stellen, Crown Steward zu werden. Wenn der dem Antrag zustimmt, dann ist alles in Ordnung, dann kann der parlamentsüberdrüssige M.P. seine Sachen packen und dem Palace of Westminster den Rücken kehren, denn: Der Crown Steward untersteht, wie der Titel schon sagt, der Krone und er bekommt dafür ein nicht sehr üppiges Gehalt. Wer aber Gehaltsempfänger der Krone ist, darf sein Amt als Member of Parliament nicht mehr ausüben. Clever ausgedacht, oder? Übrigens sind mit dem schwülstigen Titel keine Aufgaben verbunden!

Noch ein paar Bemerkungen zu dem langen Titel: Die Chilterns sind ein Höhenzug, der sich über Buckinghamshire und Teile von Oxfordshire und Bedfordshire erstreckt. Hundreds ist eine alte Bezeichnung für einen Abschnitt einer Grafschaft, der 100 kampfbereite Männer für die Krone auf die Beine stellen konnte. Die drei Chiltern Hundreds waren Stoke, Desborough und Burnham (wir befinden uns hier mitten in Inspector Barnabys fiktivem Midsomer County!). Stoke umfasst u.a. die Orte Denham, Colnbrook und Stoke Poges, zu Desborough gehören die Dörfer Turville, Hambleden und Little Marlow und Burnham schließlich umfasst z.B. Amersham, Beaconsfield und Chesham. Alle diese genannten Dörfer und Städte habe ich in meinem Blog schon einmal vorgestellt.

Einige ehemalige M.P.s, die den Titel des Crown Stewards schon innehatten:

– Im Herbst letzten Jahres stellte Mark Reckless den Antrag auf den Titel, der den Wahlbezirk Rochester und Strood vertrat. Der ehemals zu der Conservative Party gehörende Politiker schwenkte zu der UK Independence Party (UKIP) um, wurde bei Nachwahlen für die neue Partei wiedergewählt und zog erneut ins Unterhaus ein.

Tony Blair wurde 2007 Crown Steward, weil er Sondergesandter des sogenannten Nahost-Quartetts werden wollte, was sich nicht mit seinem Amt als M.P. für den Wahlbezirk Sedgefield (County Durham) vertrug.

– Auch der Labour-Abgeordnete Neil Kinnock wurde 1995 Chef der drei „Hundreds“, nachdem er das Unterhaus verließ, um Transport Commissioner bei der EU zu werden.

Es gibt übrigens noch einen vergleichbaren Titel, den Crown Steward and Bailiff of the Manor of Northstead, der die gleiche Funktion erfüllt. Das Manor of Northstead existiert schon lange nicht mehr; es lag einmal dort, wo sich jetzt die Küstenstadt Scarborough in North Yorkshire breit gemacht hat. Der letzte Amtsinhaber war Douglas Carswell, der den Wahlbezirk Clacton (Essex) vertrat und, wie Mark Reckless, von den Konservativen zur UKIP übertrat. Über die Zwischenstation des Crown Stewards of Northstead erzwang er Neuwahlen in Clacton und wurde für seine neue Partei wiedergewählt.

Stoke Poges (Buckinghamshire) im Stoke Hundred.    © Copyright Nigel Cox and   licensed for reuse under this Creative Commons Licence.

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Turville im Desborough Hundred. Eigenes Foto.

Turville (Buckinghamshire) im Desborough Hundred.
Eigenes Foto.

Beaconsfield (Buckinghamshire) im Burnham Hundred. Eigenes Foto.

Beaconsfield (Buckinghamshire) im Burnham Hundred.
Eigenes Foto.

 

Town Crier Festivals in England

Der Town Crier von Ringwood in Hampshire.    © Copyright Miss Steel and   licensed for reuse under this Creative Commons Licence.

Der Town Crier von Ringwood in Hampshire.
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Man braucht sie eigentlich nicht, wie in frühereren Zeiten, aber aus nostalgischen Gründen beschäftigt man sie immer noch: Die Town Crier, also die Stadtausrufer. Sie hatten die Aufgabe, öffentliche Bekanntmachungen auszurufen und dienten im Mittelalter als Nachrichtenquelle für die Bevölkerung, die oft des Lesens nicht mächtig war. Meist begannen die Town Crier ihre Bekanntmachungen durch dreimaliges Ausrufen des aus dem Französischen stammenden Wortes „Oyez„, was soviel wie „Hört!“ bedeutet. Gekleidet waren die Ausrufer oft in rot-goldenen Uniformen.

