Die St Michael’s Chapel auf Rame Head in Cornwall

Photo © Lewis Clarke (cc-by-sa/2.0)

Rame Head ist eine 93 Meter hohe Landspitze in Cornwall, nur wenige Kilometer südwestlich von Plymouth gelegen. Gekrönt wird sie von einer winzigen, steinernen Kapelle, der St Michael’s Chapel, die mich an eine andere Kapelle in Cornwall erinnert, die Hermit’s Chapel auf dem Roche Rock, die ich vor einigen Jahren in meinem Blog vorstellte.

St Michael’s ist für gehbehinderte Menschen so gut wie gar nicht zu erreichen, ein steiler Weg mit einigen Stufen führt zu ihr hinauf. Oben wird man mit einem grandiosen Blick auf die Küste Cornwalls und auf das Meer belohnt, die Kapelle selbst bietet eigentlich gar nichts Sehenswertes. Das winzige Gebäude verfügt über eine Tür, einige Fenster, keinen Fußboden, sonst nichts. Die Anfänge von St Michael’s gehen bis in das 14. Jahrhundert zurück. Ab dem Jahr 1427 durften hier oben in luftiger Höhe immer montags Andachten abgehalten werden. 1882 ließ sie der Earl of Mount Edgcumbe restaurieren, aber trotzdem führte die Kapelle weiterhin ein Eremitendasein und verfiel bald wieder.

Durch die exponierte Lage bot sich St Michael’s immer wieder dafür an, hier einen Wachposten zu installieren, zum Beispiel im Jahr 1588, als die Invasion durch die spanische Armada drohte. Auch in den beiden Weltkriegen nutzte die britische Armee Rame Head und installierte neben der Kapelle einen Geschützstand. Selbst das ZDF war schon auf Rame Head, für Dreharbeiten des Films „Liebe gegen den Rest der Welt“ (2009) aus der Rosamunde-Pilcher-Serie.

Hier ist ein sehr stimmungsvoller Film über Rame Head und die Kapelle.

Photo © Stephen McKay (cc-by-sa/2.0)
Photo © Martin Bodman (cc-by-sa/2.0)
Published in: on 22. September 2022 at 02:00  Kommentar verfassen  

St Matthew’s – Eine Kirche im Stausee bei Normanton in der Grafschaft Rutland

Photo © Mat Fascione (cc-by-sa/2.0)

Mitte der 1970er Jahre musste ein neues Wasserreservoir in der Mitte Englands gebaut werden, um dem steigenden Wasserbedarf gerecht zu werden. Man entschied sich dafür, einen Stausee in der Grafschaft Rutland anzulegen, musste dafür aber die Dörfer Nether Hambleden und Middle Hambleden abreißen und fluten. Jetzt ist Rutland Water das flächenmäßig größte Reservoir Englands.

Auch Teile des Ortes Normanton fielen dem Stausee zum Opfer und die Kirche St Matthew’s (auch Normanton Church genannt), einst Privatkapelle des Normanton Estates, sollte abgerissen werden, weil der Kirchenboden unterhalb der geplanten Wasserlinie liegen würde. Das war aber den Bewohnern der Umgebung zuviel des Guten und es erhob sich lautstarker Protest; nachdem nun schon Dörfer aufgegeben werden mussten, wollte man nicht auch noch auf die baulich sehr schöne Kirche verzichten. Der öffentliche Aufschrei hatte Erfolg: Der gefährdete untere Teil der Kirche wurde mit einem Gemisch von Zement und Steinen aufgefüllt, so dass der Kirchenboden jetzt etwa 60 cm über der Hochwasserlinie liegt.

Weiterhin wurde ein Damm vom Festland zur Kirche gebaut und das komplette Gebäude mit großen Steinen befestigt. Wenn der Stausee voll ist, sieht es, aus als ob St Matthew’s über der Wasseroberfläche schweben würde.

Die Kirche wird seit 1986 als Museum genutzt und es kann hier auch geheiratet werden. Dieser Film zeigt diese ganz besonders schön gelegene Kirche aus der Luft.

St. Matthew’s Church
Normanton Park Road
Normanton (Nr. Edith Weston)
Rutland

Das Buch zum Artikel:
Bryan Waites: Normanton Church Rutland Water. Multum in Parvo Press 2009. 24 Seiten. ISBN 978-0952454472.

Photo © J.Hannan-Briggs (cc-by-sa/2.0)
Published in: on 18. September 2022 at 02:00  Kommentar verfassen  

Bob Davey (1929-2021) – Der Mann, der eine Kirche in Norfolk vor dem Verfall rettete und dabei eine sensationelle Entdeckung machte

Photo © Basher Eyre (cc-by-sa/2.0)

St Mary the Virgin in Houghton-on-the-Hill bei Swaffham in Norfolk würde heute nicht mehr existieren, wenn es Bob Davey nicht gegeben hätte. Fast dreißig Jahre lang kümmerte sich Bob Davey aus North Pickenham (Norfolk) rührend um St Mary, bewahrte die Kirche vor dem Verfall und ließ sie im alten Glanz neu erstrahlen. Im Ersten Weltkrieg war sie durch eine von einem Zeppelin abgeworfene Bombe arg in Mitleidenschaft gezogen worden.

Bei einem Spaziergang entdeckte Bobs Ehefrau Gloria die Ruinen von St Mary, die durch das um sie herum wuchernde Gestrüpp kaum noch zu erkennen waren. Sie erzählte ihrem Mann davon, der Kirchenvorsteher in North Pickenham war; der sah sich St Mary an, und von da ab war es um ihn geschehen. Nichts mehr sollte ihn in seinem Leben derart in Anspruch nehmen als der Wunsch, die Kirche wieder komplett zu restaurieren Zuerst bekam es Bob mit einem Hindernis zu tun: St Mary war der Treffpunkt von Satanisten, die dort im Verborgenen ihre schwarzen Messen zelebrierten. Es war nicht leicht, diese Menschen zu vergraulen; sie bedrohten Dave, aber der blieb standhaft, und er schaffte es tatsächlich, die Satanisten zu vertreiben.

Und dann begann die Arbeit; Bob entfernte das gesamte Gestrüpp, reparierte den Turm und die Wände, und dabei entdeckte er, als ein Stück Putz herunterfiel, Wandmalereien aus dem zwölften bis vierzehnten Jahrhundert, und darunter noch ältere aus der angelsächsischen Zeit, eine Sensation, die Experten im ganzen Land aufhorchen und nach Norfolk kommen ließ. Glücklicherweise rief der Sensationsfund in Houghton-on-the-Hill auch Sponsoren auf den Plan, die Bobs Arbeiten finanziell unterstützten. Noch heute kommen Interessenten aus der ganzen Welt hierher, um sich diese uralten Meisterwerke, die ältesten in Westeuropa, anzusehen.

Das fehlende Dach der Kirche wurde durch die Verwendung alter Hölzer ersetzt, und der Original-Taufstein fand seinen Weg wieder zurück. Der Prince of Wales, der sich sehr für mittelalterliche Kirchen interessiert, kam zu Besuch, das Fernsehen berichtete über St Mary und über Bob Davey, der für seine Verdienste den Orden Member of the British Empire verliehen bekam. Ich glaube, dass Bob als glücklicher Mensch gestorben ist.

„The church that came back from the dead“ steht heute allen Glaubensrichtungen für Gottesdienste zur Verfügung.

Photo © John Salmon (cc-by-sa/2.0)
Photo © Basher Eyre (cc-by-sa/2.0)
Published in: on 4. September 2022 at 02:00  Kommentar verfassen  

Das merkwürdige Lych Gate der Kirche St Peter and St Paul in Long Compton (Warwickshire)

Photo © Jennifer Luther Thomas (cc-by-sa/2.0)

Über die überdachten Eingangstore zu Kirchhöfen, Lych Gates genannt, habe ich mich in meinem Blog früher schon einmal ausgelassen.
Ein ganz besonders ungewöhnliches Exemplar eines Lych Gates möchte ich heute vorstellen, das in Long Compton in der Grafschaft Warwickshire zu finden ist. Das Dorf liegt ganz in der Nähe des durch seine Brauerei bekannten Ortes Hook Norton und der Rollright Stones in den Cotswolds. Dort steht die Gemeindekirche St Peter and St Paul, die sich dieser Einmaligkeit rühmen kann. Das Lych Gate wird nämlich von einem uralten Cottage „gekrönt“, das etwa aus dem Jahr 1600 stammen soll. Es war damals Teil einer ganzen Reihe von Cottages, die aber in den 1920er Jahren abgerissen worden waren, nur dieses eine hat man stehen gelassen. Zuerst hatte sich darin ein Schuster niedergelassen, später wurde daraus ein Antiquitätengeschäft. Nachdem ein weiterer Bewohner das Cottage hat restaurieren lassen und ihm ein neues Reetdach spendiert hat, wurde es schließlich der Kirche St Paul and St Peter geschenkt. Heute treffen sich dort die Mitglieder der Compton District History Society.

Photo © Richard Croft (cc-by-sa/2.0)
Published in: on 25. August 2022 at 02:00  Comments (2)  

St Thomas à Becket in Fairfield (Kent) – Eine einsame Kirche in der Romney Marsh

Photo © Stephen Nunney (cc-by-sa/2.0)

Die Romney Marsh an der englischen Südküste in der Grafschaft Kent gehört für mich zu den faszinierendsten Regionen des ganzen Landes. es ist hier vollkommen eben, man kann weit sehen, die Marsch ist durchzogen mit kleinen Flussläufen, Schafe grasen friedlich, es ist still und weit hinten sieht man (leider) das Atomkraftwerk von Dungeness.

