„Hickory, Dickory, Dock“ – Ein alter Kinderreim aus dem 18. Jahrhundert

Die astronomische Uhr der Kathedrale von Exeter.
Photo © Julian P Guffogg (cc-by-sa/2.0)

Mitte des 18. Jahrhunderts wurde der Kinderreim „Hickory, Dickory, Dock“ erstmals erwähnt und auch heute noch ist er bekannt, Agatha Christie hat sogar einen ihrer Romane so benannt, der 1955 erschienen ist und auf Deutsch „Die Kleptomanin“ heißt.

Der Reim ist recht simpel, aber Kinder in einem bestimmten Alter lieben ihn.

Hickory, dickory, dock.
The mouse ran up the clock.
The clock struck one,
The mouse ran down,
Hickory, dickory, dock.

Und so geht es in den nächsten Versen weiter, nur dass die Glockenschläge fortgezählt werden, „The clock struck two…“ usw. Ich kann mir vorstellen, dass genervte Eltern heilfroh sind, wenn ihr Kind endlich bei „The clock struck twelve“ angekommen ist.
Es gibt aber auch noch eine etwas anspruchsvollere Version (hier ein Beispiel), in der nicht nur die Maus die Uhr hoch und runter rennt. Da sind dann noch weitere Tiere beteiligt wie die Schlange, das Eichhörnchen, die Katze, der Affe und zu guter Letzt ein Elefant, der die Uhr schließlich ruiniert. Selbstverständlich kann man die Tiere nach Lust und Laune austauschen, aber die Maus im ersten Vers ist de rigueur.

Kommen wir auf die Uhr zu sprechen. Da soll die astronomische Uhr in der Kathedrale von Exeter (Devon) Pate gestanden haben, eine der Sehenswürdigkeiten der Kirche, die Ende des 15. Jahrhunderts hergestellt wurde. Unterhalb der Astronomical Clock führt eine Tür zum kompliziert aussehenden mechanischen Uhrwerk und in dieser Tür gibt es unten ein rundes Loch, wodurch es der Kirchenkatze, oder besser gesagt Kathedralenkatze, ermöglicht wurde, Mäuse zu fangen, die in dem Raum vielleicht Dummheiten machten, die der Uhr nicht gut bekamen.

Das Uhrwerk der astronomical clock.
Photo: Andrew Rabbott.
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Published in: on 1. Juni 2022 at 02:00  Kommentar verfassen  

Cornish Hurling in St Columb Major – Ein traditionelles, wildes Event in Cornwall

Das Stadtzentrum von St Columb Major.
Photo © David Gearing (cc-by-sa/2.0)

Am Faschingsdienstag eines jeden Jahres gibt es einige Ladenbesitzer in der Kleinstadt St Columb Major in Cornwall, die ihre Schaufensterscheiben vorsichtshalber mit Brettern abdecken, denn sonst könnten sie zu Bruch gehen. Warum? An diesem Tag, und dann noch einmal elf Tage später, wird in den Straßen und in der näheren Umgebung das traditionelle Cornish Hurling ausgetragen, ein Massenereignis, bei dem sich jüngere und ältere Männer um einen silbernen Ball balgen. Es gibt zwei Teams, die Townsmen und die Countrymen, die gegeneinander antreten (abhängig davon, ob sie in der Stadt oder der näheren Umgebung wohnen). Wie groß die jeweiligen Teams sind, erschließt sich mir nicht, es sollen um die 50 Personen sein, ebenso nicht, woran man erkennen kann, zu welcher Mannschaft die Männer eigentlich gehören. Ziel dieses rauen Wettbewerbs, der am Market Square beginnt, ist es, besagten Ball in eines der Tore zu bringen, die drei Kilometer voneinander entfernt stehen, oder ihn jenseits der Gemeindegrenzen zu bugsieren. Ich habe den Eindruck, dass es den meisten Männern in erster Linie darum geht, mal wieder so richtig die Sau rauszulassen, denn es geht beim Cornish Hurling ganz schön zur Sache. Blaue Flecken am ganzen Körper der Teilnehmer sind vorprogrammiert.

Der Sieger des circa zwei Stunden langen Wettbewerbs darf den silbernen Ball behalten, der einen Wert von etwa £1000 hat. Nachdem sich alle Teilnehmer ihre Wunden geleckt haben, geht es zum eigentlichen Höhepunkt des Tages, dem Besuch aller Pubs von Columb St Major. Dort wird der silberne Ball jeweils in einen Bierkrug eingetaucht und anschließend das „silver beer“ getrunken.
Hier ist ein Film über das St Columb Major Hurling. Eine ganz andere Form des Hurling ist hier zu sehen.

Engländer haben eine Vorliebe für derartige raue „Sportarten“; einige davon habe ich in meinem Blog im Laufe der Jahre vorgestellt, und ich denke da beispielsweise an das ebenfalls am Faschingsdienstag stattfindende Alnwick Shrovetide Football Match in Northumberland oder an das sogenannte Fußballspiel der Uppies gegen die Downies in Workington (Cumbria).

The Silver Ball in St Columb Major.
Photo: Ennor.
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Published in: on 18. März 2022 at 02:01  Kommentar verfassen  

Maidens‘ Garlands in englischen Kirchen

Ein besonders schönes Exemplar in der Holy Trinity Church in Minsterley (Shropshire).
Photo © Annette Randle (cc-by-sa/2.0)

Man findet sie noch in einigen englischen Kirchen, die Maidens‘ Garlands, die früher einmal die Särge unverheirateter Frauen schmückten, die ein „unbeflecktes“ Leben geführt hatten, daher auch manchmal „Virgin’s Crowns“ genannt. Nach der Beerdigung hängte man die kunstvollen Gebilde oft in der Kirche auf, versehen mit dem Namen der Verblichenen. Oxford Reference beschreibt die Maidens‘ Garlands folgendermaßen: „They are made of variegated coloured paper, representing flowers, fastened to small sticks crossing each other at the top, and fixed at the bottom by a circular hoop„.

Expertin für das Thema ist Rosie Morris, die eine eigene Webseite betreibt, und die in Minsterley in Shropshire geboren wurde, wo es in der Holy Trinity Church einige Maidens‘ Garlands zu sehen gibt. Sie schrieb ihre Dissertation an der Birmingham University mit dem Titel „Maidens‘ Garlands: the history and development of a post-reformation funeral custom“ (2001).

Wer sich im Süden des Landes aufhält und sich für das Thema interessiert, sollte unbedingt St Mary the Virgin in Abbotts Ann (Hampshire) aufsuchen, wo es die größte Sammlung von Maidens‘ Garlands in ganz England gibt. Dort lernen wir, dass diese Tradition nicht ausschließlich für Frauen galt, auch Männer bekamen zeitweise eine Virgin’s Crown. Als letzte erhielt hier die 73jährige Miss Lily Myra Annetts im Jahr 1973 einen solchen Sargschmuck.

Eine weitere Kirche, in der Maidens‘ Crowns zu sehen gibt, ist Old St Stephen’s in Robin Hood’s Bay an der Küste von North Yorkshire.

In St Mary the Virgin in Abbots Ann (Hampshire).
Photo © Maigheach-gheal (cc-by-sa/2.0)
In Old St Stephen’s in Robin Hood’s Bay (North Yorkshire)
Photo: FlickrDelusions.
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Published in: on 4. Januar 2022 at 02:00  Kommentar verfassen  

Die blauen Laternen vor englischen Polizeistationen

Charing Cross Police Station in London.
Author: Canley.
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In den 1860er Jahren tauchten immer häufiger blaue Laternen vor Londoner Polizeistationen auf. Das blieb nicht auf die Hauptstadt beschränkt, die „police blue lamps“ verbreiteten sich im ganzen Land und zeigten der Bürgern an, wo sie sich hinwenden konnten, wenn sie Hilfe benötigten. Warum sich die zuständigen Behörden für die Farbe Blau entschieden, ist nicht so ganz geklärt. Eine Vermutung geht in die Richtung, dass, da die Uniformen der Polizisten blau waren, man bei dieser Farbe bleiben wollte. Die blaue Laterne ist zu einem britischen Symbol geworden, ähnlich wie die vom Aussterben bedrohte rote Telefonzelle. Man sieht sie auch heute noch vor Dienststellen der Polizei.

Im Jahr 1950 kam ein Film in die Kinos, der den Titel „The Blue Lamp“ trug und damit schon auf den Inhalt hinwies, auf die tägliche Polizeiarbeit, in diesem Fall in London angesiedelt. In der Hauptrolle war Jack Warner als Police Constable George Dixon zu sehen. Aus diesem Spielfilm entwickelte sich einige Jahre später die erfolgreiche TV-Serie „Dixon of Dock Green“ (1955-1976), in der Jack Warner wieder in derselben Rolle zu sehen war. In den frühen Folgen begann jede Episode damit, dass PC Dixon unter einer blauen Laterne einige Worte sprach, das heißt, da die Serie noch in Schwarz-Weiß gedreht wurde, darf man annehmen, dass sie blau war. Hier ist ein Beispiel.

