Hodge the Cat – Eine Bronzekatze in Londons Gough Square

Photo © kim traynor (cc-by-sa/2.0)

Wer sich mit der englischen Literaturgeschichte beschäftigt, wird immer wieder auf einen Namen stoßen: Dr Samuel Johnson (1709-1784). Der in Lichfield in Staffordshire geborene Literat lebte überwiegend in London, und er prägte das literarische Leben seines Landes im 18. Jahrhundert. Sein berühmtestes Werk war sein „Dictionary of the English Language„, das 1755 erschien und an dem er acht Jahre lang arbeitete. Doch Dr Johnsons literarisches Schaffen soll nicht im Mittelpunkt meines heutigen Blogeintrages stehen, sondern seine Liebe für Katzen. Eine Katze namens Hodge war sein absoluter Liebling, und Dr Johnsons Biograf James Boswell schrieb einmal: „I shall never forget the indulgence with which he treated Hodge, his cat; for whom he himself used to go out and buy oysters, lest the servants, having that trouble, should take a dislike to the poor creature.“ Ja, Hodge liebte Austern; damals waren sie nicht teuer, sogar die armen Bevölkerungsschichten konnten sie sich leisten, und so gab es im Hause Johnson am Londoner Gough Square im Stadtteil Holborn immer genug davon (heute ist dort ein Museum eingerichtet, Dr Johnson’s House).

Hodge tauchte immer mal wieder in Büchern englischer Autoren auf, unter anderem bei Samuel Beckett in dessen dramatischen Fragment „Human Wishes„. Die Kirchenkatze der Southwark Cathedral in London wurde nach Dr Johnsons Katze benannt; Hodge trat dort vor zwei Jahren die Nachfolge von Doorkins an, einer von der Gemeinde sehr geschätzten und geliebten Katze, die in der Kathedrale wohnte und gestorben war. In diesem Film stellt der Dean of Southwark die „Neue“ vor.

Im Jahr 1997 ließ es sich der Bürgermeister von London, Sir Roger Cook, nicht nehmen, am Gough Square vor dem Wohnhaus Dr Johnsons eine Bronzestatue von Hodge einzuweihen, die der für seine Tierfiguren bekannte Bildhauer Jon Bickley angefertigt hatte. Sie zeigt die Katze, die auf einem Exemplar von Johnsons Dictionary sitzt und Austernschalen neben sich hat. Modell stand Bickleys eigene Katze namens Thomas Henry.

Anlässlich eines interaktiven Kunstprojekts in London und Manchester, das Statuen der beiden Städte Stimmen verlieh (mittels eines Codes und dem Smartphone), wurde auch Hodge mit einbezogen. Hier ist ein Film darüber zu sehen.

Sollte sich jemand für englische Kirchenkatzen interessieren, so verweise ich auf meine bisherigen Blogposts zu dem Thema.

Photo © N Chadwick (cc-by-sa/2.0)

Charles Dickens, seine Schwägerin Mary Scott Hogarth und das Grab der jungen Frau auf dem Londoner Friedhof Kensal Green

Marys Grab in Kensal Green.
Photo: Connie Nisinger.
Creative Commons 3.0

Mary Scott Hogarth sollte nur 17 Jahre alt werden. Sie war die Schwägerin des berühmten Schriftstellers Charles Dickens und lebte von 1819 bis 1837. Ihre Schwester Catherine hatte ihn am 2. April 1836 geheiratet und die drei lebten zusammen in London, zuletzt unter der Adresse Doughty Street Nummer 48, in der sich heute das Charles Dickens Museum befindet. Der Schriftsteller hatte eine sehr enge Beziehung zu Mary. Sie bekam Dickens‘ Romane „The Pickwick Papers“ und „Oliver Twist“ als erste zu lesen, denn er schätzte das Urteil seiner Schwägerin sehr.

Als die junge Frau nach einem Theaterbesuch am 7. Mai 1837 nach Hause kam, brach sie plötzlich zusammen; ihr konnte nicht mehr geholfen werden, sie starb am Nachmittag des selben Tages, wahrscheinlich an einem Schlaganfall oder an Herzversagen. Dickens war untröstlich, war Mary doch eine sehr wichtige Person in seinem Leben, vielleicht sogar noch wichtiger als seine Ehefrau. Er nahm ihr auf dem Totenbett einen Ring ab, den er sein ganzes Leben lang tragen sollte. „She died in my arms, and the very last words she whispered were of me„. Marys Sterbezimmer ist im Charles Dickens Museum erhalten geblieben.

Charles Dickens kaufte eine Grabstelle für Mary auf dem Friedhof Kensal Green und ließ auf ihrem Grabstein die Worte eingravieren: „Young, beautiful and good. God in His mercy numbered her among His angels at the early age of seventeen„. Dickens äußerte den Wunsch, direkt neben ihr begraben zu werden, woraus aber nichts wurde, diese Stelle nahm Marys Bruder George ein, der 1841 starb.

Einige fanden damals Dickens‘ Verhalten seiner toten Schwägerin gegenüber etwas sonderbar und morbide. Charles‘ und Catherines Tochter, die am 6. März 1838 geboren wurde, erhielt den Vornamen Mary. Einige der Figuren aus Dickens‘ Romanen sind seiner Schwägerin nachempfunden wie beispielsweise Little Nell in „The Old Curiosity Shop“ (dt. „Der Raritätenladen“).

In diesem Film liest Simon Callow in bewegenden Worten aus einem Brief von Charles Dickens, in dem es um den Tod Marys geht.

Mary Hogarths Sterbezimmer im heutigen Charles Dickens Museum.
Photo: Gruenemann.
Creative Commons 2.0

Lord Dunsany und die tödlichen Schüsse auf zwei Londoner Zebras

Das Londoner Schuhhaus John Lobb in der St James’s Street.
Photo © Jim Osley (cc-by-sa/2.0)

Meine erste Begegnung mit Edward John Moreton Drax Plunkett, 18. Baron Dunsany (1879-1957) war, als ich für meine Examensarbeit über Weird Fiction recherchierte und dabei auf diesen Schriftsteller stieß. Es gab einmal eine großartige Buchreihe in den 1970er Jahren im Insel-Verlag, die Bibliothek des Hauses Usher, herausgegeben von Kalju Kirde, den ich einmal persönlich kennen lernen durfte. Die 26 Bände der Reihe waren auf grünem Papier gedruckt, ich hatte sie fast alle, sind seit langem vergriffen und Sammlerobjekte geworden. Einer dieser Bände hieß „Das Fenster zur anderen Welt„, enthielt 27 Geschichten und stammte aus der Feder eben jenes irischen, in London geborenen Lord Dunsany.

Soweit seine literarische Seite. Lord Dunsany hatte eine Vorliebe, die ich absolut nicht teilen kann: Er war leidenschaftlicher Großwildjäger. Der Eton-Schüler und Sandhurst-Absolvent soll bei einer seiner Safaris in Kenia 55 Tiere abgeschossen haben, darunter einen Löwen und ein Nashorn.

Es gibt eine Geschichte, ob sie tatsächlich stimmt, ist nicht sicher, dass der Lord sogar in den Straßen Londons seine Finger nicht vom Abzug seines Gewehres halten konnte, wenn er ein wildes Tier sah, was wohl eher selten vorkam.
Folgendes war geschehen: Das renommierte, 1849 gegründete Londoner Schuhhaus John Lobb, das noch immer existiert, soll zu Werbezwecken einmal eine Kutsche durch die Straßen der Hauptstadt geschickt haben, und damit das Gefährt auch wirklich auffiel, waren zwei Zebras anstelle von Pferden davor gespannt. Auftritt von Lord Dunsany. Als er die Tiere auf der Straße Piccadilly zwischen dem Kaufhaus Fortnum&Mason und der Buchhandlung Hatchards sah, konnte er nicht anders als sein Gewehr, das er offensichtlich häufig bei sich trug, zu nehmen und die beiden Zebras zu erschießen. „Zebras habe ich noch nie erlegt“, soll der schießwütige Lord zu seiner Verteidigung gesagt haben. Ich habe diese Geschichte William Donaldsons Buch „Rogues, Villains and Eccentrics“ (2002 erschienen) entnommen, und so ganz verlässlich scheinen mir dessen Aussagen nicht immer zu sein. Hoffen wir, um der Zebras willen, dass sich die Geschichte nicht so abgespielt hat.

Zebras, wie dieses Exemplar aus dem Paradise Wildlife Park in Hertfordshire, gehören in ihre afrikanische Heimat und schon gar nicht als Zugtiere auf Londoner Straßen (was aber nicht heißt, dass man sie dort einfach abschießen kann).
Photo © Christine Matthews (cc-by-sa/2.0)
Published in: on 15. Dezember 2021 at 02:02  Comments (2)  

Marple – Eine Stadt in der Region Greater Manchester und eine weltberühmte Spürnase

Auf einem Bahnsteig im Bahnhof von Marple.
Photo © Gerald England (cc-by-sa/2.0)
Ebenfalls auf dem Bahnsteig von Marple zu finden…
Photo © Gerald England (cc-by-sa/2.0)

Kommt der Reisende auf dem Bahnhof der Stadt Marple im Großraum Greater Manchester an, mag es sein, dass er sich fragt „Marple? Woran erinnert mich der Name?“, der Groschen fällt spätestens dann, wenn er auf dem Bahnsteig die riesigen Poster von Agatha Christie-Romanen sieht und eine blaue Plakette mit der Aufschrift:


Dame
Agatha Christie DBE
1890-1976
MISS MARPLE
Character name inspired by Marple
Unveiled by Mathew Prichard,

grandson of
Agatha Christie

Wie ist nun die Verbindung von Agatha Christie in diese Region von England? Man verbindet sie ja eher mit Devon und Buckinghamshire. Agathas ältere Schwester Margaret (1879-1950), meist Madge genannt, war mit dem Industriellen James Watts (1878-1957) verheiratet und lebte mit ihm auf Abney Hall in Cheadle (jetzt Greater Manchester). Agatha besuchte ihre Schwester häufig in Abney Hall und bei einem dieser Besuche gingen beide zu einer Auktion in die Marple Hall, einem riesigen wunderbaren Haus in der Stadt gleichen Namens, das leider abgerissen worden ist. Dort kaufte sie zwei jakobinische Eichenstühle; doch wesentlicher war, dass der Name Marple bei Agatha Christie hängen blieb, und so schlug dort die Geburtsstunde einer der berühmtesten Spürnasen in der Geschichte der Kriminalliteratur. Miss Jane Marple betrat die Bühne und machte den Verbrechern und Mördern ihrer Zeit das Leben schwer.