Der englische Maler John Piper (1903-1992) sagte einmal in seinem 1950 erschienenen Buch „Romney Marsh“ über die Landschaft sehr treffend: „What I really love about it is that it is all – ninety-seven percent – atmosphere„. Mitten in dieser Einsamkeit steht eine Kirche namens St Thomas à Becket, umgeben von grasenden Schafen, erreichbar über eine kleine Brücke. Sie diente einmal den Bewohnern des Dorfes Fairfield als Andachtsstätte, doch das Dorf gibt es schon lange nicht mehr, nur einige wenige Bauernhöfe sind dort noch anzutreffen. Bis ins 12. Jahrhundert reichen die Anfänge der Kirche zurück, 1913 wurde sie von dem Architekten William Douglas Caröe liebevoll restauriert. Im Inneren findet man weiße „box pews“, das sind Kirchenbänke mit Holzwänden, eine dreistöckige Kanzel und sehr viel verbautes Holz. Dieser Film des „Bald Explorers“ vermittelt einen sehr guten Eindruck von der Kirche.

An und in St Thomas à Becket wurden einige Filme gedreht, unter anderem auch Szenen in Pier Paolo Pasolinis „Pasolinis tolldreiste Geschichten“ (1972).

Photo © Marathon (cc-by-sa/2.0)
Die „box pews“.
Photo © Marathon (cc-by-sa/2.0)
Published in: on 12. August 2022 at 02:00  Kommentar verfassen  

Cecil Henry Legard (1843-1918) – Pfarrer der All Saints Church in Cottesbrooke (Northamptonshire)

© National Portrait Gallery, London.
Creative Commons 3.0

Ein Gemälde von Cecil Henry Legard (1843-1918) hängt in der Londoner National Portrait Gallery, abgebildet zusammen mit einem Jagdhund, und das weist auf ein ganz wichtiges Element in seinem Leben hin: Die Jagd.
Legard stammte aus Yorkshire, wo er 1843 geboren wurde. Schon als junger Mann zog es ihn zum Pferdesport hin, er machte bei Hindernisrennen mit, liebte Hunde, und eigentlich hätte er einen Beruf ergreifen müssen, der in irgendeiner Form damit zu tun hat, doch er wurde stattdessen Pfarrer. Zehn Jahre verbrachte Reverend Legard in Brocklesby in Lincolnshire, wo er sich mit der Fuchsjagd anfreundete und damit viel Zeit verbrachte; seine Gemeindemitglieder und die Arbeit mit ihnen standen nicht ganz oben auf der Prioritätenliste des Mannes.

Die nächste Station für Rev. Legard war die All Saints Church in Cottesbrooke, einem kleinen Dorf in der Grafschaft Northamptonshire. Auch in dieser Region wurden Jagden abgehalten, die berühmteste und bis heute bestehende war und ist die Pytchley Hunt. Natürlich war unser Reverend nach wie vor glühender Anhänger der Fuchsjagd, und so kam es eines Tages zu einer denkwürdigen Begebenheit in Cottesbrooke:

Ein Gemeindemitglied war gestorben und viele seiner Angehörigen und Freunde hatten sich nach der Gedenkfeier in All Saints am offenen Grabe eingefunden, um dem Verblichenen die letzte Ehre zu erweisen. Der Reverend hatte die Trauerfeier durchgeführt und stand nun neben dem Sarg, um noch einige letzte Worte zu sagen, da erklangen aus der Ferne die typischen Anzeichen einer Fuchsjagd, das Jagdhorn wurde geblasen, eine Meute Hunde hechelte vor den heranstürmenden, berittenen Jägern her, und da konnte Reverend Cecil Henry Legard nicht anders, als alles stehen und liegen zu lassen (auch den Toten neben dem Grab), sich auf sein Pferd zu schwingen, das neben der Kirche angeleint war, und sich in vollem Galopp der Fuchsjagd anzuschließen. Was die Trauergemeinde dazu sagte, ist nicht überliefert worden, aber man kann es sich in etwa denken.

All Saints Church in Cottesbrooke.
Photo © Ian Rob (cc-by-sa/2.0)
Published in: on 3. August 2022 at 02:00  Kommentar verfassen  

Ein Stück Kanada in Devon – The Wolford Chapel

Photo © Lewis Clarke (cc-by-sa/2.0)

In Runnymede an der Themse in der Grafschaft Surrey gibt es ein kleines Stückchen Land, das nicht Großbritannien gehört, sondern den USA: Das John F. Kennedy Memorial (ich berichtete in meinem Blog darüber). Etwas Ähnliches findet man in Devon und zwar in den Blackdown Hills, rund drei Kilometer westlich von Luppitt am Limers Lane. Dort weist ein kleines Schild, auf dem die kanadische Flagge abgebildet ist und die Aufschrift „Wolford Chapel“ trägt, auf einen schmalen Zufahrtsweg hin, der zu der Kapelle führt. Dort angekommen, sieht man ein steinernes Gebäude vor dem die kanadische Fahne weht, und ja, tatsächlich, dieser Grund und Boden gehört dem kanadischen Staat, genauer gesagt der Provinz Ontario. Hier liegt auch das Grab des ersten Gouverneurs von Ontario, John Graves Simcoe (1752-1806), ein britischer General, der dieses Amt von 1791 bis 1796 fernab der Heimat ausübte.

Simcoe ließ die Kapelle 1802 auf seinem Land erbauen, das er erworben hatte und das bis zum Jahr 1923 in Familienbesitz blieb; auch seine Frau und sechs seiner Kinder sind hier begraben.

Der Verleger Sir Geoffrey Harmsworth, dem mehrere Zeitungen im Westen Englands und die Harmsworth Press gehörten, kaufte das Landstück samt Wolford Chapel, wusste aber nicht so richtig, was er damit anstellen sollte, und so kam er schließlich auf die Idee, die Kapelle der John Graves Simcoe Memorial Foundation zu überlassen. 1982 übernahm sie der Ontario Heritage Trust, der sie auch restaurieren ließ.

Nach dem damaligen Gouverneur der Provinz Ontario sind in Kanada mehrere Orte benannt worden wie die Stadt Simcoe, die Insel Simcoe, Straßen in Städten der Provinz Ontario usw. In der Kathedrale von Exeter in Devon befindet sich ein großes Denkmal für John Graves Simcoe. Er starb in der Stadt am 26. Oktober 1806.

Hier ist ein Film über die Wolford Chapel.

Photo © Roger Cornfoot (cc-by-sa/2.0)
Die Zufahrt zur Kapelle.
Photo © Lewis Clarke (cc-by-sa/2.0)
Simcoes Memorial in der Exeter Cathedral.
Photo © Chris‘ Buet (cc-by-sa/2.0)
Published in: on 2. August 2022 at 02:00  Kommentar verfassen  

Die All Saints Church in Culmstock (Devon) und der ungewöhnliche Standort einer Eibe

Photo © Nick Chipchase (cc-by-sa/2.0)

Über meine Vorliebe für Eiben, yew trees im Englischen, habe ich in meinem Blog schon mehrfach geschrieben, meine Favoriten finden sich auf dem Kirchhof von St Mary’s in Painswick in Gloucestershire.
In der Regel stehen die Bäume in den churchyards fest im Boden verwurzelt, doch es gibt auch Eiben, die diese Regel missachten und sich einen ganz anderen Standort ausgesucht haben wie der yew tree auf dem Turm der All Saints Church in Culmstock in der Grafschaft Devon. Culmstock ist ein Dorf am westlichen Rand der Blackdown Hills, nicht weit von der Autobahn M5 und der A38 entfernt.

Wie lange der Baum, der sich an das Gemäuer des Kirchturms in luftiger Höhe von über dreißig Metern festgekrallt hat, dort schon steht, darüber gehen die Meinungen auseinander. Da ist vom Jahr 1776 die Rede, aber auch, dass er schon 400 bis 500 Jahre alt ist.
In einem anonymem Gedicht aus dem Jahr 1900 heißt es:

„The aged say no one can guess,
When it began to thrive;
The same in youth, no more nor less
Of the oldest man alive.“

In Margaret Bromwichs Artikel „The Taxus on the Tower“ kann man sich noch weitgehend detaillierter über die absonderliche Eibe informieren, die von den Bewohnern Culmstocks sehr ins Herz geschlossen worden ist, denn in heißen und trockenen Sommermonaten schleppen sie manchmal Gießkannen mit Wasser auf den Turm, um sie nicht verdursten zu lassen.

Der zumindest in England sehr bekannte Schriftsteller Richard Doddridge Blackmore (1825-1900) lebte als Kind einige Jahre in Culmstock, sein Vater war Hilfspfarrer in All Saints, und schrieb 1894 den Roman „Perlycross“ (wurde nicht ins Deutsche übersetzt), der in der Umgebung spielt, und in dem der fiktive Ort Perlycross Culmstock nachempfunden ist. Darin erwähnt Blackmore auch den „sturdy yew-tree“ auf dem Kirchturm von All Saints.