Hornsey Police Station in London.
Photo © Jim Osley (cc-by-sa/2.0)
Petersfield in Hampshire.
Photo © Colin Smith (cc-by-sa/2.0)
Published in: on 28. November 2021 at 02:00  Comments (1)  

The Needle and Thread Gaudy im Queen’s College in Oxford

Photo © Marathon (cc-by-sa/2.0)

Es ist immer wieder interessant, von den merkwürdigen Traditionen zu hören, die in den Colleges von Oxford und Cambridge, manchmal schon seit Jahrhunderten, gepflegt werden. In meinem Blog habe ich schon einige davon vorgestellt. Heute möchte ich mich etwas mit einem Brauch aus dem Queen’s College in Oxford beschäftigen, der The Needle and Thread Gaudy heißt und der immer zu Beginn eines neuen Jahres ausgeübt wird. Wer den Begriff „gaudy“ noch nicht gehört hat: Es handelt sich dabei um ein feierliches Abendessen für ehemalige Abgänger eines Colleges.

Was hat das nun mit Nadel und Faden zu tun? Anlässlich dieses Abendessens tritt der Bursar des Queen’s College in Aktion, also der Mann, der für die Finanzen zuständig ist. Er händigt jedem der Anwesenden, die eine spezielle Einladung für den Abend erhalten haben, eine Nadel und einen seidenen Faden aus, mit den Worten „Take this and be thrifty„. Der Bursar ermahnt also alle, im kommenden Jahr sparsam zu sein. Ob er da wohl als leuchtendes Vorbild vorangeht?

Der Brauch ist Hunderte von Jahren alt und man vermutet, dass er auf den Namen des Gründers des Queen’s College zurückgeht, einen gewissen Robert de Eglesfield (1295-1349). „Aiguille“ heißt auf Französisch „Nadel“, „fil“ ist der Faden“, aiguille + fil = Eglesfield; mit etwas Fantasie kann man da einen Zusammenhang erkennen. Egal ob das nun stimmt oder nicht: Wir freuen uns, dass dieser recht skurrile Brauch noch immer am Leben gehalten wird. Am 8. Januar 2022 um 18.30 Uhr findet die nächste Needle and Thread Gaudy statt; die Einladung erging an ehemalige Studenten, die sich in den Jahren 1976 und 1977 immatrikuliert hatten.

The Upper Library des Queen’s College. Hier werden vor dem Abendessen die Drinks zu sich genommen.
Author: TyB.
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Published in: on 27. November 2021 at 02:00  Kommentar verfassen  

John Callcott Horsley und die erste Weihnachts-Grußkarte

John Callcott Horsleys erste Weihnachtskarte.
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Der Londoner John Callcott Horsley (1817 – 1903) war ein Maler und Illustrator und ging in die Historie ein, als Schöpfer der ersten Weihnachts-Grußkarte. Der umtriebige und ideenreiche  Staatsbeamte Sir Henry Cole (1808 – 1882) hat aber auch seinen Anteil daran, denn er kam auf die Idee, zu Weihnachten anderen Menschen Karten zu schicken.

Diese erste Weihnachtskarte zeigt eine offensichtlich heitere Familie in Feierlaune, denn der Alkohol spielt bei ihrer Weihnachtsfeier eine nicht unbedeutende Rolle; sogar der kleinen Tochter wird ein Glas Rotwein eingeflößt, was zu einer Kontroverse führte („fostering the moral corruption of children“).

Sir Henry Cole hatte gar nicht damit gerechnet, dass seine Idee zünden würde, aber es dauerte nur ein paar Jahre und das Versenden von Weihnachtskarten war in England absolut „in“, zumal das Porto nur einen Penny kostete.
1000 Karten wurden 1842 mit dem Motiv von John Callcott Horsley gedruckt und lediglich 12 sollen noch heute erhalten sein.

Besonders beliebt waren in der viktorianischen Zeit die „trick cards„, eine Weiterentwicklung der „normalen“ Weihnachtskarte. Beim Öffnen der Karte entfaltete sich beispielsweise ein Blumenstrauß oder eine sehr realistisch reproduzierte Banknote erschien (die so naturgetreu nachgemacht war, dass sie schnell wieder aus dem Verkehr gezogen werden musste). Der Fantasie waren damals keine Grenzen gesetzt.

Noch ein paar Worte zu John Callcott Horsley. Er war der Schwager Isambard Kingdom Brunels, dem berühmtesten Ingenieur der viktorianischen Ära. Horsley war in einer Zeit, die von Prüderie beherrscht war, der „Oberprüde“, denn er wandte sich z.B. entschieden dagegen, dass beim Anfertigen von Aktzeichnungen Nackte Modell standen. Er machte sich dabei auch ziemlich lächerlich, denn er bekam den Spitznamen „Clothes Horsley“ verpasst.

Ganz andere Vorstellungen einer „Christmas Card“ hat Terry Gilliam, einer der Monty Pythons, hier zu sehen.

Das Buch zum Artikel:
George Buday: The History of the Christmas Card. Spring Books 1964. 304 Seiten.

John Callcott Horsley.
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Published in: on 15. November 2021 at 02:00  Kommentar verfassen  

Hunting the Mallard – Die exzentrische Entenjagd im All Souls College in Oxford

Das All Souls College in Oxford.
Photo © Philip Halling (cc-by-sa/2.0)

„Die spinnen, die Briten“, würde Asterix sagen, wenn er von diesem seltsamen Brauch gehört hätte, der im All Souls College in Oxford gepflegt wird. Ein Brauch, der einmal in 100 (in Worten: Hundert) Jahren ausgeübt wird und der Hunting the Mallard heißt. Gejagt beziehungsweise gesucht wird hier eine Stockente (mallard). Warum?

Es begann im Jahr 1437, als das College erbaut wurde. In einem Graben fanden Bauarbeiter eine überdimensionale Ente, die sofort wegflog, so dass sie nicht gefangen und verspeist werden konnte. Die Fellows des Colleges fanden das schade und organisierten eine jährliche Entenhatz, die kreuz und quer durch All Souls führte. Dass dabei eine Menge Alkohol im Spiel war, lässt sich ahnen.

Da die Exzesse bei der Suche nach der Ente aber immer mehr zunahmen, wurde aus dem jährlichen Schauspiel ein Ereignis, das nur einmal alle 100 Jahre stattfinden sollte: Immer am 14. Januar und immer in einem Jahr, das mit „01“ endet.

Für die letzte Entenjagd im Jahr 2001 wählte man wieder einen Lord Mallard, Dr Martin West, dem sechs Offiziere zur Seite gestellt wurden. Um Mitternacht zog diese Gesellschaft, ergänzt durch weitere Fellows, darunter zwei frühere konservative Kabinettsmitglieder, mit Laternen und Fackeln durch alle Räume des Colleges, vom Keller bis zum Dachboden, unter Absingen des „Mallard Songs„, dessen Refrain so geht:

O, by the blood of King Edward
O, by the blood of King Edward,
It was a swapping, swapping Mallard!

Der Lord Mallard, der eine hölzerne Ente in der Hand hielt, wurde dabei von vier Fellows auf einer Sänfte getragen. Vorab ergötzten sich alle an einem 14-gängigen Abendessen in der Codrington Library des Colleges.

Bei dem vorletzten „Enten-Event“ im Jahr 1901 war übrigens der spätere Erzbischof von Canterbury, Cosmo Lang, der Lord Mallard.

Die Wahrscheinlichkeit, dass jemand von uns das nächste Hunting the Mallard am 14. Januar 2101 miterlebt, ist wohl eher gering. Hoffentlich gerät bis dahin dieser skurrile Brauch nicht in Vergessenheit.

Nach so einer Stockente wird in Oxford gesucht.
Photo © Albert Bridge (cc-by-sa/2.0)
Published in: on 16. Oktober 2021 at 02:00  Comments (3)  

Foden’s Band aus Sandbach (Cheshire) – Eine der besten Blasmusikkapellen der Welt

Author: lantresman.
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Die meisten Blasmusikkapellen (brass bands) Englands kommen aus der nördlichen Landeshälfte und haben ihren Ursprung in den Bergarbeiterfamilien wie beispielsweise die Grimethorpe Colliery Band aus South Yorkshire und die Muker Silver Band aus North Yorkshire, die ich beide in meinem Blog porträtiert habe. Der Spielfilm „Brassed Off“ (dt. „Brassed Off – Mit Pauken und Trompeten“) hat das Thema sehr schön umgesetzt.

Einen anderen Ursprung hat eine der anerkannt besten Blasmusikkapellen der Welt, die Foden’s Band aus dem Ort Sandbach in der Grafschaft Cheshire. Foden war eine Firma, die Lastwagen und Busse herstellte und nach ihrem Gründer Edwin Foden (1841–1911) benannt worden ist. 1999 wurde die Produktion in Sandbach eingestellt.

Edwin Foden gründete die Fodens Motor Works Band Anfang des 20. Jahrhunderts, und er hätte sich wohl nicht träumen lassen, dass seine Brass Band noch 120 Jahre später existieren würde. Unter dem Dirigenten Fred Mortimer begann in den 1930er Jahren der Erfolgskurs der Band, die sich mehrfach, je nach Sponsor, umbenannte, und ab 2008 nur noch unter dem Namen Foden’s Band firmiert.

X-fach hat die Kapelle nationale Wettbewerbe gewonnen wie die National Brass Band Championships of Great Britain und die British Open Brass Band Championships. Im internationalen Brass Band Ranking liegt Foden’s Band zur Zeit auf Platz 4. Auf Platz 1 liegt die walisische Band Cory, auf Platz 2 und 3 die Yorkshire-Bands Black Dyke und Brighouse & Rastrick (auf Platz 77 liegt momentan die einzige deutsche Band unter den Top 100, die 3BA Concert Band, die in diesen Tagen aus Ingolstadt nach Friedberg bei Augsburg zieht).