Abney Hall in Cheadle.
Photo © Stephen Richards (cc-by-sa/2.0)
Published in: on 14. Dezember 2021 at 02:00  Comments (4)  

Auf den Spuren von Brother Cadfael in Shrewsbury (Shropshire)

Shrewsbury Abbey.
Photo © Jaggery (cc-by-sa/2.0)

Ich komme heute noch einmal auf die Stadt Shrewsbury in der Grafschaft Shropshire zurück, über die ich kürzlich in Zusammenhang mit den Ghost Tours per Schiff schrieb. Ich wandelte dort einmal auf den Spuren der fiktiven Romanfigur Brother Cadfael, die die Krimiautorin Ellis Peters (1913-1995) erschuf, die unter diesem Pseudonym schrieb und eigentlich Edith Pargeter hieß.

Da sie in Shropshire geboren wurde (sie starb auch dort) ließ sie die Handlung rund um den Benediktinermönch auch in Shrewsbury und Umgebung spielen. Die historischen Kriminalromane erwiesen sich als sehr erfolgreich; als sie auch noch für das Fernsehen verfilmt wurden, mit Derek Jacobi in der Titelrolle, pilgerten die Fans des Mönchs zu den Handlungsorten in Shropshire (die TV-Serie wurde allerdings nicht in der Heimat Bruder Cadfaels gedreht, sondern in…Budapest in Ungarn).

Die Stadt Shrewsbury sprang natürlich sehr gern auf den „Cadfael-Zug“ auf und bot beziehungsweise bietet den angereisten Freunden des Mönchs einiges an wie Brother Cadfael self-guided walks, die auf unterschiedlichen Wegen durch die Stadt führen und durch in den Boden eingelassene Metallplatten in Form eines Fußes markiert sind. Im Shrewsbury Visitor Information Centre kann man den Führer erwerben; selbstverständlich sind dort auch sämtliche Brother Cadfael-Romane erhältlich.

Wer alles, aber auch wirklich alles über die Romanschauplätze wissen möchte, für den gibt es die Brother Cadfael-Tours, die bis nach Wales hinein führen.

Ich hatte mich bei einem meiner Besuche in Shrewsbury für einen der „self-guides walks“ entschieden, in dessen Mittelpunkt die Abbey stand.

Ein empfehlenswertes Buch für jeden, der sich für die Romanschauplätze interessiert, ist „Cadfael Country: Shropshire & The Welsh Border“ von Rob Talbot und Robin Whiteman, das schon 1990 erschienen und reichlich bebildert ist.

Die TV-Serie wurde in 13 Episoden von 1994 bis 1998 ausgestrahlt. Das ZDF sendete die ersten drei Staffeln in den Jahren 1995 und 1997. Eine Collector’s Box mit sechs DVDs ist von EDEL MOTION veröffentlicht worden, sie enthält die Staffeln 1-3 in deutscher Synchronisation und die vierte Staffel im englischen Originalton.
Hier ist ein kurzer Trailer zu sehen.

Die Stadt Shrewsbury hat eine ihrer Straßen nach dem Mönch benannt, den Cadfael Way. Im Portfolio des berühmten Rosenzüchters David Austin gibt es eine Rose namens Brother Cadfael.

Foto meines Exemplares.
Der Cadfael Way in Shrewsbury.
Photo © Jaggery (cc-by-sa/2.0)
Die Brother Cadfael-Rose.
Photo © Philip Platt (cc-by-sa/2.0)

Der Londoner Detection Club – Hier ist die Crème de la Crème der britischen Kriminalschriftsteller vereinigt

Die Londoner Garrick Street, ganz rechts der Garrick Club.
Photo © Stephen Richards (cc-by-sa/2.0)

Gilbert Keith Chesterton, heute vor allem noch durch seine Pater Brown-Romane beziehungsweise -Verfilmungen bekannt, war der erste Präsident des Londoner Detection Clubs, der 1928 gegründet wurde und dessen erste Mitglieder hochrangige Autorinnen und Autoren waren wie Agatha Christie, Dorothy L. Sayers, Hugh Walpole, Anthony Berkeley und Ronald Knox. Es folgten Margery Allingham, John Dickson Carr und Nicholas Blake, um nur einige wenige zu nennen.

Das Aufnahmeritual besteht aus einem Schwur, den die „Neuzugänge“ leisten müssen, der da heißt:
Do you promise that your detectives shall well and truly detect the crimes presented to them using those wits which it may please you to bestow upon them and not placing reliance on nor making use of Divine Revelation, Feminine Intuition, Mumbo Jumbo, Jiggery-Pokery, Coincidence, or Act of God?

Do you solemnly swear never to hide a vital clue from the reader?

Do you promise to observe a seemly moderation in the use of gangs, conspiracies, death-rays, ghosts, hypnotism, trapdoors, Chinamen, super-criminals and lunatics; and utterly and forever to forswear mysterious potions unknown to science?

Will you honour the King’s English?
Wer auf eine der Fragen mit Nein antwortet, dem bleiben die Pforten des Clubs verschlossen.

Der oben erwähnte Ronald Knox stellte ein Regelwerk auf, das den Namen Father Knox’s Decalogue trug (Ronald Knox war auch Geistlicher) und an das sich die Mitglieder des Detection Clubs halten sollten, was von ihnen aber nicht durchgängig getan wurde. Ich übernehme diese Regeln aus der deutschen Wikipedia:

  1. Der Verbrecher muss bereits zu Beginn der Geschichte Erwähnung finden, aber es darf niemand sein, dessen Gedanken der Leser folgen kann.
  2. Übernatürliche Kräfte oder Mächte sind selbstverständlich untersagt.
  3. Es darf nur eine Geheimkammer respektive nicht mehr als ein Geheimgang verwendet werden, und dies auch nur dann, wenn sich die geschilderte Umgebung dazu eignet.
  4. Weder sind bis jetzt unbekannte Gifte gestattet noch irgendeine Art der Verabreichung, die am Ende eine lange wissenschaftliche Erklärung erfordert.
  5. Chinesen haben in der Geschichte nichts zu suchen.
  6. Weder darf der Zufall dem Detektiv zu Hilfe eilen, noch darf er unerklärliche Eingebungen haben, die sich als richtig herausstellen.
  7. Der Detektiv darf das Verbrechen nicht selbst begehen.
  8. Alle Spuren, auf die der Detektiv stößt, müssen dem Leser unverzüglich vor Augen geführt werden.
  9. Der beschränkte Freund des Detektivs, sein Watson, darf keinen seiner Gedankengänge verschweigen; sein Intelligenzquotient muss leicht, aber nur ganz leicht, unter dem des durchschnittlichen Lesers liegen.
  10. Zwillinge und Doppelgänger dürfen erst auftreten, nachdem wir gebührend auf sie vorbereitet worden sind.

Vor allem Regel 5 finde ich sehr interessant.

Derzeit ist Martin Edwards Präsident des Clubs, ein sehr produktiver Autor von Kriminalromanen und Herausgeber von Anthologien, dessen Werke zum Teil ins Deutsche übersetzt worden sind, der aber keinen deutschsprachigen Wikipediaeintrag hat.

Die Detection Club-Mitglieder trafen und treffen sich noch heute regelmäßig im Londoner Garrick Club in der Garrick Street Nummer 15 zu einem Abendessen.

Published in: on 5. Oktober 2021 at 02:00  Comments (5)  

Oscar Wilde und das Gefängnis von Reading in Berkshire

Das ehemalige Reading Gaol.
Photo © Andrew Smith (cc-by-sa/2.0)

1895 wurde Oscar Wilde wegen angeblicher homosexueller Vergehen zu zwei Jahren Zuchthaus mit schwerer Zwangsarbeit verurteilt, die er im Gefängnis von Reading (Berkshire) verbringen musste. Am 19. Mai 1897 wurde er entlassen, aber Wilde war von da an ein gebrochener Mann. Nur noch einmal griff er zur Feder und verfasste das Gedicht „The Ballad of Reading Gaol“, dann war seine schriftstellerische Laufbahn zu Ende. Vereinsamt und verarmt starb er am 30. November 1900 in einem Pariser Hotel (das Hotel gibt es noch heute: L’Hotel in der rue des Beaux-Arts Nummer 13 im 6. Arrondissement).

Her Majesty’s Prison Reading war eines der sogenannten Young Offenders Institutions, das sind Einrichtungen, in denen 18-21jährige Männer untergebracht sind, die noch nicht als Erwachsene für ihre Straftaten verurteilt worden sind und in denen ein Schwerpunkt auf die Aus- und Weiterbildung der jungen Gefangenen gesetzt wird. Anfang des Jahres 2014 wurde das Gefängnis geschlossen. Es gab Pläne, es in ein Kulturzentrum umzuwandeln, aber bis jetzt ist noch nichts entschieden. Anfang diesen Jahres verewigte sich der Graffiti-Künstler Banksy auf einer der Mauern des Gefängnisses; das Bild zeigt jemanden, der gerade an einem Seil ausbricht.

Das Gefängnis wurde 1844 mitten in Reading gebaut; entworfen wurde es von dem berühmten Architekten George Gilbert Scott, der für den Bau von zahlreichen weiteren Gefängnissen, Irrenanstalten und Arbeitshäusern verantwortlich war, der aber auch unter anderem das Londoner Albert Menorial und das Midland Grand Hotel an der Londoner St Pancras Station entwarf.

Bis zum Jahre 1913 wurden im Reading Gaol auch Todesurteile vollstreckt. Neben Oscar Wilde gab es einen weiteren prominenten Insassen: Der amerikanische Schauspieler Stacy Keach saß hier 1984 einmal für neun Monate   ein, weil er am Londoner Flughafen Heathrow mit Kokain erwischt wurde.

Das Lied „Each Man Kills The Thing He Loves„, das auf einer Zeile aus Oscar Wildes „The Ballad of Reading Gaol“ beruht, ist hier in der Version mit Jeanne Moreau zu sehen und zu hören.