Heute messen die Stadtausrufer, die in der Ancient and Honorary Guild of Town Criers organisiert sind, gern ihre Fähigkeiten bei Wettbewerben, die über das ganze Sommerhalbjahr verstreut in England stattfinden.

Am 18. Oktober letzten Jahres fanden schon zum 62. Mal die Hastings National Town Criers Championships statt. Beurteilt werden die Ausschreier nach den Kriterien Lautstärke, Tonfall, Deutlichkeit der Aussprache und Kleidung. Was die Lautstärke betrifft, da schaffen einige die 120 Dezibel, in etwa der Lärm, den ein startender Düsenjet verursacht. Als Sieger aus den 22 Kontrahenten ging Devlin Hobson aus Middlewich in Cheshire hervor, der gerade erst für diesen Posten berufen worden war. Middlewich hatte viele Jahre lang keinen Town Crier mehr gehabt.
Hastings verfügt natürlich auch über einen Stadtausrufer, der bei dem Wettbewerb als Master of Ceremonies diente. So sahen die Championships in Hastings 1954 aus und so geht es heute bei den Wettbewerben zu, am Beispiel vom Tiverton Town Criers Competition 2011 und vom Chester World Town Crier Tournament 2010.

Einer der besten Town Crier des Landes ist Ken Knowles aus Lichfield in Staffordshire. Er heimste im letzten Jahre mehrere erste Preise ein, z.B. bei Wettbewerben in Kingsbridge (Devon), Crewkerne (Somerset) und Haslemere (Surrey).

Manchmal gerät ein Town Crier auch auf Abwege wie gerade eben erst in Oxfordshire passiert. Dort schmückte sich der Ausrufer, der für die Orte Oxford, Banbury, Thame, Wallingford und Chipping Norton gewirkt hat, mit falschen Orden, die er nicht auf übliche Weise als Auszeichnung bekam, sondern über das Internet erworben hatte. Die Folge: Er wurde all seiner Ämter enthoben und von der Loyal Company of Town Criers und der Ancient and Honorable Guild of Town Criers ausgestoßen.

Der Town Crier von Newbury in Berkshire.    © Copyright Bill Nicholls and   licensed for reuse under this Creative Commons Licence.

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Published in: on 20. Februar 2015 at 02:00  Schreibe einen Kommentar  

Das Eton Wall Game – „Bone-cracking“ aber nicht „Nerve-wrecking“

Der Kampf an der Mauer. This work is licensed under the Creative Commons Attribution-ShareAlike 3.0 License.

Der Kampf an der Mauer.
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Das Eton Wall Game, das im elitären Eton College gespielt wird, dürfte einerseits zu den härtesten, aber auch zu den langweiligsten Spielen gehören, die man sich vorstellen kann. Das eigentliche Ziel des Wall Games ist es, Tore zu erzielen, aber seit dem 30. November 1909 (!) hat das niemand mehr geschafft. Da hilft nur eins: Geduld, Geduld, Geduld.

Am St Andrew’s Day, eben dem 30. November, treffen die Collegers (die Stipendiaten) auf die Oppidans (das sind die anderen Schüler, die die vollen Studiengebühren zahlen müssen). Schauplatz des Eton Wall Games ist eine etwa 110 Meter lange Ziegelmauer auf dem Gelände des Colleges, auf dem die mehr oder weniger begeisterten Zuschauer sitzen und ihr jeweiliges Team anfeuern (oder auch vor lauter Langeweile gähnen). Das Spielfeld ist gerade einmal fünf Meter breit, auf dem sich die gegnerischen Mannschaften einen manchmal ziemlich brutalen Kampf um einen Ball liefern, der ans gegnerische Ende, das sogenannte „calx„, getrieben werden muss. Es gibt zwar bestimmte Regeln, was man bei dem Wall Game alles darf und was nicht, aber man gewinnt den Eindruck, dass diese Regeln entweder nicht beachtet oder auch gar nicht verstanden werden. Der Ball ist kaum einmal zu sehen, weil er in einem unentwirrbaren Spielerknäuel steckt.

