Englische Exzentriker – Mark McGowan alias Chunky Mark alias The Artist Taxi Driver

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Mark McGowan, 1964 in London geboren, ist ein Performance Künstler, und um diese sehr spezielle Kunstform zu betreiben, muss man schon über eine gehörige Portion Exzentrik verfügen. Seine „Kunst-Stücke“ sind witziger und abstruser Natur, machen aber immer wieder nachdenklich. Er ist auch unter den Namen Chunky Mark und The Artist Taxi Driver bekannt (er verdiente sich einige Jahre lang ein Zubrot als Taxifahrer). Durch seine bizarren Acts will der Künstler auf unkonventionelle Weise auf Dinge hinweisen, die ihm wichtig sind. Hier sind einige dieser exzentrischen Kunstwerke:

Chips and Beans. Bei dieser Aktion verbrachte Mark McGowan zwölf Tage in einer Badewanne, die mit gebackenen Bohnen und Tomatensoße gefüllt war, dazu hatte er sich ein sieben Pfund schweres Wurstpaket auf den Kopf geschnallt und sich zwei Pommes Frites in die Nasenlöcher gesteckt. Zweck der ganzen Aktion: Nachdem ein italienischer Freund einmal das britische Frühstück kritisiert hatte, wollte sich McGowan in ein solches verwandeln, um für dieses „kulinarische Kulturgut“ zu demonstrieren. Die Badewanne war im Schaufenster einer Londoner Galerie aufgestellt.

Where’s Daddy’s Pig“ hieß einer der McGowanschen Acts, der darin bestand, dass er ein Spielzeugschweinchen auf Rädern auf allen Vieren durch die Straßen Londons bis zum Parlamentsgebäude schob, um auf die katastrophale Lage des englischen Gesundheitswesens aufmerksam zu machen.

In „Monkey Nuts“ demonstrierte Mark McGowan gegen die hohen Studiengebühren im Land; dazu schob er eine Erdnuss mit der Nase viele Kilometer quer durch London bis vor die Tür von No. 10 Downing Street, wo er die Nuss übergab und dafür eine Tasse Tee angeboten bekam.

Der Künstler steht der königlichen Familie sehr kritisch gegenüber, und dafür ließ er sich zwei Performance Acts einfallen; der eine hieß „Artist Eats Swan, wobei er gegen ein Privileg verstoß, das nur der Königin vorbehalten ist (die meines Wissen aber noch nie einen Schwan gegessen hat), und der andere hieß „Eating The Queen’s Dogs„, da verspeiste er einen der von der Queen so heiß geliebten Corgis (das Tier soll eines natürlichen Todes gestorben sein und natürlich nicht der Königin gehört haben). McGowan protestierte damit  gegen Prince Philip, der bei einer Jagd einen Fuchs erschlagen haben soll.

Published in: on 23. Oktober 2019 at 02:00  Comments (1)  
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Lord William John Cavendish-Scott-Bentinck – Musterbeispiel eines englischen Exzentrikers

Welbeck Abbey.
Photo © Chris (cc-by-sa/2.0)

Wenn es eine Hitliste der exzentrischsten englischen Adligen geben würde, so stünde Lord William John Cavendish-Scott-Bentinck, der 5. Duke of Portland ganz oben an. Er lebte von 1800 bis 1879 und sein Wohnsitz war in Nottinghamshire, wo er die riesige Welbeck Abbey bewohnte, das heißt er, bewohnte nur wenige Räume. In diesen Zimmern hatten die Türen jeweils zwei Schlitze, einen für die eingehende Post und einen für die ausgehende. Der Duke mochte nämlich niemanden von seinem Personal sehen; so wurde auch das Essen täglich hindurchgereicht, ein halbes Brathähnchen zum Mittagessen und die andere Hälfte zum Abendessen.

Der Herrscher der Welbeck Abbey verfügte über sehr viel Geld, das er auch mit vollen Händen ausgab; so beschäftigte er tausende von Arbeitern, die unter seinem Anwesen ein regelrechtes Labyrinth von Gängen gruben, u.a. auch eine zwei Kilometer lange Passage, die von Gaslaternen erhellt wurde und die so breit war, dass zwei Kutschen aneinander vorbeifahren konnten. Dann ließ er einen riesigen unterirdischen Ballsaal bauen, den größten in ganz Europa, der nie genutzt wurde.  Ferner fanden sich dort unten eine große Bibliothek und ein Billiardsaal.

Wenn der Duke of Portland sein Haus verließ, was er am liebsten nachts tat, dann musste jemand von seinem Personal vierzig Meter mit einer Laterne vor ihm her gehen. Auch seine Kleidung war recht exzentrisch: Er trug beim Verlassen des Hauses zwei Mäntel, einen extrem hohen Hut und führte einen so großen Regenschirm mit, dass er sich darunter weitgehend vor anderen Menschen verbergen konnte.

Am 6. Dezember 1879 starb der Herzog in seiner Londoner Residenz, Harcourt House und wurde auf dem Friedhof von Kensal Green im Norden Londons in einem einfachen Grab beigesetzt.

Ein Besuch der State Rooms ist an einigen Tagen des Jahres möglich (für dieses Jahr sind schon alle Tickets ausverkauft. Auf dem Gelände der Abbey sind u.a. die School of Artisan Food, sowie die Portland Collection und die Harley Gallery untergebracht (beide kostenlos zugänglich).

Hier sind Luftaufnahmen der Abbey zu sehen.

Tunneleingang.
Photo © Graham Hogg (cc-by-sa/2.0)

Harcourt House am Londoner Cavendish Square. Hier starb Lord Cavendish.
Photo © Nigel Cox (cc-by-sa/2.0)

Erotica der viktorianischen Zeit Teil 1 – Henry Spencer Ashbee (1834-1900) und seine Sammlung erotisch/pornografischer Literatur

Henry Spencer Ashbee.
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Ich kann mich noch an meine Studentenzeit in Hamburg erinnern, als ich einmal ein Buch in der Staats- und Universitätsbibliothek ausleihen wollte, das im Katalog mit dem Vermerk „Sekretiert“ versehen war. Auf meine Frage, was das denn bedeuten sollte, bekam ich die Antwort, dass man besagtes Buch erotischen Inhalts nur mit Erlaubnis einer befugten Person in der Bibliothek ausgehändigt bekommt. Also ging ich zu dieser Person, die mir dann gnädigerweise die Erlaubnis erteilte (ich glaube, es handelte sich um den Roman „Candy“ von Terry Southern).

Auch in der Bibliothek des British Museums gab es einmal eine Abteilung sekretierter, erotischer Literatur namens Private Case, die in der Mitte des 19. Jahrhunderts eingerichtet und wie Fort Knox bewacht worden war, damit kein Unbefugter sie zu sehen bekam. Rund 4000 Bände umfasste die Sammlung erotischer/pornografischer Literatur damals.

Ein großer Teil dieser Bücher stammt aus der Schenkung von Henry Spencer Ashbee (1834-1900), der in der viktorianischen Zeit ein fanatischer Sammler pornografischer Literatur war (er sammelte nebenbei auch noch Erstausgaben des „Don Quixote“ von Cervantes). Mr Ashbee reiste viel und von diesen Reisen brachte er immer wieder neue Bücher pornografischen Inhaltes mit, so dass er zu seiner Zeit schließlich weltweit die größte Bibliothek an Erotica besaß.

Damit er einen Überblick über seine vielen tausend Bücher behielt, machte er sich daran, sie alle zu katalogisieren und mit Anmerkungen zu versehen. Diese Bibliografie pornografischer Literatur umfasste mehrere Bände.

Als Henry Spencer Ashby im Jahr 1900 starb, hinterließ er seine Cervantes-Erstausgaben dem British Museum, allerdings mit der Auflage, dass die Bibliothek auch seine Erotica-Sammlung mit übernehmen müsse, was diese auch tat, aber in ihrer Private Case-Abteilung verschwinden ließ. 1973 ging diese spezielle Büchersammlung vom British Museum in den Besitz der British Library über. Heute gibt es keine Restriktionen mehr und die Bücher können im Lesesaal der Bibliothek genutzt werden.

In der Sammlung findet sich auch das Buch „Harris’s List of Covent-Garden Ladies“ über das ich in meinem Blog schon einmal geschrieben habe.

Über Henry Spencer Ashbee ist ein Buch geschrieben worden: „The Erotomaniac: The Secret Life of Henry Spencer Ashbee“ von Ian Gibson; erschienen 2002 im Verlag Faber&Faber. ISBN 978-0571209040.

Foto meines Exemplares.

 

 

Published in: on 7. August 2019 at 02:00  Kommentar verfassen  
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Englische Exzentriker – Sir Mansfield George Smith-Cumming (1859-1923), erster Chef des Auslandsgeheimdienstes

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Hätte Mansfield Smith (nach seiner Heirat fügte er den Nachnamen Cumming an seinen eigenen an) als junger Mann nicht ständig Probleme mit der Seekrankheit gehabt, so wäre er in der Royal Navy vielleicht eines Tages Admiral geworden. Aber mit dieser Einschränkung musste er seine Karriere in der Marine aufgeben. Also schlug der 1859 geborene Mansfield George Smith-Cumming einen anderen Weg ein, der ihn im Jahr 1909 an die Spitze des neu gegründeten Auslandsgeheimdienstes Secret Intelligence Service führte, besser als MI6 bekannt. In seinen Geheimdienstjahren nannte man ihn kurz “C” (für „Cumming“), was Ian Fleming inspirierte, in seinen James Bond-Romanen, den MI6-Chef „M“ zu nennen.

Smith-Cumming war ein Original mit stark ausgeprägten exzentrischen Zügen. Er war ein Liebhaber von Autos der Marke Rolls Royce und einen von ihnen fuhr er 1914 zu Bruch, wobei sein Sohn ums Leben kam. Gern prahlte er immer wieder mit der Geschichte, dass er bei dem Crash eingeklemmt worden war und sich selbst ein Bein mit einem Taschenmesser amputierte, um seinen Sohn aus dem Unfallauto zu befreien. Das war frei erfunden, denn die Amputation nahm einen Tag später ein Chirurg im Krankenhaus vor. Smith-Cumming lief also sein Leben lang mit einem Holzbein herum. Dieses Holzbein spielte eine Rolle bei der Auswahl zukünftiger Geheimdienstagenten. Bei den Bewerbungsgesprächen stach er sich unvermittelt mit aller Gewalt in sein Bein (von dessen hölzerner Struktur der Kandidat natürlich nichts wusste). Zuckte der Bewerber zusammen, hatte er keine Chance den angestrebten Agentenjob zu bekommen. Reagierte er gelassen, stiegen seine Chancen dagegen rapide an.

„C“ war sehr daran interessiert wie seine Agenten untereinander kommunizierten, und da kam einer von ihnen auf die Idee wie dabei eine ganz besondere „Geheimtinte“ eingesetzt werden konnte: Sperma. Smith-Cumming fand das genial. Jeder männliche Agent hatte diese „Tinte“ ständig abrufbereit bei sich und musste sie nur durch einen einfachen Prozess ans Tageslicht fördern. Diese Form der Geheimschrift hatte aber keine Zukunft bei MI6, auch James Bond wandte sie meines Wissens nie an.

Der exzentrische Geheimdienstboss trug gern ein goldenes Monokel und liebte seinen Stockdegen (ein Spazierstock mit einem verborgenen Degen).
Wer sich für Sir Mansfield George Smith-Cumming näher interessiert und wer mehr von seinen ungewöhnlichen Gepflogenheiten wissen möchte, dem sei das Buch „The Quest for C: Mansfield Cumming and the Founding of the Secret Service“ von Alan Judd empfohlen, das 2000 bei HarperCollins erschienen und noch lieferbar ist.