In diesem Film ist die Foden’s Band zu sehen und zu hören.

Published in: on 4. Oktober 2021 at 02:00  Comments (1)  

The Duck Feast in Charlton (Wiltshire)

The Cat Inn in Charlton
Photo © Rog Frost (cc-by-sa/2.0)

Heute begeben wir uns wieder einmal in die Grafschaft Wiltshire, genauer gesagt in den Ort Charlton und dort wiederum in The Cat Inn (ursprünglich hieß der Pub The Red Lion, aber der Löwe auf dem Wirtshausschild war so schlecht gemalt, dass man nur vom The Cat Inn sprach), wo jedes Jahr um den ersten Juni herum eine kuriose Tradition fortgesetzt wird, deren Ursprung in das Jahr 1734 zurückzuverfolgen ist: The Duck Feast. Wer jetzt denkt, dass es im Cat Inn ein großes Festessen mit Enten gibt, der ist auf dem Holzweg, denn mit „Duck“ ist nicht das Federvieh sondern der Dichter Stephen Duck gemeint, der von 1705 bis 1756 lebte und in Charlton geboren wurde. Heute kennen wohl nur noch wenige den Namen dieses Bauernpoeten, der von Beruf Drescher und dessen wichtigstes Handwerkszeug die Sense war. Sein erstes Werk hieß denn auch „The Thresher’s Labour„, 1730 erschienen, ein Gedicht, das vom harten Leben der Landarbeiter erzählte und das erstaunlicherweise in der Londoner Gesellschaft für Furore sorgte. Queen Caroline, Gattin König Georgs II., wurde auf Stephen Duck aufmerksam; sie förderte ihn und machte ihn zum „Governor of Duck Island„, einer kleinen Insel auf einem See im Londoner St James’s Park, auf der das Duck Island Cottage stand und noch heute steht. Ob Queen Caroline es als Gag betrachtete, einen Mann namens Duck zum Gouverneur einer Insel zu machen, die bereits Duck Island hieß und nicht nach dem Poeten benannt worden war, mag ich nicht zu beurteilen. Witzig war es aber schon. Neben seinem „Gouverneursposten“ erhielt Stephen Duck von Queen Caroline noch einen weiteren Auftrag, er wurde verantwortlich für Merlin’s Cave, einem Folly im Richmond Park, in dem Wachsfiguren ausgestellt waren und das 1766 wieder abgerissen wurde..

Ein weiterer Förderer Stephen Ducks war der Politiker und Parlamentarier Lord Palmerston (1673-1757), und da kommen wir wieder auf das eingangs erwähnte Duck Feast in Charlton zurück, das Palmerston 1734 ins Leben rief und auch bezahlte. Zwölf Drescher und Stephen Duck kamen jährlich einmal im Dorfpub zu einem Abendessen zusammen (bei dem möglicherweise auch hin und wieder Ente serviert wurde, das ist aber nur eine Spekulation meinerseits). Auch heute noch nehmen dreizehn Personen an dem Duck Feast im Cat Inn teil; einer der Teilnehmer wird zum Chief Duck ernannt und trägt während des Essens einen Hut mit Entenfedern.

Ich liebe diese alten englischen Traditionen…

Stephen Duck hatte wohl Probleme mit seinem Aufstieg vom einfachen Landarbeiter in die Londoner Gesellschaft. Er nahm sich 1756 das Leben, indem er sich hinter dem Pub The Black Lion bei Reading in einem Teich ertränkte.

Das Duck Island Cottage im St James’s Park in London.
Photo © Robin Sones (cc-by-sa/2.0)
Published in: on 22. September 2021 at 02:00  Kommentar verfassen  

The Beam Heath Trust oder Wie man reich wird in Nantwich (Cheshire)

Die Middlewich Road im Norden von Nantwich, links und rechts der Straße liegt die Beam Heath.
Photo © Espresso Addict (cc-by-sa/2.0)

Die kleine Stadt Nantwich in der Grafschaft Cheshire liegt nahe der Grenze zu Wales und verfügt über eine hübsche High Street mit sehenswerten Fachwerkhäusern. Hier gibt es eine Tradition, die in das Jahr 1823 zurückreicht und auf dem sogenannten Beam Heath Act basiert, einem Gesetz, das in diesem Jahr das britische Parlament erlassen hat.

Beam Heath war eine Fläche vor den Toren Nantwichs, auf dem seit Menschengedenken Kühe grasen durften. Das änderte sich durch das Gesetz, das vorsah, das Areal für eine andere landwirtschaftliche Nutzung zu verwenden, zum Verdruss der Kuhbesitzer. Damit diese aber entschädigt werden konnten, wurde der Beam Heath Trust gegründet, der darauf achten sollte, dass ein Teil der Einnahmen, die hier erzielt wurden, auf die Geschädigten verteilt werden. Dieser Trust existiert noch heute, und auch heute kommt ein Teil der Bewohner in den Genuss dieser Ausschüttung.

Die Trust-Einnahmen wuchsen in den letzten Jahren, weil sich auf dem Areal beispielsweise ein Supermarkt der Sainsbury-Kette niedergelassen hat, sowie der Barony Employment Park, ein Gewerbegebiet mit Büroflächen. All das, zusammen mit weiterhin landwirtschaftlich genutzten Flächen, spült Geld in die Kassen des Beam Heath Trusts, der dies zu gleichen Teilen auf die etwa 2000 anspruchberechtigten Bürger von Nantwich verteilt.

Die Auszahlung erfolgt nicht etwa per Banküberweisung, jeder erhält einen Scheck, der persönlich an der Haustür übergeben wird. Ende der 1990er Jahre betrug die Dividende £4, nach der Ansiedlung von Sainsbury und anderen Gewerbetreibenden kletterte sie auf über £30.

Sainsbury’s Superstore in Nantwich spült Geld in die Kasse des Beam Heath Trusts.
Photo © Christopher Hilton (cc-by-sa/2.0)

Published in: on 16. August 2021 at 02:00  Kommentar verfassen  

Richard Munslow, der letzte „sin-eater“ Englands

Das Sin-Eater Festival vor dem Pub The Bridges in Ratlinghope (Shropshire).
Photo © Bill Boaden (cc-by-sa/2.0)

Wenn nicht gerade Corona dem Treiben einen Strich durch die Rechnung macht, findet jedes Jahr in dem Örtchen Ratlinghope in der Grafschaft Shropshire am Pub The Bridges das Sin-Eater Festival statt. Was hat es nun mit den „Sündenfressern“ auf sich und warum gilt ihnen ein Festival in diesem Dorf?

Es handelt sich um einen Brauch, der früher einmal in Wales und den angrenzenden englischen Grafschaften üblich war. War jemand gestorben, der vor seinem Ableben keine Gelegenheit mehr gehabt hatte, seine Sünden zu beichten, dann griff man zu einem Trick, um dem Verblichenen doch noch von seinen Sünden zu befreien. Ein „sin-eater“ wurde engagiert, der über der Leiche ein Mahl zu sich nahm, damit durch diese Mahlzeit die Sünden absorbiert wurden. Nun trug dieser arme Mensch die Sünden des Verstorbenen mit sich herum, was er aber nur aus finanziellen Gründen tat, denn es gab für diese „Arbeit“ auch einen kleinen Obolus.

Damit wäre die erste Frage geklärt. Ratlinghope feiert sein Festival weil hier auf dem Kirchhof von St Margaret’s ein gewisser Richard Munslow beigesetzt worden ist, der als letzter sin-eater Englands gilt. Munslow war ein Farmer aus dem benachbarten Upper Darnford, der im Jahr 1906 starb. Er war der Vater von sieben Kindern, von denen vier schon in jungen Jahren starben. Der Farmer gehörte also nicht in die Gruppe von Menschen aus denen sin-eater normalerweise rekrutiert wurden, aber der Verlust seiner Kinder soll ihn dazu veranlasst haben, diesen schon fast vergessenen Brauch wieder aufleben zu lassen.

Das Dorf Ratlinghope und die Kirche St Margaret’s spielte schon einmal eine Rolle in meinem Blogpost vom 23. Januar 2019 über den Reverend Edmund Donald Carr.

St Margaret’s in Ratlinghope. Das Grab von Richard Munslow liegt linkerhand außerhalb des Fotos.
Photo © Row17 (cc-by-sa/2.0)
Published in: on 26. Juli 2021 at 02:00  Kommentar verfassen  

Die Cogs & Wheels Ladies Morris Dancers aus Sticklepath in Devon

Die Finch Foundry des National Trusts in Sticklepath (Devon).
Photo © Chris Allen (cc-by-sa/2.0)

Mit den Morris Dancers ist es wie mit Marmite, etwa man liebt sie oder man hasst sie. Wie viele negative Bemerkungen habe ich in Büchern über England schon über sie gelesen? Auf den Webseiten von expatclaptrap.com ist von „Britain’s secret shame“ die Rede. „Morris dancers are men, women and sometimes children, who deck themselves out in frilly, puffy clothes and big hats, and prance around in circles, whacking sticks together while waving around little flags“, so wie hier zu sehen. Wo auch immer in England ein Dorffest veranstaltet wird, die Morris Dancers sind meist allgegenwärtig.