2-mal dreißig Minuten dauert das Spiel, das häufig 0:0 ausgeht und wobei der Ball oft nicht nennenswert weit vom Startpunkt weg kommt. Das rugbyartige Wall Game wurde erstmals im frühen 18. Jahrhundert gespielt, nachdem die Backsteinmauer errichtet worden war. Einige prominente Etonians haben in der Vergangenheit an dem Spiel teilgenommen wie z.B. die beiden Prinzen William und Harry. Vor allem Harry, der ein Faible für harte Männersportarten hat, kann man sich gut bei dem Wall Game vorstellen. Der ehemalige Premierminister Harold McMillan, der Schriftsteller George Orwell und Londons Bürgermeister Boris Johnson waren ebenfalls Teammitglieder, die sich an der Mauer eine blutige Nase holten. Der bullige Johnson war sogar Mannschaftsführer während seiner Studienzeit in Eton.

Hier ist ein Film der British Paté aus dem Jahre 1956, der ein Eton Wall Game zeigt.

Der Eingang zum Eton College.    © Copyright Graham Horn and   licensed for reuse under this Creative Commons Licence.

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Published in: on 2. Februar 2015 at 02:00  Comments (2)  
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The Queen’s Champion und The Manor of Scrivelsby in Lincolnshire

Scrivelsby Gate House in Lincolnshire.    © Copyright Chris and   licensed for reuse under this Creative Commons Licence.

Scrivelsby Gate House in Lincolnshire.
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Seit dem Jahr 1066 existiert ein Amt am königlichen Hof, das The Queen’s Champion bzw. The King’s Champion heißt und nicht mit allzuviel Arbeit verbunden ist; zum Tragen kommt dieses Amt eigentlich nur bei Krönungsfeierlichkeiten und da die letzte Krönung nun schon über 60 Jahre zurückliegt, muss sich der gegenwärtige Amtsinhaber tödlich langweilen. Es ist zurzeit Lieutenant-Colonel John Lindley Marmion Dymoke, der im gleichen Jahr wie die Queen, nämlich 1926, geboren wurde. Sollte er tatsächlich einmal gefordert werden, so hätte Mr. Dymoke auf Grund seines Alters schlechte Karten, denn die eigentliche Aufgabe des Queens/King’s Champions ist es, anstelle des Herrschers Duelle auszufechten.

Es begann alles nach der Schlacht von Hastings, als Wilhelm der Eroberer einen gewissen Robert Marmion mit dem neu geschaffenen Amt betraute und der gleichzeitig das Manor of Tamworth und das Manor of Scrivelsby erhielt. Seine Aufgabe bestand darin, bei Krönungsfeierlichkeiten in voller Rüstung von einem Pferd herab einen Handschuh zu werfen und darauf zu achten, ob jemand diesen Handschuh aufnahm und damit Einspruch gegen die Krönung einlegte. Sollte das tatsächlich einmal passieren, so müsste der Champion diese Person zum Duell fordern, denn der König selbst durfte das nicht. So weit bekannt ist, trat dieser Fall niemals ein.

Gegen Ende des 14. Jahrhunderts gab es keine männliche Erben bei den Marmions mehr und so wurde das vererbbare Amt durch die weibliche Linie der Marmions durch Heirat auf Sir John Dymoke übertragen. Die Dymokes sind seitdem die Kings/Queens Champions, der gegenwärtige ist die Nummer 34. Da die Aufgabe als Champion nicht allzu fordernd ist, übertrug man ihm zusätzlich noch das Amt des Standard Bearers of England und in dieser Funktion war John Lindley Marmion Dymoke bei der Krönung Elizabeths II. 1953 anwesend; auf das Handschuhwerfen hatte man damals verzichtet, das geschah zuletzt 1821 bei der Krönung von Georg IV.

Das Manor House von Scrivelsby in Lincolnshire existiert nicht mehr; nur Scrivelsby Court, das ehemalige Gatehouse, steht noch. Die Zufahrt erfolgt durch das Lions’s Gate, dahinter erstreckt sich das weitläufige Parkgelände, das noch immer der Dymoke-Familie gehört. Das Anwesen liegt vier Kilometer südlich von Horncastle an der B1183 und wird heute gern für Hochzeiten benutzt.

The Lion's Gate in Scriverlsby.    © Copyright Chris and   licensed for reuse under this Creative Commons Licence.