Das heutige MI6-Hauptquartier in London.
Photo © David P Howard (cc-by-sa/2.0)

Published in: on 2. August 2019 at 02:00  Kommentar verfassen  
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Englische Exzentriker – Reverend Franke Parker aus Luffincott (Devon)

St James’s in Luffincott.
Photo © Tiger (cc-by-sa/2.0)

Luffincott ist eine Gemeinde im Westen der Grafschaft Devon, in der es eigentlich nichts zu sehen gibt. Das „Highlight“ ist die 1975 außer Betrieb genommene Kirche St James’s, um die sich der Churches Conservation Trust kümmert. Zu erreichen ist sie nur über einen schmalen einspurigen Weg, nebenan steht das Luffincott Barton Farmhaus. Einöde pur.

In dieser Kirche wirkte im 19. Jahrhundert der Reverend Franke Parker (1803-1883), exakt von 1838 bis zu seinem Tod. Er war Junggeselle und lebte hier allein, St James’s war sein ein und alles, und er betrachtete die Kirche als seinen Privatbesitz. Der exzentrische Reverend beschäftigte sich mit Vorliebe mit okkulten Dingen und mit Satanismus. Vielleicht lag es an der einsamen Lage seines Arbeitsplatzes, dass er nach und nach verwirrter wurde. Manchmal hielt er sich für einen Hund und agierte auch so, und kurz vor seinem Ableben ließ er seine Kirchengemeinde wissen, dass er plante, als Tier wieder zurückzukommen, wobei er offen ließ ob als Hund, Ratte oder weißes Kaninchen. Um dem vorzubeugen, beerdigte man den Reverend besonders tief auf dem Kirchhof. Franke Parker schien sich im Jenseits aber umbesonnen zu haben, denn er wurde nicht als Tier sondern nach wie vor als Geistlicher gesichtet, erst in der Rectory, die 1911 abgebrannt ist, und dann auch noch im Umfeld von St James’s.

Reverend Franke Parker hinterließ seine umfangreiche Büchersammlung dem Bistum von Cornwall, die vor einigen Jahren bei Sotheby’s für £400 000 versteigert wurde.

Dieser Weg führt zu der einsamen Kirche.
Photo © Derek Harper (cc-by-sa/2.0)

Published in: on 7. Juli 2019 at 02:00  Comments (1)  
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Englische Exzentriker – Stanley Green, der einsame Kämpfer gegen die fleischliche Lust auf der Londoner Oxford Street

Author: Sean Hickin. This work is licensed under the Creative Commons Attribution 2.0 License.

Author: Sean Hickin.
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Stanley Green (1915 – 1993) war 25 Jahre lang ein Original, ohne das man sich die Londoner Oxford Street kaum vorstellen konnte. Diese Straße war nämlich sein Arbeitsplatz, auf der er tagaus, tagein entlang marschierte und sein Anliegen vorbrachte, das ihn sein Leben lang beschäftigte: Der Verzicht auf Protein.
Auf einer großen Tafel, die er inmitten der vielen Menschen auf der Londoner Shopping-Meile hochhielt, stand:
Weniger Lust durch weniger Protein: Fleisch, Fisch, Geflügel, Eier, Käse, Erbsen, Bohnen, Nüsse…und Sitzen„.

Der „Protein-Mann“ sah in der „fleischlichen Lust“ (hier ist nicht das Essen gemeint!) das Grundübel der Menschheit. Enthaltsamkeit bis zur Hochzeit forderte er, und das wäre viel leichter zu erreichen, wenn man auf proteinhaltige Nahrungsmittel ganz oder zumindest teilweise verzichtet, und auf das Sitzen (?).

Er kam mit dieser Forderung natürlich nicht bei allen Menschen gut an, so zog er sich den Zorn so mancher jungen Dame zu, die er belehrte „In Deiner Hochzeitsnacht wird es zu spät sein, Deinen Mann davon zu überzeugen, dass Du noch Jungfrau bist, obwohl das nicht mehr zutrifft„.

Stanley Green verkaufte auf seiner „Oxford-Street-Missions-Tour“ auch eine kleine Broschüre, in der er die Vorzüge des Verzichts auf proteinreiche Nahrung noch einmal erläuterte. „Eight Passion Proteins with Care„, so der Titel der Broschüre, die er selbst herstellte, und von der er in 20 Jahren 87 000 Exemplare absetzte.

Der „Protein-Mann“ schaffte es sogar in das renommierte „Oxford Dictionary of National Biography„, in dem ein Eintrag über ihn zu finden ist. Nach seinem Ableben erschienen in einigen großen englischen Tageszeitungen Nachrufe auf ihn.

Was wäre England ohne seine mal mehr, mal weniger liebenswerten Exzentriker? In diesem Film ist Stanley bei einem Interview auf der Oxford Street zu sehen (ab 30.55 Minuten).

Der englische Musiker Martin Gordon schrieb im Jahr 2013 einen Song mit dem Titel „Stanley Green“, hier zu hören.

Published in: on 30. Juni 2019 at 02:00  Kommentar verfassen  
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Die Agapemoniten – Eine skurrile, religiöse Sekte, die im ländlichen Somerset gegründet wurde

Die Agapemone Chapel. Hier in Four Forks bei Spaxton in Somerset hatte sich die Sekte niedergelassen.
Photo © Derek Harper (cc-by-sa/2.0)

Agapemoniten, das klingt wie der lateinische Name für irgendwelche Urzeittierchen; stimmt aber nicht, das war ein Name, den sich Reverend Henry Prince 1846 ausgedacht hatte und was soviel wie „Heimstätte der Liebe“ bedeutet. Der Reverend hatte sich mit der anglikanischen Kirche in die Haare gekriegt, weil er behauptete er sei der Messias, was wiederum die Church of England gar nicht lustig fand. Also ging der Reverend seiner eigenen Wege und gründete in dem kleinen Dorf Spaxton (genauer gesagt in Four Forks) im ländlichen Somerset seine eigene Kirche. Warum auch immer fand der selbsternannte Messias eine ganze Menge Anhänger, besser gesagt Anhängerinnen, die sich wie 120 Jahre später im Fall Charles Manson in Kalifornien, um ihn scharten.

Da gab es einmal die älteren, wohlhabenden Frauen, die für eine solide finanzielle Basis der Sekte sorgten und die auf dem Anwesen in Spaxton in Cottages wohnten, und dann gab es die jungen hübschen Frauen, die bei dem Reverend im Haupthaus bleiben durften. Und da seine Sektenanhänger ja den netten Namen Agapemoniten trugen, sorgte Prince dafür, dass die „Heimstätte der Liebe“ auch zu einer solchen wurde, indem die jungen Damen das Bett mit ihm teilen durften, was sie wohl auch gern taten. Dass dabei das eine oder andere Kind entstand, störte den Messias nicht.

Vielleicht war es dem Reverend in dem entlegenen Spaxton zu ruhig geworden, denn er übersiedelte mit seiner Fangemeinde Ende des 19. Jahrhunderts nach London, in den Stadtteil Upper Clapton, wo er, jetzt schon über 80 Jahre alt, eine Kirche erbauen ließ, The Ark of Covenant. Das Geld dafür spendeten zwei ältere Damen. 1899 starb Prince im Alter von 88 Jahren.

Seinen Platz nahm schnell ein anderer Reverend ein, der sich als „The Heavenly Bridegroom“ bezeichnete: John Hugh Smyth-Pigott. Auch er sammelte ein Heer von jungen Frauen um sich, denen er im Bett seinen messianischen Segen spendete. London war aber nicht Spaxton, und so regte sich in der Bevölkerung der Stadt Widerstand gegen ihn, daher musste er aufpassen, dass es ihm nicht an den Kragen ging. Sicherheitshalber zog er mit seinen jungen „Bräuten“ zum Gründungsort der Agapemoniten zurück, wo man die Sekte in Ruhe ließ. Nach Smyth-Piggots Tod im Jahr 1927 gab es niemanden mehr, der in die Fußstapfen der beiden abtrünnigen Reverends treten wollte, und so dämmerten die verbliebenen Agapemoniten vor sich hin, bis ihr letztes Mitglied 1956 verstarb.

Im Jahr 2016 geriet die Sekte noch einmal kurz in die Schlagzeilen, als die Urenkelin von Reverend Smyth-Piggott die £1 Million für sich beanspruchte, die der Verkauf der Kirche in Upper Clapton eingebracht hatte, doch ein Gericht sah das anders, und überließ das Geld  Wohlfahrtsorganisationen. In der Kirche in der Rockwod Road ist heute die Georgian Orthodox Church untergebracht.

Das Buch zum Thema:
Aubrey Menen: The Abode of Love: The Conception, Financing and Daily Routine of an English Harem in the Middle of the 19th Century. Penguin 1990. 176 Seiten. ISBN  978-0140123463.

The Ark of Covenant, jetzt die Georgian Orthodox Church in der Rookwood Road in Upper Clapton (London).
Photo © John Salmon (cc-by-sa/2.0)

Published in: on 17. Juni 2019 at 02:00  Kommentar verfassen  
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Warleggan in Cornwall und der exzentrische Reverend Frederick W. Densham

St Bartholomew's in Warleggan heute.   © Copyright roger geach and licensed for reuse under this Creative Commons Licence.

St Bartholomew’s in Warleggan heute.
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Warleggan am Rande des Bodmin-Moores war einmal eines der abgelegensten Dörfer Cornwalls, bis man 1953 eine Straße dorthin baute. Wahrscheinlich hätte kein Mensch jemals etwas von diesem Mini-Dorf gehört, wenn es nicht einen Pastor gegeben hätte, der eindeutig in die Kategorie „Exzentriker“ gehörte.
Reverend Frederick W. Densham kam 1931 im Alter von 61 Jahren als neuer Pastor nach Warleggan und war von nun an für die Gemeinde St. Bartholomew’s zuständig. Probleme zeichneten sich schnell ab. Die religiösen Vorstellungen der konservativen Gemeindemitglieder deckten sich nicht mit denen des Reverends.
Der Pastor schaffte den traditionellen Kartenspieltag im Pfarrhaus ab, ebenso wie die Sonntagsschule. Er weigerte sich, seinen Schäfchen die Hand zu geben, und als er auch noch die Kirchenorgel abschaffen wollte, weil er keine Orgelmusik mochte, war das Maß voll für die Bewohner Warleggans. Von jetzt ab boykottierten sie die Kirche des Reverends. Einige besuchten anglikanische Kirchen in der Nachbarschaft, andere wiederum wandten sich der methodistischen Kirche zu. Auch eine Eingabe beim Bischof von Truro, Densham abzulösen, wurde abschlägig beschieden.
Reverend Densham störte sich nicht weiter an dem Boykott. Er ließ einen Stacheldrahtzaun um sein Haus ziehen und predigte sonntags eben allein in seiner Kirche, das heißt, er soll Pappkameraden auf die Kirchenstühle gesetzt haben, um dem Gottesdienst einen „normalen“ Anstrich zu geben.

Eines Tages fand man den einsiedlerischen Pastor tot in seinem Haus vor; er wurde 83 Jahre alt. Wieder ein Exzentriker weniger. Die damalige Rectory ist mittlerweile in Wohnungen aufgeteilt worden und soll „badly haunted“ sein.

Diese Geschichte bildete übrigens die Grundlage für den Spielfilm „ A Congregation of Ghosts(hier ein kurzer Ausschnitt), der im Jahr 2009 unter der Regie von Mark Collicott entstand, mit Edward Woodward in der Hauptrolle.