Photo © Martin Dawes (cc-by-sa/2.0)
Published in: on 10. Juli 2022 at 02:00  Comments (1)  

Die Kathedrale von Winchester und wie sie besungen worden ist

Photo © Pam Brophy (cc-by-sa/2.0)

Die Kathedrale von Winchester in Hampshire  ist eine der größten Kathedralen in Großbritannien, die von 1079 bis 1093 errichtet wurde. Winchester war übrigens die erste Hauptstadt Englands, bevor es ab dem 12. Jahrhundert London wurde.
Ich möchte an dieser Stelle nicht über die Entstehungsgeschichte der Kathedrale berichten, das kann man an anderer Stelle tun, sondern darüber wie sie besungen worden ist.

In der Popmusik gab es einige Songs, die sich mit der Kathedrale befassen, am bekanntesten ist sicher „Winchester Cathedral“ der New Vaudeville Band, der es Ende 1966 auf Platz Eins der US-Charts brachte. Abgesehen von diesem Song hat man von der nur kurzlebigen Band kaum noch etwas gehört. Es geht in dem Lied um einen jungen Mann, der der Kathedrale schwere Vorwürfe macht, dass sie nichts dagegen unternommen hat, dass ihn seine Freundin verlassen hatte. Hätte sie wenigstens ihre Glocken erklingen lassen, wäre das Mädchen bestimmt bei ihm geblieben (vielleicht hatte die Kirche ja auch ihre Gründe gehabt, warum sie nicht tätig geworden ist…). Geoff Stephens (1934-2020) war der Autor des Songs, der auch für die Hollies „Sorry Suzanne“ und für Cliff Richard „Goodbye Sam, Hello Samantha“ geschrieben hat.

Das Lied wurde von vielen Sängerinnen und Sängern gecovert wie hier von Petula Clark . The Shadows interpretierten „Winchester Cathedral“ instrumental auf ihre unverkennbare Art, Frank Sinatra hat sich des Songs angenommen wie auch der Amerikaner Rudy Vallée.

Es gibt auch eine spanische Version von Los Flippers und eine französische von Claude Francois “ („Clocher du village“). Die Liste der Cover-Versionen ließe sich noch fortsetzen, aber lassen wir es damit gut sein.

Published in: on 16. Juni 2022 at 02:00  Comments (2)  

Die St Wyllow Church in Lanteglos-by-Fowey (Cornwall) und die Schriftstellerin Daphne du Maurier (1907-1989)

Photo © Jo Turner (cc-by-sa/2.0)

Viele Kirchen in Cornwall, im äußersten Südwesten Englands, zeichnen sich dadurch aus, dass sie Heiligen gewidmet sind, deren Namen heute kaum noch jemand kennt. Ich denke da zum Beispiel an St Winwaloe auf der Lizard Peninsula, an St Fimbarrus in Fowey, St Just in Roseland und in Penwith und an St Zenara in Zennor.

Saint Wyllow ist auch so ein obskurer Heiliger, dem meines Wissens nur eine einzige Kirche in England gewidmet ist, die in Lanteglos-by-Fowey in Cornwall. Sie steht ziemlich einsam an einer wenig befahrenen Single Track Road, nicht weit von der Stadt Fowey an der kornischen Südküste. Ich frage mich immer, wer denn diese entlegenen Kirchen eigentlich aufsucht. Die Bewohner der gegenüberliegenden Churchtown Farm oder die der wenigen Häuser des Ortes?

Der heilige Wyllow soll im 6. Jahrhundert als Eremit gelebt haben. Ein naher Verwandter tötete ihn, indem er ihm den Kopf abschlug. Wyllow hob seinen Kopf auf und ging noch ein gutes Stück weiter, wo er ihn dort ablegte, wo heute die nach ihm benannte Kirche steht.

Die Schriftstellerin Daphne du Maurier, die von 1907 bis 1989 lebte und die durch ihre Romane wie „Rebecca“, „My Cousin Rachel“ und „Jamaica Inn“ in die Weltliteratur Einzug fand, lebte viele Jahre in dieser Region von Cornwall und starb auch hier, in dem kleinen Ort Par westlich von Fowey.

Als Daphne du Maurier am 19. Juli 1932 heiratete, suchte sie sich St Wyllow aus, um dort den Bund der Ehe zu schließen. Ihr Auserwählter war der zehn Jahre ältere, spätere Generalleutnant Sir Frederick Arthur Montague „Boy“ Browning (1896-1965), der Daphnes ersten Roman „The Loving Spirit“ („dt. „Der Geist von Plyn“) gelesen hatte und von der Landschaft, in der das Buch spielt, so angetan war, dass er sie unbedingt einmal selbst aufsuchen wollte (die Landschaft und die Autorin). Die beiden trafen sich, verliebten sich ineinander und heirateten in der Kirche, die in Daphnes Erstlingsroman Lanoc Church heißt, aber in Wirklichkeit St Wyllow ist. Es war eine Feier in kleinem Rahmen, an dem ihre Eltern, ihr Cousin Geoffrey und die Trauzeugen George Hunkin und Frau aus Polruan teilnahmen. Die kleine Hochzeitsgesellschaft fuhr in zwei Booten in die Nähe der Kirche, von wo aus sie den steilen Weg hinauf nahmen, wo sie der Pfarrer von St Wyllow in Empfang nahm und sie traute.

Der Musiker Davey Hal hat eine CD aufgenommen mit dem Titel „Helford Honeymoon„, die ganz Daphne du Maurier gewidmet ist; darunter findet sich auch ein Song, der „Lanteglos“ heißt, der von dem Roman „The Loving Spirit“ und der Kirche St Wyllow inspiriert worden ist.

Photo © nick macneill (cc-by-sa/2.0)
Photo © Chris Gunns (cc-by-sa/2.0)
Published in: on 12. Juni 2022 at 02:00  Kommentar verfassen  

Richard Culmer (1597–1662), ein puritanischer Geistlicher, der zum meist gehassten Mann von Kent wurde

Die wunderschönen Glasfenster der Kathedrale von Canterbury waren Richard Culmer ein Dorn im Auge.
Photo © J.Hannan-Briggs (cc-by-sa/2.0)

Eigentlich sollten ja Pfarrer eine gute Beziehung zu ihrer Kirchengemeinde pflegen und sich sorgsam um den Erhalt ihrer Gotteshäuser kümmern. Leider ist das in der englischen Kirchengeschichte nicht immer der Fall gewesen, wenn ich da zum Beispiel an Reverend Frederick W. Densham denke oder an Edward Drax Free.

Der puritanische Pfarrer Richard Culmer, der von 1597 bis 1662 lebte, war ein Zeitgenosse des übel beleumundeten William „Basher“ Dowsing, der es sich als Bilderstürmer zur Lebensaufgabe gemacht hatte, möglichst viel Kircheninventar kaputtzuschlagen. Culmer wirkte damals in der Grafschaft Kent und wurde dort „Blue Dick Culmer“ genannt, weil er statt des üblichen schwarzen Ornats ein blaues trug. Seine ersten Probleme mit den Kirchenoberen begannen, als er die Pfarrgemeinde von Goodnestone, östlich von Canterbury übernommen hatte und darauf bestand, dass ausschließlich puritanische Gebetsbücher verwendet wurden, woraufhin ihn der Erzbischof suspendierte. Seine nächste Station war die Pfarrgemeinde Harbledown, auf der anderen Seite von Canterbury, wo er sich dadurch unbeliebt machte, dass er gegen jede sportlichen Aktivitäten am Sonntag wetterte.
Als der Bürgerkrieg begann, zog Richard Culmer zur Kathedrale von Canterbury und zerstörte dort zahlreiche Kirchenfenster, bis ihn die aufgebrachte Bevölkerung der Stadt stoppte. Begünstigt durch die damalige puritanische Regierung bekam er aber immer wieder neue Anstellungen wie in Chartham, ebenfalls im Dunstkreis von Canterbury gelegen. Aber auch in dieser Gemeinde machte er sich derart unbeliebt, dass er nach Minster-in-Thanet bei Ramsgate zog. Culmer weigerte sich, dort in der Gemeindekirche St Mary the Virgin, einen Weihnachtsgottesdienst abzuhalten, was dazu führte, dass ihn Gemeindemitglieder attackierten. Die Lage in Minster spitzte sich immer mehr zu, man sperrte ihn aus seiner eigenen Kirche aus, entfernte den Klöppel aus der Kirchenglocke, so dass Culmer nicht zum Gottesdienst rufen konnte. Schließlich zog man ihn während einer seiner gehassten Predigten von der Kanzel und prügelte mit einem Brett auf ihn ein. Vereinzelt wurde auch schon nach einem Strick gerufen, um ihn aufzuhängen.

Die letzte Zeit seines Lebens verbrachte der meist gehasste Mann von Kent in Monkton, einem Nachbardorf von Minster, wo er 1662 schließlich im Pfarrhaus starb.

St Mary the Virgin in Minster in Thanet. Hier kam es zum Eklat zwischen Richard Culmer und seiner Kirchengemeinde.
Photo © John Salmon (cc-by-sa/2.0)
Published in: on 2. Juni 2022 at 02:00  Kommentar verfassen  

Die Matthew the Miller Clock in Exeters Kirche St Mary Steps

Photo © Colin Smith (cc-by-sa/2.0)

Wir bleiben heute noch einmal in Exeter (Devon) und besuchen eine Kirche mit einem ungewöhnlichen Namen St Mary Steps. Sie steht in der West Street, und es kursieren zwei Versionen wie es zu dem Namen gekommen sein könnte. Die erste: Die Kirche wurde am Stepcote Hill erbaut, die zweite: Die Kirche war/ist nur über Stufen erreichbar, weil sie an einem steilen Hügel errichtet wurde.