Banksys Graffiti (soll es Oscar Wilde zeigen?)
Photo © Steve Daniels (cc-by-sa/2.0)

Die Unique Devon Tours und The Hound of the Baskervilles

Das ehemalige Duchy Hotel in Princetown.
Photo © Colin Smith (cc-by-sa/2.0)
 

The Hound of the Baskervilles“ (dt. „Der Hund von Baskerville“) ist vielleicht die bekannteste Detektivgeschichte aus der Feder von Sir Arthur Conan Doyle (1859-1930), die 1901/02 als Fortsetzungsroman im Strand Magazine in London erschien. Um sich ein wenig in die entsprechende Stimmung zu versetzen, die dann in sein Buch übernommen wurde, reiste Sir Arthur in das Dartmoor, wo er im Duchy Hotel (heute das National Park Visitor Centre) in Princetown Teile seiner Geschichte um den Geisterhund zu Papier brachte.

Dieser Hund von Baskerville machte das Dartmoor auch außerhalb der Grenzen Englands bekannt und sorgte dafür, dass viele Besucher diese zeitweise recht düstere Region aufsuchen. Wer das Dartmoor auf den Spuren des Hundes beziehungsweise auf den Spuren Sir Arthurs nicht auf eigene Faust erkunden möchte, dem bietet Unique Devon Tours eine Alternative.

Alex Graeme (in diesem Film stellt Alex seine Firma vor) und Mark Lakeman führen themenbasierte Fahrten durch Devon und Umgebung durch, unter anderem auch eine eintägige The Hound of the Baskervilles Tour. Alex Graeme ist Experte für die Grafschaft Devon; sein Urgroßvater war Robert Duins Cooke, von 1897 bis 1939 Reverend der St Andrew’s Church in Ipplepen, sechs Kilometer südwestlich von Newton Abbot, der damals Sir Arthur einige Tipps für seine Dartmoor-Recherchen gab.

Also: Alex Graeme kennt sich hier bestens aus. Die Hound of the Baskervilles Tour beginnt folglich in Ipplepen, führt dann nach Ashburton und Buckfastleigh zur Holy Trinity Church, wo das düstere, unheimliche Grabmal Squire Richard Cabells zu sehen ist. Richard Cabell soll als Vorbild für Sir Hugo Baskerville gedient haben (mehr über ihn und sein Grabmal ist in meinem entsprechenden Blogartikel zu lesen). Das Mittagessen auf der Tour wird im Rugglestone Inn in Widecombe-in-the-Moor eingenommen, einem richtig schönen, urigen Pub. Die zweite Hälfte der Rundfahrt führt zu Orten, die damals Sir Arthur aufgesucht hatte, unter anderem zu den Fox Tor Mires, die ihn zu dem Grimpen Mire im Roman inspirierten.

Für ein bis zwei Personen kostet die Tour £380, für drei bis sechs Personen £480.

Wer sich tiefer mit der Geschichte des unheimlichen Hundes und Sir Arthurs Buch beschäftigen möchte, dem empfehle ich diese Rezension aus dem Crimealley-Blog.

St Andrew’s in Ipplepen.
Photo © Paul Hutchinson (cc-by-sa/2.0)
Richard Cabells Grabmal auf dem Kirchhof von Holy Trinity in Buckfastleigh.
Photo © Adrian Platt (cc-by-sa/2.0)
Der Rugglestone Inn in Widecombe in the Moor.
Author: Major Clanger.
Creative Commons 2.0
Blick auf die Fox Tor Mires im Dartmoor.
Photo © Derek Harper (cc-by-sa/2.0)
Published in: on 14. September 2021 at 02:00  Comments (1)  

Famous Graves – Samuel Taylor Coleridge und sein Grab in der St Michael’s Church in Highgate (London)

Photo © John Salmon (cc-by-sa/2.0)

Samuel Taylor Coleridge gehört neben William Wordsworth zu den großen englischen Dichtern der Romantik. Geboren wurde er 1772 in der Kleinstadt Ottery St Mary in Devon (siehe hierzu meinen Blogeintrag). Wer sich mit englischer Literaturgeschichte beschäftigt, wird immer wieder auf seinen Namen stoßen. Sein bekanntestes Werk ist sicher die Ballade „The Rime of the Ancient Mariner“ aus dem Jahr 1798, die der deutsche Dichter Ferdinand Freiligrath 1877 unter dem Titel „Der alte Matrose“ übersetzte.

Doch das literarische Werk soll in meinem heutigen Blogeintrag nicht im Mittelpunkt stehen, sondern seine Grabstätte. Samuel Taylor Coleridge starb am 25. Juli 1834 im Londoner Stadtteil Highgate, vermutlich auch an den Folgen seines übermäßigen Genusses der Droge Opium. Er wurde in der Old Highgate Chapel neben der Highgate School beigesetzt. Am 6. Juni 1961 wurde der Dichter umgebettet und zwar in die Krypta der St Michael’s Church am Rand des Highgate Cemeteries. Zusammen mit ihm zogen auch die sterblichen Überreste seiner Frau Sarah, seiner Tochter Sara und seines Neffen und Schwiegersohnes Henry Nelson Coleridge und deren Sohn Herbert mit um. Eine Grabplatte ist in der Kirche St Michael’s zu sehen.

Allmählich geriet in Vergessenheit, wo genau man Coleridges Sarg aufgestellt hatte, bis man ihn erst im Jahr 2018 wieder entdeckte und zwar in einem ehemaligen Weinkeller hinter einer Backsteinmauer, ganz am Rand der Krypta. Beim Bau der Kirche 1831 hatte man diesen Raum mit in die Kirche integriert, was aber niemand mehr wusste. Die Krypta ist nicht zugänglich, da dort zur Zeit umfangreiche Renovierungsarbeiten stattfinden.

Übrigens wohnte Samuel Taylor Coleridge die letzten Jahre seines Lebens direkt gegenüber von St Michael’s in der Straße The Grove (Nummer 3) im Hause seines Arztes Dr Gillman, ein Haus, das heute Kate Moss gehört. Eine Plakette an der Hauswand erinnert an den Dichter; eine weitere an den Schriftsteller J.B. Priestley, der ebenfalls hier wohnte.

St Michael’s in Highgate.
Photo © Philip Halling (cc-by-sa/2.0)
3, The Grove in Highgate.
Photo © David Smith (cc-by-sa/2.0)
Author: Spudgun 67.
Creative Commons 4.0

Mo Hayder – Eine englische Krimiautorin wird heute zu Grabe getragen

Clare Dunkel, besser bekannt als Mo Hayder, war eine sehr erfolgreiche Autorin von Kriminalromanen, die leider schon sehr früh im Alter von 59 Jahren am 27. Juli diesen Jahres verstarb. Sie hatte internationale Bestseller, auch in Deutschland wurden alle ihre zehn Romane übersetzt.

Birdman“ (dt. „Der Vogelmann“) war Mo Hayders Debutroman, in dem Detective Inspector Jack Caffery im Mittelpunkt stand, was auch in weiteren sechs Thrillern der Fall sein sollte. In ihren Büchern ging es stets sehr brutal und grausam zu, manchmal bis an die Grenzen des Erträglichen (oder darüber hinaus). Wenn man die attraktive, blonde Lady sah, mochte man ihr das eigentlich gar nicht zutrauen.

Mo Hayders Roman zweiter Roman „The Treatment“ (dt. „Die Behandlung“) aus dem Jahr 2001, in dem es um das Thema Pädophilie geht, wurde drei Jahre später verfilmt und enthielt einige sehr verstörende Szenen. Hier ist der Trailer.

Für ihren Roman „Gone“ (dt. „Verderbnis“), der 2010 erschien, erhielt Mo Hayder den Edgar Award der Mystery Writers of America.

Der Lebensmittelpunkt der Schriftstellerin lag viele Jahre in der Stadt Bath und Umgebung. Sie studierte an der Bath Spa University und wohnte die letzten Jahre ihres Lebens außerhalb der Stadt mit ihrem Mann Bob Randal, den sie erst in diesem Jahr geheiratet hatte, und ihrer Tochter.

Sie starb am 27. Juli an der Motoneuron-Krankheit, die man bei ihr erst im letzten Jahr festgestellt hatte. Heute, am 12. August um 12 Uhr findet in der Oak Chapel des Cheltenham Crematoriums in Prestbury (Gloucestershire) eine Trauerfeier statt, anschließend treffen sich die Gäste im Rising Sun Hotel, Cleeve Hill bei Cheltenham, um ihrer zu gedenken.

The Rising Sun, Cleeve Hill bei Cheltenham.
Photo © Ian S (cc-by-sa/2.0)
Published in: on 12. August 2021 at 02:00  Kommentar verfassen  

Famous Graves – John Osborne und sein Grab auf dem Kirchhof von St George in Clun (Shropshire)

Photo © Fabian Musto (cc-by-sa/2.0)

Nachdem wir uns gestern in der Grafschaft Shropshire aufgehalten haben, bleiben wir heute noch einmal hier. Westlich von Craven Arms fließt der River Clun, an dessen Ufer die Ortschaften Clun, Clunton und Clunbury liegen. In dem kleinen Dorf Clun finden wir auf dem Kirchhof von St George das Grab eines der berühmtesten Dramatiker des 20. Jahrhunderts, das von John Osborne (1929-1994). Der gebürtige Londoner verbrachte seine letzten Lebensjahre im Nachbarort Clunton, wo er am 24. Dezember 1994 verstarb. Direkt neben ihm steht der Grabstein seiner fünften Frau Helen, die ihn zehn Jahre überlebte. John Osbornes Grabstein trägt die Inschrift „Playwright, Actor and Friend“, auf dem seiner Frau steht zu lesen „Journalist, Wife and Friend“.

Die Begräbnisfeier für John Osborne fand am Neujahrstag 1995 statt, in Anwesenheit von Freunden aus der Umgebung und aus London. Ein Trompeter spielte The Last Post und bei Schneefall wurde der berühmte Mann in sein Grab gesenkt.

John Osborne, der weltweit bekannt wurde durch sein Theaterstück „Look Back in Anger“ (dt. „Blick zurück im Zorn“), das 1959 mit Richard Burton in der Hauptrolle verfilmt wurde (hier ist ein Ausschnitt zu sehen), wohnte in seinem Haus in Clunton, das den Namen The Hurst trägt. Dort hat sich seit einigen Jahren, nach einer gründlichen Renovierung, die 1968 gegründete Arvon Foundation („UK’s home of creative writing“) angesiedelt, die mehrtägige Kurse im kreativen Schreiben durchführt. Neben The Hurst hat die Arvon Foundation noch zwei weitere Standorte: In Lumb Bank bei Hebden Bridge in West Yorkshire, dem früheren Wohnhaus des Dichters Ted Hughes (siehe dazu auch diesen Blogeintrag), und in Totleigh Barton in Devon, einem Manor House aus dem 16. Jahrhundert.