Der Kirchhof von St Bartholomew’s.
Photo © Eric Foster (cc-by-sa/2.0)

Published in: on 10. April 2019 at 02:00  Comments (1)  
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Englische Exzentriker – Horace „Burlington Bertie“ Duke aus Worthing (West Sussex)

Viele Städte, auch in Deutschland, haben ihre exzentrischen Originale. In meinem Wohnort gab es mal einen Mann, der oft vor das Rathaus zog, dort eine Decke ausbreitete, sein Kofferradio darauf stellte und dann zu der lauten Musik dirigierte. Einen ähnlich gelagerten Fall habe wir zurzeit in der Stadt: Ein Mann schiebt sein Fahrrad durch die Straßen, das über und über mit kleinen Teddybären verziert ist. Auch er führt ein Kofferradio mit sich, das man schon von weitem hören kann.

In Worthing in West Sussex gab es einen Exzentriker namens Horace Duke, der auch Burlington Bertie genannt wurde. Der 1923 geborene Mann war aus dem Stadtbild mehrere Jahrzehnte nicht wegzudenken und auch heute noch, nach seinem Tod, denkt man liebevoll an ihn zurück und es gibt sogar eine eigene Facebook-Seite über ihn. Burlington Bertie kleidete sich gern sehr elegant. Meist war er im Anzug oder Blazer zu sehen, er trug weiße Handschuhe und Flanellhosen und hatte einen Hut auf dem Kopf, also eine sehr gepflegte Erscheinung, ein echter Gentleman. Seine Lieblingsplätze waren Kreisverkehre wie der Offington Roundabout in Worthing und der Kreisverkehr vor dem Bridge Inn im benachbarten Shoreham, wo er stand, merkwürdige Bewegungen vollführte und Autofahrern zuwinkte; meist hatte Horace Duke sein Fahrrad dabei.

Nachdem er gestorben war, wurde sein Sarg in einem von zwei schwarzen Pferden gezogenen Leichenwagen transportiert. Rufe wurden schon lautet, in Worthing eine Statue von ihm aufzustellen. In diesem kleinen Film ist Burlington Bertie in voller Aktion an einem seiner geliebten Kreisverkehre zu sehen.

Einer von Burlington Berties Lieblingsplätzen: The Bridge Inn in Shoreham (West Sussex).
Photo © Stacey Harris (cc-by-sa/2.0)

 

Published in: on 10. September 2018 at 02:00  Kommentar verfassen  
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Exzentriker – Edward Prynn und seine Standing Stones in St Merryn (Cornwall)

Nicht weit von Padstow entfernt, an der Nordküste Cornwalls, liegt der kleine Ort St. Merryn. Hier wurde 1936 Edward Prynn geboren und hier in der Nähe, am Tresallyn Cross, lebt er auch heute noch. Prynn hat mit seinen Standing Stones in seinem Garten für Aufmerksamkeit gesorgt, die der Exzentriker im Laufe vieler Jahre zusammengetragen hat.
Da gibt es z.B. den zehn Tonnen schweren Rocking Stone, ein Zeremonienstein der Druiden. Wer den Wunsch nach einem Baby hat, der Stein soll schon vielen dazu verholfen haben.
Der Healing Stone hat angeblich heilende Kräfte, speziell für Menschen mit Rückenproblemen.  Am Wedding Stone zelebriert Edward Prynn Eheschließungen, die, je nach Wunsch, für einen Tag oder eine Woche oder für wie lange auch immer gelten können. The Angels Runway, ein achtzehn Tonnen schwerer Stein dient als Landebahn für Engel.  Die exotischsten Steine kommen von den Falklandinseln, die sich Prynn vom dortigen englischen Gouverneur gewünscht hat und die tatsächlich nach mehr als 12 000 Kilometern ihren Platz in St. Merryn gefunden haben.

Edward Prynn hat sein Leben in drei Büchern dokumentiert:  „A Boy in Hobnailed Boots“, „No Problem“ und „Mystic Love“. Hier geht es zu seiner Homepage und hier ist ein Film über The Arch Druid of Cornwall.

Seven Sisters
Tresallyn Cross
St Merryn
Padstow
Cornwall
PL28 8JZ

Published in: on 16. August 2018 at 02:00  Comments (2)  
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Englische Exzentriker(innen) – Christina Foyle (1911-1999) – Inhaberin einer der größten Buchhandlungen der Welt

Das „alte“ Foyles.
Photo © David Hawgood (cc-by-sa/2.0)

Ich war nur ein einziges Mal in der riesigen Londoner Buchhandlung Foyles, als diese noch unter der alten Adresse 111–119 Charing Cross Road zu finden war. Man konnte sich in den Stockwerken, in denen hunderttausende Bücher aufbewahrt wurden, verlaufen und dort etwas Spezielles zu finden, war eine echte Herausforderung. Ich war froh, als ich den Laden verließ und in eine der vielen anderen Buchhandlungen in der Charing Cross  Road ging, die wundervoll aufgeräumt und übersichtlich waren. Trotzdem war Foyles berühmt und galt als eine der weltweit größten Buchhandlungen; sehr viele Bibliophile schienen sich in dem Irrgarten wohl zu fühlen.

1903 wurde die Buchhandlung von den Brüdern William und Gilbert Foyle gegründet und 1945 übernahm William Foyles Tochter Christina die Leitung, was eigentlich keine gute Idee war, denn die Dame war sehr exzentrisch veranlagt und führte den Laden auf eine eher ungewöhnliche Weise. So war sie jeglichen technischen Neuerungen gegenüber negativ eingestellt; das Kassenwesen in der Buchhandlung spottete jeder Beschreibung und verlangte von den Kunden, sich dreimal an unterschiedlichen Schaltern anzustellen, was sehr viel Geduld erforderte (ich habe das noch sehr gut in Erinnerung). Elektronische Kassen waren verpönt und telefonische Bestellungen wurden nicht akzeptiert.

Die Anordnung der Bücher erfolgte nach einem höchst merkwürdigen System. Die Romane waren nicht alphabetisch nach den Autoren sortiert, sondern nach den Verlagen.

Das Personal hatte es nicht leicht in der Buchhandlung Foyles, denn Gewerkschaften waren dort nicht zugelassen, und so herrschte dort ständig ein „Hire and fire“-Zustand. Frauen traute man buchhändlerische Fähigkeiten offenbar nicht zu, denn unter Christina Foyles Ägide durften sie nur an der Kasse arbeiten. Es herrschte also ein „kafkaeskes Chaos“ in der Charing Cross Road Nummer 111-119.

Christina Foyle starb am 8. Juni 1999 und selbst ihr Testament zeigte exzentrische Züge. Sie vermachte ihrem Gärtner, der sich um die Gärten ihres Wohnsitzes, Beeleigh Abbey bei Maldon in Essex, kümmerte £100 000 und die Dame, die ihre fünfzehn Katzen pflegte, erhielt ein Cottage im Wert von £60 000. Der größte Teil von Christina Foyles Vermögen floss in die Foyle Foundation, die speziell Projekte in den Bereichen Kunst und Bildung fördert.

Nach Christina Foyles Tod übernahm ihr Neffe Christopher Foyle die Buchhandlung, die er wesentlich modernisierte. Im Jahr 2014 zog Foyles ein paar Schritte weiter in die Charing Cross Road Nummer 107. In diesem Film wird der Umzug im Zeitraffer gezeigt und hier ist ein Blick in die neue und übersichtlichere Buchhandlung.

Das „neue“ Foyles.
Author: Tom Morris
This file is licensed under the Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported license.

Christina Foyles Wohnsitz: Beeleigh Abbey bei Maldon in Essex.
Author: John Armagh
This work is released into the public domain.

 

Published in: on 7. August 2018 at 02:00  Kommentar verfassen  
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Der Exzentriker „Mad Jack“ Fuller und seine Follies in Brightling (East Sussex)

Die Büste von „Mad Jack“ Fuller in der Kirche von St Thomas a Beckett in Brightling.
Photo © Julian P Guffogg (cc-by-sa/2.0)

Über John Fuller (1757-1834), der der Nachwelt als „Mad Jack“ Fuller in Erinnerung geblieben ist, habe ich in meinem Blog schon vor längerer Zeit geschrieben, in Zusammenhang mit seiner exotischen Begräbnisstätte, einer Pyramide, auf dem Friedhof von St Thomas a Beckett in der Gemeinde Brightling in East Sussex. In der Kirche erinnert auch eine Büste an den Mann, der gleich neben der Kirche auf dem Familiensitz der Fullers wohnte, Rose Hill, das spätere Brightling Park.

Mr. Fuller war ein Exzentriker und auch ein Menschenfreund, der beispielsweise eine Mauer um den Familiensitz bauen ließ, die eigentlich nicht erforderlich war, aber er wollte den Menschen in der Region Arbeit verschaffen, und so entstand eine 1,2 Meter hohe und 6,4 Kilometer lange Umfriedung um Rose Hill. Er ließ auch eine Mauer um den Friedhof herum bauen, als Gegenleistung für die Genehmigung, seine Pyramide auf dem Friedhofsgelände zu errichten.

In Brightling erinnern einige Bauwerke an Mad Jack, die noch heute stehen und die als Follies gelten. Als da sind:

Die Brightling Needle, ein 20 Meter hoher Obelisk, auf einer Erhebung angelegt, der möglicherweise an den Sieg Wellingtons über Napoleon erinnern soll. 1985 kam es zu einer Kontroverse über den Erhalt der Needle, die sich in einem sehr schlechten Zustand befand. Einige wollten sie abreißen lassen, doch der East Sussex County Council entschied sich dafür, sie restaurieren zu lassen.

The Observatory, zu dem sich Mad Jack von seinem Freund, dem Astronomen Sir William Herschel anregen ließ. Entworfen wurde das Observatorium, das über alles verfügte, was damals ein Astronom benötigte, von dem Architekten Sir Robert Smirke; auch eine Camera Obscura, die zu dieser Zeit sehr beliebt war, wurde dort eingebaut.

The Sugarloaf. Das rund 10 Meter hohe spitze Gebäude diente tatsächlich eine Zeit lang als Wohnhaus. Man erzählt sich die Geschichte, dass The Sugarloaf praktisch über Nacht gebaut wurde, damit Mad Jack eine Wette gewinnen konnte. Er hatte nämlich behauptet, dass er von Rose Hill aus den Kirchturm von St Giles in der Nachbargemeinde Dallington sehen könnte, was aber leider nicht stimmte. Also beauftragte er einige Männer damit, dieses Bauwerk schnell hochzuziehen…und er gewann die Wette.

Der Rotunda Temple wurde von dem berühmten Landschaftsgärtner Sir Humphry Repton vorgeschlagen und von Sir Robert Smirke entworfen. Wozu dieses Folly gut war, bleibt bis heute unklar, aber es ranken sich Legenden darum und es heißt, Mad Jack hätte darin wilde Orgien gefeiert.

The Hermit’s Tower oder einfach nur The Tower sollte wohl einen Eremiten beherbergen, aber Mad Jack fand niemanden, der sich dort für sieben Jahre niederlassen wollte.

Brightling Park wird heute für die Aufzucht von Rennpferden genutzt.

