Nathaniel Bentley (1749-1809) alias Dirty Dick – Ein Mann, der alle Höhen und Tiefen des Lebens kennengelernt hat

Der Dirty Dicks Pub an der Ecke Bishopsgate/Middlesex Street in der Londoner City.
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Der 1749 geborene Nathaniel Bentley (sein Geburtsdatum wird in manchen Quellen auch mit 1735 angegeben) wurde in seinen besten Zeiten der „Beau of Leadenhall Street“ genannt, denn er pflegte sich sehr gut zu kleiden und kaufte gern in Paris ein. Der Mann entstammte einer wohlhabenden Familie und führte ein Geschäft in der Londoner City, in der Leadenhall Street, namens „Golden Lyon & Case of Knives„, in dem er Eisenwaren jeglicher Art verkaufte. Alles schien bisher gut für Nathaniel zu laufen, er verliebte sich in eine junge Frau und die beiden wollten heiraten. Dann schlug das Schicksal zu: Am Vorabend der Hochzeit starb die Braut…und das warf den armen Bräutigam für den Rest seines Lebens komplett aus der Spur. Das Zimmer, in dem das Hochzeitsfrühstück angerichtet war, schloss er ab und wurde nie wieder betreten. Er selbst ließ sich völlig gehen, wusch sich und seine Kleider nicht mehr – aus dem Beau of Leadenhall Street wurde im Handumdrehen Dirty Dick. Warum soll ich mir die Hände waschen, soll er einmal gesagt haben, morgen sind sie sowieso wieder dreckig. Seine Katzen, die eine nach der anderen starben, ließ er einfach liegen und sie rotteten vor sich hin. Auch Nathaniels einst gut gehende Eisenwarenhandlung verkam, Staub legte sich auf die Waren, und er zeigte kein Interesse mehr an dem Geschäft.

1804 setzte sich der frühere Beau zur Ruhe und schloss seinen Laden, fünf Jahre später war er tot. Der Inhaber eines Pubs an der Ecke Bishopsgate/Middlesex Street, The Old Jerusalem, übernahm einige von Bentleys Hinterlassenschaften wie das bis dato  verschlossene Hochzeitsfrühstückzimmer und die toten Katzen und stellte alle diese kuriosen Dinge in seinem Pub aus, den er  in Dirty Dicks umbenannte und der noch heute existiert und der Londoner Brauerei Young’s gehört.

Charles Dickens soll die Figur der Miss Havisham in seinem Roman „Great Expectations“ (dt. „Große Erwartungen“) nach Nathaniel Bentley gestaltet haben. Auch sie erlitt an ihrem geplanten Hochzeitstag einen Schock als sie erfuhr, dass ihr Bräutigam sie sitzen gelassen hatte und nur an ihrem Geld interessiert war. So wie Bentley ließ sie das Hochzeitsfrühstück unangerührt auf dem Tisch stehen. In ihrem Haus lief sie von nun an nur noch ihrem Hochzeitskleid herum.

Mr Bentley würde seine Leadenhall Street, wie sie heute aussieht, nicht mehr wiedererkennen. Im Hintergrund das Lloyd’s Building.
Photo © Steve Daniels (cc-by-sa/2.0)

Englische Exzentriker(innen) – Margaret Thompson und der Schnupftabak

Author: Hellahulla
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In meiner Blogkategorie „Exzentriker“ findet man fast nur männliche Vertreter; Exzentrikerinnen wie Hannah Beswick, eine Dame, die sich davor fürchtete, lebendig begraben zu werden und entsprechende Gegenmaßnahmen ergriff, damit ihr das nicht passierte, sind eher selten. Gewisse Parallelen gibt es zwischen Hannah Beswick aus Manchester und der Londonerin Margaret Thompson, die beide im 18. Jahrhundert lebten. Auch Margaret Thompson beschäftigte sich mit ihrem Ableben und gab in ihrem Testament präzise Anweisungen wie ihre Begräbnisfeier auszusehen hatte. Die Dame war süchtig nach Schnupftabak und leidenschaftliche „Schnupferin“, eigentlich eher eine männliche Domäne. Und dieser Schnupftabak (englisch „snuff“) sollte bei ihrer Beerdigung, die 1776 stattfand, eine alles dominierende Rolle spielen.
Margaret Thompsons Anweisung bezüglich ihres Sarges gingen dahin, dass dieser mit sämtlichen Schnupftabaks-Taschentüchern ausgelegt werden sollte, die sich zum Zeitpunkt ihres Todes ungewaschen in einer Wäschetruhe befanden. Ihre Leiche sollte nicht wie allgemein üblich mit Blumen, sondern mit dem besten schottischen Schnupftabak (den sie besonders liebte) bedeckt werden. Auch was die Sargträger anbelangt, gab es im Testament genaue Vorgaben; sechs Männer aus der Kirchengemeinde St James in Westminster sollten es sein und zwar die begeistertsten „Schnupfer“; jeder von ihnen musste einen aus Biberhaar gefertigten Filzhut in der Farbe von Schnupftabak tragen. Das Sargtuch trugen sechs Frauen, die zusätzlich noch eine Kiste mit dem oben schon erwähnten besten schottischen „snuff“ zum eigenen Bedarf bei sich hatten. Margaret Thompsons treue Bedienstete Sarah Stewart erhielt den Auftrag, vor dem Sarg herzugehen und alle zwanzig Meter Schnupftabak auf den Boden zu streuen und ihn an die Menschenmenge zu verteilen, die der Prozession beiwohnte. Auch der Pfarrer sollte bei der Feier kräftig schnupfen und erhielt für diese Bemühungen noch fünf Guineen extra. Und schließlich verfügte sie, dass eine bestimmte Menge Schnupftabak vor ihrem Haus in der Boyle Street Nummer 8 an Passanten verteilt werden sollte (die Boyle Street sah damals bestimmt sehr viel besser aus als heute).

Sollte Margaret Thompson vom Himmel aus ihrer Beerdigungsfeier zugesehen haben, wäre sie sicher mit dem Ablauf sehr zufrieden gewesen.

Published in: on 27. März 2018 at 02:00  Schreibe einen Kommentar  

Englische Exzentriker – William Lyttle, der Maulwurf von Hackney

Mortimer Road 121 in Hackney.
Photo © Chris Whippet (cc-by-sa/2.0)

Über Exzentriker, die aus welchen Gründen auch immer, den starken Drang verspürten, unter ihren Häusern tiefe Tunnel und Höhlen zu graben, habe ich in meinem Blog schon zweimal berichtet. Da war einmal  Lord William John Cavendish-Scott-Bentinck, der 5. Duke of Portland, der unter seiner Welbeck Abbey ein Labyrinth an Gängen und Sälen ausgraben ließ, und dann Joseph Williamson, der Maulwurf von Liverpool, der dort in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts im Edge Hill-Distrikt Ähnliches tat.

Auch im London Borough of Hackney gab es einen Mann namens William Lyttle (1931-2010), der sein Haus in der Mortimer Road Nummer 121 derart unterhöhlte, dass dort sogar schon einmal der Bürgersteig einbrach und die verängstigten Anwohner einen Blick auf die Tunnelgänge werfen konnten. Diese unterirdischen Bauarbeiten waren aber keine vorübergehende Marotte des Mannes, er arbeitete sage und schreibe vierzig Jahre an seinem Höhlensystem. Kurz nachdem The Mole Man of Hackney das Haus von seinen Eltern geerbt hatte, machte er sich ans Werk und wollte, nach seinen eigenen Worten, nur einen Weinkeller ausgraben, doch dann konnte er einfach nicht mehr aufhören mit dem Buddeln. Über hundert Kubikmeter Erde hob er aus und dass er dabei auch hin und wieder auf unterirdisch verlegte Stromkabel stieß, brachte ihn nicht aus der Ruhe, dafür aber die Nachbarn, die plötzlich ohne Strom dasaßen. Ihnen wurde der Mann in der Nummer 121 allmählich unheimlich und sie wendeten sich an die Stadtverwaltung, die der Angelegenheit auf den Grund ging und die Grabungsarbeiten stoppte. William Lyttle wurde aus dem einsturzgefährdeten Haus verbannt und von einem Gericht zur Zahlung von  £293,000 verurteilt, Kosten die der Stadtverwaltung für Reparaturarbeiten entstanden waren und die der Mann natürlich nicht bezahlen konnte. 33 Tonnen Unrat holte man aus den Gängen und von seinem Grundstück, darunter mehrere Schrottautos. Die Tunnel mussten mit Beton aufgefüllt werden, damit nicht eines Tages alles zusammenkrachte. Die Stadtverwaltung brachte Lyttle erst in einem Hotel, dann in einer in einem Hochhaus (!) gelegenen Wohnung unter, in der der Exzentriker dann am 7. Juni 2010 starb.

Das Haus in der Mortimer Road wurde zum Verkauf angeboten, doch es fanden sich erst keine Käufer, bis es dann von dem Künstlerpaar Sue Webster und Tim Noble für £1.1  Millionen ersteigert wurde. Zusammen mit dem Architektenbüro David Adjaye wollen sie das Gebäude erhalten, aber umbauen. Einige der noch offenen Tunnel planen sie als Studios zu verwenden. Den Künstlern und dem Architekten sind wir in meinem Blogartikel über das Londoner Dirty House in der Chance Street  schon einmal begegnet.

Hier ist ein Film über das Haus in der Mortimer Street und ein Lied, das vom Mole Man of Hackney inspiriert wurde.

William Lyttles Haus aus einer anderen Perspektive.
Photo © Chris Whippet (cc-by-sa/2.0)

Published in: on 12. Januar 2018 at 02:00  Schreibe einen Kommentar  
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The Dreadnought Hoax oder Wie sich eine Schiffsbesatzung einmal aufs Eis führen ließ

HMS Dreadnought.
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Ein Prankster ist jemand, der es liebt anderen Leuten Streiche zu spielen und sich dabei köstlich zu amüsieren. Einer, der sein Handwerk darauf verstand, war der irische Dichter Horace de Vere Cole (1881-1936). Vor ihm war niemand sicher  und seine bevorzugten Opfer waren Politiker, Geschäftsleute und hohe Militärs. Schon während seiner Studentenzeit in Cambridge machte er durch seinen Sultan of Zanzibar-Streich von sich reden, als er sich für diesen ausgab. Sein berühmtester „prank“ aber war der Dreadnought Hoax, der in die Geschichtsbücher eingegangen ist, auch weil daran eine 28jährige Dame teilnahm, die später als Virginia Woolf weltweit bekannt wurde (damals hieß sie noch Virginia Stephen). Auch Virginias jüngerer Bruder Adrian, der den Streich mit Horace ausheckte, hatte viel Spaß daran.

Die HMS Dreadnought war ein Kriegsschiff der königlichen Marine, deren Besatzung in freundschaftlicher Konkurrenz mit den Seeleuten der HMS Hawke lag und von letzteren kam dann auch der Anstoß dazu, den Dreadnought-Leuten einen Streich zu spielen. Am 7. Februar  1910 begann alles damit, dass der Kapitän der HMS Dreadnought, die gerade im Hafen von Portland in Dorset lag, ein Telegramm (angeblich vom Außenministerium abgeschickt) erhielt, das den kurzfristigen Besuch einer Delegation von hochrangigen Prinzen aus Abessinien ankündigte (die aus Cole, Stephen & Co. bestand). Schnell kam dann auch die in Landeskleidung gehüllte und gut geschminkte Besuchergruppe an Bord des Kriegsschiffs, wo sie mit der Nationalhymne von Sansibar begrüßt wurde, denn die abessinische Hymne kannte niemand und die Delegation nahm daran auch keinen Anstoß. Die Prinzen besichtigten das Schiff und brachen immer wieder in Rufe der Begeisterung aus („Bunga, Bunga“). Sie waren derart gut verkleidet, dass der Schiffskommandant seinen Cousin Adrian und seine Cousine Virginia nicht erkannte. Nach einigem Firlefanz, den die Besucher noch an Bord veranstalteten, verließen sie die HMS Dreadnought wieder.

Um den Spaß in Gänze auszukosten, informierte Horace die Presse über den „prank“, die natürlich genüsslich darüber berichtete. Die Navy war nicht sehr amüsiert, aber ein Versuch, den Urheber des Streichs zur Rechenschaft zu ziehen, misslang, denn niemand hatte ein Gesetz gebrochen. Als symbolische Strafe erhielten die „Prankster“ einen sanften Schlag mit einem Stock auf den Po (ausgenommen Virginia Stephen!)  Die Matrosen der HMS Dreadnought wurden bei ihren Landgängen mit „Bunga, Bunga“-Rufen begrüßt, und ihre Kollegen von der HMS Hawke freuten sich besonders über den gelungenen Streich.