St George in Clun.
Photo © Philip Pankhurst (cc-by-sa/2.0)
Clunton und der River Clun.
Photo © Jonathan Wilkins (cc-by-sa/2.0)

Hucknall in Nottinghamshire – Hier befindet sich die letzte Ruhestätte von Lord Byron

St Mary Magdalene in Hucknall.
Photo © nick macneill (cc-by-sa/2.0)

Lord Byron, Englands großer Dichter, der für die damalige Zeit einen skandalösen Lebensstil pflegte, wohnte eine Zeit lang in Newstead Abbey im Südwesten der Grafschaft Nottinghamshire, dem Familiensitz der Byrons. Nicht weit davon entfernt, in Hucknall,  liegt die letzte Ruhestätte von George Gordon Byron, 6th Baron Byron, so sein vollständiger Name, der schon im Alter von 36 Jahren in Messolongi in Griechenland starb, wo er am griechischen Freiheitskampf teilgenommen hatte.

Byrons Leichnam wurde einbalsamiert (es hieß, dass sein Herz in Griechenland geblieben ist,  nach anderen Quellen sollen es seine Lungen gewesen sein, die die Griechen gern behalten wollten) und nach England gebracht. Da die Westminster Abbey ihn auf Grund seiner „fragwürdigen Moralvorstellungen“ nicht in ihren Mauern haben wollte, wurde er im Familiengewölbe der Byrons in der Kirche St. Mary Magdalene in Hucknall beerdigt.

An seiner Seite liegt auch seine Tochter Augusta Ada, Countess of Lovelace, die mit dem Computerpionier Charles Babbage arbeitete und nach der die Programmiersprache Ada benannt ist.
Der König von Griechenland schickte 1881 eine  Marmorplatte nach Hucknall, die direkt über Byrons Grab angebracht wurde. Ein Gedenkstein findet sich außerhalb der Kirche mit der Inschrift „But there is that within me which shall tire Torture and Time, and breathe when I expire

St. Mary Magdalene in Hucknall ist zu einer Pilgerstätte für Byron-Freunde aus der ganzen Welt geworden.

Siehe auch meinen Blogeintrag über die Gedenkstätte für Lord Byrons Hund Boatswain.

Das Buch zum Artikel:
Fiona MacCarthy: Byron – Life and Legend. Faber and Faber 2003. 688 Seiten. ISBN 978-0571179978.

Photo © Phil Evans (cc-by-sa/2.0)

Slad in Gloucestershire – Ein Dorf, ein Schriftsteller und ein berühmtes Buch

Rosebank in Slad, wo Laurie Lee aufwuchs.
Photo © Philip Halling (cc-by-sa/2.0)

Nur wenige Fahrminuten von Stroud im Süden Gloucestershires entfernt, liegt an der B4040 das kleine Dorf Slad, in dem ein Mann aufwuchs, der in der neueren englischen Literaturgeschichte eine große Rolle gespielt hat: Laurie Lee (1914-1997). Wohl jeder in dessen Heimatland, kennt das Buch „Cider with Rosie„, das 1959 erschien und dessen deutscher Titel „Des Sommers ganze Fülle“ heißt. Darin schreibt Laurie Lee von seiner Kindheit und Jugend, die er in Slad verbrachte. Die Bände zwei und drei seiner autobiografischen Trilogie handeln von seinem späteren Lebensweg in London und in Spanien. In den 1960er Jahren kehrte Laurie Lee nach Slad zurück, wo er bis zu seinem Tod wohnte.

„Cider with Rosie“ wurde mehrfach verfilmt; ich kenne nur die BBC-Fernsehversion von 2015, die an den Originalschauplätzen gedreht wurde. Ich finde diese Verfilmung sehr gelungen mit hervorragenden Kinderschauspielern. Hier ist der komplette Film zu sehen.

Das Haus, in dem Laurie Lee aufwuchs, hieß damals Rose Cottages, heute heißt es Rosebank. Kürzlich stand es für £475 000 zum Verkauf. Als der Autor später wieder nach Slad zurückzog, wohnte er im Rose Cottage in der Nähe vom Woolpack Inn, wo er gern das eine oder andere Pint trank.

Lee starb am 13. Mai 1997, begraben wurde er auf dem Kirchhof der Holy Trinity Church in Slad, gegenüber vom Pub, wo seine Verehrer seinen Grabstein besuchen können. In der Kirche erinnert ein Glasfenster an den großen Sohn des Dorfes.
Aus Anlass seines hundertsten Geburtstags wurde im Jahr 2014 ein Wanderweg angelegt, der seinen Namen trägt: Der Laurie Lee Wildlife Way, der acht Kilometer durch das Slad Valley führt. Entlang der Strecke findet man zehn „poetry posts“, Stationen mit Gedichten Laurie Lees.

The Woolpack.
Photo © Jaggery (cc-by-sa/2.0)
Auf dem Kirchhof von Holy Trinity
Photo © Jaggery (cc-by-sa/2.0)
Das Laurie Lee Memorial Window in Holy Trinity.
Author: Paul Stephenson
Creative Commons 2.0
Der Laurie Lee Wildlife Way.
Photo © Humphrey Bolton (cc-by-sa/2.0)

Famous Graves – Edith Nesbits Grab auf dem Kirchhof von Saint Mary the Virgin in Saint Mary-in-the Marsh (Kent)

Author: barry.marsh1944
This work is marked as being in the public domain.

Die Schriftstellerin Edith Nesbit (1858-1924), deren Romane und Kinderbücher zum großen Teil auch ins Deutsche übersetzt worden sind, ist heute hauptsächlich noch durch ihre rührende Geschichte „The Railway Children“ (dt. „Die Eisenbahnkinder“) bekannt, und das wohl überwiegend durch die Verfilmungen des Stoffes. Ich besitze die BBC-Verfilmung mit Jenny Agutter in der Hauptrolle auf DVD und sehe sie mir immer wieder gern einmal an.

Edith Nesbit lebte viel Jahre am Stadtrand von London, in Eltham, zog aber nach dem Tod ihres Mannes in die Romney Marsh in Kent, für mich eine der eigenartigsten und faszinierendsten Landschaften Großbritanniens. Sie ließ sich in dem kleinen Ort St Mary’s Bay nieder, zusammen mit ihrem zweiten Mann, Tommy Tucker, wo beide zwei nebeneinander liegende Bungalows kauften und diese zu einem Haus zusammenfügten. Das Haus steht heute noch in einer schmalen Sackgasse, die nach der Schriftstellerin Nesbit Road genannt wurde.

Edith Nesbit starb am 4 Mai 1924 und wurde auf dem Kirchhof von Saint Mary the Virgin in dem Nachbarort von St Mary’s Bay, in Saint Mary-in-the-Marsh beigesetzt. Ihre Grabstelle ist leicht zu finden, denn hier steht kein Grabstein, sondern ein kleines Holzgestell, auf dem ihr Name E. Nesbit, und daneben die Nachnamen ihrer beiden Männer, Bland und Tucker, eingeritzt sind. „Poet Author“ steht darunter. Tommy Tucker hat diese ungewöhnliche Grabstelle selbst angefertigt; bei der heutigen handelt es sich um eine Replik, denn das Original war durch Wind und Wetter schon sehr stark mitgenommen worden.

In der Kirche Saint Mary the Virgin ist an einer Wand eine Gedenkplakette für die Schriftstellerin angebracht, auf der unter anderem steht „I will dwell among my children„, denn vor allem ihre Kinderbücher machten sie sehr beliebt.

Um das Andenken an die Schriftstellerin kümmert sich seit 1996 die Edith Nesbit Society.

Das Buch zum Artikel:
Eleanor Fitzsimons: The Life and Loves of E. Nesbit – Author of The Railway Children. Duckworth 2019. 352 Seiten. 978-0715651469.

Saint Mary the Virgin in Saint Mary-in-the-Marsh (Kent)
Author: barry.marsh1944
This work is marked as being in the public domain.

Der Satiriker und Playboy William Donaldson (1935-2005) und seine Kunstfigur Henry Root

William Donaldson, der von 1935 bis 2005 lebte, führte ein sehr abwechslungsreiches Liebesleben, um es einmal so zu formulieren. Er war dreimal verheiratet und hatte zahllose Affären, darunter mit der Schauspielerin Sarah Miles und der Sängerin Carly Simon (berühmt geworden durch ihren Nummer-Eins-Hit „You’re so vain„). Zu manchen Zeiten schwamm er in Geld, dann war er wieder eine Zeit lang pleite; er nahm Rauschgift, lebte in den Zeiten, in dem es ihm finanziell nicht so gut ging, in einem Bordell. Er wuchs in dem Prominentenort Sunningdale in Berkshire auf, ging in das Winchester College und konnte schon als Schüler seine wohlhabenden Eltern dazu überreden, ihn in die Pariser Revueshow der Folies Bergères mitzunehmen. Als in den 1950er Jahren Williams Mutter bei einem Verkehrsunfall ums Leben kam und sein Vater starb, war er plötzlich in jungen Jahren ein reicher Mann. Er versuchte, in der Theaterbranche Fuß zu fassen und schrieb 1975 seinen ersten Roman „Both the Ladies and the Gentlemen„.

Richtig bekannt wurde William Donaldson aber als er die fiktive Figur des Briefeschreibers Henry Root erfand und dessen Briefe in den 1980er Jahren in Buchform veröffentlichte. Henry Root war Fischhändler und schrieb Briefe an prominente Menschen der 80er Jahre; er war “ the crackpot alter-ego of William Donaldson“ wie die Times es formulierte. An die Labour-Politikerin Harriet Harman schrieb er beispielsweise, sie solle doch ihr hübsches Köpfchen nicht mit so komplizierten Dingen wie Politik vollstopfen, sondern lieber auf die Bühne gehen oder Nachrichtensprecherin werden. Er legte eine Pfundnote in den Brief, damit sie sich ein hübsches Kleid kaufen konnte.

An den Senior Treasury Counsel des Gerichtshofs Old Bailey in London bot sich Henry Root als Geschworener an, speziell für Fälle in denen Pornografen oder Gotteslästerer auf der Anklagebank säßen. Mit ihm hätte der Kläger schon einmal eine Stimme in der Tasche. Er legte wieder eine Pfundnote anbei, damit Henry Root an die Spitze der Auswahlliste der Geschworenen gesetzt werden könnte. Die Pfundnote wurde wieder zurückgeschickt.