St Mary Steps hat eine Besonderheit, über die ich heute berichten möchte, nämlich die Matthew the Miller Clock an der Außenfassade der Kirche. Oberhalb der eigentlichen Uhr bewegen sich drei Figuren, die zur vollen Stunde alle gemeinsam in Aktion treten. In der Mitte sitzt Matthew the Miller, flankiert von seinen beiden Söhnen, die beide einen Spieß in der Hand halten. Zu jeder Viertelstunde schlagen nur die Söhne auf kleine Glocken zu ihren Füßen, während sich zur vollen Stunde auch Matthew in Bewegung setzt und hinter ihm eine Glocke erklingt und die Uhrzeit verkündet. Hier kann man sich das kleine Schauspiel im Film ansehen.

Die Originaluhr wurde bereits 1619 von dem Uhrmacher Matthew Hoppin angefertigt, das Uhrwerk aber 1725 durch ein neues ersetzt. Die Figurengruppe kam 1621 dazu und bestand damals noch aus weiteren Teilen wie dem Haus des Müllers, Bäumen und einem Packpferd. Diese Teile haben aber nicht überlebt.

Matthew the Miller war damals ein Zeitgenosse in Exeter, der in der Cricklepit Mill arbeitete, die noch heute mitten in der Stadt existiert. Er soll seinen Tagesablauf so präzise geplant haben, dass man seine Uhr nach ihm hätte stellen können, daher entstand die Idee, ihn an der Fassade von St Mary Steps zu verewigen.

Genau gegenüber von St Mary Steps befindet sich übrigens The House That Moved, über das ich in meinem Blog schon einmal berichtet habe.

St Mary Steps.
Photo © Humphrey Bolton (cc-by-sa/2.0)
Exeters Crickletpit Mill.
Photo © Colin Smith (cc-by-sa/2.0)
Published in: on 18. Mai 2022 at 02:00  Kommentar verfassen  

The Taggy Man in Kirkby Stephen (Cumbria)

Photo © JThomas (cc-by-sa/2.0)

Kirkby Stephen ist eine kleine Markstadt an der A685 in der Grafschaft Cumbria, die sich damit brüsten kann, den einzigen Pub im Königreich zu haben, der den Namen The Taggy Man trägt. Es ist ein Free House an der Market Street, dessen Pubschild einen etwas gefährlich aussehenden Mann mit einem Hut zeigt, eben den Taggy Man. Sehr nett finde ich den Hinwies „Dogs are very welcome with well behaved owners“. Was hat es nun mit dem Taggy Man auf sich?

Die Gemeindekirche von Kirkby Stephen, auch The Cathedral of the Dales genannt, verfügt über ein Glocke, die Taggy Bell heißt. Diese Glocke läutet jeden Abend um 20 Uhr achtmal, um die Uhrzeit anzuzeigen, anschließend aber noch weitere Male und zwar für jeden Tag des jeweiligen Monats einmal. Das abendliche 8 Uhr-Läuten bedeutete früher, dass ab jetzt alle Kinder zuhause sein sollten, wenn nicht, würde sie der Taggy Man holen. „Taggy“ entsprach dem Wort „Curfew“, also Sperrstunde. Ich glaube nicht, dass heute alle Kinder und Teenager von Kirkby Stephen beim Läuten dieser Glocke in Scharen nach Hause strömen. Hier ist ein sehr gruseliger Film über diesen Taggy Man.

Der Pub, der vorher The White Lion hieß, serviert übrigens ein Bier, das ausschließlich für ihn gebraut wird, Taggy Blonde von der Kirky Lonsdale Brewery, knapp 40 Kilometer von Kirkby Stephen entfernt, deren Produktpalette unter anderem auch noch Pennine Ambler, Singletrack und Unbeetable umfasst.

Dieser Film zeigt einen Rundgang durch Kirkby Stephen.

The Taggy Man
4 Market St
Kirkby Stephen
Cumbria

Photo © JThomas (cc-by-sa/2.0)
Die Parish Church von Kirkby Stephen in Cumbria.
Photo © Bikeboy (cc-by-sa/2.0)
Published in: on 16. Mai 2022 at 02:00  Kommentar verfassen  

Die Wanderfalken der Kathedrale von Chichester (West Sussex)

Einer der Falken der Kathedrale.
Photo © Peter Trimming (cc-by-sa/2.0)

Wanderfalken (in England peregrine falcons genannt) zeichnen sich durch eine besondere Fähigkeit aus: Sie sind außerordentlich schnell, ja, sie sollen sogar die schnellsten Tiere der Welt sein. Ein Pärchen von Wanderfalken hat sich seit einigen Jahren den Turm der Kathedrale von Chichester in West Sussex als Nistplatz ausgewählt. The Cathedral Church of The Holy Trinity, wie die Kirche mit vollem Namen heißt, ist stolz auf ihre Falken, die Mitte der 1990er Jahre erstmals gesichtet worden sind. Etwa 60 junge peregine falcons sind bereits hier oben in luftiger Höhe geboren wurden. Die Kathedrale, die Sussex Ornithological Society und die beiden örtlichen Naturfreunde David und Janet Shaw kümmern sich um die Tiere.
In diesem Jahr gibt es die Peregine Open Days vom 13. Juni bis zum 3. Juli, bei denen vom Rasen der Kathedrale aus die Vögel durch Ferngläser beobachtet werden können, und die Besucher Informationen über das Leben der Wanderfalken von David und Janet Shaw erhalten.

Wer sich die Vögel gern einmal aus der Nähe ansehen möchte, der kann das mittels einer oben im Turm installierten Webcam tun. Hier ist der Link zum Livestream.

Die Kathedrale von Chichester.
Photo © Peter Trimming (cc-by-sa/2.0)
Published in: on 15. Mai 2022 at 02:00  Kommentar verfassen  

St Mary the Virgin in Huntingfield (Suffolk) – Die Kirche mit der beeindruckenden Hammerbalkendecke

Photo © Geographer (cc-by-sa/2.0)

Huntingfield ist ein kleines Dorf in der Grafschaft Suffolk, das außer seinem Pub The Huntingfield Arms über eine Attraktion verfügt, die Liebhaber alter Kirchen ansprechen wird. St Mary the Virgin ist die ein wenig außerhalb des Ortes gelegene Gemeindekirche, deren Ursprünge in das Mittelalter zurückreichen. Von außen unterscheidet sie eigentlich nichts von zahllosen anderen Kirchen im Land, uralte verwitterte Grabsteine umgeben sie, und ein Turm hält Wacht. Das Besondere an dieser dieser Kirche finden wir aber im Inneren, da gibt es eine großartige Hammerbalkendecke, wunderbar bemalt und verziert mit geschnitzten Engelsköpfen.

Zurückzuführen ist dieses Kunstwerk in die viktorianische Zeit als William Holland Rektor der Kirche war. Das mittelalterliche Deckengewölbe sah nicht mehr gut aus, und die Pfarrersfrau, Mildred Holland, ärgerte sich immer wieder über den Zustand der Balkenkonstruktion. Das muss sich ändern, sagte sie sich, und überlegte wie. Das mache ich selbst, lautete ihre Entscheidung, und sie begab sich auf ein Mammutprojekt, für das sie bis zur Fertigstellung sieben Jahre brauchen würde, von 1859 bis 1866.

Mildred Holland ließ in der Kirche ein Gerüst errichten, von dem aus sie arbeiten konnte, und dann fing sie an zu malen. Vorab hatte sie sich noch einige Ratschläge von einem Experten eingeholt, die sie dann umsetzen konnte. Ohne fremde Hilfe verbrachte Mildred einen großen Teil des Tages auf dem Rücken liegend mit einem Pinsel in der Hand und vollbrachte dieses Wunderwerk. Danach wird sie wohl erst einmal einen Orthopäden aufgesucht haben, der ihren malträtierten Rücken wieder auf Vordermann bringen musste.

£2000 hatte das ganze Unternehmen gekostet, zum größten Teil vom Pfarrer selbst finanziert. Alle Achtung! Ihm und seiner Frau war St Mary the Virgin wirklich etwas wert.

Wer heute diese Kirche am Village Green von Huntingfield besucht, sollte etwas Kleingeld mitbringen, denn so richtig brilliant wirkt das Deckengewölbe erst, wenn es illuminiert wird. Für diesen Zweck gibt es eine kleine Box, die man mit Pfundstücken füttern kann, wodurch die Kirchenbeleuchtung eingeschaltet wird.

Nachdem Mildred Holland 1878 gestorben war, ließ ihr Mann zu ihrem Gedenken über dem Taufstein ein riesiges, kunstvoll gestaltetes „Monument“ errichten, das Wort „Taufsteindeckel“ würde hier nicht passen.

Hier ist ein Film über die Kirche.

Zur Orientierung: Der nächst größere Ort von Huntingfield ist Halesworth, etwa fünf Kilometer entfernt. Die B1117 verläuft nicht weit vom Dorf entfernt, man biegt von der Straße auf die schmale Bridge Street ab, die direkt zur „downtown“ von Huntingfield führt.