Die Brightling Needle.
Photo © Robin Webster (cc-by-sa/2.0)

The Observatory.
Photo © Robin Webster (cc-by-sa/2.0)

The Sugarloaf.
Photo © Janet Richardson (cc-by-sa/2.0)

The Tower.
Photo © Marathon (cc-by-sa/2.0)

Published in: on 11. Juni 2018 at 02:00  Kommentar verfassen  
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Nathaniel Bentley (1749-1809) alias Dirty Dick – Ein Mann, der alle Höhen und Tiefen des Lebens kennengelernt hat

Der Dirty Dicks Pub an der Ecke Bishopsgate/Middlesex Street in der Londoner City.
Photo © Oxfordian Kissuth (cc-by-sa/2.0)

Der 1749 geborene Nathaniel Bentley (sein Geburtsdatum wird in manchen Quellen auch mit 1735 angegeben) wurde in seinen besten Zeiten der „Beau of Leadenhall Street“ genannt, denn er pflegte sich sehr gut zu kleiden und kaufte gern in Paris ein. Der Mann entstammte einer wohlhabenden Familie und führte ein Geschäft in der Londoner City, in der Leadenhall Street, namens „Golden Lyon & Case of Knives„, in dem er Eisenwaren jeglicher Art verkaufte. Alles schien bisher gut für Nathaniel zu laufen, er verliebte sich in eine junge Frau und die beiden wollten heiraten. Dann schlug das Schicksal zu: Am Vorabend der Hochzeit starb die Braut…und das warf den armen Bräutigam für den Rest seines Lebens komplett aus der Spur. Das Zimmer, in dem das Hochzeitsfrühstück angerichtet war, schloss er ab und wurde nie wieder betreten. Er selbst ließ sich völlig gehen, wusch sich und seine Kleider nicht mehr – aus dem Beau of Leadenhall Street wurde im Handumdrehen Dirty Dick. Warum soll ich mir die Hände waschen, soll er einmal gesagt haben, morgen sind sie sowieso wieder dreckig. Seine Katzen, die eine nach der anderen starben, ließ er einfach liegen und sie rotteten vor sich hin. Auch Nathaniels einst gut gehende Eisenwarenhandlung verkam, Staub legte sich auf die Waren, und er zeigte kein Interesse mehr an dem Geschäft.

1804 setzte sich der frühere Beau zur Ruhe und schloss seinen Laden, fünf Jahre später war er tot. Der Inhaber eines Pubs an der Ecke Bishopsgate/Middlesex Street, The Old Jerusalem, übernahm einige von Bentleys Hinterlassenschaften wie das bis dato  verschlossene Hochzeitsfrühstückzimmer und die toten Katzen und stellte alle diese kuriosen Dinge in seinem Pub aus, den er  in Dirty Dicks umbenannte und der noch heute existiert und der Londoner Brauerei Young’s gehört.

Charles Dickens soll die Figur der Miss Havisham in seinem Roman „Great Expectations“ (dt. „Große Erwartungen“) nach Nathaniel Bentley gestaltet haben. Auch sie erlitt an ihrem geplanten Hochzeitstag einen Schock als sie erfuhr, dass ihr Bräutigam sie sitzen gelassen hatte und nur an ihrem Geld interessiert war. So wie Bentley ließ sie das Hochzeitsfrühstück unangerührt auf dem Tisch stehen. In ihrem Haus lief sie von nun an nur noch ihrem Hochzeitskleid herum.

Mr Bentley würde seine Leadenhall Street, wie sie heute aussieht, nicht mehr wiedererkennen. Im Hintergrund das Lloyd’s Building.
Photo © Steve Daniels (cc-by-sa/2.0)

Englische Exzentriker(innen) – Margaret Thompson und der Schnupftabak

Author: Hellahulla
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In meiner Blogkategorie „Exzentriker“ findet man fast nur männliche Vertreter; Exzentrikerinnen wie Hannah Beswick, eine Dame, die sich davor fürchtete, lebendig begraben zu werden und entsprechende Gegenmaßnahmen ergriff, damit ihr das nicht passierte, sind eher selten. Gewisse Parallelen gibt es zwischen Hannah Beswick aus Manchester und der Londonerin Margaret Thompson, die beide im 18. Jahrhundert lebten. Auch Margaret Thompson beschäftigte sich mit ihrem Ableben und gab in ihrem Testament präzise Anweisungen wie ihre Begräbnisfeier auszusehen hatte. Die Dame war süchtig nach Schnupftabak und leidenschaftliche „Schnupferin“, eigentlich eher eine männliche Domäne. Und dieser Schnupftabak (englisch „snuff“) sollte bei ihrer Beerdigung, die 1776 stattfand, eine alles dominierende Rolle spielen.
Margaret Thompsons Anweisung bezüglich ihres Sarges gingen dahin, dass dieser mit sämtlichen Schnupftabaks-Taschentüchern ausgelegt werden sollte, die sich zum Zeitpunkt ihres Todes ungewaschen in einer Wäschetruhe befanden. Ihre Leiche sollte nicht wie allgemein üblich mit Blumen, sondern mit dem besten schottischen Schnupftabak (den sie besonders liebte) bedeckt werden. Auch was die Sargträger anbelangt, gab es im Testament genaue Vorgaben; sechs Männer aus der Kirchengemeinde St James in Westminster sollten es sein und zwar die begeistertsten „Schnupfer“; jeder von ihnen musste einen aus Biberhaar gefertigten Filzhut in der Farbe von Schnupftabak tragen. Das Sargtuch trugen sechs Frauen, die zusätzlich noch eine Kiste mit dem oben schon erwähnten besten schottischen „snuff“ zum eigenen Bedarf bei sich hatten. Margaret Thompsons treue Bedienstete Sarah Stewart erhielt den Auftrag, vor dem Sarg herzugehen und alle zwanzig Meter Schnupftabak auf den Boden zu streuen und ihn an die Menschenmenge zu verteilen, die der Prozession beiwohnte. Auch der Pfarrer sollte bei der Feier kräftig schnupfen und erhielt für diese Bemühungen noch fünf Guineen extra. Und schließlich verfügte sie, dass eine bestimmte Menge Schnupftabak vor ihrem Haus in der Boyle Street Nummer 8 an Passanten verteilt werden sollte (die Boyle Street sah damals bestimmt sehr viel besser aus als heute).

Sollte Margaret Thompson vom Himmel aus ihrer Beerdigungsfeier zugesehen haben, wäre sie sicher mit dem Ablauf sehr zufrieden gewesen.

Published in: on 27. März 2018 at 02:00  Comments (1)  

Englische Exzentriker – William Lyttle, der Maulwurf von Hackney

Mortimer Road 121 in Hackney.
Photo © Chris Whippet (cc-by-sa/2.0)

Über Exzentriker, die aus welchen Gründen auch immer, den starken Drang verspürten, unter ihren Häusern tiefe Tunnel und Höhlen zu graben, habe ich in meinem Blog schon zweimal berichtet. Da war einmal  Lord William John Cavendish-Scott-Bentinck, der 5. Duke of Portland, der unter seiner Welbeck Abbey ein Labyrinth an Gängen und Sälen ausgraben ließ, und dann Joseph Williamson, der Maulwurf von Liverpool, der dort in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts im Edge Hill-Distrikt Ähnliches tat.

Auch im London Borough of Hackney gab es einen Mann namens William Lyttle (1931-2010), der sein Haus in der Mortimer Road Nummer 121 derart unterhöhlte, dass dort sogar schon einmal der Bürgersteig einbrach und die verängstigten Anwohner einen Blick auf die Tunnelgänge werfen konnten. Diese unterirdischen Bauarbeiten waren aber keine vorübergehende Marotte des Mannes, er arbeitete sage und schreibe vierzig Jahre an seinem Höhlensystem. Kurz nachdem The Mole Man of Hackney das Haus von seinen Eltern geerbt hatte, machte er sich ans Werk und wollte, nach seinen eigenen Worten, nur einen Weinkeller ausgraben, doch dann konnte er einfach nicht mehr aufhören mit dem Buddeln. Über hundert Kubikmeter Erde hob er aus und dass er dabei auch hin und wieder auf unterirdisch verlegte Stromkabel stieß, brachte ihn nicht aus der Ruhe, dafür aber die Nachbarn, die plötzlich ohne Strom dasaßen. Ihnen wurde der Mann in der Nummer 121 allmählich unheimlich und sie wendeten sich an die Stadtverwaltung, die der Angelegenheit auf den Grund ging und die Grabungsarbeiten stoppte. William Lyttle wurde aus dem einsturzgefährdeten Haus verbannt und von einem Gericht zur Zahlung von  £293,000 verurteilt, Kosten die der Stadtverwaltung für Reparaturarbeiten entstanden waren und die der Mann natürlich nicht bezahlen konnte. 33 Tonnen Unrat holte man aus den Gängen und von seinem Grundstück, darunter mehrere Schrottautos. Die Tunnel mussten mit Beton aufgefüllt werden, damit nicht eines Tages alles zusammenkrachte. Die Stadtverwaltung brachte Lyttle erst in einem Hotel, dann in einer in einem Hochhaus (!) gelegenen Wohnung unter, in der der Exzentriker dann am 7. Juni 2010 starb.

Das Haus in der Mortimer Road wurde zum Verkauf angeboten, doch es fanden sich erst keine Käufer, bis es dann von dem Künstlerpaar Sue Webster und Tim Noble für £1.1  Millionen ersteigert wurde. Zusammen mit dem Architektenbüro David Adjaye wollen sie das Gebäude erhalten, aber umbauen. Einige der noch offenen Tunnel planen sie als Studios zu verwenden. Den Künstlern und dem Architekten sind wir in meinem Blogartikel über das Londoner Dirty House in der Chance Street  schon einmal begegnet.

Hier ist ein Film über das Haus in der Mortimer Street und ein Lied, das vom Mole Man of Hackney inspiriert wurde.

William Lyttles Haus aus einer anderen Perspektive.
Photo © Chris Whippet (cc-by-sa/2.0)

Published in: on 12. Januar 2018 at 02:00  Kommentar verfassen  
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The Dreadnought Hoax oder Wie sich eine Schiffsbesatzung einmal aufs Eis führen ließ

HMS Dreadnought.
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Ein Prankster ist jemand, der es liebt anderen Leuten Streiche zu spielen und sich dabei köstlich zu amüsieren. Einer, der sein Handwerk darauf verstand, war der irische Dichter Horace de Vere Cole (1881-1936). Vor ihm war niemand sicher  und seine bevorzugten Opfer waren Politiker, Geschäftsleute und hohe Militärs. Schon während seiner Studentenzeit in Cambridge machte er durch seinen Sultan of Zanzibar-Streich von sich reden, als er sich für diesen ausgab. Sein berühmtester „prank“ aber war der Dreadnought Hoax, der in die Geschichtsbücher eingegangen ist, auch weil daran eine 28jährige Dame teilnahm, die später als Virginia Woolf weltweit bekannt wurde (damals hieß sie noch Virginia Stephen). Auch Virginias jüngerer Bruder Adrian, der den Streich mit Horace ausheckte, hatte viel Spaß daran.

Die HMS Dreadnought war ein Kriegsschiff der königlichen Marine, deren Besatzung in freundschaftlicher Konkurrenz mit den Seeleuten der HMS Hawke lag und von letzteren kam dann auch der Anstoß dazu, den Dreadnought-Leuten einen Streich zu spielen. Am 7. Februar  1910 begann alles damit, dass der Kapitän der HMS Dreadnought, die gerade im Hafen von Portland in Dorset lag, ein Telegramm (angeblich vom Außenministerium abgeschickt) erhielt, das den kurzfristigen Besuch einer Delegation von hochrangigen Prinzen aus Abessinien ankündigte (die aus Cole, Stephen & Co. bestand). Schnell kam dann auch die in Landeskleidung gehüllte und gut geschminkte Besuchergruppe an Bord des Kriegsschiffs, wo sie mit der Nationalhymne von Sansibar begrüßt wurde, denn die abessinische Hymne kannte niemand und die Delegation nahm daran auch keinen Anstoß. Die Prinzen besichtigten das Schiff und brachen immer wieder in Rufe der Begeisterung aus („Bunga, Bunga“). Sie waren derart gut verkleidet, dass der Schiffskommandant seinen Cousin Adrian und seine Cousine Virginia nicht erkannte. Nach einigem Firlefanz, den die Besucher noch an Bord veranstalteten, verließen sie die HMS Dreadnought wieder.