Auch die damalige Premierministerin Margaret Thatcher stand auf Henry Roots Adressenliste, die die Pfundnote allerdings behielt und der Parteikasse zur Verfügung stellte.
An die Queen schrieb Henry Root, sie würde doch so viele Dinge eröffnen wie Krankenhäuser, Schulen, Theater usw., sie solle doch auch mal etwas schließen wie den National Liberal Club, BBC2, den „New Statesman“ oder Massagesalons. Er beendete den Brief mit „Royalists demand the return of the rope!“
Als Absenderadresse stand auf allen Briefen 139 Elm Park Mansions on Park Walk, London SW10, Donaldsons richtige Adresse.

Die Briefsammlungen des Henry Root alias William Donaldson wurden Verkaufserfolge, die die Taschen des Satirikers wieder füllten.

Auf Basis der Henry Root-Bücher erschien 1992 eine fünfteilige TV-Comedyserie „Root Into Europe„, in der George Cole den Fischhändler spielte. Hier ist Episode 1 zu sehen.

Published in: on 27. Februar 2021 at 02:00  Comments (1)  
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The Romantic Novelists‘ Association – Eine Vereinigung britischer Liebesroman-Autorinnen

Was für  die Autoren von Kriminalromanen in Großbritannien die Crime Writers‘ Association ist, ist für die britischen Schriftstellerinnen, die Liebesromane schreiben, die Romantic Novelists‘ Association (RNA). Diese Art von Romanen sind fast ausschließlich bei Frauen sehr beliebt und sie erreichen oft hohe Verkaufszahlen. So ist auf den Webseiten der RNA zu lesen, dass in der ersten Hälfte des Jahres 2017 alle zwei Sekunden ein Liebesroman verkauft wurde. In Deutschland zieren die Liebesromane bestimmter Verlage oft Bilder von hübschen jungen Damen mit tiefem Dekolleté, die mit schmachtenden Blicken in den Armen muskelbepackter Männer mit nacktem Oberkörper liegen. Ähnliches gibt es auch in Großbritannien zu sehen, zum Beispiel bei Produkten aus dem Verlag Mills & Boon.

Gegründet wurde die RNA im Jahr 1960 und zwar von den namhaftesten Autorinnen dieser Zeit, von Barbara Cartland, Catherine Cookson, Rosamunde Pilcher und Elizabeth Goudge, um nur einige zu nennen. Alle diese Damen erzielten mit ihren Büchern Millionenauflagen. Ziel der RNA war, das Genre Liebesroman aus einer Ecke herauszuholen, das von der Literaturkritik meist von oben herab betrachtet beziehungsweise gar nicht wahr genommen wurde.

Rund 1000 Autorinnen sind in der RNA zusammengefasst, die jedes Jahr eine Fülle von Veranstaltungen, Workshops und dergleichen organisieren. Höhepunkt ist immer die Vergabe der vielen Auszeichnungen und davon gibt es einige, zum Beispiel den The Goldsboro Books Contemporary Romantic Novel Award und den The Goldsboro Books Historical Romantic Novel Award. Dann gibt es weiterhin den The Katie Fforde Debut Romantic Novel Award für den besten Erstlingsroman und den The Jackie Collins Romantic Thriller Award, für Bücher in denen es neben romantischen Szenen auch schon einmal etwas rauer zugehen kann.

Der Verlag des Jahres 2020 war wieder einmal Mills & Boon, die Bibliothekarin des Jahres, die sich besonders für das Genre eingesetzt hat, war Liz Gardner von der Burton Library in Staffordshire, und die Buchhandlung des Jahres 2020 war „The Ripped Bodice, A Romantic Bookstore“ in Culver City in Kalifornien, die selbst auch einen Award for Excellence in Romantic Fiction vergibt.

Zum Thema siehe auch meine beiden Blogeinträge „Der National Trust und die Liebesromane“ und „Die M6 Toll Road – Gebaut mit Herz-Schmerz-Romanen„.

Der Stanza Stones Poetry Trail in West Yorkshire

The Snow Stone.
Photo © John Illingworth (cc-by-sa/2.0)

Das Ilkley Literature Festival besitzt in der britischen Literaturwelt einen ausgezeichneten Ruf. Namhafte Schriftsteller treffen sich jedes Jahr in der kleinen Stadt Ilkley in West Yorkshire. Beim Festival des Jahres 2010 entschied man sich dafür, ein Projekt in Angriff zu nehmen, das den Namen Stanza Stones Poetry Trail erhalten sollte.  Die künstlerischen Partner des Projekts waren Simon Armitage, ein Dichter und Schriftsteller aus der Region, seit 2019 Nachfolger von Dame Carol Ann Duffy als Poet Laureate, Pip Hall, eine Steinmetzin und Tom Lonsdale, ein Landschaftsarchitekt.

Geschaffen wurde der über 70 Kilometer lange Poetry Trail in den Pennines, der von Marsden (wo Simon Armitage aufwuchs) nach Ilkley führt. Sechs Stationen in Form von Steinen sind auf dem Weg zu besuchen, auf denen Gedichte eingemeißelt sind, die Simon Armitage speziell für das Projekt geschrieben hat und die kunstvoll von Pip Hall auf die Steine übertragen worden sind. Das Thema der Gedichte lautet „Natur„. An besonders atmosphärischen Orten hier oben auf der Wasserscheide des Pennine-Gebirges hat das Team die Steine ausgesucht, die die Namen Snow Stone, Rain Stone, Mist Stone, Dew Stone, Puddle Stone und Beck Stone tragen. Es dauerte achtzehn Monate bis das Projekt abgeschlossen war.

Beginnt man die Wanderung von Marsden aus trifft man zuerst auf dem Pule Hill auf den Snow Stone, in den Simon Armitages folgendes Gedicht eingemeißelt ist:

The sky has delivered its blank missive. The moor in coma. Snow, like water asleep, a coded muteness to baffle all noise, to stall movement, still time.
What can it mean that colourless water can dream such depth of white? We should make the most of the light. Stars snag on its crystal points. The odd, unnatural pheasant struts and slides. Snow, snow, snow is how the snow speaks, is how its clean page reads.
Then it wakes, and thaws, and weeps„.

Nicht jeder wird den kompletten Trail zurücklegen wollen und so gibt es Einstiege, die zu den einzelnen Steinen führen. Einen sehr guten Trail Guide zum Herunterladen gibt es hier.

In diesem Film stellt Simon Armitage sein Projekt vor.

The Dew Stone.
Photo © John H Darch (cc-by-sa/2.0)

The Puddle Stone.
Photo © John Illingworth (cc-by-sa/2.0)

Simon Armitage.
Author: Alexander Williamson
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Alice’s Shop in Oxford – Hier kaufte schon Alice Liddell Süßigkeiten ein

83 St Aldates in Oxford, direkt gegenüber von den Christ Church Memorial Gardens, so  lautet die Adresse eines kleinen historischen Hauses, in dem Alice’s Shop untergebracht ist und bei Alice handelt es sich wirklich um die junge Dame aus dem Wunderland. Die „richtige“ Alice trug den Nachnamen Liddell und war die Tochter des Dekans des Christ Church College Henry George Liddell und der war wiederum mit einem gewissen Charles Lutwidge Dodgson befreundet, der Tutor für Mathematik am gleichen College tätig war. Dodgson unternahm gern Bootsausflüge mit den Dekanstöchtern Lorina Charlotte, Alice und Edith Liddell. Auf einer dieser Flussfahrten erzählte Dodgson den dreien eine Geschichte von einem Mädchen namens Alice, das durch ein Kaninchenloch fällt und in eine unterirdische Fantasiewelt gerät. Die Mädchen waren begeistert und Dodgson machte sich daran, die Geschichte aufzuschreiben und zu veröffentlichen, allerdings nicht unter seinem Namen, sondern unter dem Pseudonym Lewis Carroll. „Alice im Wunderland“ ist bis heute eines der berühmtesten Kinderbücher weltweit und wurde mehrfach verfilmt.

Alice Liddell (1852-1934) hatte damals einen Lieblingsladen, in dem sie gern Süßigkeiten einkaufte, gegenüber von dem College gelegen, in dem ihr Vater arbeitete. Und diesen Laden gibt es tatsächlich heute noch. Er nennt sich passenderweise Alice’s Shop und steht ganz im Zeichen der Fantasiefigur und ihrer Freunde. Hier gibt es alles zu kaufen, was in irgendeiner Form mit den Fantasiefiguren zu tun hat, als da unter anderem wären:

Eine White Rabbit und Mad Hatter Uhr, Teekannen-Untersetzer mit Motiven der Mad Tea Party, eine Alice’s Shop-Coronaschutzmaske, eine Cheshire Cat-Halskette, Stoffservietten auf denen alle Romanfiguren zu sehen sind, ein 1000-Teile-Puzzle von der Mad Tea Party und jede Menge Alice-Figurinen. In diesem Film kann man sich das genauer ansehen.

Alice Liddell starb am 16. November 1934 in Westerham (Kent) und wurde auf dem Friedhof von St Michael and All Angels in Lyndhurst in Hampshire beigesetzt.

Zu Lewis Carroll siehe meine Blogeinträge über seinen Geburtsort und seinen Sterbeort.

Alices Grab in Lyndhurst (Hampshire)
Author: Niek Willems.
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Die Red Herring Awards der Crime Writers‘ Association

Die ehemalige Londoner Buchhandlung Murder One des Red Herring-Preisträgers Maxim Jakubowski.
Author: Literary Tourist
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Die Crime Writers‘ Association  (CWA) ist der wichtigste Zusammenschluss aller britischen Kriminalroman-Schriftsteller. Der Höhepunkt im Leben der CWA ist die jährliche Vergabe der Preise an die besten Krimis bzw. die besten Autoren. Den Gold Dagger bekommt der beste Roman des Jahres, der in diesem Jahr „Good Girl, Bad Girl“ (dt. „Schweige still“) heißt und vom Michael Robotham geschrieben wurde. Robotham ist ein australischer Autor, dessen Werke so gut wie alle ins Deutsche übersetzt worden sind.