Horace de Vere Cole sollte in seinem Leben noch viele weitere Schabernacke ausführen, so verteilte er auf seiner Hochzeitsreise nach Venedig auf dem Markusplatz heimlich Pferdeäpfel, die dort natürlich nicht sein konnten, denn in der Lagunenstadt gab es keine Pferde. Ganz witzig finde ich auch seine Idee, eine Party zu veranstalten, bei der die geladenen Gäste im Lauf des Abends feststellten, dass sie alle das Wort „bottom“ in ihren Nachnamen führten. Long live the British (and Irish) eccentrics!!

Hier ist die Geschichte noch einmal im Film zu sehen.

Das Buch zum Artikel:
Martyn Downer: The Sultan of Zanzibar – The Bizarre World and Spectacular Hoaxes of Horace de Vere Cole. Black Spring 2010. 310 Seiten. ISBN  978-0948238437.

 

Published in: on 8. Dezember 2017 at 02:00  Comments (3)  
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Englische Exzentriker – Snowy Farr aus Cambridge

Snowy Farr war viele Jahre lang eine Figur, die aus dem Straßenbild von Cambridge nicht wegzudenken war. Er trug meist recht abenteuerliche Kleidung, oft farbenprächtige Uniformen mit exzentrischen Hüten auf denen sich Mäuse tummelten; aber auch Katzen und Hunde gehörten zu seiner Entourage. Snowy Farr, der am 8. März 2007 im Alter von 88 Jahren starb, war ein Exzentriker par excellence, ein liebenswerter Mensch und wohl der einzige ehemalige Straßenfeger, der aus der Hand von Prince Charles den Orden Member of the British Empire erhalten hat.

Snowy Farr sammelte auf den Straßen von Cambridge Geld, nicht für sich, sondern für wohltätige Organisationen, und da kam über die Jahre eine ganze Menge zusammen. Die stolze Summe von £62,000 sammelte er mit seinen Auftritten allein für die Cambridgeshire Society for the Blind and Partially Sighted.  £33,700 kam für die Organisation Guide Dogs for the Blind zusammen und  £28,305 für Camsight, eine Wohltätigkeitsorganisation, die sich um Menschen kümmerte, die ihr Augenlicht verloren hatten.

Im August 2012 wurde ihm zu Ehren ein Denkmal vor der Guildhall auf dem Market Square errichtet, auf dem u.a auch Snowys Mäuse und seine auf dem Hut sitzende Katze zu sehen sind. Gary Webb hat die Skulptur erschaffen und man hat sie dort platziert, wo Mr. Farr die Spenden zu sammeln pflegte.

 

Die Skulptur auf dem Market Place von Cambridge.
Author: Geofones.
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Published in: on 6. August 2017 at 02:00  Schreibe einen Kommentar  
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Englische Exzentriker – Hannah Beswick (1680-1758), die Dame, die fürchtete, lebendig begraben zu werden

Der Manchester General Cemetery an der Rochdale Road im Stadtteil Harpurhey, der letzte Ruheort Hannah Beswicks.
Photo © Peter McDermott (cc-by-sa/2.0)

1844 wurde Edgar Allan Poes Kurzgeschichte „The Premature Burial“ veröffentlicht, die auf Deutsch unter dem Titel „Das vorzeitige Begräbnis“ erschien und die 1962 von Roger Corman verfilmt wurde (hier ist der Trailer). Darin geht es um das Thema, lebendig begraben zu werden, eine Schreckensvorstellung, die in früheren Jahrhunderten weit verbreitet war, als das Wissen der Mediziner noch nicht dem heutigen Stand entsprach. Manche trafen Vorkehrungen, damit das nicht eintrat, indem sie ein Seil im Sarg anbringen ließen, das mit einem Glöckchen verbunden war, durch das sie Hilfe herbeirufen konnten.

Hannah Beswick, die von 1680 bis 1758 im Großraum Manchester lebte, war ebenfalls von dieser Furcht erfasst, zumal ihr Bruder einmal um ein Haar lebendig begraben worden wäre. Die Dame, die über ein beträchtliches Vermögen verfügte, dachte sich etwas anderes aus, um der Gefahr zu begegnen. Sie beauftragte ihren Hausarzt, Dr. Charles White, nach ihrem Ableben, dafür zu sorgen, dass sie nicht beerdigt wird und dass er regelmäßig ihren Leichnam aufsuchen sollte, um festzustellen, dass alles mit ihr in Ordnung war und dass sie gegebenenfalls wiederbelebt werden könnte. Für diese Bemühungen bedachte sie ihn in ihrem Testament mit der stolze Summe von £25,000, was heute etwa £3 Millionen entspricht. Dr. White war ein glücklicher Mensch als Hannah Beswick 1758 im Alter von 78 Jahren starb. Er balsamierte die Dame ein und installierte sie bei sich zuhause in eine große mit Glas verkleidete Standuhr, die er mit einem schweren Vorhang vor neugierigen Blicken verbarg. Bis zu seinem Tod im Jahr 1813 schaute Dr. White einmal im Jahr nach, ob mit Hannah alles in Ordnung war und stellte dann jedesmal fest, dass die Dame wirklich tot war und keiner Wiederbelebung bedurfte.

Nach Dr. Whites Tod begann eine kleine Odyssee mit dem mumufizierten Körper. Erst übernahm ihn ein Kollege des Arztes, dann ging er an das Museum of the Manchester Natural History Society. Als die Sammlungen 1867 an die Universität von Manchester übergingen, wollte man sich von der inzwischen „Manchester Mummy“ genannten einbalsamierten Dame ein für allemal trennen und sie jetzt richtig beerdigen. Dafür musste Hannah Beswick allerdings noch einmal offiziell für tot erklärt werden, was dann auch geschah, und so liegt sie nun in einem nicht markierten Grab irgendwo auf dem Manchester General Cemetery, auch Harpurhey Cemetery genannt.

Einige Heavy Metal-Bands haben sich des Themas „Buried Alive“ angenommen wie die dänische Formation Mercyful Fate und die US-Band Get Scared.

Published in: on 13. Juli 2017 at 02:00  Comments (1)  
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Englische Exzentriker – John Camden Neild: Geizhals und Multimillionär

5, Cheyne Walk im Londoner Stadtteil Chelsea. Hier wohnte John Camden Neild.
Author: Edwardx
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In der Welt der englischen Exzentriker gab es immer wieder Männer, deren Bankkonto prall gefüllt war, die aber wie heruntergekommene Landstreicher lebten. Ich denke da vor allem an John Elwes, über den ich in meinem Blog schon einmal berichtete. Eine ähnliche Figur war John Camden Neild, der von 1780 bis 1852 lebte. Er erbte von seinem Vater rund £250 000, was in der damaligen Zeit ein riesiges Vermögen war. Doch statt sich von dem Geld ein angenehmes Leben zu machen, hortete er es und versuchte es zu vermehren.

John Camden Neild hatte eine gute Ausbildung in Eton und am Trinity College in Cambridge genossen und arbeitete in London als Rechtsanwalt. Eigentlich waren das alles gute Voraussetzungen für eine erfolgreiche Karriere, aber Neild hatte andere Pläne. Geldausgeben war nicht sein Ding, er entwickelte sich zu einem Geizhals par excellence. In seinem großen Haus dicht an der Themse, Nummer 5 Cheyne Walk im Stadtteil Chelsea, dort, wo heute der High Commissioner von Zypern residiert, fristete Neild ein erbärmliches Leben. In den Räumen des Hauses standen fast keine Möbel, was eigentlich auch überflüssig war, denn er bewohnte nur einen einzigen Raum, in dem er auf dem Fußboden schlief. Kleider spielten für Neild so gut wie keine Rolle, er trug uralte Klamotten, die er nie ausbürstete, denn das könnte ihnen ja schaden. Auch im Winter war er ohne Mantel unterwegs, denn die Anschaffungskosten dafür wollte er sich ersparen. Wenn er seine weitläufigen Güter außerhalb Londons besuchte und die Pacht kassierte, tat er das meistens zu Fuß und wohnte dann bei seinen Pächtern, was ihn nichts kostete und die Verpflegung bekam er dann auch gratis.

Als er einmal das Dach der Kirche St Mary’s in North Marston (Buckinghamshire) neu decken lassen musste (es führte kein Weg daran vorbei, denn die Kirche stand auf seinem Grund und Boden), beaufsichtigte er die Arbeiter oben auf dem Dach, damit sie ja nichts von dem bereitgestellten Material (es handelte sich dabei um das billigstmögliche) für sich abzweigten.

Hier in der Kirche fand John Camden Neild auch seine letzte Ruhestätte, nachdem er am 30. August 1852 in seinem Londoner Haus gestorben war. In seinem Testament hinterließ er sein Vermögen, das sich inzwischen auf £500,000 angesammelt hatte, an Königin Victoria, die sich über diesen unerwarteten Geldregen natürlich sehr freute. Umgerechnet nach heutigem Wert waren das etwa £25 Millionen. Sie kannte Neild gar nicht, aber um sich nachträglich bei ihm zu bedanken, ließ sie in St Mary’s in North Marston den Altarraum, unter dem der Geizhals beigesetzt worden war, neu herrichten und ein Glasfenster zu seiner Erinnerung einbauen. Hier kann man das Glockengeläut von St Mary’s hören.

Was hatte damals Queen Victoria mit dem Geld gemacht? Da gibt es mehrere Vermutungen, darunter den Kauf des Balmoral Castles in Schottland, den Bau des Frogmore-Mausoleums oder die Bestreitung der immensen Ausgaben für die Hochzeiten ihrer Kinder.

North Marston liegt zwischen Aylesbury und Winslow, etwas abseits der A413, die die beiden Orte verbindet.

St Mary’s in North Marston (Buckinghamshire).
Photo © Bikeboy (cc-by-sa/2.0)

Das Glasfenster im Altarraum von St Mary’s, das Queen Victoria in Auftrag gab.
Photo © Basher Eyre (cc-by-sa/2.0).

 

 

Published in: on 10. Juni 2017 at 02:00  Schreibe einen Kommentar  
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Die merkwürdige Geschichte der Prinzessin Caraboo von der Insel Javasu

Almondsbury in South Gloucestershire.
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Als ich von Bristol kommend in nördlicher Richtung auf der A39 zurück zu meinem Hotel, dem Thornbury Castle, fuhr, kam ich auch durch Almondsbury, einem hügeligen Dorf, das im Jahr 1817 eine Zeit lang für Aufsehen sorgte. Dort tauchte am Gründonnerstag eine mysteriöse Frau auf, die offensichtlich des Englischen nicht mächtig war und sich in einer Sprache artikulierte, die niemand verstand. Sie klopfte beim Dorfschuster an und gab durch Zeichen zu verstehen, dass sie hungrig war und um Unterkunft bat. Man gab ihr zu essen und verwies sie an den Friedensrichter von Bristol, der sich ihrer annahm. Die Frau, deren Alter man auf Mitte 20 schätzte, wurde im Bowl Inn in Almondsbury untergebracht (den es noch heute gibt), dann holte man sie nach Bristol zurück und wusste nicht recht, was man mit ihr anstellen sollte. Dann tauchte plötzlich ein portugiesischer Seemann auf, der angeblich ihre Sprache verstand und so ergab sich folgende Geschichte: Bei der Frau handelte es sich um eine Prinzessin namens Caraboo und sie stammte von der Insel Javasu im Indischen Ozean. Piraten hatten sie dort entführt und auf ihrem Schiff nach Europa mitgenommen. In der Meeresbucht vor Bristol ist sie ihnen entkommen, indem sie von Bord sprang und an Land schwamm. Mehrere Wochen lang genoss Prinzessin Caraboo die Aufmerksamkeit, die sie verursachte. Die junge Dame kleidete sich exotisch, ließ ein Porträt von sich anfertigen und huldigte ihrem Gott Allah-Talla. Ein Wissenschaftler identifizierte sogar ihre Sprache.

Doch dann kam die Ernüchterung: Eine Frau, die in Bristol eine Pension betrieb, erkannte die angebliche Prinzessin auf Grund eines Zeitungsberichtes wieder und es stellte sich heraus, dass Princess Caraboo in Wirklichkeit Mary Willcocks hieß und nicht von der Insel Javasu, sondern aus Witheridge in Devon stammte. Sie war die Tochter eines Schuhmachers und sprach natürlich auch fließend Englisch. Sie langweilte sich wohl etwas in ihrem Heimatort und wollte sich mit dieser Aktion interessant machen, was ihr zumindest für eine gewisse Zeit gelungen war.