Um den Spaß in Gänze auszukosten, informierte Horace die Presse über den „prank“, die natürlich genüsslich darüber berichtete. Die Navy war nicht sehr amüsiert, aber ein Versuch, den Urheber des Streichs zur Rechenschaft zu ziehen, misslang, denn niemand hatte ein Gesetz gebrochen. Als symbolische Strafe erhielten die „Prankster“ einen sanften Schlag mit einem Stock auf den Po (ausgenommen Virginia Stephen!)  Die Matrosen der HMS Dreadnought wurden bei ihren Landgängen mit „Bunga, Bunga“-Rufen begrüßt, und ihre Kollegen von der HMS Hawke freuten sich besonders über den gelungenen Streich.

Horace de Vere Cole sollte in seinem Leben noch viele weitere Schabernacke ausführen, so verteilte er auf seiner Hochzeitsreise nach Venedig auf dem Markusplatz heimlich Pferdeäpfel, die dort natürlich nicht sein konnten, denn in der Lagunenstadt gab es keine Pferde. Ganz witzig finde ich auch seine Idee, eine Party zu veranstalten, bei der die geladenen Gäste im Lauf des Abends feststellten, dass sie alle das Wort „bottom“ in ihren Nachnamen führten. Long live the British (and Irish) eccentrics!!

Hier ist die Geschichte noch einmal im Film zu sehen.

Das Buch zum Artikel:
Martyn Downer: The Sultan of Zanzibar – The Bizarre World and Spectacular Hoaxes of Horace de Vere Cole. Black Spring 2010. 310 Seiten. ISBN  978-0948238437.

 

Published in: on 8. Dezember 2017 at 02:00  Comments (4)  
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Englische Exzentriker – Snowy Farr aus Cambridge

Snowy Farr war viele Jahre lang eine Figur, die aus dem Straßenbild von Cambridge nicht wegzudenken war. Er trug meist recht abenteuerliche Kleidung, oft farbenprächtige Uniformen mit exzentrischen Hüten auf denen sich Mäuse tummelten; aber auch Katzen und Hunde gehörten zu seiner Entourage. Snowy Farr, der am 8. März 2007 im Alter von 88 Jahren starb, war ein Exzentriker par excellence, ein liebenswerter Mensch und wohl der einzige ehemalige Straßenfeger, der aus der Hand von Prince Charles den Orden Member of the British Empire erhalten hat.

Snowy Farr sammelte auf den Straßen von Cambridge Geld, nicht für sich, sondern für wohltätige Organisationen, und da kam über die Jahre eine ganze Menge zusammen. Die stolze Summe von £62,000 sammelte er mit seinen Auftritten allein für die Cambridgeshire Society for the Blind and Partially Sighted.  £33,700 kam für die Organisation Guide Dogs for the Blind zusammen und  £28,305 für Camsight, eine Wohltätigkeitsorganisation, die sich um Menschen kümmerte, die ihr Augenlicht verloren hatten.

Im August 2012 wurde ihm zu Ehren ein Denkmal vor der Guildhall auf dem Market Square errichtet, auf dem u.a auch Snowys Mäuse und seine auf dem Hut sitzende Katze zu sehen sind. Gary Webb hat die Skulptur erschaffen und man hat sie dort platziert, wo Mr. Farr die Spenden zu sammeln pflegte.

 

Die Skulptur auf dem Market Place von Cambridge.
Author: Geofones.
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Published in: on 6. August 2017 at 02:00  Kommentar verfassen  
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Englische Exzentriker – Hannah Beswick (1680-1758), die Dame, die fürchtete, lebendig begraben zu werden

Der Manchester General Cemetery an der Rochdale Road im Stadtteil Harpurhey, der letzte Ruheort Hannah Beswicks.
Photo © Peter McDermott (cc-by-sa/2.0)

1844 wurde Edgar Allan Poes Kurzgeschichte „The Premature Burial“ veröffentlicht, die auf Deutsch unter dem Titel „Das vorzeitige Begräbnis“ erschien und die 1962 von Roger Corman verfilmt wurde (hier ist der Trailer). Darin geht es um das Thema, lebendig begraben zu werden, eine Schreckensvorstellung, die in früheren Jahrhunderten weit verbreitet war, als das Wissen der Mediziner noch nicht dem heutigen Stand entsprach. Manche trafen Vorkehrungen, damit das nicht eintrat, indem sie ein Seil im Sarg anbringen ließen, das mit einem Glöckchen verbunden war, durch das sie Hilfe herbeirufen konnten.

Hannah Beswick, die von 1680 bis 1758 im Großraum Manchester lebte, war ebenfalls von dieser Furcht erfasst, zumal ihr Bruder einmal um ein Haar lebendig begraben worden wäre. Die Dame, die über ein beträchtliches Vermögen verfügte, dachte sich etwas anderes aus, um der Gefahr zu begegnen. Sie beauftragte ihren Hausarzt, Dr. Charles White, nach ihrem Ableben, dafür zu sorgen, dass sie nicht beerdigt wird und dass er regelmäßig ihren Leichnam aufsuchen sollte, um festzustellen, dass alles mit ihr in Ordnung war und dass sie gegebenenfalls wiederbelebt werden könnte. Für diese Bemühungen bedachte sie ihn in ihrem Testament mit der stolze Summe von £25,000, was heute etwa £3 Millionen entspricht. Dr. White war ein glücklicher Mensch als Hannah Beswick 1758 im Alter von 78 Jahren starb. Er balsamierte die Dame ein und installierte sie bei sich zuhause in eine große mit Glas verkleidete Standuhr, die er mit einem schweren Vorhang vor neugierigen Blicken verbarg. Bis zu seinem Tod im Jahr 1813 schaute Dr. White einmal im Jahr nach, ob mit Hannah alles in Ordnung war und stellte dann jedesmal fest, dass die Dame wirklich tot war und keiner Wiederbelebung bedurfte.

Nach Dr. Whites Tod begann eine kleine Odyssee mit dem mumufizierten Körper. Erst übernahm ihn ein Kollege des Arztes, dann ging er an das Museum of the Manchester Natural History Society. Als die Sammlungen 1867 an die Universität von Manchester übergingen, wollte man sich von der inzwischen „Manchester Mummy“ genannten einbalsamierten Dame ein für allemal trennen und sie jetzt richtig beerdigen. Dafür musste Hannah Beswick allerdings noch einmal offiziell für tot erklärt werden, was dann auch geschah, und so liegt sie nun in einem nicht markierten Grab irgendwo auf dem Manchester General Cemetery, auch Harpurhey Cemetery genannt.

Einige Heavy Metal-Bands haben sich des Themas „Buried Alive“ angenommen wie die dänische Formation Mercyful Fate und die US-Band Get Scared.

Published in: on 13. Juli 2017 at 02:00  Comments (1)  
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Englische Exzentriker – John Camden Neild: Geizhals und Multimillionär

5, Cheyne Walk im Londoner Stadtteil Chelsea. Hier wohnte John Camden Neild.
Author: Edwardx
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In der Welt der englischen Exzentriker gab es immer wieder Männer, deren Bankkonto prall gefüllt war, die aber wie heruntergekommene Landstreicher lebten. Ich denke da vor allem an John Elwes, über den ich in meinem Blog schon einmal berichtete. Eine ähnliche Figur war John Camden Neild, der von 1780 bis 1852 lebte. Er erbte von seinem Vater rund £250 000, was in der damaligen Zeit ein riesiges Vermögen war. Doch statt sich von dem Geld ein angenehmes Leben zu machen, hortete er es und versuchte es zu vermehren.

John Camden Neild hatte eine gute Ausbildung in Eton und am Trinity College in Cambridge genossen und arbeitete in London als Rechtsanwalt. Eigentlich waren das alles gute Voraussetzungen für eine erfolgreiche Karriere, aber Neild hatte andere Pläne. Geldausgeben war nicht sein Ding, er entwickelte sich zu einem Geizhals par excellence. In seinem großen Haus dicht an der Themse, Nummer 5 Cheyne Walk im Stadtteil Chelsea, dort, wo heute der High Commissioner von Zypern residiert, fristete Neild ein erbärmliches Leben. In den Räumen des Hauses standen fast keine Möbel, was eigentlich auch überflüssig war, denn er bewohnte nur einen einzigen Raum, in dem er auf dem Fußboden schlief. Kleider spielten für Neild so gut wie keine Rolle, er trug uralte Klamotten, die er nie ausbürstete, denn das könnte ihnen ja schaden. Auch im Winter war er ohne Mantel unterwegs, denn die Anschaffungskosten dafür wollte er sich ersparen. Wenn er seine weitläufigen Güter außerhalb Londons besuchte und die Pacht kassierte, tat er das meistens zu Fuß und wohnte dann bei seinen Pächtern, was ihn nichts kostete und die Verpflegung bekam er dann auch gratis.

Als er einmal das Dach der Kirche St Mary’s in North Marston (Buckinghamshire) neu decken lassen musste (es führte kein Weg daran vorbei, denn die Kirche stand auf seinem Grund und Boden), beaufsichtigte er die Arbeiter oben auf dem Dach, damit sie ja nichts von dem bereitgestellten Material (es handelte sich dabei um das billigstmögliche) für sich abzweigten.

Hier in der Kirche fand John Camden Neild auch seine letzte Ruhestätte, nachdem er am 30. August 1852 in seinem Londoner Haus gestorben war. In seinem Testament hinterließ er sein Vermögen, das sich inzwischen auf £500,000 angesammelt hatte, an Königin Victoria, die sich über diesen unerwarteten Geldregen natürlich sehr freute. Umgerechnet nach heutigem Wert waren das etwa £25 Millionen. Sie kannte Neild gar nicht, aber um sich nachträglich bei ihm zu bedanken, ließ sie in St Mary’s in North Marston den Altarraum, unter dem der Geizhals beigesetzt worden war, neu herrichten und ein Glasfenster zu seiner Erinnerung einbauen. Hier kann man das Glockengeläut von St Mary’s hören.

Was hatte damals Queen Victoria mit dem Geld gemacht? Da gibt es mehrere Vermutungen, darunter den Kauf des Balmoral Castles in Schottland, den Bau des Frogmore-Mausoleums oder die Bestreitung der immensen Ausgaben für die Hochzeiten ihrer Kinder.

North Marston liegt zwischen Aylesbury und Winslow, etwas abseits der A413, die die beiden Orte verbindet.

St Mary’s in North Marston (Buckinghamshire).
Photo © Bikeboy (cc-by-sa/2.0)

Das Glasfenster im Altarraum von St Mary’s, das Queen Victoria in Auftrag gab.
Photo © Basher Eyre (cc-by-sa/2.0).

 

 

Published in: on 10. Juni 2017 at 02:00  Kommentar verfassen  
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Die merkwürdige Geschichte der Prinzessin Caraboo von der Insel Javasu

Almondsbury in South Gloucestershire.
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Als ich von Bristol kommend in nördlicher Richtung auf der A39 zurück zu meinem Hotel, dem Thornbury Castle, fuhr, kam ich auch durch Almondsbury, einem hügeligen Dorf, das im Jahr 1817 eine Zeit lang für Aufsehen sorgte. Dort tauchte am Gründonnerstag eine mysteriöse Frau auf, die offensichtlich des Englischen nicht mächtig war und sich in einer Sprache artikulierte, die niemand verstand. Sie klopfte beim Dorfschuster an und gab durch Zeichen zu verstehen, dass sie hungrig war und um Unterkunft bat. Man gab ihr zu essen und verwies sie an den Friedensrichter von Bristol, der sich ihrer annahm. Die Frau, deren Alter man auf Mitte 20 schätzte, wurde im Bowl Inn in Almondsbury untergebracht (den es noch heute gibt), dann holte man sie nach Bristol zurück und wusste nicht recht, was man mit ihr anstellen sollte. Dann tauchte plötzlich ein portugiesischer Seemann auf, der angeblich ihre Sprache verstand und so ergab sich folgende Geschichte: Bei der Frau handelte es sich um eine Prinzessin namens Caraboo und sie stammte von der Insel Javasu im Indischen Ozean. Piraten hatten sie dort entführt und auf ihrem Schiff nach Europa mitgenommen. In der Meeresbucht vor Bristol ist sie ihnen entkommen, indem sie von Bord sprang und an Land schwamm. Mehrere Wochen lang genoss Prinzessin Caraboo die Aufmerksamkeit, die sie verursachte. Die junge Dame kleidete sich exotisch, ließ ein Porträt von sich anfertigen und huldigte ihrem Gott Allah-Talla. Ein Wissenschaftler identifizierte sogar ihre Sprache.