Häufig sind es Männer, die sich da ein wenig zum Affen machen, doch gibt es auch weibliche Morris Dancers wie die Cogs & Wheels Ladies Morris Dancers aus dem Dartmoor-Dorf Sticklepath in Devon. 1995 wurde diese Formation in der der National Trust gehörenden Finch Foundry gegründet, das ist eine alte Schmiede, deren Werkzeuge und Maschinen durch Wasserkraft angetrieben wurden, daher ist auch der Name der Morris Dancers, „cogs and wheels“, auf die Schmiede zurückzuführen. Die 23 weiblichen Folklore-Tänzerinnen üben dort nicht mehr, sondern in der Victory Hall im benachbarten South Zeal. Von Mai bis September sind die Damen in der Regel unterwegs und geben ihre Vorstellungen im Dartmoor und in der Umgebung. Ihr letzter Auftritt war am 1. Juli im Pub The Tors Inn in Belstone, ein kleines Stückchen westlich von Sticklepath gelegen.

Ob man nun die Morris Dancers mag oder nicht, sie sammeln bei ihren Auftritten Geld ein, das wohltätigen Zwecken zugute kommt und das ist doch etwas Positives.

In diesem Film sind die Ladies beim Tanzen zu sehen.

Die Victory Hall in South Zeal (Devon).
Photo © Richard Dorrell (cc-by-sa/2.0)
The Tors Inn in Belstone (Devon).
Photo © Mike White (cc-by-sa/2.0)
Published in: on 8. Juli 2021 at 02:00  Kommentar verfassen  

The Portreeve of Ashburton (Devon)


The Silent Whistle, einer der Pubs in Ashburton, dessen Bier getestet wird.
Photo © Chris Allen (cc-by-sa/2.0)

Ich bin nur einmal in Ashburton (Devon) am Rand des Dartmoors gewesen, als ich an einem regnerischen dunklen Herbsttag mit meinem Wohnmobil auf dem einzigen geöffneten Campingplatz im Dartmoor übernachten wollte, und meine Frau und ich dort die einzigen Gäste waren. Da fühlten wir uns doch zu einsam, so packten wir unsere Sachen wieder zusammen und fuhren in ein Hotel in Ashburton.

Damals hatte ich nicht das Vergnügen, dem Portreeve der kleinen Stadt zu begegnen. Dieses Amt, das von einer männlichen oder weiblichen Person bekleidet werden kann, wurde bereits im Jahr 820 eingeführt und diente ursprünglich dazu, in königlichem Auftrag die Steuer- und Finanzaufsicht in den jeweiligen Orten zu führen.

Erstaunlicherweise gibt es in Ashburton dieses Amt noch immer. Der, beziehungsweise die, sogenannte Portreeve hat heute selbstverständlich andere, rein symbolische Aufgaben. In diesem Jahr müsste es bereits der 1200. Portreeve in der Geschichte der Stadt Ashburton sein, der wieder im November in sein Amt eingeführt wird, das er ein Jahr lang inne hat.

Welche Aufgaben hat nun ein Portreeve im 21. Jahrhundert? Nach wie vor ist ein wesentlicher Teil die sogenannte Ceremony of Ale Tasting and Bread Weighing am dritten Samstag im Juli. Da muss der Portreeve, unterstützt von einigen Offiziellen, prüfen, ob die Wirte der Pubs von Ashburton auch vernünftiges Bier ausschenken. Nachdem eine zufriedenstellende Geschmacksprobe genommen worden und das Urteil positiv ausgefallen ist, erhält der Wirt einen Zweig Immergrün, den er über seiner Eingangstür zur Schau stellen kann, damit die Gäste wissen, hier gibt es gutes Bier. Diese Aufgabe des Portreeves und seiner Helfer wird sicher immer sehr gern durchgeführt.

Beim breadweighing geht es ähnlich zu. Die Bäcker der Stadt werden aufgesucht und die Brotlaibe auf Qualität überprüft, weiterhin wird gewogen, ob das Gewicht der Brote den Angaben entspricht. Ist alles in Ordnung erhält der Bäcker ein entsprechendes Zertifikat.

Diese vom Portreeve angeführte Ale Tasting and Bread Weighing Zeremonie wird selbstverständlich in Roben und Uniformen durchgeführt. Hier ist sie in einem Film zu sehen.

Published in: on 21. Juni 2021 at 02:00  Kommentar verfassen  

„Oyez, oyez, oyez“ – Der Town Crier von Wimborne Minster (Dorset)

Author: Dorset Photographic
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Mit den laut gerufenen Worten „Oyez, oyez, oyez“ (Hört, hört, hört“) beginnen oft die „Town Crier„, die Stadtschreier, ihre Botschaften an das Volk. Früher hatten diese Herren weit mehr Rechte als ihre heutigen Nachfahren; sie fungierten als Aufsichtspersonen und nahmen manchmal sogar polizeiähnliche Aufgaben wahr. Die verbliebenen Stadtschreier heute haben nur noch eine rein zeremonielle Funktion.

Einer dieser Herren mit den durchdringenden Stimmen ist Chris Brown in Wimborne Minster in Dorset und das schon seit 33 Jahren. Er sieht auch so aus wie man sich einen typischen Town Crier vorstellt: Er trägt eine Uniform, einen entsprechenden Hut, ist Vollbartträger und hat bei der Ausübung seines Amtes eine Glocke in der Hand. Fünfmal war Chris Brown schon Dorset County Champion Crier und einmal The Ancient and Honourable Guild of Town Criers Champion. Er ist Mitglied in der Loyal Company of Town Criers, die alljährlich einen Wettkampf organisiert und den besten Ausrufer auszeichnet. Im vorigen Jahr fiel der Wettbewerb wegen Corona aus, in diesem Jahr wurde er virtuell und stumm ausgetragen, das heißt, die Town Crier mussten den Inhalt ihrer Ausrufe einreichen, der dann beurteilt wurde; das Thema lautete „Natur und Umwelt“. Als Sieger ging Alistair Chisholm aus Dorchester hervor.

Doch zurück zu Chris Brown, der in Wimborne Minster und Umgebung auch noch als DJ Dapper Dan bekannt ist, der beim örtlichen Rundfunksender Radio Wimborne eine eigene wöchentliche Show hat mit dem Titel „Skanking Delights„, in der er Reggaemusik spielt (immer dienstags von 22 Uhr bis 24 Uhr). Und wie beginnen seine Sendungen immer? Mit „Oyez, oyez“ natürlich. Hier ist ein Beispiel. Und hier ist Chris Brown in voller Aktion als Town Crier zu sehen.

DJ Dapper Dan.
Author: western4uk
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Published in: on 28. Mai 2021 at 02:00  Kommentar verfassen  

The Planting of the Penny Hedge in Whitby (North Yorkshire)

Photo © Alan Fryer (cc-by-sa/2.0)

Ein uralter Brauch namens Planting of the Penny Hedge wird seit Mitte des 12. Jahrhunderts in Whitby an der Küste North Yorkshires durchgeführt. Schauplatz: Der Upper Harbour am River Esk. Jeweils am Vorabend des Himmelfahrtstages pflanzen zwei Männer eine kleine Hecke aus Weiden- und Haselnusssträuchern in den Fluss. Diese Hecke muss so stabil sein, dass sie drei aufeinander folgenden Fluten widersteht. Nicht ganz klar ist, warum die Zeremonie „Planting of the Penny Hedge“ heißt. Eine Möglichkeit ist, dass das Wort „Penny“ von „penny knife“ kommt, dem Messer mit dem die Sträucher geschnitten werden. Die andere, wahrscheinlichere Möglichkeit, ist, dass sich „penny“ auf „penance“ = Strafe bezieht und damit auf den Ursprung der Tradition.

Mitte des 12. Jahrhunderts begaben sich drei Jäger adligen Geblüts im Eskdale auf die Jagd; dabei spürten sie einen Eber auf, den sie verfolgten. Der Eber suchte Zuflucht bei einem Mönch, der als Einsiedler lebte, und der sich des Tieres annahm und es gegen die Jäger verteidigte. Voller Wut, dass sie ihre Beute nicht bekommen sollten, erschlugen sie den frommen Mann. Die Jäger wurden merkwürdigerweise für ihre abscheuliche Tat nicht verurteilt, sondern erhielten eine Strafe aufgebrummt, die darin bestand, dass sie einmal im Jahr, wie oben schon erwähnt, am Vorabend des „Ascension Days“ die Hecke pflanzen mussten; sie und ihre Nachfahren in Ewigkeit. Sollte die Hecke der Flut nicht standhalten, dann würde das Land der Jäger an den Abt von Whitby fallen. Nur einmal, im Jahr 1981, war das Fall, allerdings hatte das keine Konsequenzen… Wie ich finde, eine Strafe mit der die drei Männer gut leben konnten.

Wenn die Hecke fertig ist, wird ein Jagdhorn geblasen und einer der Männer ruft dreimal „Out on ye! Out on ye! Out on ye“…und dann kann die Flut kommen und sich über die Mini-Hecke hermachen. Hier ist das alles noch einmal im Film zu sehen.