Auch die weitere Lebensgeschichte von Mary Willcocks erwies sich als nicht weniger schillernd; sie fuhr mit dem Schiff nach Amerika, wobei sie auf dem Weg dorthin auf der Insel St Helena den dort verbannten Napoleon getroffen haben soll, der sich in die junge Frau verliebte und sie heiraten wollte. Inwieweit diese Geschichte stimmt, lässt sich heute nicht mehr verifizieren. In Amerika versuchte Mary Willcocks ihre „Prinzessin Caraboo“-Geschichte noch ein wenig am Leben zu erhalten, aber ohne Erfolg. Sie kehrte 1828 nach England zurück, heiratete einen gewissen Robert Baker, ließ sich in Bedminster bei Bristol nieder und verdiente ihren Lebensunterhalt durch den Import von Blutegeln. Am 24. Dezember 1864 starb sie dort und wurde auf dem Friedhof an der Hebron Road beigesetzt, von dem heute kaum noch etwas übriggeblieben ist.

1994 wurde ihre Lebensgeschichte unter dem Titel „Princess Caraboo“ verfilmt, mit Phoebe Cates in der Hauptrolle. Hier ist der Trailer zum Film.

Das Buch zum Thema:
Catherine Johnson: The Curious Tale of the Lady Caraboo. Corgi Books 2015. 288 Seiten. ISBN 978-0552557634.

The Bowl Inn in Almondsbury.
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Witheridge in Devon; von hier stammte Mary Willcocks.
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Published in: on 5. Mai 2017 at 02:00  Schreibe einen Kommentar  
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Englische Exzentriker – Samuel Jessup aus Heckington (Lincolnshire) – Der „Pillenmann“

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Wenn man sich die abendliche Tagesschau bzw. Heute-Sendung ansehen möchte, wird man vorher durch nicht enden wollende Werbung bombardiert, in deren Mittelpunkt fast nur Pharmazeutika stehen. Braucht man die wirklich, stellt sich da die Frage?
Ja!!! würde Samuel Jessup mit Nachdruck geantwortet haben, wenn es denn zu Beginn des 19. Jahrhunderts Werbefernsehen gegeben hätte. Der Mann aus Heckington in Lincolnshire, ein Viehzüchter, warf Tabletten ein wie wohl kein anderer Mensch in der Welt. Von 1791 bis 1816 konsumierte der Mann doch sage und schreibe 226 934 Pillen, das sind 10 806 Tabletten pro Jahr oder 29 pro Tag. Damals, als seine Pillensucht begann, ging er noch relativ mäßig zu Werke, steigerte aber seinen „Input“ regelmäßig, so dass er die letzten Jahre vor seinem Tod am 17. Mai 1817 tatsächlich 78 Pillen pro Tag zu sich nahm. Wogegen diese Pharmazeutika waren, weiß der Himmel. Darüberhinaus besaß er auch noch 40 000 (kein Tippfehler!) Flaschen mit Mixturen und Tinkturen. Es grenzt an ein Wunder, dass Samuel Jessup immerhin noch 65 Jahre alt wurde.

John Wright, ein Apotheker aus Bottesford (Leicestershire), hatte ihm das alles geliefert und besorgt; der Mann muss sich an Samuel Jessup eine goldene Nase verdient haben… das heißt mit dem Bezahlen nahm es der „Pillenmann“ nicht so genau, denn Wright verklagte ihn vor einem Gericht in Lincoln zur Zahlung einer Summe von £787 18s. Man schloss einen Vergleich über £450. Ich bin mir aber nicht sicher, ob Jessup dieses Geld dem Apotheker auch zahlte, denn zwei Monate nach dem Verfahren war der Mann tot. Wahrscheinlich haben diese Unmengen an Tabletten schließlich doch ihre „Wirkung“ gezeigt.

Samuel Jessup wohnte in Heckingtons High Street Nummer 24, dem Stone House, zwei Häuser von der Village Hall entfernt. Heckington liegt an der A17, südöstlich von Sleaford.

Published in: on 14. April 2017 at 02:00  Schreibe einen Kommentar  
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Englische Exzentriker – Michael Kennedy, der Mann, der gegen die Zerstörung der Klippen von Norfolk kämpft

Die Klippen von Hunstanton in Norfolk.   © Copyright Richard Humphrey and licensed for reuse under this Creative Commons Licence.

Die Klippen von Hunstanton in Norfolk.
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Sisyphos war der Sage nach ein korinthischer König, der sich mit den Göttern anlegte und zur Strafe einen Felsblock einen steilen Hang hinaufrollen musste. Kurz vor Erreichen des Ziels konnte er den Stein nicht mehr festhalten, er rollte den Berg wieder hinunter, und Sisyphos musste wieder von vorne anfangen. Eine Arbeit, die nie ein Ende fand.

An diesen antiken König muss ich denken, wenn ich sehe, was Michael Kennedy an der Küste von Norfolk treibt. Der Mann aus Hunstanton rollt zwar keine Steine einen Hang hinauf, aber er sammelt Steine am Strand und legt diese am Fuße der Klippen ab, um sie vor der Brandung des Meeres zu schützen. Die Küstenerosion in East Anglia schreitet immer weiter vorwärts, es kommt zu Klippenabbrüchen und bei Sturmfluten fordert das Meer seinen Tribut von den Landmassen. Genau dagegen zieht Michael Kennedy seit über zwanzig Jahren zu Felde, er bietet dem Meer die Stirn, indem er einen Steinwall vor den gefährdeten Klippen aufbaut, um sie zu schützen. An sechs Tagen in der Woche (samstags nimmt er sich frei) arbeitet der Rentner für jeweils zwei Stunden an einem Küstenabschnitt von Hunstanton, um sein Bollwerk zu errichten. Im Laufe der Jahre hat der 79jährige schätzungsweise 2oo Tonnen Steine aufgeschichtet. Aber…das Meer kennt kein Mitleid mit dem arbeitsamen Mann, immer wieder spült es seine Schutzmauer weg und nagt gierig an den Klippen von Hunstanton. So zum Beispiel im Dezember 2013, als Brecher Michael Kennedys Werk in kurzer Zeit zerstörten. Doch der Mann gibt nicht auf. „Dann fange ich eben wieder von vorne an“, sagt er sich. Das Baumaterial wird ihm mit Sicherheit nie ausgehen.

Der Meeresgott Poseidon wird vom Olymp aus wohl höhnisch lachen, wenn er den ungleichen Kampf beobachtet.

Dieser Film zeigt Michael Kennedy bei der Arbeit.

   © Copyright ray sullivan and   licensed for reuse under this Creative Commons Licence.

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Published in: on 4. März 2017 at 02:00  Schreibe einen Kommentar  
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Englische Exzentriker – Ben Sansum, der Mann aus Godmanchester (Cambridgeshire), der noch immer in den 1940er Jahren lebt

Godmanchester, die Great Ouse und die Chinese Bridge.   © Copyright Alan Murray-Rust and licensed for reuse under this Creative Commons Licence.

Godmanchester, der River Great Ouse und die Chinese Bridge.
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In meiner Serie über englische Exzentriker schrieb ich einmal über den „Christmas Man“ aus Melksham in Wiltshire, der sein Haus in ein Weihnachtsparadies umgewandelt hat und darin jeden Tag Weihnachten feiert. Nicht ganz so krass geht es in einem Haus in Godmanchester in der Grafschaft Cambridgeshire zu, in dem sich Ben Sansum im Stil der 1940er Jahre eingerichtet hat. Godmanchester ist ein kleiner Ort an der A14, südlich von Huntingdon, über den es nicht viel zu sagen gibt, außer vielleicht, dass der River Great Ouse durch den Ort fließt, über den eine etwas ungewöhnliche Brücke, die Chinese Bridge, führt.

Ben Sansum, von Beruf Flugbegleiter, hat seine Vorliebe für die 1940er Jahre schon als Kind entdeckt, als er ein Radio aus dieser Zeit geschenkt bekam. Von da an begann er Gegenstände zu sammeln, die aus einer Zeit stammen, die stark vom Zweiten Weltkrieg geprägt war.
Heute beherbergt das Haus in Cambridgeshire in allen Zimmern Sammlerobjekte: In der Küche findet man jede Menge Blechgefäße und andere Aufbewahrungsutensilien für Nahrungsmittel mit Aufschriften wie Lyons Tea, National Dried Milk oder Heinz Tomato Soup. Möbel aus den 1940er Jahren stehen im Schlafzimmer, was auch für das Wohnzimmer gilt, das Ben Sansum mit einem mechanischen Teppichreiniger der Marke Ewbank sauber hält.
Statt eines CD-Players hat Ben Sansum einen alten Plattenspieler, auf dem selbstverständlich Schallplatten mit Musik von Vera Lynn laufen, die damals in den 1940er Jahren zu den populärsten Sängerinnen Großbritanniens zählte (und die in diesem Jahr am 20. März 100 Jahre alt wird).
Er wäscht seine Wäsche per Hand manchmal noch mit einem Waschbrett, telefoniert mit einem uralten Fernsprecher, doch auf manche Annehmlichkeiten der heutigen Zeit möchte auch er nicht verzichten und so findet man, etwas versteckt, ein Fernsehgerät, einen Kühlschrank und eine Waschmachine.
Dieser Film zeigt Ben Sansum in seinem 1940er-Jahre-Reich.

Ich liebe die englischen Exzentriker!!

 

Published in: on 13. Februar 2017 at 02:00  Comments (1)  

Englische Exzentriker – Martin van Butchell (1735-1814), ein Zahnarzt aus Mayfair in London

Die Mount Street im Londoner Stadtteil Mayfair.   © Copyright Derek Harper and licensed for reuse under this Creative Commons Licence.

Die Mount Street im Londoner Stadtteil Mayfair.
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Die Mount Street führt mitten durch Mayfair, jenen wohlhabenden Stadtteil im Zentrum Londons, dessen Häuser so teuer geworden sind, dass sie sich nur noch sehr reiche Menschen leisten können. Die Straße beginnt am Berkeley Square und mündet auf den Park Lane am Hyde Park. Der Schuhdesigner Christian Louboutin hat hier ein Geschäft, ebenso der amerikanische Modeschöpfer Marc Jacobs und das Modehaus Balenciaga.

In der Hausnummer 56 (in der Nummer 54 residiert jetzt der brasilianische Botschafter) war einmal die Praxis eines erfolgreichen Zahnarztes untergebracht, der bei seinen Patienten einen guten Ruf genoss. Da die Praxis von Martin van Butchell (1735-1814) in einer guten Wohngegend lag, behandete er besonders viele Männer und Frauen aus dem Adel. Bei seinen Kollegen jedoch hatte der Arzt einen eher zweifelhaften Ruf, da er ihnen ein wenig zu exzentrisch war. So hatte van Butchell die merkwürdige Angewohnheit, sein Pferd, mit dem er auszureiten pflegte, anzumalen, am liebsten lila, mit Punkten und Kreisen am Hinterteil und am Kopf. Er erfand auch einen speziellen Steigbügel, der mit Kork besetzt war, damit man mit seinen Reitstiefeln nicht abrutschte. Bis zu seinem Tod trug er einen gewaltigen Bart, aus dem er Kapital schlug, denn er behauptete, dass ein einzelnes Barthaar von ihm, als Amulett getragen, unfruchtbare Frauen fruchtbar machen würde. Seine ausgekämmten Barthaare verkaufte er an verweifelte Damen, die daran glaubten. Es ist nicht überliefert wie hoch die Erfolgsquote war.

Der exzentrische Zahnarzt machte aber vor allem von sich reden, als er 1775 die Leiche seiner verstorbenen Frau Mary einbalsamieren ließ. Er ersetzte ihre Augen durch Glaskugeln, hübschte den Körper farblich etwas auf und steckte Mary in ein spitzenbesetztes Gewand. Den Leichnam platzierte er in einen gläsernen Sarg und stellte ihn in das Fenster seiner Praxis. Ob dieses „Happening“ wohl mehr Patienten in seine Praxis locken sollte? Auf jeden Fall kamen viele Menschen in die Mount Street, um sich die verblichene Zahnarztgattin anzusehen. Die direkten Nachbarn van Butchells fanden das nicht lustig und protestierten, aber ohne Erfolg.

Die Einbalsamierung war offensichtlich nicht allzu fachmännisch vorgenommen worden, denn nach einiger Zeit begann der Körper zu verfallen. Martin van Butchells zweite Ehefrau war mit der Zurschaustellung ihrer Vorgängerin gar nicht einverstanden (vielleicht fürchtete sie, später ebenfalls auf diese Weise zu enden), und so bestand sie darauf, dass es Zeit für Mary war, in andere Hände übergeben zu werden, was schließlich auch geschah, und so gelangte der vor sich hin rottende Leichnam in das Londoner Museum of the Royal College of Surgeons, wo er auch ausgestellt wurde. Erst im Zweiten Weltkrieg war es endgültig um Mary geschehen, als das Royal College of Surgeons 1941 von einer deutschen Fliegerbombe getroffen und der Leichnam dabei zerstört wurde.