Doch dann kam die Ernüchterung: Eine Frau, die in Bristol eine Pension betrieb, erkannte die angebliche Prinzessin auf Grund eines Zeitungsberichtes wieder und es stellte sich heraus, dass Princess Caraboo in Wirklichkeit Mary Willcocks hieß und nicht von der Insel Javasu, sondern aus Witheridge in Devon stammte. Sie war die Tochter eines Schuhmachers und sprach natürlich auch fließend Englisch. Sie langweilte sich wohl etwas in ihrem Heimatort und wollte sich mit dieser Aktion interessant machen, was ihr zumindest für eine gewisse Zeit gelungen war.

Auch die weitere Lebensgeschichte von Mary Willcocks erwies sich als nicht weniger schillernd; sie fuhr mit dem Schiff nach Amerika, wobei sie auf dem Weg dorthin auf der Insel St Helena den dort verbannten Napoleon getroffen haben soll, der sich in die junge Frau verliebte und sie heiraten wollte. Inwieweit diese Geschichte stimmt, lässt sich heute nicht mehr verifizieren. In Amerika versuchte Mary Willcocks ihre „Prinzessin Caraboo“-Geschichte noch ein wenig am Leben zu erhalten, aber ohne Erfolg. Sie kehrte 1828 nach England zurück, heiratete einen gewissen Robert Baker, ließ sich in Bedminster bei Bristol nieder und verdiente ihren Lebensunterhalt durch den Import von Blutegeln. Am 24. Dezember 1864 starb sie dort und wurde auf dem Friedhof an der Hebron Road beigesetzt, von dem heute kaum noch etwas übriggeblieben ist.

1994 wurde ihre Lebensgeschichte unter dem Titel „Princess Caraboo“ verfilmt, mit Phoebe Cates in der Hauptrolle. Hier ist der Trailer zum Film.

Das Buch zum Thema:
Catherine Johnson: The Curious Tale of the Lady Caraboo. Corgi Books 2015. 288 Seiten. ISBN 978-0552557634.

The Bowl Inn in Almondsbury.
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Witheridge in Devon; von hier stammte Mary Willcocks.
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Published in: on 5. Mai 2017 at 02:00  Kommentar verfassen  
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Englische Exzentriker – Samuel Jessup aus Heckington (Lincolnshire) – Der „Pillenmann“

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Wenn man sich die abendliche Tagesschau bzw. Heute-Sendung ansehen möchte, wird man vorher durch nicht enden wollende Werbung bombardiert, in deren Mittelpunkt fast nur Pharmazeutika stehen. Braucht man die wirklich, stellt sich da die Frage?
Ja!!! würde Samuel Jessup mit Nachdruck geantwortet haben, wenn es denn zu Beginn des 19. Jahrhunderts Werbefernsehen gegeben hätte. Der Mann aus Heckington in Lincolnshire, ein Viehzüchter, warf Tabletten ein wie wohl kein anderer Mensch in der Welt. Von 1791 bis 1816 konsumierte der Mann doch sage und schreibe 226 934 Pillen, das sind 10 806 Tabletten pro Jahr oder 29 pro Tag. Damals, als seine Pillensucht begann, ging er noch relativ mäßig zu Werke, steigerte aber seinen „Input“ regelmäßig, so dass er die letzten Jahre vor seinem Tod am 17. Mai 1817 tatsächlich 78 Pillen pro Tag zu sich nahm. Wogegen diese Pharmazeutika waren, weiß der Himmel. Darüberhinaus besaß er auch noch 40 000 (kein Tippfehler!) Flaschen mit Mixturen und Tinkturen. Es grenzt an ein Wunder, dass Samuel Jessup immerhin noch 65 Jahre alt wurde.

John Wright, ein Apotheker aus Bottesford (Leicestershire), hatte ihm das alles geliefert und besorgt; der Mann muss sich an Samuel Jessup eine goldene Nase verdient haben… das heißt mit dem Bezahlen nahm es der „Pillenmann“ nicht so genau, denn Wright verklagte ihn vor einem Gericht in Lincoln zur Zahlung einer Summe von £787 18s. Man schloss einen Vergleich über £450. Ich bin mir aber nicht sicher, ob Jessup dieses Geld dem Apotheker auch zahlte, denn zwei Monate nach dem Verfahren war der Mann tot. Wahrscheinlich haben diese Unmengen an Tabletten schließlich doch ihre „Wirkung“ gezeigt.

Samuel Jessup wohnte in Heckingtons High Street Nummer 24, dem Stone House, zwei Häuser von der Village Hall entfernt. Heckington liegt an der A17, südöstlich von Sleaford.

Published in: on 14. April 2017 at 02:00  Kommentar verfassen  
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Englische Exzentriker – Michael Kennedy, der Mann, der gegen die Zerstörung der Klippen von Norfolk kämpft

Die Klippen von Hunstanton in Norfolk.   © Copyright Richard Humphrey and licensed for reuse under this Creative Commons Licence.

Die Klippen von Hunstanton in Norfolk.
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Sisyphos war der Sage nach ein korinthischer König, der sich mit den Göttern anlegte und zur Strafe einen Felsblock einen steilen Hang hinaufrollen musste. Kurz vor Erreichen des Ziels konnte er den Stein nicht mehr festhalten, er rollte den Berg wieder hinunter, und Sisyphos musste wieder von vorne anfangen. Eine Arbeit, die nie ein Ende fand.

An diesen antiken König muss ich denken, wenn ich sehe, was Michael Kennedy an der Küste von Norfolk treibt. Der Mann aus Hunstanton rollt zwar keine Steine einen Hang hinauf, aber er sammelt Steine am Strand und legt diese am Fuße der Klippen ab, um sie vor der Brandung des Meeres zu schützen. Die Küstenerosion in East Anglia schreitet immer weiter vorwärts, es kommt zu Klippenabbrüchen und bei Sturmfluten fordert das Meer seinen Tribut von den Landmassen. Genau dagegen zieht Michael Kennedy seit über zwanzig Jahren zu Felde, er bietet dem Meer die Stirn, indem er einen Steinwall vor den gefährdeten Klippen aufbaut, um sie zu schützen. An sechs Tagen in der Woche (samstags nimmt er sich frei) arbeitet der Rentner für jeweils zwei Stunden an einem Küstenabschnitt von Hunstanton, um sein Bollwerk zu errichten. Im Laufe der Jahre hat der 79jährige schätzungsweise 2oo Tonnen Steine aufgeschichtet. Aber…das Meer kennt kein Mitleid mit dem arbeitsamen Mann, immer wieder spült es seine Schutzmauer weg und nagt gierig an den Klippen von Hunstanton. So zum Beispiel im Dezember 2013, als Brecher Michael Kennedys Werk in kurzer Zeit zerstörten. Doch der Mann gibt nicht auf. „Dann fange ich eben wieder von vorne an“, sagt er sich. Das Baumaterial wird ihm mit Sicherheit nie ausgehen.

Der Meeresgott Poseidon wird vom Olymp aus wohl höhnisch lachen, wenn er den ungleichen Kampf beobachtet.

Dieser Film zeigt Michael Kennedy bei der Arbeit.

   © Copyright ray sullivan and   licensed for reuse under this Creative Commons Licence.

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Published in: on 4. März 2017 at 02:00  Kommentar verfassen  
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Englische Exzentriker – Ben Sansum, der Mann aus Godmanchester (Cambridgeshire), der noch immer in den 1940er Jahren lebt

Godmanchester, die Great Ouse und die Chinese Bridge.   © Copyright Alan Murray-Rust and licensed for reuse under this Creative Commons Licence.

Godmanchester, der River Great Ouse und die Chinese Bridge.
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In meiner Serie über englische Exzentriker schrieb ich einmal über den „Christmas Man“ aus Melksham in Wiltshire, der sein Haus in ein Weihnachtsparadies umgewandelt hat und darin jeden Tag Weihnachten feiert. Nicht ganz so krass geht es in einem Haus in Godmanchester in der Grafschaft Cambridgeshire zu, in dem sich Ben Sansum im Stil der 1940er Jahre eingerichtet hat. Godmanchester ist ein kleiner Ort an der A14, südlich von Huntingdon, über den es nicht viel zu sagen gibt, außer vielleicht, dass der River Great Ouse durch den Ort fließt, über den eine etwas ungewöhnliche Brücke, die Chinese Bridge, führt.

Ben Sansum, von Beruf Flugbegleiter, hat seine Vorliebe für die 1940er Jahre schon als Kind entdeckt, als er ein Radio aus dieser Zeit geschenkt bekam. Von da an begann er Gegenstände zu sammeln, die aus einer Zeit stammen, die stark vom Zweiten Weltkrieg geprägt war.
Heute beherbergt das Haus in Cambridgeshire in allen Zimmern Sammlerobjekte: In der Küche findet man jede Menge Blechgefäße und andere Aufbewahrungsutensilien für Nahrungsmittel mit Aufschriften wie Lyons Tea, National Dried Milk oder Heinz Tomato Soup. Möbel aus den 1940er Jahren stehen im Schlafzimmer, was auch für das Wohnzimmer gilt, das Ben Sansum mit einem mechanischen Teppichreiniger der Marke Ewbank sauber hält.
Statt eines CD-Players hat Ben Sansum einen alten Plattenspieler, auf dem selbstverständlich Schallplatten mit Musik von Vera Lynn laufen, die damals in den 1940er Jahren zu den populärsten Sängerinnen Großbritanniens zählte (und die in diesem Jahr am 20. März 100 Jahre alt wird).
Er wäscht seine Wäsche per Hand manchmal noch mit einem Waschbrett, telefoniert mit einem uralten Fernsprecher, doch auf manche Annehmlichkeiten der heutigen Zeit möchte auch er nicht verzichten und so findet man, etwas versteckt, ein Fernsehgerät, einen Kühlschrank und eine Waschmachine.
Dieser Film zeigt Ben Sansum in seinem 1940er-Jahre-Reich.

Ich liebe die englischen Exzentriker!!

 

Published in: on 13. Februar 2017 at 02:00  Comments (1)  

Englische Exzentriker – Martin van Butchell (1735-1814), ein Zahnarzt aus Mayfair in London

Die Mount Street im Londoner Stadtteil Mayfair.   © Copyright Derek Harper and licensed for reuse under this Creative Commons Licence.

Die Mount Street im Londoner Stadtteil Mayfair.
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Die Mount Street führt mitten durch Mayfair, jenen wohlhabenden Stadtteil im Zentrum Londons, dessen Häuser so teuer geworden sind, dass sie sich nur noch sehr reiche Menschen leisten können. Die Straße beginnt am Berkeley Square und mündet auf den Park Lane am Hyde Park. Der Schuhdesigner Christian Louboutin hat hier ein Geschäft, ebenso der amerikanische Modeschöpfer Marc Jacobs und das Modehaus Balenciaga.