Photo: Nick_Rowland.
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Photo: Brokentaco.
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Photo: Nick_Rowland.
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In Memoriam Mildred Holland, der Taufstein.
Photo: Nick_Rowland.
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Published in: on 5. Mai 2022 at 02:00  Kommentar verfassen  

St Mary and All Saints – Eine Kirche in Chesterfield (Derbyshire) mit einem total verdrehten Turm

Kirchen mit verdrehten Türmen gibt es in England mehrere, der von St Mary and All Saints in Chesterfield ist besonders verdreht. Chesterfield ist eine Stadt in Derbyshire, deren Wahrzeichen dieser merkwürdige, siebzig Meter hohe Kirchturm ist, der im 14. Jahrhundert erbaut wurde.

Warum sich der obere Teil des Turmes so verzogen hat, liegt einmal daran, dass damals das falsche Holz verbaut wurde und die Verstrebungen nicht korrekt durchgeführt wurden. Außerdem gab es zu dieser Zeit einen akuten Mangel an fachkundigen Handwerkern; die waren nämlich in den Jahren vor dem Turmbau zum großen Teil durch die Pest ums Leben gekommen.

Es gibt aber auch eine ganz andere, liebenswerte Erklärung für den „schiefen Turm von Chesterfield“:
Dem Turm soll einmal zu Ohren gekommen sein, dass in der Kirche eine Jungfrau zum Traualtar geschritten war. Darüber war er so erstaunt, dass er sich heruntergebeugt hat, um dieses Wunder näher zu betrachten und nicht wieder in seine ursprüngliche Position zurückgefunden hat. Der Sage nach soll der Turm wieder richtig schön gerade stehen, wenn sich erneut eine Jungfrau in der Kirche trauen lassen würde. Leider scheint das bis heute nicht der Fall gewesen zu sein.

Dieser Film zählt noch einmal einige mögliche Gründe auf, warum St Mary’s and All Saints einen so eigenartigen Turm hat.

Published in: on 11. April 2022 at 02:00  Comments (4)  

Die Londoner Kirche St Clement Danes und ein alter Kinderreim

Photo © Stephen Richards (cc-by-sa/2.0)

St Clement Danes ist eine Kirche im Londoner Stadtteil Westminster, die nach dem Großen Feuer von London 1682 von Sir Christopher Wren wieder neu aufgebaut wurde. Ein alter Brauch auf dem Gelände der Kirche besteht darin, dass Obst, besonders Orangen und Zitronen, an bedürftige Kinder verteilt werden; ein Brauch, der noch heute existiert (hier eine Filmaufnahme aus dem Jahr 1962).
Der Kinderreim „Oranges and Lemons“ soll auf dieser alten Tradition beruhen, der folgendermaßen lautet:

Oranges and lemons“, say the bells of St. Clement’s
„You owe me five farthings“, say the bells of St. Martin’s
„When will you pay me?“ say the bells of Old Bailey
„When I grow rich“, say the bells of Shoreditch
„When will that be?“ say the bells of Stepney
„I do not know“, says the great bell of Bow
Here comes a candle to light you to bed
And here comes a chopper to chop off your head!
Chip chop chip chop – The last man’s dead

„Die Handlung gibt einen Dialog zwischen einem Gläubiger und einem Schuldner wieder. Letzterer hat Orangen und Zitronen gekauft, bleibt aber fünf Farthings (Viertelpennies) schuldig. Er will die Schuld bezahlen, wenn er reich geworden ist, kann aber nicht sagen, wann das sein wird. Daraufhin verliert der Gläubiger die Geduld und schickt den Scharfrichter“ (so die Wikipedia).

Die Glocken der Kirche von St Clement Danes spielen die Melodie zu dem Kinderreim (hier zu hören).

St Clement Danes ist auch die Kirche der Royal Air Force, die sich besonders um den Wiederaufbau des Gotteshauses nach dem Krieg gekümmert hatte.
1992 wurde vor der Kirche die Statue von Arthur „Bomber“ Harris aufgestellt, was zu Protesten in Deutschland, aber auch in England führte, denn Harris war für die Bombardierung von Dresden verantwortlich, bei der auch Kirchen zerstört wurden.

Photo © Robert Lamb (cc-by-sa/2.0)
Photo © Stephen McKay (cc-by-sa/2.0)
Die Statue von Arthur „Bomber“ Harris vor der Kirche.
Photo © Christopher Hilton (cc-by-sa/2.0)
Published in: on 31. März 2022 at 02:00  Comments (2)  

Die am weitesten verbreiteten Kirchennamen der Church of England

St Mary in Cleobury Mortimer (Shropshire).
Photo © Carol Walker (cc-by-sa/2.0)

Der am weitesten verbreite Pubname in England ist The Red Lion. Cathy Price besuchte einmal sämtliche 656 Pubs mit diesem Namen und schrieb darüber das Buch „The Red Lioness“ (siehe dazu meinen Blogeintrag).

Bei den Kirchen der Church of England gibt es ebenfalls eine „Hitliste“ mit den beliebtesten beziehungsweise häufigsten Namen. Der „Red Lion“ unter den Kirchen ist eindeutig St Mary’s, mit oder ohne dem Zusatz „the Virgin„. Man muss nicht lange suchen bis man eine Kirche mit diesem Namen gefunden hat. Allein in der 30 000-Einwohner zählenden Stadt St Neots in der Grafschaft Cambridgeshire gibt es drei St Mary’s. Die Wikipedia listet in ihrer Übersicht 2368 Kirchen auf, die der Mutter Jesu gewidmet sind. Diese Zahl wird sicher im Laufe der Zeit abnehmen, da immer mehr Kirchen in England anderen Zwecken zugeführt werden.

Wer ist auf den „Kirchencharts“ auf Platz 2? Das ist „All Saints“ mit 1467 Kirchen. Da haben es sich die Verantwortlichen leicht gemacht und ihre Kirche eben allen Heiligen gewidmet, da kann sich dann keiner beklagen.

Platz 3 nimmt St Peter ein; der Heilige Petrus bringt es auf 1327 Kirchen im ganzen Land.

St Michael auf Platz 4 bringt es „nur“ auf 816 Kirchengebäude, trotzdem dürfte der Erzengel Michael zufrieden sein, so viele Anhänger in der Church of England zu haben.

Blicken wir noch auf den 5. Tabellenplatz, der gehört dem Apostel Andreas. 801 Kirchen gibt es mit dem Namen St Andrew. Vielleicht im Augenblick nicht ganz so angesagt, weil sein Namensvetter im englischen Königshaus deutlich an Sympathie verloren hat.

Warum manche anderen Apostel es eher selten geschafft haben, dass Kirchen nach ihnen benannt worden sind, kann ich nicht sagen. St Simon bringt es nur auf 19 Kirchen und St Matthias auf 16.

All Saints in Houghton Conquest (Bedfordshire).
Photo © Philip Jeffrey (cc-by-sa/2.0)
St Peter in Binton (Warwickshire).
Photo © AJD (cc-by-sa/2.0)
St Michael in Coningsby (Lincolnshire).
Photo © Julian P Guffogg (cc-by-sa/2.0)
St Andrew in Stoke Dry (Rutland).
Photo © John Sutton (cc-by-sa/2.0)
Published in: on 23. März 2022 at 02:00  Comments (3)  

Die Christ Church am Weston Point bei Runcorn in Cheshire – Eine traurige, verlassene Kirche in einem Industriegebiet

Photo © Tom Pennington (cc-by-sa/2.0)

Im Jahr 1840 erhielt der Architekt Edmund Sharpe (1809 – 1877) den Auftrag, in der Stadt Runcorn in der Grafschaft Cheshire eine Kirche zu bauen. Der Hintergrund: Die Arbeiter, die den Fluss Weaver, an dem Runcorn liegt, vertieften und schiffbar machten, hatten darum gebeten, um die Möglichkeit zu haben, an Sonntagsgottesdiensten teilzunehmen. Das galt auch für die Menschen, die mit ihren Booten, Salz aus den Bergwerken Cheshires abtransportierten. Der zuständige Weaver Navigation Trust hatte dem zugestimmt und veranlasst, dass die neue Kirche, Christ Church genannt, am Weston Point gebaut wird, direkt am River Mersey und dort, wo heute der Manchester Ship Canal verläuft. Am 21. Dezember 1841 wurde die Kirche, zur Freude der Arbeiter, eingeweiht und in Betrieb genommen. Die anglikanische Christ Church bot Platz für 400 Gläubige, sie war also sehr groß geraten.

Ja, da stand die Kirche nun, eingebettet in ein Kanal- und Flusssystem, und das bis zum Jahr 1995, als sie außer Betrieb genommen wurde, denn dort hatte sich ein Industriegebiet etabliert, und Christ Church stand völlig vereinsamt inmitten der unansehnlichen Fabrikanlagen. Wie das nun leider einmal so ist, die Kirche wurde von Vandalen heimgesucht, die das Innere zerstörten und alles mitnahmen, was nicht niet und nagelfest war.

Christ Church steht heute auf dem Grund und Boden, der dem Stobart-Konzern gehört, der sich im Februar letzten Jahres in Esken Limited umbenannte. Die Kirche ist schon seit langem nicht mehr für die Öffentlichkeit zugänglich. Hier hat trotzdem jemand einen kurzen Film über sie gedreht.