The Lion’s Gate in Scrivelsby.
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Das Allendale Tar Barrel Festival – High Life am Silvesterabend in Northumberland

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Was die Büger von Ottery St Mary in Devon am Guy Fawkes Day treiben, das zelebrieren die Bewohner von Allendale und Umgebung in Northumberland am Silvesterabend: Beim Tar Barrel Festival laufen sie mit brennenden Teerfässern auf dem Kopf durch ihren Ort. 45 sogenannte Guisers unterziehen sich dieser Prozedur, die nicht so ganz einfach zu bewältigen ist, denn die alten Whiskyfässer wiegen so um die 15 kg.

Die Tradition, die auch als Tar Bar’l Festival bezeichnet wird, ist schon sehr alt; man verabschiedet damit das alte Jahr. Die Guisers sind verkleidet und haben ihe Gesichter angemalt; mit ohrenbetäubendem Lärm ziehen sie, von einer Blaskapelle begleitet, von einem Ende des Dorfes zum anderen. Das Ziel ist der Dorfplatz, wo eine Art Scheiterhaufen aufgebaut ist. Die Guisers umrunden den Haufen und unter dem Ruf „Be damned who throws last“ werfen die Tar Barrel Men ihre brennende Last hinein. Wenn es Mitternacht schlägt, spielt die Kapelle „Auld Lang Syne“, man fasst sich an den Händen, umarmt sich und wünscht sich ein frohes neues Jahr. Da bis um Mitternacht schon allerhand Hochprozentiges durch die Kehlen der Allendaler geflossen ist, geht es natürlich auf dem Dorfplatz recht munter zu.

Dieser Film gibt einen Eindruck von dem spätabendlichen Treiben am 31. Dezember in Allendale.

Der Ort liegt ziemlich abgelegen im „Niemandsland“ von Northumberland, südlich der A69, die von Carlisle nach Newcastle führt.

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Published in: on 31. Dezember 2014 at 02:00  Comments (2)  
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The Yorkshire Ridings Society und der Yorkshire Day

The Micklegate Bar in York. Hier wird am Yorkshire Day die "declaration. Eigenes Foto.

The Micklegate Bar in York. Hier wird am Yorkshire Day die „declaration of the integrity of Yorkshire“ verlesen.
Eigenes Foto.

Der Local Government Act von 1974, der die Verwaltungsgliederung in England reformierte, war ausschlaggebend, dass sich 1975 in Yorkshire The Yorkshire Ridings Society gründete, da die grafschaftspatriotischen Männer und Frauen hier oben im Norden des Landes fürchteten, dass Politik und Verwaltung ihr geliebtes Yorkshire in einer Form verändern würden, die sie auf keinen Fall wollten. Das Ziel der Society war und ist, die historischen Grenzen der größten Grafschaft Englands und die traditionelle Aufteilung in Ridings zu bewahren.

Yorkshire ist in das North, das West und das East Riding aufgeteilt, wobei die Stadt York einen Sonderstatus hat; ein South Riding gibt es nicht.

Der 1. August ist von der Yorkshire Ridings Society zum Yorkshire Day ausgerufen worden, an dem in der Stadt York an den vier Stadttoren die sogenannte „declaration of the integrity of Yorkshire“ verlesen wird, die so lautet:

„I, (name), being a resident of the [West/North/East] Riding of Yorkshire [or City of York] declare:
That Yorkshire is three Ridings and the City of York, with these Boundaries of 1134 years standing;
That the address of all places in these Ridings is Yorkshire;

That all persons born therein or resident therein and loyal to the Ridings are Yorkshiremen and women;
That any person or corporate body which deliberately ignores or denies the aforementioned shall forfeit all claim to Yorkshire status.
These declarations made this Yorkshire Day [year]. God Save the Queen!”

Der Yorkshire Day wird am 1. August begangen, weil an diesem Tag im Jahre 1759 während des Siebenjährigen Krieges die Schlacht bei Minden in Nordrhein-Westfalen stattfand, bei der sich das tapfere 51. Infanterieregiment aus Yorkshire besonders auszeichnete. Zum 250. Jahrestag der Schlacht machte sich eine Gruppe von Männern und Frauen zu Fuß auf den langen Weg von York nach Minden, um am Schauplatz der Schlacht bei Todtenhausen (ein Ortsteil von Minden) einen Rosenbusch zu pflanzen, natürlich mit weißen Rosen.

Am Yorkshire Day in diesem Jahr wurde auch das erste neue Yorkshire Boundary Sign eingeweiht, das die Autofahrer darauf hinweist, dass sie sich von jetzt ab in Yorkshire befinden. Dieser Film zeigt die Einweihungszeremonie an der A60; weitere Schilder sollen folgen.