Neben dem Gold Dagger gibt es noch viele weitere jährliche Auszeichnungen der CWA, ich möchte heute aber nur auf einen, den Red Herring Award, näher eingehen. Ein „roter Hering“ ist ein Bestandteil sehr vieler Krimis, durch den die Leser auf eine falsche Spur gelockt werden sollen. Der Preis wurde erstmals 1959 vergeben und zwar an Menschen, die sich durch ihre Arbeit besondere Verdienste um die CWA und die britische Kriminalliteratur erworben haben. Die ersten beiden Preisträger waren Roy Vickers und Janet Green. Vickers (1888-1965) machte sich in den 1940er Jahren einen Namen durch seine „Department of Dead Ends“-Kurzgeschichten, ist heute aber weitgehend vergessen. Janet Green (1908-1993) war eine Drehbuchautorin in den 1950er und 1960er Jahren.

Zu den namhaftesten Red Herring Award-Empfängern gehören unter anderen Julian Symons (1966), Reginald Hill (2001), Peter Walker (2007) und Maxim Jakubowski (2010). Letzteren habe ich vor vielen Jahren in seiner legendären Londoner Krimibuchhandlung Murder One in der Charing Cross Road kennengelernt, die er von 1988 bis 2009 betrieb.

Die Awards werden nicht jedes Jahr verliehen, 2020 zum Beispiel  nicht.

 

Published in: on 8. Dezember 2020 at 02:00  Kommentar verfassen  
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Vergessene Krimiautoren – John Oxenham (1852-1941) und seine Kurzgeschichte „A Mystery of the Underground“

Die U-Bahnstation Charing Cross, wo Oxenhams Roman beginnt.
Author: Qsimple
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John Oxenham hieß gar nicht John Oxenham, sondern William Arthur Dunkerley (1852-1941). Unter dem Pseudonym (nach einer Figur in Charles Kingsleys Roman „Westward Ho!“) veröffentlichte er zahlreiche Bücher, darunter einige Lyrikbände; auf sein Erstlingswerk „A Mystery of the Underground“ möchte ich heute etwas näher eingehen, das er 1897 in dem Wochenmagazin „To-Day“ in Serienform veröffentlichte. Dunkerley/Oxenham lebte von 1852 bis 1941; sein Name findet sich seltsamerweise in keiner der umfangreichen Krimi-Enzyklopädien, die ich in meinem Besitz habe, dabei hatte sein Kurzkrimi Ende des 19. Jahrhunderts, wenn auch nur für einige Wochen, Auswirkungen auf das Londoner Leben.

„A Mystery of the Underground“ spielt wie der Titel schon vermuten lässt, in der Londoner U-Bahn, genauer gesagt auf der Linie District Line. Die Geschichte beginnt an einem Dienstagabend im Bahnhof Charing Cross, als dort in einem der Waggons ein Toter gefunden wird, der offensichtlich erschossen wurde. Man bringt ihn per U-Bahn nach Westminster, wo Scotland Yard übernimmt. Detective-Sergeant Doane und der Reporter Charles Lester machen sich an die Aufklärung des Falles, der weitere nach sich zieht. Immer Dienstagabends wird auf der U-Bahnlinie ein unschuldiger Pendler ermordet. In den Krimi eingebunden sind Zeitungsartikel, die so authentisch wirken, dass tatsächlich die District Line an Dienstagabenden deutlich leerer ist als sonst. Viele Londoner haben Angst, dass sie selbst Opfer des mysteriösen Serienkillers werden könnten. Die U-Bahnbetreiber wandten sich an der Herausgeber des „To-Day“-Magazins (der übrigens Jerome K. Jerome war, Autor des Buches „Three Men in a Boat“) und beschwerten sich, dass die Geschichte über den Serienkiller geschäftsschädigend wäre. Wie die Geschichte letztendlich ausgeht, werde ich an dieser Stelle natürlich nicht verraten.

Am 26.11.1997 sendete die BBC das Hörspiel „Death on the District Line„, das auf Oxenhams Krimi basierte, als dritter Teil der Miniserie „Mysteries of the London Underground“ (die beiden anderen Hörspiele beruhten auf Romanen von Baroness Orczy und Michael Gilbert).

Soweit ich ermitteln konnte, ist das Buch nie ins Deutsche übersetzt worden. Der Katalog der Deutschen Nationalbibliothek weist lediglich eine Übersetzung der Werke John Oxenhams nach und das ist „Der endlose Weg“ im Jahr 1917 (wahrscheinlich „The Long Road“ im Original).

Im Alter von siebzig Jahren verließ William Arthur Dunkerley London und zog an die Südküste nach Worthing in West Sussex, wo er den Posten des Bürgermeisters übernahm und wo er auch 1941 starb.

 

 

Published in: on 24. November 2020 at 02:00  Comments (2)  
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Simon Marsden (1948-2012) – Der Fotograf des Unheimlichen

Simon Marsden (links).
Author: Sgerbic
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Der 1948 in Lincoln geborene Simon Marsden, 4th Baronet of Grimsby (1948-2012), ist durch seine unheimlichen Schwarz-Weiß-Fotografien in aller Welt berühmt geworden. Er erzielte diese unheimlichen Effekte mit Hilfe der Infrarottechnik. Als Motiv suchte sich Simon Marsden in England und in anderen europäischen Ländern Spukhäuser, verfallene Ruinen und Friedhöfe, die er dann in seiner unnachahmlichen Weise porträtierte. Leider ist er schon sehr früh 2012 in Lincolnshire gestorben
Einige seiner Bücher sind auch ins Deutsche übersetzt worden wie beispielsweise:
The Haunted Realm –> „Spuk und Gespenster“
Phantoms of the Isles –> „Im Reich der Geister“
Beyond the Wall –> „Zeugen in Stein“

Besonders fasziniert hat mich immer sein Foto von Allerton Castle (in dem kleinen Film am Ende des Beitrages auch zu sehen) in Yorkshire zwischen Wetherby und Boroughbridge, ein Haus an dem ich früher häufig vorbeifuhr und das mir schon am Tage sehr unheimlich vorkam. Das Foto ist in Marsdens „Phantoms of the Isles“ zu finden, in dem auch das grandiose Toddington Manor in Gloucestershire abgebildet ist. Ich stand einmal vor den Toren dieses Hauses, das seit 2005 dem englischen Künstler Damien Hirst gehört.

Marsdens Fotografien werden heute in berühmten Museen ausgestellt, so zum Beispiel im Londoner Victoria & Albert Museum, im John Paul Getty Museum in Los Angeles, und auch die Pariser Bibliothèque Nationale besitzt einige seiner Werke.

Hier ist ein Film über Simon Marsden.

Foto meines Exemplares.

Published in: on 25. August 2020 at 02:00  Kommentar verfassen  
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Jonathan Swifts Roman „Gulliver’s Travels“ und wie der Autor auf die Idee mit den Liliputanern kam

Blick auf die Mole des Hafens von Whitehaven, so wie ihn wahrscheinlich der kleine Jonathan gehabt hatte.
Photo © N Chadwick (cc-by-sa/2.0)

Als Kind besaß ich ein Exemplar des Buches „Gullivers Reisen„, das 1726 von Jonathan Swift veröffentlicht worden war. Das Buch war recht dünn und beinhaltete lediglich die Geschichte von Gulliver und den Liliputanern; dass es noch drei weitere Teile gab, wusste ich damals nicht. „Travels into Several Remote Nations of the World in Four Parts By Lemuel Gulliver, first a Surgeon, and then a Captain of Several Ships“, so der sperrige Name des ganzen Buches, war eine Gesellschaftssatire und nicht als Kinderbuch konzipiert. Bis heute ist aber der erste Teil, der mit den Liliputaner, der bekannteste geblieben; Gullivers Reisen nach Brobdingnag, Laputa, Glubbdubdrip und wie die anderen Fantasiereiche heißen, sind dagegen den meisten nicht so geläufig.

Wie kam nun Jonathan Swift, der von 1667 bis 1745 lebte, auf die Idee mit den kleinen Menschen im Reich Liliput, die den großen Gulliver mit Schnüren an den Boden gefesselt haben? Es soll sich folgendermaßen zugetragen haben: Als der kleine Jonathan gerade einmal ein Jahr alt war, wurde er von seinem Kindermädchen, ohne dass die Mutter es wusste, von Dublin nach Whitehaven (Cumbria) mitgenommen, um dort Erbschaftsangelegenheiten zu regeln. Die Nanny liebte den kleinen Jungen sehr und mochte sich nicht von ihm trennen, heute würde es heißen, sie hätte Klein-Jonathan entführt. Nachdem die beiden in Whitehaven angekommen waren, schrieb das Kindermädchen gleich einen Brief an die Mutter, entschuldigte sich und bat um Verständnis. Mrs Swift wollte nicht, dass sich ihr kleiner Sohn gleich noch einmal auf die gefährliche Überfahrt zurück nach Dublin machen sollte, und gestattete dem Kindermädchen es so lange zu behalten, bis er größer war.

Jonathan wohnte mit seiner „neuen Mutter“ oberhalb des Hafens von Whitehaven in einem Haus namens Bowling Green House, aus dem später der Red Flag Inn wurde. Jonathans Abwesenheit von seiner richtigen Mutter schien dem Kind nicht geschadet zu haben, denn es begann dort oben über dem Hafen schon früh lesen zu lernen, und es konnte bereits mit vier Jahren die Bibel lesen. Wenn Jonathan von seinem Haus aus auf den Hafen und die Stadt hinunterschaute, sah er aus der Entfernung all die kleinen Menschen ihren Verrichtungen nachgehen, und diese Bilder sollten sich derart in ihm einprägen, dass daraus über fünfzig Jahre später sein Roman, in dem kleinwüchsige Menschen eine Rolle spielten, entstand und der in die Weltliteratur Einzug hielt.

Das Haus oberhalb des Hafens steht noch heute und wird Jonathan Swift House genannt.

Über die Küstenstadt Whitehaven habe ich in meinem Blog schon zweimal geschrieben, einmal in Zusammenhang mit dem amerikanischen Unabhängigkeitskrieg und einmal über die Rum Story.

Luftbildaufnahme von Whitehaven.
Photo © M J Richardson (cc-by-sa/2.0)

Published in: on 14. August 2020 at 02:00  Kommentar verfassen  
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St Margaret’s Bay und The Duck Inn in Pett Bottom (Kent), James Bond und Ian Fleming

Ian Flemings Haus in St Margaret’s Bay „Summer’s Lease“.
Photo © Marathon (cc-by-sa/2.0)

Ian Fleming (1908-1964) hatte Zeit seines Lebens eine besondere Schwäche für die Grafschaft Kent. 1952 kaufte er sich dort sogar ein Haus, in St Margaret’s Bay bei Dover, das er Summer’s Lease nannte und in dem vorher ein anderer Thrillerautor wohnte, nämlich Eric Ambler. In seinem Roman „Moonraker“ (dt. „Mondblitz“, später auch „Moonraker“), in dem viele Passagen in dem nördlich gelegenen Deal spielen, erwähnt Fleming mehrere Male St Margaret’s Bay.