Arme Christ Church! Wie lange wird sie da wohl noch stehen, vereinsamt und verlassen?

Erinnerungen werden wach an die St Clement’s Church in West Thurrock (Essex). Siehe hierzu meinen Blogeintrag.

Photo © David Dixon (cc-by-sa/2.0)
Published in: on 3. Februar 2022 at 02:00  Kommentar verfassen  

Reverend Edward Drax Free (1764-1843) – Ein Pfarrer der anglikanischen Kirche in Sutton (Bedfordshire), der dort 22 Jahre lang sein Unwesen trieb

Church of All Saints in Sutton (Bedfordshire).
Photo © John Sutton (cc-by-sa/2.0)

Edward Drax Free (1764-1843) studierte anfangs des 19. Jahrhunderts am St John’s College in Oxford. Er machte dort seinen Bachelor und Master, wurde sogar Fellow am College, doch sein soziales Verhalten war dermaßen schlecht (er war ständig betrunken und prügelte sich), dass er kurz vor dem Rauswurf stand. Wie war man froh, als er einen Posten als Vikar an Oxfords St Giles Kirche annahm. Als nach einiger Zeit die Church of All Saints in der Gemeinde Sutton in Bedfordshire einen neuen Pfarrer suchte, ging Edward Drax Free dorthin. Hätten die Gemeindemitglieder gewusst, wen sie sich da eingehandelt hatten…

Der Reverend steckte permanent in Geldschwierigkeiten, nahm immer wieder Kredite auf, die er nicht zurückzahlen konnte und sperrte manchmal für Monate seine Kirche zu, um untertauchen zu können und seinen Gläubigern zu entfliehen. Wenn er denn überhaupt Gottesdienste abhielt, machte er das kurz und bündig und hielt sich nicht lange mit Predigten auf. Manchmal wollte er seine Schäfchen sogar mit einer Geldstrafe belegen, wenn sie nicht zu seinen Andachten erschienen. Er verkaufte auch das Kupfer vom Kirchendach, um seine Spielschulden zu bezahlen zu können.

Edward Drax Free sprach nach wie vor sehr gern dem Alkohol zu und war häufig betrunken. In diesem Zustand, nehme ich jedenfalls an, schwängerte er fünf seiner Hausangestellten. Sex spielte für den Reverend eine wichtige Rolle, so brüstete er sich mit seiner Sammlung von pornografischen Schriften, die er im Pfarrhaus zusammengetragen hatte. Was die Gemeindemitglieder überhaupt nicht gut fanden, war, dass der Kirchhof (im wahrsten Sinne des Wortes) zu einem Schweinestall geworden war. Schweine trieben sich dort herum, scharrten Gräber auf, und auch Kühe und Pferde machten es sich dort gemütlich und störten manchmal die Beerdigungsfeiern. Die Menschen in Sutton waren „not amused“.

Als Free nach seinen Skandalen schließlich die Gemeinde verlassen sollte, dachte er gar nicht daran, sondern verbarrikadierte sich in seinem Pfarrhaus (dessen Einrichtung er vorher verkauft hatte) und schoss auf jeden, der sich näherte. Unter Leitung des zuständigen Bischofs hungerte ihn seine Gemeinde aus, so dass er nach 22 Jahren die Church of All Saints endgültig verlassen musste.

Auch Edward Drax Frees Ende war unrühmlich. Da niemand ihn mehr als Pfarrer haben wollte, ging es mit ihm steil bergab. Er trank nach wie vor und wurde 1843 (passenderweise) beim Verlassen einer Kneipe von einem Fuhrwerk überfahren.

Das Buch zum Artikel:
R.B. Outhwaite: Scandal in the Church – Dr Edward Drax Free, 1764-1843. Hambledon Press 1997. 180 Seiten. ISBN ‎ 978-1852851651
.

Edward Drax Frees Alma Mater: Das St John’s College in Oxford.
Photo © Len Williams (cc-by-sa/2.0)

Published in: on 17. Januar 2022 at 02:00  Comments (2)  

Maidens‘ Garlands in englischen Kirchen

Ein besonders schönes Exemplar in der Holy Trinity Church in Minsterley (Shropshire).
Photo © Annette Randle (cc-by-sa/2.0)

Man findet sie noch in einigen englischen Kirchen, die Maidens‘ Garlands, die früher einmal die Särge unverheirateter Frauen schmückten, die ein „unbeflecktes“ Leben geführt hatten, daher auch manchmal „Virgin’s Crowns“ genannt. Nach der Beerdigung hängte man die kunstvollen Gebilde oft in der Kirche auf, versehen mit dem Namen der Verblichenen. Oxford Reference beschreibt die Maidens‘ Garlands folgendermaßen: „They are made of variegated coloured paper, representing flowers, fastened to small sticks crossing each other at the top, and fixed at the bottom by a circular hoop„.

Expertin für das Thema ist Rosie Morris, die eine eigene Webseite betreibt, und die in Minsterley in Shropshire geboren wurde, wo es in der Holy Trinity Church einige Maidens‘ Garlands zu sehen gibt. Sie schrieb ihre Dissertation an der Birmingham University mit dem Titel „Maidens‘ Garlands: the history and development of a post-reformation funeral custom“ (2001).

Wer sich im Süden des Landes aufhält und sich für das Thema interessiert, sollte unbedingt St Mary the Virgin in Abbotts Ann (Hampshire) aufsuchen, wo es die größte Sammlung von Maidens‘ Garlands in ganz England gibt. Dort lernen wir, dass diese Tradition nicht ausschließlich für Frauen galt, auch Männer bekamen zeitweise eine Virgin’s Crown. Als letzte erhielt hier die 73jährige Miss Lily Myra Annetts im Jahr 1973 einen solchen Sargschmuck.

Eine weitere Kirche, in der Maidens‘ Crowns zu sehen gibt, ist Old St Stephen’s in Robin Hood’s Bay an der Küste von North Yorkshire.

In St Mary the Virgin in Abbots Ann (Hampshire).
Photo © Maigheach-gheal (cc-by-sa/2.0)
In Old St Stephen’s in Robin Hood’s Bay (North Yorkshire)
Photo: FlickrDelusions.
Creative Commons 2.0
Published in: on 4. Januar 2022 at 02:00  Kommentar verfassen  

Robert Cadman (1711-1739) – Ein Steeplejack und Seiltänzer, der in Shrewsbury (Shropshire) auf tragische Weise ums Leben kam

Der Kirchturm von St Mary’s in Shrewsbury.
Photo © J Scott (cc-by-sa/2.0)

Fred Dibnah (1938-2004) war wohl der berühmteste Steeplejack Englands, das sind Männer, die völlig schwindelfrei sind und problemlos die höchsten Türme und Schornsteine erklimmen. Ich widmete ihm vor einigen Jahren einen Blogeintrag.

Einer von Fred Dibnahs Vorgängern im 18. Jahrhundert war ein junger Mann namens Robert Cadman (1711-1739), der nicht nur hohe Gebäude erklomm, sondern auch noch als Seiltänzer alle möglichen Kunststücke vollbrachte und damit die vielen Zuschauer unterhielt, die zu seinen Aufführungen kamen. Er zog durchs Land und wählte gern hohe Kirchtürme aus, von denen er sich mittels eines Seiles auf tollkühne Art wieder herunterließ und zwar trug er dabei eine Brustplatte, in die eine Aussparung eingelassen war, in die das Seil haargenau hineinpasste, und so schoss er mit dem Kopf voran das quer gespannte Seil hinunter.

Leider fanden diese gefährlichen Auftritte am 2. Februar 1739 in Shrewsbury in der Grafschaft Shropshire ein jähes Ende, wovon eine steinerne Plakette am Turm der Kirche St Mary’s erzählt. Der Glockenturm der Kirche ist mit 68 Metern der dritthöchste in England, er bot sich geradezu für Robert Cadman an, um von dort oben aus, sein Seilkunststück vorzuführen. Das eine Ende des Seils befestigte er am Turm, das andere Ende verankerte er auf der gegenüberliegenden Seite des River Severn. Der fatale Fehler an diesem Tag bestand darin, dass das Seil zu straff gespannt war, so dass die Reibung zu groß wurde und das Seil riss; vielleicht war es auch fehlerhaft wie auf der Plakette zu lesen steht: „a faulty Cord being drawn too tight„.

Robert Cadman hatte nicht die geringste Chance, den Sturz zu überleben; er knallte auf den gefrorenen Boden auf und war sofort tot. Er war gerade einmal 28 Jahre alt. Dort, wo die Plakette angebracht ist, soll Robert Cadman auch begraben sein.

In diesem Film erzählt Richard Vobes, der sich auch The Bald Explorer nennt, die Geschichte vor Ort noch einmal nach. Ich mag Richards youtube-Videos sehr!