Das Denkmal für die Schlacht bei Minden in Todtenhausen; hier wurde die weiße Rose von York eingepflantr. Author: Ingo2802. This file is licensed under the Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported license.

Das Denkmal für die Schlacht bei Minden in Todtenhausen; hier wurde die weiße Rose von York eingepflanzt.
Author: Ingo2802.
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Beautiful Yorkshire. Hier: Blick auf die Stadt Whitby an der Ostküste. Eigenes Foto.

Beautiful Yorkshire. Hier: Blick auf die Stadt Whitby an der Ostküste.
Eigenes Foto.

Published in: on 15. Dezember 2014 at 02:00  Comments (2)  
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Kein Weihnachtsfest in England ohne Christmas Cracker

This work is released into the public domain.

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Christmas Cracker gehören zu einem englischen Weihnachtsfest wie die Papierkrone und der Christmas Pudding. Man zieht an beiden Enden, es macht „Puff“ und heraus kommt irgendeine kleine Überraschung, die erwähnte Papierkrone, ein Zettel mit einem Witz („Who is Santa Claus married to? Mary Christmas!“) oder was den Herstellern der Knallbonbons sonst noch eingefallen ist. Eine Packung mit 6 Cracker kostet z.B. bei Hallmark £8.95; nach oben sind preislich keine Grenzen gesetzt. Bei Fortnum & Mason fand ich z.B. eine Luxusedition für £1000 („The King of Crackers“). In diesen speziellen Knallbonbons verstecken sich u.a. Kaschmirhandschuhe und eine silberne Krawattennadel.

Wie kam es nun überhaupt dazu, dass Christmas Cracker die festlich gedeckten englischen Esstische verzieren?
Das deutsche Wort „Knallbonbon“ führt auf die Spur der Entstehung, denn der „Vater der Christmas Cracker“, der Londoner Tom Smith, hatte 1840 bei einem Besuch in Paris Bon Bons entdeckt, in Papier eingewickelte Zuckermandeln, deren beide Enden verdreht waren. Tom Smith, der in der Londoner Goswell Road eine Konditorei und  einen Süßwarenladen besaß, übernahm die Idee und stellte diese Bonbons selbst her, die sich zur Weihnachtszeit gut verkauften. Irgendwie war er damit aber noch nicht zufrieden, und so entwickelte er die französische Erfindung weiter, indem er zuerst ein Papier mit einem kleinen Spruch darauf hinzufügte und schließlich auf die Idee mit dem „crackling sound“ kam, als er einmal einen Holzscheit auf sein Kaminfeuer warf. Smith experimentierte so lange mit Zündstreifen, die beim Aufreißen des Papiers einen Knall erzeugen, bis er zufrieden war und so entstand der Christmas Cracker.

Die Erfindung schlug sofort ein und die Nachfrage war so groß, dass Tom Smith seine Firma in größere Räumlichkeiten verlegen musste, die er am Finsbury Square in der City of London fand. Nach seinem Tod übernahmen seine Söhne die Crackerherstellung, die sie immer weiter verfeinerten, indem ständig neue Überraschungsinhalte in die Knallbonbons wanderten. Dort am Finsbury Square kann man noch heute einen Brunnen bewundern, den Tom Smiths Söhne Thomas und Walter in Gedenken an ihre Mutter Martha Smith errichten ließen.

1953 vereinigte sich die Firma Tom Smith mit Caley Crackers und zog von London nach Norwich in Norfolk. Heute gibt es nur noch den Markennamen Tom Smith; die Produkte werden von der Firma International Greetings PLC hergestellt und vertrieben.

Wie man einen Christmas Cracker auf einfache Weise selbst herstellt, zeigt dieser Film.

Nach dem Guinness Book of Records bestand die längste „Christmas Cracker Pulling Chain“ aus 749 Menschen, die den Rekord am 11. Dezember 2013 in Birmingham aufstellten (wenn er nicht mittlerweile gebrochen worden ist). Der längste Cracker, ebenfalls laut Guinness, wurde am 20. Dezember 2001 in Chesham in Buckinghamshire hergestellt. Er war 63,1 Meter lang und hatte einen Durchmesser von 4 Metern.

Die professionelle Herstellung von Knallbonbons zeigt dieser Film am Beispiel der Firma Celebration Crackers in Dorset.