Es gibt einen Film, allerdings in spanischer Sprache, der sich mit Martin van Butchell beschäftigt und einige Bilder von ihm und seiner verblichenen Ehefrau zeigt.

Im Museum des Londoner Royal College of Surgeons.   © Copyright kim traynor and licensed for reuse under this Creative Commons Licence.

Im Museum des Londoner Royal College of Surgeons.
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Published in: on 29. Januar 2017 at 02:00  Schreibe einen Kommentar  
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Exzentriker – Der Rechtsanwalt Reginald Hine (1883-1949) aus Hitchin in Hertfordshire

Hitchin in Hertfordshire.   © Copyright John Lucas and licensed for reuse under this Creative Commons Licence.

Hitchin in Hertfordshire.
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Reginald Hine war ein waschechter Hertfordshire Man, geboren in Baldock im Norden der Grafschaft und wohnhaft in Hitchin, nur ein paar Kilometer entfernt. Hine war Rechtsanwalt in Hitchin, d.h. eigentlich war er nur Rechtsanwaltsgehilfe, denn er legte sein Prüfungen erst im Alter von 50 Jahren ab. Dennoch hatte er sich in der Stadt und in der Umgebung einen Namen als erfahrener und tüchtiger Anwalt gemacht. Viel lieber arbeitete der Mann aber als Historiker und da galt sein ganzes Interesse seiner Heimatstadt Hitchin. Es gab wohl kaum jemanden, der sich so gut mit der Stadt auskannte. Das Ergebnis seiner Recherchen waren das zweibändige, mehr als 900 Seiten umfassende Werk „History of Hitchin“ aus den Jahren 1927 und 1929 und „Hitchin Worthies“ (1932). Weiterhin schrieb Hine Bücher über die Kirche St Mary’s , die Grammar School, das Sun Hotel usw. usw.; der Anwalt war ein wandelndes Lexikon, was seine Heimatstadt betraf.
1945 erschien sein Buch „Confessions of an Uncommon Attorney„, das sich damals sehr gut verkaufte. „Uncommon“ war Reginald Hine auf jeden Fall. Er trug häufig eine sehr auffällige Kleidung, die aus bunten Jacketts und noch bunteren Hemden bestand, dazu oft eine Fliege.

Eine besondere Vorliebe hatte Hine für eine verfallene Ruine entwickelt, die nur wenige Kilometer südlich von Hitchin liegt, die Minsden Chapel. Schon seit dem 17. Jahrhundert liegt diese ehemalige, von Pflanzen überwucherte Kapelle in Ruinen. Oft kam er hierher und hier wollte er unbedingt einmal seine letzte Ruhe finden, was ihm auch vergönnt wurde, denn nach seinem Tod wurde seine Asche auf dem Gelände der Minsden Chapel verstreut.

Hines Tod war so ungewöhnlich wie sein Leben. Er neigte zu Depressionen und möglicherweise waren diese auch für sein Ableben verantwortlich. Am 14. April 1949 kaufte er sich auf dem Bahnhof von Hitchin eine Rückfahrkarte nach London. Auf dem Bahnsteig traf er einen Bekannten, mit dem er sich eine Weile unterhielt, dabei war er wie immer sehr lebhaft und freundlich. Als um 10.48 Uhr der Zug aus Cambridge in den Bahnhof einfuhr, wandte sich Hine um und stürzte sich auf die Gleise. Er wurde überrollt und war sofort tot. Ein Gedenkstein an der Minsden Chapel erinnert an diesen ungewöhnlichen Menschen.

Das Buch zum Artikel:
Richard Whitmore: The Ghosts of Reginald Hine: An Uncommon Attorney. Mattingley Press 2007. 240 Seiten. ISBN 978-0955466205.

Der Bahnhof von Hitchin, wo sich Reginald Hine vor einen Zug stürzte.    © Copyright Martin Addison and licensed for reuse under this Creative Commons Licence.

Der Bahnhof von Hitchin, wo sich Reginald Hine vor einen Zug stürzte.
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Die Minsden Chapel.   © Copyright Humphrey Bolton and licensed for reuse under this Creative Commons Licence.

Die Minsden Chapel bei Preston in Hertfordshire.
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Published in: on 22. Juli 2016 at 02:00  Schreibe einen Kommentar  
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Wimpole Hall (Cambridgeshire), eine exzentrische Lady und zwei Picknicks

Wimpole Hall in Cambridgeshire.   © Copyright Rob Farrow and licensed for reuse under this Creative Commons Licence.

Wimpole Hall in Cambridgeshire.
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Wer den Kinofilm „Easy Virtue“ (dt. „Easy Virtue – Eine unmoralische Ehefrau“) aus dem Jahr 2008 mit Jessica Biel und Colin Firth schon einmal gesehen hat (hier ist der deutsche Trailer), der hat (wahrscheinlich ohne es zu wissen) auch Wimpole Hall gesehen, das darin als das Haus der Hursts fungiert.
Wimpole Hall liegt südwestlich von Cambridge und gilt als das größte Haus in der Grafschaft Cambridgeshire, umgeben von 12 km² Farmland und Parklandschaft. Ich möchte hier in meinem Blog nicht die ganze Geschichte des prachtvollen Baus wiedergeben, sondern nur eine kleine, witzige Geschichte erzählen, die sich zum Teil hier abspielte.
Die letzte Besitzerin bis zum Jahr 1976 war Elsie Kipling Bambridge (1896-1976), Tochter des berühmten Rudyard Kipling. Sie hatte 1924 den Diplomaten George Louis St Clair Bambridge geheiratet und beide wohnten seit 1932 auf Wimpole Hall, das sie dann sechs Jahre später kauften. Die Einnahmen aus den verkauften Büchern Rudyard Kiplings warfen immer noch genug Geld ab, um das große Anwesen unterhalten zu können.

Elsie Bambridge sammelte alles was sie an Dokumenten über ihren berühmten Vater erhalten konnte, so dass auf Wimpole Hall ein umfangreiches Rudyard Kipling-Archiv entstand. Die Dame war auch etwas exzentrisch veranlagt, was folgende Geschichte belegt:
Elsie legte sehr viel Wert auf Privatheit und konnte es absolut nicht leiden, wenn fremde Menschen, ohne dass sie eingeladen waren, ihr weitläufiges Grundstück betraten. Genau das passierte an einem Tag, als ein Auto auf das Gelände fuhr, die Insassen ihren Picknickkorb auspackten und sie es sich auf dem Rasen von Wimpole Hall gemütlich machten. Als Elsie das von ihrem Haus aus sah, war sie außer sich vor Empörung. Sie notierte sich das Autokennzeichen und ließ ermitteln, wer die Besitzer waren und wo diese wohnten. Mrs. Bambridge gab in der Küche Order, ihr auch einen Picknickkorb zurechtzumachen, dann bestellte sie ihren Chauffeur, dem sie die Adresse der Eindringlinge gab und machte sich auf den Weg zu dem kleinen Vorstadthaus, das diese bewohnten. Auf dem ebenso kleinen Rasen vor dem Reihenhaus ließ sich Elsie Bambridge nieder, packte ihren Picknickkorb aus und verspeiste genüßlich dessen Inhalt. Leider scheint nicht überliefert zu sein wie die Reihenhausbewohner auf den Eindringling in ihre Privatsphäre reagierten.

Die Besitzerin von Wimpole Hall starb am 24. Mai 1976 und sie wurde auf dem St Andrew Churchyard , direkt neben der Hall, beigesetzt.

Dieser Film zeigt das wunderschöne Haus, das nach dem Tod von Elsie Bambridge in den Besitz des National Trusts übergegangen und zu besichtigen ist.

Wimpole Estate
Old Wimpole Road
Arrington
Royston
Cambridgeshire
SG8 0BW
Die Gartenanlagen von Wimpole Hall.   © Copyright Christine Matthews and licensed for reuse under this Creative Commons Licence.

Die Gartenanlagen von Wimpole Hall.
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Elsie Bambridges Grabmal auf dem Kirchhof von St Andrew's.   © Copyright Paul Shreeve and licensed for reuse under this Creative Commons Licence.

Elsie Bambridges Grabmal auf dem Kirchhof von St Andrew’s.
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Published in: on 2. Juli 2016 at 02:00  Comments (1)  
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Frank Robinson – The Xylophone Man of Nottingham (1932-2004)

Lister Gate in Nottingham.   © Copyright Andy Jamieson and licensed for reuse under this Creative Commons Licence.

Lister Gate in Nottingham.
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In vielen Städten gibt es Originale und Exzentriker, die sich im Zentrum aufhalten und durch ihre Musik oder andere Dinge auf sich aufmerksam machen. In meinem Wohnort war es einmal ein Drehorgelspieler, der jede Menge Stofftiere auf seiner Orgel sitzen hatte und der die Geldeinnahmen für wohltätige Zwecke spendete.

In Nottingham war Frank Robinson so ein Original, der als The Xylophone Man bekannt und allseits beliebt war. Er spielte 15 Jahre lang auf seinem Xylophon, meist in der Fußgängerzone Lister Gate vor C&A und H&M. Seine musikalischen Fähigkeiten hatten sehr enge Grenzen und ein richtiger Genuss war Franks Musik wahrlich nicht, aber er und sein Xylophon gehörten eben zu Lister Gate.

1932 wurde Frank Robinson in Cotgrave geboren, einer der Vorstädte von Nottingham, und hier wohnte er auch bis zu seinem Tod. Von 1989 an fuhr er täglich in die Innenstadt, besetzte seinen Lieblingsplatz in der Lister Gate, nahm sein Xylophon auf den Schoß und klimperte drauflos. Ich bin nicht sicher, ob die Menschen, die in den umliegenden Geschäften und Büros arbeiteten, auch große Fans von Frank Robinsons Musik waren, die sich doch durch eine gewisse Eintönigkeit auszeichnete.

Am 4. Juli 2004 erlitt The Xylophone Man im Alter von 73 Jahren im Krankenhaus einen Herzinfarkt und starb. An seiner Beerdigung nahmen über 100 Menschen teil, auch Vertreter des Rates der Stadt Nottingham, ein Zeichen für die Wertschätzung, die der stets freundliche Mann genoss. Am 10. November 2005 wurde ihm zu Ehren sogar eine Plakette enthüllt und zwar an seinem Lieblingsplatz an der Lister Gate. Darauf steht geschrieben: “He played his Xylophone here for fifteen years, bringing a smile to the faces of the people of Nottingham”.

Dieser Film zeigt einen Auftritt der Frank Robinson Tribute Band vor dem H&M Store in Nottinghams Lister Gate. „Xylophone Man“ ist auch der Titel eines Songs der Punkband Apocalypse Babies, hier zu hören.

FRank Robinsons Geburts- und Heimatort.   © Copyright Alan Murray-Rust and licensed for reuse under this Creative Commons Licence.

Frank Robinsons Geburts- und Heimatort.
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Published in: on 19. Mai 2016 at 02:00  Schreibe einen Kommentar  
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Fred Dibnah (1938 – 2004) – Der berühmeste Steeplejack aller Zeiten

Foto meiner DVD.

Foto meiner DVD.

Was ist ein Steeplejack? Das ist ein Spezialist für Arbeiten an hohen Gebäuden, jemand, der auf Schornsteinen oder Kirchtürmen herumklettert, dort z.B. Gerüste anbringt oder andere Arbeiten durchführt, vor denen die meisten Menschen zurückschrecken würden. Voraussetzung für diesen Beruf: Absolute Schwindelfreiheit.

Ein Steeplejack par excellence war Fred Dibnah, der in ganz England (noch immer) bekannt ist, der aber leider schon 2004 an Krebs starb. Fred Dibnah war kein Turm zu hoch und wenn man ihm bei der Arbeit zusah, konnte einem schon so schwindlig werden.
Der 1938 in Bolton (Greater Manchester) geborene Steeplejack ist in England eine Kultfigur geworden, nicht zuletzt durch seine zahlreichen Bücher und Fernsehsendungen. Mittlerweile gibt es sogar ein Fred Dibnah Heritage Centre in der Radcliffe Road in Bolton, in dem Haus, in dem Fred 35 Jahre wohnte und eine Fan-Homepage, über die man z.B. auch seine DVDs und Bücher kaufen kann.