Die Hecke am River Esk.
Photo © Mike Kirby (cc-by-sa/2.0)
Published in: on 12. Mai 2021 at 02:00  Kommentar verfassen  

Der älteste, noch aktive Briefkasten Großbritanniens in Holwell (Dorset)

Die Firma John M. Butt & Co in Gloucester stellte in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in der Kingsholm Foundry alle möglichen Gegenstände aus Metall her wie Poller, Kanaldeckel, Dachrinnen und Briefkästen. Aus dieser Gießerei stammt auch der rote Briefkasten, der vor dem Barnes Cross Cottage an der Straße Cornford Hill außerhalb des Dorfes Holwell in der Grafschaft Dorset steht. Im Jahr 1853 wurde der Briefkasten produziert, der damit die älteste noch aktive „letterbox“ in ganz Großbritannien ist. Man findet darauf die Initialen „VR“ für Victoria Regina, also für Queen Victoria. Besonderheiten sind der vertikale Briefeinwurfschlitz und die vieleckige Form des Kastens. Am 16. September 1987 wurde er unter Denkmalschutz gestellt. Der Briefkasten wird regelmäßig geleert, ich kann mir aber nicht vorstellen, dass viele Briefe darin zu finden sind, denn er steht ziemlich einsam vor dem Cottage in dieser dünn besiedelten Region.

Es gibt noch drei weitere Briefkästen der Firma John M. Butt & Co., die überlebt haben, allerdings anders aussehen: Einer ist im Londoner National Postal Museum zu finden, einer im Museum der Stadt Haverfordwest in der Grafschaft Pembrokeshire in Wales und einer im ehemaligen Stonehouse Hospital in Plymouth (Devon).

Die Kingsholm Foundry in Gloucester existiert schon lange nicht mehr; dort, wo sie einmal stand, ist heute die Kingsholm Church of England Primary School.
Holwell mit seinem alten Briefkasten liegt acht Kilometer südöstlich von Sherborne, der nächst größeren Stadt (knapp 10 000 Einwohner).

Ein weiterer Blogeintrag zum Thema „Briefkästen“ ist hier zu finden.

 

Published in: on 22. März 2021 at 02:00  Comments (2)  
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Bath in Somerset Teil 1: Das Pump Room Orchestra und sein Nachfolger das Pump Room Trio

Der Pump Room, links der Eingang zum Restaurant.
Photo © Rick Crowley (cc-by-sa/2.0)

Bei meinen Besuchen in der Stadt Bath (Somerset) habe ich immer eines vermieden: Ich habe niemals das angeblich heilende Wasser dort probiert. Schon der Geruch allein soll ziemlich übel sein. Der Pump Room und die Roman Baths waren und sind das Zentrum der Heilwasserquellen der Stadt. „Visitors can drink the water or have other refreshments while there„, heißt es auf der englischsprachigen Wikipedia, wobei ich die „other refrehments“ immer vorziehen werde. Der Dandy Beau Nash war zu Beginn des 18. Jahrhunderts der große Zampano in Bath, auf dessen Initiative hin, das Gebäude namens Pump Room errichtet wurde, und Nash gründete auch das Pump Room Orchestra, das für die musikalische Unterhaltung der Gäste sorgen sollte. Er hätte es sicher nicht für möglich gehalten, dass dieses Orchester dreihundert Jahre lang Bestand haben würde.

Ende des 18. Jahrhunderts wurde das Gebäude durch ein neues ersetzt, in dem das Orchester weiterhin aufspielte. Berühmte Namen der Musikwelt spielten mit dem Orchester wie Arthur Rubinstein und Daniel Melsa beziehungsweise waren Gastdirigenten wie Sir Thomas Beecham und Sir Edward Elgar. In den 1930er Jahren übertrug sogar die BBC Konzerte des Pump Room Orchestras. Nach dem Zweiten Weltkrieg existierte das Orchester nicht mehr; an seine Stelle trat das Pump Room Trio, das bis heute für die Gäste des Restaurants aufspielt. Es sind derzeit Matthew Everett (Geige), Tim Gilbert (Cello) und Derek Stuart-Clark (Klavier) plus Vertretungen. Das Trio spielt täglich von 14.30 Uhr bis 16.30 Uhr, samstags von 10.30 bis 12.30 Uhr. Das Repertoire reicht von der Oper zum Walzer, vom Tango bis zum Musical.

Touristen lieben es, im Restaurant des Pump Rooms ihren Afternoon Tea einzunehmen und dabei den Melodien des Pump Room Trios zu lauschen.

Hier ist das Trio zu hören.

Das Buch zum Artikel:
Robert and Nicola Hyman: The Pump Room Orchestra Bath – Three Centuries of Music and Social  History. Hobnob Press 2011. 228 Seiten. ISBN 978-0946418749.

Im Pump Room Restaurant.
Author: Gauis Caecilius.
Creative Commons 2.0

Published in: on 14. Januar 2021 at 02:00  Kommentar verfassen  
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Pratt’s – Ein Londoner Gentlemen’s Club mit einer ungewöhnlichen Tradition

Author: CPrideaux
This work is in the public domain.

Park Place ist eine kleine, ruhige Nebenstraße, die von der St James’s Street abzweigt. Gleich am Anfang der Straße auf der linken Seite ist liegt einer der Gentlemen’s Clubs Londons, der Pratt’s Club, von außen nicht als solcher zu erkennen. Wie bei einem Gentlemen’s Club nicht anders zu erwarten, sind Frauen als Mitglieder tabu. Sie dürfen lediglich auf Einladung eines Clubmitglieds zum Mittagessen die heiligen Hallen betreten.

Pratt’s geht auf einen gewissen William Nathaniel Pratt zurück, der in dem Haus von 1841 bis 1860 wohnte und als Verwalter des Dukes of Beaufort tätig war. Der Duke und sein Freundeskreis gingen bei Pratt ein und aus, und nachdem der Verwalter gestorben war, führten seine Frau und ihr Sohn Pratt’s als Club weiter. Heute hat der Club um die 600 Mitglieder, die sich aber niemals alle gleichzeitig in Park Place treffen können, dafür sind die Räumlichkeiten viel zu klein. Es gibt einen Speiseraum, an dessen Tisch gerade einmal 14 Personen Platz finden können, und einen kleinen Aufenthaltsraum, alles also sehr überschaubar und elitär.

Einige der prominenten Mitglieder waren die Politiker Harold McMillan, Randolph Churchill und  Duncan Sandys. Da 14 Park Place unter Denkmalschutz steht, dürfen keine größeren Veränderungen am und im Haus vorgenommen werden. Es gibt hier keinen Aufzug und eine Klimaanlage ist auch nicht vorhanden.

Eine ungewöhnliche Tradition hat sich im Pratt’s eingebürgert: Alle männlichen Angestellten werden mit dem Namen „George“ angesprochen, egal welchen Vornamen sie tatsächlich tragen. Das soll darauf zurückgehen, dass die Mitglieder früher (?) sehr den alkoholischen Getränken der Club-Bar zusprachen und sich irgendwann nicht mehr an die Namen der Bediensteten erinnern konnten, so dass man einfach den Vornamen „George“ für alle verwendete. Bei weiblichen Angestellten gilt der entsprechende Vorname „Georgina„, was bisher aber nur einmal vorkam.

Wenn man die Straße Park Place bis fast ans Ende weitergeht, findet man dort ein wunderschönes rotes Gebäude, in dem ein 5*-Hotel untergebracht ist, das St James’s Hotel, das zu der deutschen Hotelgruppe Althoff Collection gehört.

Das St James’s Hotel in der Straße Park Place Nummer 7/8.
Photo © PAUL FARMER (cc-by-sa/2.0)

Published in: on 26. Dezember 2020 at 02:00  Kommentar verfassen  
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„This Old Man“ – Ein englisches Kinderlied und einer der berühmtesten TV-Detektive der Welt

Es gibt Melodien, die sich nach mehrmaligem Hören derart ins Gedächtnis eingraben, dass man sie sobald nicht mehr los wird. Dazu gehört ein englisches Kinderlied, das den Titel „This Old Man“ trägt, und das um 1906 herum erstmals veröffentlicht wurde, dessen Ursprünge aber ins 19. Jahrhundert zurückreichen. Die erste Strophe lautet:

This old man, he played one,
He played knick-knack on my thumb/drum;
With a knick-knack paddywhack,
Give a dog a bone,
This old man came rolling home.

Das geht immer so weiter bis zu Strophe 10, in der es dann heißt:

This old man, he played ten,
He played knick-knack once again;
With a knick-knack paddywhack,
Give a dog a bone,
This old man came rolling home.

Es handelt sich hier also auch um ein Zähllied für Kinder. Hören wir es uns einmal an:

Was soll das nun alles bedeuten? Die vorherrschende Meinung ist, dass sich das Lied ursprünglich auf irische Bettler bezieht, die nach der Hungersnot in Irland nach England kamen, um dort an den Haustüren „knick knacks„, also Schnickschnack, zu verkaufen, beziehungsweise eine Melodie namens „nick nack“ mit Löffeln zu spielen, um dafür ein wenig Geld zu bekommen. „Paddy whack“ bedeutet so viel wie „einen Iren verprügeln“. „This old man came rolling home“ könnte heißen, dass er sich von dem erbettelten Geld einen hinter die Binde gegossen hat. Wie auch immer, es gibt mehrere Interpretationen für das Lied.

Wer meine absolute TV-Lieblingsserie „Columbo“ genauer verfolgt hat, erinnert sich vielleicht daran, dass Lieutenant Columbo vom Los Angeles Police Department hin und wieder ein Liedchen pfeift, meist dann, wenn er der Lösung des Falles näher gekommen ist… und das ist „This Old Man“, erstmals in der Episode „Any Old Port in a Storm“ (dt. „Wein ist dicker als Blut“) aus dem Jahr 1973. Dieses gepfiffene Lied zieht sich durch die gesamte Serie als kleiner Gag wie auch die nie zu sehende Mrs Columbo, der Regenmantel und der uralte Peugeot des Inspektors. Hier sind noch einmal einige Bilder mit dem großartigen Peter Falk als Columbo, untermalt mit „This Old Man“.