In der Hausnummer 56 (in der Nummer 54 residiert jetzt der brasilianische Botschafter) war einmal die Praxis eines erfolgreichen Zahnarztes untergebracht, der bei seinen Patienten einen guten Ruf genoss. Da die Praxis von Martin van Butchell (1735-1814) in einer guten Wohngegend lag, behandete er besonders viele Männer und Frauen aus dem Adel. Bei seinen Kollegen jedoch hatte der Arzt einen eher zweifelhaften Ruf, da er ihnen ein wenig zu exzentrisch war. So hatte van Butchell die merkwürdige Angewohnheit, sein Pferd, mit dem er auszureiten pflegte, anzumalen, am liebsten lila, mit Punkten und Kreisen am Hinterteil und am Kopf. Er erfand auch einen speziellen Steigbügel, der mit Kork besetzt war, damit man mit seinen Reitstiefeln nicht abrutschte. Bis zu seinem Tod trug er einen gewaltigen Bart, aus dem er Kapital schlug, denn er behauptete, dass ein einzelnes Barthaar von ihm, als Amulett getragen, unfruchtbare Frauen fruchtbar machen würde. Seine ausgekämmten Barthaare verkaufte er an verweifelte Damen, die daran glaubten. Es ist nicht überliefert wie hoch die Erfolgsquote war.

Der exzentrische Zahnarzt machte aber vor allem von sich reden, als er 1775 die Leiche seiner verstorbenen Frau Mary einbalsamieren ließ. Er ersetzte ihre Augen durch Glaskugeln, hübschte den Körper farblich etwas auf und steckte Mary in ein spitzenbesetztes Gewand. Den Leichnam platzierte er in einen gläsernen Sarg und stellte ihn in das Fenster seiner Praxis. Ob dieses „Happening“ wohl mehr Patienten in seine Praxis locken sollte? Auf jeden Fall kamen viele Menschen in die Mount Street, um sich die verblichene Zahnarztgattin anzusehen. Die direkten Nachbarn van Butchells fanden das nicht lustig und protestierten, aber ohne Erfolg.

Die Einbalsamierung war offensichtlich nicht allzu fachmännisch vorgenommen worden, denn nach einiger Zeit begann der Körper zu verfallen. Martin van Butchells zweite Ehefrau war mit der Zurschaustellung ihrer Vorgängerin gar nicht einverstanden (vielleicht fürchtete sie, später ebenfalls auf diese Weise zu enden), und so bestand sie darauf, dass es Zeit für Mary war, in andere Hände übergeben zu werden, was schließlich auch geschah, und so gelangte der vor sich hin rottende Leichnam in das Londoner Museum of the Royal College of Surgeons, wo er auch ausgestellt wurde. Erst im Zweiten Weltkrieg war es endgültig um Mary geschehen, als das Royal College of Surgeons 1941 von einer deutschen Fliegerbombe getroffen und der Leichnam dabei zerstört wurde.

Es gibt einen Film, allerdings in spanischer Sprache, der sich mit Martin van Butchell beschäftigt und einige Bilder von ihm und seiner verblichenen Ehefrau zeigt.

Im Museum des Londoner Royal College of Surgeons.   © Copyright kim traynor and licensed for reuse under this Creative Commons Licence.

Im Museum des Londoner Royal College of Surgeons.
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Published in: on 29. Januar 2017 at 02:00  Kommentar verfassen  
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Exzentriker – Der Rechtsanwalt Reginald Hine (1883-1949) aus Hitchin in Hertfordshire

Hitchin in Hertfordshire.   © Copyright John Lucas and licensed for reuse under this Creative Commons Licence.

Hitchin in Hertfordshire.
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Reginald Hine war ein waschechter Hertfordshire Man, geboren in Baldock im Norden der Grafschaft und wohnhaft in Hitchin, nur ein paar Kilometer entfernt. Hine war Rechtsanwalt in Hitchin, d.h. eigentlich war er nur Rechtsanwaltsgehilfe, denn er legte sein Prüfungen erst im Alter von 50 Jahren ab. Dennoch hatte er sich in der Stadt und in der Umgebung einen Namen als erfahrener und tüchtiger Anwalt gemacht. Viel lieber arbeitete der Mann aber als Historiker und da galt sein ganzes Interesse seiner Heimatstadt Hitchin. Es gab wohl kaum jemanden, der sich so gut mit der Stadt auskannte. Das Ergebnis seiner Recherchen waren das zweibändige, mehr als 900 Seiten umfassende Werk „History of Hitchin“ aus den Jahren 1927 und 1929 und „Hitchin Worthies“ (1932). Weiterhin schrieb Hine Bücher über die Kirche St Mary’s , die Grammar School, das Sun Hotel usw. usw.; der Anwalt war ein wandelndes Lexikon, was seine Heimatstadt betraf.
1945 erschien sein Buch „Confessions of an Uncommon Attorney„, das sich damals sehr gut verkaufte. „Uncommon“ war Reginald Hine auf jeden Fall. Er trug häufig eine sehr auffällige Kleidung, die aus bunten Jacketts und noch bunteren Hemden bestand, dazu oft eine Fliege.

Eine besondere Vorliebe hatte Hine für eine verfallene Ruine entwickelt, die nur wenige Kilometer südlich von Hitchin liegt, die Minsden Chapel. Schon seit dem 17. Jahrhundert liegt diese ehemalige, von Pflanzen überwucherte Kapelle in Ruinen. Oft kam er hierher und hier wollte er unbedingt einmal seine letzte Ruhe finden, was ihm auch vergönnt wurde, denn nach seinem Tod wurde seine Asche auf dem Gelände der Minsden Chapel verstreut.

Hines Tod war so ungewöhnlich wie sein Leben. Er neigte zu Depressionen und möglicherweise waren diese auch für sein Ableben verantwortlich. Am 14. April 1949 kaufte er sich auf dem Bahnhof von Hitchin eine Rückfahrkarte nach London. Auf dem Bahnsteig traf er einen Bekannten, mit dem er sich eine Weile unterhielt, dabei war er wie immer sehr lebhaft und freundlich. Als um 10.48 Uhr der Zug aus Cambridge in den Bahnhof einfuhr, wandte sich Hine um und stürzte sich auf die Gleise. Er wurde überrollt und war sofort tot. Ein Gedenkstein an der Minsden Chapel erinnert an diesen ungewöhnlichen Menschen.

Das Buch zum Artikel:
Richard Whitmore: The Ghosts of Reginald Hine: An Uncommon Attorney. Mattingley Press 2007. 240 Seiten. ISBN 978-0955466205.

Der Bahnhof von Hitchin, wo sich Reginald Hine vor einen Zug stürzte.    © Copyright Martin Addison and licensed for reuse under this Creative Commons Licence.

Der Bahnhof von Hitchin, wo sich Reginald Hine vor einen Zug stürzte.
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Die Minsden Chapel.   © Copyright Humphrey Bolton and licensed for reuse under this Creative Commons Licence.

Die Minsden Chapel bei Preston in Hertfordshire.
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Published in: on 22. Juli 2016 at 02:00  Kommentar verfassen  
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Wimpole Hall (Cambridgeshire), eine exzentrische Lady und zwei Picknicks

Wimpole Hall in Cambridgeshire.   © Copyright Rob Farrow and licensed for reuse under this Creative Commons Licence.

Wimpole Hall in Cambridgeshire.
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Wer den Kinofilm „Easy Virtue“ (dt. „Easy Virtue – Eine unmoralische Ehefrau“) aus dem Jahr 2008 mit Jessica Biel und Colin Firth schon einmal gesehen hat (hier ist der deutsche Trailer), der hat (wahrscheinlich ohne es zu wissen) auch Wimpole Hall gesehen, das darin als das Haus der Hursts fungiert.
Wimpole Hall liegt südwestlich von Cambridge und gilt als das größte Haus in der Grafschaft Cambridgeshire, umgeben von 12 km² Farmland und Parklandschaft. Ich möchte hier in meinem Blog nicht die ganze Geschichte des prachtvollen Baus wiedergeben, sondern nur eine kleine, witzige Geschichte erzählen, die sich zum Teil hier abspielte.
Die letzte Besitzerin bis zum Jahr 1976 war Elsie Kipling Bambridge (1896-1976), Tochter des berühmten Rudyard Kipling. Sie hatte 1924 den Diplomaten George Louis St Clair Bambridge geheiratet und beide wohnten seit 1932 auf Wimpole Hall, das sie dann sechs Jahre später kauften. Die Einnahmen aus den verkauften Büchern Rudyard Kiplings warfen immer noch genug Geld ab, um das große Anwesen unterhalten zu können.

Elsie Bambridge sammelte alles was sie an Dokumenten über ihren berühmten Vater erhalten konnte, so dass auf Wimpole Hall ein umfangreiches Rudyard Kipling-Archiv entstand. Die Dame war auch etwas exzentrisch veranlagt, was folgende Geschichte belegt:
Elsie legte sehr viel Wert auf Privatheit und konnte es absolut nicht leiden, wenn fremde Menschen, ohne dass sie eingeladen waren, ihr weitläufiges Grundstück betraten. Genau das passierte an einem Tag, als ein Auto auf das Gelände fuhr, die Insassen ihren Picknickkorb auspackten und sie es sich auf dem Rasen von Wimpole Hall gemütlich machten. Als Elsie das von ihrem Haus aus sah, war sie außer sich vor Empörung. Sie notierte sich das Autokennzeichen und ließ ermitteln, wer die Besitzer waren und wo diese wohnten. Mrs. Bambridge gab in der Küche Order, ihr auch einen Picknickkorb zurechtzumachen, dann bestellte sie ihren Chauffeur, dem sie die Adresse der Eindringlinge gab und machte sich auf den Weg zu dem kleinen Vorstadthaus, das diese bewohnten. Auf dem ebenso kleinen Rasen vor dem Reihenhaus ließ sich Elsie Bambridge nieder, packte ihren Picknickkorb aus und verspeiste genüßlich dessen Inhalt. Leider scheint nicht überliefert zu sein wie die Reihenhausbewohner auf den Eindringling in ihre Privatsphäre reagierten.

Die Besitzerin von Wimpole Hall starb am 24. Mai 1976 und sie wurde auf dem St Andrew Churchyard , direkt neben der Hall, beigesetzt.

Dieser Film zeigt das wunderschöne Haus, das nach dem Tod von Elsie Bambridge in den Besitz des National Trusts übergegangen und zu besichtigen ist.

Wimpole Estate
Old Wimpole Road
Arrington
Royston
Cambridgeshire
SG8 0BW
Die Gartenanlagen von Wimpole Hall.   © Copyright Christine Matthews and licensed for reuse under this Creative Commons Licence.

Die Gartenanlagen von Wimpole Hall.
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Elsie Bambridges Grabmal auf dem Kirchhof von St Andrew's.   © Copyright Paul Shreeve and licensed for reuse under this Creative Commons Licence.

Elsie Bambridges Grabmal auf dem Kirchhof von St Andrew’s.
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Published in: on 2. Juli 2016 at 02:00  Comments (1)  
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Frank Robinson – The Xylophone Man of Nottingham (1932-2004)

Lister Gate in Nottingham.   © Copyright Andy Jamieson and licensed for reuse under this Creative Commons Licence.

Lister Gate in Nottingham.
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In vielen Städten gibt es Originale und Exzentriker, die sich im Zentrum aufhalten und durch ihre Musik oder andere Dinge auf sich aufmerksam machen. In meinem Wohnort war es einmal ein Drehorgelspieler, der jede Menge Stofftiere auf seiner Orgel sitzen hatte und der die Geldeinnahmen für wohltätige Zwecke spendete.