Es sind mehrere Bücher über Fred Dibnah geschrieben worden, z.B.: „Fred Dibnah’s Made in Britain“ von David Hall. Das Buch wirft einen Blick hinter die Kulissen der Dreharbeiten zur BBC-Serie „Made in Britain„, in der Dibnah mit einer uralten Zugmaschine kreuz und quer durch England fährt und große technische Errungenschaften vorstellt wie z.B. die Middlesbrough Transporter Bridge.

Ihm zu Ehren wurde am 29. April 2008 eine 2,5m hohe Bronzestatue im Stadtzentrum von Bolton aufgestellt und vom Bürgermeister enthüllt.

Hier ein Beispiel für eines von Fred Dibnahs haarsträubenden Klettermanövern.

Fred Dibnahs Statue in Bolton.   © Copyright Bill Nicholls and licensed for reuse under this Creative Commons Licence.

Fred Dibnahs Statue in Bolton.
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Das Fred Dibnah Heritage Centre in Bolton (Lancashire).   © Copyright Alex McGregor and licensed for reuse under this Creative Commons Licence.

Das Fred Dibnah Heritage Centre in Bolton (Greater Manchester).
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Published in: on 5. November 2015 at 02:00  Comments (1)  
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Englische Exzentriker – Henry Bensley, der Mann mit der eisernen Maske

This work is in the public domain in the European Union.

This work is in the public domain in the European Union.

Im Londoner Reform Club wurde seinerzeit eine berühmte Wette abgeschlossen, die in der Reise in 80 Tagen um die Welt mündete, so schreibt es jedenfalls Jules Verne in seinem gleichnamigen Roman.

Eine noch wesentlich obskurere Wette fand 1907 in einem anderen Londoner Club, dem National Sporting Club in der King Street, statt, an dem der amerikanische Milliardär John Pierpoint Morgan, der englische Adelige Hugh Cecil Lowther, der 5. Earl of Lonsdale und ein gewisser Harry Bensley, ein auch nicht unvermögender Playboy, beteiligt waren. Die beiden erstgenannten Gentlemen stritten sich darüber, ob es möglich wäre, zu Fuß die Erde zu umrunden, ohne dabei erkannt zu werden. Morgan hielt dies im Gegensatz zu Lonsdale für unmöglich und sagte, er wäre bereit 100 000 Dollar darauf zu wetten. Harry Bensley, der an diesem Abend zufällig in der Nähe der beiden Streithähne saß und deren Gespräch mit anhörte, mischte sich ein und erklärte sich bereit, diese Reise inkognito zu unternehmen.
Die drei Herren besprachen dann die Konditionen, die eine ganze Menge Punkte umfassten, die Harry zu erfüllen hatte. Hier sind einige davon:

– Er musste die Welt zu Fuß, maskiert und einen Kinderwagen vor sich herschiebend umrunden
– Während der gesamten Reise musste er inkognito bleiben
– Er durfte Fotos von sich anfertigen und diese, sowie ein Flugblatt, das seine Reise beschrieb, verkaufen und musste von dem Erlös alle anfallenden Kosten bestreiten
– Harry musste auf seiner Erdumrundung eine Frau finden
– Die Reiseroute sollte in England beginnen, am 1. Januar 1908, um 10.30 Uhr morgens am Trafalgar Square. Dabei sollten sämtliche Grafschaften in England und Wales aufgesucht werden und darin wiederum jeweils vorher festgelegte Städte. Das musste durch ein von den Bürgermeistern unterschriebenes Dokument bestätigt werden.
– Außerhalb Englands wurden die Länder und Städte vorgeschrieben, die Harry auf seiner Reise besuchen musste. In Deutschland waren das zum Beispiel Köln, Berlin, Kassel, Magdeburg, Hamburg und Bremen.

So trat also Harry Bensley am Neujahrstag des Jahres 1908 seine spektakuläre Reise an, mit dem Helm einer Ritterrüstung auf dem Kopf und einen Kinderwagen schiebend. Wie weit er letztendlich kam, konnte nie genau nachvollzogen werden. Manche meinen, er hätte England nie verlassen; dann soll er angeblich in Ostasien gesichtet worden sein. Nach seinen eigenen Aussagen hat er 30 000 Meilen zurückgelegt. Fest steht nur, dass der Mann mit der eisernen Maske die Erde nicht umrundet hat, sondern zu Beginn des Ersten Weltkrieges Helm und Kinderwagen beiseite legte, um seinem Land als Soldat zur Verfügung zu stehen. Harry Bensley wurde im Krieg schwer verwundet, später verlor er sein ganzes Vermögen, das er in Russland angelegt hatte.

Der einst wohlhabende, exzentrische Playboy schlug sich mit Gelegenheitsjobs durch, bis er im Alter von 79 Jahren 1956 in Brighton starb.

Published in: on 18. Juli 2015 at 02:00  Comments (1)  
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Anthony Willliam Hall (1898-1947) – Der Mann, der George V. vom Thron stoßen wollte

König George V., der nach Meinung Halls unrechtmäßig auf dem Thron saß. This work is in the public domain.

König George V., der nach Meinung Halls unrechtmäßig auf dem Thron saß.
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Anthony William Hall (1898-1947) war ein ehemaliger Polizeibeamter in Shropshire, der in den 1930er Jahren felsenfest davon überzeugt war, dass nicht George V, der seinerzeit auf dem Thron saß, der rechtmäßige König war, sondern er selbst, King Anthony I. Und diese Überzeugung verkündete er gern und oft bei zahllosen Ansprachen, die er im ganzen Land hielt. Über mangelnde Zuhörerschaft brauchte er sich nicht zu beklagen, die ihm Beifall klatschte, wenn er behauptete, dass der gegenwärtige König als Deutscher (George V entstammte dem Fürstenhaus Sachsen-Coburg und Gotha) kein Recht darauf habe, Großbritannien zu regieren. Er solle seine Koffer packen und das Land verlassen. Bei einer seiner Ansprachen in Birmingham geriet er in Rage und behauptete, er hätte keine Probleme damit, den König wie einen tollwütigen Hund über den Haufen zu schießen. An anderer Stelle verstieg er sich zu der Äußerung, er wäre gern der erste Polizist, der einem König den Kopf abschlagen würde.

Seine Thronanwartschaft erklärte Hall damit, dass er ein direkter Nachfahre Heinrichs VIII sei und zwar durch einen unehelichen Sohn des Königs namens Thomas Hall. Weiterhin behauptete er, dass König James I (1566-1625) als Kind bereits ermordet und durch ein anderes Kind, ein Wechselbalg, ausgetauscht wurde, das James Erskine hieß. Fazit: Alle Abkömmlinge dieses falschen Königs, sind nicht legitimiert, auf dem Thron zu sitzen.

Natürlich blieben diese Anschuldigungen dem Königshaus nicht verborgen und man machte Druck, diesen merkwürdigen Mann als unzurechnungsfähig zu erklären. Doch die beiden mit der Untersuchung des Geisteszustandes Halls beauftragten Ärzte waren der Meinung, dass er nicht verrückt war. Buckingham Palace wollte den Exzentriker unbedingt aus dem Weg haben, ohne dass der König in diesen Fall zu sehr involviert wurde. Hall wurde festgenommen, mit der Begründung, dass er sich einer ungebührlichen skandalösen Sprache bediente und zu einer Geldstrafe verurteilt. Nach einer letzten Rede in Birmingham hörte der Mann auf, seine Thronansprüche geltend zu machen und verschwand von der Bildfläche. Später tauchte der Name Anthony William Hall noch einige Male in den Medien auf, als er sich mit seiner Ehefrau vor Gericht wegen einer Scheidungsklage und mit seiner Schwester wegen des elterlichen Hauses stritt.

1947 starb Anthony I. in Little Dewchurch in Herefordshire, wo er auf dem Kirchhof von St David’s begraben ist.

Der Schriftsteller John Harrison nahm diese Geschichte als Grundlage für seinen Roman „Heir Unapparent“ (Windstorm Creative 2005. 266 Seiten. ISBN 978-1590921876).

St David's in Little Dewchurch (Herefordshire).    © Copyright Philip Halling and   licensed for reuse under this Creative Commons Licence.

St David’s in Little Dewchurch (Herefordshire).
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Published in: on 3. Juni 2015 at 02:00  Comments (1)  
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Englische Exzentriker – William Buckland, der Mann der Maulwürfe, Schmeißfliegen und auch schon einmal das Herz eines Königs aß

William Buckland. This image (or other media file) is in the public domain because its copyright has expired.

William Buckland.
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William Buckland war ein seriöser und renommierter Wissenschaftler, der von 1784 bis 1856 lebte. Er war Geologe, Paläontologe und Theologe, saß im Aufsichtsrat des Britischen Museums und war Mitglied der Royal Society. Darüber hinaus führte er die Gasbeleuchtung in Oxford ein und legte die ersten Abflussrohre in London.

Buckland hatte aber auch eine sehr exzentrische Seite, denn er hatte den Ehrgeiz, möglichst viele verschiedene Tiere einmal zu verkosten. Auf seinem Speiseplan  standen dann zum Beispiel gebackener Igel, getoaste Mäuse und Krokodilsteak; er aß sich so allmählich durch das Tierreich durch. Am abscheulichsten sollen ihm Maulwürfe und Schmeißfliegen geschmeckt haben. William Buckland kannte sich in der Zoologie bestens aus und so gibt es die schöne Geschichte von seinem Besuch in Palermo, wo er den Schrein der Heiligen Rosalia aufsuchte, in dem die Knochen der Schutzpatronin der Stadt aufbewahrt wurden. Stolz präsentierten die Priester ihm die kostbaren Reliquien. „Das sind Knochen einer Ziege und nicht die einer Frau“, rief er laut, woraufhin ihm die erzürnten Gottesmänner die Tür wiesen und die Reliquien erst einmal der Begutachtung weiterer neugieriger Augen entzogen.

Etwas Ähnliches geschah bei seinem Besuch in einer Kathedrale, in der man ihm den Blutfleck eines Heiligen auf dem Steinfußboden zeigte, der angeblich immer frisch war und nie verschwand. Buckland kniete sich neben den Fleck, feuchtete einen Finger an, tupfte ihn hinein und leckte daran: „Das ist Fledermausurin“, stellte er prompt fest und zog sich erneut den Zorn der Kirchenmänner zu, die sich einer Attraktion ihrer Kirche ärmer sahen.

Den Vogel schoss der gelehrte und exzentrische Mann aber eines Tages ab, als ihm der Erzbischof von York einmal das einbalsamierte Herz des französischen Königs Ludwig XIV zeigte, das er während der Revolution einem Mann abgekauft hatte, der das Grab des Königs in Paris geplündert hatte. Vorsichtig entnahm der Erzbischof die Kostbarkeit einer Schnupftabakdose und präsentierte sie Buckland. „Ich habe ja schon vieles gegessen, aber noch nie das Herz eines Königs“, sprach er, nahm es und schluckte es in einem Stück herunter.

William Bucklands Sohn, Francis Trevelyan, stand seinem Vater, was die kulinarischen Exzesse anging, übrigens in nichts nach. Er aß zum Beispiel gebratenen Delfinkopf, Nashornpastete, Pantherkotelett, Ohrwürmer und Schneckensuppe. Guten Appetit!

William Buckland wohnte die letzten Jahre seines Lebens im Pfarrhaus in Islip in Oxfordshire, wo er eine bunte Tiermenagerie hielt, u.a einen Bären, der gern durch das Dorf wanderte und im Gemischtwarenladen nach Süßigkeiten suchte. Buckland starb am 14. August 1856 in Islip und wurde auf dem Kirchhof von St Nicholas begraben.

St Nicholas in Islip (Oxfordshire). Hier ruht William Buckland.    © Copyright Roger Templeman and   licensed for reuse under this Creative Commons Licence.

St Nicholas in Islip (Oxfordshire). Hier ruht William Buckland.
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Published in: on 8. Februar 2015 at 02:00  Comments (2)  
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Englische Exzentriker – John „Scheming Jack“ Gainsborough

In diesem Haus in Sudbury (Suffolk) wuchsen der berühmte Maler Thomas Gainsborough und sein weniger berühmte Bruder John auf.    © Copyright Roger Cornfoot and   licensed for reuse under this Creative Commons Licence.

In diesem Haus in Sudbury (Suffolk) wuchsen der berühmte Maler Thomas Gainsborough und sein weniger berühmter Bruder John auf.
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Thomas Gainsborough gilt als einer der bedeutendsten Maler Großbritanniens des 18. Jahrhunderts. Er und seine zahlreichen Brüder wuchsen in Sudbury auf, einer Kleinstadt in der Grafschaft Suffolk. Einer dieser Brüder, der nach seinem Vater John getauft wurde, versuchte ähnlich erfolgreich zu sein wie sein kleiner Bruder Thomas, allerdings auf einem ganz anderen Gebiet. John verfügte über eine blühende Fantasie und wollte die in seine vielen Erfindungen einfließen lassen, was ihm leider gründlich misslang.