Damals gab es eine Buslinie in Kent, die Canterbury mit den Küstenorten verband und die Bezeichnung 007 hatte. Diese Zahlenkombination soll sich so in Flemings Hirn eingebrannt haben, dass er seinem späteren Serienheld James Bond diese Agentennummer verpasste. Heute bedient die Linie 007 der Firma National Express die Linie Dover – London Victoria, über Folkestone und Canterbury, und benötigt dafür drei Stunden und zwanzig Minuten.

Wie in einem fiktiven Nachruf auf James Bond in der Times zu lesen war, lebte James Bond, nachdem seine Eltern in den französischen Alpen beim Bergsteigen ums Leben gekommen waren, als Zwölfjähriger eine Zeit lang bei seiner Tante Charmian Bond in einem Cottage in dem winzigen Dorf Pett Bottom. Auch James Bonds Schöpfer Ian Fleming hatte eine Beziehung zu dem kleinen Dorf, denn er wohnte einmal im Gasthof The Duck Inn und schrieb dort große Teile seines 007-Romans „You only live twice„, der 1964 erschien (und zwei Jahre später unter dem Titel „James Bond reitet den Tiger“ in deutscher Übersetzung veröffentlicht wurde). An dem Pub ist eine blaue Plakette angebracht, die darauf hinweist.
Wer hätte das gedacht, dass man in diesem entlegenen Teil von Kent auf den weltberühmten Agenten und seinen geistigen Vater trifft?

The Duck Inn in Pett Bottom (Kent).
Photo © Chris Morgan (cc-by-sa/2.0)

 

William Davenant (1606-1668) – War er William Shakespeares unehelicher Sohn?

Sir William Davenant.
This work is in the public domain .

William Shakespeare pendelte in der Blütezeit seines Schaffens zwischen seinem Heimatort Stratford-upon-Avon und London, eine Strecke, die man mit dem Auto heute über die M40 locker in zwei Stunden zurücklegt. Damals benötigte man dafür deutlich mehr Zeit, und so übernachtete der Schriftsteller gern in Oxford, etwa auf der Hälfte der Strecke und da besonders gern in der Crown Tavern, heute die Nummer 3 der Straße Cornmarket. Ob es Shakespeare besonders wegen des Ambiente des Gasthofs dort hinzog oder wegen der hübschen Jane Shepherd Davenant, deren Ehemann der Besitzer der Crown Tavern war? John Davenant fungierte auch noch als Weinhändler und Bürgermeister von Oxford, ein viel beschäftigter Mann, der möglicherweise seine Ehefrau etwas vernachlässigte. Außerdem sagte man ihm nach, dass er zur Melancholie neigte und nur schwer zum Lächeln zu bewegen war. Da würde es nicht wundern, wenn das Verhalten ihres Mannes die liebe Jane in die Arme des Barden aus Stratford getrieben hätte, für die eine oder andere Nacht.

Als sie 1606 einen Sohn gebar, dessen Pate William Shakespeare wurde, kamen schnell Gerüchte in Oxford in Umlauf, dass Shakespeare da seine Hände (pardon, ich hätte es auch deutlicher ausdrücken können) im Spiel gehabt haben könnte. William Davenant, so hieß der Kleine, sollte später ebenfalls zu einem Schriftsteller und Theaterstückeschreiber werden (waren daran die Gene Schuld?), dessen Texte Ähnlichkeiten mit denen Shakespeares haben sollen wie einige weise Leute meinen. William Davenant wurde 62 Jahre alt und starb 1668 in London.

In der Hausnummer 3 am Cornmarket in Oxford ist heute ein Telefonladen der Firma Vodafone untergebracht. Dahinter gibt es etwas Besonderes zu sehen, was viele Oxfordbesucher nicht wissen, da verbirgt sich der sogenannte Painted Room des Oxford Preservation Trusts, in dem elisabethanische Wandmalereien zu sehen sind, die vom Ende des 16. Jahrhunderts stammen. Etwa zu der Zeit als Shakespeare hier zu Gast war, vertäfelte man die Wände und deckte die Malereien zu, die erst bei Renovierungsarbeiten im Jahr 1927 wieder ans Tageslicht kamen und restauriert wurden. Ob Shakespeare diese Malereien damals noch gesehen hat, wird man wohl nie herausfinden.

Zu besichtigen ist der Painted Room, der hier im Film vorgestellt wird, immer im September bei den Heritage Open Days oder nach Absprache mit dem Oxford Preservation Trust.

Oxfords Cornmarket Street.
Photo © Alan Hughes (cc-by-sa/2.0)

Der Painted Room.
Copyright: Howard Stanbury.
Creative Commons 2.0

Sir Simon David Jenkins und seine Bücher

Sir Simon David Jenkins, 1943 in Birmingham geboren, ist ein Schriftsteller und Journalist, der für den Evening Standard, die Times und den Guardian gearbeitet hat. Von 2008 bis 2014 war er der Chef des National Trusts; er kennt sich dadurch natürlich in der Welt der historischen Gebäude Englands hervorragend aus.

Aus dieser Kenntnis entstand 2003 das Buch „England’s Thousand Best Houses„, das immer wieder neu aufgelegt worden ist. Mein Exemplar stammt aus dem Jahr 2009 und umfasst stolze 1046 Seiten. Ich würde es als das Standardwerk über historische Häuser Englands bezeichnen. Wie ein Restaurant-Tester vergibt Simon Jenkins Sterne, wobei fünf Sterne die oberste Kategorie ist. Zwanzig herrschaftliche Häuser haben die volle Sternenzahl erhalten, darunter (wie nicht anders zu erwarten) Windsor Castle, Hampton Court, Blenheim Palace, Castle Howard und Chatsworth House. Ein unentbehrlicher Führer für Englandreisende!

In gleicher Aufmachung erschien vier Jahre früher, 1999, der Parallelband „England’s Thousand Best Churches„, zuletzt 2012 neu aufgelegt. Dieser Band beinhaltet 880 Seiten und auch hier werden Sterne vergeben. Zu den Fünf-Sterne-Kirchen zählt Jenkins unter anderen die Tewkesbury Abbey, das Beverly Minster, St Mary Redcliffe in Bristol und die St Peter’s Church in Walpole St Peter (Norfolk).

Sein Wissen über englische Kirchen hat Jenkins noch einmal in dem Buch „England’s Cathedrals“ manifestiert, das 2016 erschien.

Seine „Best of“-Reihe setzte der Autor 2017 fort mit dem Buch „Britain’s Best Railway Stations„, wieder mit der bereits bekannten Sternenvergabe. Als die sehenswertesten Bahnhöfe der Insel empfiehlt Jenkins zum Beispiel King’s Cross, Liverpool Street, Paddington und St Pancras in London, sowie außerhalb der Haupstadt, Newcastle Central und den Bahnhof von York und Liverpools Hauptbahnhof Lime Street.

Simon Jenkins‘ aktuelles Buch ist das im Oktober 2019 erschienene „A Short History of London„, das er in diesem Film vorstellt.

Foto meines Exemplares.

Published in: on 17. Juni 2020 at 02:00  Kommentar verfassen  
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The Lakeland Book of the Year Awards

Der Lake District, hier der See Derwent Water.
Photo © David Dixon (cc-by-sa/2.0)

Die Grafschaft Cumbria zeichnet sich durch eine sehr abwechslungsreiche Landschaft aus: Berge und Seen ziehen im Sommer ganze Heerscharen von Besuchern hierher. In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts war der Lake District die Heimat vieler Dichter wie William Wordsworth, Samuel Taylor Coleridge, Robert Southey und viele andere. Es gibt also genug Stoff, um über diese Region im Nordwesten Englands zu schreiben.

Die Lakeland Book of the Year Awards tragen dem Rechnung und so werden jedes Jahr Bücher ausgezeichnet, die sich mit irgendeiner Thematik der Lakelands befassen, in diesem Jahr zum sechsunddreißigsten Mal. Am 30. Juni werden die diesjährigen Preise im Roundthorn Country House Hotel in Penrith vergeben. Eine dreiköpfige Jury unter der Leitung von Hunter Davies OBE, der die Book Awards auch gründete, wird dann aus der Fülle der Neuerscheinungen die bestern heraussuchen und prämieren. Es werden insgesamt sechs Preise in unterschiedlichen Kategorien vergeben, der Hauptpreis ist aber der Hunter Davies Lakeland Book of the Year Award.

Werfen wir einen Blick zurück, um zu sehen, womit sich die bisherigen Buchpreisträger beschäftigten.
Der Sieger des vorigen Jahres war das Buch „The Corpse Roads of Cumbria: Featuring Walks Along the County’s Ancient Paths„, geschrieben von Alan Cleaver und Lesley Park. Darin geht es um die sogenannten „corpse roads“, das sind Wege, die dazu benutzt wurden, um Verstorbene aus abgelegenen Gegenden zur nächstgelegenen Kirche zu bringen. Meist waren das nur ausgetretene Pfade, und vor allem im Winter war es nicht ganz leicht, diese mit der schweren Last zu begehen. Das Buch erschien im Verlag Chitty Mouse Press in Whitehaven in Cumbria.

In der Unterkategorie The Gilpin Hotel and Lake House Prize for Fiction war die letztjährige Preisträgerin Jill Clough mit ihrem Debutroman „Morph„, einer Coming-of-Age Geschichte um ein junges Mädchen im Lake District.

Den The Striding Edge Prize for Guides and Places erhielt im Jahr 2019 David Ramshaw für sein Buch „The Little Book of Cumbria“ (das ich mir gerade zugelegt habe und in meinem Blog später vorstellen werde).

Der Hauptpreisträger des Jahres 2017 war der Fotograf Phil Rigby, der für sein Buch „Portrait of Cumbria„, einem Bildband, ausgezeichnet wurde.

Eine „corpse road“ im Wasdale.
Photo © N Chadwick (cc-by-sa/2.0)

Published in: on 15. April 2020 at 02:00  Comments (1)  
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William Hope Hodgson vs. Harry Houdini – Eine Wette im Palace Theatre in Blackburn im Jahr 1902

Das erste Mal stieß ich auf den englischen Schriftsteller William Hope Hodgson (1877-1918) als ich mich für meine Examensarbeit intensiv mit dem Thema Weird Fiction beschäftigte, und ich die beiden Bücher „Das Haus an der Grenze“ und „Stimme in der Nacht“ las, die in der Bibliothek des Hauses Usher des Insel-Verlages erschienen waren, auf grünem Papier gedruckt.