In Nottingham war Frank Robinson so ein Original, der als The Xylophone Man bekannt und allseits beliebt war. Er spielte 15 Jahre lang auf seinem Xylophon, meist in der Fußgängerzone Lister Gate vor C&A und H&M. Seine musikalischen Fähigkeiten hatten sehr enge Grenzen und ein richtiger Genuss war Franks Musik wahrlich nicht, aber er und sein Xylophon gehörten eben zu Lister Gate.

1932 wurde Frank Robinson in Cotgrave geboren, einer der Vorstädte von Nottingham, und hier wohnte er auch bis zu seinem Tod. Von 1989 an fuhr er täglich in die Innenstadt, besetzte seinen Lieblingsplatz in der Lister Gate, nahm sein Xylophon auf den Schoß und klimperte drauflos. Ich bin nicht sicher, ob die Menschen, die in den umliegenden Geschäften und Büros arbeiteten, auch große Fans von Frank Robinsons Musik waren, die sich doch durch eine gewisse Eintönigkeit auszeichnete.

Am 4. Juli 2004 erlitt The Xylophone Man im Alter von 73 Jahren im Krankenhaus einen Herzinfarkt und starb. An seiner Beerdigung nahmen über 100 Menschen teil, auch Vertreter des Rates der Stadt Nottingham, ein Zeichen für die Wertschätzung, die der stets freundliche Mann genoss. Am 10. November 2005 wurde ihm zu Ehren sogar eine Plakette enthüllt und zwar an seinem Lieblingsplatz an der Lister Gate. Darauf steht geschrieben: “He played his Xylophone here for fifteen years, bringing a smile to the faces of the people of Nottingham”.

Dieser Film zeigt einen Auftritt der Frank Robinson Tribute Band vor dem H&M Store in Nottinghams Lister Gate. „Xylophone Man“ ist auch der Titel eines Songs der Punkband Apocalypse Babies, hier zu hören.

FRank Robinsons Geburts- und Heimatort.   © Copyright Alan Murray-Rust and licensed for reuse under this Creative Commons Licence.

Frank Robinsons Geburts- und Heimatort.
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Published in: on 19. Mai 2016 at 02:00  Kommentar verfassen  
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Fred Dibnah (1938 – 2004) – Der berühmeste Steeplejack aller Zeiten

Foto meiner DVD.

Foto meiner DVD.

Was ist ein Steeplejack? Das ist ein Spezialist für Arbeiten an hohen Gebäuden, jemand, der auf Schornsteinen oder Kirchtürmen herumklettert, dort z.B. Gerüste anbringt oder andere Arbeiten durchführt, vor denen die meisten Menschen zurückschrecken würden. Voraussetzung für diesen Beruf: Absolute Schwindelfreiheit.

Ein Steeplejack par excellence war Fred Dibnah, der in ganz England (noch immer) bekannt ist, der aber leider schon 2004 an Krebs starb. Fred Dibnah war kein Turm zu hoch und wenn man ihm bei der Arbeit zusah, konnte einem schon so schwindlig werden.
Der 1938 in Bolton (Greater Manchester) geborene Steeplejack ist in England eine Kultfigur geworden, nicht zuletzt durch seine zahlreichen Bücher und Fernsehsendungen. Mittlerweile gibt es sogar ein Fred Dibnah Heritage Centre in der Radcliffe Road in Bolton, in dem Haus, in dem Fred 35 Jahre wohnte und eine Fan-Homepage, über die man z.B. auch seine DVDs und Bücher kaufen kann.

Es sind mehrere Bücher über Fred Dibnah geschrieben worden, z.B.: „Fred Dibnah’s Made in Britain“ von David Hall. Das Buch wirft einen Blick hinter die Kulissen der Dreharbeiten zur BBC-Serie „Made in Britain„, in der Dibnah mit einer uralten Zugmaschine kreuz und quer durch England fährt und große technische Errungenschaften vorstellt wie z.B. die Middlesbrough Transporter Bridge.

Ihm zu Ehren wurde am 29. April 2008 eine 2,5m hohe Bronzestatue im Stadtzentrum von Bolton aufgestellt und vom Bürgermeister enthüllt.

Hier ein Beispiel für eines von Fred Dibnahs haarsträubenden Klettermanövern.

Fred Dibnahs Statue in Bolton.   © Copyright Bill Nicholls and licensed for reuse under this Creative Commons Licence.

Fred Dibnahs Statue in Bolton.
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Das Fred Dibnah Heritage Centre in Bolton (Lancashire).   © Copyright Alex McGregor and licensed for reuse under this Creative Commons Licence.

Das Fred Dibnah Heritage Centre in Bolton (Greater Manchester).
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Published in: on 5. November 2015 at 02:00  Comments (1)  
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Englische Exzentriker – Henry Bensley, der Mann mit der eisernen Maske

This work is in the public domain in the European Union.

This work is in the public domain in the European Union.

Im Londoner Reform Club wurde seinerzeit eine berühmte Wette abgeschlossen, die in der Reise in 80 Tagen um die Welt mündete, so schreibt es jedenfalls Jules Verne in seinem gleichnamigen Roman.

Eine noch wesentlich obskurere Wette fand 1907 in einem anderen Londoner Club, dem National Sporting Club in der King Street, statt, an dem der amerikanische Milliardär John Pierpoint Morgan, der englische Adelige Hugh Cecil Lowther, der 5. Earl of Lonsdale und ein gewisser Harry Bensley, ein auch nicht unvermögender Playboy, beteiligt waren. Die beiden erstgenannten Gentlemen stritten sich darüber, ob es möglich wäre, zu Fuß die Erde zu umrunden, ohne dabei erkannt zu werden. Morgan hielt dies im Gegensatz zu Lonsdale für unmöglich und sagte, er wäre bereit 100 000 Dollar darauf zu wetten. Harry Bensley, der an diesem Abend zufällig in der Nähe der beiden Streithähne saß und deren Gespräch mit anhörte, mischte sich ein und erklärte sich bereit, diese Reise inkognito zu unternehmen.
Die drei Herren besprachen dann die Konditionen, die eine ganze Menge Punkte umfassten, die Harry zu erfüllen hatte. Hier sind einige davon:

– Er musste die Welt zu Fuß, maskiert und einen Kinderwagen vor sich herschiebend umrunden
– Während der gesamten Reise musste er inkognito bleiben
– Er durfte Fotos von sich anfertigen und diese, sowie ein Flugblatt, das seine Reise beschrieb, verkaufen und musste von dem Erlös alle anfallenden Kosten bestreiten
– Harry musste auf seiner Erdumrundung eine Frau finden
– Die Reiseroute sollte in England beginnen, am 1. Januar 1908, um 10.30 Uhr morgens am Trafalgar Square. Dabei sollten sämtliche Grafschaften in England und Wales aufgesucht werden und darin wiederum jeweils vorher festgelegte Städte. Das musste durch ein von den Bürgermeistern unterschriebenes Dokument bestätigt werden.
– Außerhalb Englands wurden die Länder und Städte vorgeschrieben, die Harry auf seiner Reise besuchen musste. In Deutschland waren das zum Beispiel Köln, Berlin, Kassel, Magdeburg, Hamburg und Bremen.

So trat also Harry Bensley am Neujahrstag des Jahres 1908 seine spektakuläre Reise an, mit dem Helm einer Ritterrüstung auf dem Kopf und einen Kinderwagen schiebend. Wie weit er letztendlich kam, konnte nie genau nachvollzogen werden. Manche meinen, er hätte England nie verlassen; dann soll er angeblich in Ostasien gesichtet worden sein. Nach seinen eigenen Aussagen hat er 30 000 Meilen zurückgelegt. Fest steht nur, dass der Mann mit der eisernen Maske die Erde nicht umrundet hat, sondern zu Beginn des Ersten Weltkrieges Helm und Kinderwagen beiseite legte, um seinem Land als Soldat zur Verfügung zu stehen. Harry Bensley wurde im Krieg schwer verwundet, später verlor er sein ganzes Vermögen, das er in Russland angelegt hatte.

Der einst wohlhabende, exzentrische Playboy schlug sich mit Gelegenheitsjobs durch, bis er im Alter von 79 Jahren 1956 in Brighton starb.

Published in: on 18. Juli 2015 at 02:00  Comments (1)  
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Anthony Willliam Hall (1898-1947) – Der Mann, der George V. vom Thron stoßen wollte

König George V., der nach Meinung Halls unrechtmäßig auf dem Thron saß. This work is in the public domain.

König George V., der nach Meinung Halls unrechtmäßig auf dem Thron saß.
This work is in the public domain due to its age.

Anthony William Hall (1898-1947) war ein ehemaliger Polizeibeamter in Shropshire, der in den 1930er Jahren felsenfest davon überzeugt war, dass nicht George V, der seinerzeit auf dem Thron saß, der rechtmäßige König war, sondern er selbst, King Anthony I. Und diese Überzeugung verkündete er gern und oft bei zahllosen Ansprachen, die er im ganzen Land hielt. Über mangelnde Zuhörerschaft brauchte er sich nicht zu beklagen, die ihm Beifall klatschte, wenn er behauptete, dass der gegenwärtige König als Deutscher (George V entstammte dem Fürstenhaus Sachsen-Coburg und Gotha) kein Recht darauf habe, Großbritannien zu regieren. Er solle seine Koffer packen und das Land verlassen. Bei einer seiner Ansprachen in Birmingham geriet er in Rage und behauptete, er hätte keine Probleme damit, den König wie einen tollwütigen Hund über den Haufen zu schießen. An anderer Stelle verstieg er sich zu der Äußerung, er wäre gern der erste Polizist, der einem König den Kopf abschlagen würde.

Seine Thronanwartschaft erklärte Hall damit, dass er ein direkter Nachfahre Heinrichs VIII sei und zwar durch einen unehelichen Sohn des Königs namens Thomas Hall. Weiterhin behauptete er, dass König James I (1566-1625) als Kind bereits ermordet und durch ein anderes Kind, ein Wechselbalg, ausgetauscht wurde, das James Erskine hieß. Fazit: Alle Abkömmlinge dieses falschen Königs, sind nicht legitimiert, auf dem Thron zu sitzen.

Natürlich blieben diese Anschuldigungen dem Königshaus nicht verborgen und man machte Druck, diesen merkwürdigen Mann als unzurechnungsfähig zu erklären. Doch die beiden mit der Untersuchung des Geisteszustandes Halls beauftragten Ärzte waren der Meinung, dass er nicht verrückt war. Buckingham Palace wollte den Exzentriker unbedingt aus dem Weg haben, ohne dass der König in diesen Fall zu sehr involviert wurde. Hall wurde festgenommen, mit der Begründung, dass er sich einer ungebührlichen skandalösen Sprache bediente und zu einer Geldstrafe verurteilt. Nach einer letzten Rede in Birmingham hörte der Mann auf, seine Thronansprüche geltend zu machen und verschwand von der Bildfläche. Später tauchte der Name Anthony William Hall noch einige Male in den Medien auf, als er sich mit seiner Ehefrau vor Gericht wegen einer Scheidungsklage und mit seiner Schwester wegen des elterlichen Hauses stritt.

1947 starb Anthony I. in Little Dewchurch in Herefordshire, wo er auf dem Kirchhof von St David’s begraben ist.

Der Schriftsteller John Harrison nahm diese Geschichte als Grundlage für seinen Roman „Heir Unapparent“ (Windstorm Creative 2005. 266 Seiten. ISBN 978-1590921876).

St David's in Little Dewchurch (Herefordshire).    © Copyright Philip Halling and   licensed for reuse under this Creative Commons Licence.

St David’s in Little Dewchurch (Herefordshire).
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Published in: on 3. Juni 2015 at 02:00  Comments (1)  
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