Leider brachte er seine Erfindungen selten zum Abschluss, weil er schon wieder neue Ideen hatte, die ihn mehr faszinierten. Seine „Karriere“ als Erfinder begann mit einer Art Flugmaschine mit metallenen Flügeln. Mit Hilfe dieser Konstruktion sprang er vom Dach eines Hauses und plumpste sofort im „Steilflug“ kerzengerade hinunter, zur Belustigung der Zuschauer, die sich eingefunden hatten, um dem Schauspiel zuzusehen. Von da an nannte man ihn ironisch „The Sudbury Daedalus„.

Als John sah, dass Flugmaschinen nicht so ganz sein Ding waren, machte er sich an die Umsetzung anderer sinnvoller Ideen und entwickelte einen mechanischen singenden Kuckuck. Die Nachfrage nach einer solchen Apparatur war offensichtlich in Sudbury und Umgebung recht gering und so probierte „Scheeming Jack“ etwas anderes aus, eine Wiege, die sich von selbst hin und her bewegte und die genervten Eltern die lästige Arbeit des Kinderschaukelns abnehmen sollte. Auch das erwies sich nicht als der große Durchbruch.

Schon früh entwickelte John Gainsborough eine Affinität zu Uhren und so machte er eine Uhrmacherwerkstatt auf, die ebenfalls unter keinem glücklichen Stern stand, denn er missbrauchte das Vertrauen, das seine Kunden in ihn setzten, indem er deren Uhren weiterverkaufte und ähnliche krumme Dinge tat. Ständig lieh er sich Geld, um seine Erfindungen zu finanzieren und hatte Mühe, diese Anleihen wieder zurückzuzahlen.

Einmal malte er im Auftrag eines Pubbesitzers ein Schild; da dieser ihm dafür aber nur wenig Geld geben wollte, rächte er sich, indem er den gewünschten Bullen in einer Farbe malte, die beim ersten Regen sofort abgewaschen wurde und vom Bullen nichts mehr zu sehen war.

Schon als Jugendlicher war John Gainsborough durch eine abstruse Idee aufgefallen. Er hatte sich die Mühe gemacht, an einem Apfelbaum jeden einzelnen Apfel mit Teig zu umwickeln und diese, wohlgemerkt noch am Ast hängenden Äpfel in einem Topf Wasser, das er mit einem Rechaud erhitzte, zu kochen. Als sein Werk vollbracht war, holte er seinen Nachbarn, Colonel Addison, und zeigte ihm stolz seinen Apfelteigtaschenbaum.

Da sich Gainsborough mit Uhren gut auskannte, hatte er eine Uhr entwickelt, die (angeblich) auch auf hoher See die Zeit präzise anzeigte, ein Thema mit dem sich sein Kollege, der berühmte Uhrmacher John Harrison, beschäftigte. Angeblich wollte Scheeming Jack seine Erfindung auf einer Reise nach Ostindien ausprobieren, aber dazu kam es nicht mehr, da das verkannte Genie aus Sudbury vorher starb.

Das Haus der Familie Gainsborough in Sudbury liegt an der Gainsborough Street (die Nummer 46) und beherbergt ein dem Maler gewidmetes Museum. Scheeming Jack wohnte ein paar Schritte entfernt, von seinem Elternhaus nur durch The Black Horse Inn getrennt.

Published in: on 21. Januar 2015 at 02:00  Schreibe einen Kommentar  
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Englische Exzentriker – Henry „The Green Man“ Cope

 

Copyright: National Portrait Gallery London. Creative Commons Attribution-NonCommercial-NoDerivs 3.0 Unported.

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Wenn man nach Goethes Spruch „Wer sich allzu grün macht, den fressen die Ziegen“ ginge, dann hätte Henry Cope keine Chance gehabt, nicht von Ziegen aufgefressen zu werden. „The Green Man of Brighton“ wurde er genannt, denn die Farbe Grün bestimmte sein Leben. Cope promenierte gern auf Brightons Straße Old Steine (oder auch The Steyne genannt), die am Royal Pavillon vorbeiführt, den es zu seiner Zeit aber noch nicht gab (Henry Cope starb 1806).

Der Beau trug ausschließlich grüne Kleidung: Hose, Weste, Gehrock, Krawatte, Handschuhe, alles war grün. Er besaß eine grüne Kutsche, die von einem grüngewandeten Kutscher gelenkt wurde (das Pferd soll allerdings nicht grün gewesen sein). Natürlich aß Henry Cope ausschließlich Grünzeug und seine Wohnung an der South Parade war mit grünen Sesseln, einem grünen Tisch, einem grünen Bett und grünen Gardinen ausgestattet. Ein zeitgenössisches Gedicht, das auf den Green Man of Brighton gemacht wurde, endet mit dem ironischen Satz „The brains, too, are green of this green little man!

Am Ende seines Lebens hatte Copes Gehirn wohl wirklich Schaden erlitten, denn eines Tages sprang er aus dem Fenster seiner Wohnung, rannte quer über die Straße und stürzte sich von den gegenüberliegenden Klippen sieben Meter in die Tiefe. Er überlebte zwar den Sturz, soll danach aber nicht mehr seiner Sinne mächtig gewesen sein.

Man sagt, dass der Geist Henry Copes noch heute in dem ehemaligen Familiensitz Bramshill House im Nordosten der Grafschaft Hampshire umgeht. In diesem Haus, das zu den „most haunted“ Englands gezählt wird, waren das Police Staff College und das European Police College untergebracht; jetzt soll das über 400 Jahre alte Gebäude verkauft und als Wohnhaus umgebaut werden.
Ob der Green Man of Brighton und seine Geisterkollegen die neuen Besitzer wohl auch heimsucht?

Old Steine in Brighton. Hier pflegte der Green Man zu promenieren.    © Copyright Stephen McKay and   licensed for reuse under this Creative Commons Licence.

Old Steine in Brighton. Hier pflegte der Green Man zu promenieren.
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Bramshill House in Hampshire. Hier soll Henry Copes Geist gesichtet worden sein.    © Copyright Mike Searle and   licensed for reuse under this Creative Commons Licence.

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Published in: on 1. Januar 2015 at 02:00  Schreibe einen Kommentar  
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Englische Exzentriker – The Christmas Man aus Melksham in Wiltshire, der Mann, der jeden Tag Weihnachten feiert

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Andy Park aus Melksham in Wiltshire liebt Weihnachten; er liebt Weihnachten so sehr, dass er seit 1993 jeden Tag des Jahres diesen Feiertag begeht, mit allem Drum und Dran. Seine Wohnung ist 365 Tage im Jahr festlich geschmückt und sein Tagesablauf ist genau festgelegt. Andy Park beginnt den Tag mit dem Verzehr von einigen „mince pies“, die in England zu Weihnachten sehr beliebt sind. Nachdem er einige Stunden gearbeitet hat, Park ist von Beruf Elektriker, beginnen die Vorbereitungen auf das Fest; dazu gehört natürlich das Schreiben von Weihnachtskarten, die er an sich selbst adressiert und praktischerweise gleich wieder durch den Briefschlitz seiner Haustür steckt. Dann müssen Geschenke eingepackt und logischerweise auch wieder ausgepackt werden. Mit einem Glas Sherry in der Hand lauscht dann „Mr. Christmas“ der Weihnachtsansprache der Queen. Sein Angebot, dass die Queen ihre nächste Ansprache von seinem Haus in Wiltshire aus hält, hat die alte Dame dankend abgelehnt.

Anschließend kommt der Höhepunkt des Tages, das Truthahnessen. Mr. Park soll schon über £100 000 für den Kauf von Truthähnen „verbraten“ haben, so dass der Mann in der Welt der „turkeys“ in England  zum Public Enemy No.1 ausgerufen worden ist. Da man zu einem richtigen Weihnachtsessen auch ein entsprechendes Getränk braucht, gibt es bei Mr. Christmas täglich Champagner und Wein. Wie er einmal dem Bath Chronicle verriet, hat er dafür schon an die £300 000 ausgegeben. Ein durchschnittlicher Weihnachtstag kostet ihn rund £168.

Der Mann, der Weihnachten lebt wie kein anderer Mensch auf der Welt, hat immer wieder versucht, in der Welt der Medien Fuß zu fassen, zuletzt mit einem Song zur Fußballweltmeisterschaft „We’re Going to Win the World Cup„, mit dessen Aussage er aber gründlich daneben lag. Passender ist da schon sein Video „It’s Christmas Every Day“ mit einer durchaus eingängigen Melodie.
Wie so ein typischer Tag im Haus von Mr. Park aussieht, zeigt dieser Film.

Eine Mrs. Christmas gibt es übrigens nicht (mehr).
Außer Andy Park feiern die Bewohner der Kleinstadt Melksham natürlich auch Weihnachten, allerdings nur zu der dafür vorgesehenen Zeit. Hier ist ein Film über die Melksham Christmas Lights.

 

Published in: on 1. Dezember 2014 at 02:00  Comments (1)  
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Englische Exzentriker – John Ward, der Schöpfer des elektrischen BH-Wärmers

Bisher habe ich in meiner Reihe über englische Exzentriker nur bereits verstorbene Vertreter dieser „Zunft“ vorgestellt (bis auf eine Ausnahme), darum möchte ich heute einmal einen noch sehr lebendigen und kreativen Kopf präsentieren, der nicht nur exzentrisch, sondern auch noch sehr erfinderisch ist: John Ward aus Moulton Seas End in Lincolnshire. Allein schon der Name seines Wohnortes, ein kleines Dorf nordöstlich von Spalding, ist außergewöhnlich und eines Exzentrikers würdig.

John Ward hat schon so viele Erfindungen gemacht, dass man sie kaum noch zählen kann; allerdings sind davon noch keine groß herausgekommen und von der Industrie übernommen worden, vielleicht weil sie zu ungewöhnlich und nicht vermarktbar sind. Aber für den Mann aus Lincolnshire ist das offenbar auch nicht wichtig; ihm macht es einfach Spaß, ständig neue Dinge zu erfinden. Hier sind einige Beispiele:

– In der kalten Jahreszeit muss es für Damen doch eigentlich recht ungemütlich sein, morgens einen ausgekühlten BH anzulegen, dachte sich John Ward, und schaffte daher Abhilfe mit seinem elektrischen BH-Wärmer. Er zweckentfremdete einen Föhn und leitete die Warmluft in zwei faustgroße Plastikbälle, über die dann der BH gelegt wurde. Schon war das Problem des kalten BHs behoben.

– Aus einer defekten Waschmaschine baute Ward ein Elektroauto, das er mit einer 12-Volt-Autobatterie versah und hinten einen Einkaufswagen ankoppelte, womit man umweltschonend den nächsten Supermarkt ansteuern konnte.

– Aus einem der dreirädrigen Reliant Robins (ich berichtete schon einmal über diese Vehikel) bastelte der Mann ein winziges Feuerwehrauto mit Ausziehleiter, einem Wasservorrat von 50 Litern und einem Schlauch. Der Bau von „Freddie the Fire Engine“ zog sich über sechs Monate hin.

– Geradezu genial finde ich John Wards Erfindung „Adapta-Shoes„, das sind Schuhe, an deren Spitzen eine Vorrichtung angebracht ist, an der man z.B. eine Taschenlampe befestigen kann, wenn man im Dunklen unterwegs ist, oder einen Miniatur-Schneepflug im Winter oder eine sich drehende Bürste, die notfalls schon mal einen Staubsauger ersetzen kann.

– Mit dem mobilen Taufbecken wollte Ward Priestern das Leben leichter machen. Ein Thermostat sorgte für eine für das Baby angenehme Wassertemperatur und ein eingebauter Handtuchspender hielt jederzeit Trocknungsmöglichkeiten für Täufling und Priesterhände bereit.

– Für die Queen Mum entwickelte das Erfindergenie einmal einen Sitz aus rotem Samt, dessen Rückenlehne in Form einer Burg gestaltet war, von der aus man 21 Salutschüsse abfeuern konnte. Der Clou: Aus dem seitlich angebrachten Löwenkopf ließ sich per Knopfdruck Gin in ein Glas laufen.

Diese Liste könnte man noch lange fortsetzen. Ich finde John Ward in seinen Fernsehauftritten einfach sympathisch und nett. Exzentriker sind eben das Salz in der Suppe des täglichen Lebens!