Bevor William Hope Hodgson seine Schriftstellerlaufbahn einschlug, hatte er 1899 in Blackburn in Lancashire ein Fitness-Studio eröffnet, das damals etwas hochtrabend School of Physical Culture hieß. Im Oktober 1902 hatte sich der weltberühmte Entfessellungskünstler Harry Houdini (1874-1926) im Palace Theatre in Blackburn angesagt. Houdini (hier sind einige historische Aufnahmen) rühmte sich, sich aus jeder Fessel, die man ihm anlegte, befreien zu können, und das wollte man in Blackburn unbedingt erleben. Im Vorfeld hatte er eine Wette angeboten, dass jeder, der wollte, ihn fesseln konnte. Schaffte er es nicht, sich daraus zu befreien, würde er £25 zahlen, was damals sehr viel Geld war.

William Hope Hodgson nahm die Wette an, unter der Bedingung, dass er seine eigenen Fesseln mitbringen konnte, was Houdini erlaubte. Auf der Bühne des Palace Theatre erschien der Fitness-Studiobesitzer mit einem furchterregendem Equipment, das aus Handschellen, Ketten und Schlössern bestand. Misstrauisch betrachtete Houdini das Ganze und beschwerte sich, dass es sich nicht um Standard-Schlösser handelte und dass diese manipuliert seien. Hodgson blieb aber hart und bestand auf den ausgehandelten Bedingungen. Widerwillig stimmte der Meister dann doch zu und musste zusehen wie sein Herausforderer ihn derart mit den Ketten samt Schlössern umschnürte, dass er sich kaum noch bewegen konnte. Als Hodgson fertig war, wurde wie üblich eine Trennwand zwischen Publikum und Houdini hochgezogen. Nach zwanzig Minuten wurde die Trennwand entfernt und man sah, dass Houdini noch weit davon entfernt war, sich zu befreien, und er protestierte lauthals über die brutale Art und Weise wie ihm die Fesseln angelegt worden waren. Hodgson kannte kein Erbarmen, und so versuchte es Houdini weiter. Nach über einer Stunde hatte er es tatsächlich geschafft. Mit blutenden Armen und zerrissener Kleidung tauchte er hinter der Trennwand auf, alle Fesseln hatte er entfernen können. So eine brutale Behandlung hätte er noch nie erlebt, schimpfte Houdini, dem ein „entfesseltes“ Publikum zujubelte. William Hope Hodgson hatte die Wette verloren und zog sich in seine School of Physical Culture in der Ainsworth Street zurück. Zwei Jahre später erschien seine erste Kurzgeschichte mit dem Titel „“The Goddess of Death“.

Das Palace Theatre wurde im Dezember 1989 abgerissen, um einen Parkplatz anzulegen.

Bignell Wood bei Wittensford in Hampshire – Das ehemalige Haus von Sir Arthur Conan Doyle

Der geistige Vater des Sherlock Holmes, Sir Arthur Conan Doyle, ist in dem winzigen Dorf Minstead auf der Kirchhof der All Saints‘ Church begraben. Er wohnte teils im Windlesham Manor bei Crowborough in East Sussex, wo er anfangs seine letzte Ruhestätte fand, wurde aber später nach Minstead gebracht, wo er ganz in der Nähe ebenfalls ein Haus besaß, Bignell Wood genannt.

Bignell Wood liegt westlich des Dorfes Wittensford, nahe der B3079, am Rand des New Forests. Sir Arthur kaufte das große Haus mit sieben Schlafzimmern 1925 als Geburtstagsgeschenk für seine zweite Frau Jean, und schnell sprach sich in der Nachbarschaft herum, dass es dort spukt, Postboten sollen sich geweigert haben, die Post dort hinzubringen. Der Schriftsteller hatte einen ausgeprägten Hang zum Spiritismus (obwohl er den logisch und rational denkenden Detektiv Sherlock Holmes schuf), dem er auch in Bignell Wood nachging. Séancen wurden in dem Haus abgehalten (was Doyles Tochter später in Abrede stellte), und als Bignell Wood 1929 in Flammen aufging, schrieb Doyle das übernatürlichen Kräften zu.  Die tatsächliche Brandursache soll aber Funkenflug aus der Küche gewesen sein, wodurch das Reetdach Feuer fing. Sir Arthur beauftragte eine Baufirma, sein Haus wieder bewohnbar zu machen, erlebte das aber nicht mehr, da er am 7. Juli 1930 in Crowborough starb. Siehe hierzu auch meinen Blogeintrag über Doyles bemerkenswerten Memorial Service in der Londoner Royal Albert Hall.

Das Haus im New Forest wurde 1961 von einem schottischen Ärztepaar übernommen, das Bignell Wood erst einmal exorzieren ließ, denn irgendetwas Unheimliches schien dort zu existieren. Danach kehrte Ruhe in das einsam gelegene Haus ein.

Byron’s Pool bei Grantchester in Cambridgeshire – Ein beliebter Nacktbadeteich für prominente Schriftsteller

Eigenes Foto.

In meinem Blogeintrag im letzten Jahr über meinen Besuch in Grantchester bei Cambridge erwähnte ich kurz meinen Abstecher zum Byron’s Pool, einem kleinen Teich etwas außerhalb des Ortes. Heute möchte ich auf dieses Gewässer etwas näher eingehen, denn hier tummelten sich früher einmal bekannte Schriftsteller, die eine Vorliebe für „skinny-dipping“, also Nacktbaden, hatten.
Da ist einmal der Namensgeber des Teiches, Lord Byron (1788-1824) selbst, der gern einmal hüllenlos in die „Fluten“ des Pools eingetaucht sein soll, was heute untersagt ist, das Schwimmen im allgemeinen. Aber so ein richtiger Fan des Dichters lässt sich von Verbotsschildern nicht abhalten und so soll es noch immer einige Menschen geben, die bei Mondschein nackt im Wasser des Teiches ihrem Idol huldigen.

Ein anderer Dichter, Rupert Brooke (1887-1915), der eng mit Grantchester verbunden ist und der sehr jung während des  Ersten Weltkriegs gestorben ist, liebte den Byron’s Pool ebenfalls sehr (hier ist ein weiterer Blogeintrag über den Dichter). Gern zeigte der junge Dichter hier ein kleines Kunststück, das sicher nicht jeder Mann beherrscht. Er sprang in den Teich und tauchte kurz danach mit einer Erektion wieder auf. Kaltes Wasser hat ja eher den gegenteiligen Effekt, aber nicht bei Rupert Brooke. Allein Nacktbaden macht nicht so viel Spaß wie in (weiblicher) Gesellschaft, und so lud der Dichter die Schriftstellerin Virginia Woolf dazu ein, ihm hüllenlos ins Wasser zu folgen. Sie war eine gute Schwimmerin und wählte traurigerweise am 28. März 1941 den Freitod in den Wassern des River Ouse, der in der Nähe ihres Hauses in Rodmell (East Sussex) verläuft.

Der Byron’s Pool wurde im Laufe der Jahre ziemlich verunstaltet. Betonmauern säumen einen Teil des Ufers und das Wasser, das sich über ein Wehr in den Teich ergießt, sieht auch nicht gerade einladend aus. Aber die Lage des als Naturschutzgebiet eingestuften Pools inmitten eines Wäldchens ist sehr schön.

Eigenes Foto.

Eigenes Foto.

Terry Pratchett und sein Geburtsort Forty Green in Buckinghamshire

Haus an der Forty Green Road und dem Holtspur Lane.
Photo © Andrew Smith (cc-by-sa/2.0)

Über das winzige Dorf Forty Green in der Grafschaft Buckinghamshire schrieb ich in meinem Blog schon einmal in Zusammenhang mit dem Pub The Royal Standard of England, einem richtig schönen Country Pub, den ich sehr empfehlen kann! Forty Green liegt im Dunstkreis des Städtchens Beaconsfield; wir befinden uns hier in einer Region, in der sehr viele Episoden der TV-Krimiserie „Inspector Barnaby“ gedreht wurden.

Ende der 1940er Jahre arbeitete eine Eileen Pratchett im Postamt von Forty Green, das es natürlich schon lange nicht mehr gibt. Sie war verheiratet mit dem Kraftfahrzeugmechaniker David Pratchett und am 28. April 1948 wurde ihnen ein Sohn geboren, den sie Terence David John nannten und der später als Terry Pratchett (1948-2015) durch seine Fantasy-Romane Weltruhm erlangen sollte. Er blieb das einzige Kind von Eileen und David.

Terry besuchte die Holtspur Primary School, wo es nicht so richtig lief, und er Probleme hatte, mit den anderen Schülern mitzukommen. Der Durchbruch kam, als Terry das Buch „The Wind in the Willows“ (dt. „Der Wind in den Weiden“) von Kenneth Grahame geschenkt bekam, das ihn dermaßen faszinierte, dass seine Schulleistungen deutlich besser wurden und er Stammkunde in der Beaconsfield Public Library wurde, in die er im Juli 2013 auf seinen Wunsch hin noch einmal zurückkehrte und dort vor begeisterten Fans sprach.

Die Holtspur Primary School in der Cherry Tree Road liegt in Holtspur, einem weiteren Vorort von Beaconsfield. Als die 1951 gegründete Schule ihr 60-jähriges Bestehen feierte, gratulierte auch Terry Pratchett und erinnerte sich in einem Schreiben an seine Schulzeit damals, die er als nicht besonders angenehm empfand, was aber nicht an der Schule, sondern mehr an ihm selbst lag, denn er war als Kind ein ausgemachter Tagträumer. Terry Lieblingsspielplatz war das Wäldchen Roundhead Wood am Rand von Forty Green, zwischen der Forty Green Road und dem Holtspur Lane, wo er viele Stunden mit seinen Freunden verbrachte. Hier wurden schon die ersten Bausteine für seine späteren Scheibenwelt-Romane gelegt.

Hier ist eine Dokumentation über Terry Pratchetts Leben. Siehe auch meinen Blogeintrag über meine „Begegnung“ mit Terry Pratchett in Wincanton (Somerset).

Holtspur in Buckinghamshire.
Photo © Des Blenkinsopp (cc-by-sa/2.0)