Siehe auch meinen Blogeintrag über die einzige Columbo-Episode, die in England gedreht wurde.

Published in: on 20. Dezember 2020 at 02:00  Comments (3)  
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Whitstable Grotters – Kleine Kunstwerke aus Austernschalen

Der Küstenort Whitstable in Kent ist vor allem für seine Austern bekannt, die in jedem Jahr mit dem dem Oyster Festival gefeiert werden; leider nicht in diesem Jahr, denn das Coronavirus hat auch dieser Festlichkeit den Garaus gemacht, aber man hofft, dass es im Jahr 2021 wieder möglich sein wird. Siehe meinen früheren Blogeintrag über Whitstable.

Zum Oyster Festival, das im Juli stattfindet, gehören die sogenannten Whitstable Grotters, das sind kleine Grotten, die aus Austernschalen gebaut werden. Eigentlich war diese Tradition in den 1960er Jahren schon ausgestorben, wurde aber 1988 wieder anlässlich des Oyster Festivals wieder ins Leben gerufen und erfreut sich seitdem großer Beliebtheit bei Erwachsenen und bei Kindern. An Austernschalen herrscht hier kein Mangel, und so werden die „grotters“ aus diesen gebaut, aufeinandergestapelt, verziert und als Höhepunkt im Inneren mit einer Kerze versehen, so dass diese kleinen Kunstwerke im Dunkeln illuminiert werden. Das Ganze findet am Reeves Beach statt, dem Strand, der der Stadt vorgelagert ist.

Whitstable war der Wohnort des Schauspielers Peter Cushing, der allen Freunden von Horrorfilmen bekannt sein dürfte. Ich habe in meinem Blog über ihn geschrieben. Vielleicht war er ja ein begeisterter Austernesser und hat sich aus diesem Grund Whitstable ausgesucht.

 

Published in: on 9. November 2020 at 02:00  Kommentar verfassen  
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Das Westminster School Pancake Greaze – Eine kuriose Tradition am Faschingsdienstag

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Während im Norden der Grafschaft Buckinghamshire, in Olney, am Faschingsdienstag, dem Shrove Tuesday, ein Pfannkuchenrennen stattfindet, das berühmte Olney Pancake Race (mehr darüber in meinem Blogeintrag), steht auch in der renommierten Westminster School im Zentrum Londons ein Pfannkuchen im Mittelpunkt einer traditionellen Veranstaltung, dem Westminster School Pancake Greaze. Dieser Wettbewerb findet seit etwa Mitte des 18. Jahrhunderts in der Schule statt, denn der Pancake Greaze wurde schon von dem Philosophen Jeremy Bentham (1748-1832) erwähnt, der hier den Unterricht besuchte.

Folgendes spielt sich am Shrove Tuesday in der Westminster School ab: Schüler aus jeweils unterschiedlichen Klassen stellen sich unter einer ca sechs Meter hohen Eisenstange auf. Dann kommt der Schulkoch, der einen sehr großen Pfannkuchen gebacken hat, und wirft diesen über die Stange. Die Schüler stürzen sich darauf und versuchen, ein möglichst großes Stück davon zu ergattern. Dabei geht es natürlich drunter und drüber, manchmal sieht man Szenen wie man sie von Rugbyspielen kennt. Der Sieger dieses für Raufbolde sehr geeigneten Wettbewerbs ist der, der das größte Stück Pfannkuchen erkämpft hat. Aus der Hand des Rektors der Schule erhält dieser Schüler einen Geldpreis. Ich bin mir nicht sicher, ob das, was von dem zerfetzten Pfannkuchen noch übrig geblieben ist, von den Wettkampfteilnehmern aufgegessen wird.

Hier ist ein Film über den ruppigen Wettbewerb.

Published in: on 2. November 2020 at 02:00  Kommentar verfassen  
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The Knollys Rose Ceremony – Eine alte Londoner Zeremonie bei der eine Rose im Mittelpunkt steht

Wohl in keinem anderen Land der Welt gibt es so viele traditionelle Bräuche, die oft Jahrhunderte alt sind, wie in England. In meiner Rubrik „Englische Traditionen“ habe ich in den vergangenen 11 Jahre einige vorgestellt. Heute widme ich mich der Londoner Knolly’s Rose Ceremony, die bis ins Jahr 1381 zurückreicht, und die mit Unterbrechungen noch heute einmal jährlich durchgeführt wird, meistens im Juni, doch das Datum hängt von einigen Faktoren ab

Lady Constance Knollys war damals im 14. Jahrhundert die Ehefrau des angesehenen und einflussreichen Ritters Sir Robert Knollys (1325-1407), der häufig in Kriegsdingen über längere Zeit unterwegs war. Als das wieder einmal der Fall war, kaufte Lady Constance ein Grundstück gegenüber ihres Hauses (dort, wo heute der Seething Lane verläuft) auf der anderen Straßenseite und wandelte dieses in einen Rosengarten um. Da in dieser Zeit die Straßen nicht alle gepflastert waren und der Weg zwischen Haus und Garten häufig schmutzig und schlammig war, ließ die Dame eine Brücke darüber bauen, so dass sie trockenen Fußes ihren schönen Rosengarten erreichen konnte. Allerdings tat sie das, ohne die zuständigen Behörden um eine Baugenehmigung zu fragen. Was tun, fragte sich der Mayor of London und seine Ratsherren? Sie wollten sich nicht mit dem mächtigen Ehemann anlegen und sprachen eine milde Strafe für Lady Constance aus: Jedes Jahr am Johannistag sollte eine Rose aus ihrem Garten zum Bürgermeister gebracht werden; damit konnte die Dame gut leben, ihre Brücke musste sie auch nicht wieder einreißen.

Dieser schöne Brauch wurde 1924 von dem Pfarrer der Kirche All Hallows-by-the-Tower wiederbelebt, die nur ein paar Schritte vom Seething Lane entfernt ist. Die Company of Watermen and Lighters ist heute für den Ablauf der Zeremonie zuständig. Sie beginnt in der besagten Kirche, setzt sich gegenüber im Seething Lane Garden fort, wo eine Rose geschnitten und auf ein Kissen gebettet wird. Dann marschieren die Teilnehmer der Knollys Rose Ceremony in das Mansion House, den offiziellen Amtssitz des Lord Mayor of London, wo ihm die Rose übergeben wird. In diesem Jahr ist diese schöne Zeremonie ausgefallen. Warum wohl? Natürlich wegen Corona.

In diesem Film kann man sich Knollys Rose Ceremony in einem Schnelldurchlauf ansehen.

All Hallows by-the-Tower, vom Seething Lane aus gesehen.
Author: Images George Rex
Creative Commons 2.0

 

Published in: on 15. Oktober 2020 at 02:00  Kommentar verfassen  
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The Society of Nobody’s Friends – Ein einflussreicher, privater Londoner Dining Club

Wie traurig, eine Gesellschaft, in der sich Menschen zusammengefunden haben, die keine Freunde ihr eigen nennen können? Nein, stimmt nicht! Bei der Society of Nobody’s Friends handelt es sich um einen Dining Club, der sich mehrere Male pro Jahr zu einem Abendessen zusammenfindet, doch über welche Themen vor, während und nach dem Dinner gesprochen wird, das bleibt hinter verschlossenen Türen, denn die Gesellschaft aus einflussreichen und gut vernetzten Männern (ob auch Frauen dazugehören, weiß man nicht so genau) lässt sich nicht in die Karten schauen.

Um das Rätsel mit „Nobody’s Friends“ zu lösen, muss man bis in das Jahr 1800 zurückblicken, als sich die Gesellschaft am 21. Juni erstmals in der  Crown and Anchor Tavern am Londoner Strand traf (Strand=Straße). Gegründet wurde die Society zu Ehren eines gewissen William Stevens (1732-1807). Stevens war eigentlich Strumpfwarenhändler, aber sein eigentliches Interesse galt theologischen Fragen, und so veröffentlichte er mehrere Schriften religiösen Inhalts, einige unter dem Pseudonym „Nobody„. Die ursprünglich dreizehn Männer, die sich in der Gesellschaft zusammenfanden, identifizierten sich mit Stevens‘ Thesen. Mitglieder waren hauptsächlich ranghohe Kirchenmänner, aber auch wichtige Personen aus dem säkularen Bereich wie Richter und Parlamentsabgeordnete wurden aufgenommen.

Der aus fünfzig Mitgliedern bestehende Dining Club setzt sich heute je zur Hälfte aus kirchlichen und weltlichen Männern zusammen. Treffpunkt für ihre gemeinschaftlichen Abendessen ist der Lambeth Palace, der offiziellen Londoner Residenz des Erzbischofs von Canterbury am südlichen Themseufer im Stadtteil Lambeth.