Die steinerne Plakette am Turm von St Mary’s.
Photo: Andy Dingley.
Creative Commons 4.0
Published in: on 13. Dezember 2021 at 02:00  Kommentar verfassen  

Canon Wilfred Pemberton von St Michael’s in Breaston (Derbyshire) und der Psalm 119

Photo © Alan Murray-Rust (cc-by-sa/2.0)

Im Laufe der Jahre habe ich in meinem Blog schon eine ganze Reihe von exzentrischen, merkwürdigen Geistlichen vorgestellt, die in ihren jeweiligen Gemeinden mehr oder weniger beliebt waren. Ich denke da zum Beispiel an Reverend Frederick Densham aus Warleggan in Cornwall, der, weil keines seiner Schäfchen mehr seine Gottesdienste besuchen wollte, einfach Pappkameraden auf die leeren Kirchenstühle platzierte, oder an Reverend Robert Stephen Hawker aus Morwenstow in Cornwall, der seine Hauskatze exkommunizierte, weil sie an einem Sonntag auf Mäusejagd ging.

In diese Phalanx der Merkwürdigkeiten reiht sich auch ein Geistlicher aus der Gemeinde von St Michael’s in Breaston ein. Breaston liegt in der Grafschaft Derbyshire, direkt an der Autobahn M1, und ist nicht weit von Derby und Nottingham entfernt. Canon Wilfred Pemberton war Pfarrer an der Parish Church und das über einen sehr langen Zeitraum hinweg, von 1951 bis 1991. Die ältesten Teile von St Michael’s reichen bis in das 11. Jahrhundert zurück, während das meiste von ihr im 14. und 15. Jahrhunderten gebaut wurde.

Canon Wilfred Pemberton hatte eine spezielle Vorliebe für den Psalm 119, und ich glaube nicht, dass die Sonntagskirchgänger von Breaston diese Vorliebe teilten. Besagter Psalm ist mit 176 Versen der längste der Bibel, und ich kann mir vorstellen, dass die Gemeindemitglieder beim Betreten der Kirche am Sonntagmorgen mit ängstlichen Blicken auf die Tafel schauten, auf der die Gesänge des Tages angezeigt wurden. Stand da wieder einmal Psalm 119 dachte sicher der eine oder andere, Mist, meinen anschließenden geplanten Besuch im Pub kann ich vergessen. Mr. Pemberton verließ, nachdem die Anwesenden den Psalm angestimmt hatten, seine Kirche und beschäftigte sich zwischenzeitlich mit anderen Dingen wie dem Füttern seiner Hühnerschar und Säuberungsarbeiten im Pfarrhaus. Wenn er der Meinung war, dass sich das Absingen des Psalms langsam dem Ende zuneigte, machte er sich wieder auf den Weg in seine Kirche und setzte den Gottesdienst fort. Sicher verließen die Gemeindemitglieder St Michael’s mit tiefen Seufzern und steuerten ihre Häuser an, wo der Sonntagsbraten angerichtet werden musste.

Published in: on 22. November 2021 at 02:00  Kommentar verfassen  

Die „My Dear Mother Clock“ in Buckland in the Moor (Devon)

Photo © Guy Wareham (cc-by-sa/2.0)

Buckland in the Moor (gemeint ist das Dartmoor in Devon) ist ein kleines 100-Seelen-Dorf, das ich noch in Erinnerung habe, als ich an einem Sonntag, von Widecombe kommend, hindurchfuhr, und zwar in einer Kolonne von Fahrzeugen, die den winzigen Ort total verstopften. Die Bewohner lagen an dem warmen Tag in ihren Liegestühlen neben ihren wunderschönen, reetgedeckten Häusern (und hofften, dass der Spuk möglichst bald vorüber gehen möge).

Besucher des Dartmoors kommen gern nach Buckland, um sich die Dorfkirche St Peter’s anzusehen, die über eine Besonderheit verfügt: Die „My Dear Mother Clock„. Die Kirchturmuhr hat auf ihrem Ziffernblatt keine Ziffern, sondern stattdessen die zwölf Buchstaben „MY DEAR MOTHER“ in altenglischer Schrift. „MY Dear“ von 9 Uhr bis 2 Uhr, „MOTHER“ von 8 Uhr bis 3 Uhr. Verantwortlich für diese ungewöhnliche Uhr war Bucklands Lord of the Manor William Whitley, der sie 1931 anbringen ließ, in Erinnerung an seine kürzlich verstorbene Mutter. Angefertigt wurde die Uhr von der renommierten Firma John Smith and Sons aus Derby. Im Jahr 2004 wurden die Buchstaben der Uhr noch einmal neu bemalt, weil Wind und Wetter sie in Mitleidenschaft gezogen hatten.

Im Viertelstundentakt erklingt vom Turm das Glockenspiel „All things bright and beautiful„; ein Besuch der Kirche St Peter’s und Buckland in the Moor lohnt sich auf jeden Fall.

Hier ist ein Film über Buckland in the Moor und die Umgebung.

St Peter’s.
Photo © Graham Horn (cc-by-sa/2.0)
Das Church Cottage.
Photo © Chris Andrews (cc-by-sa/2.0)
Published in: on 10. September 2021 at 02:00  Kommentar verfassen  

Der eitle Vikar von St Swithun’s in Woodbury (Devon)

Photo © David Smith (cc-by-sa/2.0)

Der heilige Swithun von Winchester, der von 800 bis 862 gelebt hatte, gab der Gemeindekirche von Woodbury (Devon) seinen Namen, einem Dorf südöstlich von Exeter. Mitte des 19. Jahrhunderts war ein Vikar mit dem schönen Namen Loveband Parminter für die Belange seiner Schäfchen zuständig. Loveband war ein recht eitler Mann, und er liebte es, sich bei den Gottesdiensten in seiner Kirche zur Geltung zu bringen, gerade wenn junge Frauen anwesend waren (damals geschah das wohl noch, im Gegensatz zu heute). Dummerweise stand einer der bedeutendsten Gegenstände der Kirche, neben dem Taufbecken und der Kanzel, der Lettner im Wege, um den Vikar in seiner vollen Schönheit betrachten zu können. Für diejenigen, die nicht wissen, was ein Lettner (englisch: rood screen) ist, hier die Definition der Wikipedia:

„Der Lettner…ist eine steinerne oder hölzerne, mannshohe bis fast raumhohe Schranke, die vor allem in Domen, Kloster- und Stiftskirchen den Raum für das Priester- oder Mönchskollegium vom übrigen Kirchenraum, der für die Laien bestimmt war, abtrennte“.

Um das Blickfeld von der Gemeinde zu ihrem Vikar zu verbessern, beauftragte Loveband einen örtlichen Schreiner damit, den Lettner radikal zu kürzen. Der Mann verweigerte sich aber diesem Auftrag, denn er wollte nicht dafür in Rechenschaft gezogen werden, dieses alte Kirchenteil verunstaltet zu haben. Also legte Loveband selbst Hand an. Schnell sprach es sich bis zu seinem Vorgesetzten, dem Bischof von Exeter, herum, dass da jemand seiner Leute unter die Vandalen gegangen war. Der Bischof verlangte eine umgehende Entschuldigung, außerdem musste der Vikar den entstandenen Schaden, beziehungsweise die Behebung desselben, aus eigener Tasche bezahlen.

Loveband Parminter konnte froh sein, dass ihn der Bischof nicht von seinen Pflichten befreite, er blieb auch weiterhin Vikar von St Swithun’s.

Published in: on 5. August 2021 at 02:00  Kommentar verfassen  

Die Superlative der Liverpool Cathedral

Photo © David Dixon (cc-by-sa/2.0)

In Liverpool stehen zwei Kathedralen nicht weit voneinander entfernt: Die katholische Liverpool Metropolitan Cathedral und die anglikanische Liverpool Cathedral mit deren Superlativen ich mich heute beschäftigen möchte.

Der gewaltige neugotische Bau trägt die Handschrift des Architekten Giles Gilbert Scott (1880-1960), der unter anderem durch den Entwurf der roten Telefonzellen berühmt wurde. 1904 erfolgte die Grundsteinlegung, 1924 wurde die Kathedrale geweiht, richtig fertiggestellt aber erst 1978.

Die Liverpool Cathedral ist das größte Gotteshaus in Großbritannien und befindet sich weltweit unter den Top Ten, was die Größe anbelangt. Von der Länge der Kirche her steht sie mit 189 Metern nur dem Petersdom in Rom nach, der 211 Meter lang ist.
Der Kirchturm ist ebenfalls bemerkenswert, denn mit einer Höhe von 101 Metern ist er der höchste der Welt, von denen die keine Spitze haben, gleichzeitig ist er der größte Glockenturm der Welt, der auch die schwersten Glocken der Welt beherbergt. Die dreizehn sogenannten Bartlett Bells haben ein Gewicht von etwas über sechzehn Tonnen und umrahmen die Hauptglocke, Great George genannt, die mit einem Gewicht von über vierzehn Tonnen zu den drei schwersten Großbritanniens gehört.

Ein weiteres Superlativ der Liverpool Cathedral ist die gewaltige Orgel, mit 10,268 Pfeifen die größte ihrer Art im ganzen Land.

One of the great buildings of the world“ ist die Meinung von Sir John Betjeman, die vielleicht faszinierendste Kirche Großbritanniens.

Die Kathedrale ist zur Zeit täglich von 10 Uhr bis 17 Uhr geöffnet, sonntags von 12 Uhr bis 17 Uhr. Der Eintritt ist frei, aber man wird auf eine Spende hingewiesen, die £5 betragen sollte.

Hier ist ein virtueller Rundgang durch die Kirche.