Das Buch zum Artikel:
Peter Kimpton: Christmas Crackers – An Illustrated History. The History Press 2004. 160 Seiten. ISBN 978-0752431642.

Der Brunnen am Londoner Finsbury Square.    © Copyright N Chadwick and   licensed for reuse under this Creative Commons Licence.

Der Brunnen am Londoner Finsbury Square.
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Published in: on 12. Dezember 2014 at 02:00  Schreibe einen Kommentar  
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Die Tin Can Band von Broughton in Northamptonshire, die einmal im Jahr für nächtlichen Lärm sorgt

Ausgangspunkt des nächtlichen Treibens am 2. Sonntag im Dezember: St Andrew's in Broughton. Author: Dr Steven Plunkett. This file is licensed under the Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported license.

Ausgangspunkt des nächtlichen Treibens am 2. Sonntag im Dezember: St Andrew’s in Broughton.
Author: Dr Steven Plunkett.
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Normalerweise geht es in dem 2000 Einwohner zählenden Dorf Broughton in Northamptonshire, südwestlich von Kettering, nachts recht ruhig zu. An einem Tag aber, dem zweiten Sonntag im Dezember, ist ab Mitternacht hier der Teufel los, denn dann zieht die Tin Can Band mit einem Höllenlärm durch die Straßen. Treffpunkt ist die Kirche St Andrew, von dort aus geht es über die Church Street, die Gate Lane, die High Street, die Wellingborough Road und die Glebe Avenue zurück zum Ausgangspunkt. Die Tin Can Band hat keine festen Mitglieder, teilnehmen kann jeder, der sich mit entsprechenden „Musikinstrumenten“ ausstattet, die sehr laut sein müssen; das können mit Steinen gefüllte Töpfe sein oder Blechdeckel von Abfalltonnen, der Fantasie sind da keine Grenzen gesetzt. Der Spuk dauert rund eine Stunde, in der die meisten Bewohner des Ortes wohl kein Auge zu tun können. Zum Aufwärmen für diese nächtliche Runde bietet sich der Red Lion Pub an, der ab 20 Uhr „Beer and Carols“ auf dem Programm stehen hat, dazu gibt es „sausage rolls and mince pies“.

Wie dieser alte Brauch eigentlich entstanden ist, weiß keiner in Broughton mehr so genau, aber man vermutet, dass der Lärm etwas mit der Vertreibung böser Geister zu tun hat. Eine andere Version ist, dass früher auf diese Weise Zigeuner aus dem Ort vertrieben werden sollten, die man da nicht haben wollte. Oder aber es sind die Überreste des Brauches, vor den Häusern von Menschen Lärm zu machen, die sich in den Augen der Dorfbewohner unmoralisch verhalten haben (Ehebrecher, Mütter mit unehelichen Babies usw.). Wahrscheinlich würde es zahlreiche laute Nächte in Broughton geben, läge man die letztgenannten Maßstäbe auch heute noch an…

Published in: on 7. Dezember 2014 at 02:00  Schreibe einen Kommentar  
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Firing the Fenny Poppers in Fenny Stratford (Buckinghamshire) – Eine alte Martinstag-Tradition aus dem 18. Jahrhundert

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Am 11. November ist der Martinstag und genau an diesem Tag geht es in Fenny Stratford in Buckinghamshire jeweils um 12 Uhr, 14 Uhr und 16 Uhr ziemlich laut zu. Dann werden nämlich die Fenny Poppers gezündet, die mit einem lauten Knall abgeschossen werden. Fenny Poppers sind kleine krugförmige Kanonen, die mit Pyrodex gefüllt sind, einem Schwarzpulverersatz. Mit Hilfe eines langen Stockes, dessen Spitze erhitzt wird, entzündet man das Pulver und das Ergebnis ist ein Donnerschlag. Sechs Fenny Poppers gibt es und alle dürfen einmal im Jahr am Martinstag ihre Ladung abschießen.

Der Brauch geht bis in die Mitte des 18. Jahrhunderts zurück, als Browne Willis hier in Fenny Stratford die St Martin’s Church errichten ließ, in Erinnerung an seinen Großvater Dr. Thomas Willis, ein Arzt mit sehr gutem Ruf, der in London in der St Martin’s Lane in der Kirchengemeinde St Martin-in-the-Fields wohnte und der ausgerechnet auch noch am Martinstag, am 11. November 1675 starb. Nach einem üppigen Mahl, das Browne Willis nach Beendigung des Kirchenbaus gab, ließ er die Fenny Poppers erstmals abfeuern und diese Tradition hat sich bis zum heutigen Tag gehalten. Schauplatz ist der Leon Recreation Ground am Queensway.