Published in: on 2. Oktober 2020 at 02:00  Kommentar verfassen  
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„Historic Equation“ – Spezialisiert auf mittelalterliche Ritterspiele

Jousting im Bolsover Castle.
Author: Lens Perception.
Creative Commons 2.0

Wenn es in England um mittelalterliche Ritterspiele oder „Re-Enactments“ geht, spielt Dominic Sewells Firma Historic Equation oft eine wesentliche Rolle. Schon von Kindesbeinen an hat der in Barnard Castle (County Durham) geborene Sewell ein großes Interesse an der Geschichte des Mittelalters gezeigt. Nachdem er auch noch seine Vorliebe für „jousting“ entdeckte, dem Lanzenstechen, gründete er Historic Equation.
„Horsemanship“ steht im Mittelpunkt des Unternehmens und zehn Pferde stehen aktuell in den Ställen der New Lodge Farm bei Sudborough (Northamptonshire). Diese Pferde werden hier für ihre Auftritte auf den Ritterfestspielen trainiert. Coralito, Icaro, Cobrador und die anderen Pferde haben keine Probleme damit, in Gewänder gekleidet zu werden und bei Lanzenstech-Wettbewerben mitzuwirken. Eines der Pferde, der schwarze Hengst Duke, ist in diesem Jahr im Alter von 27 Jahren verstorben. Er und sein Freund Coralito hatten am 23. März 2015 die Ehre, an der Prozession zu Ehren der Beerdigung Richard III. in Leicester teilzunehmen, wobei die beiden Reiter in voller Ritterrüstung auf ihnen saßen. Es ist nicht leicht, Pferde daran zu gewöhnen, zum Beispiel eine sogenannte Rossstirn zu tragen, die Bezeichnung für den „Kopfschutz eines Pferdes zu Dekorationszwecken oder für den Einsatz im Kampf oder Turnier als Reit- oder Wagenpferd“ (wie es die Wikipedia erklärt).

Dominic Sewell ist viel unterwegs, vornehmlich auf Burgen, wo gern Ritterspiele veranstaltet werden. Im vorigen Jahr waren das zum Beispiel das Pendennis Castle, das Bolsover Castle und das Carisbrooke Castle. Im Jahr 2012 nahm er an einem Lanzenstech-Wettbewerb in St Wendel in Deutschland teil und 2017 an der World Jousting Championship im australischen St Ives.

Historic Equation stellt seine Dienste gern für Film- und TV-Produktionen zur Verfügung, was zum Beispiel in der Dokumentationsserie „Medieval Dead“ (dt. „Mysterien des Mittelalters“) der Fall war, die 2013 gesendet wurde.

In diesem Film ist Dominic Sewell bei der Arbeit mit seinen Pferden zu sehen.

 

New Lodge Farm bei Sudborough in Northamptonshire.
Photo © Tim Heaton (cc-by-sa/2.0)

Duke (links) und Coralito beim Richard III cortège im März 2015.
Author: jthornett
Creative Commons 2.0

Published in: on 21. September 2020 at 02:00  Kommentar verfassen  
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„On Ilkla Moor Baht ‚at“ – Die inoffizielle Nationalhymne der Grafschaft Yorkshire

Niemals ohne Kopfbedeckung betreten: Das Ilkley Moor in West Yorkshire.
Photo © Bob Harvey (cc-by-sa/2.0)

Das Ilkley Moor in West Yorkshire ist eine unwirtliche Region. Hier will ein Polizist einmal einen Alien gesichtet haben, der Yorkshire Ripper Peter Sutcliffe hatte nicht weit vom Moor entfernt seine weiblichen Opfer gesucht, und Straßen führen nur wenige durchs Moor. Oft weht ein rauer Wind und wer sich hier aufhält, muss unbedingt eine Kopfbedeckung tragen, so rät es jedenfalls dringend das Lied „On Ilkla Moor Baht ‚at“, das sich zu einer inoffiziellen Nationalhymne für die Grafschaft Yorkshire entwickelt hat und übersetzt heißt „Auf dem Ilkley Moor ohne Hut“. Worum geht es nun in dem Lied?

Der namentlich nicht genannte Protagonist trifft sich auf dem Ilkley Moor mit seiner Geliebten Mary Jane. Offensichtlich hat keiner der beiden eine eigene Wohnung, so dass die Frage „Gehen wir zu Dir oder zu mir?“ leider nicht zum Tragen kommt. Also muss das Rendezvous auf dem zugigen Ilkley Moor stattfinden, das zwar jede Menge Einsamkeit für die geplanten Aktivitäten der beiden Liebenden bietet, aber so richtig kuschelig nicht ist. Das Dumme bei dem Treffen war eindeutig, dass der männliche Part nichts auf dem Kopf hatte (wie das seine Partnerin hielt, sagt das Lied nicht). Es kommt wie es kommen muss: Der Mann ohne Hut zieht sich eine schreckliche Erkältung zu, an der er stirbt…und jetzt beginnt der Kreislauf des Lebens bzw. des Todes. Der junge Mann wird beerdigt, dann fressen ihn die Maden, die wiederum von Enten gefressen werden und wer frisst, pardon, isst die Enten? Natürlich wir, also haben wir letztendlich den jungen Mann verspeist. Gibt es irgendwo auf der Welt ein Land mit einer ähnlichen kannibalistischen Nationalhymne?

„On Ilkla Moor Baht ‚at“ wird hin und wieder in TV-Serien verwendet, die in Yorkshire spielen, und es ist ein fester Bestandteil des Yorkshire Days, der immer am 1. August gefeiert wird.

Ich habe zwei Versionen als Beispiel herausgesucht: Die erste zeigt einen entsprechenden Zeichentrickfilm, die zweite wird von mehreren Interpreten gesungen.

 

Published in: on 13. September 2020 at 02:00  Kommentar verfassen  
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The Tiptree Strawberry Race – Auf der Suche nach dem schnellsten Erdbeerpflücker in Essex

Goldhanger in Essex und sein Dorfschild.
Photo © Malc McDonald (cc-by-sa/2.0)

Bounds Farm in Goldhanger (Essex) ist der Austragungsort des jährlich stattfindenden Tiptree Strawberry Race, in dem es darum geht, in einer Stunde so viele Erdbeeren wie möglich auf den Feldern einzusammeln…und das (wir sind ja in England) in „fancy dress“, also in Verkleidung. Goldhanger ist ein kleines Dorf dicht an dem Mündungstrichter des River Blackwater. Bei den Erdbeeren handelt es sich um die Sorte Little Scarlet, die Scharlacherdbeere, das sind kleine, besonders süß und intensiv schmeckende Früchte, die die Firma Wilkin & Sons in Tiptree (Essex) zu einer wohlschmeckenden Marmelade verarbeitet. Die Firma ist die einzige weltweit, die diese Erdbeersorte kommerziell anbaut. In Ian Flemings James Bond-Roman „From Russia With Love“ (dt. „Liebesgrüße aus Moskau“) erfahren die Leser, dass dies die Lieblings-Marmeladensorte des Agenten ist.

Da das Erdbeerpflücken eine anstrengende Knochenarbeit ist, die in der Beliebtheitsskala der Engländer nicht ganz weit oben angesiedelt ist, arbeiten vorwiegend Männer und Frauen aus Osteuropa auf den Feldern der Firma Wilkin & Sons. Beim Strawberry Race werfen auch sie sich in Kostüme. Das Motto wechselt von Jahr zu Jahr; so war es 2017 „Hollywoodstars“, und da konnte man zum Beispiel Grace Kelly und Bing Crosby und den Blues Brothers beim Pflücken zusehen. Die „strawberry pickers“ schaffen an die vier bis fünf Kilogramm in der Stunde, wenn sie sich so richtig zusammenreißen. Nicht nur die schnellsten Pflückerinnen und Pflücker werden ausgezeichnet, auch die schönsten Kostüme werden prämiert.

In jedem Jahr werden beim Tiptree Strawberry Race Spenden gesammelt, die von der Firma und ihren Mitarbeitern aufgebracht und einem guten Zweck zugeführt werden. Hier sind einige Bilder von den Feldern der Bounds Farm zu sehen.

Siehe auch meinen Blogartikel über die Firma Wilkin & Sons in Tiptree.

Bounds Farm in Goldhanger.
Photo © Trevor Harris (cc-by-sa/2.0)

Tiptrees Village Sign.
Photo © Adrian Cable (cc-by-sa/2.0)

Von der Kunst des Portweinweiterreichens und ein schlafender Bischof

Author: Wiki-portwine.
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Nach einem üppigen Mittag- oder Abendessen kommt es in einer Gesellschaft häufig vor, dass zum Käse ein Glas Portwein gereicht wird. Dieser aus Portugal stammende Süßwein ist in England populärer als hierzulande; er ist meist rot, aber es gibt ihn auch in weiß. Es existiert in England ein ungeschriebenes Gesetz, das beim Einschenken bei Tisch unbedingt beachtet werden muss und gegen das auf gar keinen Fall verstoßen werden darf. Wenn der Gastgeber die Flasche Portwein auf den Tisch gestellt hat, reicht er sie zu seiner Linken weiter und jeder, der am Tisch sitzt, reicht sie im Uhrzeigersinn weiter. Sollte jemand, der den Brauch nicht kennt, die Flasche zurückgeben oder sie jemandem, der ihm gegenübersitzt, zuschieben, so würde das bei den Anwesenden entsetzte Blicke, hochgezogene Augenbrauen und ein verlegenes Hüsteln hervorrufen, denn Portweinflaschen müssen immer im Uhrzeigersinn weitergereicht werden, denn alles andere bringt Unglück. Über den Grund dafür gibt es unterschiedliche Auffassungen; eine davon ist, dass die Engländer ja für ihr Fair Play berühmt sind,  und wenn die Flasche queerbeet hin und hergeschoben wird, könnte es ja sein, dass jemand nichts abbekommt und das darf nicht sein. Bei dem geregelten Weiterreichen, ist gesichert, dass niemand zu kurz kommt. Übrigens gilt das nur für die Flasche, nicht für gefüllte Gläser, die dürfen auch zurückgereicht werden.