In den 1980er Jahren unternahm er einmal einen Ausflug in die Politik (wie ich in „Lincolnshire Life“ lesen konnte), als er in Screaming Lord Sutchs Monster Raving Loony Party zum Minister für Erfindungen ernannt wurde. Damals schuf er den Manifesto Muncher, der Parteiprogramme anderer Parteien in Klopapierrollen verwandelte.

Hier ist eine kleine Auswahl an John Wards Erfindungen im Film zu sehen und hier ist einer seiner Fernsehauftritte.

Published in: on 16. August 2014 at 02:00  Comments (3)  
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Englische Exzentriker – John Arscott of Tetcott (1719 – 1788)

Das Tetcott Manor House heute. This work is released into the public domain.

Das Tetcott Manor House heute.
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Tetcott ist ein kleiner Weiler in Devon, ein paar Kilometer südlich von Holsworthy, in dem einst die Arscott-Familie wohnte. 1603 erbaute Arthur Arscott das erste Manor House an der Stelle, an der das heutige noch steht. Der letzte der Familie, John Arscott (hier ist ein Foto von ihm), ist es aber, den ich hier vorstellen möchte und zwar auf Grund seiner ausgeprägten Exzentrik. Er wurde 1719 geboren und starb 1788 und verbrachte sein ganzes Leben hier im Manor House im ländlichen Devon.

John Arscott hielt sich wie im Mittelalter einen zwergenhaften Hofnarren namens Black John, dessen Aufgabe es war die Gäste des Hauses nach dem Abendessen zu unterhalten. Black John’s Spezialität war der  „Mäusetrick“, dabei verschluckte er eine lebende Maus, an deren Schwanz er einen Faden gebunden hatte. Nachdem die Maus in seinem Magen angekommen war, zog er sie an dem Faden wieder ans Tageslicht heraus, zum Gelächter und Amüsement der (vielleicht schon angetrunkenen) Gäste. Wie die Mäuse dieses Schauspiel fanden, ist nicht überliefert. Eine weitere Spezialität war das Rupfen eines Spatzen, wobei Black John die Beine eines lebenden Vogels in den Mund nahm und ihm nun mit den Zähnen nach und nach die Federn ausriss, bis der Spatz blank gerupft war. Bei der ganzen Prozedur waren die Hände des Hofnarren auf dem Rücken festgebunden.

John Arscott besaß auch eine Lieblingskröte, die er „Old Dawty“ getauft hatte. Jeden Morgen pfiff Mr. Arscott nach ihr, worauf  „Old Dawty“ erschien und liebevoll von ihm gefüttert wurde. Eines Tages wurde die Kröte von einem Gast mit einem Stock erschlagen, mit schlimmen Folgen (auch für den Gast). Erst stürzte sich der erboste Hofnarr auf ihn und prügelte auf ihn ein, dann wurde er von seinem Gastgeber vor die Tür gesetzt.

Das exzentrische Verhalten John Arscotts setzte sich auch bei seinen Besuchen in der Kirche Holy Cross fort. Bei den Predigten langweilte sich der Mann offenbar entsetzlich, denn während sich der Pfarrer auf der Kanzel abmühte, fütterte er die Spinnen in der Kirche mit Fliegen, die er in einem Glas mitgebracht hatte. Das mag ja noch angegangen sein, schlimmer war, dass er den Gottesmann mit Äpfeln bewarf, wenn er mit der Predigt nicht zufrieden war.

John Arscott wurde in der Arscott Chapel in Holy Cross auch beigesetzt, die Inschrift auf seiner Gedenktafel lautet etwas zweideutig:
Sacred to the Memory of
John Arscott
late of Tettcott in this Parish Esquire,
who died the 14th Day of January 1788
Aged 69
and whose Remains lie near this Place
What his character was need not here be recorded
The deep Impression
which his extensive Benevolence and Humanity
has left on the Minds of His Friends and Dependants
will be transmitted by Tradition
to late Posterity
.

Die Holy Cross Church in Tetcott. Das Manor House steht gleich dahinter. This work is released into the public domain.

Die Holy Cross Church in Tetcott. Das Manor House steht gleich dahinter.
This work is released into the public domain.

 

Published in: on 7. Juni 2014 at 02:00  Schreibe einen Kommentar  
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Englische Exzentriker – Lord Berners und die bunt gefärbten Tauben von Faringdon House

Faringdon (Oxfordshire); im Hintergrund der Faringdon Tower.    © Copyright Brian Robert Marshall and   licensed for reuse under this Creative Commons Licence.

Faringdon (Oxfordshire); im Hintergrund der Faringdon Tower.
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In meinem Buchtipp „Eccentric Oxford“ von Benedict Le Vay erwähnte ich schon einmal den englischen Exzentriker Lord Berners (1883-1950), der mit vollem Namen Gerald Hugh Tyrwhitt-Wilson hieß, und der u.a. dadurch von sich reden machte, dass er den Spaniel seiner Mutter aus dem Fenster eines oberen Stockwerks warf und meinte, der Hund würde nun instinktiv fliegen lernen, nach dem Motto, “wenn man einen Hundewelpen ins Wasser wirft, lernt der instinktiv schwimmen”. Nun, der arme Hund lernte dabei das Fliegen leider nicht. Auf seinem Anwesen Faringdon House in Oxfordshire stellte Lord Berners Schilder auf mit den Aufschrift „Dogs will be shot; cats will be whipped„, was er aber natürlich nicht tat, denn er mochte eigentlich Hunde, zumindest Windhunde, die er mit diamantbesetzten Halsbändern herumlaufen ließ. Ob das die Tiere zu würdigen wussten?

1935 ließ er einen knapp 50 m hohen Turm nach seinen Vorstellungen bauen, den Faringdon Tower, der nach seinen eigenen Angaben „entirely useless“ war. Falls jemand auf die Idee kommen sollte, vom Turm zu springen, um Selbstmord zu begehen, sorgte er vor und brachte ein Schild am Eingang an: „Members of the public committing suicide from this tower do so at their own risk„. Der exzentrische Lord liebte es, überall auf seinem Anwesen Schilder aufzustellen. So fanden sich in regelmäßigen Abständen an den das Grundstück umgebenden Mauern Hinweise mit dem Text „Anyone throwing stones at this notice will be prosecuted„.

Im Kofferraum seines Rolls Royce führte Gerald Tyrwhitt-Wilson stets ein kleines Klavier mit sich; man kann ja schließlich nie wissen, wozu das mal gut sein könnte. Apropos Klavier: Salvador Dali, der ebenfalls für seine Exzentrik bekannt war, stellte bei einem Besuch in Faringdon einmal einen Flügel in einem flachen Teich auf, platzierte auf alle schwarzen Tasten ein Schokoladenéclair und bat dann Lord Berners, etwas zu spielen.

This work has been released into the public domain

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Besonders faszinierend finde ich seine Idee, in Faringdon House buntgefärbte Tauben herumfliegen zu lassen. Für das Färben benutzte er Lebensmittelfarbe, damit es dem Gefieder der Tiere nicht schadete. Noch heute wird der Bernersche Brauch hier aufrechterhalten, indem man Regenbogenfarben-Tauben flattern lässt. Nachdem Lord Berners 1950 gestorben war, zog ein weiterer Exzentriker in das Haus in Oxfordshire ein, Robert „Mad Boy“ Heber-Percy. Der erließ kurz vor seinem Tode am 29. Oktober 1987 noch Anweisungen, dass die Tauben von Faringdon bei seiner Beerdigungsfeier schwarz und purpur eingefäbt sein sollten, was man dann auch tat.

Eine schöne Geschichte erzählt man sich auch von dem exzentrischen Lord, als er einmal Margaret Taylor, Gattin des Historikers A.J.P.Taylor, zu Besuch hatte. Als sie bereits gegangen war, fiel ihm ein, dass er vergessen hatte, ihr das Ornament eines goldenen Hahnes zu zeigen; so rannte er hinter ihr her und rief „“Maggie, Maggie! Wait a moment! I do so want to show you my cock”…

 

Auf der Inschrift von Lord Berners Grabstein ist sein Leben kurz zusammengefasst:
Here lies Lord Berners
One of life’s learners
Thanks be to the Lord
He never was bored

Der Ort Faringdon liegt an der A420, die von Swindon nach Oxford führt; Faringdon House, das sich in Privatbesitz befindet und nicht besichtigt werden kann, an der A4095, der Radcot Road.

Das Buch zum Artikel:
Mark Amory: Lord Berners – The Last Eccentric. Faber&Faber 2008. 304 Seiten. ISBN 978-0571247653.

Der Faringdon Tower.    © Copyright Des Blenkinsopp and   licensed for reuse under this Creative Commons Licence.

Der Faringdon Tower.
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Foto meines Exemplares.

Foto meines Exemplares.

Published in: on 13. Mai 2014 at 02:00  Comments (2)  
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Englische Exzentriker – Countess Emma Edgcumbe und das glückliche Schwein Cupid

The Countess of Edgcumbe.  National Portrait Gallery. Attribution-NonCommercial-NoDerivs 3.0 Unported.

The Countess of Edgcumbe (probably by James Gillray).
Copyright: National Portrait Gallery.
Attribution-NonCommercial-NoDerivs 3.0 Unported.

Schweine führen meist ein trauriges Leben; fast alle landen sie als Schnitzel oder als Wurst auf den Tellern der Menschen, die das Fleisch der Sus scrofa domestica, wie die Paarhufer auf Lateinisch heißen, mitleidlos verzehren.
Doch gibt es auch hin und wieder Vertreter ihrer Artgenossen, die sehr wohl auf ein glückliches Leben zurückschauen können, auf ein Leben, das von Liebe und Luxus geprägt war. Cupid war eines dieser „Glücksschweine“, das Emma Gilbert, der Tochter des Erzbischofs von York gehörte, die im 17. Jahrhundert mit George Edgcumbe, dem ersten Earl of Mount Edgcumbe verheiratet war. Die Countess und ihr Schwein wohnten in Cornwall auf der Rame Halbinsel im Mount Edgcumbe House, das Freunden der Rosamunde Pilcher-Filme sicher bekannt sein dürfte, denn das ZDF war hier mehrfach zu Gast.

Die Dame des Hauses und ihr Schwein Cupid waren unzertrennlich; beide nahmen ihre Mahlzeiten gemeinsam am Tisch ein, Cupid folgte seiner Herrin auf Schritt und Tritt durch das weitläufige Haus und wurde sogar auf Reisen nach London mitgenommen. Was Emmas Ehemann, der Earl, von der ganzen Sache hielt, konnte ich leider nicht ermitteln. Vielleicht war ja Cupid so etwas wie ein Ersatz für ihn, denn der Earl war ein vielbeschäftigter Mann… aber das ist reine Spekulation.

Die Trauer war groß bei der Countess, als Cupid 1768 das Zeitliche segnete; ein „neues“ Schwein legte sie sich nicht zu, aber sie wollte ihrem treuen Gefährten denn doch ein würdiges Andenken bewahren, indem sie ihm auf dem Anwesen von Mount Edgcumbe einen 17 Meter hohen Obelisken errichtete, unter dem Cupid wie es hieß in einem goldenen Sarg ruhte. Sogar König George III und Queen Charlotte sollen dem pompösen Grab einen Besuch abgestattet haben!

Ein Dichter schrieb die tröstenden Zeilen:
Oh dry those tears so round and big
Nor waste in sight your precious wind
Death only takes a little pig
Your Lord and Son are still behind.

Als man den Obelisken später an die heutige Stelle versetzte, fand man allerdings keinen goldenen Sarg. War das alles nur erfunden? Ruhten Cupids Gebeine ganz woanders? Ein Rätsel, das man wohl nicht mehr lösen wird. Das Monument findet man auf einem Hügel hinter dem Gasthof Edgcumbe Arms in dem kleinen Dorf Cremyll. Von hier aus hat meinen einen tollen Blick auf die gegenüberliegende Stadt Plymouth.
Das Mount Edgcumbe House und die Gärten sind meist in der Zeit von April bis September zur Besichtigung freigegeben; dieser Film gibt einen ersten Eindruck. Ein Besuch hier lohnt sich auf jeden Fall!

Mount Edgcumbe House.    © Copyright Tony Atkin and   licensed for reuse under this Creative Commons Licence.

Mount Edgcumbe House.
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Published in: on 20. März 2014 at 02:00  Comments (2)  

Englische Exzentriker – Robert „Romeo“ Coates (1772-1848): Schlechtester Schauspieler aller Zeiten?