Es gab einige wenige „Sonderzündungen“ aus wichtigen Anlässen:
1901 wurden 81 Salven abgeschossen zu Ehren von Königin Victoria, die in diesem Jahr starb (für jedes Lebensjahr eine Salve)
– Am 1. Januar 2000, um das neue Millennium zu begrüßen
– Am 4. August 2000, um den 100. Geburtstag von Queen Mum zu feiern
– Am 5. Juni 2012 aus Anlass des Diamantenen Thronjubiläums von Königin Elizabeth II.

Am kommenden Dienstag, dem 11.11. ist es also wieder soweit, dass Fenny Stratford von kleinen Explosionen erschüttert wird.

Fenny Stratford liegt südlich von Milton Keynes und ist der Nachbarort von Bletchley, wo man sich im Zweiten Weltkrieg mit der Dechiffrierung des deutschen Nachrichtenverkehrs beschäftigte (ich berichtete in meinem Blog darüber).

Dieser Film zeigt wie die Fenny Poppers gezündet werden.

Die St Martin's Church in Fenny Stratford.    © Copyright Nigel Cox and   licensed for reuse under this Creative Commons Licence.

Die St Martin’s Church in Fenny Stratford.
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Published in: on 5. November 2014 at 02:00  Schreibe einen Kommentar  
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Die Antrobus Soulcakers und die Comberbach Mummers – Mummenschanz in Cheshire

 

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Wenn man Anfang November abends in einigen Dörfern Cheshires merkwürdig gekleidete Menschen von Pub zu Pub ziehen sieht, dann ist wieder Soulcaking-Zeit. In dem kleinen Ort Antrobus sind es die Antrobus Soulcakers und im Nachbarort Comberbach sind es die Comberbach Mummers, die das Soulcaking Play aufführen. Da kommt erst einmal einer der Laienspieler in das Gasthaus und fragt, ob man hereinkommen darf. Wenn dem zugestimmt wird, erscheinen nach und nach kuriose Figuren wie der Black Prince und King George, die sich ein Schwertgefecht liefern, wobei der Black Prince schwer verletzt zu Boden geht. Auftritt des Quack Doctors, der den Black Prince wieder ins Leben zurückruft. Wieder geht die Pubtür auf und Lord Nelson kommt herein, der nach seiner Geliebten Emma Hamilton Ausschau hält. Der Höhepunkt des Schauspiels ist immer der Auftritt des Wild Horses, das vom Driver hereingeführt wird, eine Art menschliches Steckenpferd.
Das Soulcaking Play dauert rund 20 Minuten, dann marschiert die Truppe zum nächsten Pub. Da der Auftritt der Mummers und Soulcakers nicht ganz trocken verläuft und das eine oder andere Pint Bier gekippt wird, kann man nie so genau voraussagen wie es beim letzten Play des Abends zugehen wird…

Die Antrobus Soulcakers haben ihr „Hauptquartier“ im Antrobus Arms, während die Comberbach Mummers häufig im Spinner and Bergamot zu finden sind.

Soulcaking ist eine alte Tradition, die damit begann, dass Kinder von Haus zu Haus gingen und anboten, für die Seelen der Verstorbenen zu beten; dafür bekamen sie dann einen Soulcake, einen kleinen runden Kuchen. Später ließ man die Gebete fallen und ging nur noch zum Kucheneinsammeln von Tür zu Tür. Die Trick-and-Treaters der Halloween-Zeit lassen grüßen. Auch Erwachsene machten damals zu Allerseelen eine Runde durch ihr Dorf und führten vor den Häusern kleine Soulcaking-Plays auf, woraus sich die heute in den Pubs gespielten entwickelten.

Wenn die Antrobus Soulcakers und die Comberbach Mummers ihre Auftritte in den Pubs absolvieren, geht es immer sehr lustig zu wie diese beiden Filme beweisen: Film 1 zeigt die Comberbach-Version, Film 2 die Antrobus-Version.

Comberbach - Heimat der Soulcakers.    © Copyright Peter Whatley and   licensed for reuse under this Creative Commons Licence.

Comberbach – Heimat der Mummers.
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Published in: on 28. Oktober 2014 at 02:00  Schreibe einen Kommentar  
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