Was ist nun, wenn die Flasche in der Runde stehen bleibt und jemand vergessen hat, sie weiterzureichen? Da die Engländer ein sehr rücksichtsvolles Volk sind, käme niemand auf die Idee, über den Tisch zu rufen „Eh, schieb die Flasche mal her“. Da gibt es eine elegantere Lösung. Jemand vom Tisch würde den, vor dem die Flasche steht, fragen: „Do you know the Bishop of Norwich?“ Kennt der derart Angesprochene die Regel, so würde er die Flasche sofort wieder mit mehreren „Sorries“ auf die weitere Reise schicken. Kennt er sie nicht, würde er erstaunt mit einem „No“ reagieren. Daraufhin könnte es dann heißen „The Bishop was a jolly good fellow but he always forgot to pass the Port„. Gut, jetzt wäre sicher der Groschen gefallen, und die bisher leer ausgegangenen Gäste kämen jetzt auch in den Genuss des Süßweins.

Der hier zitierte Bishop of Norwich soll Henry Bathurst (1744-1837) gewesen sein, der das hohe Alter von 92 Jahren erreicht hatte, und der bei Tisch häufig eingeschlafen sein soll, vor der Flasche Portwein.

Hier ist ein kleiner Sketch zum Thema.

Henry Bathurst, der Bischof von Norwich.
This work is in the public domain.

Published in: on 8. Mai 2020 at 02:00  Comments (5)  
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Beating of the Bounds in Rochester (Kent)

Rochester Pier am River Medway.
Photo © Paul Gillett (cc-by-sa/2.0)

Über den alten Brauch „Beating of the Bounds“ schrieb ich in meinem Blog schon einmal im April 2018. „Da zieht ein Priester mit einer Gruppe von Gemeindemitgliedern und Kindern durch die Kirchengemeinde, alle mit Stöcken „bewaffnet“, die alle Grenzsteine bzw. Grenzmarkierungen aufsuchen, die dann mit den Stöcken „geschlagen“ werden.“

Auch in der Stadt Rochester in Kent wird dieser Brauch durchgeführt, allerdings auf etwas andere Art. Der Bürgermeister der Stadt ist gleichzeitig „Admiral of the Waters of the River Medway“ und in dieser Funktion nimmt er alljährlich am Beating of the Bounds teil, die die Rochester Oyster and Floating Fishery und der Rochester Cruising Club organisieren.

Dieser Zeremonie läuft folgendermaßen ab: An einem Wochenende Ende Juni, Anfang Juli, startet das Boot am Samstag mit dem Admiral an Bord, vom Rochester Pier aus und macht sich auf dem River Medway auf den Weg, gefolgt von vielen anderen Schiffen, zum Hawkwood Stone, der die Grenze zum Maidstone-Bezirk darstellt und wo der Mayor of Maidstone mit dazu stößt. Anschließend geht es wieder zurück nach Rochester. Am Sonntag geht es in die andere Richtung zur Mündung des Medway, wo vor der Küste von Sheerness zwei Wracks liegen. Die HMS Bulwark sank hier am 26. November 1914 durch eine gewaltige Munitionskammerexplosion, bei der 738 Besatzungsmitglieder ums Leben kamen. Hier legt der Admiral einen Kranz zum Gedenken an die Toten ins Wasser. Von dort geht es weiter zum Wrack der SS Richard Montgomery, einem US-amerikanischen Frachter, der am 20. August 1944 vor Sheerness gesunken ist. Das Schiff, deren Masten noch zu sehen sind, hatte hunderte von Tonnen Munition an Bord, die noch heute eine tickende Zeitbombe darstellen, denn die Bomben konnten nicht geborgen werden. Auch an dieser Stelle legt der Admiral of the Waters of the River Medway einen Kranz nieder. Danach machen sich die Schiffe wieder auf den Weg zur Rochester Pier zurück und die Beating of the Bounds ist beendet.

Hier ist ein kurzer Film über die Zeremonie.

Das Wrack der SS Richard Montgomery vor Sheerness.
Photo © Christine Matthews (cc-by-sa/2.0)

Published in: on 2. Mai 2020 at 02:00  Kommentar verfassen  
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The Chelsea Pensioners – Damen und Herren in Scharlachrot und Blau

Royal Hospital, Chelsea.
Photo © Julian Osley (cc-by-sa/2.0)

Mitten in London, in Chelsea, liegt das Royal Hospital Chelsea, in dem man keine „Normalkranken“ findet, sondern die sogenannten Chelsea Pensioners, ehemalige Armeeangehörige, die aus Altersgründen nicht mehr dem Militärdienst angehören. Hier werden die alten Herren, und seit dem Jahr 2009 auch Damen, mit allem versorgt, was sie brauchen, zum Beispiel mit Vollpension, Unterkunft und Kleidung und auch die medizininsche Versorgung ist kostenfrei. Dafür verzichten sie auf ihre Pension.

Die Chelsea Pensioners dürfen zwar Zivilkleidung tragen, es wird aber doch Wert darauf gelegt, dass sie möglichst häufig ihre blaue oder ihre scharlachrote Uniform tragen; bei besonderen feierlichen Anlässen ist die rote Uniform Pflicht.

Da die Zimmer der Chelsea Pensioners recht klein waren (knapp 9 m²) und sich mehrere ein Badezimmer und eine Toilette teilen mussten,  wurde das Haus in großem Stil umgebaut. 2015 konnten die Pensioners in neue, deutlich größere und zeitgemäßere Apartments einziehen, mit Wohnzimmer, Schlafzimmer und eigenem Badezimmer. Dieser Film zeigt die neuen Unterkünfte.

Ende 2010 nahmen die Chelsea Pensioners eine CD auf, die unter dem Titel „Men in Scarlet“ auf den Markt kam und sich so gut verkaufte, dass sie sogar in die britischen Charts kam. 7 Herren mit geeigneten Stimmen, unterstützt von Vera Lynn und Katherine Jenkins, sangen Titel wie „King and Country„, „Jerusalem“ und „Goodnight Sweetheart“.

Wenn jemand von den Damen und Herren im Royal Hospital Chelsea stirbt, wird sie/er auf dem Brookwood Cemetery bei Woking in Surrey beigesetzt; dort gibt es ein eigenes Areal für sie, sowie ein Denkmal.

Zwei Chelsea Pensioners in voller Montur.
Photo © David Anstiss (cc-by-sa/2.0)

Das Denkmal für die Chelsea Pensioners auf dem Brookwood Cemetery.
Photo © Alan Hunt (cc-by-sa/2.0)

Published in: on 17. März 2020 at 02:00  Comments (1)  
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Sind britische Parlamentsmitglieder abergläubisch? oder Die Skulpturen in der Members‘ Lobby im House of Commons

Sir Winston Churchill in der Members‘ Lobby.
As a work of the U.S. federal government, the image is in the public domain.

In der Members‘ Lobby im britischen Parlament treffen sich die MPs, um miteinander zu diskutieren oder um Informationen auszutauschen. Beobachtet werden sie dabei von einer ganzen Phalanx von Skulpturen ehemaliger Premierminister, darunter sind die Bronzefiguren von David Lloyd George, Winston Churchill, Clement Attlee and Margaret Thatcher. Eigentlich müssten diese Skulpturen ja eine Ewigkeit überstehen, da sie keinen Naturgewalten ausgesetzt sind und sich im Trockenen befinden…wenn es nicht die Parlamentsmitglieder gäbe. Die sind nämlich in der Tradition verfangen, bevor sie die Commons Chamber betreten, eine der vier Figuren, die sie am liebsten mögen, zu berühren, in den meisten Fällen an den Füßen. Bronzefiguren müssten das eigentlich ab können, doch wenn das so oft geschieht, bekommen die drei Herren und die Dame Probleme. Das Berühren soll den MPs Glück bringen, zum Beispiel wenn sie eine Rede halten müssen, doch bringt dieser Aberglaube die für das Parlamentsgebäude zuständigen Kuratoren auf die Palme, die für die Hege und Pflege der Skuplturen zuständig sind. Besonders Sir Winston Churchill, von dem Bildhauer Oscar Nemon geschaffen, erfreut sich bei den parlamentarischen Füßestreichlern großer Beliebtheit, so dass schon größere Schäden aufgetreten sind und ein Fuß von ihm restauriert werden musste. Per Rundschreiben sind die MPs schon mehrfach aufgefordert worden, mit dieser Tradition zu brechen. Es wurden schon Überlegungen angestellt, die vier Statuen mit Seilen zu umspannen, ließ es dann aber doch bei „Do Not Touch„-Hinweisschildern. Neuen Parlamentsmitgliedern verschweigt man diese Tradition…

John Major ist der letzte Premierminister, der in der Members‘ Lobby in Form einer Bronzebüste vertreten ist; mit dessen Nachfolger Tony Blair tut man sich schwer. Seine Büste war bereits 2012 geplant, doch hat er zur Zeit keine gute Karten im Land, denn sein Engagement im Irakkrieg hängt ihm immer noch nach.

Published in: on 29. Februar 2020 at 02:00  Kommentar verfassen  
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