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Robert Coates (1772-1848) stammte aus einer wohlhabenden Familie, die durch Zuckeranbau in der Karibik zu Reichtum gekommen war. Geld war für ihn also kein Thema und damit erkaufte er sich die Möglichkeit, seiner Lieblings-Freizeitbeschäftigung nachzugehen, dem Theaterspielen. Er hatte nie eine Schauspielschule besucht, war aber der Meinung, dass er genug Talent hatte, auch große Shakespeare-Rollen absolvieren zu können. Wenn die Theatermanager Zweifel an seinen Fähigkeiten hatten, half er mit Geld nach und das funktionierte meistens.

Am liebsten spielte Robert Coates die Rolle des Romeo in Shakespeares „Romeo und Julia“, mit Erfolg, aber nicht so wie es sich die Verantwortlichen der Theater vorgestellt hatten. Sein Debut gab Coates am 9. Februar 1809 am Theatre Royal in Bath, wo seine Interpretation des jungen Veronesers Lachsalven im Publikum hervorrief, das sich köstlich über die Tragödie amüsierte. Der Höhepunkt jeder Aufführung war Romeos Todesszene im fünften Akt. Bevor er sich zum Sterben niederlegte, wischte er mit seinem Taschentuch erst einmal den Bühnenboden sauber, damit sein extravagantes Kostüm nicht beschmutzt wurde, und dann starb Romeo so hingebungsvoll, dass die Zuschauer das unbedingt noch einmal sehen wollten. Coates erfüllte den Wunsch gern und wiederholte die Szene noch einige Male. Manchmal vergaß Coates auch Textpassagen und improvisierte dann einfach und erfand neue Szenarien, sehr zum Verdruss der anderen Darsteller, denen das außerordentlich peinlich war und am liebsten im Boden versunken wären. Erspähte  Coates im Zuschauerraum ein bekanntes Gesicht, hatte er kein Problem damit, kurz seinen Text zu unterbrechen und den Bekannten zu begrüßen.

Als er im Londoner Haymarket Theater einmal den Lothario in Nicholas Rowes „The Fair Penitent“ spielte, wollten das so viele Menschen sehen, dass Tausende wieder weggeschickt werden mussten, da die Aufführung komplett ausgebucht war. Schön ist auch die Geschichte von einer „Performance“ des Schauspielers in einem Theater in Richmond (Surrey); an dem Tag war er offensichtlich in Hochform, denn einige Zuschauer erlitten so starke Lachanfälle, dass sie ärztlich behanelt werden mussten.

Auch außerhalb der Welt des Theaters führte Coates ein exzentrisches Leben. So ließ er sich in einer von zwei weißen Pferden gezogenen Kutsche durch London fahren, die die Form einer Muschel hatte. An der Kutsche war das Familienwappen angebracht, ein krähender Hahn über dem das Motto „While I Live, I’ll Crow“ stand.

Selbst Robert Coates‘ Tod war recht ungewöhnlich: Als er am 15. Februar das Londoner Theatre Royal, Drury Lane nach einer Aufführung verließ, geriet er zwischen zwei Kutschen und wurde dabei so schwer verletzt, dass er sechs Tage später starb. Der Kensal Green Cemetery im Westen Londons wurde zu seiner letzten Ruhestätte.

Das Theatre Royal in Bath; hier bekann die "Karriere" des Robert Coates als Schauspieler.    © Copyright Neil Owen and   licensed for reuse under this Creative Commons Licence.

Das Theatre Royal in Bath; hier begann die „Karriere“ des Robert Coates als Schauspieler…
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...und hier endete sie, vor dem Theatre Royal, Drury Lane in London.    © Copyright Sue Adair and   licensed for reuse under this Creative Commons Licence.

…und hier endete sie, vor dem Theatre Royal, Drury Lane in London.
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Published in: on 12. März 2014 at 02:00  Schreibe einen Kommentar  
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Englische Exzentriker – Charles Waterton (1782-1865)

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Charles Waterton war ein englischer Naturforscher, der 1782 auf dem Familiensitz Walton Hall bei Wakefield in West Yorkshire geboren wurde und dort auch 1865 an den Folgen eines Sturzes starb.
Waterton reiste gern durch Südamerika, wo er sich besonders für die Tierwelt interessierte. Einige der Tiere, die er dort im Urwald antraf, stopfte er aus und stellte sie in Walton Hall zur Schau. Häufig „bastelte“ er Körperteile von unterschiedlichen Tieren zusammen, so dass daraus neue Schöpfungen entstanden. Ein besonders bizarres Geschöpf war The Nondescript, das er aus der Haut eines Brüllaffen gestaltete und das menschliche Züge trug (heute im Wakefield Museum zu bestaunen).

Watertons Gäste auf Walton Hall wurde es nie langweilig, wenn sie den exzentrischen Mann besuchten. Schon die Türklopfer an der Eingangstür waren absonderlich; beide bestanden aus menschlichen Gesichtern, wobei das grinsende Gesicht nicht funktionierte, nur mit dem verdrießlich dreinblickenden Gesicht konnte man klopfen und auf sich aufmerksam machen. Nachdem man sich nun Zutritt verschafft hatte, konnte es passieren, dass einem der Hausherr auf allen Vieren entgegenkam und einem wie ein Hund ins Bein biss. Das war Humor à la Waterton. Nach einem ausgiebigen Abendessen soll er einmal, nachdem der Tisch gerade abgeräumt worden war, vor seinen entsetzten Gästen einen Gorilla seziert haben.

Nachdem Watertons Frau Anne kurz nach der Geburt ihres Sohnes im Alter von nur 18 Jahren gestorben war, schlief er nie wieder in seinem Bett, sondern in einen Mantel gehüllt davor auf dem Boden, wobei ein Holzklotz als Kopfkissen diente. Sein Frühstück bestand aus trockenem Toastbrot, das er mit etwas Kresse garnierte.

Um sein Anwesen ließ Charles Waterton eine drei Meter hohe Mauer bauen und legte eine Art Naturschutzgebiet an. Trotz seiner Exzentrik war er einer der ersten, der sich intensiv um die Umwelt kümmerte. Bei seiner Beerdigung soll ein Vogelschwarm dem Sarg gefolgt sein, der zwischen zwei Eichen im Park von Walton Hall in die Erde gelassen wurde.

Walton Hall ist heute Teil des Waterton Park Hotels geworden und liegt auf einer Insel mitten auf einem See.

Walton Hall.    © Copyright Pauline Eccles and   licensed for reuse under this Creative Commons Licence.

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Published in: on 6. Februar 2014 at 02:00  Schreibe einen Kommentar  
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Englische Exzentriker – Lieutenant-Colonel John „Mad Jack“ Churchill (1906-1996)

 This artistic work created by the United Kingdom Government is in the public domain.

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Man muss schon recht exzentrisch veranlagt sein, wenn man in einem Krieg im 20. Jahrhundert seine Gegner mit Pfeil und Bogen erlegen will. Genau das tat nämlich ein gewisser John Malcolm Thorpe Fleming Churchill, auch Mad Jack genannt. Er zog in den Zweiten Weltkrieg, bewaffnet mit eben diesem Bogen, mit Pfeilen und einem Schwert, er trug einen Kilt und spielte bei jeder sich bietenden Gelegenheit Dudelsack (Mad Jack war aber kein Schotte!). John Churchills Leitspruch war: „Any officer who goes into action without his sword is improperly armed„, ein Leitspruch, dem außer ihm wohl niemand anderes folgte.

So exzentrisch Mad Jack auch war, so erfolgreich war er auch, denn seine militärische Karriere führte ihn bis zum Dienstgrad eines Lieutenant-Colonels (Oberstleutnant); er erhielt den Orden DSO (Distinguished Service Order) und das Military Cross. Eingesetzt wurde John Churchill (der nicht mit Sir Winston verwandt war) in Frankreich, in Norwegen, in Italien und in Jugoslawien; sein Dudelsack war immer dabei, ja, er spielte das Instrument sogar bei Angriffen auf den Gegner und in brenzligen Situationen.  Als er in Jugoslawien von den Deutschen gefangengenommen wurde, schrieb er nach zwei Tagen einen Brief an den Kommandanten, bedankte sich für die faire Behandlung und lud ihn zu einem Abendessen ein, falls er nach dem Krieg einmal nach England kommen sollte.

Nachdem Churchill mehrfach aus Gefangenenlagern ausgebrochen war, schickte man ihn nach Indien, zur Vorbereitung auf eine mögliche Invasion Japans; doch der Krieg endete, sehr zum Verdruss des Oberstleutnants. Dabei soll er gesagt haben: „Hätten die verdammten Yankees nicht eingegriffen, hätten wir den Krieg problemlos noch zehn Jahre weiterführen können„. Mad Jacks Wunsch war, auf dem Schlachtfeld zu fallen und, in den Union Jack eingehüllt, begraben zu werden.

Doch dazu kam es nun einmal nicht, aber Churchill blieb bis zu seiner Pensionierung weiterhin bei der Armee. Im späteren Zivilleben ging er seinen Hobbies nach, er baute ferngesteuerte Modellschiffe und kaufte Themse-Dampfer, die er komplett renovierte und auf der Strecke Richmond-Oxford verkehren ließ.

Auch in seinem späteren Leben zeigte sich Churchill gern als Exzentriker. So pendelte er beruflich eine Zeit lang mit der Bahn zwischen London und seinem Wohnort hin und her; kurz bevor er aussteigen musste, machte er das Fenster des Eisenbahnwagens auf, warf zum Erstaunen der anderen Mitfahrer seine Aktentasche in hohem Bogen hinaus und setzte sich wieder hin. Der Grund dieser Aktion: Churchill fuhr in diesem Augenblick gerade an der Rückseite seines Gartens vorbei und hatte keine Lust, seine Aktentasche vom Bahnhof nach Hause zu tragen. Ich liebe diese Exzentriker!!

"Mad Jack" im Einsatz, ganz rechts mit dem Schwert in der Hand.  This artistic work created by the United Kingdom Government is in the public domain.

„Mad Jack“ im Einsatz, ganz rechts mit dem Schwert in der Hand.
This artistic work created by the United Kingdom Government is in the public domain.

Published in: on 14. Juli 2013 at 02:00  Schreibe einen Kommentar  
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Stephen Gough – The Naked Rambler

Hartnäckig ist er ja, der 54 jährige, in Eastleigh (Hampshire) geborene Stephen Gough, und er lässt sich von den britischen Behörden absolut nicht einschüchtern, denn er hat eine Leidenschaft, die der Polizei und den Gerichten nicht gefällt: Er bewegt sich am liebsten nackt in der Öffentlichkeit. Mehrfach schon hat er die Strecke Land’s End – John O’Groats nackt erwandert, mal allein, mal mit seiner (ebenfalls nackten) Freundin Melanie Roberts und stieß dabei ständig auf den Widerstand der Behörden, die ihn immer wieder verhafteten und einsperrten. Doch davon ließ sich Stephen Gough, der inzwischen im ganzen Land als The Naked Rambler (hier ist ein Film über ihn) bekannt ist, nicht stören. Er trat sogar bei seinen Gerichtsverhandlungen nackt vor die Richter und wurde daraufhin wegen Missachtung des Gerichts zu weiteren Strafen verurteilt. Viele Male verließ er das Gefängnis in nacktem Zustand, woraufhin er sofort wieder in Gewahrsam genommen wurde.

Dieses Katz und Maus-Spiel zieht sich nun schon viele Jahre hin, aber Stephen Gough lässt sich einfach nicht unterkriegen; er besteht darauf, nackt durch die Welt laufen zu wollen. Die Gerichtsverfahren und Gefängnisaufenthalte haben den britischen Steuerzahler mittlerweile schon mehrere hunderttausend Pfund Sterling gekostet.

Der Mann aus Eastleigh in Hampshire ist inzwischen zu einem Held der Nudistenbewegung im In- und Ausland geworden. „Die Briten hatten stets eine Schwäche für Exzentriker. Eine liberale Gesellschaft muss die Marotten Einzelner aushalten können, dieses Gebot ist Teil des nationalen Selbstverständnisses. Doch stellt Gough die Toleranz seiner Landsleute auf eine harte Probe“ meint der SPIEGEL. „There’s nothing about me as a human being that is indecent or alarming or offensive“ sagte Gough einmal vor Gericht. Recht hat er!! Das viele Geld, das die Gerichtsverfahren gekostet haben, hätte  man sinnvoller für wichtigere Dinge ausgeben können.
Die Reaktionen seiner Landsleute, die ihm auf seinen Nacktwanderungen begegnen, sind unterschiedlich. Manche beschimpfen ihn, manche ermutigen ihn, im Kampf gegen das System weiterzumachen.

Hier ist ein Song über den Naked Rambler von Sally Ironmonger.

Published in: on 30. März 2013 at 02:00  Schreibe einen Kommentar  
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