Der gewaltige Kirchturm.
Photo © David Dixon (cc-by-sa/2.0)
Die Glocken der Kathedrale.
Photo © Chris Downer (cc-by-sa/2.0)
Die Orgel.
Author: Anosmia. Creative Commons 2.0

Published in: on 19. Juli 2021 at 02:00  Comments (2)  

„The Ringing World“- Das Fachblatt aller britischen Bellringer

Bellringer bei der Arbeit in St Mary and St Gabriel in South Harting (West Sussex).
Photo © Basher Eyre (cc-by-sa/2.0)

Glöckner ist eigentlich die Übersetzung des englischen „bell ringer„, aber irgendwie trifft es das nicht so richtig. Man denkt unwillkürlich an den Glöckner von Notre Dame. Bleiben wir bei „bell ringer“, die in den Kirchen Großbritanniens eine wichtige Rolle spielen. Sie üben eine Kunst aus, die seit Jahrhunderten gepflegt wird; und auch sie haben natürlich eine Fachzeitschrift, die in diesem Jahr ihr einhundertzehntes Bestehen feierte: „The Ringing World„.

Am 24. März 1911 erschien die erste Ausgabe und bisher sind über 5000 Hefte veröffentlicht worden.  Die Zeitschrift erscheint wöchentlich und die meisten „Glockenläuter“ des Landes dürften das Blatt abonniert haben, denn „The Ringing World“ ist das Fachorgan des „Central Council of Church Bell Ringers„.

Es ist schon erstaunlich, was es alles aus der Welt des Glockenläutens zu berichten gibt. Hier ein paar Beispiele aus den letzten Heften :
– Bats, Belfries, Bellringers and Coronaviruses
– The bells and ringers of St Mary’s Ely
– Tolling for the Duke of Edinburgh’s funeral at the Curfew Tower, Windsor Castle

In der TV-Krimiserie „Inspector Barnaby“ gibt es eine großartige Folge mit dem Titel Ring out your dead“ (dt. „Glockenschlag zum Mord“) mit dem überragenden Adrian Scarborough, in der das Glockenläuten im Mittelpunkt der Handlung steht und in der es am Ende einige „bell ringer“ im Midsomer County weniger gibt.

Ich erinnere mich noch an einen wunderschönen Sonntagvormittag, als wir mit unserem Narrowboat von Bidford-on-Avon weiterfuhren und unsere Fahrt vom Klang der Glocken von St Laurence begleitet wurde; es war eine wunderschöne Stimmung!

Hier ist ein Film über die Kunst des bellringing.

The Ringing World Ltd
35A High St
Andover
SP10 1LJ

Das Buch zum Artikel:
John Camp: Bells and Bellringing. Shire Publications Ltd 2005. 64 Seiten. ISBN 978-0747803263.

Published in: on 5. Juli 2021 at 02:00  Comments (4)  

Die St Catherine’s Chapel bei Abbotsbury in Dorset – Ziel für partnersuchende Frauen

Photo © Edmund Shaw (cc-by-sa/2.0)

Unverheiratete Frauen in der Region Abbotsbury in der südenglischen Grafschaft Dorset, die einen Partner suchen, brauchen kein Datingportal wie Tinder, Parship oder EliteSingles. Statt sich vor den PC zu setzen und dort einen Partner zu suchen, machen sie sich lieber auf den Weg zur St Catherine’s Chapel hoch über dem Küstenort gelegen und versuchen dort ihr Glück. Nicht, dass sich dort etwa ebenfalls partnerinnensuchende Männer aufhalten, nein, das läuft dort oben anders ab. Saint Catherine war die Schutzpatronin unverheirateter Frauen und Jungfrauen und die Kapelle wurde ihr geweiht. Irgendwann im 14. Jahrhundert wurde sie als Rückzugsort von den Benediktinermönchen der Abbotsbury Abbey gebaut. In der Einsamkeit des Hügels hatte man die Möglichkeit, wieder zu sich selbst zu finden.

Frauen kommen zur Kapelle mit handgeschriebenen Briefchen, in denen sie die Schutzpatronin in Gebeten um Hilfe bitten, nun endlich den Richtigen finden. Sehr beliebt waren/sind folgende Zeilen:
A husband, St Catherine,
A handsome one, St Catherine,
A rich one, St Catherine,
A nice one, St Catherine,
And soon, St Catherine.

Ganz schön fordernd finde ich. Gut aussehend, reich, nett, und das auch noch so schnell wie möglich. Da muss sich die Heilige aber gewaltig ins Zeug legen, um diese Wünsche zu erfüllen. Leider kann ich nicht sagen, ob die hilfesuchenden Damen von der Heiligen per Email benachrichtigt werden, wenn sie fündig geworden ist.

Von der St Catherine’s Chapel aus hat man einen grandiosen Blick auf die Küste Dorsets, den Chesil Beach und die Isle of Portland.

Die Sängerin P. J. Harvey, die aus Abbotsbury stammt, beschäftigt sich in ihrem Song „The Wind“ mit der Heiligen und der Kapelle („Catherine liked high places…Here she built a chapel…“). Leider wurde das Video nicht hier gedreht, sondern in New York.

Photo © Gillian Thomas (cc-by-sa/2.0)


Published in: on 4. Juli 2021 at 02:00  Kommentar verfassen  

Beer in Devon und die älteste Wurlitzerorgel in Großbritannien

Beer ist ein Dorf an der Südküste von Devon mit einem sehr netten Namen, ein Traumwohnort für alle Biertrinker. Doch um dieses Thema geht es in meinem heutigen Blogeintrag nicht, sondern um Großbritanniens älteste Wurlitzerorgel, die in der Congregational Church in der Fore Street ihre letzte Heimstätte gefunden hat.

Als es noch keine Tonfilme gab, wurden in den Kinos die Stummfilme gern mit Musik untermalt, unter anderem mit Hilfe der in den USA hergestellten Wurlitzer theatre organs. Unsere Wurlitzer Opus Number 956 in Beer wurde bereits 1924 gebaut und zwar in North Tonawanda im US-Bundesstaat New York. Per Schiff kam sie nach Southampton, und von dort wurde sie in das The Picture House in Walsall in den West Midlands transportiert. Ihre Premiere feierte sie am 26. Januar 1925, als sie die Hintergrundmusik zu dem Film „Claude Duval“ mit Fay Compton und Nigel Barrie lieferte.

Die Wurlitzer versah von nun an für viele Jahre ihren Dienst im Picture House, auch als das Zeitalter der Tonfilme anbrach. Da wurde sie in den Pausen gespielt, oder Organisten waren an ihr für Soloauftritte zu hören. 1955 sah man keinen Verwendungszeck mehr für die Orgel, und das Gerät fand für zwei Jahre einen Unterschlupf in einem Privathaus in Sedgley, nicht weit von Walsall entfernt.
Von dort aus gelangte die Wurlitzer schließlich an die Südküste von Devon, wo sie in der  Congregational Church in Beer installiert wurde; allerdings entfernte man dort alle Showeffekte, die die Orgel während ihres Kinolebens hatte.

Im Jahr 2009 erhielt die Wurlitzer eine Generalüberholung, wofür ein extra dafür gegründeter Zusammenschluss von Freunden dieser alten Orgel gesorgt und Geld gesammelt hatte. Heute kann man die Wurlitzer bei mehreren jährlichen Veranstaltungen hören, wenn sie von Organisten aus dem ganzen Land gespielt wird.

Die Congregational Church in Beer (Devon).
Photo © Anthony Vosper (cc-by-sa/2.0)

Published in: on 22. Juni 2021 at 02:00  Comments (1)  

Die Teufelstüren in englischen Kirchen

Die Devil’s door der St Andrew’s Church in Pickworth (Lincolnshire).
Photo © Richard Croft (cc-by-sa/2.0)

Die Devil’s door, die Teufelstür, war eine Einrichtung an der Nordwand in Kirchen aus der frühchristlichen Zeit Englands, besonders in den Grafschaften East und West Sussex. Dieser nördliche Teil der Kirchen galt früher als dem Teufel gehörend, während der Haupteingang in der Regel auf der Südseite war. Um dem Teufel nun die Flucht aus der Kirche zu ermöglichen, wurde in manchen Kirchen diese Tür eingebaut. Man öffnete sie nur bei Kindstaufen, denn es herrschte damals die Auffassung, dass der Teufel in der Seele eines ungetauften Kindes wohnte, und während des Taufaktes wurde er vertrieben und musste die Kirche schnellstmöglich verlassen, was er dann durch die Teufelstür auch tat. Anschließend schloss man die Tür sofort wieder. Im Laufe der Zeit wurden die meisten „devil’s doors“ zugemauert, so dass der Teufel keine Möglichkeit hatte, das Gotteshaus wieder zu betreten. Wohin mag der Teufel sich dann bei den nächsten Taufen verkrümelt haben, wenn die Nordtür zu war?

St Nicholas in Worth (West Sussex)
Author: Hassocks5489
This work is released into the public domain.
In diese verrammelte Tür kommt der Teufel bestimmt nicht herein. Holy Trinity in Blythburg (Suffolk).
Author: Spencer Means
Creative Commons 2.0
Die zugemauerte einstige Teufelstür mit neuem Verwendungszweck in St Michael and All Angels in Edenham (Lincolnshire).
Photo © Bob Harvey (cc-by-sa/2.0)
Published in: on 9. Juni 2021 at 02:00  Comments (1)